Natalie Horler – Frau der Woche

24. Mai 2013 von Jan Feddersen

Vor genau einer Woche hatten Cascada die ersten Einzelproben hinter sich, vorigen Freitag stand die erste Generalprobe bevor. Die Band, aber auch Familie, Freunde, deutsche Fans, die ESC-Delegation des NDR und wer auch immer, konnten mit der Welt zufrieden sein. Wer wollte, konnte in dem am 14. Februar in Hannover gewählten deutschen ESC-Act eine superprofessionelle Truppe erkennen. Und das taten fast alle. Es gab so gut wie niemanden, der “Glorious” nicht zumindest unter den Top 10 am Ende des Grand Finals sah. Manche, was übergeschnappt gewesen sein mag, wähnten das Lied sogar unter den Top 3, niemand jedoch mit 18 Punkten (ver-)endend auf dem 21. Platz – und damit auf dem schlechtesten Rang seit den No Angels 2008 in Belgrad.

Natalie Horler findet: "Nach dem ESC geht das Leben weiter."

In der Sphäre des Entertainments, in der Welt des Pop gilt es zunächst, Aufmerksamkeit zu erlangen. Schöner Gesang zu noch so betörenden Bühnenbewegungen nützt nix, wenn er nicht bemerkt wird. In der Ökonomie der Aufmerksamkeitsorganisation haben Cascada im Grunde nach dem ESC bilanzieren können: Alles richtig gemacht. Man schaue sich nur die internationale Presse an – so starkes Interesse hätte es womöglich für den neunten bis zwölften Rang nicht gegeben. Ob die britische Zeitung The Telegraph, die keineswegs europäische Times of India, das französische Blatt Le Figaro, die irische Independent, die teilweise das eurovisionäre Einflussgebiet berührende Arab Times oder in Blogs der spanischen Zeitung El País: Mehr internationale Beachtung hätte ein Sieg wohl auch nicht gebracht. Alle, buchstäblich alle Kommentatoren und Berichte glauben, dass der 21. Platz für Cascada ein Ausdruck gegen Angela Merkel gewesen sei, ja, ein Stoßseufzer gegen eine Euro-Großmacht-Sieger-Mentalität, die man in der deutschen Politik erkennt. Es war, als hätten die Eurovisionsländer sich gegen alle Wetten und Prognosen über Nacht verschworen, um der deutschen Politik am Beispiel von Cascada mal tüchtig eins auszuwischen. Allerdings war von dieser Aversion gegen Deutsche und Deutsches in Malmö nix zu merken. Ganz im Sinne einer aktuellen Studie der britischen BBC gab es keine Stimmung gegen Natalie Horler, nicht gegen deutsche Fans oder deutsche Journalisten. (Okay, dieser ESC war zugegebenermaßen nicht in Athen, sondern im von der Krise kaum betroffenen Schweden.) Deutschland ist weltweit eher beliebt, jedenfalls mehr als die Europäische Union, dieser Studie zufolge.

Aber wie dem auch sei: Tatsächlich ist auch bei diesem ESC zu beobachten, dass hinterher alle schlau gewesen sein wollen. In Foren liest man: „Na, wusste ich‘s doch!“, „Hatte ich es nicht geahnt?“ oder „Nein, das ist doch kein Wunder!“ Was die Illustrierte Focus schrieb, ist quasi der mediale Mainstream-Ausdruck dieser Schlaumeierei danach. Sie unterstellen nach Belieben. Vor allem habe die schlechte Platzierung daran gelegen, dass die ARD im Jahr nach Stefan Raab mal wieder voll schlapp machte – das stand auch in der Süddeutschen Zeitung zu lesen, und das ist ungefähr so sinnvoll als Aussage wie die These, dass der ESC ohne Raab und Brainpool stets auf Rängen fast am unteren Ende des Tableaus landete. Das ist einfach zu öde, um es aufzudröseln – man schaue sich die Ränge der Jahre vor Lena an und erkennt leicht, dass Raab keine über-eurovisionäre Möglichkeitsgottheit war (und auch nicht ist).

Es gibt bestimmt viele Gründe, sich um den 21. Platz Gedanken zu machen (und ohne jetzt mit dem Finger auf jemand anderen zu zeigen oder woanders hinzulenken, aber die Misere des ESC ist in Spanien und Frankreich noch erheblich ausgeprägter), aber die Heldin der Eurovisionstage von Malmö bleibt Natalie Horler so oder so. Weil sie mit dem Gefühl nach Schweden reisen durfte, am 14. Februar astrein und eindeutig gewählt worden zu sein. Weil sie mit ihrer Formation auf einen Erfolg zurückblicken kann, der in Deutschland nur wenigen gegeben ist. Weil sie eine prima, sympathische, unzickige Frau ist und im Übrigen eine Serie von Promotionauftritten zu absolvieren hatte, die von wärmster Professionalität kündete – und davon, dass sie selbst erschöpft nie die Contenance verliert. Die Horler – so mein persönlicher Eindruck – ist das Gegenteil von Konzeptpüppchen, von ewiger Barbie. Sie ist eine Entertainerin, die möglicherweise zur falschen Zeit am falschen Ort war. Was sie tatsächlich von allen in Malmö vorne Platzierten unterschied, war das Alter jenseits des Jungerwachsenen. Und auch das Alter im Vergleich mit allen, die nach Lordi 2006 gewannen. Sie alle, ob Dima Bilan oder zuletzt Loreen und nun Emmelie de Forest, umweht(e) dieser gewisse Appeal von Frischlingshaftigkeit, von Unschuld und naiver Grazie. Eine wie Natalie Horler mag gegen sie alle eine Spur zu selbstvertraut gewirkt haben.

Ins Sexistische geht die Kritik jedoch, wenn man Zeilen wie diese liest: “Leider ist das blonde Streberdeutschland im knapp geschnürten Goldfummel nicht so sehr beliebt bei den anderen in der Europa-Klasse. Das mag dem Neid auf propere Wesen geschuldet sein oder der Tatsache, dass es mit der Eleganz beim Treppe steigen noch hapert.” Oder hier etwas ausgeruhter: “Das mag auch an der eher mageren Performance liegen, mit der Cascada sich in Malmö präsentierten und streckenweise an den desaströsen Auftritt der No Angels erinnerte. War sie bei den Proben in Malmö am vergangenen Wochenende noch in bestechender Form gewesen, kam ihre Stimme nun wackelig und unsicher über den Sender. Sie wirkte, als fühle sie sich nicht wohl in ihrem viel zu engen Goldfummel, als bedrücke sie die Einsicht, dass sie sich mit dem arg kalkulierten Titel “Glorious” möglicherweise doch keinen so großen Gefallen getan hat, wie das die ARD-Delegation im Vorfeld gerne glauben machen wollte.” Der Mann hat es offenbar nicht so mit Frauen, die nicht so mager wie Lena aussehen, aber was sollen bloß die Anspielungen wie “viel zu engen Goldfummel”. Mir scheint, als nähme da jemand übel, dass die diesjährige ESC-Aspirantin aus Deutschland nicht aussieht und nicht so ist wie Lena.

Anyway, so sehr die SZ allgemein gegen Sexismus einzutreten weiß, in Sachen ESC darf man mal wieder den Herrenreiterblick aus den (falschen) Fuffzigern auferstehen lassen. Anders gesagt: Es ist schade, dass Cascada nur 21. wurden. Andererseits: „So what? Good show!”, würden die Briten sagen, und: „Very popular in the hall“ (Terry Wogan, BBC-Legende). Zu hämen, das geht in Ordnung, aber auf Kosten einer Sängerin, deren Appeal einem männlichen Rezensenten nicht zusagt, als sei er im Peep-Show-Kino in die falsche Kabine gesetzt worden: Das ist als Haltung – entwürdigend.

Natalie Horler sagte cool: „Nach dem ESC geht das Leben weiter“. Recht hat sie!

Warum schweigt die EBU?

22. Mai 2013 von Jan Feddersen

Nach dem Song Contest in Malmö hätte es so viele schöne Meldungen geben sollen - so wünschte es sich zumindest die European Broadcasting Union (EBU). Zum Beispiel die Meldung, dass der Malmöer ESC wieder ein spektakuläres Fest gewesen sei – bis nach Australien habe man die Familie des Musikalischen spannen können. Und dann der Erfolg bei den Quoten (das ist er wirklich) und auch bei den SMS-Zahlen … Nur gute Nachrichten wollte man mitteilen. Aber es kam anders: Der Norweger Jan Ola Sand, Exekutivdirektor des ESC innerhalb der EBU, musste sich nach dem Musikwettbewerb vor allem mit einem möglicherweise noch größer werdenden Skandal auseinandersetzen, nämlich dem Vorwurf, das Televoting sei manipuliert worden. Man reagierte dabei auch auf Berichte der BBC. Selbstverständlich kamen die ersten fassbareren Hinweise von ESC-Fans und Journalisten. Manchmal hört die EBU eben doch auf die Graswurzelarbeiter im Weinberg der Eurovision.

Aserbaidschan belegte in Malmö den 2. Platz. Ging alles mit rechten Dingen zu?

Kurz gefasst (auch auf “Spiegel Online“): In einem heimlich gefertigen Videomitschnitt einer litauischen TV-Gesellschaft soll dokumentiert sein, wie aserbaidschanische Mittler versuchen, Televotingstimmen zu kaufen, in diesem Fall im südlichsten Land des Baltikums. Hier ist das auf YouTube auffindbare Stück. Da schließt sich gleich meine Frage an: Kennt jemand irgendeine der handelnden Personen? Als aserbaidschanische TV-Funktionäre, als solche aus Vilnius, Litauen? Oder gar, man weiß es ja nie: als Schauspieler, die Aserbaidschaner und Litauer spielen? Sachdienliche Hinweise gerne an uns - und am besten auch gleich an eurovision.tv zu Händen von Jan Ola Sand.

Tatsächlich gibt es seit Jahren in der ESC-Szene eine Fülle von Gerüchten, die sich um Stimmenkäufe und so weiter drehen. In Malmö erzählte mir ein befreundeter Journalist aus Israel, es gebe doch viele Beweise für Käufe von Televotingstimmen und sogar auch der Gunst von Jurymitgliedern. Im Falle des aserbaidschanischen Performers Farid Mammadov scheint es mir zunächst so: Sein Beitrag und auch der aus der Ukraine sind von modernster Machart. In jedem Ton ihrer Arrangements wird der Anspruch deutlich, global in Radios gespielt zu werden. Dass Ictimai TV, Aserbaidschans TV-Sender, nach dem ESC in Baku 2012 seine Ansprüche auf überlokale Bedeutung aufrecht erhält - wen wundert das denn?

Natürlich macht man weiter, genau wie die TV-Anstalten Russlands: Man will doch Internationalität herzeigen. Weshalb sonst werden gerade von exsozialistischen Ländern mit autokratischen, oligarchischen Strukturen Komponisten- und Texterteams aus dem “Westen”, besonders gern aus Schweden eingekauft - es soll doch nicht hinterwäldlerisch klingen! In der ZDF Show “Markus Lanz” taucht (ab Minute 53:20) etwas davon auf: Skandinavisches geht immer! Insgesamt hat den Fall des möglichen Stimmenkaufs der Prinzblog ziemlich gut aufgedröselt. Was hier geschrieben ist, deutet zumindest die Möglichkeit von obskuren Votings an. In den ESC-Foren werden andere Ungereimtheiten aufgezählt. Warum gibt Aserbaidschan Russland keinen Punkt, obwohl es in der Jury von Baku starke Zustimmung für Dina Garipova gab - und woher wissen das die Leute in Moskau überhaupt?

Ein Aspekt bleibt unbeleuchtet, in allen Beiträgen: Generell gilt ja angeblich die 50/50-Regel. Das heißt: Die eine Hälfte des Stimmengewichts kommt über das Televoting (SMS, Anrufe, App-Klicks) zustande, die andere über eine Jury. Davon abgesehen, dass eine aserbaidschanische oder weißrussische Jury nicht unabhängig sein kann - es sind nun mal autokratische, diktatorische Regime - hat die EBU aber bestimmt, dass das Televotingresultat nur zählt, wenn genügend Stimmen zustande gekommen sind. In Monaco rief vor ein paar Jahren - ein Extremfall - kein einziger beim ESC-Televoting an: Und dann zählte nur die Jury. In welchen Ländern also nur die Jurywertung zur Geltung kamen, dazu schweigt die EBU ebenso wie zu der Frage, wie hoch ein Televotinganteil sein muss, damit er in ein 50/50-Resultat einfließen kann.

Sietse Bakker, Event Supervisor für den ESC bei der EBU, Direktor und Sprecher des Projekts, teilte eurovision.de mit: “We do not reveal the so-called televoting threshold, to avoid people in the future abusing this information to make attempts to influence the televoting in certain countries.” Heißt: Um direkte Manipulationen zu vermeiden, geben wir kein Limit bekannt – weder im Hinblick auf die Zahl der Televoter noch auf die der Länder, die mangels Televotinganzahl als ihr Resultat ein reines Juryergebnis vortrugen. Er sollte es dringend mit aufklären helfen. Denn wie sagte er eurovision.de noch vor dem Song Contest: “Wir dürfen nicht bequem werden”  - sonst zerstört sich der ESC durch Korruptionsfälle so sehr wie der Radsport durch vertuschte Dopingpraxen. Das ist irgendwie verständlich, andererseits auch nicht. Das Televoting läuft seit vielen Jahren über eine Kölner Firma namens Digame, sie lässt ihre Ergebnisse von einer international renommierten Firma prüfen. Alle Televotingresultate sind zuerst Digame bekannt, dann erst den einzelnen Ländern. Wie also Korruption mit SIM-Karten genau funktioniren könnte, erschließt sich nicht so recht.

Tatsache ist: Korruption gab es in den frühen Neunzigern gerüchteweise auch schon: Malta, Kroatien, die Slowakei und Zypern sollen daran beteiligt gewesen sein. Das war vor den elektronischen Zeiten, als es noch persönlich bestellte Jurymitgliedschaften gab. So sorgte beispielsweise in Malta der Intendant des Senders persönlich dafür, wer in der Jury von La Valetta saß. Auch darf inzwischen als sicher gelten, dass Massiels Sieg 1968 auf stimmengedopte Art stattfand. Das rechte Franco-Regime wollte den ESC aus Prestigegründen und man kaufte für diesen Zweck internationale Künstler wie den Deutschen, damals in Acapulco ansässigen Arrangeur und Komponisten Bert Kaempfert ein. Hier geht’s zum Video. Man sieht, Aserbaidschans Strategien - falls es sich um solche handelt - hatten Vorläufer im heute demokratisch geläuterten “Westen”. Was wir uns jetzt wünschen, sind Antworten auf die ungeklärten Fragen zum Song Contest in Malmö!

Emmelie, Anouk, Cascada – und die Resonanzen

21. Mai 2013 von Jan Feddersen

Man darf die Frage der Zeitung “Berlingske Tidende” im Hinblick auf das Schicksal der ESC-Siegerin Emmelie de Forest für typisch nehmen: “Ein Stern für einen Abend – oder zwei?”. Natürlich, man jubelt in Dänemark – aber, wie die deutsche Nachrichtenillustrierte Focus korrekt berichtet: Der dänische Sender Danmarks Radio, der auch einen schönen Bericht von der Party im Vergnügungspark Tivoli gebracht hat, weiß noch nicht, wie er den nächsten ESC ausrichten will. Viel Geld hat die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt vor 12 Jahren nicht verloren, als man den Grand Prix in Kopenhagen im Stadion Parken ausrichtete. Aber durch einen viel zu groß geratenen Senderneubau im prestigeverheißenden Neubauviertel zwischen Innenstadt und Flughafengelände Kastrup war man einige Jahre klamm. Fakt scheint mir: Der überbordende Beifall fiel für Emmelie de Forest einige Dezibel leiser aus – anders als bei den Olsen Brothers, die 2000, als sie auf Kopenhagens Rathausbalkon standen, von Zehntausenden so freundlich angekrischen und angehimmelt wurden wie 1992 die Fußball-Nationalmannschaft nach dem EM-Final-Sieg gegen Deutschland.

Emmelie galt im Vorfeld des Finales als heißer Favorit. Dass sie tatsächlich gewann, konnte sie trotzdem kaum fassen.

Emmelie – das ist auf jeden Fall die Königin dieser Nacht. Fans, die den letzten Zug nach Dänemark von der Malmö-Bahnstation Hyllie nicht erreichten, grölten absolut quietschvergnügt auf dem Bahnsteig und riefen “Sejren er vor” – also: “Der Sieg ist unser”. Man stelle sich vor, wie die deutsche Bildungspresse über diese Fans hergefallen wären (und hätte sie des verhüllten Nazitums bezichtigt), wenn sie diese Parole vor sich hingescheppert hätten.  Aber die öffentlich vorgetragene Freudenbekundung in Deutschland ist eine schwierige Sache . Geht wohl nur, wenn ein Verein gewinnt, und das wird nächstes Wochenende garantiert der Fall sein, denn Bayern oder BVB, das ist die Frage. Eigentlich: die einzige Frage, die das deutsche Kollektivgemüt einige Tage lang beschäftigen wird.

Aber dazu gleich mehr, zunächst ein Blick in die Schweiz. In der Boulevardzeitung Blick teilten sich die voriges Jahr gestrauchelten Jungs von Sinplus mit: “Nächstes Jahr müssen Jüngere mit Talent ran!” Ja, das mit der “Heilsarmee” war nix – nicht aus religiösen Gründen, sondern weil das Lied “You & Me” auf so groteske Art Biedersinn verströmte. Nein, das ging nicht. Aber müssen die Heilsarmisten nun sehr leiden unter öffentlicher Schmäh? Glaube ich nicht. Bei den Eidgenossen zählte schon Sonntag die Eishockey-WM mehr. Man wurde dort Zweiter, was ziemlich sensationell war. In Schweden reagierte die Preesse ähnlich: ESC ist okay, doch Männersport wie Eishockey ist als Volkskultur noch stärker.

Um es mal etwas boulevardesk auszudrücken: Ea wäre kein Wunder, wenn in den Niederlanden in den nächsten Monaten sehr viele neugeborene Mädchen Anouk genannt würden. Fast sechs Millionen Zuschauer guckten bei unseren nordwestlichen Nachbarn den ESC, schreibt die Amsterdamer Tageszeitung Volkskrant – und das ist eine Menge, die in Deutschland einer Zahl von etwa 31 Millionen Menschen entspräche, die dem ESC zuschaute. Das hat, bei aller Liebe zu Lena Meyer-Landrut, deren Auftritt als Punktefee 2013 im Netz ein Riesenthema ist, selbst die ESC-Siegerin von 2010 in Oslo nicht geschafft.

Hierzulande ist es erwartbar geworden: Jens Maier schreibt auf stern.de über Cascada. Es ist die Zeit der üblen Nachrede, der Grand-Prix-Miesmachung und so weiter und so fort. In der Zeitung Die Welt wird ein “Rückfall in alte Zeiten” konstatiert – und dass die 18 Punkte für Cascada kein Ausdruck einer antideutschen Stimmung gewesen seien: “Sollte die Analyse der Musik ehrlich verlaufen, dürfte es wohl auf ein Ergebnis rauslaufen: In Malmö ist schlicht das wahr geworden, was viele Fans nach dem Vorentscheid vom Februar befürchtet hatten.” Im Sinne des Autors heißt das wohl: LaBrass Banda hätten es sein sollen – aber die seien ja von der Jury übersehen worden. Nun gut, man könnte mit Peer Steinbrück sagen: HätteHätteFahrradkette … Als Spruch für jedwede Debatte um ein “Was wäre wenn?”

Auch was auf gmx.de stand, zusammengetragen aus Material von Nachrichtenagenturen, ist nur ein Ausschnitt: Blogger gibt es viele, auch griechische, und manche pöbeln, andere nicht. Die Lautstärksten werden meist am Ehesten wahrgenommen, that’s it. In der Frankfurter Rundschau behauptet der Autor, die Big-Five-Regel habe sich nicht bewährt. Und an solchen Thesen merkt man immer wieder: Es wird viel Nonsens geredet, auch in Zeitungen, die eher siechen als leben. Denn: Ohne diese Regel hätte der ESC allein deshalb keine Chance, weil im Falle des Ausscheidens dieser (fiinazstarken) Länder in den Semis deren jeweiliges Publikum nicht mehr final zugucken würde. Und das wiederum führte irgendwann zum Verzicht auf die Show überhaupt – na, das ist vielleicht etwas zu weit vorausgedacht für Journalisten, die in einem ESC nichts als lustiges Dies & Das erkennen.

Die Frage wird uns ja weiterbeschäftigen, Kollege Stefan Kuzmany von Spiegel Online deutet es an: Ob man Cascadas 18 Punkte dem Politischen zuschreibt, ob man den Dance-Act im ESC-Kontext für ästhetisch riskant hält, eines ist wahr. Nämlich, dass alle Sieger der vergangenen Jahre nach den Finnen von Lordi, die 2006 gewannen, Anfang bis Mitte 20 Jahre jung waren. Und insofern  überwiegend die Aura von Nichtroutine und Unschuld verbreiten konnten, obwohl sie alle professionell agierten, was sonst. Das ist ein wichtiger Fingerzeig für die kommenden Jahre. Mehr nicht. ESC heißt: Ausnahmen bestätigten alle Regeln.

Favoritin erfüllt die Prognosen

19. Mai 2013 von Jan Feddersen

Sie konnte kaum mehr als kreischen und wieder kreischen: Emmelie de Forest aus Dänemark hat gewonnen. Und damit holt sie zum dritten Mal nach 1963 (Grethe und Jörgen Ingmann) und 2000 (Olsen Brothers mit “Fly On The Wings Of Love”) die ESC-Trophäe in ihr Land. Es war ein ziemlich intensives Kopf-an-Kopf-Rennen während der 39 Länder umfassenden Wertung. Lange nicht so sicher wie Loreen oder Alexander Rybak war “Only Teardrops” die ganze Voting-Tour über von Aserbaidschan und Ukraine ‘verfolgt’. Letztlich fiel ihr Sieg deutlich aus - aber: Sieger-Acts wie Loreen, Lena und Alexander Rybak hätten auch gewonnen, wenn bei ihnen nur exsozialistische Länder abgestimmt hätten. Bei Emmelie de Forest wäre das nicht der Fall gewesen: Strikt nach osteuropäischen Wertungen gerechnet wäre Farid Mammadov Sieger vor Zlata aus der Ukraine geworden.

 

Blockwertungen fielen in diesem Jahr besonders krass auf. Der exsowjetische Block bediente sich großzügig mit Punkten untereinander. Die Dänin hingegen holte sicher hohe Punktzahlen aus den skandinavischen Nachbarländern. Auf dem vierten Platz konnte sich schließlich die Norwegerin Margaret Berger einfinden, Russlands Dina Garipova wurde Fünfte. Skandinavien und Ex-UdSSR - das ist dieses Jahr der ESC auf den Top 5-Rängen.

Auffällig: Armenien und Aserbaidschan nahmen sich mit keinem Punkt zur Kenntnis.

Schön, dass Ungarn, die Niederlande, Italien und Malta in der ersten Hälfte des Tableaus landeten. ByeAlex erhielt von Lena, die von der verregtneten Reeperbahn die deutschen Punkte übermittelte, straffe zwölf Punkte: Der loungige Beitrag war der deutsche Konsens, auf den sich Jurys und Televotende einigen konnten.

Womit man zu Cascada kommen muss. “Glorious” war nach meinem Geschmack perfekt dargeboten. Natalie Horler war bei keiner Probe besser. Ihre Performance hat in der Malmö Mässan Arena tosenden Applaus ausgelöst. Aber trotzdem bekam der deutsche Beitrag nur 3 Punkte aus Albanien, 6 aus Österreich, 5 aus Israel, 3 aus Spanien und 1 Punkt noch aus der Schweiz. Fünf Länder, 18 Punkte - das war dann der 21. Rang.

Es ließe sich jetzt viel spekulieren, woran dieser, auch die Fans von Cascada enttäuschende Platz nun liegt: Hat Europa die Deutschen überwiegend satt? Ist Dance etwa nicht populär? Die Dänin siegte, und das war von den Indizien her deutlich, weil sie in den Wettbüros Europas als sichere Bank erkannt wurde. Cascada belegte bei den professionellen Prognostikern ebenso einen guten Rang - etwa in den Top 8. Warum jetzt der 21. Platz?

Sportlich gesehen landet jedes Landes immer irgendwo - und Deutschland kann nicht erwarten, immer sehr gute Platzierungen zu erreichen.

Nächtes Jahr also, könnte man sagen, findet der ESC in der gleichen Region statt wie in in diesem. Nur auf der anderen Seite des Öresunds. Vielleicht kriegt die Stadt Kopenhagen ihre neue Monsterhalle, in der Nähe des Flughafens, bis dahin fertig.

Es war ein, offen gestanden, verdienter Sieg. Eine Gewinnerin, die die Kompromisskandidatin aller war. Das Lied – die Bemerkung sei mir persönlich nachgesehen – sehr schnell überhört.

Dänemark – wer sonst?

17. Mai 2013 von Jan Feddersen

Man muss die Wetten ernstnehmen. Die, bei denen es um Geld geht. Auf Abstimmungen von Fans ist nicht viel zu geben: Dauernd lag in den vergangenen Wochen San Marino vorne – und dann scheidet die tapfere Valentina Monetta einfach sang- und klangvoll im zweiten Halbfinale aus. Aber die Betting Odds, wie es in der Fachsprache heißt, zu Deutsch Wettquote, vermitteln einige Indizien für das, was in der Nacht auf Sonntag die Wahrheit sein wird: Höchstwahrscheinlich wird Dänemarks Emmelie de Forest das Rennen machen. Ihr “Only Teardrops” nötigt selbst arrivierten Musikproduzenten wie Yann Peifer und Manuel Reuter von Cascada Respekt ab. Die Flöte zu Beginn, die Trommeln, die Fähigkeit der Chanteuse, das Kameraauge so zu treffen, dass es wie ein schmachtender Hilferuf aussieht – das alles ist handwerklich sehr, sehr gut gemacht. Gewänne sie, wäre es das rundeste, das perfekte Lied des Abends – aus handwerklicher Sicht.

Die Dänin Emmelie de Forest wird auch von den Buchmachern favorisiert.

 Nun aber zu den gefühlten Temperaturen, falls ich das mal so sagen darf: Ginge es allein nach mir, würde ich Anouk (Niederlande), ByeAlex (Ungarn), Eythor Ingi (Island), Natalie Horler (Deutschland) und Gianluca Bezzina (Malta) vorne sehen. Mit der Niederländerin als Triumphatorin des Abends. Irgendwo knapp dahinter Italien, Dänemark, Schweden, Norwegen und Russland. Auf den letzten Plätzen hätte ich gern Armenien, Georgien und Rumänien.

Womit ich auf die Unwägbarkeit des Finales schlechthin kommen möchte. Cezar aus Rumänien ist ja im Finale – womit ich nicht gerechnet hatte. Vielleicht weil ich nicht viel übrig habe für kastratenhaftes Gesäusel und Gesummsel. Aber Lordi hatte ich 2006 auch nicht auf dem Zettel – und hinterher sagten alle, wie sehr sie das geahnt hätten. Nein, hatten sie nicht. Ich nicht, die anderen ebenso wenig. Aber Cezar? Könnte sein “It’s My Life” die Eurovisionsanalogie zu “I Will Survive” sein? Und der transsilvanische Divo eine Art Gloria Gaynor Europas? Keine Ahnung, natürlich.

Aber bedenkt man, dass 99 Prozent aller Zuschauer, die das Grand Final des ESC sehen, dessen Lieder nie zuvor hörten, und wenn man beachtet, dass dieses Publikum gern dem Bizarren und dem Schrägen, ja, dem Entäußernden die Gunst schenkt: Na, dann steht einem ersten Sieg Rumäniens nichts im Wege.

Und die letzten Plätze? Ich möchte meinen: Frankreich und Spanien. Beide Acts wären, hätte man sie nicht automatisch ins Finale gehievt, in den Semis verendet. Und auf den weiteren der miesen Ränge? Bestimmt Belgien, Litauen und Weißrussland.

Also hier die Top 10 (wie erwähnt: nicht immer meine liebsten Lieder):

1. Dänemark
2. Niederlande
3. Russland
4. Deutschland
5. Ukraine
6. Griechenland
7. Rumänien
8. Island
9. Norwegen
10. Großbritannien

Ich werde mich garantiert irgendwie irren. Mehr oder weniger. Es wird wie immer – spannend.

Zirkuspferdqualität in Bestform

17. Mai 2013 von Jan Feddersen

Die, was das Sportliche angeht, Tatsachen sehen aus meiner Sicht so aus: Die zehn Länder des zweiten Semis, die sich für das Finale qualifizierten, sind Aserbaidschan, Finnland, Malta, Island, Griechenland, Armenien, Ungarn, Norwegen, Georgien und Rumänien. Man könnte sagen: Der Kaukasus hat es zu dritt gemeinsam geschafft. Von zehn Ländern, die einst zur Sowjetunion gehörten, ist nur Lettland ausgeschieden, neun hingegen sind im Grand Final präsent. Auch die skandinavischen Länder sind vollzählig vertreten, alle fünf sind weiter.

Der Ungar ByeAlex hat sich mit seinem Titel "Kedvesem" ins Finale gesungen.

Die Länder, die einst zu Jugoslawien gehörten, sind ebenso auf der Strecke geblieben wie Albanien. Mazedonien, als letztem Sprengsel aus dem Reiche Titos, hat es nichts genützt, dass Esma als Ultra-VIP der Romas in ihrer Heimat wie überhaupt in der europäischen Diaspora mitmachte. Israels Dame muss abreisen, so auch die Schweiz. Ich würde sagen, dass man das bedauern könnte, wenigstens im Falle Moran Mazors. Malta trat erstmals mit einer Chill-Lounge-Gutgelaunt-Nichtdisko-Nummer an – und wurde belohnt.

Ungarn freut mich besonders, weil niemand es erwartet, dass ein Mann mit Agenturbrille und Wollmütze es packt. Die träge, aber entschlossen sich schleppende Melodie, hat ihm bestimmt geholfen: “Kedvesem” war großartig vorgetragen. Griechenland war auch keine Überraschung. Es leben überall Griechen im Ausland, und das Lied, eine Art Marlène-Charell-hafte Version vom Rembetiko, war ja gar nicht so übel. Der transsilvanische Rumäne könnte, wenn er jetzt schon im Finale ist, die gleiche Rolle spielen wie 2006 in Athen die finnischen Lordi-Leute: Eigentlich schrecklich zum Anhören, aber so speziell, so verführerisch zum Hingucken und sei es des Fremdschämens wegen, aber doch am Ende mit den meisten Punkten im Korb.

Dass die Schweiz auf dem Weg in die Endrunde verendete wie ein Geißbock auf der Flucht vor dem Schneesturm, elend nämlich, das musste nach dieser lahmen, kreuzbraven Performance erwartet werden.

Im West-Ost-Vergleich des Finales – früher ein Indikator für mancherlei Verschwörungstheorie, die auch ein Stefan Raab gern kolportierte – stellt sich nun heraus, dass es keine Übermacht des Ostens an sich gibt. Zählt man die Big Six der gesetzten Länder hinzu, steht es 15:11 für den Westen. Neun Länder des klassischen Grand Prix Eurovision (bis 1992 gültig) dürfen auch Samstag an den Start, elf der ehemaligen Intervisionssenderkette.

Mir haben vor allem drei Acts imponiert. Es sind die aus Ungarn, Island und Malta. Ist natürlich Geschmackssache, aber sie waren auch live sehr gut – und stärker als bei allen Proben. Das darf man Zirkuspferdqualität nennen, die Fähigkeit zum Momentum, des In-Bestform-Seins, wenn es wirklich zählt.

Hier, unter Journalisten und Fans, galt es bis 22:30 Uhr heute Abend als ausgeschlossen, dass San Marino ausscheidet. Aber das konnte man ahnen: Zwei Stücke in einem, ein absichtsvoll italienisch klingendes Ding, das am Ende von einer Art Musicalcrescendo abgetötet zu werden scheint, das konnte nicht gut gehen. Ich finde, Ralph Siegel hat dennoch allen Respekt verdient, es mal wieder versucht zu haben.

Ich freue ich aufs Finale. Mein Tipp, der bis morgen Nachmittag gilt: die Niederlande gewinnen vor Ungarn und Deutschland. Wenn ich irre, soll es mir auch Recht sein.

Traurige Eidgenossen

16. Mai 2013 von Jan Feddersen
Ich war gespannt: Wie wird es sein, wenn sechs Vertreter der schweizerischen Heilsarmee, die aber unter diesem Band-Namen nicht in Malmö auftreten dürfen, nun als “Takasa” auf der Bühne stehen? Wirkt es sich angenehm aus, dass ein 95-jähriger Mann mit dabei ist? Die Schweizer sind die ersten unter den 17 Acts, die mir einfallen, die es auf gar keinen Fall ins Finale schaffen. Dieses Lied ist schwer bedürftig an allem. Es sieht viel zu brav aus - zu nett, zu unwillig. Ebenfalls abreisen nach dem zweiten Semifinale darf Armenien - mangels musikalischer Substanz. Bulgariens Trommelethnogesang geht mehr auf die Nerven, als es ihnen nutzen wird. Schluss wird auch für sie sein! Israels Moran Mazor wird nach diesem Abend sagen können, dass es eine schöne Zeit in Malmö war, die dann aber auch vorbei sein wird. Das Gleiche gilt für die Albaner und Georgier: “Waterfall” scheint mir wie eine einfallslose Kopie von “Running Scared” - leider. Als siebten Act, der es nicht schafft, schätze ich Lettland ein – das ist gar nicht mal schlecht musiziert und performt, aber es verliert sich alles im Unentschiedenen. Und die Leute aus Riga sehen obendrein nicht besonders gut aus.

Werden Takasa ins Finale kommen? Jan Feddersen glaubt nicht dran.

Und hier die zehn, die es packen werden: San Marinos Valentina Monetta - obwohl ihr Plusterkleid gegen sie spricht; Farid Mammadov aus Baku, der - es ist offenbar das Jahr der jungen Männer, siehe Belgien, Litauen und Irland beim ersten Halbfinale - diesen gewissen Unschuldigkeitsappeal gut verkauft. Islands Eypor Ingi ist mein Tipp für das Finale - er kann ein Lied perfekt bis zur letzten Sekunde entwickeln. Malta ist mehr als okay - endlich mal nichts hymnenhaftes, sondern was modernes aus La Valetta. Finnlands Mädchen-Plädoyer für die Liebe und die Heirat von zwei Frauen ist viel zu laut, aber die Chanteusen in wirklich zu knalligen Outfits lassen kein Klischee aus. Was nicht gegen sie spricht!

Mazedoniens Nummer mit Esma Redzepova wird in ganz Europa die Stimmen von migrierten Roma mobilisieren - keine Frage, dass dieser Act durchkommt. Es wäre dann der einzige, der es aus den postjugoslawischen Ländern schaffen wird. Griechenland gibt das perfekte Lied zur Krise: mit einem Plädoyer für Gratisausschank von Alkohol. Ungarns ByeAlex ist mein Dark Horse: Neben der Niederländerin hat er das lakonischste Lied dieses ESC – was monoton scheint, ist magisch. Norwegens Margaret Berger im weißen Tankwartinnenanzug kommt auch ins Finale – und auch der Rumäne Cezar, der sich als Countertenor gefällt. Nicht nur, dass das Lied besonders okay wäre. Es ist so schrill, weil gefühlt über zehn Oktaven, dass es schon wieder gut ist.

Die Ikone namens Carola

15. Mai 2013 von Jan Feddersen

Es wird mal wieder Zeit, über sie zu sprechen: Carola Häggqvist. Kein anderer Tag dieser Eurovisionswoche in Malmö ist geeignet. Aber nicht, weil sie gestern Abend im “Admiralen” ein, vorsichtig formuliert, frenetisch gefeiertes Konzert gab. Sie ist hier in Skåne jeden Tag irgendwo dabei - vorgestern beim Empfang der israelischen Delegation im “Glasklart”, gestern eben in einer öffentlichen Location. Carola – das ist eine Geschichte voller Triumphe, Leiden, Passionen, Missverständnisse – und auch eine vom Erwachsenwerden.

Carolas beeindruckende Grand-Prix-Bilanz: 1983 dritter Platz, 1991 erster Platz, 2006 fünfter Platz.

Um es so kurz wie möglich zu machen, was die Vorgeschichte angeht: Carola, gewann 1983 als Teenager die schwedische Vorentscheidung mit “Främling”. Keine andere vor oder nach ihr hat je alle Punkte bekommen – das Lied über den interessanten, unbekannten, aufregenden Fremden (also: “Främling”). Das klang wie eine Pubertäts-Fantasie, mit der sich jeder und jede identifizieren konnte – und wollte. Carola war andererseits immer bizarr. Schon auf der Bühne nach dem Melodifestivalen 1983 bekannte sie scheu aber vernehmlich, in der Bibel Zuspruch und Trost zu finden.

Dann machte sie weiter Karriere - mehr in Skandinavien als in den USA, wohin ihre Wege sie eigentlich führen sollten. So kam sie 1990 zum Melodifestivalen zurück, belegte mit “Mitt i ett äventyr” den zweiten Platz, um im Jahr darauf sowohl die Vorauswahl in Schweden als auch schließlich den ESC zu gewinnen – die Vorentscheidung in Malmö, das Finale in Rom: “Fångad av en stormvind”. Ihre Fans Kinder, junge Frauen, schwule Coming-Out-Jungs und gestandene schwule Männer. Carola – das war einfach auch schrill (ihrer Textilien wegen) – seelisch entblößt (weil sie immer ein paar Töne zum Schluss ihrer Lieder röhrend zu gurgeln scheint) und unpassend (weil sie eben immer noch schwerst auf Bibelsupertripp war).

Tja, und dann sagte sie auch Dinge, die sie vielleicht besser für sich behalten hätte. Wobei, ich finde es besser, Sachen auszusprechen, als sie zu leugnen. Also: Carola erzählte, sie lehne Homosexualität ab, Schwule seien von der Strafe Gottes heimgesucht, sie lebten in Sünde und, und, und …

… Und das hat sie bis in die vergangenen Jahre durchgehalten, weshalb man sie “die Tapfere” nennen könnte: Gegen ihre Fanbase zu quatschen, auch in Interviews, ist außergewöhnlich. Dann aber wurde es besser. Carola wurde offenbar erwachsen, weiß nun, dass Gott (der ihrige natürlich) auch Homos lieb hat und erzählt das auch überall rum.

Und gestern abend performte die eigentlich unnahbare Carola – sie mochte nie angefasst werden – im “Admiralen”. Und wie! Erzählte während ihrer Conférence, sie sei glücklich, nun die fünfte oder sechste Chance (wenn ich es richtig verstanden habe) erhalten zu haben. Die wolle sie nutzen. Und sie liebe alle. Sie sagte das in vollem Bewusstsein, dass im Publikum etwa 99,9 Prozent Leute waren, die entweder schwule Männer waren oder, wenn Frauen, dann deren Freunde. Carola glückte sogar ein Stagediving – mein Kollege Thomas Mohr von NDR 2 schwärmt noch jetzt - und badete auf den Armen von beseelten Menschen.

Ich würde sagen: Damit ist aller “queerer” Frieden mit Carola geschlossen. Sie ist eine Große. Vielleicht keine Göttin, aber zumindest eine unter seinen und unseren größten Dienerinnen. Es war ein exzeptionelles Konzert!

Emmelie noch stärker favorisiert

14. Mai 2013 von Jan Feddersen

Um mal die Show des ersten Semifinals zu betrachten, wie sie sich jenseits der 16 Lieder darstellte: Moderatorin Petra Mede okay frisiert – ihr spezielles Filmchen zur ESC-Geschichte ziemlich lustig – wird man auf Videokanälen abermals sehen können, hat ein kaum überschreitbares Haltbarkeitsdatum. Sarah Dawn Diner in der Rolle der Linda Woodruff erheiternd – allein für den letzten Spruch ihres Beitrags aus Jukkasjärvi am Polarkreis in Schweden: Sie wünschte, der ESC fände in Zypern statt, wärmerer Gefilde wegen.

Emmelie de Forest hat sich in ihrem elfenhaften Outfit ins Finale gesungen.

Viele Trommeln waren dabei, Balladen gab es bis zur Übersättigung, viele Damen trugen lange Kleider, oft sehr eng eingenäht, wie mir schien. Die Männer überzeugten mich alle nicht, alle zu jung, zu bubihaft, auch der Ire Ryan Dolan, auch der Belgier Roberto Bellarosa, der Litauer Andrius Pojavis. Die Beste schien mir die Niederländerin Anouk – einerlei, wie sie abschneidet.

Im Finale: Moldaus Aliona Moon – und das ist okay; der Litauer auch in der Endrunde, und das gefällt mir gut, weil er so absolut als Außenseiter verhandelt wurde. Estland – schöne Überraschung für Birgit Öigemeel nicht zuletzt. Die weißrussische Delegation mit ihrer Künstlerin Alena Lanskaja kann sich jetzt dem Wodkagenuss hingeben – die war so aufgeregt, dass man schon Mitleid kriegte. Geht in Ordnung mit Aliona aus Minsk. Dänemark und Emmelie de Forest– ohne Worte hochverdient. Russland – na klar: So pompös als Ballade, so bestens gesungen von Dina Garipova, da gibt’s nix zu meckern. Belgiens Mann kam trotz seines Outfits weiter – okay. Die Ukraine und Zlata Ognevich – das war als neuntes der überlebenden zehn Lieder keine Überraschung. Aber würde Anouk weiterkommen, die Niederländerin? Es wäre ein Rückschlag für alle popmusikalischen Mühen gewesen, hätte man sie herausgewählt. Und doch: Sie wurde ins Finale gehievt, endlich ist das Traditionsland des ESC seit 2004 wieder im Grand Final.

Da außer ein paar Leuten im innersten ESC-Zirkel niemand weiß, auf welchem Platz welcher Act landete, lohnt sich keine Spekulation. Einerlei: Mir tut es für die Österreicher leid, wünsche unseren Nachbarn jedoch, dass eine sehr begabte Sängerin wie Natália Kelly – oder irgendeine andere von ihrer Güte – ein Lied bekommt, das nicht wie Allerlei klingt.

Sensationell – und ein Dementi auf alle Verschwörungstheorien (Osteuropa und der Balkan halten zusammen): Das gesamte Postjugoslawien ist nicht weitergekommen. Who See aus Montenegro, Moje 3 aus Serbien, Hannah aus Slowenien und Klapa S Mora aus Kroatien dürfen nach Hause reisen. Nicht, dass da – für mich jedenfalls – irgendein exzellenter Act drunter gewesen wäre, aber das war ja in den vergangenen Jahren auch kein Grund. Nur noch Esma & Lozano aus Mazedonien sind dabei, und ohne die Nachbarn, mit denen sie einst in einem Land vereint waren,  wird das am Donnerstag schwer. Die müssen ihren albanischen Nachbarn aushelfen. Wird Tirana sich freundlich zeigen?

Jugo-postsowjetische Blockwertungen?

13. Mai 2013 von Jan Feddersen

Nach der ersten Generalprobe lässt sich dies zum ersten Halbfinale bemerken: Trommeln sind in Mode. Nicht nur in Osteuropa, auch die Dänin Emmelie de Forest lässt dieses Instrument als wuchtige Soundmaschinen laufen. Unabhängig von den Liedern ist die Show tatsächlich sehr auf Schmetterlingshaftes abgestellt – mit einer Moderatorin, die ein bisschen an Anke Engelke in Düsseldorf 2011 erinnert, an ihren Humor, genauer gesagt.

Auch das Filmchen nach den Schnelldurchläufen und vor der Verkündung der Länder, die es ins Finale geschafft haben, also kurz vor dem Ende der Show, ist ziemlich lustig: Es zeigt, wie es  Sarah Dawn Finer, Sängerin und Comedian aus Schweden, ins nördliche Schweden verschlagen hat. So soll dem Publikum in gut drei dutzend europäischen Ländern illustriert werden, dass man sich in Schweden auch durch die selbstironische Brille betrachten kann. Denn man sieht nur sehr, sehr viel Schnee, und das mitten im Frühling. Finer, die schon beim “Melodifestivalen” im März in Schweden den ESC in Malmö veräppelte, schafft diese Selbstironie so: Sie, die selbst als Kind britisch-amerikanischer Eltern in Stockholm geboren wurde, tut so, als fände sie die schwedischen Ortsnamen komisch – und kann sie dann nicht mal aussprechen (“Jukkasjärvi” klingt bei ihr wie “Dschukkärwi”). Das ist, man muss es vielleicht selbst gesehen haben heute Abend, von ähnlichem Feinsinn wie der Humor der Monty Pythons.

Viele Balladen sind im Spiel; es hört sich an, als ob die danceverliebten Mittnullerjahre wie in Athen, Helsinki oder Istanbul modisch vergilbt sind. Was zählt, ist die stehende Position am Mikro: zur balladesken Nummer.

Die Herren von Klapa S Mora - adrett gekleidet bei ihrer Probe in Malmö.

Und nun zu den Liedern, hier meine Prognosen. Österreichs Natália Kelly singt stark; der Vortrag der Estin Birgit Õigemeel plätschert so dahin; Sloweniens Dame Hannah kreischt stark; Kroatiens klassisch inspirierter Männerchor Klapa S Mora ist für das Publikum wohl angenehm – hauptsächlich für die Älteren, die finden, dass Männer ordentlich aussehen sollen. Dänemarks Barfußdame ist in der Konkurrenz des ersten Semifinals eine sichere Nummer – sie wirkt ausgesprochen selbstbewusst, voller Vertrauen in den Funkenregen, der im orange-gelben Bühnenlicht auf sie herabregnet. Russlands Dina Garipova hat eine der besten Stimmen des diesjährigen ESC überhaupt – insgesamt ein wenig nixig, was ihr Lied anbetrifft – man erinnert sich sofort, dass sie prima Noten in Töne verwandeln kann … aber sonst? Die Ukrainerin Zlata Ognevich mit ihrem 2,60 Meter hohen Riesen, der sie sacht auf den Felsen der Bühne stellt, kriegte Probenapplaus, zurecht.

Die Niederländerin Anouk gibt die bewegendste Show des Abends. Ein beinah perfektes Lied einer Interpretin, die aus Verletzungsgründen (am Oberschenkel) am Montag nicht zum roten Teppich der Eröffnungsfeier kommen konnte oder wollte. Who See aus Montenegro kommen in den albernsten Kostümen daher. Hat man in Podgorica noch nicht begriffen, dass Astronauten-Outfits immer wie ein Zuviel wirken? Der Litauer Andrius Pojavis, soweit man das in der Halle oder auf dem Riesenscreen im Pressebereich sehen konnte, hat entweder eine schwere Erkältung oder sonstige Probleme: Sein Blick glasig, sein Gesang aber, wie Wham dereinst, makellos.

Alena Lanskaja für Weißrussland und Aliona Moon für Moldau – beide Damen pompös, großstimmig, wobei die Frau aus Minsk zum Auftakt aus einer Art Weltkugel schlüpft. Es erschließt sich einem nicht, warum sie das tut. Irlands Hoffnung Ryan Dolan sieht sehr geleckt aus, seine Hintergrundakteure kommen mit entblößten Oberkörpern. Glauben die Iren damit Juries und Publikum bestechen zu können? Zyperns Despina Olympiou ist eine Sängerin, die wie die europäische Krise singt: endlos und zäh. Belgiens Roberto Bellarosa: ohne Worte – einfach öde. Serbien, das ist ein Trio der hysterischen Gutgelauntheit. Nun gut, auch Moje 3 verdienen Respekt, allein schon ihrer flamboyanten Kostüme wegen.

Und wer kommt weiter? Ginge es nach mir, würde ich sagen: hoffentlich die Niederlande, Russland und die Zypriotin. Im wirklichen ESC-Leben, nach Abgabe der Jurywertungen und der Televotings, schätze ich, dass folgende zehn Acts es ins Finale schaffen (Reihenfolge zufällig): Niederlande, Österreich, Serbien, Russland, Ukraine, Weißrussland, Dänemark, Moldau, Irland und Litauen. Auf der Strecke werden bleiben: Montenegro, Kroatien, Belgien, Zypern, Slowenien und Estland.

Der postsowjetische Block könnte sich natürlich untereinander kannibalisieren, aber ich glaube daran nicht. Gemessen am mainstreamigen Publikumsgeschmack sind die Lieder aus diesen Ländern einfach auch gut, besser: gut gemacht. Mitwerten darf das deutsche Publikum am Dienstagabend noch nicht – das geht erst am Donnerstag beim zweiten Semifinale.