Klasse, Alborg!
8. Februar 2010 von Jan FeddersenEs ist schön, wenn die Dinge des ESC sich immer mehr modernisieren. Also wie bei uns: ein echtes Casting, an dem nur Hungrige teilnehmen dürfen, mit Musik, die von einer Band kommt, scharf und groovy im Ton, nicht seifig wie ein klassisches Tanzorchester.
Andererseits staunten wir am Samstag in Alborg – das ist in Jütland, Dänemark, die Verlängerung von Schleswig-Holstein, ganz hoch oben, ein niedliches 250.000-Einwohner-Städtchen und Gastgeberin des Dansk Melodi Grand Prix 2010. Im Gigantium, einer wirklich ziemlich hässlichen Superturnhalle am Stadtrand, die als Congresszentrum ausgewiesen wird, fand die hübscheste Vorentscheidung für mich seit langem statt. Zehn Acts, von denen vier bis in ein Semifinale gelangten – in dem schließlich im K.o.-System ein Sieger gekürt wurde.

Grossartig, dass es die absoluten Außenseiter Chanée & N’evergreen geschafft haben. Sie ein Kind aus dänischthailändischer Familie, er ureingeborener Däne, der in Moskau lebt und dortselbst einige Hitlein hatte. Ihr “In a moment like this” ist ein grandprixeskes Lied, wie es schöner kaum geht: schwungvoller Auftakt, dröhnender Refrain, das ein wenig an Céline Dions Meat-Loaf-Komposition “It’s all coming back to me now”, allerdings in einer Speedversion, erinnert. Zum Schluss erstickten beide fast in der Windmaschine, Chanées Kleid drohte ihr fast vom Leib zu wehen, aber sie wirkten glücklich. Alle Favoriten im direkten Vergleich geschlagen, die Balladen, die Ronan-Keating-Apologeten … einfach gut!
Da spürte man klar die erfahrene Handschrift von Thomas Gustafsson, alias Thomas G:Son, dem Ralph Siegel aus dem Norden. Insgesamt 34 ESC-Songs für sechs verschiedene Länder hat der ruhelose Schwede bisher komponiert. Seine größten Erfolge feierte er 2001 mit Friends und “Listen to your Heart” in Kopenhagen und in Athen 2006 mit Carola und “Invincible” – mit beiden Songs ergatterte er jeweils einen beachtlichen fünften Platz. Für die Dänen hat G:Son sich wieder mit dem schwedischen Autoren Hendrik Sethson zusammengetan, der ihn auch schon 2001 unterstützte.
Die After-Show-Party, nur nebenbei, vermied alle Fehler, die man machen kann: die Musik eurovisionär und nicht zu laut, das Buffet erreichbar und nicht zu opulent, die Autogramm- und Interviewjäger wurden auch zufriedengestellt. Ich tippe: Auch in Oslo werden sie Outcasts sein, aber gut für das Finale – wo sie hoch platziert werden könnten.
Und die anderen Skandinavier? Die es in den vergangenen zwei Jahren ja en bloc ins Familie schafften? Finnlands Oslovertreterinnen kommen einer Konterrevolution gleich, sie erinnern eher an Jasmin aus dem Jahre 1996 als an die Rocker von Lordi. Die Finninnen als Rachegeschütz der schlagerseligen Landbevölkerung, die Gothic, Hard Rock und Hallelujah satt hat?
In Island ging doch alles wie erwartet aus. Hera Björk, die Gabi des Jahres, gewann mit “Je ne sais quoi” krass und deutlich. Ein dickes Ding: Was als Ballade beginnt, endet als Eurodancenummer. In Oslo darf das auch fürs Finale reichen. Und Norwegen? Wer macht sich anheischig, in die Fußstapfen von Alexander Rybak zu treten? Er heißt Didrik Solli-Tangen und sein Lied “My heart is yours”. Könnte in Oslo gut gehen, andererseits scheint er mir von gleicher Farblosigkeit wie 1992 Christer Björkman, der als Erbe von Carola in Malmö auch ganz vorne liegen wollte und fast Allerletzter wurde.
Für den Norweger spricht sein gediegenes Äußeres – findet niemand hässlich, keiner besonders attraktiv – die ihn zum Schnulli der Saison machen könnten. Gegen ihn aber spricht, dass das Lied von Fredrik Kempe angerührt wurde – der Schwede, der in seinem Land jahrelang dauerhaft teilnahm, aber nie einen Kandidaten ins internationale Finale brachte, eher er es 2008 und 2009 dann doch schaffte. Mit Charlotte Perrelli und Malena Ernman allerdings bewies Kempe, dass er es nicht wirklich kann: Beide langweilten final heftig und landeten ganz weit hinten.
Und wir? Müssen noch bis Mitte März warten, ehe das Finale läuft. Macht aber nix. Dienstag, 20:15 Uhr, findet die zweite Vorrunde statt – wiederum mit zehn Acts, von denen fünf gleich ausscheiden. Wird wieder eine Lena dabei sein? Eine Kandidatin, die so ausgeschlafen selbstbewusst singt? Ich glaube: Wenn nicht, wäre Raab als Dirigent nicht mehr Raab.








