Mühe und Freundlichkeit überall

15. Mai 2012 von Jan Feddersen

Der erste Tag in Baku – eine Millionenstadt noch weit hinter dem Schwarzen Meer. Das Abenteuer beginnt mit einer unproblematischen Einreise. So sagen alle, die am Flughafen dennoch ein wenig irrlichternd herumlaufen, weil sie noch nicht wissen, wie sie in ihre Herbergen kommen sollen.

Mit dem Shuttlebus geht es schließlich in die Stadt. Auf den ersten Kilometern erzählt die junge freiwillige Helferin, wie sehr das alles, was jetzt in Baku organisiert wurde, von guten Unternehmen ermöglicht wurde: von Telefongesellschaften, von der Regierung und anderen Sponsoren sondergleichen. Und abends, so wird einem versichert, sei man sicher.  Wie sieht die Dauerbehütung aus? Beim betreuten Schlendern kommt der Besucher an kleinen Polizeihäuschen vorbei, in denen uniformierte Männer beisammen sitzen und wahrscheinlich aufpassen.

Wie Baku insgesamt wirkt? Wahrscheinlich darf man das nicht offen aussprechen, weil wir doch in Deutschland so heftig über Boykott, Ächtung bis hin zur Disqualifikation debattiert haben – aber Baku, so der erste Eindruck, ist hübsch. Beige bis bräunlich sehen die Fassaden aus, überall wird gebaut. Protzige neue Bauten, hoch und höher und über allem ragen die drei Flammenhochhäuser, die wie auf die Spitze gestellte Nieren aussehen.

Doch in der Halle und in der Stadt ist alles, vorläufig noch, etwas irr und wirr. Technische Probleme drinnen und draußen ist der Himmel etwas diesig. Die Sonne scheint zwar tüchtig, aber sie kommt durch den Dauerdunst nicht so recht durch. Und es staubt und stäubt sehr. Überall Baustellen, das Geld der Ölförderung scheint unmittelbar in metropole Vorzeigbarkeit zu fließen. Dass da einige Häuser auf demokratisch unschöne Weise geräumt werden mussten, versichert mir ein Offizieller, sei dem Tempo des Aufschwungs geschuldet. Und ja, seinen Namen möchte er bitte nicht nennen, er wolle nichts riskieren.

Trotzdem scheinen Fans und Journalisten im Großen und Kleinen zufrieden – es gibt in allen Bereichen mehr HelferInnen in roten Polohemden als ESC-Journalisten und -Fans. Mich erinnert dieses Heer der Helfenden an den ESC 1999 in Israel. Damals, in Jerusalem, lebte alles inmitten einer Schar von sehr jungen Volunteers. Shalom – das ist hebräisch für Frieden – wünschte man ihnen damals, nur etwa ein Jahr vor Beginn der zweiten Intifada.

Und heute? Aserbaidschan und der ESC 2012 – noch ist nicht entschieden, ob es ein guter Jahrgang wird. Einige sagen: Na klar, wie immer, zumindest musikalisch. Gleich beginnt die Probe von Joan Franka aus den Niederlanden. Keine Tonstörungen heute!

Landwegs nach Baku

14. Mai 2012 von Jan Feddersen

Sie haben sich das lange überlegt, die Berliner Schriftstellerin und Musikerin Christiane Rösinger mit ihrer Kompagneuse Claudia Fierke, beide in Berlins Bezirk Kreuzberg wohnend. Und vor knapp einem Jahr, kaum hatten Ell/Nikki den in ihrem Land ersehnten ESC gewonnen, da dachten beide: Da müssen wir hin. Und zwar als Frauen, die im Auto fahren. Kurz: Fierke und Rösinger haben nun also Anfang Mai ein Road Movie begonnen, eine Art “Thelma & Louise” ohne männliche Verderbnis im Hintergrund und hoffentlich auch ohne großen Absturz in der letzten Filmsequenz.

Christiane Rösinger und Claudia Fierke fahren nach Baku. Foto: Anja Weber

Christiane Rösinger und Claudia Fierke fahren nach Baku. Foto: Anja Weber

Fierke, die ich exakt in diesen Tagen 38 Jahre kenne, schrieb mir noch vor der Abreise: “Wir starten am 9. Mai morgens um 9 Uhr. Vielleicht auch 30 Minuten früher oder später. So ist der Plan … Der Bus ist ausgebaut, das Öl gewechselt und alles sollte gut gehen.  Frau Rösinger will lieber in Hotels gehen und ich will am liebsten so oft wie möglich im Bus schlafen, gerne an Stränden in der Einsamkeit. Aber ich hab ja auch ein halbes Jahr Afrika mit dem Bus hinter mir, wenn auch schon sehr lange her. Und das Erbe meiner campenden Eltern. Jedenfalls wird es wohl an manchen Abenden Diskussionen über den Schlafplatz geben.”

Ich kann das verstehen: Lieber nicht so ganz erdig-jugendlich, sondern angemessen riskant, aber erwachsen und komfortabel. Frau Rösinger weiß das: Sie, die wunderbare Chanteuse der früheren Lassie-Singers, die beste Sängerin, die Kreuzbergs alternatives Milieu je hervorgebracht hat, die ergreifendste Vortragskünstlerin ohne jeden sentimentalen Schmus… Die weiß, dass man sich bei einem Road Movie kein Rückenleiden zuziehen muss.

Jedenfalls: Sie reisen zurzeit über Budapest, Belgrad, Sofia und Istanbul, “dann entlang des Schwarzen Meeres bis zur Grenze nach Georgien. Sowohl an der Küste als auch in Georgien wollen wir ein bisschen verharren und Land und Leute genießen. Ursprünglich war die Fahrt durch die Ukraine geplant und zwar bis Odessa, vielleicht mit ein paar Auftritten dazwischen (Lemberg, Kiew, Odessa waren angefragt). Da aber die Fähre übers Meer (übrigens die “Greifswald” aus der DDR!) dermaßen unzuverlässig ablegt und wir ja einen Termin in Tiflis haben, haben wir uns anders entscheiden und fahren über Istanbul hin.”

In Tiflis werden beide auf Einladung des Goethe-Instituts auftreten, die Rösinger auch mit Literarischem, beide zusammen muszierend. Fierke, Musikerin und einst Leiterin von Berliner Filmtheatern (auch der freiluftigen Sorte), hat zum ESC heftige Affinität. Sie ist keine Hipsterin, die erst seit Guildo Horns Tagen so tut, als hätte sie den Kult schon immer verstanden. Sie bevorzugt das gesamte Genre des ESC – und mag “Waterloo” ebenso sehr wie “Zeiger der Uhr” oder “Paradies, wo bist Du?”. Zu ihren Lieblingsstücken – weil sie sie selbst am Fernseher erlebt hat – zählen “Falter im Wind” von den Milestones, “Si” von Gigliola Cinquetti, “Dansevise” von Grethe und Jørgen Ingmann aber ganz besonders, weil es elegant und schön ist.

Was mich an deren Reise, ja Annäherung an Baku besonders angefixt hat, war der Satz, den Claudia Fierke äußerte, als ich sie nach dem Sinn ihres Trips fragte. Sie antwortete auf mein “Wozu?” aufrichtig: “Es ist alles recht sinnlos! Es dient allein der eigenen Reiselust! Es ist ein Abenteuer!” Und welche Bilder hat sie von Baku, ehe sie die aserbaidschanische Hauptstadt überhaupt mal zu Gesicht bekommen hat? “Natürlich haben wir, seit wir wissen, dass wir dort hinfahren, die aktuellen Artikel zu Baku und Aserbaidschan gelesen, dann das Ingo-Petz-Buch ‘Kuckucksuhren in Baku’, sehr amüsant. Meine Mutter sagt, dass mein seefahrender Opa schon mal dort war. Ob das so stimmt, weiß ich nicht, weil sie auch mal Geschichte und Geschichten erfindet. Aber die Vorstellung gefällt mir.”

Mit anderen Worten: Sie wissen, was sie tun, weil sie es nicht so genau wissen können. Es könnte sein, dass ihnen wirklich dieser ESC in Baku, für den sie auch ihres Schreibens wegen akkreditiert sind, so nah geht, dass sie ihn nie vergessen werden. Denn das ist ja ein tüchtiger Unterschied zu all denen, die hinfliegen, zum Akkreditierungscenter laufen und außer in der Halle oder im Euroclub sich um nichts dort gekümmert haben. Könnte sein, dass jene sich für Aserbaidschan eben nicht so besonders interessieren. Anders als diese beiden Damen.

Wir wünschen ihnen viel Abenteuer, keinen Achsenbruch und viele Geschichten, von denen wir am liebsten schon am 23. Mai erfahren würden. Dann nämlich lesen und musizieren sie in Baku, ebenfalls auf Einladung einer dem Goethe-Institut nahestehenden Organisation. Dass sie ESC-Lieder vortragen werden, haben sie versprochen. Ihnen und allen, die nicht auf das Schnellste zum Ziel kommen werden, viel Glück!

Coole Stadt, kühle Stadt?

13. Mai 2012 von Jan Feddersen

Die letzten Entscheidungen werden getroffen: An was muss gedacht werden, ehe man abfliegt gen Baku? Hat man nicht doch was vergessen? Darf man kurze Hosen mitnehmen (werden eher ungern gesehen in diesem Land, das man nicht einmal sieht, wenn die Wetterkarte mit “Europa” eingeblendet wird)?! Was ist verboten mitzunehmen (nichts, so sagt es der Prospekt), was ausdrücklich erlaubt (ebenso nichts)?!

Erste Anrufe aus Baku am Mittag. Zwei Stunden später als geplant fängt der Probenkanon an – und die Schweiz ist gut, fast wie “A Friend in London“, höre ich; der albanische Schmerzenshymnus tatsächlich schmerzlich, allein stimmlich; Island, voll kostümiert, wirkt perfekt – zu perfekt; und Montenegro, sagt mir ein anderer Freund, ist ganz prima und wie immer unterschätzt.

In Baku selbst scheint es staubig zu sein, so berichtet mir eine Freundin via SMS, außerdem rieche es seltsam – ein wenig wie im Parkhaus. Nicht direkt nach Öl und Diesel, aber eben so, wie es eben auch schmeckt, wenn man durch eine leichte Wolke von Auspuffausdünstungen gegangen ist. Sonst? Alle, buchstäblich alle, die ich heute so hörte, loben diese ESC-Stadt, als hätten sie nicht wirklich erwartet: Ist ja cool, sagt die eine, tolle Uferpromenade, aber man brauche ‘was gegen die Sonne, es sei nicht nur Frühling dort nahe des Iran. Etwas kühl findet ein Freund aus Malta die Atmosphäre – meine per E-Mail übermittelte Frage, ob er denn mehr erwarte, da doch alles erst begonnen habe, beantwortete er mit der Bemerkung, in Düsseldorf habe er sich gleich von eurovisionärer Stimmung umgeben gefühlt.

Nun ja, das möchte man beschämt nicht kommentieren: Maltesische Freunde sind gern sehr anspruchsvoll – immerhin bestätigt er das, was auch in anderen Foren geäußert wird – Visumsfragen sind keine. Man kommt am Flughafen problemlos durch alle Schleusen, werde nett behandelt und bekomme nie das Gefühl, eigentlich nur halb erwünscht zu sein.

In der Heimat, wo sich die meisten, die sich auf den Weg nach Baku machen, noch befinden, geht es zur Frage der Menschenrechte in Aserbaidschan weiter. Volker Beck, menschenrechtspolitischer Sprecher der Bündnisgrünen im Bundestag, forderte am Freitag auf einer Veranstaltung von Amnesty International in Köln, Länder, die den ESC gewinnen und ihn im Jahr darauf ausrichten möchten, müssten sich einem Monitoring unterziehen, ob sie den Standards von Meinungsfreiheit und überhaupt den allgemeinen Menschenrechten genügen. Davon abgesehen, dass eine solche Bestimmung erst 2014 wirksam werden könnte, weil alle TV-Sender, die in Baku teilnehmen, die traditionell gültigen Verträge bereits unterschrieben haben, finde ich diesen Vorschlag misslich: Besser ist doch, dass ein Land wie Aserbaidschan die Lizenz zum ESC-Festival erhält – und man bis zum Finale alle Probleme und Missstände prima erörtern kann. Das nützt den Diskutierenden – und den Anliegen der Menschenrechte in Ländern wie Aserbaidschan eben selbst.

P.S.: Täuscht mich der Eindruck oder ist es nicht so, dass von nun an alle vor allem Glamour und Entertainment in den Berichten erwarten – und sehr viele jetzt beginnen zu fiebern, ob Roman Lob gut performen wird oder nicht?

Neue Karrierechancen in Baku?

10. Mai 2012 von Jan Feddersen

Es gehörte einst zum guten Ton, ja, es war zwingender Teil eines Eurovision Song Contests, dass zum Auftakt der Show der Vorjahressieger auftritt. Das ist längst nicht mehr so – die Show ist die Show, und was gestern war, ist nur noch tauglich für Videosammler und Mediatheken. Manche haben einen Auftritt jenseits der Konkurrenz selbst zur weiteren Befeuerung der Karriere genutzt oder gleich zum Start überhaupt einer Laufbahn im Künstlerischen. Etwa die Tanznummer von “River Dance” 1994 in Irland. An Niamh Kavanagh, Siegerin von 1993, mochte sich niemand so recht erinnern, und da kam diese Gruppe und steppte zu irischen Klängen der allersuggestivsten Sorte die Bühne so in Grund und Boden, dass der Applaus ins Frenetische fiel. Damit begann damals die Karriere dieser Truppe, in Dublin beim ESC vor 18 Jahren!

Nicht minder lohnend war die Performance von Céline Dion 1989 in Lausanne. “Rock Me” von Riva ist zwar als damaliger Siegertitel für die Geschichtsbücher zu vermelden, eigentlich wichtig war aber der Start von Céline Dions Karriere: Und zwar nicht 1988 nach ihrem Sieg in Dublin mit “Ne partez pas sans moi”, sondern eben im Jahr darauf, als sie die Show mit Ausschnitten ihres Liedes und mit einem neuen Song beglückte. Die Bosse von Walt Disney sahen sie – und holten sie als Sängerin für einige ihrer Produktionen. Diese Frankokanadierin wurde also erst im Jahr darauf auf die Karriereleiter nach oben geschubst.

In Baku, so lesen wir Meldungen, werden die Show Marija Serifovic, Dima Bilan, Alexander Rybak, Ell/Nikki – und auch Lena die Bühne betreten und singen. Für alle gilt: Sie wurden berühmt und sind es jetzt weniger. Die Serifovic, Göttin des Queeren beim ESC, kommt kaum über exjugoslawische Grenzen hinaus. Dima Bilan ist in Russland eine Popgröße mittleren Kalibers – und Lena sucht auch noch nach der Form ihres neuen Lebens nach “Satellite”. Jedenfalls ist es schön, dass die aserbaidschanischen Macher der Show sich an die Sieger der jüngsten Jahre erinnern und sie angeheuert haben. (Nicht zu vergessen: Garantiert werden wir auch Lys Assia wiedersehen, wie alle Jahre wieder.)

Vor allem Lena steht vor der Aufgabe, ihr Dasein als Star nicht zu unterstreichen, sondern überhaupt mit neuem Leben zu erfüllen. Bislang sucht sie noch nach der richtigen Fassung für all das, was sie als Chanteuse noch leisten könnte. Uns beschäftigt dann auch die Frage: Wird sie noch ein Stück erwachsener geworden sein? Wird sie vielleicht sogar live singen, also nicht nur im Vollplaybackmodus? Hat sie wieder dieses schöne Lächeln von Oslo und nicht diese Miene des Oh-das-kann-auch-alles-ganz-schön-nerven-dieses-Showbusiness? Wird sie Lovely Lena sein, wie einst? Einst? Genau vor zwei Jahren, als Lena Meyer-Landrut noch nicht gewonnen hatte, lag sie in den Prognosen im sattelfesten Mittelfeld von  Oslo. Nur wenige glaubten an einen Sieg, einige mehr als eine Platzierung in den ganz oberen Rängen. Dann performte sie so gut wie nie und niemals wieder – und war die Sommermärchenkönigin des Pop von 2010.

Sie alle kriegen zwar kein Ticket für das Finale, sondern es ist nach dem letzten Planungsstand leidiglich das zweite Halbfinale.  Einem Alexander Rybak ist nach Lage der Dinge auch das sehr recht, um überhaupt noch in die Nähe von Ruhm spendenden ESC Kameras zu gelangen.

Gut möglich, dass Roman Lob, wenn die fünf Sieger des ESC auftreten, in seiner Garderobe sitzt, frisch gemacht und gut, das heißt auf ultranatürlich gestylt – und nichts von den nostalgisch anmutenden Punkten der Show mitbekommt. Sollte er aber! In drei Jahren könnte er selbst geladen werden zu einem ESC als ehemaliger Sieger. Wenn er sich das lustvoll ausmalen kann, hat er echte Chancen um die Krone. Lena wird ihm erzählen können, wie man sich die Anmutung von Unschuld bewahren kann. Die Fortsetzung ihres Märchens, das, was sie erwachsener machte, kann sie ihm ja irgendwann mal nahebringen!

Es darf jetzt losgehen!

9. Mai 2012 von Jan Feddersen

Kürzlich chattete ich mit einem Freund aus einem Vorort von Baku, dortselbst als Menschenrechtsbeobachter unterwegs. Er schrieb mir, nach ausführlichen Erörterungen der Feinstaubbelastungen in seiner wie meiner Stadt, nun ginge er an die Promenade zum Kaspischen Meer, ein wenig spazieren. Und was soll ich sagen? Als ich ihm beichtete, auf sein Flanieren am Abend eine Spur neidisch zu sein, erwiderte er: Das sollst du auch – es ist nämlich sehr warm hier, wir haben fast Sommer, und überall genießen die Menschen das gute Wetter.

Außerdem freuen sich jetzt alle auf Euch! Auf die Gäste, die entweder schon in Aserbaidschan weilen oder ab Sonntag in Rudeln sich um den ESC kümmern. Ja, sagt Jurij, der Freund, der von seinem Onkel aus Moskau in Kinderzeiten eine Kassettenaufnahme von “La det swinge” von den Bobbysocks geschenkt bekam und daraufhin viele Jahre davon träumte, nach Norwegen auszuwandern, ja, sagte dieser Mann, jetzt geht es um Musik – und was die Staatsmacht mit uns und mit euch macht, das werden wir sehen!

Ich pflichtete ihm zunächst nur pflichtschuldigst bei. In Wahrheit ist ihm von Herzen zuzustimmen: Ja, wir werden Menschenrechtsangelegenheiten in Aserbaidschan, ja, in der ganzen Welt heftig im Auge behalten, wir werden niemals uns die Sensibilität abmarkten lassen, denn nie wieder soll auf ESC-Boden Gift und Gülle gedeihen wie einst 1969 in Madrid. Aber, da stimme ich Jurij und seinen Freunden zu, jetzt freuen wir uns auf den Trip in die Peripherie der eurovisionären Einflusszone und auf zwei Wochen Proben und Partys, Empfänge und Ausflüge. Dann kommen zwei Halbfinals und ein Finale – und dazwischen jede Menge Mutmaßung und mehr oder weniger hastige Spekulation.

Okay, die politisch beinah Übersensibilisierten werden ihre Kameras und Mikrophone zu Veranstaltungen wie “Sing for Democracy” schleppen und von dort berichten, wobei bis jetzt nicht einmal genau feststeht, ob und wo und wann genau dieses alternative Event stattfinden wird. Und bitte nicht vergessen: 1976, als in Stockholm ein alternatives Songfestival gegeben wurde und Schweden am ESC nicht teilnahm, da belief sich die Aufmerksamkeit jenseits von Schweden auf gegen null. Aber es werden sehr schöne zwei Wochen – und Baku wird sich noch wundern, wie bunt es ohnehin ist und noch bunter durch sehr viele Menschen aus knapp vier Dutzend Länder wird.

Das politisch Angemessene teilt in einem Interview auf Spiegel Online nun Ingrid Deltenre mit, ihres Zeichens Chefin der European Broadcasting Union, der Organisation, die gewöhnlich Eurovision genannt wird.  Zusammengefasst lässt sich sagen: Die oberste EBU-Kollegin weist ziemlich souverän darauf hin, dass der ESC zu integrieren hat, nicht auszugrenzen. Und wer politisch und historisch sich ein wenig auskennt und sich nicht von Medienhypes blenden lässt, weiß, wie erfolgreich dieses Konzept immer war und noch ist.

Fraglich ist nur, ob ein ESC wirklich auch in Weißrussland ausgerichtet werden sollte. Madame Deltenre bejaht – und Thomas Schreiber, Chef des deutschen ESC, meinte ja in einem Interview, er würde im Falle eines ESC-Sieges von Weißrussland der ARD empfehlen, an diesem Event nicht teilzunehmen. Nun, die Diskussionen gehen weiter, ich schätze aber, dass das Lied der Jungs aus Minsk ohnehin punktarm laut verplätschert.

Alles in allem: Wenn das Finale die Bescherung ist und wir auf sie warten, dann könnte man sagen – jetzt beginnt die Adventszeit. Sonntag, am ersten Probentag, darf das erste Türchen geöffnet werden!

Kein TV total aus Baku

7. Mai 2012 von Jan Feddersen

Die Meldung erreichte mich heute morgen in der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung: “Stefan Raab sendet ‘TV total’ vor dem ESC nicht aus Baku” – das heißt, es wird keine vier Sonderausgaben dieser Shows geben.

Man wird mich für befangen erklären, weil ich dort mehrmals, in Oslo, in Düsseldorf, zu Gast war, aber: Das finde ich sehr schade. Das war die Expertensendung, in der Raab als Maestro alles im Griff hatte und auch seinen dauerhaften Unterschied zum anderen deutschen ESC-Popdirigenten, Ralph Siegel, glaubhaft unterstreichen konnte: Der hat echt Ahnung. Raabs Produktionsfirma Brainpool bestätigte mir später, was auch in der Meldung zu lesen war: Man habe alles versucht, um auch in Baku wieder in gewohnter Weise zu produzieren, aber es scheiterte daran, dass sich weder ein geeignetes Studio noch genügend qualifiziertes lokales Personal für die Fernsehsendung finden ließ. Nun wird Stefan Raab die Baku-Woche von Roman Lob und seinem musikalischen Mentor Thomas D vom Kölner TVtotal-Studio aus kommentieren.

Am bedauerlichsten ist jedoch, dass Raab offenbar selbst nicht in Baku zugegen sein wird – Thomas D wird die Proben von Roman Lob begleiten, er wird die Details der Performance im Viewing Room unter die Lupe nehmen: Raab, leider, werden wir in Aserbaidschan vermissen.

Man könnte jetzt sagen, Raab habe doch ohnehin vorgehabt, den ESC ganz aus der Verantwortung zu geben: Aber TV total war sozusagen seine kleine Notluke, aus deren Fenster heraus er noch am Geschehen teilhaben würde. Ich möchte hoffen, dass er wenigstens zum Finale den Sechsstundenflug in den Kaukasus auf sich nehmen wird.

Favoriten mit Fallhöhe

4. Mai 2012 von Jan Feddersen

Wer mich ein wenig persönlich kennt, weiß, wie sehr ich schwedische ESC-Beiträge immer in Schutz genommen habe. Okay, manchmal war das nicht so leicht, etwa bei den Herrey’s oder auch bei Charlotte Perrelli mit ihrem “Hero”. Aber: Tommy Körberg, Tommy Nilsson, die Danielsson oder Edin Adahl, von Carola zu schweigen – immer fand ich den Schwung gut oder die Melancholie nahe gehend. Was mir aber immer auf die Nerven ging – im Wortlaut: immer und immer und immer – war die Großkotzigkeit von schwedischen ESC-Funktionären und Medienvertretern.

Carola beim ESC 2006 in Athen. Foto: Rolf Klatt/NDR

Carola beim ESC 2006 in Athen. Foto: Rolf Klatt/NDR

Man muss dazu wissen, dass im Land der Königin Silvia, die durch einen schönen Hostessenjob bei den Olympischen Spielen in München zu ihrer monarchischen Berufung gelangte, sich alle Zeitungen den Vorentscheidungen und dem ESC mit vielen Texten und extrem vielen Bildern widmen. Schweden, das lernte ich dort im Lande selbst, versteht nicht, dass nicht alle Welt seine Songs gut findet. Ist ein Lied schließlich mal beim ESC unter ferner sangen nach Hause geschickt worden, waren immer die anderen Schuld. Die Künstler (besoffen, krächzend bei Stimme), die anderen Länder (verstehen nix von Musik) oder das Orchester (kann nicht spielen). Seit ich selbst zum ESC fahre, musste ich diese Erfahrungen machen: Grölender, leicht selbstbesoffener Jubel, wenn man es schaffte (Carola, Charlotte) oder bittere Giftigkeit, wenn es mal nicht zum Sieg reichte.

Ein besonderes Exemplar dieser schwedischen Hochfahrenheit ist Christer Björkman, der 1992 für ein wirklich mieses Ergebnis sorgte, “I morgon är en annan dag” war hübsch, aber dünnst gesungen – Vorletzter in Malmö. Seit etlichen Jahren ist er für den ESC zuständig, sitzt in der Reference Group des ESC (der entscheidenden Lenkungsgruppe) und glaubt mit wahnhaft anmutenden Zügen, Schweden müsse ein Missionar in Sachen Eurovision sein. Und er moderiert die TV-Sendungen, in denen die Liederaus allen Ländern vorab im schwedischen Fernsehen vorgestellt werden.

Mein Freund Ida aus Kopenhagen schrieb mir nach Studium dieser Sendung, hier auszugsweise zitiert: “Die sind so UNVERSCHÄMT! Andere Länder werden Großteils total abgekanzelt – aber bei der Bewertung des eigenen Beitrages erhält dieser natürlich durchgehend die Höchstwertung! Christer Björkman wirkt so ( …, Kürzung durch mich) selbstgerecht und bringt sogar in der Sendung an, er sei mit in dem Gremium, welches die Titeländerung von Siegels Beitrag angeordnet habe! Die Schweden gehen davon aus, dass sie dieses Jahr gewinnen. Alle anderen Beiträge sind unwichtig! Da ist SO wenig Respekt vor renomierten Künstlern aus anderen Ländern! Ganz ehrlich: Für diese Arroganz gebührt Schweden der 2. Platz beim ESC – damit sie grindig zusehen können, wie ein anderes Land den Sieg davonträgt und mal von ihrem hohen Ross herunterkommen! Schlimm!”

Dass der schwedische Sender SVT die neue Fußball-Event-Arena bei Stockholm schon für das nächste Jahr als Option gemietet hat für Ende Mai: vielleicht nur ein Gerücht. Aber mit der Überzeugung, dass Loreen gewinnt, steht Björkman nicht allein. Fans und Wettbüros bekunden das Gleiche.

Nur, um jetzt ein wenig zur Abkühlung beizutragen: Die Liste der über all die Jahrzehnte geweissagten Favoriten und vorab erklärten Triumphe ist länger als die der Sieger selbst. Nennen wir einfach knapp zwei Dutzend Namen: Cliff Richard (zweifach, 1968 und 1973), Lynsey de Paul & Mike Moran, Tommy Nilsson, Amaury Vassili, Kati Wolf, Charlotte Perrelli, Mary Hopkin, Conny Froboess, Udo Jürgens (1964), Gigliola Cinquetti und Olivia Newton-John (beide 1974), Joy Fleming, Natasha Saint-Pier, Alsou und Ines (2000), Friends (2001), Julio Iglesias (1970), Sonia (1993) oder Maxi & Chris Garden (allerdings nur bei deutschen Fans).

Und die unerwarteten Sieger? Nur ein halbes Dutzend, Acts, mit denen niemand rechnete: Lordi, Olsen Brothers, Dana, Massiel, Marie Myriam und Ell & Nikki.

Loreen aus Schweden steckt, so vermute ich, vor der Aufgabe ihres Lebens: Sie vertritt nicht nur ihr Land – das teilt sie mit 41 anderen Acts; sie muss aber auch gegen das Gebirge an Erwartungen und schönrednerischen Einflüsterungen ansingen. Kann sie aber, und das umreißt ihre Fallhöhe, dann noch über einen zweiten Rang glücklich sein?

Ich fürchte: nein, das würde ihr nicht erlaubt werden.

Aserbaidschans Botschaft wehrt sich

2. Mai 2012 von Jan Feddersen

Das ist eine mehr als erstaunliche Nachricht: Dass sich eine Botschaft eines den ESC ausrichtenden Landes mit einer eigenen Presseerklärung zu Wort meldet. Das hat nämlich die in Berlin ansässige diplomatische Vertretung des kaukasischen Staates getan. In dieser Meldung beschwert man sich über eine in “einigen Kreisen in Deutschland gegen Aserbaidschan geführte Kampagne” in Sachen Menschenrechte.

Namentlich erwähnt werden die ARD und der “Spiegel”. Die ARD berichtete in Magazinen wie “titel thesen temperamente” kritisch über Aserbaidschan, auch eurovision.de hat immer wieder die Entwicklungen in Baku begleitet. Mehrmals schrieb der “Spiegel” über Zwangsräumungen und politische Konflikte im ESC-Gastgeberland 2012.  Ja, es ist sogar von einer “systematischen” Kampagne die Rede – und dieses krasse Wort signalisiert mir: In aserbaidschanischen Regierungskreisen liegen die Nerven wenige Tage vor den ersten Proben zum ESC sehr blank.

Denn es kann doch keine Rede von “Verleumdungen” und “Täuschungen” sein, wenn man als Teil der Öffentlichkeit die miese Menschenrechtslage in Baku offen erörtert. Das ist auch deshalb wichtig gewesen, weil sich an der politischen Lage in diesem Land am Kaspischen Meer wenig zum Besseren gewandelt habe, wie neulich erst Organisationen wie Human Rights Watch und Reporter ohne Grenzen in Berlin bilanzierten.

Ich finde, das beste Mittel für ein diplomatisches Korps wie das aserbaidschanische, um für das eigene Land zu werben, wäre nicht das Schreiben von beleidigten oder verschnupften Presseerklärungen, weil man sich womöglich ertappt fühlt, sondern die perfekte Organisation des ESC. Und dazu gehört nicht allein der Bau einer Halle sowie die Schaffung eines Shuttle Services zwischen den Hotels und der Arena, sondern ein gesellschaftliches Klima des Willkommens. Das heißt auch der vollständige Verzicht auf irgendwelche polizeilichen und milizionären Überwachungsmaßnahmen von ESC-Touristen oder -Delegierten. Baku sollen sie genießen können und die Sicherheitsbehörden sollen sie nicht wie betreuungsbedürftige Gäste behandeln.

Die polizeiliche Verfolgung von Demonstrationen – wie in den vergangenen Wochen zweifach geschehen – beschädigt das Image Aserbaidschans, und nicht die Berichte darüber. Im Übrigen hat auch Thomas D recht. Der bekundete nun nämlich, man solle den ESC politisch nicht überfrachten. Man könne nicht aus einer luxuriösen Position in Mitteleuropa definieren, was politisch okay ist und was nicht. Wer kein T-Shirt auf der Bühne trägt, auf dem politisch für Aserbaidschan missliebige Inhalte notiert stehen, ist kein schlechter Mensch, soll das wohl heißen. Und dem stimme ich zu: Thomas D wird die Spielräume seiner politischen Wachheit nutzen – mit Krawallvorschlägen von außen wird aber nichts besser.

Wettbüros: Ist Loreen die sichere Siegerin?

27. April 2012 von Jan Feddersen

Es scheint sich dieses Jahr ein Act in den Vordergrund zu drängen, den alle Welt bereits jetzt schon für den Sieger von Baku hält: Schwedens Loreen und ihr “Euphoria” gilt nicht allein bei den OGAE-Fanclubs als Liebling. Dort liegt sie schon nach den Votings von einem Bruchteil von Länderclubs so weit vorne, dass das Einvernehmen der abstimmenden Fans mit diesem schwedischen Lied fast einmütig wirkt. Italien und Russland liegen dahinter, vor allem aber, für mich überraschend, Island. Deutschland tummelt sich am Ende der Top 10 oder, je nach Club, der seine Voten durchgegeben hat, knapp dahinter. Ganz weit hinten, trostlos und wahr: die Schweiz und Österreich.

Aber das sind, ohne diskreditierendes Moment, Abstimmungen unter Fans. Menschen, die sich nicht nur am Abend des Finales um den ESC kümmern. Solche, die Lieder mehrmals hören – und manchmal auch “schönhören”. Doch bessere Gradmesser für das Ergebnis von Baku sind erfahrungsgemäß die Wettbüros in Europa.

Wetten funktionieren ähnlich wie Börsen – man schenkt einem ökonomischen Gut Vertrauen oder auch nicht. Ob man sein Zutrauen gibt, hängt von Informationen und Gefühlen ab. Erfolgreiche Glücksspieler prognostizieren nie, wenn sie die Lieder schon oft gehört haben, sondern nach spontanem Hören in der richtigen Reihenfolge der Auftritte. Bei Alexander Rybak war das einfach, jedenfalls scheint es so in der Rückschau. Ein stampfend-mitreißendes Ding, das, so erwies es sich ja auch in der Moskauer Realität des Finales, immer gut abgeschnitten hätte – Rybak war ein Selbstgänger.

Aber vor dem Realitätscheck im Finale stehen nun einmal die Wetten – und wie bei der Börse muss man Geld investieren, um eine Chance auf lohnende Gewinne zu machen. Man wettet an der Börse stets unmoralisch: Auf Getreideernten am Rande der Sahelzone, weil man über die Wetterberichte dortselbst für die nächsten Wochen im Bilde ist; auf fallende Stahlpreise in Südkorea, weil man schon von Einfuhrzöllen in Lateinamerika gehört hat; auf Sonnenkollektoren, weil man durch seltsame, aber verlässliche Quellen erfahren hat, dass die Solarsubventionen in Deutschland doch nicht gesenkt werden … Jedenfalls: Beim ESC und bei seinen Wettbüros ist es ebenfalls eine Mischung aus Informationen und Gefühlsaufwallungen.

Aber wo man auch schaut: Bei bwin.com , bei nicerodds.de oder gar bei bettingexpert.com - um nur ein paar der vielen Seiten zu nennen – überall wird Loreen als heißeste Ware gehandelt.

Wobei es alle Arten von Wetten gibt: Man kann auf die ersten drei Plätze wetten, auf die Top 10, auf den letzten Platz im Finale oder darauf, dass Montenegro sich erstmals für das Finale qualifiziert. 2006 in Athen fielen die Quoten für Lordi besonders üppig aus, weil nur wenige mit dieser Band gerechnet hatten. Und vor zwei Jahren, als in Oslo Lena gewann, fiel ihre Quote mit den Tagen zum Finale hin mehr und mehr. Das heißt: Je näher der Abend aller Abend kam, desto mehr Menschen glaubten an “Satellite” und die Deutsche.

Dieses Jahr, im Hinblick auf die allerletzten Plätze, zeichnet sich ein stillschweigender Konsens ab. Portugal, San Marino und Georgien werden für die Tabellenlaternen am häufigsten genannt – aber wer wettet, dass das Ralph-Siegel-Ding auf dem allerletzten Rang landet, bekommt nicht viel Geld: Das glauben nämlich viele Spieler, überall in Europa.

Wir werden es sehen. Noch bin ich nicht überzeugt, dass Loreen die Erwartungen der ESC-Wettbörsen auch erfüllt. Wie ich öfter schon erwähnte, waren die dänischen Olsen Brothers nirgendwo so richtig auf der Rechnung. Wer auf die tippte damals in Stockholm konnte mit sehr vielen Kronen und Öre wieder nach Hause fahren. Denn für Wetten ist wahrscheinlich richtig, was das Leben selbst auch ist: weitgehend unvorhersehbar. Noch ist Loreen, das steht fest, nicht im Ziel.

It’s Party Time!

25. April 2012 von Jan Feddersen

Um das Motto all der Festivitäten mit einer Zeile aus einem Abba-Lied zu illustrieren: “Dance … while the music still goes on”: Hier soll ein Lob auf all die ehrenamtlich rührigen ESC-Fans ausgebracht werden, die seit Jahren dafür Sorge tragen, dass eurovisionäres Liedgut auch tanzbar wird und entsprechend aufgeführt wird. Beispielsweise am kommenden Samstag im Hamburger Magnus-Hirschfeld-Centrum, kurz: MHC, wo der Prinzblog mit Peter Rensmann an der Spitze zur “Eurovision Dance Nite” einlädt.

Man könnte jetzt sagen: “So what?” Diskos gibt’s an jeder Ecke – aber die Not, die endlich keine mehr ist, sieht doch so aus. Bei den sogenannten After-Show-Partys des ESC selbst existierte für die Beschallung meist das Eurovisionäre nicht. In Riga, in Istanbul, in Helsinki, auch in Moskau: Das Tanzbare am Grand Prix Eurovision blieb außen vor – ganz so, als organisiere man eine monströse TV-Show für vier Dutzend Länder, um hinter den Kulissen den ästhetischen Gehalt der Sache gleich zum Vergessen zu bringen.

Peter Rensmann, ein Verlagsmanager in einem der nobelsten Hamburger Verlage und die allermeisten Jahre seines Lebens ein ESC-Fans, wie es sie selten in dieser wachen und souveränen Art gibt, hat die Idee des Tanzbaren seit mehr als anderthalb Jahrzehnten durchgesetzt. Er, der 2005 den Sieg von Helena Paparizou von der ersten Präsentation von “My Number One” voraussagte, verschenkt Jahr für Jahr an Freunde selbstgebastelte CDs, auf denen sich sogar die luschigst-langsamsten Nummern noch in einer tanzbaren Version wiederfanden.

Er war damit seiner Zeit voraus: Inzwischen wird das Gros aller ESC-Lieder auf Dancehall-Format getrimmt. Gerade aus Ost- und Südeuropa gibt es kaum noch Acts, die nicht auf kommerzielle Eingängigkeit, also auf die anlaufende Beach-Saison setzen. Entsprechend gibt es von den meisten ESC-Liedern der moderneren Sorte reloadete Versionen, denen tuffige und stampfende Dance-Beats unterlegt wurden. Und siehe da: Ein Hobbybastler hat mir neulich eine von ihm gefertigte Variante von “Zeit” der Bianca Shomburg vorgespielt. Wie es klang? Noch schauriger? Nee! Eher wie ein Scooter-Hit auf Sonderdrogen. Ganz exzellentes Zoik!

Dass “Dance … while the music still goes on” der neue Trend ist, setzt voraus, dass das Schwermütige, Damenhafte, Chansoneske der früheren Jahre zurückgedrängt wurde. Man könnte auch sagen: Das öffentliche Interesse an der Ästhetik der ESC-Steinzeit erstarb mit dem neuen Interesse am Festival selbst, hierzulande seit 1998 und Guildo Horn.

Insofern: Wer Dienstag auf das 30. Jubiläum des Nicole-Sieges von Harrogate einen Likör oder ein Gläschen Waldmeisterlimonade trank, tat das Angemessene. So war das damals – züchtig und backfischhaft. Heute werden allerdings andere Getränke gereicht zum Catwalken auf der Tanzfläche: Cocktails! Dies gilt auch für die “Eurovision Dance Nite” am Samstag in Hamburg. Und zwischen der Tanzfläche und der Bar warteten sie alle auf den eigentlichen Höhepunkt – aber bis zum 26. Mai ist es ja nicht mehr weit.

Viel Spaß!