Archiv der Kategorie ‘Geschichte’

Emmelie, Anouk, Cascada – und die Resonanzen

21. Mai 2013

Man darf die Frage der Zeitung “Berlingske Tidende” im Hinblick auf das Schicksal der ESC-Siegerin Emmelie de Forest für typisch nehmen: “Ein Stern für einen Abend – oder zwei?”. Natürlich, man jubelt in Dänemark – aber, wie die deutsche Nachrichtenillustrierte Focus korrekt berichtet: Der dänische Sender Danmarks Radio, der auch einen schönen Bericht von der Party im Vergnügungspark Tivoli gebracht hat, weiß noch nicht, wie er den nächsten ESC ausrichten will. Viel Geld hat die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt vor 12 Jahren nicht verloren, als man den Grand Prix in Kopenhagen im Stadion Parken ausrichtete. Aber durch einen viel zu groß geratenen Senderneubau im prestigeverheißenden Neubauviertel zwischen Innenstadt und Flughafengelände Kastrup war man einige Jahre klamm. Fakt scheint mir: Der überbordende Beifall fiel für Emmelie de Forest einige Dezibel leiser aus – anders als bei den Olsen Brothers, die 2000, als sie auf Kopenhagens Rathausbalkon standen, von Zehntausenden so freundlich angekrischen und angehimmelt wurden wie 1992 die Fußball-Nationalmannschaft nach dem EM-Final-Sieg gegen Deutschland.

Emmelie galt im Vorfeld des Finales als heißer Favorit. Dass sie tatsächlich gewann, konnte sie trotzdem kaum fassen.

Emmelie – das ist auf jeden Fall die Königin dieser Nacht. Fans, die den letzten Zug nach Dänemark von der Malmö-Bahnstation Hyllie nicht erreichten, grölten absolut quietschvergnügt auf dem Bahnsteig und riefen “Sejren er vor” – also: “Der Sieg ist unser”. Man stelle sich vor, wie die deutsche Bildungspresse über diese Fans hergefallen wären (und hätte sie des verhüllten Nazitums bezichtigt), wenn sie diese Parole vor sich hingescheppert hätten.  Aber die öffentlich vorgetragene Freudenbekundung in Deutschland ist eine schwierige Sache . Geht wohl nur, wenn ein Verein gewinnt, und das wird nächstes Wochenende garantiert der Fall sein, denn Bayern oder BVB, das ist die Frage. Eigentlich: die einzige Frage, die das deutsche Kollektivgemüt einige Tage lang beschäftigen wird.

Aber dazu gleich mehr, zunächst ein Blick in die Schweiz. In der Boulevardzeitung Blick teilten sich die voriges Jahr gestrauchelten Jungs von Sinplus mit: “Nächstes Jahr müssen Jüngere mit Talent ran!” Ja, das mit der “Heilsarmee” war nix – nicht aus religiösen Gründen, sondern weil das Lied “You & Me” auf so groteske Art Biedersinn verströmte. Nein, das ging nicht. Aber müssen die Heilsarmisten nun sehr leiden unter öffentlicher Schmäh? Glaube ich nicht. Bei den Eidgenossen zählte schon Sonntag die Eishockey-WM mehr. Man wurde dort Zweiter, was ziemlich sensationell war. In Schweden reagierte die Preesse ähnlich: ESC ist okay, doch Männersport wie Eishockey ist als Volkskultur noch stärker.

Um es mal etwas boulevardesk auszudrücken: Ea wäre kein Wunder, wenn in den Niederlanden in den nächsten Monaten sehr viele neugeborene Mädchen Anouk genannt würden. Fast sechs Millionen Zuschauer guckten bei unseren nordwestlichen Nachbarn den ESC, schreibt die Amsterdamer Tageszeitung Volkskrant – und das ist eine Menge, die in Deutschland einer Zahl von etwa 31 Millionen Menschen entspräche, die dem ESC zuschaute. Das hat, bei aller Liebe zu Lena Meyer-Landrut, deren Auftritt als Punktefee 2013 im Netz ein Riesenthema ist, selbst die ESC-Siegerin von 2010 in Oslo nicht geschafft.

Hierzulande ist es erwartbar geworden: Jens Maier schreibt auf stern.de über Cascada. Es ist die Zeit der üblen Nachrede, der Grand-Prix-Miesmachung und so weiter und so fort. In der Zeitung Die Welt wird ein “Rückfall in alte Zeiten” konstatiert – und dass die 18 Punkte für Cascada kein Ausdruck einer antideutschen Stimmung gewesen seien: “Sollte die Analyse der Musik ehrlich verlaufen, dürfte es wohl auf ein Ergebnis rauslaufen: In Malmö ist schlicht das wahr geworden, was viele Fans nach dem Vorentscheid vom Februar befürchtet hatten.” Im Sinne des Autors heißt das wohl: LaBrass Banda hätten es sein sollen – aber die seien ja von der Jury übersehen worden. Nun gut, man könnte mit Peer Steinbrück sagen: HätteHätteFahrradkette … Als Spruch für jedwede Debatte um ein “Was wäre wenn?”

Auch was auf gmx.de stand, zusammengetragen aus Material von Nachrichtenagenturen, ist nur ein Ausschnitt: Blogger gibt es viele, auch griechische, und manche pöbeln, andere nicht. Die Lautstärksten werden meist am Ehesten wahrgenommen, that’s it. In der Frankfurter Rundschau behauptet der Autor, die Big-Five-Regel habe sich nicht bewährt. Und an solchen Thesen merkt man immer wieder: Es wird viel Nonsens geredet, auch in Zeitungen, die eher siechen als leben. Denn: Ohne diese Regel hätte der ESC allein deshalb keine Chance, weil im Falle des Ausscheidens dieser (fiinazstarken) Länder in den Semis deren jeweiliges Publikum nicht mehr final zugucken würde. Und das wiederum führte irgendwann zum Verzicht auf die Show überhaupt – na, das ist vielleicht etwas zu weit vorausgedacht für Journalisten, die in einem ESC nichts als lustiges Dies & Das erkennen.

Die Frage wird uns ja weiterbeschäftigen, Kollege Stefan Kuzmany von Spiegel Online deutet es an: Ob man Cascadas 18 Punkte dem Politischen zuschreibt, ob man den Dance-Act im ESC-Kontext für ästhetisch riskant hält, eines ist wahr. Nämlich, dass alle Sieger der vergangenen Jahre nach den Finnen von Lordi, die 2006 gewannen, Anfang bis Mitte 20 Jahre jung waren. Und insofern  überwiegend die Aura von Nichtroutine und Unschuld verbreiten konnten, obwohl sie alle professionell agierten, was sonst. Das ist ein wichtiger Fingerzeig für die kommenden Jahre. Mehr nicht. ESC heißt: Ausnahmen bestätigten alle Regeln.

Die Ikone namens Carola

15. Mai 2013

Es wird mal wieder Zeit, über sie zu sprechen: Carola Häggqvist. Kein anderer Tag dieser Eurovisionswoche in Malmö ist geeignet. Aber nicht, weil sie gestern Abend im “Admiralen” ein, vorsichtig formuliert, frenetisch gefeiertes Konzert gab. Sie ist hier in Skåne jeden Tag irgendwo dabei - vorgestern beim Empfang der israelischen Delegation im “Glasklart”, gestern eben in einer öffentlichen Location. Carola – das ist eine Geschichte voller Triumphe, Leiden, Passionen, Missverständnisse – und auch eine vom Erwachsenwerden.

Carolas beeindruckende Grand-Prix-Bilanz: 1983 dritter Platz, 1991 erster Platz, 2006 fünfter Platz.

Um es so kurz wie möglich zu machen, was die Vorgeschichte angeht: Carola, gewann 1983 als Teenager die schwedische Vorentscheidung mit “Främling”. Keine andere vor oder nach ihr hat je alle Punkte bekommen – das Lied über den interessanten, unbekannten, aufregenden Fremden (also: “Främling”). Das klang wie eine Pubertäts-Fantasie, mit der sich jeder und jede identifizieren konnte – und wollte. Carola war andererseits immer bizarr. Schon auf der Bühne nach dem Melodifestivalen 1983 bekannte sie scheu aber vernehmlich, in der Bibel Zuspruch und Trost zu finden.

Dann machte sie weiter Karriere - mehr in Skandinavien als in den USA, wohin ihre Wege sie eigentlich führen sollten. So kam sie 1990 zum Melodifestivalen zurück, belegte mit “Mitt i ett äventyr” den zweiten Platz, um im Jahr darauf sowohl die Vorauswahl in Schweden als auch schließlich den ESC zu gewinnen – die Vorentscheidung in Malmö, das Finale in Rom: “Fångad av en stormvind”. Ihre Fans Kinder, junge Frauen, schwule Coming-Out-Jungs und gestandene schwule Männer. Carola – das war einfach auch schrill (ihrer Textilien wegen) – seelisch entblößt (weil sie immer ein paar Töne zum Schluss ihrer Lieder röhrend zu gurgeln scheint) und unpassend (weil sie eben immer noch schwerst auf Bibelsupertripp war).

Tja, und dann sagte sie auch Dinge, die sie vielleicht besser für sich behalten hätte. Wobei, ich finde es besser, Sachen auszusprechen, als sie zu leugnen. Also: Carola erzählte, sie lehne Homosexualität ab, Schwule seien von der Strafe Gottes heimgesucht, sie lebten in Sünde und, und, und …

… Und das hat sie bis in die vergangenen Jahre durchgehalten, weshalb man sie “die Tapfere” nennen könnte: Gegen ihre Fanbase zu quatschen, auch in Interviews, ist außergewöhnlich. Dann aber wurde es besser. Carola wurde offenbar erwachsen, weiß nun, dass Gott (der ihrige natürlich) auch Homos lieb hat und erzählt das auch überall rum.

Und gestern abend performte die eigentlich unnahbare Carola – sie mochte nie angefasst werden – im “Admiralen”. Und wie! Erzählte während ihrer Conférence, sie sei glücklich, nun die fünfte oder sechste Chance (wenn ich es richtig verstanden habe) erhalten zu haben. Die wolle sie nutzen. Und sie liebe alle. Sie sagte das in vollem Bewusstsein, dass im Publikum etwa 99,9 Prozent Leute waren, die entweder schwule Männer waren oder, wenn Frauen, dann deren Freunde. Carola glückte sogar ein Stagediving – mein Kollege Thomas Mohr von NDR 2 schwärmt noch jetzt - und badete auf den Armen von beseelten Menschen.

Ich würde sagen: Damit ist aller “queerer” Frieden mit Carola geschlossen. Sie ist eine Große. Vielleicht keine Göttin, aber zumindest eine unter seinen und unseren größten Dienerinnen. Es war ein exzeptionelles Konzert!

Memories an Malmö 1992

9. Mai 2013

Ein Tipp vorweg: In der Ausgabe der Wochenzeitung “Die Zeit” vom vergangenen Donnerstag findet sich ein sehr hübscher Text im Reiseteil von Ralph Geisenhanslüke über das Malmö am Vorabend des Eurovision Song Contest. Schön sind die Skizzen, ohne unnötigerweise näher auf das nahe Festival einzugehen, wie er diese Stadt am südwestlichen Zipfel Schwedens schildert. Malmö hat sich gewandelt. Vor 21 Jahren, als der ESC schon einmal dort stattfand, war alles anders: Damals war Malmö faktisch nur eine geographische Gelegenheit unter anderen, um ein TV-Ereignis möglichst reibungsfrei über die Bühne zu bringen. Die Stadt war hässlich, am Rande der Deindustrialisierung, und zurecht weist der “Zeit”-Autor darauf hin, dass erst mit der Eröffnung der Brücke nach Kopenhagen ein gewisses metropoles Flair, sogar Eleganz und Hippness in Malmö zu finden sind. Leider ist Ralph Geisenhanslükes Text online nicht zu haben – was unbedingt moniert werden muss, weil: Wer kauft jetzt noch ein Papierexemplar sieben Tage nach dessen Druck?

Linda Martin singt "Why Me" und gewinnt.

Aber okay: Zu sagen ist in persönlicher Hinsicht, dass ich 1992 in Malmö für “Die Zeit” unterwegs war. Meine erste Rezension war drei Jahre vorher, nach dem Grand Prix Eurovision 1989 in der “taz” veröffentlicht worden. Und genau betrachtet war es, man verzeihe mir diese kleine Eitelkeit, der erste Artikel, der von diesem Ding so berichtete, wie man es als Journalist tun sollte, wenn man ernst nimmt, dass 120 Millionen Menschen zuschauen. Irgendwie wollten damals alle, dass man den Wettbewerb als witzig, schräg, schrill, blöd, auf jeden Fall in abfälliger Weise behandelt. Es gibt immer noch hinreichend Kollegen und Kolleginnen, die in diesem Gesangswettstreit nichts sehen, was ihnen gefallen könnte – es ist ungefähr so, als ob man Medienmenschen, die Fußball abscheulich finden, demnächst zum Champions League-Finale ins Wembley-Stadion schickt.

Insofern war der erste Malmöer ESC 1992 – mit dem der dreifache Sieg Irlands in Folge begann, Linda Martin, die auch in Malmö sein wird, machte damals den Auftakt – ein medial eher ignoriertes Ereignis. Viele Länder hatten Sonderkorrespondenten hingeschickt, Schweden sowieso, aber auch Norwegen, Irland oder die Niederlande. Aus Deutschland kamen Fans, die sich wunderbarerweise für Regionalblätter akkreditieren ließen. Was in Erinnerung geblieben ist, wie in der ersten Folge dieser “Memories of Malmo” geschildert, ist die Lieblosigkeit der Organisation einerseits, andererseits die Präsenz der Fans. Es muss unbedingt gelobt werden, dass wenigstens die Fans die Künstler und Künstlerinnen befragten – und das oft auf aufgeregte Weise und nicht mit dem üblich journalistischen Distanzgetue. Die Leidenschaft des Fantums hatte natürlich auch damals schon ihre bizarren Seiten, aber das lassen wir hier mal im Näheren weg.

Zu meinen präsentesten Erinnerungen gehören ja die an Mia Martini, die auf der After-Show-Party mit ihrer Managerin zusammen saß, Kette rauchte und furchtbar traurig guckte. Wusste sie schon von ihrer tödlichen Erkrankung? Fragte sie sich, was sie in diesem gottverlassenen Nest im grau-kalten Norden eigentlich macht? Oder die Maltesin Mary Spiteri, die Tag für Tag durch das Foyer der Halle schritt, sich von den Fans bestaunen ließ und huldvoll lächelte: So einen Frauentypus haben die Fans sehr gern gehabt – eine Mutti, die eine Hymne singt. Auch sind Schnipsel der Irin Linda Martin im Kopf, von der der wenige Monate später verstorbene Hamburger Fan Michael Bernd von der ersten Sekunde an sagte, die würde gewinnen, weil sie allen gefallen kann. Linda Martin machte schon auf der Pressekonferenz unmissverständlich deutlich, dass sie schon einmal Zweite war (1984), aber nicht gekommen sei, um wieder zu verlieren. Ja, so lernte man eine Person mit eisernem Karrierewillen kennen. Dass sie das mit einem grandiosen Auftritt auch schaffte, war schon vor der Punktevergabe klar. Auch Michael Ball, ein schwuler Brite, der es auf den zweiten Rang schaffte, guckte hernach künstlich frohsinnig – nein, er ahnte nicht, dass er an Ms. Martin scheitern würde. Als Musicalstar machte er all die Jahre danach Karriere – und das ist eben auch eine Erinnerungstonspur: Dass so viele Lieder nach Musical klangen, die Kunstform der theatralischen Gesangsdarstellung, die sich von Oper durch das Fehlen abendländischer Gesamtbildungspakete auszeichnet.

Womit ich zu Ralph Siegel komme, der mir höchstpersönlich damals im Interview sagte, das sei nun wirklich sein letzter Grand Prix, seine Nerven hielten das einfach nicht länger aus. Dieser Meister des ESC hatte Wind am Start – und ich würde ihn noch mehr respektieren als überhaupt heutzutage möglich, würde ich nicht erlebt haben, wie die Wind-Leute von ihm in der Lobby des Hotels zusammengestaucht wurden. Sie hätten nichts richtig gemacht, falsch gesungen … und überhaupt: Es sind viele Geschichten überliefert von ihm, der seinen Kummer über bescheidene Platzierungen nicht traurig für sich behält, sondern an anderen abträgt.

Christer Björkman, bis zum Melodiefestival 1992 in Schweden ein Frisör mit Neigung zur Showbühne, repräsentierte mit “I morgon är en annan dag”  sein Land – eine Ballade, die, so vermutete ich, der drei männlichen Choristen wegen als viel zu schwul in den Keller gevotet wurde. Könnte sein, dass ich mich irrte – aber das Lied mag ich bis heute. Björkman muss sich an diesem Abend nach dem vorletzten Rang geschworen haben, nie wieder so saftig zu verlieren. Heute ist er der Mann für den Grand Prix in Schweden schlechthin und sitzt international in der Reference Group, dem Generalsekretariat des ESC. Respekt!

Was heute vermisst werden könnte, war damals üblich: Es gab Orchester; Osteuropa fehlte noch; letztmals nahm Jugoslawien teil; alle Performances mussten in den Landessprachen abgeliefert werden – und Luxemburg war auch noch zugegen, wenn auch mit einem der ödesten Beiträge aus dem Großherzogtum jemals.

Mein Artikel für die “Zeit” damals wurde nicht gemocht. Ich hatte, so vermutete ich, den Klang der Zeitung verfehlt – und mein Text war tatsächlich eher staunend-interessiert geschrieben. Es war vor 21 Jahren noch eine andere Stadt, eine andere Zeit, eine andere Interessiertheit. Wie gut, dass Malmö als Stadt in diesem Jahr richtig Lust hat, dieses Festival – und damit sich selbst – zu präsentieren.

Trübe Tage in Schonen 1992

7. Mai 2013

Die Proben haben begonnen, gut so. Wie mein Freund Maximilian sinngemäß schrieb: Es geht jetzt echt dem Finale entgegen. Aber wie war das, als in Malmö schon einmal ein ESC stattfand? Schon vor 21 Jahren hat Malmö, diese Stadt am unteren linken Eck Schwedens, für den ESC “the host city” gegeben, den gastgebenden Ort. Ich erinnere mich gut an diesen Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie er damals in Deutschland noch genannt wurde, es war mein erster internationaler überhaupt. Damals war unklar, weshalb es gerade die Hauptstadt der Provinz Skane sein sollte – zu deutsch Schonen, ein Teil Schwedens, in dem ein besonders mulschig-qualmiger Dialekt der Sprache des Landes gesprochen wird. Man könnte sagen: Ein Schwedisch, das im Dreikronenland so klingt, wie das Schwäbische oder Sächsische in hochdeutsch gestimmten Ohren: seltsam.

Die Gruppe Wind hat Deutschland 1992 in Malmö vertreten

 

Malmö sollte es sein, weil die “Schlager-EM”, wie es in schwedischen Boulevardzeitungen hieß, in Stockholm nicht willkommen war und Göteborg ausschied, denn dort fand die Show bereits sieben Jahre zuvor statt. Es war ein außergewöhnlich moderner Eurovision Song Contest (ESC), aber in gewisser Hinsicht nicht der Lieder wegen. Modern war dieser Wettbewerb, der ja in Schweden ausgetragen werden durfte auf Grund des Vorjahressiegs der fabulösen Carola Häggkvist, in anderer Hinsicht: Erstmals waren Fans in größerer Menge vertreten – und es war noch nicht die Ära des Internets, das zu mobilisieren und damit zu kommunizieren erst seit des ESC 1999 in Israel möglich war.

Malmö – da reiste man mit krassem Aufwand hin. Manche mit dem Zug bis Kopenhagen, von dort mit dem Bus bis zum dänischen Fährhafen Dragör, wo ein Turboschiff bis Limhamn fuhr – von dort bis Malmö war es dann nur noch eine halbstündige Angelegenheit. In der Eishalle sollte der musikalische Wettstreit stattfinden – und der Name traf den Charakter der Halle innen ziemlich gut. Etwa 80 bis 100 Journalisten waren zugegen, die meisten von ihnen Fans, die über Lokalradios, Lokal- oder Anzeigenblätter, den Mitteldeutschen Rundfunk oder andere europäische Sender eine Akkreditierung beantragt hatten. Es war ein Arrangement, wie es gemütlicher und familiärer nicht hätte sein können. Die Akkreditierungen waren nicht unterteilt – Fans wie Journalisten hatten die gleichen, und man konnte mit dem Plastikschild beinah grenzenlos überall herumgucken. Bis auf die Bühne, einem Wikingerschiff.

Man tauschte unter Journalisten und Fans Fanhefte, die ersten, die es damals gab, noch nicht auf Hochglanz getrimmt, sondern hektografiert auf farbigem Papier. Alles gierte nach Informationen, nicht nur, was den ESC in Malmö anging. Vorentscheidungsstatistiken aller Länder, aller Jahrgänge – man tuschelte und barg Informationen, die tief begraben schienen. Im Eisstadion bewegten sich Künstler, Tonsetzer und Texter unter allen anderen. Ralph Siegel, Komponist von “Träume sind für alle da”, bewegte sich besonders häufig um einen Flipchartständer, auf dem die neuesten Wetten verzeichnet waren – guckend, ob sein Lied hoch gewettet wird. Ja, das war der Fall – und es lag schon damals die Möglichkeit nicht fern, dass der Meister selbst viele Fans beeinflusst hatte, um ihnen schon vor dem eigentlichen Festivalabend ein gutes Gefühl zu bereiten. Dass er nach dem Finale enttäuscht war, seine “Wind“-Maschinen mit kärglichem Punktkonto zerbröselt wurden, ist eine andere Geschichte.

Aber: man erreichte Malmö nicht nur beschwerlicher als in diesem Jahr. Es gab nämlich noch nicht die Brücke zwischen Dänemark und Schweden – es begann auch erst am Montag vor dem ESC-Finale. Keine zwei Wochen mussten die Delegationen untereinander bleiben, sondern eben nur sechseinhalb Tage. Und wie Malmö aussah? Lange nicht so schnieke-modern wie heute. Ein, so mein Eindruck, im Vergleich mit dem heutigen Bild leeres Städtchen. Die Eisenbahn endete hier, ein Sackbahnhof, hinter dem die Ostsee begann.

Das Wetter in dieser Woche – frisch und absolut fern allem Frühling. In einer Disco, deren Name mir auch nach längerem Grübeln entfallen ist, gab es allabendlich eine Tanzveranstaltung. Viele der Akkreditierten waren da, aber die Musik wurde nicht von ESC-DJs ausgesucht, sondern von den hausüblichen Diskjockeys. Bloß keine ESC-Mucke – nur manchmal war ein Liedchen erlaubt. Aber tanzbar war ohnehin nix so richtig: Keiner der Fans oder Journalisten hatte das Gefühl, einer der populärsten Shows Europas hinterherzurecherchieren. Warum ich selbst begann, mich als Journalist mit dem Wettbewerb professioneller zu befassen? Weil mir nicht einleuchtete, dass ein Event, das jedes Jahr mehr als hundert Millionen Leute in zweieinhalb Dutzend Ländern interessiert, einfach in journalistischer Hinsicht unbeleuchtet bleiben soll. Wie tickt das Ganze hinter und vor den Kulissen? Und noch dies für die erste Folge meiner Erinnerungen, die letzte meiner Fragen damals: Woran liegt es, dass von den Journalisten und Fans, die damals dabei waren, bis auf gewiss einige Ausnahmen, alle schwul waren? Und warum man das nicht sagen durfte? Ist ja bis heute so geblieben, weitgehend, was den Kern angeht.

Malmö im Mai 1992 war ein kühles Unterfangen. Aber längst war alles ausgeschlüpft, was im Laufe der Jahre Bedeutung haben würde: Fans, die sich in Europa und teils auch weltweit um dieses Event scharen. Das wurde dann irgendwann wie beim Fußball. Noch hatte die Journalistengemeinde das Gefühl, selbst Teil einer Freakshow zu sein. Malmö war ein Aufbruch. Pressekonferenzen mit Fragen wie: “Sagen Sie, Ihr Lied ist wunderbar, könnten Sie sagen, ob es dies auch in portugiesischer Fassung geben wird?”, an die Adresse Linda Martins aus Irland, der späteren Siegerin. Oder: “Haben Sie einen Gruß für Ihre Fans in Finnland?”, an die Adresse Mia Martinis aus Italien. Ihr Lied “Rapsodia” landete weit vorne. Wie sah sie toll aus bei der After Show Party, ketterauchend, absolut edel und fern aller übertriebenen Heiterkeit, großartig. Die Fankultur war geboren.

Siegerin der Fanherzen

2. Mai 2013
Nun hat mit dem österreichischen Voting der 26. Fanclub der OGAE  abgestimmt. Zwei Dutzend Wertungen fehlen noch, aber die Siegerin steht wohl schon fest: Falls Emmelie de Forest nicht noch dauerpunktlos bleibt, wird sie - sofern sie das auf dem inneren Schirm hat - mit dem Bewusstsein von Kopenhagen über die Brücke nach Malmö reisen, dass sie zumindest die Fanherzen Europas (und Australiens, Israels und dem Rest der Welt) für sich gewonnen hat. Auch die Plätze nach ihr sind inzwischen wie in Stein gemeißelt. Norwegen kriegt für Margaret Berger stets viele Punkte, auch Cascada gehen so gut wie nie leer aus und Anouk aus den Niederlanden kann ebenfalls gewiss sein, nicht auf dem letzten Platz in Malmö zu landen. So sehr haben sich nämlich auch die Fans nie vertan.

Emmelie de Forest kann sich ganz entspannt auf den Weg nach Malmö machen.

Damit ist das Problem dieser Votings umrissen: Fans hören sich, im Unterschied zu den anderen Zuschauern der Halbfinals und des Grand Finals, die Lieder des ESC in Heavy Rotation an. Mit anderen Worten: Jedes Lied wird erstgehört, nochmals, dann geprüft, mit anderen debattiert und immer wieder in die Ohren geträufelt. Es ließe sich sagen: Die Wertungen fußen auf gründlichsten Auseinandersetzungen mit den Songs.

Aber so geht das Prinzip ESC natürlich in der wirklichen Welt nicht. Da sitzt beispielsweise eine schottische IT-Beraterin oder ein spanischer Lkw-Fahrer, ein aserbaidschanischer Kioskbesitzer oder eine maltesische Bürokauffrau mehr oder weniger zufällig vor dem Schirm. Sie haben ein Telefon neben sich und rufen für einen Act an, der ihnen spontan gefällt. So erklärt sich wohl auch der Sieg von Marie N 2002 in Tallinn oder der Olsen Brothers 2000 in Stockholm, der von Lena 2010 in Oslo oder schließlich der Triumph von Ruslana 2004 in Istanbul: Man hat sie alle nicht so fett unterstrichen auf der Rechnung, aber das spontane Gefallen bescherte diesen Kandidaten den Sieg. Und eben nicht wie von vielen Fans in den genannten Jahren angenommen: Ira Losco aus Malta, Ines aus Estland, Safura aus Aserbaidschan oder Zeljko Joksimovic aus Serbien & Montenegro.

Wobei ich dieses Jahr denke: Die Dänin Emmelie wird tatsächlich vorne liegen und auch Cascada und Anouk werden von den Fans korrekt vorne gesehen. Aber wie schon bei Charlotte Perrelli oder Kati Wolf vertun sich die Fans meiner Meinung nach bei Valentina Monetta. Eine Sanmarineserin, deren klassisch italienisch anmutendes Lied die Fans mögen, aber an dessen Ende sie eine musicaleske Temposteigerung zu verdauen haben, die eher nervt als aufweckt. Nein, ich glaube die Fans sehen die Aspirantin aus der Insel in Italien zu weit vorne. Ein Darling, das auch gewertschätzt wird, weil die Fans Ralph Siegel sehr mögen - und weil dieser über seine Promoabteilung wohl wie alle Jahre versucht hat, Einfluss auf die Fans zu nehmen.

Das Rennen ist noch längst nicht entschieden. Dass Dänemark vielleicht nächstes Jahr den ESC ausrichtet, wäre nicht übel. Ein kleines, reiches Land, das in der Tradition von Grete und Jörgen Ingmann Musik macht, die Olsen Brothers hervorgebracht hat und in Emmelie de Forest eine zwar sehr mainstreamige, aber beliebte Sängerin hat. Sie ist die Favoritin dieses ESC, keine sonst kann ihr laut den Wetten und Prognosen nur halbwegs das Wasser reichen. Mal sehen, ob sie dem Druck standhält.

Bonnie nähert sich der Höchstform

29. April 2013

Im Magazin “Stern” - oder besser auf der Onlineplattform – steht über Bonnie Tyler etwas zu lesen, das für all ihre Konkurrenten in Malmö ein Warnsignal sein muss. Wörtlich sagt Bonnie Tyler, die 61-jährige von der BBC intern ausgewählte ESC-Vertreterin des Vereinigten Königreichs, vor allem im Hinblick auf Befürchtungen, sie könne wie Engelbert Humperdinck 2012 trotz Bestleistungen in den Jahrzehnten zuvor schlecht abschneiden: “Ich finde, er hat eine starke Stimme, aber der Song war nicht stark genug für ihn. Es war nicht der richtige Song für ihn. Seine früheren Hits waren stark und ich glaube, dass dieser nichts hatte, was ihn interessierte.”

Bonnie Tyler hat keine Angst davor, in Malmö einen hinteren Platz zu belegen.

Was Ms. Tyler nicht wissen kann, denn sie war in Baku ja nicht dabei, wird von Beobachtern als Eindruck bestätigt: Mr. Humperdinck hatte ein cooles Lied, ja, es war nach meinem Geschmack eines der besten des vorigen Jahrgangs - aber in der Tat kannte der “Please Release Me”-Sänger weder den ESC im Allgemeinen noch im Konkreten, was den Ausflug ans Kaspische Meer anbetrifft. Er hatte einfach im Herbst seiner Laufbahn noch zu einem besonderen Gig “ja” gesagt. Ein Gig, das ist ein Auftritt unter vielen, nix Besonderes. Wer aber den ESC nicht als Extrabelastung anerkennt, wird scheitern, das haben auch schon andere etablierte Künstler lernen müssen, Clouseau aus Belgien, Gérard Lenorman aus Frankreich oder auch Alex Christensen aus Deutschland - höchst erfolgreich mit Meriten im Pop-Business angereist, eher düpiert von dannen gezogen.

Man muss also ernst nehmen, was einen da erwartet. Bonnie Tyler mag in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, als sie ihre Karriere mit einer Fülle von Hits begann, noch über den ESC gedacht haben wie alle im Pop-Business – wie Phil Collins, Rod Stewart oder Kim Wilde: Bloß nicht diesen Karrierekiller in die eigene Biografie einbauen! Nun ist die Tyler etwas in die Jahre gekommen, aber kann erwiesenermaßen immer noch, was ihr Können ausmacht: hohe Livepräsenz, extrem wiedererkennbare Stimme - gerade auf Konzertbühnen - und eine gewisse Robustheit im Auftreten. “Believe In Me” ist tatsächlich ein besseres Lied als Humperdincks im Vorjahr. Es ist stark. Für mich gehört es zu den Favoriten des 58. Eurovision Song Contest. Mich erinnert es an “Molitva” - ohne diesen gewissen “jugoslawischen Appeal”, dafür mit britischem Timbre. Absolut geeignet, in Pubs Beifall zu wecken. Bonnie Tyler könnte so selbstverständlich gewinnen wie vor drei Jahren Lena Meyer-Landrut in Oslo.

Tyler, die von der britischen ESC-Fanszene gerade angebetet wird, sagte zu ihrer Bühnenshow von Malmö: “Ich habe einen guten Song und sechs Leute mit mir auf der Bühne. Ich werde keine Tänzer haben, es wird eine einfache Performance mit Musikern und Background-Sängern.“ Hier ist ein Live-Mitschnitt aus einer Radiosendung – ohne viel Gedöns, wirklich auf das frischeste ins Mikro gegrölt.  In den Wetten liegt die Britin ziemlich gut. Nicht so weit vorne wie die Dänin, auch nicht auf Platz zwei wie die Ukraine – sie liegt genau dort, wo die “Satellite“-Chanteuse aus Hannover wenige Tage vor dem Abflug in die norwegische Hauptstadt lag.

Ich glaube an Bonnie Tyler. Irgendjemand nicht?

P.S.: Der Sampler für dieses Jahres ist nun erschienen, wie mir ein Freund schrieb. Die Vergleiche sprechen für alle, die am Fan-Voting bislang teilgenommen haben.

Vor 31 Jahren in Harrogate

25. April 2013

Guten bis sehr guten Freunden darf man auch am Tag danach versichern, dass man ihnen alles Gute, alles Glück wünscht – und das von Herzen. Man darf mal den Ehren-, den Geburtstag am Tag selbst vergessen. Hier also sei gesagt: Herzlichen Glückwunsch, liebe Nicole, lieber Ralph Siegel – vor 31 Jahren war es, als Sie beide im nordenglischen Harrogate mit „Ein bisschen Frieden“ den ersten deutschen ESC-Sieg einfuhren. Damals hieß das Festival zwar noch Grand Prix d´Eurovision de la Chanson, aber einerlei: Wir reden ja vom gleichen Ereignis.

Nicole hat 1982 in Harrogate für Deutschland den Grand Prix gewonnen.

Siegel sagte später, in Harrogate zu gewinnen sei einfacher gewesen als die deutsche Vorentscheidung. An diesem 24. April 1982 war es der Triumph eines Konzepts in einer bestimmten Zeit. Siegel hatte in Nicole eine kongeniale Interpretin; nach 1974 mit Ireen Sheer, 1979 Dschinghis Khan, 1980 Katja Ebstein und 1981 mit Lena Valaitis hatte er schon vier Top 4-Platzierungen beim ESC erreicht, nun war er scharf auf den Sieg – was sonst? Nicole war im Jahr zuvor mit „Flieg nicht so hoch mein kleiner Freund“ bereits in der Vorsortierung zum deutschen Vorentscheid ausgesiebt worden – schon damals ein Hinweis auf die Zufälligkeit der Auswahlgremien -, nun, mit „Ein bisschen Frieden“ ging alles glatt. Es war die Zeit der Friedensbewegung, im Vereinigten Königreich von Margret Thatcher und ihrem Falkland-Krieg – und in Deutschland marschierte man gegen Nachrüstung und Schwerter, die durch Pflugscharen ersetzt werden sollten. Die bekennende CDU-Wählerin Nicole passte da nicht so recht rein, aber heute würde ich sagen, dass an „Ein bisschen Frieden“ im Hinblick auf die seismographische Kraft von Alltagskultur zu erkennen ist, dass das deutsche Publikum nicht für Kriegerisches im Weltmaßstab zu haben ist.

Schade, dass Nicole später über Lena Meyer-Landrut und über den ESC schlechthin nicht besonders freundlich redete: Als Siegerin, das dürfte sie wissen, gönnt man allen Nachfolgern alles und macht seinem Herzen nie Luft. Es klang bei ihr immer wie Missgunst. Wie auch, leider sehr oft, bei Ralph Siegel. Einerlei: Hören wir hinein in diese gewisse Stimmung des Klampfigen – es ist wenigstens … ein bisschen ergreifend.

P.S.: Die Dänin Emmelie ist immer noch in allen Wetten und bei Fans die Nummer eins, die Ukraine folgt inzwischen auf Platz zwei in den Wettbüros. Cascada liegt immer noch sehr weit vorne und San Marino auch. Keine starke Wett(er)änderungen zu erwarten, offenbar.

Weitgehende Zufriedenheit

22. April 2013

In den Foren von Fans - und nur diese interessiert das ernsthaft - dominiert eine gewisse Stimmung der puren Zurkenntnisnahme. Und das ist einigermaßen erstaunlich und andererseits wiederum nicht. Ende voriger Woche gab der NDR bekannt, wie er die drei ESC-Shows aus Malmö (zwei Semifinals und The Grand Final am 18. Mai) zu übertragen gedenkt. Man könnte sagen: Das Angebot ist allumfassend. Das erste Semifinale wird auf EinsFestival übertragen, das zweite auf Phoenix und Das Erste zeigt ganz klassisch das große Finale. Alle drei Shows sind außerdem auf eurovision.de online zu sehen. Erstaunlich ist nicht, dass alles gezeigt wird, sondern dass so gut wie niemand protestiert.

Jetzt ist bekannt, auf welchen Sendern die Fans den ESC verfolgen können.

Ich habe mich am Wochenende im erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis umgehört. Allesamt verfügen diese meine Buddies über Kabel- oder Satellitenanschlüsse, manche können auf ihren Festplattenrecordern aufnehmen - sie stört nicht, dass das erste Semifinale “nur” auf EinsFestival übertragen wird. Heißt: Wer da guckt, weiß sich als Teil einer überschaubaren Zuschauercommunity sicher. Das ist bei Phoenix nur leicht anders. Dieser Sender ist schon bei mehr Leuten auf der Rechnung - und das muss er wohl auch, denn das zweite Semifinale ist immerhin das, bei dem das deutsche Publikum mitstimmen kann (neben der Jury).

Vor einigen Jahren gab es noch Ärger von Fans, weil die ARD die Semifinals nicht in der ARD ausstrahlen wollte. Die Kritik lief darauf hinaus zu sagen, dass das deutsche Publikum faktisch ausgesperrt würde, denn wer gucke schon Nischenkanäle? Die Quoten allerdings gaben der Programmplanung der ARD Recht: Alle Live-Übertragungen im (bundesweit weitgehend empfangbaren) NDR-Fernsehen hatten ungefähr eine Zuschauerbeteiligung mobilisiert, die geringer war als die Live-Übertragung von Goldfisch-Schwimmübungen in einem kirgisischen Aquarium.

In der Düsseldorfer ESC-Woche 2011 übertrug Pro7 das erste Semifinale, die ARD das zweite - und beide Sender wurden ob des geringen Zuschauerinteresses nicht froh. Die Erklärung leuchtete ein: Wenn ein Land als Teil der Konkurrenz nicht direkt beteiligt ist, interessiert sich das Publikum des Landes auch so gut wie nicht. Was übrigens auch für das Finale zutrifft: Länder, die übertragen, aber nicht teilnehmen, haben durch die Bank schwache bis debakulöse Einschaltquoten.

Also jetzt in den Nischenkanälen - das Angebot ist perfekt: Man kann, wenn man will, zugucken oder es - wie die meisten - lassen. Interessant ist für Deutschland, abgesehen von den Fans, nur das Finale. Fans wissen das inzwischen auch und sind froh, dass überhaupt das Tableau so gut gedeckt ist. Man muss nostalgisch anfügen, dass das ohnehin ein Unterschied ums Ganze ist, blickt man viele Jahre zurück. Ein ESC bis in die frühen 80er, als VHS-Recorder allmählich populärer wurden, war einer, den man live sehen musste. Aufzeichnungsgeräte hatten nur TV-Anstalten und TV-Produktionsfirmen, der gewöhnliche Fan verfügte nicht über Gerätschaften, die das Festival konservierten, wiederholbar machten. Dass das jetzt anders ist, dass technisch so gut wie alles möglich ist, ist auch schade: Der Zwang, wirklich alles auf den ESC in strenger Pünktlichkeit auszurichten, ist keiner mehr. Der Nervenkitzel, dass hoffentlich keine Antennenstörung passiert, ist passé.

Die ESC-Königin in Amsterdam

12. April 2013

Sie wird beim inzwischen traditionellen Konzert der ESC-Aspiranten in Amsterdam an diesem Wochenende mit von der Partie sein – und sie wird vermutlich den stärksten, ja, orkanartigsten Applaus der Geschichte des Fantums beim ESC bekommen: Carola aus Schweden. Mit der Bilanz von einem fünften Platz in Athen 2006 (“Invincible”), einem dritten Rang 1983 in München (“Främling”) und dem Sieg von Rom 1991 mit (“Fangad av en stormvind”) ist sie nicht hinreichend zu beschreiben. Es gibt in der ESC-Geschichte Künstler, die nicht minder erfolgreich waren: Johnny Logan bei den ersten Plätzen, kommerziell gesehen sicherlich Abba, aber auch Udo Jürgens mit einem 6., 4. und 1. Platz in den Sechzigern – sie alle können es sicherlich mit der Schwedin aufnehmen.

Carola beim ESC 2006

Dennoch ist Carola eine besondere Künstlerin – und meine These ist, dass sich diese Entertainerin mit ihren Liedern, Auftritten und Äußerungen jenseits der Bühne so sehr entblößte wie niemand sonst. Vielleicht noch Johnny Logan bei seinem Triumph 1987 mit “Hold Me Now” – aber gegen Carola, 1966 in Norsborg geborene Häggkvist, kommt auch er nicht an. Okay, am Ende der Show schluchzte er, brachte in den Orchesterraum ein schwächelndes “I can’t sing anymore” raus. Aber Carola – das ist echte Show, das ist ein berührendes Inferno an innersten Gefühlen, falls ich das mal so kitschig formulieren darf.

1983 gewann sie das “Melodifestival” so haushoch wie niemand vor oder  nach ihr und “Främling” wurde eines der erfolgreichsten Lieder der schwedischen Nachkriegsgeschichte. Carola, minderjährig, teenagerhaft, backfischartig, angemessen verschüchtert außerhalb des Gesanglichen, bekannte damals bei Moderatorin Bibi Johns mit hauchender Stimme, sie vertraue auf Gott und die Bibel: Schon das war eine Geste, die so uncool, so absolut unangemessen war, dass man sie sofort verehren musste. Denn popmäßig angesagt waren damals und sind es bis heute doch eher ironische Gestalten. Solche, die entweder die vollerwachsene Frau (Lena Philipsson), die Schlagerkönigin (Kikki Danielsson) oder die Geheimnisvolle (jüngst: Loreen) geben. Aber so eine wie Carola, die bei ihren Liedern das Wort Inbrunst ganz neu auszumessen scheint, die gibt es bis heute nicht wieder. Ich erinnere mich noch an den ESC in Jerusalem 1999, als Carola im Publikum beim Sieg von Charlotte Nilsson zwei Tränen herunter kullerten und man sah ihr an: Die “Främling”-Heldin wusste, wie ihre Kollegin gerade empfand – einfach wunderbar.

Bis heute Legenden sind ihre christliche Bibeltreue, überlieferte Anekdoten von biblischen Ekstasen, von Teufelsaustreibungen, die sie angeblich als bereichernde Erfahrung geschildert hat oder Histörchen, die sie, stets bei den höchsten Tönen die Unterlippe zum Zittern bringend, als Magierin ausweisen. Dabei hört sich ihr Gesang, auch bei den von ihr geliebten christlichen Soulgeschichten, stets etwas knödelig an – aber egal: Carola ist Carola – und man meckert nicht über Einzelheiten an einer Königin.

Nach ihrem dritten Platz von München, wo sie in ihrem Stulpen- und Muskelshirt-Look unter tuffigem Haar eben wie eine typische Jugendliche aussah, wollte sie, das ahnte man, mehr. Siegen – denn Carola liebt das Siegen. 1990 scheiterte sie beim “Melodifestival” noch an Edin-Adahl, das Publikum wollte sie trotz “Mitt i ett äventyr” bestrafen, weil sie nicht wieder auf Anhieb gewinnen sollte. Aber 1991, in Malmö, war sie mit “Fangad av en stormvind” nicht mehr zu halten. Dass sie dann in Rom, punktgleich mit der Französin Amina, diesen Sieg genoss (und nicht wenigstens Worte des Bedauerns für ihre Rivalin fand, die mit “Le dernier qui à parler” immerhin das modernere, ja, das bessere Lied hatte) gab uns als Freunde dieser Königin einen Stich – aber am Ende war das halt Carola. Und Carola hieß, ihr alles zu verzeihen.

2006 kam sie nochmals zum ESC: “Invisible” (Unsichtbar) “Invincible” (“Unbesiegbar”). schaffte, obwohl mir dieses Lied etwas zu überheizt, zu stark, zu wenig elegant, alles in allem viel zu windmaschinenhaft übertrieben vorkam, den verdienten fünften Rang – gegen Lordi war sie ohnehin machtlos. Doch mit den Jahren wird sie immer propperer, beim “Melodifestival” dieses Jahr hatte ihr Auftritt etwas seltsam Sonnenbankgebräuntes. Auch wirken ihre Posen inzwischen verdächtig viel zu jugendlich: Eine erwachsene Frau, und immerhin Mutter, sollte nicht so tun, als könne sie durch viel Sport die glühenden Jahre der Reifung – wie meine Oma gesagt hätte – wiederhaben. Was sie in Amsterdam singen wird, ist noch offen: Wahrscheinlich ihre Evergreens. Und sicher ist: Ihr Publikum wird lippensynchron jeden Text mitsingen können.

Noch ein Tipp für alle, die gern in Schweden sind und sich die Landessprache aneignen möchten: Das Mitsingen von Carola-Texten eignet sich hervorragend zum Üben der in dieser Sprache gelegentlich bizarren Laute. Was ich eigentlich sagen wollte: Diese Königin ist die coolste von allen – weil sie eben nicht die Gefühlsironikerin geben möchte (und wahrscheinlich auch nicht kann). Sie nimmt das Leben mit einer Hingabe ernst, die einem Bewunderung abnötigt. Sie ist einfach großartig!

P.S.: Der Titel von Carola 2006 in Athen hieß - natürlich! - “Invincible”, also “Unbesiegbar”. Sorry, ich hätte es gleich merken müssen: Carola versteht sich als Königin selbstverständlich nicht als unsichtbar, sondern als unbesiegbar. So sah ihre Performance ja auch in der griechischen Hauptstadt auch aus - und hätte fast wieder geklappt!

Blond, blonder, Emmelie?

10. April 2013

Das ist der Deutschen Presse-Agentur aber korrekt aufgefallen: Die Chanteusen, die in den aktuellen Wetten und Prophezeiungen sowie in den Fan-Foren ganz vorne liegen, zeichnen sich vielleicht durch ästhetische Differenzen im Liedgut aus, nicht jedoch in der Wahl der Haarfarben. Sie sind alle blond: Emmelie aus Dänemark, Margaret aus Norwegen, Natalie aus Deutschland, Bonnie aus Großbritannien und Anouk aus den Niederlanden. Aber was heißt “Wahl”? Sind die denn nicht alle naturblond?

Emmelie de Forest ist eine der blonden Favoritinnen für den ESC 2013.

Die Geschichte des Einflusses von Kolorierungsmaßnahmen von ESC-Sängerinnen im Zusammenhang mit dem Punktesegen, ist bisher noch ungeschrieben: Lena Meyer-Landrut jedenfalls trug in Oslo nur akkuratest angelockte, lange brünette Haare - und siegte. Man könnte sagen, 2010 war, nicht zuletzt auch dank einiger anderer Frauen wie Safura, das Jahr der ansteckenden Dunkelheit. Gehen wir einen großen Schritt zurück: Abba waren sowohl blond als auch brünett. Meinem Eindruck nach war es früher weniger wichtig, blond zu sein, also einen Haarschopf zu tragen, der güldenes, warmes Licht assoziieren lässt (was den Unterschied, auch im Nachhinein, noch zu Ruslana erahnen lässt).

Jedenfalls: Blond ist nicht immer so naturblond, wie es auf den ersten Blick scheint. Emmelie aber, so sagen mir Bekannte aus Dänemark, habe für ihren Look nur wenig nachhelfen müssen. Margaret aus Norwegen sieht aber, so schrieb mir ein Freund aus Lillehammer, nicht zufällig so kühl-blondiert aus – die Haare sollen zu ihrem Elektropopdance-Ding passen. Natalie Horler hingegen … Ja, man weiß es nicht. Mein Eindruck neulich war, dass sie ihr Haar so nimmt wie sich selbst überhaupt: zum Styling Tag für Tag neu einladend.

Anouk aus den Niederlanden sieht von allen, so legen es die Bilder die wir von ihr haben nahe, Fernsehmoderatorinnen-Petra-Gerster-blond aus: absolut natürlich. Ich glaube es schon einmal erwähnt zu haben: Von Dolly Parton (“Jolene“, “I Will Always Love You”, “Your Love Has Lifted Me Higher”) … nein, nicht nachschlagen, sie war nie beim ESC, auch nicht in den Fünfzigern und frühen Sechzigern … ist der Spruch überliefert: Nichts ist so schwer, als sich auf natürlich zurecht zu machen.

Womit ich, eben diese Haarfarbenaspekte mit einrechnend, zu meiner aktuellen Prognose komme, die eingefärbt ist von meinen Wünschen, dass es so kommen möge: Ich glaube Anouk wird gewinnen, gefolgt von Emmelie, Cascada-Natalie, Bonnie und Margaret. Auf dem sechsten Rang folgt die erste Dunkle, Raquel del Rosario Macias aus Spanien. Der erste Mann? Ein Schnupsi namens Robin Stjernberg. Es wird also bezogen auf die Haarfarbe das Agnetha-Fältskog-Gedenkjahr - mal sehen, ob sie nach Malmö als Ehrengast eingeladen wird!