Minsk? Auf keinen Fall!
16. Februar 2012Es gab bislang viele Berichte über die tatsächlich katastrophale Menschenrechtssituation in Baku – und das interessierte bisher wenige bei uns. Nun rückt es in die allgemeine Aufmerksamkeit, denn in der aserbaidschanischen Hauptstadt findet Ende Mai der ESC statt. Insofern: Gut, dass es so kommt, denn ein kleines, durch Rohstoffe wie Öl und Gas potentiell sehr wohlhabendes Land gelangt so auf die politische Agenda.

Der beste Report lief gestern abend beim NDR im Dritten, bei “Zapp”. Nicht wohlfeile Empörung und politisch kostenloser Eifer stand dort im Mittelpunkt, wie etwa neulich in der “Berliner Zeitung”. Wir konnten vielmehr sehen, was momentan der Sachstand ist. Die Autoren des Beitrags ließen uns wissen, dass Menschenrechtsaktivisten in Baku keineswegs möchten, dass der ESC in Aserbaidschan nicht stattfindet – aber die Fans und Journalisten mögen bitte immer die politische und gesellschaftliche Situation mit bedenken, mögen sehen, dass der ESC eben keineswegs eine unpolitische Veranstaltung ist.
Was ist er dann? Im Falle Aserbaidschans – und Spaniens 1969 – auch eine Propagandashow der in Baku herrschenden Elite. Medienjournalist Stefan Niggemeier erklärte das Problem: Nicht, dass der ESC in Baku präsentiert wird, sei schlechthin problematisch, sondern dass die European Broadcasting Union so tut, als seien für das Festival im Mai keine menschenrechtlichen (das heißt: polizeistaatlich angeheizten) Kosten zu tragen. Dass sie also weiterhin die Rolle des Vogel Strauß bevorzugt – weggucken und so tun, als sei nix.
Okay, die aserbaidschanische Regierung hat der EBU schriftlich versichert, man garantiere dem ESC-Tross, sich unbehelligt und frei im Lande bewegen zu können. Da möchte man ironisch ausrufen: Danke, Aserbaidschan! Aber immerhin.
Ich sehe es im Grundsätzlichen so, ich schrieb es hier häufiger: In Baku erwartet der demokratische Untergrund des Landes unsere Unterstützung. Dass wir nicht achtlos an ihnen vorbei gehen, dass wir sie wahrnehmen, dass wir, so sagte es eine Menschenrechtlerin, mit den Menschen in Baku sprechen. Und wenn das so wäre, könnte der ESC für die Menschenrechtsaktivisten in Aserbaidschan immerhin diesen Effekt bewirken: Dass die Situation im Lande sich im Sinne der Maßstäbe unseres Grundgesetzes oder der Menschenrechtscharta Europas bessert.
Die Nachricht des Tages aber erfuhren wir am Ende des Beitrags: Thomas Schreiber, bei uns der Chef des ESC in der ARD, wird, falls Weißrussland gewänne, unmittelbar nach einem solchen Sieg für die ARD die Frage aufwerfen, ob Deutschland dann an diesem ESC teilnehmen könne – in einem Land, wo eine “lupenreine Diktatur” herrsche.
Das finde ich richtig bemerkt. Ein Aspekt aber müsste noch erörtert werden: Müsste man undemokratischen, viertel- oder halbtotaliären Systemen nicht generell die Teilnahme am ESC verweigern? Und wenn nein, wenn also ein Fernsehprojekt, und sei es das populärste, so etwas wie demokratischen Geist in ein Land hineinträgt: Müsste man dann nicht die Regel formulieren, dass in einem Land wie Weißrussland kein ESC stattfinden dürfte?
Eine verzwickte Situation – das gebe ich zu. Aber es ist beruhigend zu wissen, dass Minsk für die ARD offenbar keine Option ist. Wobei man sagen muss: Die weißrussische Chanteuse, die in Baku antreten soll, hat ein so grottiges Lied anzubieten, dass sie es noch nicht einmal bis ins Finale von Baku schaffen wird. Die Notwendigkeit, sich mit “Minsk 2013″ auseinanderzusetzen, wird 2012 sicher nicht kommen.
P.S.: Und jetzt noch zu “Unser Star für Baku” direkt, also zum heutigen Finale. Ornella? Ihre größte Leistung ist, dass sie den Sprung ins Finale geschafft hat. Und böse Zungen sagen auch, sie habe uns Yana im Finale erspart, denn deren Tränen konnte man ja nicht immer so ganz und gar glauben. Dass Roman gewinnt, klingt fast trivial. Aber: Wer sollte es denn sonst werden?
Übrigens diskutiere ich im Anschluss an die Sendung wieder live das Ergebnis und die Frage, wie es mit der Berichterstattung über Baku nun weiter geht mit Zapp-Redakteurin Annette Leiterer. Ihr könnt, Sie können, live eure/Ihre Fragen stellen oder sie hier schon vorher an uns schicken.









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.