Roman, Roman, Roman
17. Februar 2012Schade um Ornella. Aber gibt es einen würdigeren Abschied aus “Unser Star für Baku”, als mit 49,3 zu 50,7 Prozent im Finale verloren zu haben? Sie hatte die Auftritte ihres Lebens. Sie war auf die Minute fit und konzentriert; sie intonierte die Lieder, fand ich, perfekt und eindringlich. Sie darf stolz auf sich sein – aber gegen Roman war, alles in allem, kein Ankommen.

Roman Lob, der heißeste Favorit seit der allerersten Runde, hat “Unser Star für Baku” gewonnen und fährt nun in die aserbaidschanische Hauptstadt, um das Erbe des deutschen Eurovision Song Contest anzutreten, das sich in Sängerinnen und Sänger wie Margot Hielscher, Heidi Brühl, Ireen Sheer, von Joy Fleming und Mary Roos, von Nicole, Wyn Hoop, Guildo Horn und Stefan – und vor allem von Lena Meyer-Landrut ausdrückt.
Dass das Publikum für Ornella im Zweiliedfinale “Quietly” aussuchte und für Roman “Standing Still”, war wenig verblüffend. Der Sängerinnen Lied war von handverlesener chansonhaftigkeit in aller Stille, das Lied ihres männlichen Konkurrenten atmete den Geist, kein Wunder, des Wunderkomponisten Jamie Cullum – der nämlich schrieb an “Standing Still” mit.
Aus der Schweiz erhielt ich von meinem alten, guten, kundigen Freund Andreas folgende SMS wenige Minute nach Ende des Abends: “Toller Titel, Interpret ein Sympathieträger. Ihr seid in Baku im Rennen um die Krone voll dabei. Das ist ein ganz heißer Favorit.” Man muss dazu erwähnen, dass dieser Freund Horn, Raab und Michelle, überhaupt die meisten deutschen ESC-Acts nicht mochte – also wenn er schon wie die Krake Paul zur WM 2010 in Südafrika sein Orakel spricht, dann könnte er richtig liegen. Denn er sagte alle deutschen Acts von der Platzierung her mit geringen Schwankungen sehr präzise voraus.
Was ich aber eigentlich sagen will: Guckt man sich den Finalabend überhaupt und leicht von oben an, widmet sich nicht den Ornellas und Romans und lässt die musikalische Atmosphäre auf sich wirken, stellt sich ein irrer Effekt ein. Es war eine Show der depressiven, melancholischen, eher traurigen und stillen Lieder – und das in einem Land, dem es konjunkturell so gut und sattelfest geht wie seit 20 Jahren nicht. Es macht also Sinn, wenn krisengeplagte Länder wie Griechenland oder Zypern manische Heiterkeiten präsentieren – offenbar wohnt die Vorliebe für Trauriges besonders in Ländern, denen es ziemlich prima geht, eigentlich. Aber das nur als Randbemerkung.
Insgesamt – ein spannender Abend, ein musikalisch exzellenter Spannungsbogen. Die Jury in guter Form, Raab war wieder besonders gut, gerade weil er kaum Urteile formulierte. Die ModeratorInnen, Sandra Rieß und Steven Gätjen, hübsch angezogen und souverän.
“Standing Still” ist ein klasse deutscher ESC-Beitrag. Herzlichen Glückwunsch all jenen, die ihn wählten. Und Roman, dass er mit diesem gewinnen konnte.









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.