Archiv der Kategorie ‘Finale’

Meckerei über die ARD

11. April 2012

Anders lautenden bösgesinnten oder gutgemeinten Gerüchten zum Trotz müssen meine Beiträge dieses Blogs keiner ARD-Konferenz vorgelegt werden. Ich darf hier über die Dinge des ESC schreiben, wie ich sie sehe – und wie sie in der Szene diskutiert werden.

Inzwischen ist die ARD überhaupt weit davon entfernt, den Eurovision Song Contest als antipolitisches Ereignis in ihren Einflussbereichen zu verhandeln. Der ESC war schon immer (auch) politisch durchwirkt – und das hat viel mit der europäischen Geschichte zu tun (Nationen, die sich spinnefeind waren) und auch sehr viel mit den Annäherungsprozessen, die in den Nachkriegszeiten begannen. Die politische Ernstnahme des ESC fand seine stärkste Ausprägung zunächst über eurovision.de statt - und wer hier auf diesen Seiten sich informiert, weiß das auch.

Aber die ARD war es – und dort in Federführung der NDR – die schon 1998 aus Birmingham den ESC in ihren Features so berichtete, als sei der Grand Prix Eurovision de la Chanson mehr als ein in drei Stunden kanalisiertes Unterfangen puren Entertainments.

Das hat sich über die Jahre geweitet – von der ARD-Sondersendung vor dem ESC aus Jerusalem über die Beiträge aus Tallinn, Riga, Istanbul, Kiew – und in Moskau gingen die CSD-Versuche in Moskau und dass sie von russischen Milizen niedergeschlagen wurden sogar über die “Tagesschau” – sowohl am Samstag des ESC wie am Sonntag danach.
In diesem Jahr ist Aserbaidschan Gastgeber des ESC, und kein Land zuvor ist, gerade was die menschenrechtspolitischen Belange anbetrifft, so sehr mit Aufmerksamkeit bedacht worden. Keine Spur mehr von der Atmosphäre des Jahres 1969, als der Hessische Rundfunk peinlich vor und während der Übertragung aus Madrid alles vermied, was die rechtsdiktatorischen Geschichten rund um den ESC hätte erörtern können. Nix da, dass die Niederländer ursprünglich boykottieren wollten, dass Schweden aber eben dies tat … und Österreich gleich mit.

Wenn sich jetzt ein grüner Abgeordneter wie Volker Beck nun beschwert, die ARD berichtete nicht ausführlich genug über die Umstände des ESC in Baku, wie er der nordrhein-westfälischen Zeitungsgruppe WAZ verriet, dann weiß er nicht, worüber er spricht. Kein Sender hat so akut und so gründlich über Aserbaidschan reportiert – und nicht nur in Sendungen wie Titel Thesen Temperamente oder in Kulturmagazinen der Dritten Programme. Auch auf dieser Seite wurde auf die Situation in Aserbaidschan immer hingewiesen.

Aserbaidschan ist ARD-Zuschauern, alles in allem, kein Land mehr unter so vielen anderen mehr, die ein zwiespältiges Verhältnis zu Menschenrechten wie Demonstrations- und Meinungsfreiheit haben. Wenn sich also jetzt Volker Beck beschwert, dann mag das mit der Arbeit des Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe, Menschenrechtsarbeit von Regierungsseite der FDP-Abgeordnete Markus Löhning (FDP) zu tun haben. Seine Arbeit hat er auf vorzügliche Weise geleistet.

Der ARD vorzuwerfen, sie kümmere sich nicht, verkennt den ambivalenten Charakter des ESC überhaupt: Einerseits ist er nichts als eine Show mit sportlichem Wettbewerbscharakter, andererseits kann er gar nicht apolitisch sein – dafür sind die Umstände viel zu phantasieangereichert, die auf das Nationale weisen.

Und die Frage muss auch gestellt werden: Ist der ESC wirklich eine “Propagandashow” des Regimes?, wird das Festival ernsthaft “missbraucht”? Allzu starke, übertriebene Vokabeln für einen Politiker, der offenbar den überheizten Ausdruck wählen muss, um Gehör zu finden.

Falls Beck glaubt, aus dem ESC ließe sich eine Art dreistündiger “Brennpunkt” machen, geht er an den Informationsbedürfnissen des Publikums, auch das der ARD, vorbei. In Wahrheit, so vermute ich, hat er diese Behauptung nur gemacht, um selbst als der Lordsiegelbewahrer der politischen Korrektheit auftreten zu können. Das ist vielleicht nicht billig, aber dennoch: weit unter dem Niveau der öffentlich-rechtlichen Sender, aber, wichtiger noch, noch weiter unter dem eigenen. Wie schade!

Werden die Ersten die Letzten sein?

10. April 2012

Man hat ja immer sein Tun, pflegte meine Oma zu sagen und nahm ihr Häkelzeug in die Hand. So war es bei ihr Ostern – unsereins hat in der Karwoche Post von Freunden und Bekannten erhalten. Mit dabei: eine DVD mit den Preview-Clips aller 41 42 Lieder von Baku. Manches war von den technisch versierten Freunden nachgebessert worden – der Ton etwa von Mono in Stereo transponiert, außerdem die sanmarinesische Geschichte ergänzt, weil die auf der ursprünglichen DVD nicht enthalten war, ebenso das israelische Lied, das bei vielen der digitalen Vorlagen fehlte. Außerdem waren alle 41 42 Acts in die richtige Reihenfolge gebracht, das heißt in jene, die nach der Auslosung der Halbfinals feststand – und darüber hinaus die fünf Beiträge der Big Five sowie der Versuch Aserbaidschans, nicht schon wieder zu gewinnen.

Warum die Mühe, mögen Unkundige jetzt fragen. Alle Kenner oder Halbkenner verweisen sofort auf das Jahr von Düsseldorf: Da hatte der Finne Paradise Oskar im Halbfinale sich faktisch in die Rolle des Mitfavoriten gewimmert,  aber weil er nach seiner ersten Show die Startnummer 1 für das Finale zog, kam, was kommen musste. Er bekam so wenig Punkte, dass sich einmal mehr bewahrheitete, dass sich ein Lied in seinem Umfeld bewähren muss.

Aber zurück zu meiner Post aus dem eurovisionären Europa und den darin kolportierten Meinungen: Einen Brief möchte ich, in originaler Schreibweise, zitierten: “also im ersten semi werden die omas aus russland so was von abräumen. ich finde das lied ja nicht besonders gut, aber es kommt im ablauf der lieder genau zur richtigen zeit. der vortrag wird aus dem einerleid der restlichen beiträge rausragen! das reißt einen mit, ob man will oder nicht…” Soviel zum ersten Halbfinale – und ich schließe mich dieser Auffassung an: Die Babuschkas kriegen schon deshalb Punkte, weil man gegen die eigene Oma ja auch nie aufmüpfig wird. “Alt und grau kannst du werden, aber nicht frech”, pflegte meine eigene Großmutter immer zu sagen.

Womit wir zum zweiten Halbfinale und seinem Liederfluss kommen. Freund Marcel aus Örlikon kommentiert das so, abermals in mailüblicher Kleinschrift: “im 2. semi geht’s von einer belanglosigkeit zur nächsten. ich habe bei den meisten titeln das ‘schon 100 mal gehört’-gefühl. der gute zeljko aus serbien wird natürlich von allen nachbarländern 12 punkte abkriegen, aber mal ehrlich, klingt doch wie die drei bisherigen beiträge von ihm, oder? mit den ‘favoriten’ aus schweden und norwegen kann ich mich schlecht anfreunden. beide songs überproduziertes einerlei, aber die elsen drehen durch wenn sie’s hören und prophezeien schweden einen sieg in rybak-ausmaßen. mein favorit ist hier estland … und dann habe ich ja eine schwäche für fado aus portugal. chancenlos auf den sieg aber wunderschön.”

Ein Befund, den ich ebenfalls unterschreibe: Portugal will schon wieder nicht gewinnen, Schweden wahrscheinlich allzu sehr. Schließlich sein fundiertes Urteil über die bereits feststehenden Finalisten: “finde, die haben das beste material dieses jahr. die italienerin muss unbedingt darauf verzichten englisch zu singen, sonst verkackt die das … habe einige titel ja schon vorher gehört, andere zum ersten mal auf dieser dvd. wenn wir davon ausgehen, dass der großteil der leute am finalabend die songs zum ersten mal hört, dann kann es meiner meinung nach nur einen sieger geben: engelbert! so was von geil das lied!”

Wobei ich deutlich sagen möchte: Freund Marcel – wie auch Sergej aus Lemberg, Kenneth aus Perstorp und Mary von Guernsey – wissen um die Fragwürdigkeit einer Flow-Analyse (der Fluss der Klänge in diesem Fall) des Finales. Dass vor Engelbert niemand performt, ist klar. Aber angenommen, Roman Lob bekommt nach seiner Vorstellung Russland zugelost: Wäre es dann nicht um seinen Beifall geschehen, weil alle Welt ohnehin sich auf die Großmütter freut? Aber alles in allem ist die ESC-Fan-Welt nur in einer Hinsicht gespalten: Schweden finden die einen das Tollste seit Ewigkeiten, die anderen lässt Loreen kalt. Ich schätze, hier muss abgewartet werden.

Baku – der 60. ESC-Sieger?

2. April 2012

Es erscheint wie eine Kleinigkeit, aber die Reference-Group des ESC, der Lenkungsausschuss dieser Show, hat sich darauf verständigt, dass ab jetzt und für alle Zeiten die vier Siegerinnen von Madrid 1969 als Siegerinnen an und für sich gelten. Das heißt: In Baku wird der 60. Siegesact des Eurovision Song Contest gesucht – nicht der 57.

Wobei dieser ESC in Aserbaidschan der 57. seit 1956 ist. Das klingt wie ein Moment von Detailverliebtheit, aber die Reference Group will sich, Gerüchten zufolge, zum Diamantenen Jubiläum 2015 eine europäisch-öffentliche Abstimmung überlegen, welche der vier Siegerinnen von 1969 als wahre gelten könnte: Lulu, Salomé, Frida Boccara oder Lenny Kuhr. Davon abgesehen, dass schätzungsweise die Niederländerin Lenny Kuhr nach dem aktuellen Verfahren – Jury und Televoting je zur Hälfte – gewonnen hätte, weil die Kuhr eben an der Liedermacherinnenkultur zeitgenössisch dran war, außerdem ihr Lied “De Troubadour” sehr populär zum Mitschunkeln sich eignet, finde ich diese ganze Art der – sagen wir: Vergangenheitsbewältigung – albern.

Wie könnte jetzt entschieden werden, welche aus dem Quartett die erste und einzige Krone verdient hat? Das Gros des Publikums jenes Jahres wird sich kaum noch erinnern oder lebt nicht mehr im zurechnungsfähigen Alter. Und außerdem: Wie sollten die Gefühle von damals ins Heute transportiert werden? Die ästhetischen Empfindungen haben sich gewandelt, was heißt, dass eine wie Frida Boccara sofort unter divenhaften Kunstverdacht gestellt würde und vermutlich außerhalb der Jurorenschaft kaum Fans hätte. (Ich finde die Dramatik von “Un Jour, Un Enfant” immer noch bedrückend gut, das nur mal zur Klarstellung.)

Aber mir scheint, als würden vor allem die Meldungen über die Reference Group, die da neulich in Baku tagte, in die Öffentlichkeit gestreut, die irrelevanter kaum sein könnten. Denn nach wie vor wissen wir nicht: Was ist mit Armenien? Wird die TV-Gesellschaft dieses Landes mit einer Strafe belegt? Und weiter: Die Reference Group hat ja beschlossen, so hörte ich, dass jedes teilnehmende Land im kommenden Jahr einen Vorentscheid veranstalten muss. Zustimmen muss nur noch das TV-Komitee der European Broadcasting Union, aber die Reference Group gibt nicht einmal einen einzigen Hinweis, wann dieses Gremium tagen wird.

Will sagen: Wir erfahren von den Offiziellen immer nur noch Puschelig-Unwichtige, aber das, was wirklich mit europäischer Diplomatiekunst, mit Transparenz und mit Öffentlichkeit zu tun hat, sollen wir nicht erfahren.

Wozu auch eine andere Nachricht zählt: Über den Internetdienst ESCtoday erfahren wir, dass das Kosovo mit seiner TV-Anstalt RTK nicht am ESC teilnehmen darf. Gründe wurden keine angeführt; dem Vernehmen nach sei es, so heißt es seitens der EBU, unmöglich, die von Serbien seit 2008 unabhängige Republik Kosovo aufzunehmen. Warum? Erfahren wir nicht. Okay, Serbien boykottiert diese abtrünnige Republik, aber woran liegt das Desinteresse? Weil das Kosovo ein politischer Funkenherd wäre? Weil Albanien dieses Land mehr als bekannt steuert? Weil die Nato das Land beschützt – und es nicht lebensfähig wäre, würden diese Militärs abziehen?

Kosovos Außenminister Petrit Selimi teilte der EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre mit, “die EBU ist extrem wichtig für uns, nichts anderes als der ESC ist wichtiger für die Bildung unserer nationalen Identität”.

Woran auch immer es liegen mag, dass man über die vom Außenminister aus Pristina geäußerten Ansprüche einfach hinweggeht – wir würden es gern erfahren. So, bei dieser Informationspolitik, hat man das Gefühl, nur kremlartig gefilterte Nachrichten zu erhalten. Ist das aber ein Zeugnis für das moderne Europa?

Update:

Okay ein Aprilscherz? Ein Aprilscherz, fürwahr. Ich bin drauf reingefallen. Andererseits war das auch nicht so schwer: aus einer Mücke macht die EBU zumindest ein Elefantchen. So bleibt der Kern meiner Aussage: Viele Themen werden bei der EBU totgeschwiegen. Zu Kosovo, Armenien erfährt man leider nichts. Nicht zur Vorentscheidungspflicht und nicht zur Debatte um Menschenrechte in Aserbaidschan – dass etwa zeitgleich mit der Reference Group es eine Demonstration in Baku gab. Ein demokratieförderliches Ereignis!

Verfälschende Übersetzungen

29. März 2012

Ich mache mir Sorgen, und zwar um Italien. Nina Zilli, die italienische San-Remo-Königin und ESC-Repräsentantin ihres Landes in Baku, wird ihr Lied “L’amore è femmina” nicht gänzlich in ihrer Muttersprache zu Gehör bringen, sondern in einer sogenannten bilingualen Version, die offiziell “Out Of Love” betitelt ist. Konkret muss das so gelesen werden: In einer Sprache, die Frau Zilli nicht die Spur so gut wie kann wie die italienische, wird sie versuchen, ihrer Favoritinnenrolle gerecht zu werden. Auch sie – oder: ihr Team – glaubt, dass man mit dem Englischen einfach gefälliger zur Kenntnis genommen wird.

Aber davor sei gewarnt. Das beweisen die zahlreichen, vor allem osteuropäischen Versuche, aus schwer zu verstehenden Sprachen wie Rumänisch, Ukrainisch, Lettisch oder gar Ungarisch ins Englische auszuweichen – der Illusion anhängend, in dieser lingua franca des Pop liesse sich auch nur ein einziger Punkt mehr bekommen. Denn die englischen Fassungen klangen, ehrlich gesagt, durch die Bank erschütternd unbritisch, unenglisch, unernsthaft. Englisch, sagte mir ein Kollege der BBC aus Manchester, ist nicht so einfach, wie alle Welt ausserhalb des Vereinigten Königreichs glaubt.

Nun, von 1999 an war ja die Sprache der Lieder freigegeben, auch in kurzen Zeiten der Sechziger (als es noch keine strikten Regeln gab) oder in den Siebzigern (als diese aufgehoben wurden, wovon zweifellos die Schweden von Abba profitierten) war dies der Fall. Seit dem Jahr von Charlotte Nilsson (die heute Perrelli heißt), als ihr “Tusen och en natt” erst bei der Siegesvorstellung teilweise auf Schwedisch intonierte, ist Englisch die Sprache aller ESC-Sprachen. Französisches hat seit 1988 nicht mehr gewonnen, diese Ursprache der European Broadcasting Corporation ist inzwischen in ESC-Zirkeln so wichtig wie, sagen wir, Litauisch oder Finnisch – nämlich ein Idiom unter sehr vielen.

Erst 2007 wurde mit der Mär aufgeräumt, mit einheimischen Worten und Versen könne kein Blumenpott zu gewinnen sein. Marija Serifovic und ihr “Molitva” gewannen – und das auf Serbisch. Wobei man natuerlich einschränkend sagen muss: Molitva ist die serbische Vokabel für “Gebet”, freilich ist es diese auch auf Slowakisch oder Kroatisch oder Slowenisch oder Ukrainisch – nur stets leicht anders geschrieben.

Was ich aber sagen will: Nina Zilli auf Englisch wird nicht so gut klingen wie auf Italienisch. Das liegt nicht an ihren Worten, die sie hervorhaucht oder -bellt, sondern an der Atmosphäre des Verslichen, sozusagen. Auf Italienisch wird sie als gigantische Diva wahrgenommen, auf Englisch wird sie unsicherer, wenn vielleicht auch internationaler, aber auf jeden Fall weniger authentisch klingen. Das ist bei Roman Lob anders: Sein “Standing Still” ist bei ihm – hörbar, wie ich glaube – die Sprache, mit der er am liebsten zu tun hat. Plötzlich hat er diesen Schimmer Überregionalität, unter Verlust seiner rheinischen Grundklänge.

Aber ich plädiere dafür, dass die Länder sich mehr trauen, in ihren Sprachen zu singen – denn es ist kein Malus bei der Punkteauszählung, etwas fremd, etwas exotisch, etwas unverstanden das Publikum einzunehmen. Die Russinnen machen es vor: Nur ihr Refrain hat eine gewisse Qualität des Grölenden, Mitgrölenden, der Rest ihres Textes ist ohnehin einerlei, dafuer gleich in einem Dialekt, der entfernt an gar keine uns hierzulande bekannte Sprache erinnert.

Auf Texte hört, meine Erfahrung besagt dies, niemand richtig. Es kommt auf die Chiffren an, auf die Eingängigkeit von Worthülsen – und da war es gleichgültig, dass etwa “Congratulations” von Cliff Richard 1968 auch denen sympathisch schien, die noch kein Englisch in der Schule gelernt hatten. Denn trotzdem fuhr in jenem Jahr 1968 die Spanierin Massiel besser – ihr “La La La” suspendierte die spanische Sprache in der Überschrift gleich gänzlich.

Nina Zilli allerdings bleibt meine Liebste, was die Prognosen anbetrifft. Sie kann live performen wie vermutlich niemand sonst in diesem ESC-Jahrgang – und sie möge es durch die Bank auf Italinisch tun. Ihre Botschaft ist dann klarer und glaubwürdiger: Die Liebe ist weiblich.

Lob für Roman L.

26. März 2012

Donnerstag beim “Echo”, da stand er auf der Bühne – und wäre auch Stefan Raab dagewesen und hätten obendrein auch noch einen Kommentar abgegeben, würde ich sagen, müsste man seine Worte so zusammenfassen: Das hat mich echt mal wieder geflasht! Klar, wir sprechen über Roman Lob, den deutschen ESC-Act, und es nahm mich für die Show an dieser Stelle nicht ein, dass dieser junge Mann nicht den gebührenden Beifall aus dem Publikum, eine Art Vollversammlung der Musikbranche, erhielt.

Nein, sein “Standing Still” klang satter als noch bei der Siegesshow Ende Februar; er hat inzwischen auch das richtige, heißt: nicht gewollte Lächeln um seine Knopfaugen, er wirkt etwas müde, aber zufrieden. Roman Lob, der seinen Titel auch schon vor zehn Tagen in Ruhpolding angelegentlich der Biathlon-WM während einer Rennübertragungspause sehr entspannt zum Besten gab, ist vermutlich der in Deutschland wie im restlichen Europa unterschätzteste Grand-Prix-Beitrag dieses Jahres. Man möchte den Fans zurufen: Hört auf, dauernd Loreen zu huldigen oder die russischen Omas zu verkulten, stoppt die penetrante Einfalt, alles zu preisen, was laut und lärmend und halbdivenmäßig daherkommt!

Und denkt daran, wäre zu ergänzen, dass die allermeisten Zuschauer beim Finale – damit meine ich: 99 Prozent! – weder im Internet die Lieder vorab diskutierten noch in irgendwelchen Foren sich tummelten. Nein, was sie hören werden ist lediglich: Jedes Lied, bis auf das aus dem eigenen Land, zum ersten oder anderthalbten Male – und wer mitstimmt, tut dies spontan und entsprechend undiskutiert. Also tendenziell ungerecht!

Ich möchte damit nur andeuten, dass auf Fanvotings nicht besonders viel zu geben ist. Roman Lob ist der aufgehende Stern dieses Jahres – er trägt eine Art Kaffeehut auf dem Kopf, wie es Hunderttausende an Jugendliche in Europa so tun, er hat Charme, er wirkt nicht gekünstelt oder allürenfett, sondern nett, sympathisch und nahbar. Das werden die Zuschauer mögen, wobei ich einschränken möchte: In Griechenland (und Zypern, natürlich) wahrscheinlich nicht, dieses Land wird in seinem Krisenwahn Roman Lob übel verbuchen. Aber sonst?

Roman Lob reift gerade, und mir gefällt dieses Wachsen. Es sieht auch anders aus als vor zwei Jahren bei Lena Meyer-Landrut, die sich im Grunde von der ersten Castingminute bis zur vorjährigen Echo-Verleihung kaum verändert hat, jedenfalls glaubte man, das zu sehen.

Roman Lob jedoch, eben hat er mit Thomas D sein Album fertig produziert, geht mit diesem gewissen Interesse an weitere Aufgaben, das ihn jetzt schon als fast unverbrennbar erscheinen lässt. Er ist kein Futter für Hysteriker und keine Objekt schwuler Dancefloorphantasien, aber jene, die ihm gern was gönnen möchten, würden mit ihm am liebsten um die Häuser ziehen. Eher auf die schüchterne Art.

Und so will ich auch nicht verhehlen, dass mir Roman Lob persönlich auch gut gefällt – immer denke ich, na, “Standing Still” dreht erst zum Schluss richtig auf, das könnte schwierig werden. Doch könnte es nicht genau das richtige Rezept sein, sich vom Bombast so vieler anderer Acts abzuheben?

Die Youtube-Zahlen belegen es: Roman Lob wird eher häufiger als seltener angeklickt, man wird diesen Sound nicht los. Er zählt für mich neben Nina Zilli, Engelbert Humperdinck und Joan Franka zu den Favorisierten.

In Bälde geht er auf Deutschlandtournee – er tingelt die Radiostationen ab. Man darf sich drauf freuen! Kein Ölprinz, dieser Mann. Ein anderer, knuffiger Siegertyp.

San Marino: Ein Altherrenwitz?

23. März 2012

Und dafür dieser ganze Zirkus? Das sanmarineser Fernsehen stellte nun gestern Abend den textlich umgedichteten Schlager für den ESC vor: Statt “Facebook” heißt es nun “The Social Network Song” – aber soweit ich es hören konnte, unterscheidet sich der Beitrag in so gut wie nichts. Außer, dass nun nicht mehr der Markenname dieser sogenannten Freundschaftsbörse offen genannt wird.

Doch schätzungsweise ist durch das ganze Skandälchen, die Mikropanne, dieser von Mark Zuckerberg vor acht Jahren erfundene Internetdienst bekannter geworden als hätte man das Lied einfach so belassen. Schlicht und einfach: Weil der Text eine unfassbare Anwanzerei an das Populäre war (und bleibt). Wobei ich einräumen muss, dass “The Social Network Song” nach etwa fünfmaligem Hören gar nicht mehr so übel ist – das Schönhören funktioniert wie immer als Gehirnwäsche.

Ralph Siegel selbst erklärte Donnerstag in einem instruktiven Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er habe alles “saulustig” gefunden, sei selbst auf Facebook präsent (Mensch, Herr Siegel, ist doch nur was für echt junge Menschen), und berichtet, er “bekomme Avancen”. Aha, dann ist er der erste, der, verschwiemelt “Avancen” genannt, über diese Plattform anzügliche Angebote bekommt. Jedenfalls beteuert er: “Wir wollen uns die Freude an dem Lied trotzdem nicht verderben lassen. Die neue Lösung ist ganz süß.” Süß? Wie bitte? Was soll das bedeuten? Kann das jemand mal begründen – oder müssen wir erst einen linguistischen Forschungsauftrag formulieren?

P.S.: Was noch passierte an diesem Donnerstag, ist ein wenig traurig: Lena Meyer-Landrut hat weder den Echo in der Kategorie Rock/Pop National noch in der Kategorie Bestes Video national bekommen. Tröstlich, ein wenig: Den Rock/Pop National bekam Ina Müller zugesprochen – und die hat neben Barbara Schöneberger eine prima Show moderiert. Etwas fiel noch auf: Beide Conferencieusen küssten sich, als habe es gezählt, Britney Spears und Madonna von MTV Video Award Show 2003 nachzuahmen. Sonderlich neu oder aufregend war das jedenfalls nicht.

Will Spanien wirklich gewinnen?

20. März 2012

Das hätten sie auch anders entscheiden können, aber Spanien, das die freie Auswahl eines Startplatzes per Wildcard zugelost bekam, wählte die Nummer 19: Das ist jene, die auch Aserbaidschan im vorigen Jahr inne hatte. Will, soll, muss also Pastora Soler gewinnen? Wir werden es nie erfahren – aber wichtig ist diese Schnulze allerbester hispanischer Tradition deshalb, weil ihr Roman Lob folgt. Denn Deutschland erhielt Platz 20 zugelost – ein schönes Eckchen im Feld der 26 Acts und für das Spannungsmoment, das ja ARD-Kommentator Peter Urban zelebrieren muss, gewiss nützlich: “Standing Still” als ästhetisches Angebot des Finales, das nach der Spanierin irgendwie gut kommen könnte.

Aber der eigentliche Hammer ist, dass Engelbert Humperdinck den Auftakt der Finalshow zugelost bekam – ich würde sagen: Ab sofort muss dieses sehr smarte Lied, das zu den besten dieses Jahrgangs überhaupt zählt, mit Vorsicht gewettet werden. Als Warming-Up des ganzen Abends mit Leisem, Sachtem zu kommen, könnte den Eindruck provozieren, es handele sich um eine Jazz-Easy-Listening-Show. Er bietet so jedenfalls nicht den rechten Kontrast zu all den Krawalleuren, die es auch geben wird, etwa Schweden oder Norwegen.

Frankreich auf Platz 9 liegt hübsch im Unauffälligen, Italien passt perfekt gleich dahinter: Nina Zilli wird ihr Statement zur Liebe der Frauen etwa gegen viertel vor zehn zu Gehör geben können.

Zu den Halbfinals lässt sich noch kaum etwas sagen: Den nun ausgelosten Flow wird man erstmal genießen müssen, ehe man bündig urteilt. Aber: Montenegro als Auftakt, durch den Rambo Amadeus serviert, kann ins Finale kommen, weil es die Konkurrenz aller drei Shows eröffnet – mal wieder an 1! Das erste Halbfinale beschließt Irland Moldau. Vorletzter ist Moldau, wobei ich hoffe, dass dieses ja nicht untypische moldauische Lied so gut im Gedächtnis bleibt, dass es am 26. Mai nochmals zu bestaunen sein wird. Finnlands ohnehin geringe Aussichten sind durch die Auslosung noch weiter geschmälert worden – gleich vor dieser Lordi-Nachfolgerin kommt die belgische Iris, die ebenso balladiert, wie es nur so balladieren kann.

Dänemark, Russland und Irland sind als Dreierpack das Highlight zum Schluss der ersten Runde.

Dass Serbien das zweite Semifinale eröffnet, ist okay – das gibt der Show den gewissen balkanesischen Grundton. Mazedonien gleich dahinter – und die Niederländerin an drei. Gute Laune, Zuversicht und Sonnenschein, da hat sie alle Chancen. Litauen, das die zweite Wildcard des zweiten Semis erhielt, entschied sich für den letzten Startplatz: Ich schätze, das wird schwer! Last but not least: Loreen am 24. Mai etwa gegen 22 Uhr auf Startplatz 11, eingebettet von Kroatien und Georgien, hat Glück gehabt. Es hätte für Schweden schlimmer gelost werden können!

P.S.: Dass die Auslosung flott verlief, ist ein Imagegewinnen für Ictimai TV, gastgebender Sender Aserbaidschans. Dass die Show per Livestream mit ziemlicher Verspätung begann, lässt befürchten: Da könnte es auch im Mai Pannen geben. Aber wir Deutschen sollten da mal den Mund halten: Wie Misslichkeiten technischer Art beim ESC gehen, wissen wir ja seit Düsseldorf auch.

Der Glamour der Alten

19. März 2012

Um nicht lange drum herum zu reden: Es war gut, dass ich vor einer endgültigen ersten Sichtung aller 42 Acts, auf das Lied von Engelbert Humperdinck (Video) gewartet habe – die BBC war die letzte Fernsehstation des ESC, die ihren Beitrag für Baku vorgestellt hat: “Love Will Set You Free” – Die Liebe wird dich frei machen! Ganz und gar optimistisch sagte er: “Ich gucke mir die Trophäe mit meinem Lied an” – was bedeutet: Er will keineswegs ein Zählkandidat sein.

Die besten drei Lieder in produktioneller Hinsicht sind die von Engelbert, Nina Zilli (Das Video bei Youtube) und Roman Lob (Video). Bei allen dreien hört man die Mühe, die modernes Arrangeurswerk heutzutagen verrichten kann. Aber die Top 10 in Baku könnten auch so ausfallen: die Niederlande (Video) mit ihrer munteren Gitarrengeschichte stehen ganz oben, auch die Dänin (Video) zählt dazu, Roman Lob wird, anders als viele das nun noch glauben, ebenso sehr vorne landen. Die Italienerin hat einfach ein Hammerlied anzubieten: Dass es ihr gelohnt wird, hängt von ihrer Performance ab – aber so wie man sie in San Remo gesehen hat, wird ihr das nicht schwerfallen. Vorne landen werden auch die Türkei (Video) (ein wenig allzu experimentell, aber dennoch …), Israel (Video) (ein besonders fluffiges Liedlein) und die Russinnen (Video) - sie beweisen wie der Brite, dass Alter nicht vor Glamour schützt. Im Gegenteil! Iris aus Belgien (Video) könnte ebenfalls vorne landen – ja, ich bin mir sicher, dass ihr Lied ihr viele Punkte eintragen wird. Rumänien (Das Video bei Youtube) möchte nicht unterschätzt werden, ebensowenig Albanien (Video).

Zu den Enttäuschten werden zählen, für mich steht das fest: Schweden (Video) (entsetzlicher Klangbrei), Norwegen (Video) (noch ein entsetzlicher Klangmus), Portugal (Video) (Gottchen, wie niedlich), die Schweiz (Video) (mulschig und langweilig) – und auch Österreich (Video): Halbanale Witzeleien auf der Bühne kommen europäisch vielleicht nicht so prima an, wie man es sich zwischen St. Pölten und Bregenz so denkt. Eine echte Veräppelung.

Die Kandidierenden für den allerletzten Platz sind für mich momentan: San Marino (Video) (egal, um was sich der Text in der geänderten Fassung auch immer noch drehen wird), Mazedonien (Video), Bulgarien (Video) und Finnland (Video). Aber die Enklave im Italienischen muss den Titel als ESC-Schrecknis des Jahres am ehesten fürchten.

Und dann sind da die Unauffälligen: der Balkan schlechthin (besonders fragwürdig: Montenegro: Video), aber auch Island (Video bei Youtube), Spanien (Video), Frankreich (Video) und die Slowakei (Video).

Ich schätze, wir werden uns alle Lieder noch schönhören, schönsehen, schönreden. Dass mich das Lied von Engelbert Humperdinck so gut wie kein anderes britisches Lied der vergangenen Jahre überzeugt … das erwähnte ich oben schon. Wahr scheint mir: Die BBC, die ihres Kandidaten wegen so verspottet wurde, steht plötzlich wie eine frische, alte Eiche des Pops da. Glückwunsch!

San Marino muss nachsitzen

18. März 2012

Dieser kleine Flecken mitten in Italien, kaum größer als der Vatikanstaat oder Andorra, hat uns nicht enttäuscht: Ja, San Marino hat sich für seinen dritten Versuch beim ESC den Münchner Komponisten Ralph Siegel eingekauft. Valentina Monettas Lied war allerdings noch offen – und es heißt nun: “Facebook”. Kaum hatte ich diese Info gelesen, kriegte ich schon Twitter- und Mailkommentare: “Bitte?” und “Siegel – das ist sein allerschlimmstes Lied” seit jenem für Montenegro oder “Frei zu leben” für Daniel Kovacs und Chris Kempers. Es ist ein überaufgeregtes Stück Lieblos-Pop, dessen Inhalt sich darum dreht, dass “Facebook” arg zu sexualisiert sei. Ich denke, der Mann, der für den Text des englischsprachigen Liedes zuständig war, hat keine Ahnung von dieser Plattform. Sex? Ist “Facebook” ‘ne erotische Hotline?

 

Nein, wir hatten uns San Marino vorgestellt als ein Mikronesien in Mittelitalien, das alle Insignien eines echten ESC-Landes trägt und, der Region angemessen, gute Musik uns serviert. Und was kriegen wir? Eben. Er wollte mal wieder modern sein – und wurde dann doch nur als Großvater kenntlich, der seinen Enkeln vielleicht imponieren wollte.

Und das ist nun ein Problem, des Textes wegen: Die Reference Group hat diesen Titel zurückgewiesen. San Marino könne bis Freitag, wenn also die Frist zur Nominierung der Lieder längst abgelaufen ist, ein ganz anderes Lied bestimmen, aber zumindest muss es diese Siegel-Komposition mit einem anderen Text aufführen lassen. Denn der Titel selbst sei ein Markenname, der einer Promotionaktion für diesen Internetkontaktdienst gleichkomme – und das sei nicht statthaft. Keinen Anstoß nahm das Entscheidungsgremium – der Lenkungsausschuss – des ESC an der sexuellen Anzüglichkeit des Liedes, allein die Bevorzugung eines bestimmten Internetdienstes steht in der Kritik.

ESC-Kenner wissen, dass die European Broadcasting Union (EBU) kommerzielle Werbung auf dem Schleichwege nicht schätzt – das war schon 1987 so, als Lotta Engberg in ihrem Skandi-Reggae nicht mehr von einem braunen Erfrischungsgetränk singen durfte, dessen Name mit Coca anfängt und mit Cola endet – sondern neutraler von “Rock’n'Roll”.

Schade, ich hatte mich, nachdem wir hier im Forum über die Spekulation geschrieben hatten, dass Siegel doch wieder beim ESC mitmischen würde, bei dem Gefühl ertappt, dass er nun, wenngleich im Ruhestand, für San Marino sein ultimatives Alterswerk komponieren. Ein Stück, besser als “I Believe In God” und “Ein bisschen Frieden” zusammen, ein Song, der einen vor Beglückung flachlegt, der ans Herz geht, ein Lied, das nicht kindergartenmäßig sentimentalisiert (“Papa Pingouin” oder “Tingel Tangel Mann”) oder gleich die neue gesinnungsethische Weltformel ausruft (“Träume sind für alle da” oder “Let’s Get Happy”). Was hören wir stattdessen? “Facebook” ist eine krude Mixtur aus “Wir geb’n ‘ne Party” und “Just Get Out Off My Life”. Nun, wer weiß, bis Freitag kann er nun noch ein neues Lied aus dem Hut zaubern – ein besseres hoffentlich.

Und der Rest der Beschlüsse? Ob Armenien eine Strafe bezahlen muss und alle Länder ab dem kommenden Jahr eine Vorenstchidung verpflichtend ausrichten müssen – wird die Beratung durch das TV-Committee der EBU in den kommenden Tagen entschieden. Wir kommen auf diese Neuerungen detaillierter zurück!

Omas im Rudel

8. März 2012

Nein, es steht zu vermuten, dass Engelbert Humperdinck nicht der älteste Teilnehmer in Baku sein wird. Und dass das so sein könnte, liegt an der russischen Vorentscheidung, die wir gestern Abend erleben konnten. Denn gewonnen hat niemand der jungen, sehr, sehr, sehr jungen Kandidaten, sondern eine Sechsergang aus alten Frauen in bunten Kostümen, die sich Buranowski Babuschki nennen. Das heißt: Die Omas aus Buranowski singen “Party for Everybody!”, und das Publikum, das sie wählte, hinderte den ESC-Sieger von Belgrad Oslo, Dima Bilan, mit knapp neun Punkten Vorsprung, abermals und zum dritten Mal in die ESC-Arena zu steigen.

Ich habe diese Vorentscheidung gesehen und muss gestehen: Zunächst fand ich diese Damen bizarr. Folklore! Der ESC ist doch kein Altenheim, seufzte meine Seele, aber dann nahmen sie mich ein. Ihr Lied hat Schwung, es eignet sich perfekt als Stimmungsgrölschlager und die Performance des Sextetts ist von ansteckendem Optimismus: Ja, mit denen wird man in Baku Spaß haben. Keine Stimmungskillerinnen. Sie singen, das für Connaisseure, teilweise in Udmurt – einer Sprache, die dem Finnischen und Ungarischen nah ist. Für Kenner empfiehlt sich ein kleiner Eintrag aus Wikipedia: “Die udmurtische Sprache (…) gehört zum permischen Zweig der finno-ugrischen Sprachen und wird in Udmurtien im westlichen Uralgebiet (…) gesprochen. Von den insgesamt etwa 637.000 Udmurten sprechen 72 Prozent Udmurtisch als Muttersprache (2002), während dieser Anteil 1989 noch bei 77 Prozent lag. In Kasachstan sprechen etwa 15.000 Menschen udmurtisch.”

Mit der Zeit der Vorentscheidung, die sich recht lange hinzog, fanden die Damen auch beim Saalpublikum nachgerade frenetische Unterstützung: Ja, die will man sehen. Ich finde, in der folkloristischen Zuspitzung ist dieser russische ESC-Act seit mindestens zwei Jahrzehnten unübertroffen. Der norwegische Beitrag von 1980, “Samid Aednan”, und der spanische von 1983 von Remedios Amaya kommen in der Qualität dem russischen Lied dieses Jahres nahe. Allein: Die Babushki haben mehr Esprit, verzichten auf Drama und Melancholie. Das ist gut für die Stimmung – und wird einen schönen Generationsspannungsbogen bilden: Hier der Routinier Engelbert mit einem vermutlich sensationell coolen Lied, dort die aufgeheizten Russinnen, die vermutlich richtig Lust auf einen Ausflug nach Aserbaidschan haben.

Ich bin, obwohl mir das Lied bitte nicht sechs Mal am Stück ins Ohr geträufelt werden möge, begeistert: Soviel Wahlüberraschung hätte man doch aus Russland nicht erwartet.

P.S.: Gegen diese Frauen, deren Alter wir nicht genau wissen, deren Familienstände wir noch nicht kennen und deren Karrieren wir nicht abschätzen können, ist vieles bei diesem ESC Konfektion. Aber das steht doch wohl fest: So sehr unter der Überschrift “Diversity” wie bei dem diesjährigen ESC, stand der Contest schon sehr lange nicht.