Klasse, Alborg!

8. Februar 2010 von Jan Feddersen

Es ist schön, wenn die Dinge des ESC sich immer mehr modernisieren. Also wie bei uns: ein echtes Casting, an dem nur Hungrige teilnehmen dürfen, mit Musik, die von einer Band kommt, scharf und groovy im Ton, nicht seifig wie ein klassisches Tanzorchester.

Andererseits staunten wir am Samstag in Alborg – das ist in Jütland, Dänemark, die Verlängerung von Schleswig-Holstein, ganz hoch oben, ein niedliches 250.000-Einwohner-Städtchen und Gastgeberin des Dansk Melodi Grand Prix 2010. Im Gigantium, einer wirklich ziemlich hässlichen Superturnhalle am Stadtrand, die als Congresszentrum ausgewiesen wird, fand die hübscheste Vorentscheidung für mich seit langem statt. Zehn Acts, von denen vier bis in ein Semifinale gelangten – in dem schließlich im K.o.-System ein Sieger gekürt wurde.

Grossartig, dass es die absoluten Außenseiter Chanée & N’evergreen geschafft haben. Sie ein Kind aus dänischthailändischer Familie, er ureingeborener Däne, der in Moskau lebt und dortselbst einige Hitlein hatte. Ihr “In a moment like this” ist ein grandprixeskes Lied, wie es schöner kaum geht: schwungvoller Auftakt, dröhnender Refrain, das ein wenig an Céline Dions Meat-Loaf-Komposition “It’s all coming back to me now”, allerdings in einer Speedversion, erinnert. Zum Schluss erstickten beide fast in der Windmaschine, Chanées Kleid drohte ihr fast vom Leib zu wehen, aber sie wirkten glücklich. Alle Favoriten im direkten Vergleich geschlagen, die Balladen, die Ronan-Keating-Apologeten … einfach gut!

Da spürte man klar die erfahrene Handschrift von Thomas Gustafsson, alias Thomas G:Son, dem Ralph Siegel aus dem Norden. Insgesamt 34 ESC-Songs für sechs verschiedene Länder hat der ruhelose Schwede bisher komponiert. Seine größten Erfolge feierte er 2001 mit Friends und “Listen to your Heart” in Kopenhagen und in Athen 2006 mit Carola und “Invincible” – mit beiden Songs ergatterte er jeweils einen beachtlichen fünften Platz. Für die Dänen hat G:Son sich wieder mit dem schwedischen Autoren Hendrik Sethson zusammengetan, der ihn auch schon 2001 unterstützte.

Die After-Show-Party, nur nebenbei, vermied alle Fehler, die man machen kann: die Musik eurovisionär und nicht zu laut, das Buffet erreichbar und nicht zu opulent, die Autogramm- und Interviewjäger wurden auch zufriedengestellt. Ich tippe: Auch in Oslo werden sie Outcasts sein, aber gut für das Finale – wo sie hoch platziert werden könnten.

Und die anderen Skandinavier? Die es in den vergangenen zwei Jahren ja en bloc ins Familie schafften? Finnlands Oslovertreterinnen kommen einer Konterrevolution gleich, sie erinnern eher an Jasmin aus dem Jahre 1996 als an die Rocker von Lordi. Die Finninnen als Rachegeschütz der schlagerseligen Landbevölkerung, die Gothic, Hard Rock und Hallelujah satt hat?

In Island ging doch alles wie erwartet aus. Hera Björk, die Gabi des Jahres, gewann mit “Je ne sais quoi” krass und deutlich. Ein dickes Ding: Was als Ballade beginnt, endet als Eurodancenummer. In Oslo darf das auch fürs Finale reichen. Und Norwegen? Wer macht sich anheischig, in die Fußstapfen von Alexander Rybak zu treten? Er heißt Didrik Solli-Tangen und sein Lied “My heart is yours”. Könnte in Oslo gut gehen, andererseits scheint er mir von gleicher Farblosigkeit wie 1992 Christer Björkman, der als Erbe von Carola in Malmö auch ganz vorne liegen wollte und fast Allerletzter wurde.

Für den Norweger spricht sein gediegenes Äußeres – findet niemand hässlich, keiner besonders attraktiv – die ihn zum Schnulli der Saison machen könnten. Gegen ihn aber spricht, dass das Lied von Fredrik Kempe angerührt wurde – der Schwede, der in seinem Land jahrelang dauerhaft teilnahm, aber nie einen Kandidaten ins internationale Finale brachte, eher er es 2008 und 2009 dann doch schaffte. Mit Charlotte Perrelli und Malena Ernman allerdings bewies Kempe, dass er es nicht wirklich kann: Beide langweilten final heftig und landeten ganz weit hinten.

Und wir? Müssen noch bis Mitte März warten, ehe das Finale läuft. Macht aber nix. Dienstag, 20:15 Uhr, findet die zweite Vorrunde statt – wiederum mit zehn Acts, von denen fünf gleich ausscheiden. Wird wieder eine Lena dabei sein? Eine Kandidatin, die so ausgeschlafen selbstbewusst singt? Ich glaube: Wenn nicht, wäre Raab als Dirigent nicht mehr Raab.

Eine kleine Nachbetrachtung

5. Februar 2010 von Jan Feddersen

1. Ein Blick in die Medien der Tage nach der ersten Runde von “Unser Star für Oslo” Vorrunde erstaunt: Die ARD wurde einmal nicht fertig gemacht. Wenn der Lorbeer des beinah einmütigen Lobes überwiegend auf die Schulter Stefan Raabs gelegt wurde – Spiegel Online schrieb von “Talent total”, die Süddeutsche Zeitung titelte nur leicht mäkelnd: “So geht das” -, blieb viel Anerkennung für den öffentlich-rechtlichen Sender übrig: Eine gute Allianz sei da geschmiedet worden. Was soll man sagen? War doch klar!

2. Der Hinweis allerdings, dass bei USFO es auf den Gesang angekommen sei, ist blöde: Als ob sich Cyril und Meri und all die anderen in sangestechnischer Hinsicht von Vicky Leandros, Lou oder Michelle unterschieden. In Wahrheit – das ist die Pointe, die zu betonen mir gelegen ist – ist das Rezept doch vor allem dieses: Junge Musiker brennen darauf, es den meisten zu beweisen. Sie hatten bislang keine echte Chance, und jetzt nutzen sie sie. Das Raab-ARD-Geheimnis lautet also: Wer wirklich gewinnen will, hat die allerbesten Voraussetzungen.

3. Das ist vermutlich der wahre Grund, warum Sebastian es nicht eine Runde weiter schaffte: Er ist schon seit zehn Jahren aktiv – und auf der Kölner Bühne merkte man ihm irgendwie an, dass er leidlich zufrieden ist mit dem, was er tat und tut. Das ist seine Differenz zu einer wie Lena. Nicht an seiner ohnehin etwas zu schwächlichen Stimme hat es gelegen. Lena hatte ihm dies voraus: Sie hat noch gar nichts geschafft – außer sich klarzumachen, ihr von ihr selbst attestiertes Talent mal so richtig zur Blüte bringen zu wollen.

4. Niemandem scheint aufgefallen zu sein, dass alle Kandidaten am Dienstag auf englisches Songmaterial zurückgriffen. Offenbar eignet sich dieses eher für die Selbstphantasie, bis in internationale Gewässer vordringen zu wollen.

5. Schön, dass Yvonne Catterfeld und Marius Müller-Westernhagen freundlich blieben, niemals wie Bohlen ätzten oder süßlich wie die Klum die Modelkandidatinnen in die Senkel stellte. Aber ein wenig mehr Schärfe dürfen die mündlichen Notizen der Expertenjuroren schon haben, finde ich. Das Gefühl, in einem Kuschelcasting zu sein, verflüchtigte sich während der zweieinhalb Stunden der Show nicht so ganz.

6. Ich wünschte, Sabine Heinrich würde man schon jetzt Folgeangebote für Shows in der ARD unterbreiten. Sie war famos.

7. Aus einer großen Zeitung entnehmen wir, dass Ralph Siegel an Krebs leidet. Wir wünschen ihm gute Besserung!

Tolle Fernsehunterhaltung und motivierte Künstler

2. Februar 2010 von Jan Feddersen

Klasse Show. Ein spannender Auftakt. Eine kluge Jury. Zurecht betonten Yvonne Catterfeld und Marius Müller-Westernhagen, sie hofften, die Kandidaten respektvoll behandelt zu haben. Ja, das haben sie. Das war ein Unterschied zu allen anderen Castingshows. Hier ging es um Musikalität und um die Fähigkeit zur Performance.

Und es war eine Verbesserung im Vergleich zu früheren Grand-Prix-Vorentscheiden: keine pseudoechten Künstler, sondern ersichtlich junge Menschen, die sich als Musiker und Musikliebende verstehen. Das hatte etwas raues, etwas bezauberndes, und zwar grundsätzlich. Und, für echte ESC-Fans ein wichtiges Detail: Es spielte wieder ein echtes Orchester, eine Band (die “Heavytones”), die rocken und jazzen kann.

Nun ja, das war nicht rüschig, aber es hatte den Charme von Moderne, nicht von Frack und Abendrobe. Irgendwie ist jetzt schon klar: Was für ein Glücksfall für den ESC in Deutschland – und die ARD -, mit Stefan Raab die Kooperation gewagt zu haben. Die fünf, die weiter kamen, waren nicht ganz die meinen, ich hätte Sebastian mit seiner Bublé-Nummer gewählt, aber der Rest war ziemlich okay – mit einem im Übrigen hohen Anteil von jungen Künstlern, die offenbar migrantische Familienhintergründe haben, Meri  beispielsweise, die es ja ihrer Familie wegen schon einmal in Armenien beim ESC probierte. Vier Frauen sind in der nächsten Runde, neben Meri auch Lena, Kerstin und Katrin. Als Mann hat es Cyril  geschafft. Das verspricht viel für die nächsten Qualifikationen. Und, noch dies: Einen solchen Vorentscheid vermisse ich seit vielen Jahren. Beste Fernsehunterhaltung mit europäischen Absichten. Mehr davon!

Es wird wirklich ernst

29. Januar 2010 von Jan Feddersen

Jetzt bitte einmal Luft holen: Am Dienstag beginnt die unwahrscheinlichste deutsche ESC-Vorauswahl aller Zeiten. Und zwar mit der ersten von fünf Vorrunden. Ab 20:15 Uhr kommen zehn von insgesamt 20 Musikern zum Einsatz – zwanzig von 5.000 Musikern, die sich seit dem Herbst einem internen Casting gestellt haben. Von diesen zehn Acts sind fünf am Dienstag vor Mitternacht bereits wieder aus dem Rennen. Eine Woche drauf werden aus weiteren zehn Acts fünf herausgesiebt. Die Suche beginnt  – Wer wird Unser Star für Oslo?

Und warum soll das alles so unwahrscheinlich sein? Weil keiner der Kandidaten schon irgendwo im Popbusiness härtere oder weichere Spuren hinterlassen hat. Weil sie keine musikalischen Figuren von gestern sind. Und weil sich die Kandidtaten nicht allein durch ihr formidables, Heidi-Klum- oder Leonardo-di-Caprio-haftes Aussehen auszeichnen, sondern vor allem durch eine gewisse Musikalität.

Unwahrscheinlich ist außerdem, dass diese Vorentscheidung wahrhaftig ohne Seilschaften funktionieren soll – und kann. Keine Schlagermanager, die hinter den Kulissen für ihren Nachwuchs oder für ihre ollen Zossen ein Gnadenbrot wollen. Wer antritt, will wirklich was werden, bis hin nach Oslo, bis über den eigenen, nationalen Tellerrand hinaus. Wer weiterkommen will, muss gut sein, sehr gut sein, darf kein Püppchen verkörpern, weder ein weibliches noch ein männliches.

Unwahrscheinlich auch, dass in der Expertenjury, die die einzelnen Acts bewerten, die Crème de la crème der deutschen Popszene sitzt. Am Dienstag der wieder angesagte Marius Müller-Westernhagen und Yvonne Catterfeld. Später mit ihrer Expertise dran sind die Delmenhorsterin Sarah Connor, der Mannheimer Xavier Naidoo, auch Peter Maffay, Joy Denalane, Adel Tawil, Stefanie Kloß und – besondere Freude meinerseits – die Soulistin Cassandra Steen. Außerdem Stefan Raab, als eine Art Rehatherapeut der deutschen ESC-Belange. Soviel Prominenz, was Hipness und Coolness angeht, war noch nie. Böse formuliert: Nie war soviel Gegensatz zur Schlagerseligkeit, der einst Carolin Rrrrreiber vorstand (mit Rudolf Rrrrrrohlinger als Meinungsumfragenexperte). Will sagen: Das werden gute Dienstage. In der ARD läuft verdientermaßen für die Älteren “In aller Freundschaft” und anderes, was meine Tanten gut finden – und dennoch bin ich sicher, dass sie im Laufe der Abende gern mal in Raabs Vorrunden zappen.

Wer freut sich auf diese Events nicht?

Hera – die Gabi des Jahres!

26. Januar 2010 von Jan Feddersen

Schon vor einem Jahr war sie mir aufgefallen, bei der dänischen Vorentscheidung, bei der sie Zweite wurde. Es war aber nur ein Wiedererkennen, denn in Belgrad war sie Teil des isländischen Acts Euro-Bandi, sie war eine Choristin: Hera Björk, die mit Familiennamen Pórhallsdóttir heißt, will dieses Jahr als Solokünstlerin beim ESC dabei sein. Ihr Titel in der isländischen Vorauswahl heißt “Je ne sais pas quoi” (”Ich weiß nicht was”) und hat alles, was sie zur Gabi des Jahres machen wird. So hoffe ich, dass sie gewinnt.

Gabi? Gabis sind gern etwas ältere Frauen, die von Männern, die auf Männer stehen, angebetet werden. Die Gabis werden angebetet, weil sie eine Mischung aus der ”schützenden großen Schwester”, der “liebsten Frau, mit der man lachen kann, aber keinen Sex haben will” und “An ihr ist eine Mama, die ich nie hatte, verlorengegangen” verkörpern. 

Eine Gabi kann erfahrungsgemäß nicht wie Heidi Klum aussehen, sondern sollte eher ein eher molliges Körpermaß haben. Ein Aschenputtel, aber zum Liebhaben, ohne dass sie ihre aschenputtelige Aura verlöre. All dies hat Hera Björk. Sie ist schon 37, hat  eine opulente Figur, und ihr Titel aus der dänischen Vorentscheidung war etwa der gleiche wie jener, mit dem sie in in die Fußstäpflein von Yohanna treten will. Er fängt sacht an, um nach knapp einer Minute in typische ESC-Disco-Mittel-Ekstase zu verfallen. Hera Björk lacht dazu, sie kann singen, sie hat Charme – und sie weiß den Applaus der Gabi-Bedürftigen zu genießen. Ja: sie badet im Applaus. 

Jeder ESC hat eine Gabi, viele Jahre war das Chiara, und Hera Björk ist die Chiara der Jetztzeit. Ein guter Zeitpunkt, denn die Maltesin hat es neulich nicht einmal ins Finale geschafft im Moskauer Finale nur auf den 22. Platz geschafft.

Gabis waren auch: Joy Fleming, Marie Myriam, Salomé oder Katrina & Waves - jene als Lesbe freilich eine selbstbestimmte Gabi, die gern Jungs im Schlepptau hatte, echte Jungs, kein Jüngelchen. Hera Björk muss nach Oslo. Am 6. Februar singt sie in Reykjavik um ihr Leben, fast jedenfalls. Wir erwarten sie im Mai in Norwegen mit größtem Interesse: Egal, welchen Rang sie hernach belegen wird, wir spenden ihr schon bei den Proben den allerpromptesten Monsterbeifall.

Staatstragend cool

21. Januar 2010 von Jan Feddersen

Das war gar nicht zu umgehen: Gefühle bei dieser Pressekonferenz zu hegen, die ins Staatstragende wiesen. Nie zuvor in der deutschen ESC-Geschichte hat ja ein Macher- und Medientreffen stattgefunden, das noch über dem Bundestag, dem Parlament, in der Glaskuppel des Reichstag, angesiedelt war. Viele waren gekommen, auch die Gesprächspartner von ARD und Pro7. Aber was gab es schon mitzuteilen, was nicht ohnehin bekannt ist? Die Vorrunden finden beim Privatsender statt, ebenso das Halbfinale, das Viertelfinale wie das Spektakel des Finales wiederum werden in der ARD ausgestrahlt. Ein paar Neuigkeiten rund um die großen Namen in der Jury, ein paar Details zu den Shows - mehr gab es auf diesem Termin nicht.

Hübsch war es dennoch, in jeder Hinsicht. Max Mutzke sang ‘Can’t Wait Untill Tonight’ im Reichstagsrestaurant, Edelhäppchen von eingelegtem Gemüse und Eisbeinsülze machten die Runde, das Ganze war endlich ’Gala’ statt ‘Freizeit Revue’ – ganz so wie es sich für den Eurovision Song Contest gehört. Momente von Wichtigkeit durchwehten die Szenerie. Gut, das! Dem Vernehmen nach macht sich RTL und sein DSDS-Format schon Sorgen, ob man mit dem absehbaren Unser-Star-für-Oslo-Hype wird mithalten können. Ich denke: wahrscheinlich nicht. Ein DSDS-Sieg mag das eine sein, die Qualifikation für die Endrunde der Popeuropameisterschaften in Oslo ist etwas anderes.

Verblüffend allerdings war der Beweis, der die Differenz beider Showformate umreißt: Max Mutzke nämlich, ESC-Star auf deutschem Ticket des Jahres 2004, gecastet bei Stefan Raab und akklamiert durch das ARD-Publikum der deutschen Vorentscheidung, ist noch immer ein Star, wenn auch einer im zweiten Frühling. Er kann singen, er ist ein bezaubernd-kraftvoller Musiker – und ihn hat kein ESC beschädigt, sondern diesem hat er weitgehend alles zu verdanken. Böse gesagt: Er hat alle Meriten für eine gute Zukunft auf seiner Seite, ein Alexander Klaws hingegen wird womöglich in Bälde Reklame auf Verkaufssendern machen müssen.

Oder liege ich da falsch – was ist schon ein makellos scheinendes Gesicht gegen einen Charakterkopf, der international, in Istanbul, immerhin einen achten Platz erreichte?

Ich finde: Das Staatstragende ist extrem erfrischend – es kam sogar ohne Pomp aus. Alles sehr cool unter der Reichstagskuppel – das hebt die Vorfreude auf die Unser-Star-für-Oslo-Runden erheblich!

Mehr Aufmerksamkeit geht nicht

19. Januar 2010 von Jan Feddersen

Als nationale Aufgabe versteht Stefan Raab die deutsche Vorentscheidung für den ESC in Oslo ohnehin – das gab er schon bei der Präsentation der Kooperation mit der ARD im Herbst zu verstehen. Zur Erinnerung: Wann je ist eine Pressekonferenz – eine Pressekonferenz! – via Phoenix übertragen worden? Vom gleichen Sender, der von Parteitagen berichtet, politische Talkshows der speziellen Sorte anbietet und die große, weite Welt der Wichtigkeiten laut Programmauftrag abzubilden hat.

Andererseits: Was wäre in europäisch-kultureller Hinsicht politischer als ein ESC – und kommt nicht dauernd politisches Explizites zum Ausdruck, hat Deutschland mal wieder sich nur in der Nähe der roten Laterne platziert? “Wir haben keine Nachbarn!”, “Osteuropa begünstigt sich nur selbst!” oder, wie es früher hieß, “Deutschland kriegt keine Punkte wegen des Krieges”: Der ESC ist ein politischer Indikator, und wer das bestreitet, muss schon unter den schweren Folgen fortgesetzter Humtata-Debilität leiden.

Donnerstag kommt uns ein neuer Höhepunkt in der nationalen Mobilisierung zum ESC ins Haus: Die ARD und Stefan Raab geben eine Pressekonferenz, wenige Tage vor der ersten Vorrunde zu “Unser Star für Oslo”, und das nicht in einem gemütlichen Studio in Köln, in einem Konferenzsaal in Hamburg beim NDR, sondern gleich in der Hauptstadt, mitten im Regierungsviertel, streng genommen: oberhalb des Parlaments. Wir kennen keine Parteien mehr, sondern nur noch Gesang, Musik und Tanz, auf dass es kein Scheitern in Norwegens Hauptstadt gibt? So muss man es deuten, denn die Pressekonferenz findet am Abend statt, auf dem Dachgarten des Bundestages (”Reichstag”) in der Reichtstagskuppel, im Parlamentsrestaurant. Dort trifft sich das Publikum, um durch die transparente Kuppel Norman Fosters den Parlamentarien aufs Haupt zu schauen. 

Das ist Organisation von Aufmerksamkeit und Wichtigkeit. Ich finde das gut. Vorgestellt werden die beiden Moderatoren von “Unser Star für Oslo”, Sabine Heinrich und Matthias Opdenhövel. Zu Gast sind von beiden Sendern tonangebende Menschen, für Fragen und zum Zeigen, dass es allen Beteiligten sehr ernst ist. Was soll man sagen? Ich freue mich auf diesen Auftrieb von Relevanzorganisation: Es gab definitiv schon lieblosere Jahre, allesamt vor 1996, als der MDR oder der Bayerische Rundfunk Pressekonferenzen gab – wenn überhaupt! -, die nur dies signalisierten: Wir müssen informieren, aber eigentlich scheint uns das alles peinlich. Stefan Raab hat nichts von dem: Klasse, das!

Einmal kein Döner-Pop!

13. Januar 2010 von Jan Feddersen

Was für eine hübsche Nachricht: Manga, oder maNga, wie sie sich selber schreiben,  jene Band, die Ende vorigen Jahres den MTV Europe Award für den besten europäischen Popact gewann, wird für ihr Heimatland, die Türkei in Oslo an den Start gehen. Das ist insofern ein gutes Zeichen, als in der norwegischen Hauptstadt nun mindestens ein arrivierter Act mitmachen wird – die Jungs sind in etwa so populär bei Menschen unter 30 wie es in den sechziger Jahren es Sandie Shaw oder Lulu waren.


Ja, und wie ist deren Musik? Klang und Performance? Eher härter, fern gediegener Chanteusenseligkeit – aber vor allem sind Manga so fern dem landestypischen Döner-Pop wie es nur geht. Döner-Pop? Das ist eine Sorte Musik, bei der einem, wenn man nicht unmittelbar im orientalischen Umkreis lebt, unwillkürlich die Idee kommt, mit Hilfe dieses Sounds lassen sich perfekt Fleischfetzen vom Dönerbaum raspeln – in die Brottasche hinein. Nein, für sowas sind Yagmur, Cem, Efe und Özgür und Ferman nicht zu haben. 

Nein, Manga erinnern eher, so berichten mir türkische Freunde, an eine Mixtur aus der deutschen Band Juli, Apokalyptica, Peter Fox und der Band Athena, die mit Ska 2004 in Istanbul bereits einmal bewiesen, dass vom TRT, dem türkischen für den ESC zuständigen Sender, nicht nur Sängerinnen delegiert werden, die an Serail und Harem erinnern bzw. gemahnen. Kurzum: Manga sind die Antwort auf “Düm Tek Tek“, “Süperstar” oder “Rimi Rimi Ley“. Und, im Übrigen, der sechste männliche Act in Oslo – das scheint in Norwegens Hauptstadt, was die männliche Quote anbetrifft, ein Rekordjahr zu werden. Ich freue mich auf den Titel von “Manga”. Ob es eine Offenbarung wird oder wenigstens eine ästhetisch-musikalische Überraschung. Schief gehen kann fast nix mehr!

Einer der sechs männlichen Teilnehmer kommt übrigens aus Bosnien-Herzegowina.  In Sarajewo entschieden sich die Verantwortlichen für Vukasin Brajic.  Auch dieser Kandidat ist sehr populär: In der einer Castingshow wurde er Zweiter, allerdings Sieger der bosnischen Herzen:  Er, Publikumsliebling,  gewann am Ende zwar nicht die Show “Operacija Trijumf”, dafür darf er jetzt in die Fußstapfen von Hari Mata Hari und Regina treten.

Austeilen zum Abschied

12. Januar 2010 von Jan Feddersen

Neulich hat der dänische TV-Direktor der European Broadcasting Corporation (EBU), Björn Erichsen, mit seiner Arbeit aufgehört. Er kehrt nun vom Genfer See nach Kopenhagen zurück - hinterließ aber noch in einem Interview bedenkenswerte Aussagen. Erichsen, unter dessen Ägide aus dem Grand Prix Eurovision die Marke ESC wurde, erklärte unter anderem seine Mühen, die italienische RAI zur Rückkehr in den ESC zu bewegen, für gescheitert. “Ich bin ehrlich enttäuscht, dass wir das nicht geschafft haben”, so Erichsen auf der offiziellen Website der EBU. Die RAI gehört zu den Gründungsmitgliedern des ESC. “Meiner Meinung nach verhält die RAI sich dumm. Wir haben sie seit acht Jahren jedes Jahr eingeladen. Ich wünschte, ich wüsste, wer bei diesem Sender der Spielverderber ist, und ich würde gern die ehrliche Begründung hören. Ich habe nie ein Argument gehört, warum man nicht am ESC teilnimmt, das einen Sinn ergeben hätte.”

 

Björn Erichsen, bis Anfang 2010 TV-Direktor der EBU.

Björn Erichsen, bis Anfang 2010 TV-Direktor der EBU.

Ein, gemessen an den diplomatischen Gepflogenheiten, die ein Mensch in seiner Position einzuhalten hat, heftiger Zornausbruch! Aber Björn Erichsen hat offenbar nix mehr zu verlieren. Und hat er nicht recht? Bis 1997 hat die RAI zum ESC häufiger als andere Länder – abgesehen vielleicht von der BBC – Acts geschickt, die den Abend in puncto Chartfähigkeit überlebten. “Magic, oh Magic” von Al Bano & Romina Power gehört vielleicht nicht dazu, aber “Si” und “Non ho l’eta” von Gigliola Cinquetti (1964 und 1974), “Volare” von Domenico Modugno (1958 erreichte er mit dem Originaltitel “Nel blu, dipinto di blu” einen 3. Platz) und von ihm auch “Ciao Ciao Bambina” (1959 trat Modugno mit “Piove” an, Caterina Valente sang ihn später unter dem Titel “Ciao Ciao Bambina”); gleichfalls nicht zu vergessen Alice & Franco Battiato 1984 oder Toto Cotugnos “Insieme: 1992″, Sieger von 1990.

Seit Jalisses “Fiume di parole” in Dublin 1997 bleibt Italien lieber zu Hause – man interessiert sich nicht mehr für Europa; man schwört auf das Festival von San Remo und möchte lieber sich nicht der Konkurrenz aus anderen Teilen Europas stellen. Das ist schade, das ist tatsächlich nicht verständlich – und hat, irgendwie, ein Geschmäckle.

Aber hätte Erichsen nicht taktvoller meckern können? Reichte es nicht schon, dass er vor anderthalb Jahren die BBC attackierte, weil diese Terry Wogan als Kommentator hatte, einen Mann, der vor ätzenden Sprüchen, lästerlich und ESC-verspottend, nicht zurück schreckte? Erichsen war einige Zeit ein unbeliebter Mann in London – ein schroffer Mann an der Spitze einer europäischen Organisation, das war schwer erträglich.

Dennoch: So wie wir für freie Meinungsäußerungt sind, so durfte auch Björn Erichsen aus einem Herzen ein kundgebendes Organ machen. Allein: Ist Italien jetzt wieder im Boot? Ich glaube, sein Nachfolger muss sanfter operieren – sonst wird es mit dem Land, dem wir “Raggio di luna” von Matia Bazar verdanken, nie wieder etwas beim ESC!

Immer Liebe!

8. Januar 2010 von Jan Feddersen

Sie war eben 23, hatte eine schon ziemlich lange Laufbahn im Unterhaltungsgewerbe hinter sich, und gewann durchaus von Pfiffen begleitet die deutsche Vorentscheidung zum ESC von Edinburgh. “Nur die Liebe lässt uns leben” hieß ihr Titel, und in der schottischen Metropole schaffte sie, wie der BBC-Kommentator respektvoll sagte, mit einer “confident, relaxed performance” den dritten Platz.


Was für ein Aufstieg in fast letzter Sekunde: Mary Roos, als Rosemarie Schwab gebürtig, aufgewachsen in Bingen am Rhein, wo sie im Gasthaus ihrer Eltern für deren Gäste auf Tischen sang. Als Achtjährige bekannte sie auf einer Schallplatte: “Die Dicken sind immer so gemütlich!” Ehe sie in Berlin sich das Ticket für die schottische Hauptstadt ersang war sie bereits in Sachen Schlager und ESC stark unterwegs. Echten Elan bekam ihre Karriere allerdings erst, nachdem sie, produziert von Giorgio Moroder, 1970 dem “Arizone Man” Kontur verlieh – ein Achtungserfolg. Mary Roos, die schon vor Edinburgh mit Hilfe ihres damaligen Mannes in Frankreich Fuß fassen konnte, veröffentlichte jüngst ein Gros ihres französischen Oeuvres wieder, Titel “Amour toujours”, immer die Liebe.
Am 9. Januar wird sie 61 – eine Zahl, die sie als rüstige Pensionistin ausweisen könnten, aber die Roos, ist unermüdlich. So ist sie zwei Tage später in den “Fliegenden Bauten” in Hamburg zu sehen. In der Reihe “Hamburg Sounds” von NDR 90,3 tritt sie unter anderem mit eben jenen französischen Liedern auf. Und wer nicht vor Ort sein kann – per WebTV lässt sich das Konzert auch von zu Hause verfolgen.
Mary Roos ist nach wie vor unermüdlich. Sie tourniert mit Florian Silbereisen und seiner Volksmusik, sie bestreitet Galas, war auf ESC-Fantreffen zu Gast – und dies mit gutem Grund:  “Lady” mit David Hanselmann aus dem Jahre 1982 zählt ebenso zu den exzellenten ESC-Acts wie auch das Vorentscheidungslied aus dem Jahre 1975, “Eine Liebe ist wie ein Lied”. Die Liebe hat die Roos immer gern besungen, allerdings auch deren Scheitern, 1984 war dies auch international zu hören, als sie in Luxemburg “Aufrecht geh’n” sang und leider nur auf einem mittleren Platz landete. Es war, so bekannte sie, ein Herzensseufzer, denn es war auch ihr Lied zum Ende der Ehe mit Werner “Wendehals” Böhm: Deren Blankeneser Polonäse wurde in jenen Jahren abgebrochen. Mary Roos ist der Beweis, dass man aus der anderthalbten Reihe des Popbusiness sich sehr wohl, immer mit den Meriten des ESC im Gepäck, sehr lange, sehr glaubwürdig, sehr gut im Business halten kann. Wir wünschen ihr Liebe und Glück zum Geburtstag!