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Natalie Horler – Frau der Woche

24. Mai 2013

Vor genau einer Woche hatten Cascada die ersten Einzelproben hinter sich, vorigen Freitag stand die erste Generalprobe bevor. Die Band, aber auch Familie, Freunde, deutsche Fans, die ESC-Delegation des NDR und wer auch immer, konnten mit der Welt zufrieden sein. Wer wollte, konnte in dem am 14. Februar in Hannover gewählten deutschen ESC-Act eine superprofessionelle Truppe erkennen. Und das taten fast alle. Es gab so gut wie niemanden, der “Glorious” nicht zumindest unter den Top 10 am Ende des Grand Finals sah. Manche, was übergeschnappt gewesen sein mag, wähnten das Lied sogar unter den Top 3, niemand jedoch mit 18 Punkten (ver-)endend auf dem 21. Platz – und damit auf dem schlechtesten Rang seit den No Angels 2008 in Belgrad.

Natalie Horler findet: "Nach dem ESC geht das Leben weiter."

In der Sphäre des Entertainments, in der Welt des Pop gilt es zunächst, Aufmerksamkeit zu erlangen. Schöner Gesang zu noch so betörenden Bühnenbewegungen nützt nix, wenn er nicht bemerkt wird. In der Ökonomie der Aufmerksamkeitsorganisation haben Cascada im Grunde nach dem ESC bilanzieren können: Alles richtig gemacht. Man schaue sich nur die internationale Presse an – so starkes Interesse hätte es womöglich für den neunten bis zwölften Rang nicht gegeben. Ob die britische Zeitung The Telegraph, die keineswegs europäische Times of India, das französische Blatt Le Figaro, die irische Independent, die teilweise das eurovisionäre Einflussgebiet berührende Arab Times oder in Blogs der spanischen Zeitung El País: Mehr internationale Beachtung hätte ein Sieg wohl auch nicht gebracht. Alle, buchstäblich alle Kommentatoren und Berichte glauben, dass der 21. Platz für Cascada ein Ausdruck gegen Angela Merkel gewesen sei, ja, ein Stoßseufzer gegen eine Euro-Großmacht-Sieger-Mentalität, die man in der deutschen Politik erkennt. Es war, als hätten die Eurovisionsländer sich gegen alle Wetten und Prognosen über Nacht verschworen, um der deutschen Politik am Beispiel von Cascada mal tüchtig eins auszuwischen. Allerdings war von dieser Aversion gegen Deutsche und Deutsches in Malmö nix zu merken. Ganz im Sinne einer aktuellen Studie der britischen BBC gab es keine Stimmung gegen Natalie Horler, nicht gegen deutsche Fans oder deutsche Journalisten. (Okay, dieser ESC war zugegebenermaßen nicht in Athen, sondern im von der Krise kaum betroffenen Schweden.) Deutschland ist weltweit eher beliebt, jedenfalls mehr als die Europäische Union, dieser Studie zufolge.

Aber wie dem auch sei: Tatsächlich ist auch bei diesem ESC zu beobachten, dass hinterher alle schlau gewesen sein wollen. In Foren liest man: „Na, wusste ich‘s doch!“, „Hatte ich es nicht geahnt?“ oder „Nein, das ist doch kein Wunder!“ Was die Illustrierte Focus schrieb, ist quasi der mediale Mainstream-Ausdruck dieser Schlaumeierei danach. Sie unterstellen nach Belieben. Vor allem habe die schlechte Platzierung daran gelegen, dass die ARD im Jahr nach Stefan Raab mal wieder voll schlapp machte – das stand auch in der Süddeutschen Zeitung zu lesen, und das ist ungefähr so sinnvoll als Aussage wie die These, dass der ESC ohne Raab und Brainpool stets auf Rängen fast am unteren Ende des Tableaus landete. Das ist einfach zu öde, um es aufzudröseln – man schaue sich die Ränge der Jahre vor Lena an und erkennt leicht, dass Raab keine über-eurovisionäre Möglichkeitsgottheit war (und auch nicht ist).

Es gibt bestimmt viele Gründe, sich um den 21. Platz Gedanken zu machen (und ohne jetzt mit dem Finger auf jemand anderen zu zeigen oder woanders hinzulenken, aber die Misere des ESC ist in Spanien und Frankreich noch erheblich ausgeprägter), aber die Heldin der Eurovisionstage von Malmö bleibt Natalie Horler so oder so. Weil sie mit dem Gefühl nach Schweden reisen durfte, am 14. Februar astrein und eindeutig gewählt worden zu sein. Weil sie mit ihrer Formation auf einen Erfolg zurückblicken kann, der in Deutschland nur wenigen gegeben ist. Weil sie eine prima, sympathische, unzickige Frau ist und im Übrigen eine Serie von Promotionauftritten zu absolvieren hatte, die von wärmster Professionalität kündete – und davon, dass sie selbst erschöpft nie die Contenance verliert. Die Horler – so mein persönlicher Eindruck – ist das Gegenteil von Konzeptpüppchen, von ewiger Barbie. Sie ist eine Entertainerin, die möglicherweise zur falschen Zeit am falschen Ort war. Was sie tatsächlich von allen in Malmö vorne Platzierten unterschied, war das Alter jenseits des Jungerwachsenen. Und auch das Alter im Vergleich mit allen, die nach Lordi 2006 gewannen. Sie alle, ob Dima Bilan oder zuletzt Loreen und nun Emmelie de Forest, umweht(e) dieser gewisse Appeal von Frischlingshaftigkeit, von Unschuld und naiver Grazie. Eine wie Natalie Horler mag gegen sie alle eine Spur zu selbstvertraut gewirkt haben.

Ins Sexistische geht die Kritik jedoch, wenn man Zeilen wie diese liest: “Leider ist das blonde Streberdeutschland im knapp geschnürten Goldfummel nicht so sehr beliebt bei den anderen in der Europa-Klasse. Das mag dem Neid auf propere Wesen geschuldet sein oder der Tatsache, dass es mit der Eleganz beim Treppe steigen noch hapert.” Oder hier etwas ausgeruhter: “Das mag auch an der eher mageren Performance liegen, mit der Cascada sich in Malmö präsentierten und streckenweise an den desaströsen Auftritt der No Angels erinnerte. War sie bei den Proben in Malmö am vergangenen Wochenende noch in bestechender Form gewesen, kam ihre Stimme nun wackelig und unsicher über den Sender. Sie wirkte, als fühle sie sich nicht wohl in ihrem viel zu engen Goldfummel, als bedrücke sie die Einsicht, dass sie sich mit dem arg kalkulierten Titel “Glorious” möglicherweise doch keinen so großen Gefallen getan hat, wie das die ARD-Delegation im Vorfeld gerne glauben machen wollte.” Der Mann hat es offenbar nicht so mit Frauen, die nicht so mager wie Lena aussehen, aber was sollen bloß die Anspielungen wie “viel zu engen Goldfummel”. Mir scheint, als nähme da jemand übel, dass die diesjährige ESC-Aspirantin aus Deutschland nicht aussieht und nicht so ist wie Lena.

Anyway, so sehr die SZ allgemein gegen Sexismus einzutreten weiß, in Sachen ESC darf man mal wieder den Herrenreiterblick aus den (falschen) Fuffzigern auferstehen lassen. Anders gesagt: Es ist schade, dass Cascada nur 21. wurden. Andererseits: „So what? Good show!”, würden die Briten sagen, und: „Very popular in the hall“ (Terry Wogan, BBC-Legende). Zu hämen, das geht in Ordnung, aber auf Kosten einer Sängerin, deren Appeal einem männlichen Rezensenten nicht zusagt, als sei er im Peep-Show-Kino in die falsche Kabine gesetzt worden: Das ist als Haltung – entwürdigend.

Natalie Horler sagte cool: „Nach dem ESC geht das Leben weiter“. Recht hat sie!

Warum schweigt die EBU?

22. Mai 2013

Nach dem Song Contest in Malmö hätte es so viele schöne Meldungen geben sollen - so wünschte es sich zumindest die European Broadcasting Union (EBU). Zum Beispiel die Meldung, dass der Malmöer ESC wieder ein spektakuläres Fest gewesen sei – bis nach Australien habe man die Familie des Musikalischen spannen können. Und dann der Erfolg bei den Quoten (das ist er wirklich) und auch bei den SMS-Zahlen … Nur gute Nachrichten wollte man mitteilen. Aber es kam anders: Der Norweger Jan Ola Sand, Exekutivdirektor des ESC innerhalb der EBU, musste sich nach dem Musikwettbewerb vor allem mit einem möglicherweise noch größer werdenden Skandal auseinandersetzen, nämlich dem Vorwurf, das Televoting sei manipuliert worden. Man reagierte dabei auch auf Berichte der BBC. Selbstverständlich kamen die ersten fassbareren Hinweise von ESC-Fans und Journalisten. Manchmal hört die EBU eben doch auf die Graswurzelarbeiter im Weinberg der Eurovision.

Aserbaidschan belegte in Malmö den 2. Platz. Ging alles mit rechten Dingen zu?

Kurz gefasst (auch auf “Spiegel Online“): In einem heimlich gefertigen Videomitschnitt einer litauischen TV-Gesellschaft soll dokumentiert sein, wie aserbaidschanische Mittler versuchen, Televotingstimmen zu kaufen, in diesem Fall im südlichsten Land des Baltikums. Hier ist das auf YouTube auffindbare Stück. Da schließt sich gleich meine Frage an: Kennt jemand irgendeine der handelnden Personen? Als aserbaidschanische TV-Funktionäre, als solche aus Vilnius, Litauen? Oder gar, man weiß es ja nie: als Schauspieler, die Aserbaidschaner und Litauer spielen? Sachdienliche Hinweise gerne an uns - und am besten auch gleich an eurovision.tv zu Händen von Jan Ola Sand.

Tatsächlich gibt es seit Jahren in der ESC-Szene eine Fülle von Gerüchten, die sich um Stimmenkäufe und so weiter drehen. In Malmö erzählte mir ein befreundeter Journalist aus Israel, es gebe doch viele Beweise für Käufe von Televotingstimmen und sogar auch der Gunst von Jurymitgliedern. Im Falle des aserbaidschanischen Performers Farid Mammadov scheint es mir zunächst so: Sein Beitrag und auch der aus der Ukraine sind von modernster Machart. In jedem Ton ihrer Arrangements wird der Anspruch deutlich, global in Radios gespielt zu werden. Dass Ictimai TV, Aserbaidschans TV-Sender, nach dem ESC in Baku 2012 seine Ansprüche auf überlokale Bedeutung aufrecht erhält - wen wundert das denn?

Natürlich macht man weiter, genau wie die TV-Anstalten Russlands: Man will doch Internationalität herzeigen. Weshalb sonst werden gerade von exsozialistischen Ländern mit autokratischen, oligarchischen Strukturen Komponisten- und Texterteams aus dem “Westen”, besonders gern aus Schweden eingekauft - es soll doch nicht hinterwäldlerisch klingen! In der ZDF Show “Markus Lanz” taucht (ab Minute 53:20) etwas davon auf: Skandinavisches geht immer! Insgesamt hat den Fall des möglichen Stimmenkaufs der Prinzblog ziemlich gut aufgedröselt. Was hier geschrieben ist, deutet zumindest die Möglichkeit von obskuren Votings an. In den ESC-Foren werden andere Ungereimtheiten aufgezählt. Warum gibt Aserbaidschan Russland keinen Punkt, obwohl es in der Jury von Baku starke Zustimmung für Dina Garipova gab - und woher wissen das die Leute in Moskau überhaupt?

Ein Aspekt bleibt unbeleuchtet, in allen Beiträgen: Generell gilt ja angeblich die 50/50-Regel. Das heißt: Die eine Hälfte des Stimmengewichts kommt über das Televoting (SMS, Anrufe, App-Klicks) zustande, die andere über eine Jury. Davon abgesehen, dass eine aserbaidschanische oder weißrussische Jury nicht unabhängig sein kann - es sind nun mal autokratische, diktatorische Regime - hat die EBU aber bestimmt, dass das Televotingresultat nur zählt, wenn genügend Stimmen zustande gekommen sind. In Monaco rief vor ein paar Jahren - ein Extremfall - kein einziger beim ESC-Televoting an: Und dann zählte nur die Jury. In welchen Ländern also nur die Jurywertung zur Geltung kamen, dazu schweigt die EBU ebenso wie zu der Frage, wie hoch ein Televotinganteil sein muss, damit er in ein 50/50-Resultat einfließen kann.

Sietse Bakker, Event Supervisor für den ESC bei der EBU, Direktor und Sprecher des Projekts, teilte eurovision.de mit: “We do not reveal the so-called televoting threshold, to avoid people in the future abusing this information to make attempts to influence the televoting in certain countries.” Heißt: Um direkte Manipulationen zu vermeiden, geben wir kein Limit bekannt – weder im Hinblick auf die Zahl der Televoter noch auf die der Länder, die mangels Televotinganzahl als ihr Resultat ein reines Juryergebnis vortrugen. Er sollte es dringend mit aufklären helfen. Denn wie sagte er eurovision.de noch vor dem Song Contest: “Wir dürfen nicht bequem werden”  - sonst zerstört sich der ESC durch Korruptionsfälle so sehr wie der Radsport durch vertuschte Dopingpraxen. Das ist irgendwie verständlich, andererseits auch nicht. Das Televoting läuft seit vielen Jahren über eine Kölner Firma namens Digame, sie lässt ihre Ergebnisse von einer international renommierten Firma prüfen. Alle Televotingresultate sind zuerst Digame bekannt, dann erst den einzelnen Ländern. Wie also Korruption mit SIM-Karten genau funktioniren könnte, erschließt sich nicht so recht.

Tatsache ist: Korruption gab es in den frühen Neunzigern gerüchteweise auch schon: Malta, Kroatien, die Slowakei und Zypern sollen daran beteiligt gewesen sein. Das war vor den elektronischen Zeiten, als es noch persönlich bestellte Jurymitgliedschaften gab. So sorgte beispielsweise in Malta der Intendant des Senders persönlich dafür, wer in der Jury von La Valetta saß. Auch darf inzwischen als sicher gelten, dass Massiels Sieg 1968 auf stimmengedopte Art stattfand. Das rechte Franco-Regime wollte den ESC aus Prestigegründen und man kaufte für diesen Zweck internationale Künstler wie den Deutschen, damals in Acapulco ansässigen Arrangeur und Komponisten Bert Kaempfert ein. Hier geht’s zum Video. Man sieht, Aserbaidschans Strategien - falls es sich um solche handelt - hatten Vorläufer im heute demokratisch geläuterten “Westen”. Was wir uns jetzt wünschen, sind Antworten auf die ungeklärten Fragen zum Song Contest in Malmö!

Emmelie, Anouk, Cascada – und die Resonanzen

21. Mai 2013

Man darf die Frage der Zeitung “Berlingske Tidende” im Hinblick auf das Schicksal der ESC-Siegerin Emmelie de Forest für typisch nehmen: “Ein Stern für einen Abend – oder zwei?”. Natürlich, man jubelt in Dänemark – aber, wie die deutsche Nachrichtenillustrierte Focus korrekt berichtet: Der dänische Sender Danmarks Radio, der auch einen schönen Bericht von der Party im Vergnügungspark Tivoli gebracht hat, weiß noch nicht, wie er den nächsten ESC ausrichten will. Viel Geld hat die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt vor 12 Jahren nicht verloren, als man den Grand Prix in Kopenhagen im Stadion Parken ausrichtete. Aber durch einen viel zu groß geratenen Senderneubau im prestigeverheißenden Neubauviertel zwischen Innenstadt und Flughafengelände Kastrup war man einige Jahre klamm. Fakt scheint mir: Der überbordende Beifall fiel für Emmelie de Forest einige Dezibel leiser aus – anders als bei den Olsen Brothers, die 2000, als sie auf Kopenhagens Rathausbalkon standen, von Zehntausenden so freundlich angekrischen und angehimmelt wurden wie 1992 die Fußball-Nationalmannschaft nach dem EM-Final-Sieg gegen Deutschland.

Emmelie galt im Vorfeld des Finales als heißer Favorit. Dass sie tatsächlich gewann, konnte sie trotzdem kaum fassen.

Emmelie – das ist auf jeden Fall die Königin dieser Nacht. Fans, die den letzten Zug nach Dänemark von der Malmö-Bahnstation Hyllie nicht erreichten, grölten absolut quietschvergnügt auf dem Bahnsteig und riefen “Sejren er vor” – also: “Der Sieg ist unser”. Man stelle sich vor, wie die deutsche Bildungspresse über diese Fans hergefallen wären (und hätte sie des verhüllten Nazitums bezichtigt), wenn sie diese Parole vor sich hingescheppert hätten.  Aber die öffentlich vorgetragene Freudenbekundung in Deutschland ist eine schwierige Sache . Geht wohl nur, wenn ein Verein gewinnt, und das wird nächstes Wochenende garantiert der Fall sein, denn Bayern oder BVB, das ist die Frage. Eigentlich: die einzige Frage, die das deutsche Kollektivgemüt einige Tage lang beschäftigen wird.

Aber dazu gleich mehr, zunächst ein Blick in die Schweiz. In der Boulevardzeitung Blick teilten sich die voriges Jahr gestrauchelten Jungs von Sinplus mit: “Nächstes Jahr müssen Jüngere mit Talent ran!” Ja, das mit der “Heilsarmee” war nix – nicht aus religiösen Gründen, sondern weil das Lied “You & Me” auf so groteske Art Biedersinn verströmte. Nein, das ging nicht. Aber müssen die Heilsarmisten nun sehr leiden unter öffentlicher Schmäh? Glaube ich nicht. Bei den Eidgenossen zählte schon Sonntag die Eishockey-WM mehr. Man wurde dort Zweiter, was ziemlich sensationell war. In Schweden reagierte die Preesse ähnlich: ESC ist okay, doch Männersport wie Eishockey ist als Volkskultur noch stärker.

Um es mal etwas boulevardesk auszudrücken: Ea wäre kein Wunder, wenn in den Niederlanden in den nächsten Monaten sehr viele neugeborene Mädchen Anouk genannt würden. Fast sechs Millionen Zuschauer guckten bei unseren nordwestlichen Nachbarn den ESC, schreibt die Amsterdamer Tageszeitung Volkskrant – und das ist eine Menge, die in Deutschland einer Zahl von etwa 31 Millionen Menschen entspräche, die dem ESC zuschaute. Das hat, bei aller Liebe zu Lena Meyer-Landrut, deren Auftritt als Punktefee 2013 im Netz ein Riesenthema ist, selbst die ESC-Siegerin von 2010 in Oslo nicht geschafft.

Hierzulande ist es erwartbar geworden: Jens Maier schreibt auf stern.de über Cascada. Es ist die Zeit der üblen Nachrede, der Grand-Prix-Miesmachung und so weiter und so fort. In der Zeitung Die Welt wird ein “Rückfall in alte Zeiten” konstatiert – und dass die 18 Punkte für Cascada kein Ausdruck einer antideutschen Stimmung gewesen seien: “Sollte die Analyse der Musik ehrlich verlaufen, dürfte es wohl auf ein Ergebnis rauslaufen: In Malmö ist schlicht das wahr geworden, was viele Fans nach dem Vorentscheid vom Februar befürchtet hatten.” Im Sinne des Autors heißt das wohl: LaBrass Banda hätten es sein sollen – aber die seien ja von der Jury übersehen worden. Nun gut, man könnte mit Peer Steinbrück sagen: HätteHätteFahrradkette … Als Spruch für jedwede Debatte um ein “Was wäre wenn?”

Auch was auf gmx.de stand, zusammengetragen aus Material von Nachrichtenagenturen, ist nur ein Ausschnitt: Blogger gibt es viele, auch griechische, und manche pöbeln, andere nicht. Die Lautstärksten werden meist am Ehesten wahrgenommen, that’s it. In der Frankfurter Rundschau behauptet der Autor, die Big-Five-Regel habe sich nicht bewährt. Und an solchen Thesen merkt man immer wieder: Es wird viel Nonsens geredet, auch in Zeitungen, die eher siechen als leben. Denn: Ohne diese Regel hätte der ESC allein deshalb keine Chance, weil im Falle des Ausscheidens dieser (fiinazstarken) Länder in den Semis deren jeweiliges Publikum nicht mehr final zugucken würde. Und das wiederum führte irgendwann zum Verzicht auf die Show überhaupt – na, das ist vielleicht etwas zu weit vorausgedacht für Journalisten, die in einem ESC nichts als lustiges Dies & Das erkennen.

Die Frage wird uns ja weiterbeschäftigen, Kollege Stefan Kuzmany von Spiegel Online deutet es an: Ob man Cascadas 18 Punkte dem Politischen zuschreibt, ob man den Dance-Act im ESC-Kontext für ästhetisch riskant hält, eines ist wahr. Nämlich, dass alle Sieger der vergangenen Jahre nach den Finnen von Lordi, die 2006 gewannen, Anfang bis Mitte 20 Jahre jung waren. Und insofern  überwiegend die Aura von Nichtroutine und Unschuld verbreiten konnten, obwohl sie alle professionell agierten, was sonst. Das ist ein wichtiger Fingerzeig für die kommenden Jahre. Mehr nicht. ESC heißt: Ausnahmen bestätigten alle Regeln.

Zirkuspferdqualität in Bestform

17. Mai 2013

Die, was das Sportliche angeht, Tatsachen sehen aus meiner Sicht so aus: Die zehn Länder des zweiten Semis, die sich für das Finale qualifizierten, sind Aserbaidschan, Finnland, Malta, Island, Griechenland, Armenien, Ungarn, Norwegen, Georgien und Rumänien. Man könnte sagen: Der Kaukasus hat es zu dritt gemeinsam geschafft. Von zehn Ländern, die einst zur Sowjetunion gehörten, ist nur Lettland ausgeschieden, neun hingegen sind im Grand Final präsent. Auch die skandinavischen Länder sind vollzählig vertreten, alle fünf sind weiter.

Der Ungar ByeAlex hat sich mit seinem Titel "Kedvesem" ins Finale gesungen.

Die Länder, die einst zu Jugoslawien gehörten, sind ebenso auf der Strecke geblieben wie Albanien. Mazedonien, als letztem Sprengsel aus dem Reiche Titos, hat es nichts genützt, dass Esma als Ultra-VIP der Romas in ihrer Heimat wie überhaupt in der europäischen Diaspora mitmachte. Israels Dame muss abreisen, so auch die Schweiz. Ich würde sagen, dass man das bedauern könnte, wenigstens im Falle Moran Mazors. Malta trat erstmals mit einer Chill-Lounge-Gutgelaunt-Nichtdisko-Nummer an – und wurde belohnt.

Ungarn freut mich besonders, weil niemand es erwartet, dass ein Mann mit Agenturbrille und Wollmütze es packt. Die träge, aber entschlossen sich schleppende Melodie, hat ihm bestimmt geholfen: “Kedvesem” war großartig vorgetragen. Griechenland war auch keine Überraschung. Es leben überall Griechen im Ausland, und das Lied, eine Art Marlène-Charell-hafte Version vom Rembetiko, war ja gar nicht so übel. Der transsilvanische Rumäne könnte, wenn er jetzt schon im Finale ist, die gleiche Rolle spielen wie 2006 in Athen die finnischen Lordi-Leute: Eigentlich schrecklich zum Anhören, aber so speziell, so verführerisch zum Hingucken und sei es des Fremdschämens wegen, aber doch am Ende mit den meisten Punkten im Korb.

Dass die Schweiz auf dem Weg in die Endrunde verendete wie ein Geißbock auf der Flucht vor dem Schneesturm, elend nämlich, das musste nach dieser lahmen, kreuzbraven Performance erwartet werden.

Im West-Ost-Vergleich des Finales – früher ein Indikator für mancherlei Verschwörungstheorie, die auch ein Stefan Raab gern kolportierte – stellt sich nun heraus, dass es keine Übermacht des Ostens an sich gibt. Zählt man die Big Six der gesetzten Länder hinzu, steht es 15:11 für den Westen. Neun Länder des klassischen Grand Prix Eurovision (bis 1992 gültig) dürfen auch Samstag an den Start, elf der ehemaligen Intervisionssenderkette.

Mir haben vor allem drei Acts imponiert. Es sind die aus Ungarn, Island und Malta. Ist natürlich Geschmackssache, aber sie waren auch live sehr gut – und stärker als bei allen Proben. Das darf man Zirkuspferdqualität nennen, die Fähigkeit zum Momentum, des In-Bestform-Seins, wenn es wirklich zählt.

Hier, unter Journalisten und Fans, galt es bis 22:30 Uhr heute Abend als ausgeschlossen, dass San Marino ausscheidet. Aber das konnte man ahnen: Zwei Stücke in einem, ein absichtsvoll italienisch klingendes Ding, das am Ende von einer Art Musicalcrescendo abgetötet zu werden scheint, das konnte nicht gut gehen. Ich finde, Ralph Siegel hat dennoch allen Respekt verdient, es mal wieder versucht zu haben.

Ich freue ich aufs Finale. Mein Tipp, der bis morgen Nachmittag gilt: die Niederlande gewinnen vor Ungarn und Deutschland. Wenn ich irre, soll es mir auch Recht sein.

Die Ikone namens Carola

15. Mai 2013

Es wird mal wieder Zeit, über sie zu sprechen: Carola Häggqvist. Kein anderer Tag dieser Eurovisionswoche in Malmö ist geeignet. Aber nicht, weil sie gestern Abend im “Admiralen” ein, vorsichtig formuliert, frenetisch gefeiertes Konzert gab. Sie ist hier in Skåne jeden Tag irgendwo dabei - vorgestern beim Empfang der israelischen Delegation im “Glasklart”, gestern eben in einer öffentlichen Location. Carola – das ist eine Geschichte voller Triumphe, Leiden, Passionen, Missverständnisse – und auch eine vom Erwachsenwerden.

Carolas beeindruckende Grand-Prix-Bilanz: 1983 dritter Platz, 1991 erster Platz, 2006 fünfter Platz.

Um es so kurz wie möglich zu machen, was die Vorgeschichte angeht: Carola, gewann 1983 als Teenager die schwedische Vorentscheidung mit “Främling”. Keine andere vor oder nach ihr hat je alle Punkte bekommen – das Lied über den interessanten, unbekannten, aufregenden Fremden (also: “Främling”). Das klang wie eine Pubertäts-Fantasie, mit der sich jeder und jede identifizieren konnte – und wollte. Carola war andererseits immer bizarr. Schon auf der Bühne nach dem Melodifestivalen 1983 bekannte sie scheu aber vernehmlich, in der Bibel Zuspruch und Trost zu finden.

Dann machte sie weiter Karriere - mehr in Skandinavien als in den USA, wohin ihre Wege sie eigentlich führen sollten. So kam sie 1990 zum Melodifestivalen zurück, belegte mit “Mitt i ett äventyr” den zweiten Platz, um im Jahr darauf sowohl die Vorauswahl in Schweden als auch schließlich den ESC zu gewinnen – die Vorentscheidung in Malmö, das Finale in Rom: “Fångad av en stormvind”. Ihre Fans Kinder, junge Frauen, schwule Coming-Out-Jungs und gestandene schwule Männer. Carola – das war einfach auch schrill (ihrer Textilien wegen) – seelisch entblößt (weil sie immer ein paar Töne zum Schluss ihrer Lieder röhrend zu gurgeln scheint) und unpassend (weil sie eben immer noch schwerst auf Bibelsupertripp war).

Tja, und dann sagte sie auch Dinge, die sie vielleicht besser für sich behalten hätte. Wobei, ich finde es besser, Sachen auszusprechen, als sie zu leugnen. Also: Carola erzählte, sie lehne Homosexualität ab, Schwule seien von der Strafe Gottes heimgesucht, sie lebten in Sünde und, und, und …

… Und das hat sie bis in die vergangenen Jahre durchgehalten, weshalb man sie “die Tapfere” nennen könnte: Gegen ihre Fanbase zu quatschen, auch in Interviews, ist außergewöhnlich. Dann aber wurde es besser. Carola wurde offenbar erwachsen, weiß nun, dass Gott (der ihrige natürlich) auch Homos lieb hat und erzählt das auch überall rum.

Und gestern abend performte die eigentlich unnahbare Carola – sie mochte nie angefasst werden – im “Admiralen”. Und wie! Erzählte während ihrer Conférence, sie sei glücklich, nun die fünfte oder sechste Chance (wenn ich es richtig verstanden habe) erhalten zu haben. Die wolle sie nutzen. Und sie liebe alle. Sie sagte das in vollem Bewusstsein, dass im Publikum etwa 99,9 Prozent Leute waren, die entweder schwule Männer waren oder, wenn Frauen, dann deren Freunde. Carola glückte sogar ein Stagediving – mein Kollege Thomas Mohr von NDR 2 schwärmt noch jetzt - und badete auf den Armen von beseelten Menschen.

Ich würde sagen: Damit ist aller “queerer” Frieden mit Carola geschlossen. Sie ist eine Große. Vielleicht keine Göttin, aber zumindest eine unter seinen und unseren größten Dienerinnen. Es war ein exzeptionelles Konzert!

Jugo-postsowjetische Blockwertungen?

13. Mai 2013

Nach der ersten Generalprobe lässt sich dies zum ersten Halbfinale bemerken: Trommeln sind in Mode. Nicht nur in Osteuropa, auch die Dänin Emmelie de Forest lässt dieses Instrument als wuchtige Soundmaschinen laufen. Unabhängig von den Liedern ist die Show tatsächlich sehr auf Schmetterlingshaftes abgestellt – mit einer Moderatorin, die ein bisschen an Anke Engelke in Düsseldorf 2011 erinnert, an ihren Humor, genauer gesagt.

Auch das Filmchen nach den Schnelldurchläufen und vor der Verkündung der Länder, die es ins Finale geschafft haben, also kurz vor dem Ende der Show, ist ziemlich lustig: Es zeigt, wie es  Sarah Dawn Finer, Sängerin und Comedian aus Schweden, ins nördliche Schweden verschlagen hat. So soll dem Publikum in gut drei dutzend europäischen Ländern illustriert werden, dass man sich in Schweden auch durch die selbstironische Brille betrachten kann. Denn man sieht nur sehr, sehr viel Schnee, und das mitten im Frühling. Finer, die schon beim “Melodifestivalen” im März in Schweden den ESC in Malmö veräppelte, schafft diese Selbstironie so: Sie, die selbst als Kind britisch-amerikanischer Eltern in Stockholm geboren wurde, tut so, als fände sie die schwedischen Ortsnamen komisch – und kann sie dann nicht mal aussprechen (“Jukkasjärvi” klingt bei ihr wie “Dschukkärwi”). Das ist, man muss es vielleicht selbst gesehen haben heute Abend, von ähnlichem Feinsinn wie der Humor der Monty Pythons.

Viele Balladen sind im Spiel; es hört sich an, als ob die danceverliebten Mittnullerjahre wie in Athen, Helsinki oder Istanbul modisch vergilbt sind. Was zählt, ist die stehende Position am Mikro: zur balladesken Nummer.

Die Herren von Klapa S Mora - adrett gekleidet bei ihrer Probe in Malmö.

Und nun zu den Liedern, hier meine Prognosen. Österreichs Natália Kelly singt stark; der Vortrag der Estin Birgit Õigemeel plätschert so dahin; Sloweniens Dame Hannah kreischt stark; Kroatiens klassisch inspirierter Männerchor Klapa S Mora ist für das Publikum wohl angenehm – hauptsächlich für die Älteren, die finden, dass Männer ordentlich aussehen sollen. Dänemarks Barfußdame ist in der Konkurrenz des ersten Semifinals eine sichere Nummer – sie wirkt ausgesprochen selbstbewusst, voller Vertrauen in den Funkenregen, der im orange-gelben Bühnenlicht auf sie herabregnet. Russlands Dina Garipova hat eine der besten Stimmen des diesjährigen ESC überhaupt – insgesamt ein wenig nixig, was ihr Lied anbetrifft – man erinnert sich sofort, dass sie prima Noten in Töne verwandeln kann … aber sonst? Die Ukrainerin Zlata Ognevich mit ihrem 2,60 Meter hohen Riesen, der sie sacht auf den Felsen der Bühne stellt, kriegte Probenapplaus, zurecht.

Die Niederländerin Anouk gibt die bewegendste Show des Abends. Ein beinah perfektes Lied einer Interpretin, die aus Verletzungsgründen (am Oberschenkel) am Montag nicht zum roten Teppich der Eröffnungsfeier kommen konnte oder wollte. Who See aus Montenegro kommen in den albernsten Kostümen daher. Hat man in Podgorica noch nicht begriffen, dass Astronauten-Outfits immer wie ein Zuviel wirken? Der Litauer Andrius Pojavis, soweit man das in der Halle oder auf dem Riesenscreen im Pressebereich sehen konnte, hat entweder eine schwere Erkältung oder sonstige Probleme: Sein Blick glasig, sein Gesang aber, wie Wham dereinst, makellos.

Alena Lanskaja für Weißrussland und Aliona Moon für Moldau – beide Damen pompös, großstimmig, wobei die Frau aus Minsk zum Auftakt aus einer Art Weltkugel schlüpft. Es erschließt sich einem nicht, warum sie das tut. Irlands Hoffnung Ryan Dolan sieht sehr geleckt aus, seine Hintergrundakteure kommen mit entblößten Oberkörpern. Glauben die Iren damit Juries und Publikum bestechen zu können? Zyperns Despina Olympiou ist eine Sängerin, die wie die europäische Krise singt: endlos und zäh. Belgiens Roberto Bellarosa: ohne Worte – einfach öde. Serbien, das ist ein Trio der hysterischen Gutgelauntheit. Nun gut, auch Moje 3 verdienen Respekt, allein schon ihrer flamboyanten Kostüme wegen.

Und wer kommt weiter? Ginge es nach mir, würde ich sagen: hoffentlich die Niederlande, Russland und die Zypriotin. Im wirklichen ESC-Leben, nach Abgabe der Jurywertungen und der Televotings, schätze ich, dass folgende zehn Acts es ins Finale schaffen (Reihenfolge zufällig): Niederlande, Österreich, Serbien, Russland, Ukraine, Weißrussland, Dänemark, Moldau, Irland und Litauen. Auf der Strecke werden bleiben: Montenegro, Kroatien, Belgien, Zypern, Slowenien und Estland.

Der postsowjetische Block könnte sich natürlich untereinander kannibalisieren, aber ich glaube daran nicht. Gemessen am mainstreamigen Publikumsgeschmack sind die Lieder aus diesen Ländern einfach auch gut, besser: gut gemacht. Mitwerten darf das deutsche Publikum am Dienstagabend noch nicht – das geht erst am Donnerstag beim zweiten Semifinale.

Emmelie, die Überschätzte

13. Mai 2013

Neulich in einer Location namens “Glasklart” – Übersetzung wohl unnötig – wurde die Güte einer haushohen Favoritin ernsthaft erkennbar. Das Lokal, in dem sich die Szenen abspielten, ist ungefähr so zu beschreiben: ein hübscher, offener, sehr hoher Raum mitten im neuen Hafenviertel von Malmö. Um es Menschen zu illustrieren, die schon mal die Hafencity von Hamburg gesehen haben: So sieht es da aus. Auf Brachen und Flächen der Ödnis, mit dem verdrehten Wolkenkratzer “Torso” im Zentrum, in diesem “Auferstanden aus Ruinen”-Quartier fand die Nordische Party statt. Alle fünf Länder, die sich zu Skandinavien zählen können, waren dabei. Der Schwede, der Isländer, die Norwegerin, die Finnin – und als vorletztes, als der Wein bereits etwas ins Lauwarme gekippt war, kommt sie.  Sie, die von Fans als “Elfe”, “Prinzessin” und “scheue Königin” beschrieben wird. Und von der alle erwarten, dass sie ins Finale kommt, mindestens. Die Loreen dieses Jahres, die weibliche Alexander Rybak. Es geht um Emmelie de Forest, die einzige als Thronanwärterin gehandelte Kandidatin, die es für den 58. Eurovision Song Contest gibt. Bei Buchmachern und bei den Fan-Votings liegt sie stets vorne. Als einzige Ausnahme erhält sie mal nur bei den Fangruppen der Eurovisionsländer nicht beste Quote oder zwölf Punkte.

Emmelie de Forest auf dem roten Teppich in Malmö

Und obwohl ich weiß, öfters als nötig vollkommen daneben gelegen zu haben, was die Sieger angeht, würde ich sagen: Emmelie de Forest wird es nicht sein. Nein, wenn es einen Gott gibt, der auf ästhetische Konsistenz achtet und ebenso Schummelei zu ahnden weiß, dann kann sie es nicht werden. Sie ist überschätzt. Sie ist die Kati Wolf des Jahres. Sie erinnern sich: Die Ungarin, die alle schick und prima und super fanden – und sich im Mittelfeld verendet wiederfand. Auch wenn ich irren sollte: Was sie in der Nordischen Botschaft ablieferte, war dünn. Ihre Stimme – eher ein hochgeföntes Rinnsal. Eine Röhre, die allenfalls im engsten Familienkreis spontanen Applaus provoziert. Die Klamotten – aus dem Modefundus der vermutlich zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts irgendeiner abgelegenen Nordatlantikinsel. Lumpen, man muss sagen: wahrscheinlich teure Plünnen.

Die Nummer des Isländers hingegen eine Offenbarung: Singt sensationell, trägt einen Bart, wie alle jungen Männer zwischen Nordkap und Sizilien und freut sich offenbar überhaupt beim ESC dabei sein zu können – so geht zumindest meine Phantasie, die sich an seinem zufriedenen Gesicht aufhängt. Er, Eyþór Ingi Gunnlaugsson, ist die Marija Serifovic des Jahres, wie Tex Rubinowitz mir mailte. Eine Stimme, die mit jedem Ton aufs Ganze zu gehen sucht, nicht nur wie Emmelie de Forest kalkuliert wispert und schluchzt.

Und Emmelie, wie sie unter dänischen ESC-Fans kurz verkumpelnd genannt wird? Woher rührt die Begeisterung für das Konfektionelle im Allerlei ihrer Begleittöne? Über die Chanteuse wurden in den vergangenen Wochen krude Stories lanciert, dass sie eine illegitime Enkelin von einem britischen König sei. Sie singt das einschläferndste Lied seit “The Voice” von Eimear Quinn, seit “Rock Me” von Riva oder – ich bitte um Entschuldigung – seit Loreens “Euphoria“. Kein Lied, das wirklich mitreißt, sondern nur nicht stört: “Only Teardrops“. Mögen manche sagen, ihre Gesangsstil wecke Mitleid und verdiene Respekt. Ich würde sagen: Nein, wer so auf die Opferkarte, auf das Ticket “Ich bin so klein und schüchtern” setzt, darf damit nicht durchkommen.

Okay, voriges Jahr ahnte ich auch nicht, dass die Schwedin so furios wie einst der Rybak gewinnen würde – aber ist das schon ein Argument für Emmelie de Forest? Ich glaube, sie ist eine junge Frau wie aus dem Märchen vom “Aschenputtel”. Aber in diesem spielt sie nicht die herzergreifende Hauptrolle.

Ich finde, es sollte mal wieder ein Act gewinnen, den niemand so ganz vorne sah. Ist das etwa nicht der ESC “at it’s best”: eine Chance dem Außenseitertum – und nicht dem Naheliegenden?

Natalie erntet Szenenapplaus

12. Mai 2013

Es gab ja viel Ärger nach der Vorentscheidung von Hannover. Nicht Cascada, sondern LaBrassBanda seien die würdigen Vertreter, um Deutschland in Malmö zu vertreten. Die Jury habe Schuld gehabt. Schwamm drüber. 24 Stunden nachdem Natalie Horler, aus Deutschland kommend, in Kopenhagen sehr guter Stimmung gelandet war, nach einer Probe in der Arena von Malmö, lässt sich sagen: Jedenfalls hat Deutschland nie eine so entspannte Repräsentantin beim ESC gehabt. Sie sang am späten Vormittag mehrmals ihren Titel “Glorious” in der Halle – haderte, so hatte es den Anschein auf dem Riesenscreen im Pressezentrum, ein wenig mit dem schleppenartigen Ende ihres matt apricotfarbenen Textils, trug High Heels, die wie glamouröse Stöckelgeräte aussahen und war ein bisschen wie die Spanierin Pastora Soler im vorigen Jahr: Jeder Auftritt bei der Probe – volle Kanne mit der Stimme.

Natalie Horler von Cascada legte schon bei der ersten Probe eine tolle Show hin.

Nichts an ihr schien nervös, ja, zwischen den Durchgängen der ersten Mikro- und Stellprobe lachte sie ihr, wie man inzwischen weiß, herzhaft perlendes Lachen. Und intonierte ihren Song abermals. Das eigentliche Ereignis war aber ihre Performance bei dem sogenannten Meet & Greet-Treffen im Presseraum. Es war keine echte Pressekonferenz, mehr ein Zusammestehen, wobei Natalie Horler lockerst am Rande der für die Stars reservierten Rampe lehnte, hinter ihr Torsten Amarell vom NDR, Head of Delegation der deutschen Delegation. Und immer noch – nix Lampenfieber, nix Unsicherheit, keinen Anflug von Angst. Woher Angst hätte rühren können? Nun, Jane Comerford von Texas Lightning sah 2006 in Athen nicht so gut gelaunt aus; man merkte ihr an, wie sehr sie sich verschätzt in dem, was der ESC ist: “Ein sehr großes Ding, das einen schüchtern machen kann”, erzählte sie einige Jahre später. Horler aber scheint so angemessen nahbar ohne monarchische Arroganz. Tiefenentspannt, als ob sie nichts erschüttern könnte. Wobei sie auch nicht so tat, als interessierte sie sich nicht für die besonderen Umstände. Ja, die Proben seien gut und nützlich, so könne sie sich an Kameras und Licht gewöhnen. Heißt: Auch ihr fällt nichts einfach in den Schoß.

Bei keinem Pressemeeting war es so voll wie bei Cascadas, bei keinem ersten Zusammentreffen mit den ESC-Aspiranten waren die Fotografen so aufgewühlt bemüht, den richtigen Schuss zu setzen. Beifall schon unter Journalisten und Fans, als Cascada probten. Nun, das muss nichts heißen: Fans spenden gern Beifall. Nur: Außer später bei dem Italiener Marco Mengoni gab es keinen so starken Zuspruch für eine ESC-Chanteuse.

Und ich muss es bekennen: Sie sah überhaupt sehr, sehr gut aus. Viel kleiner und schmaler als man vermutet, wenn man nur TV-Aufnahmen mit ihr kennt. “Glorious” ist nicht so mein Lieblingsstyle, wenn es als Dancehallstück gebracht wird. Ich mag sie, ohne Dancebombast, also unplugged mit der Wandergitarre als Begleitung lieber. Man hört dann besser, wie prima sie singen kann. Könnte sein, dass die Vorentscheidung in Hannover eine mit glücklichem Ausgang war, nicht nur für Cascada.

ESC des Leitungswassers?

11. Mai 2013

Soviel lässt sich sagen: Malmö ist so übersichtlich,  so sehr das Gegenteil von Baku oder Istanbul oder Athen, dass es einen wundert. Ach, man kann in einer Kleinstadt auch so’n Ding veranstalten? Ja, offenbar. 21 Jahre nach dem ersten Grand Prix Eurovision ist das Raumschiff Eurovision wieder in Skane aufgeschlagen – und eine Stadt mit 300.000 Einwohnern nimmt sich natürlich kleiner, ja, kleinstädtischer aus als in dem lauten Moloch namens Baku. Aber das war ja auch Absicht: Stockholm hatte sich nicht ebenso engagieren wollen wie die Stadt am Südzipfel Schwedens. Die Stadt ist insofern eine perfekte Spielfäche für ein Festival, das Dank der Fans zu mehr als einem TV-Ereignis europäischen Kalibers wird.

Wie aus dem Bilderbuch. Malmö ist eine kleine, hübsche Hafenstadt.

 
So trifft man sich überall. Alle, die man Jahre kennt oder erst seit Düsseldorf oder Oslo oder eben Baku. Alles werde kleiner, sagten die Organisatoren vom schwedischen Fernsehen SVT. Und so ist es tatsächlich, so mein Eindruck nach einem Tag. Das Pressezentrum – eben erst eröffnet. Der Euroclub im Schlachthof am alten Hafen – auch nicht gerade ein Haus, in dem es vor Leuten nur so wimmelt. San Marinos Party mit Ralph Siegel und Valentina Monetta – ein Ereignis begrenzter Reichweite. Immerhin: Man hörte die Sängerin mit einer jazzigen Version ihres ESC-Liedes – sehr hübsch dargeboten.
 
Man sieht auch keine Verkehrsstaus – aus der Perspektive von türkischen Fans (nur vereinzelt hier in Südschweden, ihr Land nimmt ja nicht teil) oder eben aus Aserbaidschan ist Malmö eine ruhige, beinahe dörfliche Angelegenheit. Schmetterlinge, immerhin, symbolisieren den ESC, man sieht sie im Innenstadtbild beinahe überall. Das Euro-Village ist kurz vor der Fertigstellung. Auf deren Bühne wird von sofort an Kultur der ESC-Woche geboten – u.a. mit der Veteranin Siw Malmkvist und der einstigen Siegerin Charlotte Perrelli (1999 noch unter dem Familiennamen Nilsson).
 
Im Pressezentrum gibt es Kaffee und Tee, sogar, die Ökozeiten sind jetzt auch beim ESC angekommen, laktosefreie Milch. Man könnte sagen: Die erste Milch dieser Art in der ESC-Geschichte. Die Computer, die frei benutzbar sind, waren noch nicht aufgestellt – dafür waren überreichlich grüne Halbliterflaschen vorhanden. Das sind Gadgets für die Akkreditierten, denn freies Edelmineralwasser gibt es nicht, dafür “Tap Water”, Leitungswasser. Das sei gleich gut mit der käuflichen Ware aus dem Supermarkt – eigentlich sei das Malmöer Wasser aus der Leitung besser als alles, was man für Geld erwerben könne.
 
Alles hat eine gewisse schwedische Kühle – aber es ist perfekt organisiert. Die Züge zwischen Halle und Innenstadt fahren irgendwie im Minutentakt: Die Linie von Kopenhagen ins schwedische Hinterland ist von modernstem Betondesign, sehr neu, sehr unbeschmutzt, sehr steril.
 
Ließe sich die These aufstellen: Malmö ist der ESC, bei dem Ökoregeln wie Fairness groß geschrieben (fairer Kaffee und so) werden. Und doch beschleicht mich das Gefühl, dass man es professionell und gut organisieren möchte, denn niemand soll sich beschweren – und trotzdem fühlt es sich wie Sparsamkeit an, die sich wie Anti-Opulenz anfühlt, nach Baku, als im Pressezentrum Obst, Küchlein, Joghurt, Nüsse und Rosinen bereit gehalten wurden. Damit will ich nicht sagen, dass man das in Malmö ernsthaft vermisst. Aber es sieht eben karg aus, leider.
 
Die Proben der Künstler? Routiniert, gut – und wie immer: Es lässt sich nichts Genaues sagen. Proben sind keine Ernstfälle. Malmö ist offenbar der erste ESC, der realisiert, was sich die European Broadcasting Union wünscht: Schluss mit dem “immer größer, immer mehr, immer fetter”. Ist okay. Denn verglichen mit dem ESC vor 21 Jahren am gleichen Ort ist dieser immer noch riesengroß angelegt. Eine Stadt der Multikulturalität mit 175 verschiedenen ethnischen Gruppen in allen Vierteln – das ist beeindruckend. Die Welt kommt nicht nach Malmö, sie war und ist längst da.
 
Cascada wird Samstagnachmittag erwartet, Sonntag ist die erste Probe. Unter Fans wird Natalie Horler als heißeste Außenseiterin auf einen Top-3-Platz gehandelt. Es werden gute Tage, das ist gewiss!

Memories an Malmö 1992

9. Mai 2013

Ein Tipp vorweg: In der Ausgabe der Wochenzeitung “Die Zeit” vom vergangenen Donnerstag findet sich ein sehr hübscher Text im Reiseteil von Ralph Geisenhanslüke über das Malmö am Vorabend des Eurovision Song Contest. Schön sind die Skizzen, ohne unnötigerweise näher auf das nahe Festival einzugehen, wie er diese Stadt am südwestlichen Zipfel Schwedens schildert. Malmö hat sich gewandelt. Vor 21 Jahren, als der ESC schon einmal dort stattfand, war alles anders: Damals war Malmö faktisch nur eine geographische Gelegenheit unter anderen, um ein TV-Ereignis möglichst reibungsfrei über die Bühne zu bringen. Die Stadt war hässlich, am Rande der Deindustrialisierung, und zurecht weist der “Zeit”-Autor darauf hin, dass erst mit der Eröffnung der Brücke nach Kopenhagen ein gewisses metropoles Flair, sogar Eleganz und Hippness in Malmö zu finden sind. Leider ist Ralph Geisenhanslükes Text online nicht zu haben – was unbedingt moniert werden muss, weil: Wer kauft jetzt noch ein Papierexemplar sieben Tage nach dessen Druck?

Linda Martin singt "Why Me" und gewinnt.

Aber okay: Zu sagen ist in persönlicher Hinsicht, dass ich 1992 in Malmö für “Die Zeit” unterwegs war. Meine erste Rezension war drei Jahre vorher, nach dem Grand Prix Eurovision 1989 in der “taz” veröffentlicht worden. Und genau betrachtet war es, man verzeihe mir diese kleine Eitelkeit, der erste Artikel, der von diesem Ding so berichtete, wie man es als Journalist tun sollte, wenn man ernst nimmt, dass 120 Millionen Menschen zuschauen. Irgendwie wollten damals alle, dass man den Wettbewerb als witzig, schräg, schrill, blöd, auf jeden Fall in abfälliger Weise behandelt. Es gibt immer noch hinreichend Kollegen und Kolleginnen, die in diesem Gesangswettstreit nichts sehen, was ihnen gefallen könnte – es ist ungefähr so, als ob man Medienmenschen, die Fußball abscheulich finden, demnächst zum Champions League-Finale ins Wembley-Stadion schickt.

Insofern war der erste Malmöer ESC 1992 – mit dem der dreifache Sieg Irlands in Folge begann, Linda Martin, die auch in Malmö sein wird, machte damals den Auftakt – ein medial eher ignoriertes Ereignis. Viele Länder hatten Sonderkorrespondenten hingeschickt, Schweden sowieso, aber auch Norwegen, Irland oder die Niederlande. Aus Deutschland kamen Fans, die sich wunderbarerweise für Regionalblätter akkreditieren ließen. Was in Erinnerung geblieben ist, wie in der ersten Folge dieser “Memories of Malmo” geschildert, ist die Lieblosigkeit der Organisation einerseits, andererseits die Präsenz der Fans. Es muss unbedingt gelobt werden, dass wenigstens die Fans die Künstler und Künstlerinnen befragten – und das oft auf aufgeregte Weise und nicht mit dem üblich journalistischen Distanzgetue. Die Leidenschaft des Fantums hatte natürlich auch damals schon ihre bizarren Seiten, aber das lassen wir hier mal im Näheren weg.

Zu meinen präsentesten Erinnerungen gehören ja die an Mia Martini, die auf der After-Show-Party mit ihrer Managerin zusammen saß, Kette rauchte und furchtbar traurig guckte. Wusste sie schon von ihrer tödlichen Erkrankung? Fragte sie sich, was sie in diesem gottverlassenen Nest im grau-kalten Norden eigentlich macht? Oder die Maltesin Mary Spiteri, die Tag für Tag durch das Foyer der Halle schritt, sich von den Fans bestaunen ließ und huldvoll lächelte: So einen Frauentypus haben die Fans sehr gern gehabt – eine Mutti, die eine Hymne singt. Auch sind Schnipsel der Irin Linda Martin im Kopf, von der der wenige Monate später verstorbene Hamburger Fan Michael Bernd von der ersten Sekunde an sagte, die würde gewinnen, weil sie allen gefallen kann. Linda Martin machte schon auf der Pressekonferenz unmissverständlich deutlich, dass sie schon einmal Zweite war (1984), aber nicht gekommen sei, um wieder zu verlieren. Ja, so lernte man eine Person mit eisernem Karrierewillen kennen. Dass sie das mit einem grandiosen Auftritt auch schaffte, war schon vor der Punktevergabe klar. Auch Michael Ball, ein schwuler Brite, der es auf den zweiten Rang schaffte, guckte hernach künstlich frohsinnig – nein, er ahnte nicht, dass er an Ms. Martin scheitern würde. Als Musicalstar machte er all die Jahre danach Karriere – und das ist eben auch eine Erinnerungstonspur: Dass so viele Lieder nach Musical klangen, die Kunstform der theatralischen Gesangsdarstellung, die sich von Oper durch das Fehlen abendländischer Gesamtbildungspakete auszeichnet.

Womit ich zu Ralph Siegel komme, der mir höchstpersönlich damals im Interview sagte, das sei nun wirklich sein letzter Grand Prix, seine Nerven hielten das einfach nicht länger aus. Dieser Meister des ESC hatte Wind am Start – und ich würde ihn noch mehr respektieren als überhaupt heutzutage möglich, würde ich nicht erlebt haben, wie die Wind-Leute von ihm in der Lobby des Hotels zusammengestaucht wurden. Sie hätten nichts richtig gemacht, falsch gesungen … und überhaupt: Es sind viele Geschichten überliefert von ihm, der seinen Kummer über bescheidene Platzierungen nicht traurig für sich behält, sondern an anderen abträgt.

Christer Björkman, bis zum Melodiefestival 1992 in Schweden ein Frisör mit Neigung zur Showbühne, repräsentierte mit “I morgon är en annan dag”  sein Land – eine Ballade, die, so vermutete ich, der drei männlichen Choristen wegen als viel zu schwul in den Keller gevotet wurde. Könnte sein, dass ich mich irrte – aber das Lied mag ich bis heute. Björkman muss sich an diesem Abend nach dem vorletzten Rang geschworen haben, nie wieder so saftig zu verlieren. Heute ist er der Mann für den Grand Prix in Schweden schlechthin und sitzt international in der Reference Group, dem Generalsekretariat des ESC. Respekt!

Was heute vermisst werden könnte, war damals üblich: Es gab Orchester; Osteuropa fehlte noch; letztmals nahm Jugoslawien teil; alle Performances mussten in den Landessprachen abgeliefert werden – und Luxemburg war auch noch zugegen, wenn auch mit einem der ödesten Beiträge aus dem Großherzogtum jemals.

Mein Artikel für die “Zeit” damals wurde nicht gemocht. Ich hatte, so vermutete ich, den Klang der Zeitung verfehlt – und mein Text war tatsächlich eher staunend-interessiert geschrieben. Es war vor 21 Jahren noch eine andere Stadt, eine andere Zeit, eine andere Interessiertheit. Wie gut, dass Malmö als Stadt in diesem Jahr richtig Lust hat, dieses Festival – und damit sich selbst – zu präsentieren.