Leonie und Rachel – tapfere Talente
26. Januar 2012 von Jan FeddersenAch, es hat ihnen nichts genutzt: Nicht Leonie die Brille, nicht Rachel die heftig aufgelockte Haarpracht. Sie blieben auf der Strecke, sie belegten die Plätze 9 und 10. Bei Leonie dachte ich mir das schon. Ihr “I Love Your Smile” von Charlie Winston schmeckte, obwohl es von der Jury gelobt wurde, ein wenig fade – man mochte ihrer Aussage nicht so recht glauben, ihr fehlte, nun ja, so etwas wie Inbrunst und Glaubwürdigkeit.

Rachel, ebenfalls gelobt, blieb auf der Strecke, wobei sie sich denken wird in ihrem Grimm, dass die langsame Nummer vielleicht die falsche war. Nein, das soll sie sich mal aus dem Kopf schlagen. Letztlich hing es an der Telefoniergeschwindigkeit ihrer Freunde, und die scheinen gelahmt zu haben. Denn selbst Roman Lob, auf den ich noch zu sprechen kommen werde, lag am Ende der Show zwar auf dem ersten Rang, gleichwohl hatte er kaum mehr als zwei Prozent als die ausgeschiedenen Sangesdamen.
Nun ja, alles in allem hat das Ranking Sinn gemacht. Nur dass Sebastian Dey mit seinem selbstkomponierten Titel “Amnesie” weiter kam, gibt mir Rätsel auf: Schon wieder wurde sein Hut nicht abgestraft. Und dass er kein Charisma hat: Merkt das niemand? Oder blieb er übrig, weil die anderen sich die Stimmen wegnahmen? Nichts gegen ihn persönlich. Aber der soll in Baku performen? Ich schätze, man hievte ihn hoch, weil er es mit einem eigenen Song riskierte.
Aber das Verblüffende, besser: das absolut nicht Überraschende war Roman Lob, der schon nach dem ersten Voting, das ja noch ohne Sangesleistung ausgewiesen wird, haushoch vorne lag. Sein Titel “Easy”, da hatte Stefan Raab Recht, war von den Commodores auch nicht fülliger, geschmeidiger und schöner vorgetragen worden. Yana Gercke, die es mit dem Police-Titel “Roxanne” probierte, war ebenso den anderen überlegen – aber das, was ihre Stimme, so Raab, an (nicht missverstehen: gutem) Schmutz transportiert, könnte mit der Zeit auf die Nerven gehen.
Shelly, Katja, Céline, Ornella und Umut … Okay, sehr okay. Aber so richtig vom Hocker rissen sie auch nicht, auch nicht die Chanteuse, die vorige Woche noch Amy Winehouse ehrte: Shelly, die wieder gut war … aber berührend? Ich hege meine Zweifel.
Meine Kandidaten für die nächste Runde, dass es für sie die letzte werden könnte, sind Sebastian und Katja. Doch: Es wirkte auch heute Abend ein bisschen zufällig in puncto Wertung. Roman Lob und Yana Gercke lagen nie auf den Abstiegsplätzen – und das ist für mich das Zeichen, dass sie es gar in die letzten zwei Runden schaffen werden. Sie sind besser als die anderen, obendrein haben sie inzwischen eine Fanbase: Das ist auch nicht zu verachten als Support.
Die Juroren? Man muss wieder über Raab sprechen. Er kommentierte die letzten Wertungsminuten nichts mehr – er gab Steven Gätjen und Sandra Rieß freimütig zu, nur noch gespannt auf das Resultat zu warten.
Das Lob des Abends gebührt Leonie und Rachel: es waren tapfere Talente. Sie können sich jetzt wieder auf alles konzentrieren, was nicht das Showbusiness ist.









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.