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Roman, Roman, Roman

17. Februar 2012

Schade um Ornella. Aber gibt es einen würdigeren Abschied aus “Unser Star für Baku”, als mit 49,3 zu 50,7 Prozent im Finale verloren zu haben? Sie hatte die Auftritte ihres Lebens. Sie war auf die Minute fit und konzentriert; sie intonierte die Lieder, fand ich, perfekt und eindringlich. Sie darf stolz auf sich sein – aber gegen Roman war, alles in allem, kein Ankommen.

Roman Lob, der heißeste Favorit seit der allerersten Runde, hat “Unser Star für Baku” gewonnen und fährt nun in die aserbaidschanische Hauptstadt, um das Erbe des deutschen Eurovision Song Contest anzutreten, das sich in Sängerinnen und Sänger wie Margot Hielscher, Heidi Brühl, Ireen Sheer, von Joy Fleming und Mary Roos, von Nicole, Wyn Hoop, Guildo Horn und Stefan – und vor allem von Lena Meyer-Landrut ausdrückt.

Dass das Publikum für Ornella im Zweiliedfinale “Quietly” aussuchte und für Roman “Standing Still”, war wenig verblüffend. Der Sängerinnen Lied war von handverlesener chansonhaftigkeit in aller Stille, das Lied ihres männlichen Konkurrenten atmete den Geist, kein Wunder, des Wunderkomponisten Jamie Cullum – der nämlich schrieb an “Standing Still” mit.

Aus der Schweiz erhielt ich von meinem alten, guten, kundigen Freund Andreas folgende SMS wenige Minute nach Ende des Abends: “Toller Titel, Interpret ein Sympathieträger. Ihr seid in Baku im Rennen um die Krone voll dabei. Das ist ein ganz heißer Favorit.” Man muss dazu erwähnen, dass dieser Freund Horn, Raab und Michelle, überhaupt die meisten deutschen ESC-Acts nicht mochte – also wenn er schon wie die Krake Paul zur WM 2010 in Südafrika sein Orakel spricht, dann könnte er richtig liegen. Denn er sagte alle deutschen Acts von der Platzierung her mit geringen Schwankungen sehr präzise voraus.

Was ich aber eigentlich sagen will: Guckt man sich den Finalabend überhaupt und leicht von oben an, widmet sich nicht den Ornellas und Romans und lässt die musikalische Atmosphäre auf sich wirken, stellt sich ein irrer Effekt ein. Es war eine Show der depressiven, melancholischen, eher traurigen und stillen Lieder – und das in einem Land, dem es konjunkturell so gut und sattelfest geht wie seit 20 Jahren nicht. Es macht also Sinn, wenn krisengeplagte Länder wie Griechenland oder Zypern manische Heiterkeiten präsentieren – offenbar wohnt die Vorliebe für Trauriges besonders in Ländern, denen es ziemlich prima geht, eigentlich. Aber das nur als Randbemerkung.

Insgesamt – ein spannender Abend, ein musikalisch exzellenter Spannungsbogen. Die Jury in guter Form, Raab war wieder besonders gut, gerade weil er kaum Urteile formulierte. Die ModeratorInnen, Sandra Rieß und Steven Gätjen, hübsch angezogen und souverän.

“Standing Still” ist ein klasse deutscher ESC-Beitrag. Herzlichen Glückwunsch all jenen, die ihn wählten. Und Roman, dass er mit diesem gewinnen konnte.

Minsk? Auf keinen Fall!

16. Februar 2012

Es gab bislang viele Berichte über die tatsächlich katastrophale Menschenrechtssituation in Baku – und das interessierte bisher wenige bei uns. Nun rückt es in die allgemeine Aufmerksamkeit, denn in der aserbaidschanischen Hauptstadt findet Ende Mai der ESC statt. Insofern: Gut, dass es so kommt, denn ein kleines, durch Rohstoffe wie Öl und Gas potentiell sehr wohlhabendes Land gelangt so auf die politische Agenda.

Flagge Aserbaidschans in einer Landkarte. Foto: ANP

Der beste Report lief gestern abend beim NDR im Dritten, bei “Zapp”. Nicht wohlfeile Empörung und politisch kostenloser Eifer stand dort im Mittelpunkt, wie etwa neulich in der “Berliner Zeitung”. Wir konnten vielmehr sehen, was momentan der Sachstand ist. Die Autoren des Beitrags ließen uns wissen, dass Menschenrechtsaktivisten in Baku keineswegs möchten, dass der ESC in Aserbaidschan nicht stattfindet – aber die Fans und Journalisten mögen bitte immer die politische und gesellschaftliche Situation mit bedenken, mögen sehen, dass der ESC eben keineswegs eine unpolitische Veranstaltung ist.

Was ist er dann? Im Falle Aserbaidschans – und Spaniens 1969 – auch eine Propagandashow der in Baku herrschenden Elite. Medienjournalist Stefan Niggemeier erklärte das Problem: Nicht, dass der ESC in Baku präsentiert wird, sei schlechthin problematisch, sondern dass die European Broadcasting Union so tut, als seien für das Festival im Mai keine menschenrechtlichen (das heißt: polizeistaatlich angeheizten) Kosten zu tragen. Dass sie also weiterhin die Rolle des Vogel Strauß bevorzugt – weggucken und so tun, als sei nix.

Okay, die aserbaidschanische Regierung hat der EBU schriftlich versichert, man garantiere dem ESC-Tross, sich unbehelligt und frei im Lande bewegen zu können. Da möchte man ironisch ausrufen: Danke, Aserbaidschan! Aber immerhin.

Ich sehe es im Grundsätzlichen so, ich schrieb es hier häufiger: In Baku erwartet der demokratische Untergrund des Landes unsere Unterstützung. Dass wir nicht achtlos an ihnen vorbei gehen, dass wir sie wahrnehmen, dass wir, so sagte es eine Menschenrechtlerin, mit den Menschen in Baku sprechen. Und wenn das so wäre, könnte der ESC für die Menschenrechtsaktivisten in Aserbaidschan immerhin diesen Effekt bewirken: Dass die Situation im Lande sich im Sinne der Maßstäbe unseres Grundgesetzes oder der Menschenrechtscharta Europas bessert.

Die Nachricht des Tages aber erfuhren wir am Ende des Beitrags: Thomas Schreiber, bei uns der Chef des ESC in der ARD, wird, falls Weißrussland gewänne, unmittelbar nach einem solchen Sieg für die ARD die Frage aufwerfen, ob Deutschland dann an diesem ESC teilnehmen könne – in einem Land, wo eine “lupenreine Diktatur” herrsche.

Das finde ich richtig bemerkt. Ein Aspekt aber müsste noch erörtert werden: Müsste man undemokratischen, viertel- oder halbtotaliären Systemen nicht generell die Teilnahme am ESC verweigern? Und wenn nein, wenn also ein Fernsehprojekt, und sei es das populärste, so etwas wie demokratischen Geist in ein Land hineinträgt: Müsste man dann nicht die Regel formulieren, dass in einem Land wie Weißrussland kein ESC stattfinden dürfte?

Eine verzwickte Situation – das gebe ich zu. Aber es ist beruhigend zu wissen, dass Minsk für die ARD offenbar keine Option ist. Wobei man sagen muss: Die weißrussische Chanteuse, die in Baku antreten soll, hat ein so grottiges Lied anzubieten, dass sie es noch nicht einmal bis ins Finale von Baku schaffen wird. Die Notwendigkeit, sich mit “Minsk 2013″ auseinanderzusetzen, wird 2012 sicher nicht kommen.

P.S.: Und jetzt noch zu “Unser Star für Baku” direkt, also zum heutigen Finale. Ornella? Ihre größte Leistung ist, dass sie den Sprung ins Finale geschafft hat. Und böse Zungen sagen auch, sie habe uns Yana im Finale erspart, denn deren Tränen konnte man ja nicht immer so ganz und gar glauben. Dass Roman gewinnt, klingt fast trivial. Aber: Wer sollte es denn sonst werden?

Übrigens diskutiere ich im Anschluss an die Sendung wieder live das Ergebnis und die Frage, wie es mit der Berichterstattung über Baku nun weiter geht mit Zapp-Redakteurin Annette Leiterer. Ihr könnt, Sie können, live eure/Ihre Fragen stellen oder sie hier schon vorher an uns schicken.

Kann ein Lied eine Brücke sein?

8. Februar 2012

Ich war noch nie in der aserbaidschanischen Hauptstadt. Nach allem, was ich höre, muss es dort zwiespältig sein. Sehr arm auf der einen Seite, funkelnde Glaspaläste auf der anderen. Eine Demokratie ist das Land nicht, es gibt Berichte von Menschenrechtsverletzungen der üblen Sorte.

Ich persönlich bin trotzdem neugierig auf den Eurovision Song Contest in Baku. Und ich hätte gern, dass dieses Land, jedenfalls die Bevölkerung von Baku, viel von dem freien Spirit mitbekommt, der einen ESC – schon in queerer Hinsicht - umweht. Von Boykottforderungen halte ich nichts.

Ich bin beeindruckt von Beiträgen, die Länder wie Aserbaidschan anlässlich der Eurovision in den Fokus rücken, weil der ESC eben nicht unpolitisch ist. Egal ob die European Broadcasting Union, die Oberaufsicht über das Spektakel, dies seit Jahrzehnten so behauptet. So ein Beitrag lief vorigen Sonntag im ARD-Kulturmagazin titel thesen temperamemente - kurz ttt. Was ich diesem Film unter anderem entnahm, waren die verzweifelten Worte einer Bürgerrechtlerin, die keineswegs wünscht, dass der ESC in ihrem Land unbesucht bleibt. Ähnliches sagte sie auch einem Autor von eurovision.de, der sie bereits im November in Aserbaidschan traf. Im Gegenteil: Sie wünscht sich, dass alle kommen.  Aber, so lautet ihre Pointe, die Gäste sollen mit den Menschen sprechen, nicht nur mit den ESC-Menschen, sondern mit gewöhnlichen Bakuern oder Aseris überhaupt.

Es sind, auch das hörte ich, wahnsinnig freundliche Leute.

Das könnte die Parole für den ESC in diesem schwierigen Land sein: Sich nicht von der Politik überwältigen zu lassen.

Aber politisch bleibt die Chose dennoch, wie auch heute in der Süddeutschen Zeitung zu lesen stand, wo wir erfahren, dass Markus Löning, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung heftig in einer Zeitung Aserbaidschans angekoffert wurde. Davon kündete auch die spannende Spiegel-Reportage von Stefan Niggemeier vom Montag (Nr. 6). Die autokratischen Regenten in Baku müssen damit leben: Mit dem ESC kommt eine Form von Buntheit und Vielfalt ins Land, die man dort vielleicht kennen möchte, die aber nicht erwünscht ist.

Was aber nicht geht, finde ich, ist die Haltung von Lukas Heinser, Oslog- und Duslog-Videoblog-Kollege von Stefan Niggemeier, der im Fachmagazin “Journalist” bekannte, dass die Politik nur eine Nebenrolle spielen könne, jedenfalls sieht er im ESC ein “glitzerndes Raumschiff”.

Wichtig scheint mir die Idee der Entspannungspolitik in der Bundesrepublik der sechziger Jahre: Kontakte zu pflegen in die Regime des realen Sozialismus, auf dass sie sich im Konkret-Menschlichen bewegten. Der berühmte “Wandel durch Annäherung”. Und am Ende? Glasnost und Perestroika. Das in Aserbaidschan, und sei es anlässlich des ESC, zu schaffen, wäre doch ein gutes Ziel, oder?

Herr Rubinowitz aus Wien war übrigens voriges Jahr in Baku – er hatte den richtigen Riecher, im Land der künftigen Sieger die Übertragung aus Düsseldorf zu verfolgen. Wie er Baku fand? Nicht die Hölle. Aber langweilig. Aber das, nun ja, ist ein anderes Problem.

P.S.: Für die erste ARD-Übertragung von “Unser Star für Baku”, treffe ich folgende Prognose. Erstens wird alles jenseits von Roman Lob entschieden, denn er scheint ohnehin fürs Finale gesetzt. Und: Es könnte Ornella treffen. Okay, Katja scheint ja immer fällig, aber sie rettete sich auch immer in die nächste Runde. Und: Wie es dann gewesen sein wird, seht ihr, sehen Sie im Livestream und anschließenden Video-Gespräch auf eurovision.de. Fragen an mich und den Kollegen Christian Buß können schon jetzt per Mail oder live im Chat während der Sendung gestellt werden.

Und das garantieren mein Spiegel-Online-Kollege Christian Buß und ich: Wir werden uns nie einig sein.

Bewegt sich Aserbaidschan politisch?

31. Januar 2012

Na, ist der Eurovision Song Contest nun politisch oder nicht? Ist er. Das beweist eine Nachricht, die uns am Dienstag aus Baku erreicht hat. Nämlich: Präsident Ilham Alijew kündigte ein Menschenrechtsprogramm an, das er sogar als Nationales Aktionsprogramm verkaufte. Gestärkt werden sollen auf jeden Fall Sozialprogramme - dies führte es nicht näher aus - und außerdem eine nach westlichen Maßstäben ernstzunehmendere Form der Meinungsfreiheit.

Das sind, freilich, nur Ankündigungen – ob ihnen Taten der praktischen Art folgen, wissen wir natürlich nicht. Aber immerhin, der Präsident fühlt sich offenbar nach einer Fülle von Initiativen sowohl aus dem Deutschen Bundestag wie aus anderen westlichen Ländern genötigt, hier Flagge und guten Willen zu zeigen. Wörtlich teilte Alijew mit: “Wir werden uns auch in der Zukunft bemühen, die politischen Reformen zu vertiefen.” Irgendwie scheint uns da ein Widerhall sowjetisch anmutender Sprachformeln anzuwehen.

Sogleich gab es inneraserbaidschanisches Lob: Der Journalist und Menschenrechtler Eynulla Fatullajew pries das Aktionsprogramm. Dieses stelle “tatsächlich eine Verpflichtungserklärung des Staates zu Menschenrechten und ‘Grundfreiheiten’ dar.” So fing es mit der Entspannungspolitik des Westens, den Ländern des realen Sozialismus in den späten 1960er-Jahren auch an – erst gab es nur luftige Absichten, dann aber mussten sich die Regimeoberhäupter an ihnen messen lassen. Das ist im Hinblick auf den ESC im Mai nur gut, finde ich!

Offen bleiben Fragen der Visavergabe, auch solche, die den Gästen des Eurovision Song Contests Freizügigkeit in Aserbaidschan selbst garantiert. Ebenso muss noch erörtert und geklärt werden, ob jene Menschen, mit denen ESC-Touristen und -Journalisten im Mai Kontakt haben werden, auch nach Abreise aller Gäste unbehelligt bleiben.

Trotzdem: Ein international appellierender Anfang ist gemacht. Alijew möge jetzt weitermachen. Seine demokratisch gesinnte Bevölkerung wird es ihm danken!

Prima kaukasischer Pomp

26. Januar 2012

Wie das Fest gestern Abend war? Wäre man charakterlich nichts als böse, würde man sagen: Das Englisch der Moderatoren wirkte wie absolut unverstanden, auswendig gelernt; ihre Mienen spiegelten kein Wort dessen, was sie gerade sagten. Die Festhalle der Schlüsselübergabezeremonie erinnerte außerdem mehr als nur leicht an eine viel zu hohe Aula; Menschen saßen an runden Tischen, diese wiederum standen offenbar sehr weit voneinander entfernt. Alles hatte den Anschein, als müsste etwas großzügig gefüllt werden, als müsste über eine gewisse Leere hinweggetäuscht werden.

Die Schlüsselei, sagen wir mal so, hatte einen Moment von Komik an sich: Wenn man schon die Momente der Olympischen Spiele nachspielt, muss es auch so aussehen – aber vielleicht war Dirk Elbers aus Düsseldorf auch so spät erst eingeflogen, dass die Generalprobe für die Zeremonie ein wenig zu knapp bemessen war, zeitlich gesehen. Und dann die Auslosung – plötzlich wirkten andere Lotterien wie auf Speed, die zum Beispiel, bei denen es um Lottozahlen geht. Und das soll doch was heißen, oder? Schließlich die musikalischen Einlagen: sehr playbackhaft – und Alexander Rybak ohne seine Choristinnen und Tänzer, das hatte etwas sehr Einsames und Deprimierendes. Und an Ruslana erkannte man: Auch Sterne verglühen, so rein äußerlich.

Bühne in Baku

Bühne in Baku bei der Schlüsselübergabezeremonie und dem Halbfinale am 25. Januar 2012.

Aber es war dennoch schön, und dafür muss man, wie ich, etwas lieben, was gerade nicht hoch im Kurs steht: den schönen Schein. All diese touristischen Filme von Aserbaidschan, die wir vorgeführt bekamen. Bäche in den Bergen, Strände (naja, so ganz perlweiß waren sie nicht; vielleicht fehlt es an dekorierender Farbe), Menschen, die in Wäldern grillen, schöne Gebäude in Baku. Will sagen: Es war wie früher, als zwischen den Liedern beim Grand Prix Werbefilmchen für das Land, in dem das Festival gerade stattfindet, ausgestrahlt werden.

Nun darf man sagen: Ist denn Aserbaidschan wirklich so schön? Ist die politische Realität nicht beklagenswert? Ja, das ist sie – aber Oberfläche bleibt Oberfläche: Und Politik kann doch nicht überall sein! Auch die sinfonische Musik – sie schien ausgestorben beim ESC, aber die Verantwortlichen in Baku mögen sie, sie halten sie vielleicht für ultrafestlich. Ja, das hatte etwas Steifes, Metallisches auch – jedoch, ich betone es wieder, das ist nicht zu kritisieren: Es ist alles vielmehr ein Symbol, dass die Organisatoren es uns schön machen wollen und dass sie sich Mühe geben. Nein, man kann doch nicht verlangen, dass die Bakunenser sich schon vor dem ESC, also vor den Gästen, wenn sie denn erst mal da sind, schon in den Staub werfen und signalisieren: Oh, Verzeihung, bei uns ist alles im Aufbruch und alles noch ein wenig provisorisch! Ich bitte Sie!

Eine Bemerkung noch zu den Tänzern, die kaukasischen Kasatschok darboten, gymnastisch und so perfekt wie ein Ensemble einer chinesischen Oper: Man erkannte leider nicht, ob das, was sie auf den Köpfen trugen, Frisuren waren, landestypische, oder Pelzhüte (aus Acryl?). Hat da jemand Genaueres erkannt?

Die Halle, die wir auf Bildern erkannten? Wirklich beeindruckend!

Und die Halbfinals? Lief wie eine einstudierte Übung. Deutschland war ohnehin auf Wunsch der ARD ins zweite Halbfinale gesetzt worden. San Marino ist im ersten Durchlauf, es darf sich wenigstens Punkte der italienischen Juroren erhoffen, die werten schon am Dienstag. Israel performt dann auch; auffällig war mir, dass Russland, im ersten Halbfinale, nur ein Land noch als Verbündeten weiß, nämlich Moldau, aber zugleich eben Israel, Zypern und Lettland mit von der Partie wissen kann – Länder, in denen große russische oder russischstämmige Communities leben. Unsere alpinen Nachbarn, die Schweiz und Österreich, kriegen vorläufig keine Punkte aus Deutschland, die sind nämlich schon am 22. Mai mit dem Qualifizieren dran. Dafür hören wir den Niederländern zu, das ist auch gut.

Alles in allem ein würdiger Abend.

P.S.: Heute abend werden aus zehn Kandidierenden zwei ausgesiebt. Keine Ahnung, wen den Schicksal trifft. Eigentlich geht es nur darum: Schafft es Roman Lob wieder zu überzeugen? Und was hält Shelly als Trumpf parat?

Armenien kommt doch nach Baku

17. Januar 2012

Das ist die Nachricht des Tages – Armenien, politischer Dauerfeind Aserbaidschans, wird Baku nicht meiden. Wie die European Broadcasting Union heute mitteilte, sind es 43 Länder, die in der aserbaidschanischen Hauptstadt an den Start gehen werden. Bis auf Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien und das Vereinigte Königreich sowie Gastgeber Aserbaidschan müssen sie alle zunächst durch eines der Halbfinals am 22. und 24. Mai. Montenegro ist wieder mit von der Partie, Tschechien pausiert weiterhin, Österreich ist noch nicht wieder beleidigt und dabei – und Italien, wie auch San Marino, hat seine Teilnahme ebenfalls hochoffiziell bestätigt. Okay, Andorra, Monaco und Luxemburg fehlen weiterhin, aber dass Armenien, der Erzfeind, das Land des Teufels schlechthin aus Perspektive des Kaspischen Meeres, teilnimmt, ist politisch von Größe.

Wir erinnern uns: Die Türkei und Griechenland haben sich jahrelang, das war in den Siebzigern, gemieden, sofern der eine teilnimmt – und der andere dann eben nicht. Auch Israel ist so ein Dauerthema. Einige arabische Länder würden ja gern, aber solange dieser jüdische Staat mitwirkt, war und wird mit ihnen nicht zu rechnen sein, nicht Tunesien, nicht der Libanon oder auch nicht Algerien oder Marokko.

Armenien, das ebenfalls zur Erinnerung, bekam aus Aserbaidschan nie Punkte, und umgekehrt war es, meiner Übersicht zufolge, ebenso. Ictimai TV, der dieses Jahr gastgebende Sender, hat sogar Auftritte Armeniens überblendet oder schlicht übersehen. Man ist sich wegen eines Stücks Land in Aserbaidschan (Berg-Karabach) nicht einig – es brodelt in den kaukasischen Gebirgen.

Wir dürfen gespannt sein, wie es in der real existierenden ESC-Wirklichkeit in der Bakuer ESC-Zeit aussehen wird. Werden Armenier gemobbt? Kriegen sie schlechtere Bühnenbedingungen? Das können sich die Aseris nicht leisten, würde ich sagen. Und: Armenien hatte andererseits keine Wahl, als den Tripp nach Baku zu wagen. Denn um im Jahre 2013 überhaupt mitmachen zu dürfen, muss man selbst das Festival im heimischen Sendegebiet ausgestrahlt haben. Also: Eriwan hätte so oder so Baku nicht ignorieren können.

Insofern: Schön, dass es dieses Jahr wieder 43 sind!

P.S.: Die Auslosung darüber, welches Land in welchem Halbfinale zur Finalqualifikation antreten muss, findet Ende dieses Monats statt. Dann wissen wir noch weiteres mehr.

Auf ins neue Jahr!

2. Januar 2012

Frohes neues  Jahr wünsche ich Ihnen und Euch allen. Tja, es wird einmal mehr eine perfekte ESC-Saison. Denn es wird wie alle Jahre wieder sein: Spätestens Ende März, wenn alle Acts für Baku bestimmt sein werden, raunen die einen, niemals zuvor seien so gute Lieder bei einem Grand Prix Eurovision beisammen gewesen. Und die anderen, zu der, fürchte ich, auch ich gehören werde, werden stoßseufzen: Mann, ist das alles blöde und öde!

In Wahrheit verfliegt diese Stimmung spätestens im Mai – und alles wird gut.

Das sagt auch, um jetzt gleich mal auf das neue Jahr zu sprechen zu kommen, Thomas D. Er beteuert: “Ich mache alles wie Stefan, nur besser.” Das möchte, hoffe ich, auch bedeuten: Den Raab des vorigen Jahres, der momentweise ermüdet wirkte, wird er übertreffen können. Aber den Jahres 2000, als er so heftig nach Stockholm wollte, um für Deutschland zu singen, das könnte schwer werden. Okay, es geht nur um die Jurypräsidentschaft, nicht ums Performen. Trotzdem … Wir freuen uns, nächste Woche geht’s los mit der ersten Runde von “Unser Star für Baku”.

Was mich mehr sorgt ist alles, was die Modernisierung des ESC anbetrifft. Eines ist natürlich klar: Der ESC wird von allen TV-Sendern auf ein ähnliches Niveau von Pop gebracht werden, wie es in Deutschland seit knapp zwei Jahren üblich ist. Aber werden da auch die Briten von der BBC und die Italiener mitmachen? Den ESC als Europameisterschaft des Pop zelebrieren, nicht nur als Freakshow abseitiger Geschmäcker?

Was mich zu einem Gerücht bringt: In der Reference Group, hörte ich aus Irland, dem Generalsekretariat des ESC, ist vorgeschlagen worden, die Zahl der Personen eines Acts von sechs auf acht zu erhöhen. Der Vorschlag kam, wen wundert’s, aus Schweden. Christer Björkman fand jedoch, schon aus finanziellen Gründen, keine Mehrheit. Aber dass dieser Schwede wirklich glaubt, durch zwei weitere Personen ließe sich irgendein ästhetischer Gehalt aufwerten, ist bizarr und wunderlich in einem.

Mit anderen Worten: Der ESC in all seinen komischen und prima Facetten lebt. Ein gutes neues Jahr uns allen!

The beat goes on!

20. Dezember 2011

Nein, besser, man sagt: Baku goes on. Wie Jon Ola Sand, der Kopf des Eurovision Song Contest, sagt: “Alles ist im Plan, alles läuft im Fahrplan.” Ja, das glauben wir gern – obwohl uns zugleich unruhig stimmende Nachrichten aus Aserbaidschan erreichen: Jener Platz, auf dem die Halle des ESC stehen soll, ist hart umkämpft – und anders als bei Stuttgart 21 ist weder Zeit noch Geld, die Gentrifzierungsprozesse in einem langwierigen Verfahren zu einem Ende zu bringen. Das würde wohl Jahre dauern – aber diese zeitlichen Raum haben die Organisatoren der TV-Gesellschaft Ictimai nicht, ebenso wenig wie der aserbaidschanische Regierungsstab.

Was wir aber hören, ist: Es gibt bislang keine offizielle Mitteilung, dass alle Fans so sicher und integer sich in Baku bewegen können wie sie es in einer der westlichen Gesellschaften, etwa in Oslo oder Düsseldorf, konnten. Aber was soll man so kurz vor Weihnachten sagen? Alle, von denen ich höre, von denen ich Infos zugesteckt bekomme, sagen: In Baku läuft alles nach Plan. Das muss es natürlich auch. Denn ein ESC ist als Projekt stets ein work in progress, ein supernervöses Ding, von dem selbst die leitenden Köpfe nie ganz genau wissen, wer gerade was zu erledigen oder zu organisieren sucht. So bekam ich es in Düsseldorf zu hören: Alles wuselt, alles ist geschäftig – und am Ende gelingt alles, wobei ja das Publikum später denkt, es sei ein einfach zu machendes Ding gewesen.

Doch wie der deutsche Autor und “Dreigroschenoper”-Erfinder Bertolt Brecht mal sagte: Es ist das Einfache, das so schwer zu machen ist (und das die Schmetterlinge in ihrer “Proletenpassion” kurz vor ihrem Auftritt in Wembley 1977 zum ESC bemerkten).

Ansonsten stimmt es ja wirklich: alles läuft. Bosnien schickt eine schöne Interpretin, Montenegro einen Rambo – und Frankreich ein Talent namens Anggun. Wobei mir auffällt, dass die Franzosen so tun, als sei sie schon ein Star. Aber, nun ja, das könnte sie werden. Voriges Jahr haben unsere Nachbarn über den Knödeltenor auch ne Menge Zeug behauptet, und er wurde doch nicht vieler Punkte für würdig befunden.

Was mich aber wundert, ist: Eigentlich hatte die European Broadcasting Union, Gesamtsender der Eurovision, in Düsseldorf beschlossen, dass kein Land mehr ohne Vorentscheidung jemanden zum ESC schicken darf. Schade, dass diese Regel erst von der übernächsten Saison an gelten soll.

Aber, alles in allem: Anggun und all die anderen – wir freuen uns auf sie. Auf die Halle in Baku, alles in allem, doch am meisten!

P.S. Die allermeisten Länder haben ihre Teilnahme für Baku zugesagt. Auch die Slowakei. Nach allem was wir aus Bratislava hören wird es auch keine Zwangsteilnahme sein,  weilm an dummerweise vergessen hat, die Meldung doch noch zurückzuziehen.

Brainpool in Baku

5. Dezember 2011

Das war die Nachricht der zuende gehenden Woche – und sie ist natürlich immer noch aktuell: Brainpool, die TV-Firma, welche Stefan Raab mit gehört und die die “Unser Star für …”-Shows produzierte, die in Düsseldorf entscheidend mitmischte, wird in Baku den 57. Eurovision Song Contest mitproduzieren. Der aserbaidschanische Sender, so wird schon seit den Minuten nach dem Sieg von von Ell & Nikki gemunkelt, namens Ictimai, würde das Event Ende Mai 2012 gar nicht allein stemmen können. Und es hieß, man würde auf die exzellenten Produktionen von Brainpool TV zurückgreifen wollen. Okay, zunächst waren es Gerüchte, mit denen sich die Firma selbst ins Gespräch hieven wollte, aber es trifft ja zu: Ein Sender allein kann eine drei Abende lange, inklusive Proben zwei Wochen dauernde Geschichte nicht schaffen.

Allerdings wird Brainpool TV der Tonaussetzer im ersten Halbfinale zugeschrieben. Wer auch immer die Verantwortung hernach übernehmen musste: Pannen passieren, das ist Livefernsehen. Aber Ictimai TV in Baku wusste: Das sind Player im internationalen TV-Business, mit denen man sicher ist, dass auch alles klappt.

Wobei: Solidarische, öffentlich-rechtliche Hilfe inner der European Broadcasting Union (EBU), wie die Eurovision ja offiziell heißt, gibt es schon lange. Immer wieder hat man Kameras von anderen Sendern geliehen bekommen – und besonders hilfreich war die britische BBC, die in Stockholm vor gut elf Jahren behiflich war. In den beiden folgenden Jahren, 2002 und 2003,  wiederum halfen die BBC und das schwedische Fernsehen in Tallin und Riga mit Technik aus. Allein können kleine Länder einen ESC nicht bewältigen – und es ist ein Segen, würde ich sagen, dass mit Aserbaidschan ein Land gewonnen hat, das zumindest was die Reichtumsverhältnisse der Oberen anbetrifft, nicht unter Finanznot leidet. Hilfe würde dagegen nötig werden, wenn der ESC beispielsweise in Chisinau oder in Skopje Station machen sollte.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs kam es  nicht mehr dazu, dass ein Land die Organisation des ESC aus finanziellen Gründen absagen musste.  Zuletzt war dies der Fall 1980, als Israel nicht abermals die Mittel hatte, den ESC nach dem zweiten Sieg in Folge auszurichten. 1972 musste das Festival auch nach Edinburgh zur BBC weitergereicht werden. Monaco sah sich nach Séverines Sieg nicht in der Lage, den ESC zu stemmen.

Für Aserbaidschan heißt das: Sich sicher fühlen zu können, den ESC auch garantieren zu können – und für die Fans und Interessierten, dass es lediglich noch ein Rätsel bleibt, wie denn in wenigen Monaten eine Halle gebaut werden kann. Die Proben beginnen Anfang Mai 2012. Bis dahin muss auch der letzte Bauschutt aus den Ecken und Nischen gefegt sein. Dieses Rennen gegen Klima und Baustress ist noch offen.

Der Aufbau der ESC-Produktion 2011:

P.S.: Die EBU, eben war von ihr die Rede, mag sich über das Resultat des Junior Eurovision Song Contest freuen: Georgien gewann  vor den Niederlanden und Weißrussland. Den letzten Platz bekam Lettland verpasst – von den klassischen Grand-Prix-Ländern war noch Belgien beteiligt (siebter Platz) und Schweden (gleich dahinter). Es war  eine maue Konkurrenz, etwas für Freunde sehr junger Popdarsteller – und in Georgien gewiss populär und in Weißrussland. Nun ja. Eine echte Ergänzung zum ESC wird das nie – das wiederum war bei der Übertragung aus Eriwan auch zu spüren. Alles eine Spur zu neckisch … und infantil.

Baku – keine Reise wert?

28. November 2011

Ein Freund schrieb mir kürzliche eine Mail aus Baku. Wenn ich von ihm berichte, möge ich seinen Namen nicht nennen, bat er mich: Er mag Baku sehr, er liebt dort die Menschen, die Landschaft, außerdem, teilte er in den trüben Novembertag in Berlin hinein mir mit, es seien nun 20 Grad in Aserbaidschan am Kaspischen Meer, mild und gar nicht herbstlich für unsere deutschen Verhältnisse. Gelegentlich schreibt er mir auch, über Besorgnisse von aserbaidschanischen Menschenrechtsgruppen, denen zufolge die regierenden Clans des Landes den ESC benutzen könnten, um sich als extrafreundlich zu profilieren. Klar: Auch wer dieses Forum liest, wer die Seiten von eurovision.de (und damit die von tagesschau.de) studiert, kann wissen: In Aserbaidschan ist es mit der freiheitlichen Demokratie, wie wir sie aus Mitteleuropa nicht weit her.

Die Frage ist nur: Noch nicht weit her? Oder nicht mehr weit hin?

Die weitere Frage also ist: Wird der nächstjährige ESC eine Propagandaveranstaltung des dortigen Regimes, die nur durch die Fans geadelt würde?

Viele Fans bleiben skeptisch. Nun fand ich in meiner Zeitung, der taz aus Berlin, einen Kommentar auf der Satireseite “Wahrheit”, den man vielleicht doch ein wenig genauer sich angucken könnte. Dort findet sich im  Übrigen auch ein klares Gegenstatement von Ivor Lyttle, Herausgeber der EuroSong News.

Wörtlich heißt es dort, mit Blick auf die wenig gemütlichen Verhältnisse in Baku: “Wäre es jetzt für die Tausenden schwulen Anhänger nicht endlich an der Zeit, im Mai 2012 zu Hause zu bleiben und den ESC-Zirkus allein zu lassen in diesem zutiefst schwulenfeindlichen Land? Schluss mit dem enthusiastischen Fahnenmeer für die Kameras, stattdessen Solidarität mit denen, die noch immer Angst haben müssen vor Verfolgung und Unterdrückung? Der Boykott einer Veranstaltung, die längst kein Hort mehr ist für unschuldiges Entertainment? Doch die Erinnerung an den ESC 2009 macht keine Hoffnung: Damals suchten Moskaus Schwule die Unterstützung der ESC-Fans und luden zum CSD am Finaltag. Die Demonstration fand nicht statt, russische Aktivisten wurden stattdessen verhaftet und die ausländischen Fans blieben im sicheren Saal.”

Was dieser Kommentator schreibt, denunziert zunächst die meisten Fans des ESC, vor allem die homosexuellen, als feige und blöde – und das ist schon deshalb unverdient, weil jener, der dies schreibt, es nicht aus eigener Anschauung beweisen kann. Denn, soweit ich mich erinnere, war er in Moskau nicht dabei – was da also in der russischen Hauptstadt vor zweieinhalb Jahren passierte, entzieht sich seiner näheren Kenntnis.

Tatsächlich hat es während des ESC-Finaltages einen Versuch gegeben, eine Christopher-Street-Parade durchzuführen – was die moskowiter Milizen weitgehend zu verhindern wussten. Aber: Ihnen standen akkreditierte Journalisten des ESC zur Seite, die dies beobachteten, darüber in ihren Heimatländern berichteten, was wiederum russische Homosexuelle noch Wochen später dankend mailten (was nicht nötig war, denn Solidarität praktischer Art ist doch Ehrensache), außerdem war von diesem CSD in der “Tagesschau” am Abend die Rede – im Zusammenhang mit dem ESC: Mehr Öffentlichkeit gegen die Garden des damals regierenden Moskauer Bürgermeisters Luschkow ging nicht. Aber es waren gut zwei Dutzend ESC-Aktivisten dabei, Frauen wie Männer, und sie alle riskierten ihre Akkreditierungen zum ESC.  Jene, die in der Halle blieben, mögen vielleicht im Einzelfall mutlos gewesen sein – aber lässt man sich das von einem attestieren, der nicht dabei war?

Okay, man muss eine Satire (ernst gemeint oder nicht) nicht für bare Münze nehmen, aber Diffamierungen, die faktenfrei daherkommen, sind nicht okay.

Für Baku bedeutet dies: Die aserbaidschanische Szene, welche auf Freiheit, also auf mitteleuropäische Luft zum Atmen hofft, ersehnt sich in großen Teilen die Zeit des ESC in ihrem Land. Alle Fans sind ihnen willkommen – es sind für sie Botschafter aus einer Welt, die sie ähnlich, auf ihre Verhältnisse bezogen, auch wollen. Ich würde sagen: Baku ist jede Reise wert – vor allem im nächsten Jahr. Es ist ein schönes Land, und wie man Brieffreund zurecht anfügt, eines mit echt vielen netten Menschen.

P.S.: In der Schweiz sind Berichte von Amnesty International über die Menschenrechtslage in Aserbaidschan zurückgewiesen worden. Ein ESC habe mit Politik nichts zu tun, hieß es. Okay, so kann man eidgenössisch denken. Aber: Wir werden sehen!