Archiv der Kategorie ‘Geschichte’

Minsk? Auf keinen Fall!

16. Februar 2012

Es gab bislang viele Berichte über die tatsächlich katastrophale Menschenrechtssituation in Baku – und das interessierte bisher wenige bei uns. Nun rückt es in die allgemeine Aufmerksamkeit, denn in der aserbaidschanischen Hauptstadt findet Ende Mai der ESC statt. Insofern: Gut, dass es so kommt, denn ein kleines, durch Rohstoffe wie Öl und Gas potentiell sehr wohlhabendes Land gelangt so auf die politische Agenda.

Flagge Aserbaidschans in einer Landkarte. Foto: ANP

Der beste Report lief gestern abend beim NDR im Dritten, bei “Zapp”. Nicht wohlfeile Empörung und politisch kostenloser Eifer stand dort im Mittelpunkt, wie etwa neulich in der “Berliner Zeitung”. Wir konnten vielmehr sehen, was momentan der Sachstand ist. Die Autoren des Beitrags ließen uns wissen, dass Menschenrechtsaktivisten in Baku keineswegs möchten, dass der ESC in Aserbaidschan nicht stattfindet – aber die Fans und Journalisten mögen bitte immer die politische und gesellschaftliche Situation mit bedenken, mögen sehen, dass der ESC eben keineswegs eine unpolitische Veranstaltung ist.

Was ist er dann? Im Falle Aserbaidschans – und Spaniens 1969 – auch eine Propagandashow der in Baku herrschenden Elite. Medienjournalist Stefan Niggemeier erklärte das Problem: Nicht, dass der ESC in Baku präsentiert wird, sei schlechthin problematisch, sondern dass die European Broadcasting Union so tut, als seien für das Festival im Mai keine menschenrechtlichen (das heißt: polizeistaatlich angeheizten) Kosten zu tragen. Dass sie also weiterhin die Rolle des Vogel Strauß bevorzugt – weggucken und so tun, als sei nix.

Okay, die aserbaidschanische Regierung hat der EBU schriftlich versichert, man garantiere dem ESC-Tross, sich unbehelligt und frei im Lande bewegen zu können. Da möchte man ironisch ausrufen: Danke, Aserbaidschan! Aber immerhin.

Ich sehe es im Grundsätzlichen so, ich schrieb es hier häufiger: In Baku erwartet der demokratische Untergrund des Landes unsere Unterstützung. Dass wir nicht achtlos an ihnen vorbei gehen, dass wir sie wahrnehmen, dass wir, so sagte es eine Menschenrechtlerin, mit den Menschen in Baku sprechen. Und wenn das so wäre, könnte der ESC für die Menschenrechtsaktivisten in Aserbaidschan immerhin diesen Effekt bewirken: Dass die Situation im Lande sich im Sinne der Maßstäbe unseres Grundgesetzes oder der Menschenrechtscharta Europas bessert.

Die Nachricht des Tages aber erfuhren wir am Ende des Beitrags: Thomas Schreiber, bei uns der Chef des ESC in der ARD, wird, falls Weißrussland gewänne, unmittelbar nach einem solchen Sieg für die ARD die Frage aufwerfen, ob Deutschland dann an diesem ESC teilnehmen könne – in einem Land, wo eine “lupenreine Diktatur” herrsche.

Das finde ich richtig bemerkt. Ein Aspekt aber müsste noch erörtert werden: Müsste man undemokratischen, viertel- oder halbtotaliären Systemen nicht generell die Teilnahme am ESC verweigern? Und wenn nein, wenn also ein Fernsehprojekt, und sei es das populärste, so etwas wie demokratischen Geist in ein Land hineinträgt: Müsste man dann nicht die Regel formulieren, dass in einem Land wie Weißrussland kein ESC stattfinden dürfte?

Eine verzwickte Situation – das gebe ich zu. Aber es ist beruhigend zu wissen, dass Minsk für die ARD offenbar keine Option ist. Wobei man sagen muss: Die weißrussische Chanteuse, die in Baku antreten soll, hat ein so grottiges Lied anzubieten, dass sie es noch nicht einmal bis ins Finale von Baku schaffen wird. Die Notwendigkeit, sich mit “Minsk 2013″ auseinanderzusetzen, wird 2012 sicher nicht kommen.

P.S.: Und jetzt noch zu “Unser Star für Baku” direkt, also zum heutigen Finale. Ornella? Ihre größte Leistung ist, dass sie den Sprung ins Finale geschafft hat. Und böse Zungen sagen auch, sie habe uns Yana im Finale erspart, denn deren Tränen konnte man ja nicht immer so ganz und gar glauben. Dass Roman gewinnt, klingt fast trivial. Aber: Wer sollte es denn sonst werden?

Übrigens diskutiere ich im Anschluss an die Sendung wieder live das Ergebnis und die Frage, wie es mit der Berichterstattung über Baku nun weiter geht mit Zapp-Redakteurin Annette Leiterer. Ihr könnt, Sie können, live eure/Ihre Fragen stellen oder sie hier schon vorher an uns schicken.

Ruhe in Frieden, Noel

7. Februar 2012

Jene, die heutzutage ESC-Fans sind, aber noch jünger als 25 Jahre sind, werden an ihn keine Livebilder mehr zur Erinnerung haben. Aber dieser Mann aus Irland war den Älteren viel mehr Irland als alle Johnny Logans und Linda Martins und Niamh Kavanaghs zusammen: Noel Kelehan, Dirigent des RTE Concert Orchestra, des irischen Fernseh- und Rundfunkorchesters, stand für 29 Eurovisionsacts am Dirigentenpult – und er gab nach 1998, als er für Dawn Martin deren “It’s Always Over Now” zubereitete, als er also das Orchester des BBC in Birmingham in Schwung und Noten setzte, zu Protokoll, er fände die Abschaffung des Dirigenten beim Eurovision Song Contest nicht gut. Er glaube, dass die “Conductor” mit zur Show gehörten – dass es also ohne sie nicht gehe. Da war Noel Kelehan längst im Vorruhestandsalter.

Er war, mithin, ein Mann aus einer anderen Zeit. 1966 war er der Kopf der irischen Hoffnungen, als “Come Back To Stay” von ihm mit dem Taktstock ins Werk gesetzt wurden. Da waren die Fernsehbilder noch in Schwarz-Weiß gehalten, da hatten irische ESC-Lieder noch nicht den Nimbus, irgendwie immer ganz vorn zu landen, im Zweifelsfall sogar zu gewinnen.

Kelehan, der bis auf einen alle irischen ESC-Triumphe dirigierte, half auch anderen Auftritten zur treffenden musikalische Umrahmung – und es fällt auf, dass er dies besonders gut bei Liedern verstand, die eher aus dem Rahmen fielen, etwa 1995 die Polin Justyna Steczkowsky mit “Sama”.

Nur 1994 stand er nicht am Pult – obendrein in Dublin -, als Charlie McGettigan und Paul Harrington “Rock’n'Roll Kids” anstimmten und gewannen. Die Herren am Klavier waren sich genug, ein Orchester war nicht nötig. Dafür stand Kelehan beim Lied “To nie ja” vor den Musikern zum Dirigat bereit. Edyta Gorniak war ohne Orchesterchef in die irische Hauptstadt gereist.
Nun ist Kelehan, Ehemann und Vater von drei Töchtern im Alter von 76 Jahren gestorben. Die ESC-Gemeinde trauert, sie verliert einen der renommiertesten Veteranen und einen der Protagonisten cooler Internationalität. Er ruhe in Frieden!

Raus aus dem Untergrund

25. Januar 2012

Soll noch mal einer sagen, dass der ESC, was Glamour und Präsenzvermögen anbetrifft, könne nicht prunken.

Heute Abend wird in Baku feierlich der Schlüssel des ESC - Achtung: hoher Symbolwert, nicht zum echten Aufschließen geeignet! – durch den Düsseldorfer Bürgermeister Dirk Elbers an seinen bakunensischen Amtskollegen übergeben. In zwar in einer feierlichen Zeremonie, bei der sowohl die Halle des Events im Mai präsentiert wird, bei der Stars wie Alexander Rybak und Lena Meyer-Landrut auftreten werden und etliche andere auch. Das ist schon ein echter Fortschritt: 1983, in München, gab der Bayerische Rundfunk in einer mageren Pressemitteilung bekannt, dass man den Grand Prix Eurovision ausrichten werde – und kein Festakt krönte diese Bekanntgabe, keine Flower Ceremony, bei der ein Mensch aus Harrogate den Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt trifft und zarte Osterglocken überreichte. 

Vor einem knappen Jahr: NDR-Intendant Lutz Marmor und Düsseldorfs Bürgermeister Dirk Elbers mit dem Schlüssel für die Arena in Düsseldorf. Foto: dpa

Vor einem knappen Jahr: NDR-Intendant Lutz Marmor und Düsseldorfs Bürgermeister Dirk Elbers mit dem Schlüssel für die Arena in Düsseldorf. Foto: dpa

Und, noch wichtiger noch in diesem Zeitalter immer neuer medialer Möglichkeiten und Bühnen: Alles wird, auch auf eurovision.de, per Livestream übertragen. Man bedenke immer, dass Baku uns drei Stunden in der Uhr voraus ist: Der Livestream beginnt schon um 17 Uhr.

Dass bei diesem Treffen von Prominenten, TV-Funktionären und Interessierten auch gearbeitet wird, versteht sich fast von allein: Die Reference Group tagt ja auch, das heißt die Regierung des ESC, zu der auch ein Vertreter des NDR mit zählt, weil die ARD den letzten Eurovision Song Contest ausrichtete. Sie wird die Auslosung der Halbfinals besorgen, also klären, welches Land in welcher der Qualifikationsrunden antreten wird.  Also: Wird die Türkei auf Griechenland treffen oder Zypern . Und sie hat soeben bekannt gegeben, dass tatsächlich die vom deutschen Unternehmen Alpine Bau zu errichtende ”Christal Hall” der Austragungsort des ESC 2012 sein wird.

Ich würde sagen: Die Höhepunkte der diesjährigen ESC-Saison werden jetzt eingeläutet, weit hinten im Kaukasus, ohne technische Pannen sogar bis Island, Portugal – und wer über einen leistungsfähigen Computer samt Wlan verfügt, bis in alle Welt.

P.S.: Immer noch wird sich der Düsseldorfer Bürgermeister fragen: Hatten wir jetzt ein gutes Jahr oder nicht? Sagen wir es offen: Er hat mit der Übergabe des Schlüssels gen Baku wenigstens in Sachen Entertainment die beste Zeit seines Lebens hinter sich. Er hat alles würdig und gut gemacht – Glückwunsch. 

Armenien kommt doch nach Baku

17. Januar 2012

Das ist die Nachricht des Tages – Armenien, politischer Dauerfeind Aserbaidschans, wird Baku nicht meiden. Wie die European Broadcasting Union heute mitteilte, sind es 43 Länder, die in der aserbaidschanischen Hauptstadt an den Start gehen werden. Bis auf Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien und das Vereinigte Königreich sowie Gastgeber Aserbaidschan müssen sie alle zunächst durch eines der Halbfinals am 22. und 24. Mai. Montenegro ist wieder mit von der Partie, Tschechien pausiert weiterhin, Österreich ist noch nicht wieder beleidigt und dabei – und Italien, wie auch San Marino, hat seine Teilnahme ebenfalls hochoffiziell bestätigt. Okay, Andorra, Monaco und Luxemburg fehlen weiterhin, aber dass Armenien, der Erzfeind, das Land des Teufels schlechthin aus Perspektive des Kaspischen Meeres, teilnimmt, ist politisch von Größe.

Wir erinnern uns: Die Türkei und Griechenland haben sich jahrelang, das war in den Siebzigern, gemieden, sofern der eine teilnimmt – und der andere dann eben nicht. Auch Israel ist so ein Dauerthema. Einige arabische Länder würden ja gern, aber solange dieser jüdische Staat mitwirkt, war und wird mit ihnen nicht zu rechnen sein, nicht Tunesien, nicht der Libanon oder auch nicht Algerien oder Marokko.

Armenien, das ebenfalls zur Erinnerung, bekam aus Aserbaidschan nie Punkte, und umgekehrt war es, meiner Übersicht zufolge, ebenso. Ictimai TV, der dieses Jahr gastgebende Sender, hat sogar Auftritte Armeniens überblendet oder schlicht übersehen. Man ist sich wegen eines Stücks Land in Aserbaidschan (Berg-Karabach) nicht einig – es brodelt in den kaukasischen Gebirgen.

Wir dürfen gespannt sein, wie es in der real existierenden ESC-Wirklichkeit in der Bakuer ESC-Zeit aussehen wird. Werden Armenier gemobbt? Kriegen sie schlechtere Bühnenbedingungen? Das können sich die Aseris nicht leisten, würde ich sagen. Und: Armenien hatte andererseits keine Wahl, als den Tripp nach Baku zu wagen. Denn um im Jahre 2013 überhaupt mitmachen zu dürfen, muss man selbst das Festival im heimischen Sendegebiet ausgestrahlt haben. Also: Eriwan hätte so oder so Baku nicht ignorieren können.

Insofern: Schön, dass es dieses Jahr wieder 43 sind!

P.S.: Die Auslosung darüber, welches Land in welchem Halbfinale zur Finalqualifikation antreten muss, findet Ende dieses Monats statt. Dann wissen wir noch weiteres mehr.

Auf ins neue Jahr!

2. Januar 2012

Frohes neues  Jahr wünsche ich Ihnen und Euch allen. Tja, es wird einmal mehr eine perfekte ESC-Saison. Denn es wird wie alle Jahre wieder sein: Spätestens Ende März, wenn alle Acts für Baku bestimmt sein werden, raunen die einen, niemals zuvor seien so gute Lieder bei einem Grand Prix Eurovision beisammen gewesen. Und die anderen, zu der, fürchte ich, auch ich gehören werde, werden stoßseufzen: Mann, ist das alles blöde und öde!

In Wahrheit verfliegt diese Stimmung spätestens im Mai – und alles wird gut.

Das sagt auch, um jetzt gleich mal auf das neue Jahr zu sprechen zu kommen, Thomas D. Er beteuert: “Ich mache alles wie Stefan, nur besser.” Das möchte, hoffe ich, auch bedeuten: Den Raab des vorigen Jahres, der momentweise ermüdet wirkte, wird er übertreffen können. Aber den Jahres 2000, als er so heftig nach Stockholm wollte, um für Deutschland zu singen, das könnte schwer werden. Okay, es geht nur um die Jurypräsidentschaft, nicht ums Performen. Trotzdem … Wir freuen uns, nächste Woche geht’s los mit der ersten Runde von “Unser Star für Baku”.

Was mich mehr sorgt ist alles, was die Modernisierung des ESC anbetrifft. Eines ist natürlich klar: Der ESC wird von allen TV-Sendern auf ein ähnliches Niveau von Pop gebracht werden, wie es in Deutschland seit knapp zwei Jahren üblich ist. Aber werden da auch die Briten von der BBC und die Italiener mitmachen? Den ESC als Europameisterschaft des Pop zelebrieren, nicht nur als Freakshow abseitiger Geschmäcker?

Was mich zu einem Gerücht bringt: In der Reference Group, hörte ich aus Irland, dem Generalsekretariat des ESC, ist vorgeschlagen worden, die Zahl der Personen eines Acts von sechs auf acht zu erhöhen. Der Vorschlag kam, wen wundert’s, aus Schweden. Christer Björkman fand jedoch, schon aus finanziellen Gründen, keine Mehrheit. Aber dass dieser Schwede wirklich glaubt, durch zwei weitere Personen ließe sich irgendein ästhetischer Gehalt aufwerten, ist bizarr und wunderlich in einem.

Mit anderen Worten: Der ESC in all seinen komischen und prima Facetten lebt. Ein gutes neues Jahr uns allen!

Selige Sentimentalität

30. Dezember 2011

Die Zeit zwischen den Jahren ist immer speziell. Irgendwie ist man abgeschnitten. Nirgendwo geht es so richtig ums Letzte. Die Schweiz hat sogar schon eine Vorentscheidung hinter sich. Albanien wählt wie jedes Jahr seinen Kandidaten zum Jahreswechsel beim Festivali i Këngës. Aber sonst? Still ruht der See?

Nein, ich kenne viele, die es so halten wie ich: Zwischen Weihnachten und Heilige Drei Könige darf man sich herrlichen Sentimentalitäten hingeben. Und schaut sich auf eurovision.de alte Archivaufnahmen früherer ESC-Jahrgänge an oder geht zur Hauptadresse oller Kamellen: zu Youtube.

Wie jeder weiß, jammere ich nicht alten Zeiten hinterher. Nein, diese giftige Stimmung von wegen “Früher war doch alles besser”, die ist mit mir nicht zu haben. Ich bekenne: Der Eurovision Song Contest wird immer europäischer, jeder Jahrgang ist ein einziges Dokument in dem Ringen aller Länder, bloß nicht zu verlieren. Also guckt man sich bei anderen Ländern ab, wie die das machen. So entsteht ein herrliches Kuddelmuddel, eine einzige Mixtur aus ästhetischem Diebstahl und künstlerischer Hehlerei. So kommt es, dass Finnland wie Spanien klingt und die Türkei an Rocktraditionen in Belgien anzuknüpfen scheint. Das, was einst der Grand Prix Eurovision bei uns war, ist nun ein Popfestival – und niemand kann das ändern.

Aber, um zu meinen Gefühligkeiten zurückzukommen, zwischen den Jahren, wenn alles träger als sonst fließt, ist Nostalgie erlaubt.

So beklage ich in dieser Zeit, hier und heute, auch, dass es keine Dirigenten mehr gibt, dass nicht mehr in den Landessprachen gesungen werden muss, dass viel zu viele Menschen auf der Bühne herumstehen, wo es doch nur um ein Lied geht und nicht um Performance, um Kostüme und Schminke. Das ist dann die Zeit, da ich Stefan Raab nicht mehr so verehre – er war es doch, der mit Hilfe des NDR in der ARD den ESC kräftig auslüftete und dem muffigen Schlager von dereinst den Todesstoß versetzte. Schlager heute? Das ist Lena und heißt Pop.

Doch zwischen den Jahren ist mir garstig: Her mit den guten alten Zeiten! Mit berührenden Vorstellungen wie von Lenny Kuhr, mit Bizarrerien wie “Pump Pump” aus Finnland 1976, mit Jacques Hustin und seiner “Fleur de liberté” oder irgendeinem Auftritt der Dirigenten Ossi Runne, Noel Kelehan oder, 1974, dem napoleonischen Dirigat zu “Waterloo”. Aber wo sind sie denn, jammere ich dann, wenn ich mich durch die Clips schwimmen lasse, all die Damen wie Gigliola Cinquetti oder Ireen Sheer 1978? Wo sind die schrillen Accessoires, wo die peinlichen Nummern wie “Baby Doll” 1991?

Es ist herrlich, mal sich die gute alte Zeit anzugucken. Davon abgesehen, dass mir ein Freund ein Konvertierungsprogramm empfohlen, mit dem sich die Liveaufnahmen auf mp3-Format verwandeln lassen, war es doch mit Liveorchester besser. Bobbysocks als Tonkonserve plus Livegesang 1985? Hätte niemals gewonnen! Finde ich und trinke zu diesem Gedanken einen Schlehenlikör.

Irgendwann wacht ein jeder aus dieser seligen Sentimentalität auf – auch ich. Dann weiß man, was im alten Jahr passierte: Ohne skandinavische Hilfe hätte Aserbaidschan niemals gewonnen – und hätte Deutschland noch die alten Zeiten, wäre Lena immer noch in Hannover und wüsste vielleicht nicht, was sie aus ihrem Leben machen soll.

Was bringt das nächste Jahr? Noch mehr Millionen, die zugucken. Der ESC wächst, weil er als Wettbewerbsformat mit national identifzierbaren Kandidaten perfekt funktioniert wie keine andere Show. Das allerdings war schon immer so: Der Grand Prix Eurovision heißt jetzt Eurovision Song Contest – na und? Am Ende zählt die Punkteauswertung. Ich finde, wir hatten ein gutes Jahr!

Danke für alle Diskussionen und Bemerkungen. Das Leben geht weiter, im neuen Jahr dann ohne diese gewisse Gefühligkeit, die sich klebrig ans Vergangene hängt. Ein frohes neues Jahr allen!

Frohe Festtage

23. Dezember 2011

Um es gleich vorweg zu sagen: Geschenke, die mit dem ESC zu tun haben, sind immer irgendwie gut. CDs, DVDs – und wenn sie aus diesem Jahr stammen, enthalten sie Material von dem, was wir jetzt in fast zwölf Monaten erlebt haben.

Gucken wir mal zurück auf jene Momente, die auf eine metaphorische Art Geschenke waren. Ich bin ziemlich gespannt, wie Sie, wie ihr diese Momente empfunden habt – und wer selbst welche beisteuern möchte.

1. Der mir wichtigste Moment war die Freude von österreichischen Journalisten, als sie realisierten, dass ihre Nadine Beiler es tatsächlich ins Finale geschafft hatte. Dort schnitt sie nicht so gut ab, wie auch ich es mir erhofft hatte: Aber Frau Beilers Mireille-Mathieu-Gedenkfrisur wird ihr nicht auf dem Wege zu höheren Plätzen im Wege gestanden haben. Sie war ganz und gar von der altmodischen Schule. Kein Geflirre auf der Bühne, einfach nur Körper und Stimme, ruhig und ins Ekstatische wachsend. Großes Kino!

2. Die Coolness von Lena Meyer-Landrut in Düsseldorf war absolut preiswürdig. Sie schien zu wissen, dass der Zenit ihrer ESC-Karriere hinter ihr liegt, sie ahnte, dass Taken By A Stranger ein eisig-guter Titel ist, aber sie mit ihm nicht gewinnen kann. Ihre Performance war hinreißend. So absichtsvoll kalt ging noch keine vor ihr zu Werke. Toll!

3. Eldar. Der jungenhafte Teil des aserbaidschanischen Sieger-Duos sagte im Aufwärmraum vor einer ARD-Vorabendsendung, er fände Dana International aus Israel und Eric Saade aus Schweden am Besten. Da soll noch einer sagen, in Baku, wo dieser junge Mann ja jetzt lebt, sei die Welt nur als graue Fläche vorstellbar: Nein, Eldar bekannte sich mit diesem Statement als absolut fähig, queer und europäisch zu phantasieren. Nobel!

4. Die Volunteers. Muss man viel zu diesen Horden an jungen und jüngeren Menschen sagen, die in Düsseldorf in T-Shirts für schieren Gotteslohn Dienst taten? Und das mit einer Lust, die möglicherweise in direktem Gegensatz zu hochbezahlten Managern steht. Letztere nämlich gucken trotz allerhöchster Gagen immer so, als sei die Welt nur hochmütig und schlechtgelaunt zu nehmen. Diese Düsseldorfer Helfer waren Weltklasse – ein Woodstock am Rhein. Anbetungswürdig!

5. Die Leute vom Catering in Düsseldorf. Ob hinter den Kulissen der Produzierenden, ob im Zelt, wo die Journalisten und Fans Nahrung fassten: Diese Crews waren selbst dann noch guter Laune, wenn es alle mal wieder sehr eilig hatten, um ja keine Sekunde Probe zu verpassen. Sie haben Irrsinnige erlebt, diese Männer und Frauen hinter den Buffets und Kochtöpfen – und haben sie gut behandelt. Menschlich!

6. Die Schweiz. Anna Rossinelli wurde von eidgenössischen Fans nach ihrem Finaleinzug gefeiert, als sei sie eine Fußballmannschaft wie der FC Basel. Man zeigte sich glücklich, weil die Schweiz doch immer denkt, niemand wolle sie. Nun ja, man fährt inzwischen des Wechselkurses wegen seltener hin – aber wenn gute Musik von dort kommt, ist man doch gleich ein bisschen Mitschweizer. Anna Rossinelli? Kompliment, auch wenn sie nur Letzte im Finale wurde.

7. Die Stadt Düsseldorf, weil sie für weniger betuchte Fans eine Art Suppenküche der höheren Klasse einrichten ließ. Das verdient den Preis für kulinarisches und finanzielles Mitgefühl! Schade, dass die Fans diese Speisungen nicht in Anspruch nahmen. Aber man hätte es wissen können: Was nicht auf dem ESC-Gelände ist, existiert für Fans nicht. Eine Lehre sondergleichen!

8. Erik Saade – auch so einer gehört zum ESC in seinen besten Sekunden. Wie sich der Schwede mit Hilfe des Komponisten Frederik Kempe so aufpumpte, als möchte er nicht erst ein Star werden, sondern als sei er bereits einer, ja, so, als könne einer aus Schweden nur dazu da sein, mindestens Europa zu beglücken, hatte Format. Er benahm sich so glatt und oberflächenpoliert wie einst Julio Iglesias, Jürgen Marcus oder Gérard Lenorman. Eric Saade hingegen ist inzwischen wieder nur in seinem Land weltberühmt. Was für ein Karrierchen!

9. Nicole Borchert, die Fanbetreuerin des NDR, hatte den undankbarsten Job in Düsseldorf: Fans zufrieden stellen. Das musste scheitern! Aber was machte diese wunderbare Kollegin? Irgendwie gab sie allen das Gefühl, nur für sie da zu sein. Ich würde sagen: Sie war die Königin von Düsseldorf für mehr als zwei Dutzend Abende und Nächte und Tage. Luftküsse für sie!

10. Anke Engelke und Judith Raakers. Deutschland ist wie Marlène Charell? Die beiden diesjährigen Moderatorinnen machten vergessen, dass Deutschland selbst im Witz noch wirkt wie eine Leistungsmaschine. Vor allem die Engelke: Die beste Moderatorin seit Lill Lindfors – und das soll echt was heißen!

Jetzt aber, weil das doch religionsübergreifend das Fest der Familie ist, zu Weihnachten: Euch und Ihnen allen schöne Feiertage, mit den Liebsten, mit der Familie. Auf dass der ESC weiterlebt. Und warum? Weil Europa nichts anderes verdient hat!

Mit herzlichen Grüßen meinerseits!

P.S.: In der Silvesterfolge noch Näheres zu Stefan Raab. Er hat viel Lob verdient, was sonst?

Adieu, Nana

2. Dezember 2011

Nein, die Freude dieses Lied zu singen, tat sie uns nicht, aber Nana Mouskouri hatte anderes in petto. Lieder von Bette Midler, Folklore griechischer Strickart und auch “Le ciel est mort”, das Bob Dylan ihr zuerkannte – aber eben nicht “À force de prier”, ihr luxemburgischer Beitrag zum Grand Prix Eurovision. Womöglich ist diese Nummer dann doch etwas zu wuchtig für sie geworden. Aber, halt, hatte die Mouskouri, von der hier die ganze Zeit schon die Rede ist, nicht vor drei Jahren geschworen, wirklich, nun ganz und gar in echt nicht mehr tournieren zu wollen?

Ja, das hatte sie. Aber in Sachen dieser Griechin, die uns so viele Lieder geschenkt hat, die aus jedem Klassiker einen Mouskouri-Klassiker zu machen verstand (“Guantanamera”, “And I Love You So” oder “Only Love”), muss man sagen: Ihr ging es wohl wie allen berufstätigen Menschen um die Ende sechzig, die nicht aufs Altenteil wollen, weil sie sich auf diesem langweilen und zu recht glauben, dort eher zu siechen als aufzuleben. Nein, Nana Mouskouri, die in Deutschland durch “Weiße Rosen aus Athen” mit dem ersten Hit zur Legende wurde, aber international erst durch ihre tragödisch anmutende ESC-Ballade ins Geschäft kam … diese Dame will nicht siechen, und also geht sie wieder auf Tournee. Neulich, das erzählte mir der wunderbare Journalistenkollege Sascha Suden in der Berliner Philharmonie, sei die Mouskouri auch in der Royal Albert Hall gewesen, wenngleich mit ihrem deutschen Schlagerprogramm.

Jedenfalls: Nana, die in Berlin sehr viele wogende Gewänder trug, aber Gott sei Dank immer noch den gleichen Brillenstil bevorzugt, wurde mit diesem Grand-Prix-Lied im Fernsehen gesehen – in London, wo sich Quincy Jones die Show anguckte und in Amerika Harry Belafonte anrief, sie ihm antragend: Yeah, Harry, this is a nice greek girl for you and your songs! Oder war es Belafonte, der in London saß und eben diesen Eindruck seinem Freund Quincy Jones berichtete? Einerlei. Nana Mouskouri, the Greek girl, machte auch in den USA Karriere, und nicht allein des Grand Prix Eurovision wegen – aber dass sie bei diesem auftrat, war zu ihrem Schaden nicht.

Jetzt, auf ihrer vielleicht allerletzten Tournee, glänzt sie durch viel Nostalgie. Im Publikum sehr viele ältere und alte Menschen, ich selbst mit nicht mehr juvenilem Alter durfte mich fast wie ein Nesthäkchen fühlen. Es war berührend, diese Chanteuse zu hören, die sich, womöglich, weil sie nicht mehr die volle Kraft für ein zweistündiges Bühnenkonzert hat, vier andere weibliche Stimmen nach vorne holte, ihre Tochter Lénou, ihre Nichte Aliki, die in Griechenland etwas bekannte blonde Natasa Theodoridou und, was für eine Überraschung, die griechische Schwedin Helena Paparizou, ESC-Siegerin des Jahres 2005. Sie trug definitiv an diesem Abend den Kontrapunkt zu Frau Mouskouris Gewändern, nämlich einen Mini wie aus den mittleren Sechzigern, an den Füßen die highsten Heels im Umkreis von mehreren Dutzend Kilometern. Das war nicht schlecht gemacht, so ein Freundinnenkonzert, in dem die Mouskouri die gute, gewährende Mutter gab und den anderen sogar Blumen in die Hand drückte.

Stimmlich, allein, das muss man sagen, fehlt es dieser Sängerin nicht am Timbre, nicht an diesem stets etwas heiseren Ton, aber in der Fülle der Vokalisen hörten sich die Lieder der Mouskouri eher dünn, ja, gelegentlich krächzend an, als sei sie schwer erkältet und litte unter Stimmbandreizungen.

Aber machte das was? Es war ja kein Leistungsvorsingen irgendeiner Jugendmusikschule, sondern eben Nana Mouskouri. Die sich allerdings, man wird es im April noch in Bremen, Hannover oder Erfurt hören, eventuell damit anfreunden müsste, lieber swingenden Jazz vorzutragen, etwa in Bars und Clubs. Es muss nicht mehr eine Oktavenolympiade sein, es reicht, dass sie einfach da ist. Sie möge sich in Genf nicht langweilen, nein, sie soll schon das tun, was sie immer wollte, nämlich um die Welt tingeln. Aber der Pomp, das Hymnische, das alles ist nun nicht mehr ihr gegeben, sondern jugendlicheren Figuren.

Lang soll sie leben, die dem ESC damit dankte, dass sie ihr Talent nie verschwendete. Es war ein schöner Abend, mit Nana.

Baku – keine Reise wert?

28. November 2011

Ein Freund schrieb mir kürzliche eine Mail aus Baku. Wenn ich von ihm berichte, möge ich seinen Namen nicht nennen, bat er mich: Er mag Baku sehr, er liebt dort die Menschen, die Landschaft, außerdem, teilte er in den trüben Novembertag in Berlin hinein mir mit, es seien nun 20 Grad in Aserbaidschan am Kaspischen Meer, mild und gar nicht herbstlich für unsere deutschen Verhältnisse. Gelegentlich schreibt er mir auch, über Besorgnisse von aserbaidschanischen Menschenrechtsgruppen, denen zufolge die regierenden Clans des Landes den ESC benutzen könnten, um sich als extrafreundlich zu profilieren. Klar: Auch wer dieses Forum liest, wer die Seiten von eurovision.de (und damit die von tagesschau.de) studiert, kann wissen: In Aserbaidschan ist es mit der freiheitlichen Demokratie, wie wir sie aus Mitteleuropa nicht weit her.

Die Frage ist nur: Noch nicht weit her? Oder nicht mehr weit hin?

Die weitere Frage also ist: Wird der nächstjährige ESC eine Propagandaveranstaltung des dortigen Regimes, die nur durch die Fans geadelt würde?

Viele Fans bleiben skeptisch. Nun fand ich in meiner Zeitung, der taz aus Berlin, einen Kommentar auf der Satireseite “Wahrheit”, den man vielleicht doch ein wenig genauer sich angucken könnte. Dort findet sich im  Übrigen auch ein klares Gegenstatement von Ivor Lyttle, Herausgeber der EuroSong News.

Wörtlich heißt es dort, mit Blick auf die wenig gemütlichen Verhältnisse in Baku: “Wäre es jetzt für die Tausenden schwulen Anhänger nicht endlich an der Zeit, im Mai 2012 zu Hause zu bleiben und den ESC-Zirkus allein zu lassen in diesem zutiefst schwulenfeindlichen Land? Schluss mit dem enthusiastischen Fahnenmeer für die Kameras, stattdessen Solidarität mit denen, die noch immer Angst haben müssen vor Verfolgung und Unterdrückung? Der Boykott einer Veranstaltung, die längst kein Hort mehr ist für unschuldiges Entertainment? Doch die Erinnerung an den ESC 2009 macht keine Hoffnung: Damals suchten Moskaus Schwule die Unterstützung der ESC-Fans und luden zum CSD am Finaltag. Die Demonstration fand nicht statt, russische Aktivisten wurden stattdessen verhaftet und die ausländischen Fans blieben im sicheren Saal.”

Was dieser Kommentator schreibt, denunziert zunächst die meisten Fans des ESC, vor allem die homosexuellen, als feige und blöde – und das ist schon deshalb unverdient, weil jener, der dies schreibt, es nicht aus eigener Anschauung beweisen kann. Denn, soweit ich mich erinnere, war er in Moskau nicht dabei – was da also in der russischen Hauptstadt vor zweieinhalb Jahren passierte, entzieht sich seiner näheren Kenntnis.

Tatsächlich hat es während des ESC-Finaltages einen Versuch gegeben, eine Christopher-Street-Parade durchzuführen – was die moskowiter Milizen weitgehend zu verhindern wussten. Aber: Ihnen standen akkreditierte Journalisten des ESC zur Seite, die dies beobachteten, darüber in ihren Heimatländern berichteten, was wiederum russische Homosexuelle noch Wochen später dankend mailten (was nicht nötig war, denn Solidarität praktischer Art ist doch Ehrensache), außerdem war von diesem CSD in der “Tagesschau” am Abend die Rede – im Zusammenhang mit dem ESC: Mehr Öffentlichkeit gegen die Garden des damals regierenden Moskauer Bürgermeisters Luschkow ging nicht. Aber es waren gut zwei Dutzend ESC-Aktivisten dabei, Frauen wie Männer, und sie alle riskierten ihre Akkreditierungen zum ESC.  Jene, die in der Halle blieben, mögen vielleicht im Einzelfall mutlos gewesen sein – aber lässt man sich das von einem attestieren, der nicht dabei war?

Okay, man muss eine Satire (ernst gemeint oder nicht) nicht für bare Münze nehmen, aber Diffamierungen, die faktenfrei daherkommen, sind nicht okay.

Für Baku bedeutet dies: Die aserbaidschanische Szene, welche auf Freiheit, also auf mitteleuropäische Luft zum Atmen hofft, ersehnt sich in großen Teilen die Zeit des ESC in ihrem Land. Alle Fans sind ihnen willkommen – es sind für sie Botschafter aus einer Welt, die sie ähnlich, auf ihre Verhältnisse bezogen, auch wollen. Ich würde sagen: Baku ist jede Reise wert – vor allem im nächsten Jahr. Es ist ein schönes Land, und wie man Brieffreund zurecht anfügt, eines mit echt vielen netten Menschen.

P.S.: In der Schweiz sind Berichte von Amnesty International über die Menschenrechtslage in Aserbaidschan zurückgewiesen worden. Ein ESC habe mit Politik nichts zu tun, hieß es. Okay, so kann man eidgenössisch denken. Aber: Wir werden sehen!

Ein Jahrgang der Wiederholungstäter?

22. November 2011

Ob das denn nächstes Jahr in Baku eine Oldieshow wird?, fragte mich ein Freund mit Blick auf die neuesten Meldungen aus den ESC-Ländern. Er spricht, auf meine Nachfrage, was er denn meine, von Wiederholungstätern. Man könnte sagen: Straffällig gewordene, die nach der Zeit in Haft wieder rückfällig werden und es einfach nicht lassen mögen.

Um im Bild zu bleiben: Das Delikt besteht in der Teilnahme an einem ESC, die Zeit des Eingekerkertseins in den Tagen des Grand Prix Eurovision selbst – und die Rückfälligkeit ergibt sich aus dem Aktuellen: Zeljko Joksimovic wird für Serbien in Aserbaidschan an den Start gehen, Kaliopi fürf Mazedonien. Beides bekannte Namen – der Mann aus Belgrad nahm immerhin schon drei Mal teil, 2004 in Istanbul, wo er mit “Lane moje” den zweiten Rang schaffte, 2006 in Athen, als er, stilistisch ähnlich, für Bosnien und Herzegowina das Stück besorgte und Platz drei abräumte, schließlich auch noch 2008 in Belgrad, da war er der Mann hinter Jelena Tomasevic. Kaliopi ist eigentlich nur absoluten Experten als Oldie bekannt, sie zählte nämlich 1996 zu den Tragischen, welche, wie ja auch Leon aus Deutschland, zwar qualifiziert waren, aber nicht nach Oslo durften.

Und zähle ich nun auch noch Lys Assia hinzu, deren Präsenz oldiehafter ja nicht geht, dann droht womöglich wirklich eine Art Vertriebenentreffen: Alle schon mal dagewesen.

Nun, aber das ist kein neues Phänomen. Es hat immer Newcomer gegeben, aber eine Neulingsleistungsschau war der ESC gleichwohl nie. Jonny Logan, Udo Jürgens, Corry Brokken - um nur die bekanntesten internationaler Provenienz zu nennen: Sie hatten an der Droge ESC geschnuppert und wollten es mehr als einmal wissen. Das war aus deren Sicht auch nur zu verstehbar: International aufzutreten, ja, über die eigenen Landesgrenzen hinaus bekannt zu werden, ging früher nur über den ESC. Wer aus kleineren Staaten kommt, ist darauf angewiesen, will er heimatliche Horizonte überschreiten, beim ESC auf die Galeere zu gehen.

Aus Deutschland sind in dieser Riege auch einige dabei – von Ralph Siegel, nie singend, immer komponierend, mal abgesehen. Margot Hielscher gleich zwei Mal, 1957 und 1958, dann Katja Ebstein. Vorher Siw Malmkvist, zunächst für Schweden, 1969 für Deutschland, 1989 war sie in Schweden wenigstens in der Vorentscheidung dabei, dann Mary Roos oder Ireen Sheer (Luxemburg 1974, Deutschland 1978, Luxemburg 1984, schließlich sogar noch in einer deutschen Vorentscheidung der frühen nuller Jahre).

Ich weiß es von Mary Roos. Die erzählte mir mal, der Grand Prix Eurovision sei wie eine Droge, besser als Adrenalin und Gras zusammen – es hebt die Stimmung, macht das Gemüt wach, und man sei absolut ehrgeizig. Sie habe es immer als eine internationale, aber vor allem nationale Chance gesehen, europäisch bemerkt und in Deutschland anerkannt zu werden.

Anders hingegen Gitte Haenning, die ja fast mal für Dänemark dabei war, aber dann ihr ESC-Debüt für Deutschland gab, 1973 mit “Junger Tag”. Sie hatte keine internationalen Ambitionen, aber sie meinte mir gegenüber, ihr fehlte in jener Zeit ein Hit, sozusagen ein nächstes Comeback, da habe ihr die Plattenfirma neben einem neuen Vertrag als Wunsch die Teilnahme an der deutschen Vorentscheidung unterbreitet.

Ja, so verschieden können die Motive sein. Noller Olsen, der bartlose unter den Olsen-Brüdern, meinte in Stockholm 2000 zu mir, er würde den Melodi Grand Prix als Ausflug aus dem Alltag nehmen – dass er diesen Ausflug auch noch triumphal gewinnen sollte, konnte er vorher nicht wissen.

Was Joksimovic anbetrifft: Ich freue mich auf ihn – seine Lieder haben so etwas Hymnisch-Geheimnisvolles. Für ihn gilt, was für andere auch gegolten: Wiederholungstäter beim ESC zu sein, berauscht. Einmal vom Stoff genascht, immer wieder in Rückfallgefahr. Udo Jürgens und Johnny Logan wissen das am allerbesten: Sogar ein Sieg, wie bei dem Iren, macht wohl nicht satt!