Archiv der Kategorie ‘Geschichte’

Auf ins neue Jahr!

2. Januar 2012

Frohes neues  Jahr wünsche ich Ihnen und Euch allen. Tja, es wird einmal mehr eine perfekte ESC-Saison. Denn es wird wie alle Jahre wieder sein: Spätestens Ende März, wenn alle Acts für Baku bestimmt sein werden, raunen die einen, niemals zuvor seien so gute Lieder bei einem Grand Prix Eurovision beisammen gewesen. Und die anderen, zu der, fürchte ich, auch ich gehören werde, werden stoßseufzen: Mann, ist das alles blöde und öde!

In Wahrheit verfliegt diese Stimmung spätestens im Mai – und alles wird gut.

Das sagt auch, um jetzt gleich mal auf das neue Jahr zu sprechen zu kommen, Thomas D. Er beteuert: “Ich mache alles wie Stefan, nur besser.” Das möchte, hoffe ich, auch bedeuten: Den Raab des vorigen Jahres, der momentweise ermüdet wirkte, wird er übertreffen können. Aber den Jahres 2000, als er so heftig nach Stockholm wollte, um für Deutschland zu singen, das könnte schwer werden. Okay, es geht nur um die Jurypräsidentschaft, nicht ums Performen. Trotzdem … Wir freuen uns, nächste Woche geht’s los mit der ersten Runde von “Unser Star für Baku”.

Was mich mehr sorgt ist alles, was die Modernisierung des ESC anbetrifft. Eines ist natürlich klar: Der ESC wird von allen TV-Sendern auf ein ähnliches Niveau von Pop gebracht werden, wie es in Deutschland seit knapp zwei Jahren üblich ist. Aber werden da auch die Briten von der BBC und die Italiener mitmachen? Den ESC als Europameisterschaft des Pop zelebrieren, nicht nur als Freakshow abseitiger Geschmäcker?

Was mich zu einem Gerücht bringt: In der Reference Group, hörte ich aus Irland, dem Generalsekretariat des ESC, ist vorgeschlagen worden, die Zahl der Personen eines Acts von sechs auf acht zu erhöhen. Der Vorschlag kam, wen wundert’s, aus Schweden. Christer Björkman fand jedoch, schon aus finanziellen Gründen, keine Mehrheit. Aber dass dieser Schwede wirklich glaubt, durch zwei weitere Personen ließe sich irgendein ästhetischer Gehalt aufwerten, ist bizarr und wunderlich in einem.

Mit anderen Worten: Der ESC in all seinen komischen und prima Facetten lebt. Ein gutes neues Jahr uns allen!

Selige Sentimentalität

30. Dezember 2011

Die Zeit zwischen den Jahren ist immer speziell. Irgendwie ist man abgeschnitten. Nirgendwo geht es so richtig ums Letzte. Die Schweiz hat sogar schon eine Vorentscheidung hinter sich. Albanien wählt wie jedes Jahr seinen Kandidaten zum Jahreswechsel beim Festivali i Këngës. Aber sonst? Still ruht der See?

Nein, ich kenne viele, die es so halten wie ich: Zwischen Weihnachten und Heilige Drei Könige darf man sich herrlichen Sentimentalitäten hingeben. Und schaut sich auf eurovision.de alte Archivaufnahmen früherer ESC-Jahrgänge an oder geht zur Hauptadresse oller Kamellen: zu Youtube.

Wie jeder weiß, jammere ich nicht alten Zeiten hinterher. Nein, diese giftige Stimmung von wegen “Früher war doch alles besser”, die ist mit mir nicht zu haben. Ich bekenne: Der Eurovision Song Contest wird immer europäischer, jeder Jahrgang ist ein einziges Dokument in dem Ringen aller Länder, bloß nicht zu verlieren. Also guckt man sich bei anderen Ländern ab, wie die das machen. So entsteht ein herrliches Kuddelmuddel, eine einzige Mixtur aus ästhetischem Diebstahl und künstlerischer Hehlerei. So kommt es, dass Finnland wie Spanien klingt und die Türkei an Rocktraditionen in Belgien anzuknüpfen scheint. Das, was einst der Grand Prix Eurovision bei uns war, ist nun ein Popfestival – und niemand kann das ändern.

Aber, um zu meinen Gefühligkeiten zurückzukommen, zwischen den Jahren, wenn alles träger als sonst fließt, ist Nostalgie erlaubt.

So beklage ich in dieser Zeit, hier und heute, auch, dass es keine Dirigenten mehr gibt, dass nicht mehr in den Landessprachen gesungen werden muss, dass viel zu viele Menschen auf der Bühne herumstehen, wo es doch nur um ein Lied geht und nicht um Performance, um Kostüme und Schminke. Das ist dann die Zeit, da ich Stefan Raab nicht mehr so verehre – er war es doch, der mit Hilfe des NDR in der ARD den ESC kräftig auslüftete und dem muffigen Schlager von dereinst den Todesstoß versetzte. Schlager heute? Das ist Lena und heißt Pop.

Doch zwischen den Jahren ist mir garstig: Her mit den guten alten Zeiten! Mit berührenden Vorstellungen wie von Lenny Kuhr, mit Bizarrerien wie “Pump Pump” aus Finnland 1976, mit Jacques Hustin und seiner “Fleur de liberté” oder irgendeinem Auftritt der Dirigenten Ossi Runne, Noel Kelehan oder, 1974, dem napoleonischen Dirigat zu “Waterloo”. Aber wo sind sie denn, jammere ich dann, wenn ich mich durch die Clips schwimmen lasse, all die Damen wie Gigliola Cinquetti oder Ireen Sheer 1978? Wo sind die schrillen Accessoires, wo die peinlichen Nummern wie “Baby Doll” 1991?

Es ist herrlich, mal sich die gute alte Zeit anzugucken. Davon abgesehen, dass mir ein Freund ein Konvertierungsprogramm empfohlen, mit dem sich die Liveaufnahmen auf mp3-Format verwandeln lassen, war es doch mit Liveorchester besser. Bobbysocks als Tonkonserve plus Livegesang 1985? Hätte niemals gewonnen! Finde ich und trinke zu diesem Gedanken einen Schlehenlikör.

Irgendwann wacht ein jeder aus dieser seligen Sentimentalität auf – auch ich. Dann weiß man, was im alten Jahr passierte: Ohne skandinavische Hilfe hätte Aserbaidschan niemals gewonnen – und hätte Deutschland noch die alten Zeiten, wäre Lena immer noch in Hannover und wüsste vielleicht nicht, was sie aus ihrem Leben machen soll.

Was bringt das nächste Jahr? Noch mehr Millionen, die zugucken. Der ESC wächst, weil er als Wettbewerbsformat mit national identifzierbaren Kandidaten perfekt funktioniert wie keine andere Show. Das allerdings war schon immer so: Der Grand Prix Eurovision heißt jetzt Eurovision Song Contest – na und? Am Ende zählt die Punkteauswertung. Ich finde, wir hatten ein gutes Jahr!

Danke für alle Diskussionen und Bemerkungen. Das Leben geht weiter, im neuen Jahr dann ohne diese gewisse Gefühligkeit, die sich klebrig ans Vergangene hängt. Ein frohes neues Jahr allen!

Frohe Festtage

23. Dezember 2011

Um es gleich vorweg zu sagen: Geschenke, die mit dem ESC zu tun haben, sind immer irgendwie gut. CDs, DVDs – und wenn sie aus diesem Jahr stammen, enthalten sie Material von dem, was wir jetzt in fast zwölf Monaten erlebt haben.

Gucken wir mal zurück auf jene Momente, die auf eine metaphorische Art Geschenke waren. Ich bin ziemlich gespannt, wie Sie, wie ihr diese Momente empfunden habt – und wer selbst welche beisteuern möchte.

1. Der mir wichtigste Moment war die Freude von österreichischen Journalisten, als sie realisierten, dass ihre Nadine Beiler es tatsächlich ins Finale geschafft hatte. Dort schnitt sie nicht so gut ab, wie auch ich es mir erhofft hatte: Aber Frau Beilers Mireille-Mathieu-Gedenkfrisur wird ihr nicht auf dem Wege zu höheren Plätzen im Wege gestanden haben. Sie war ganz und gar von der altmodischen Schule. Kein Geflirre auf der Bühne, einfach nur Körper und Stimme, ruhig und ins Ekstatische wachsend. Großes Kino!

2. Die Coolness von Lena Meyer-Landrut in Düsseldorf war absolut preiswürdig. Sie schien zu wissen, dass der Zenit ihrer ESC-Karriere hinter ihr liegt, sie ahnte, dass Taken By A Stranger ein eisig-guter Titel ist, aber sie mit ihm nicht gewinnen kann. Ihre Performance war hinreißend. So absichtsvoll kalt ging noch keine vor ihr zu Werke. Toll!

3. Eldar. Der jungenhafte Teil des aserbaidschanischen Sieger-Duos sagte im Aufwärmraum vor einer ARD-Vorabendsendung, er fände Dana International aus Israel und Eric Saade aus Schweden am Besten. Da soll noch einer sagen, in Baku, wo dieser junge Mann ja jetzt lebt, sei die Welt nur als graue Fläche vorstellbar: Nein, Eldar bekannte sich mit diesem Statement als absolut fähig, queer und europäisch zu phantasieren. Nobel!

4. Die Volunteers. Muss man viel zu diesen Horden an jungen und jüngeren Menschen sagen, die in Düsseldorf in T-Shirts für schieren Gotteslohn Dienst taten? Und das mit einer Lust, die möglicherweise in direktem Gegensatz zu hochbezahlten Managern steht. Letztere nämlich gucken trotz allerhöchster Gagen immer so, als sei die Welt nur hochmütig und schlechtgelaunt zu nehmen. Diese Düsseldorfer Helfer waren Weltklasse – ein Woodstock am Rhein. Anbetungswürdig!

5. Die Leute vom Catering in Düsseldorf. Ob hinter den Kulissen der Produzierenden, ob im Zelt, wo die Journalisten und Fans Nahrung fassten: Diese Crews waren selbst dann noch guter Laune, wenn es alle mal wieder sehr eilig hatten, um ja keine Sekunde Probe zu verpassen. Sie haben Irrsinnige erlebt, diese Männer und Frauen hinter den Buffets und Kochtöpfen – und haben sie gut behandelt. Menschlich!

6. Die Schweiz. Anna Rossinelli wurde von eidgenössischen Fans nach ihrem Finaleinzug gefeiert, als sei sie eine Fußballmannschaft wie der FC Basel. Man zeigte sich glücklich, weil die Schweiz doch immer denkt, niemand wolle sie. Nun ja, man fährt inzwischen des Wechselkurses wegen seltener hin – aber wenn gute Musik von dort kommt, ist man doch gleich ein bisschen Mitschweizer. Anna Rossinelli? Kompliment, auch wenn sie nur Letzte im Finale wurde.

7. Die Stadt Düsseldorf, weil sie für weniger betuchte Fans eine Art Suppenküche der höheren Klasse einrichten ließ. Das verdient den Preis für kulinarisches und finanzielles Mitgefühl! Schade, dass die Fans diese Speisungen nicht in Anspruch nahmen. Aber man hätte es wissen können: Was nicht auf dem ESC-Gelände ist, existiert für Fans nicht. Eine Lehre sondergleichen!

8. Erik Saade – auch so einer gehört zum ESC in seinen besten Sekunden. Wie sich der Schwede mit Hilfe des Komponisten Frederik Kempe so aufpumpte, als möchte er nicht erst ein Star werden, sondern als sei er bereits einer, ja, so, als könne einer aus Schweden nur dazu da sein, mindestens Europa zu beglücken, hatte Format. Er benahm sich so glatt und oberflächenpoliert wie einst Julio Iglesias, Jürgen Marcus oder Gérard Lenorman. Eric Saade hingegen ist inzwischen wieder nur in seinem Land weltberühmt. Was für ein Karrierchen!

9. Nicole Borchert, die Fanbetreuerin des NDR, hatte den undankbarsten Job in Düsseldorf: Fans zufrieden stellen. Das musste scheitern! Aber was machte diese wunderbare Kollegin? Irgendwie gab sie allen das Gefühl, nur für sie da zu sein. Ich würde sagen: Sie war die Königin von Düsseldorf für mehr als zwei Dutzend Abende und Nächte und Tage. Luftküsse für sie!

10. Anke Engelke und Judith Raakers. Deutschland ist wie Marlène Charell? Die beiden diesjährigen Moderatorinnen machten vergessen, dass Deutschland selbst im Witz noch wirkt wie eine Leistungsmaschine. Vor allem die Engelke: Die beste Moderatorin seit Lill Lindfors – und das soll echt was heißen!

Jetzt aber, weil das doch religionsübergreifend das Fest der Familie ist, zu Weihnachten: Euch und Ihnen allen schöne Feiertage, mit den Liebsten, mit der Familie. Auf dass der ESC weiterlebt. Und warum? Weil Europa nichts anderes verdient hat!

Mit herzlichen Grüßen meinerseits!

P.S.: In der Silvesterfolge noch Näheres zu Stefan Raab. Er hat viel Lob verdient, was sonst?

Adieu, Nana

2. Dezember 2011

Nein, die Freude dieses Lied zu singen, tat sie uns nicht, aber Nana Mouskouri hatte anderes in petto. Lieder von Bette Midler, Folklore griechischer Strickart und auch “Le ciel est mort”, das Bob Dylan ihr zuerkannte – aber eben nicht “À force de prier”, ihr luxemburgischer Beitrag zum Grand Prix Eurovision. Womöglich ist diese Nummer dann doch etwas zu wuchtig für sie geworden. Aber, halt, hatte die Mouskouri, von der hier die ganze Zeit schon die Rede ist, nicht vor drei Jahren geschworen, wirklich, nun ganz und gar in echt nicht mehr tournieren zu wollen?

Ja, das hatte sie. Aber in Sachen dieser Griechin, die uns so viele Lieder geschenkt hat, die aus jedem Klassiker einen Mouskouri-Klassiker zu machen verstand (“Guantanamera”, “And I Love You So” oder “Only Love”), muss man sagen: Ihr ging es wohl wie allen berufstätigen Menschen um die Ende sechzig, die nicht aufs Altenteil wollen, weil sie sich auf diesem langweilen und zu recht glauben, dort eher zu siechen als aufzuleben. Nein, Nana Mouskouri, die in Deutschland durch “Weiße Rosen aus Athen” mit dem ersten Hit zur Legende wurde, aber international erst durch ihre tragödisch anmutende ESC-Ballade ins Geschäft kam … diese Dame will nicht siechen, und also geht sie wieder auf Tournee. Neulich, das erzählte mir der wunderbare Journalistenkollege Sascha Suden in der Berliner Philharmonie, sei die Mouskouri auch in der Royal Albert Hall gewesen, wenngleich mit ihrem deutschen Schlagerprogramm.

Jedenfalls: Nana, die in Berlin sehr viele wogende Gewänder trug, aber Gott sei Dank immer noch den gleichen Brillenstil bevorzugt, wurde mit diesem Grand-Prix-Lied im Fernsehen gesehen – in London, wo sich Quincy Jones die Show anguckte und in Amerika Harry Belafonte anrief, sie ihm antragend: Yeah, Harry, this is a nice greek girl for you and your songs! Oder war es Belafonte, der in London saß und eben diesen Eindruck seinem Freund Quincy Jones berichtete? Einerlei. Nana Mouskouri, the Greek girl, machte auch in den USA Karriere, und nicht allein des Grand Prix Eurovision wegen – aber dass sie bei diesem auftrat, war zu ihrem Schaden nicht.

Jetzt, auf ihrer vielleicht allerletzten Tournee, glänzt sie durch viel Nostalgie. Im Publikum sehr viele ältere und alte Menschen, ich selbst mit nicht mehr juvenilem Alter durfte mich fast wie ein Nesthäkchen fühlen. Es war berührend, diese Chanteuse zu hören, die sich, womöglich, weil sie nicht mehr die volle Kraft für ein zweistündiges Bühnenkonzert hat, vier andere weibliche Stimmen nach vorne holte, ihre Tochter Lénou, ihre Nichte Aliki, die in Griechenland etwas bekannte blonde Natasa Theodoridou und, was für eine Überraschung, die griechische Schwedin Helena Paparizou, ESC-Siegerin des Jahres 2005. Sie trug definitiv an diesem Abend den Kontrapunkt zu Frau Mouskouris Gewändern, nämlich einen Mini wie aus den mittleren Sechzigern, an den Füßen die highsten Heels im Umkreis von mehreren Dutzend Kilometern. Das war nicht schlecht gemacht, so ein Freundinnenkonzert, in dem die Mouskouri die gute, gewährende Mutter gab und den anderen sogar Blumen in die Hand drückte.

Stimmlich, allein, das muss man sagen, fehlt es dieser Sängerin nicht am Timbre, nicht an diesem stets etwas heiseren Ton, aber in der Fülle der Vokalisen hörten sich die Lieder der Mouskouri eher dünn, ja, gelegentlich krächzend an, als sei sie schwer erkältet und litte unter Stimmbandreizungen.

Aber machte das was? Es war ja kein Leistungsvorsingen irgendeiner Jugendmusikschule, sondern eben Nana Mouskouri. Die sich allerdings, man wird es im April noch in Bremen, Hannover oder Erfurt hören, eventuell damit anfreunden müsste, lieber swingenden Jazz vorzutragen, etwa in Bars und Clubs. Es muss nicht mehr eine Oktavenolympiade sein, es reicht, dass sie einfach da ist. Sie möge sich in Genf nicht langweilen, nein, sie soll schon das tun, was sie immer wollte, nämlich um die Welt tingeln. Aber der Pomp, das Hymnische, das alles ist nun nicht mehr ihr gegeben, sondern jugendlicheren Figuren.

Lang soll sie leben, die dem ESC damit dankte, dass sie ihr Talent nie verschwendete. Es war ein schöner Abend, mit Nana.

Baku – keine Reise wert?

28. November 2011

Ein Freund schrieb mir kürzliche eine Mail aus Baku. Wenn ich von ihm berichte, möge ich seinen Namen nicht nennen, bat er mich: Er mag Baku sehr, er liebt dort die Menschen, die Landschaft, außerdem, teilte er in den trüben Novembertag in Berlin hinein mir mit, es seien nun 20 Grad in Aserbaidschan am Kaspischen Meer, mild und gar nicht herbstlich für unsere deutschen Verhältnisse. Gelegentlich schreibt er mir auch, über Besorgnisse von aserbaidschanischen Menschenrechtsgruppen, denen zufolge die regierenden Clans des Landes den ESC benutzen könnten, um sich als extrafreundlich zu profilieren. Klar: Auch wer dieses Forum liest, wer die Seiten von eurovision.de (und damit die von tagesschau.de) studiert, kann wissen: In Aserbaidschan ist es mit der freiheitlichen Demokratie, wie wir sie aus Mitteleuropa nicht weit her.

Die Frage ist nur: Noch nicht weit her? Oder nicht mehr weit hin?

Die weitere Frage also ist: Wird der nächstjährige ESC eine Propagandaveranstaltung des dortigen Regimes, die nur durch die Fans geadelt würde?

Viele Fans bleiben skeptisch. Nun fand ich in meiner Zeitung, der taz aus Berlin, einen Kommentar auf der Satireseite “Wahrheit”, den man vielleicht doch ein wenig genauer sich angucken könnte. Dort findet sich im  Übrigen auch ein klares Gegenstatement von Ivor Lyttle, Herausgeber der EuroSong News.

Wörtlich heißt es dort, mit Blick auf die wenig gemütlichen Verhältnisse in Baku: “Wäre es jetzt für die Tausenden schwulen Anhänger nicht endlich an der Zeit, im Mai 2012 zu Hause zu bleiben und den ESC-Zirkus allein zu lassen in diesem zutiefst schwulenfeindlichen Land? Schluss mit dem enthusiastischen Fahnenmeer für die Kameras, stattdessen Solidarität mit denen, die noch immer Angst haben müssen vor Verfolgung und Unterdrückung? Der Boykott einer Veranstaltung, die längst kein Hort mehr ist für unschuldiges Entertainment? Doch die Erinnerung an den ESC 2009 macht keine Hoffnung: Damals suchten Moskaus Schwule die Unterstützung der ESC-Fans und luden zum CSD am Finaltag. Die Demonstration fand nicht statt, russische Aktivisten wurden stattdessen verhaftet und die ausländischen Fans blieben im sicheren Saal.”

Was dieser Kommentator schreibt, denunziert zunächst die meisten Fans des ESC, vor allem die homosexuellen, als feige und blöde – und das ist schon deshalb unverdient, weil jener, der dies schreibt, es nicht aus eigener Anschauung beweisen kann. Denn, soweit ich mich erinnere, war er in Moskau nicht dabei – was da also in der russischen Hauptstadt vor zweieinhalb Jahren passierte, entzieht sich seiner näheren Kenntnis.

Tatsächlich hat es während des ESC-Finaltages einen Versuch gegeben, eine Christopher-Street-Parade durchzuführen – was die moskowiter Milizen weitgehend zu verhindern wussten. Aber: Ihnen standen akkreditierte Journalisten des ESC zur Seite, die dies beobachteten, darüber in ihren Heimatländern berichteten, was wiederum russische Homosexuelle noch Wochen später dankend mailten (was nicht nötig war, denn Solidarität praktischer Art ist doch Ehrensache), außerdem war von diesem CSD in der “Tagesschau” am Abend die Rede – im Zusammenhang mit dem ESC: Mehr Öffentlichkeit gegen die Garden des damals regierenden Moskauer Bürgermeisters Luschkow ging nicht. Aber es waren gut zwei Dutzend ESC-Aktivisten dabei, Frauen wie Männer, und sie alle riskierten ihre Akkreditierungen zum ESC.  Jene, die in der Halle blieben, mögen vielleicht im Einzelfall mutlos gewesen sein – aber lässt man sich das von einem attestieren, der nicht dabei war?

Okay, man muss eine Satire (ernst gemeint oder nicht) nicht für bare Münze nehmen, aber Diffamierungen, die faktenfrei daherkommen, sind nicht okay.

Für Baku bedeutet dies: Die aserbaidschanische Szene, welche auf Freiheit, also auf mitteleuropäische Luft zum Atmen hofft, ersehnt sich in großen Teilen die Zeit des ESC in ihrem Land. Alle Fans sind ihnen willkommen – es sind für sie Botschafter aus einer Welt, die sie ähnlich, auf ihre Verhältnisse bezogen, auch wollen. Ich würde sagen: Baku ist jede Reise wert – vor allem im nächsten Jahr. Es ist ein schönes Land, und wie man Brieffreund zurecht anfügt, eines mit echt vielen netten Menschen.

P.S.: In der Schweiz sind Berichte von Amnesty International über die Menschenrechtslage in Aserbaidschan zurückgewiesen worden. Ein ESC habe mit Politik nichts zu tun, hieß es. Okay, so kann man eidgenössisch denken. Aber: Wir werden sehen!

Ein Jahrgang der Wiederholungstäter?

22. November 2011

Ob das denn nächstes Jahr in Baku eine Oldieshow wird?, fragte mich ein Freund mit Blick auf die neuesten Meldungen aus den ESC-Ländern. Er spricht, auf meine Nachfrage, was er denn meine, von Wiederholungstätern. Man könnte sagen: Straffällig gewordene, die nach der Zeit in Haft wieder rückfällig werden und es einfach nicht lassen mögen.

Um im Bild zu bleiben: Das Delikt besteht in der Teilnahme an einem ESC, die Zeit des Eingekerkertseins in den Tagen des Grand Prix Eurovision selbst – und die Rückfälligkeit ergibt sich aus dem Aktuellen: Zeljko Joksimovic wird für Serbien in Aserbaidschan an den Start gehen, Kaliopi fürf Mazedonien. Beides bekannte Namen – der Mann aus Belgrad nahm immerhin schon drei Mal teil, 2004 in Istanbul, wo er mit “Lane moje” den zweiten Rang schaffte, 2006 in Athen, als er, stilistisch ähnlich, für Bosnien und Herzegowina das Stück besorgte und Platz drei abräumte, schließlich auch noch 2008 in Belgrad, da war er der Mann hinter Jelena Tomasevic. Kaliopi ist eigentlich nur absoluten Experten als Oldie bekannt, sie zählte nämlich 1996 zu den Tragischen, welche, wie ja auch Leon aus Deutschland, zwar qualifiziert waren, aber nicht nach Oslo durften.

Und zähle ich nun auch noch Lys Assia hinzu, deren Präsenz oldiehafter ja nicht geht, dann droht womöglich wirklich eine Art Vertriebenentreffen: Alle schon mal dagewesen.

Nun, aber das ist kein neues Phänomen. Es hat immer Newcomer gegeben, aber eine Neulingsleistungsschau war der ESC gleichwohl nie. Jonny Logan, Udo Jürgens, Corry Brokken - um nur die bekanntesten internationaler Provenienz zu nennen: Sie hatten an der Droge ESC geschnuppert und wollten es mehr als einmal wissen. Das war aus deren Sicht auch nur zu verstehbar: International aufzutreten, ja, über die eigenen Landesgrenzen hinaus bekannt zu werden, ging früher nur über den ESC. Wer aus kleineren Staaten kommt, ist darauf angewiesen, will er heimatliche Horizonte überschreiten, beim ESC auf die Galeere zu gehen.

Aus Deutschland sind in dieser Riege auch einige dabei – von Ralph Siegel, nie singend, immer komponierend, mal abgesehen. Margot Hielscher gleich zwei Mal, 1957 und 1958, dann Katja Ebstein. Vorher Siw Malmkvist, zunächst für Schweden, 1969 für Deutschland, 1989 war sie in Schweden wenigstens in der Vorentscheidung dabei, dann Mary Roos oder Ireen Sheer (Luxemburg 1974, Deutschland 1978, Luxemburg 1984, schließlich sogar noch in einer deutschen Vorentscheidung der frühen nuller Jahre).

Ich weiß es von Mary Roos. Die erzählte mir mal, der Grand Prix Eurovision sei wie eine Droge, besser als Adrenalin und Gras zusammen – es hebt die Stimmung, macht das Gemüt wach, und man sei absolut ehrgeizig. Sie habe es immer als eine internationale, aber vor allem nationale Chance gesehen, europäisch bemerkt und in Deutschland anerkannt zu werden.

Anders hingegen Gitte Haenning, die ja fast mal für Dänemark dabei war, aber dann ihr ESC-Debüt für Deutschland gab, 1973 mit “Junger Tag”. Sie hatte keine internationalen Ambitionen, aber sie meinte mir gegenüber, ihr fehlte in jener Zeit ein Hit, sozusagen ein nächstes Comeback, da habe ihr die Plattenfirma neben einem neuen Vertrag als Wunsch die Teilnahme an der deutschen Vorentscheidung unterbreitet.

Ja, so verschieden können die Motive sein. Noller Olsen, der bartlose unter den Olsen-Brüdern, meinte in Stockholm 2000 zu mir, er würde den Melodi Grand Prix als Ausflug aus dem Alltag nehmen – dass er diesen Ausflug auch noch triumphal gewinnen sollte, konnte er vorher nicht wissen.

Was Joksimovic anbetrifft: Ich freue mich auf ihn – seine Lieder haben so etwas Hymnisch-Geheimnisvolles. Für ihn gilt, was für andere auch gegolten: Wiederholungstäter beim ESC zu sein, berauscht. Einmal vom Stoff genascht, immer wieder in Rückfallgefahr. Udo Jürgens und Johnny Logan wissen das am allerbesten: Sogar ein Sieg, wie bei dem Iren, macht wohl nicht satt!

Long live Lys!

18. November 2011

In den Blogs, auch dem des schweizerischen Fernsehens, klingen ESC-Interessierte recht skeptisch: Was, die soll die Eidgenossen in Baku vertreten?

Nein, Lys Assia ist keineswegs die Göttin, auf deren erlösenden Gesang alle gewartet haben. In Wahrheit – nach meiner Wahrheit! – war allein schon ihre Kandidatur für das Finale in der Schweiz im Dezember eine Sensation. Man stelle sich vor: Sie wäre, gewänne sie die Fahrkarte nach Baku, beim Finale 88 Jahre alt. Mit Abstand die Älteste unter allen, die es je beim ESC versucht haben.

Okay, sie ist, in gewisser Weise, nicht die bescheidene alte Dame, die schüchtern, ja in geziemend höflicher Weise sich geehrt fühlt, an dieser Konkurrenz teilnehmen zu dürfen. Nein, Lys Assia ist von erfrischendem Selbstbewusstsein – als wäre sie immer noch kampfeslustig und rivalitätssensibel mitten in den Teenagerjahren. Das glauben Sie nicht?

Na, das belege ich doch gern. Neulich ließ sie in die Presse mitteilen, sie werde am 10. Dezember das gleiche Kleid tragen, das sie in Lugano 1956 bei ihrem Sieg mit “Refrain” schon auf den Leib geschneidert bekam. Wir wissen zwar nicht, wie es farblich genau aussieht, denn alle Aufnahmen von damals sind in Schwarzweiß. Aber: Allein diese löwinnenhafte Attitüde, allen anderen zu sagen, dass sie nicht nur das Gemüt, sondern auch die Figur für Elegantes und Schlankes hat, ist von frappierender Grandezza. Natürlich, sie schränkte in der gleichen Meldung ein: “Ich hoffe, es passt mir noch.” Das ist selbstverständlich nur kokett gemeint, so mit ganz fettem Augenaufschlag, denn das wird sie längst geprüft haben: Ob sie in den Fummel wie eine würdige Chanteuse oder wie Mortadella der Tessiner Art aussieht. Sie wird es doch wissen: Es passt. Und zwar, weil sie ihr Leben auf dieses Kleidermaß immer ausgerichtet hat, denn keine wie sie, auch nicht Johnny Logan, war so versessen darauf, nach dem einen und ersten Mal ein weiteres Mal zu gewinnen.

Ich erinnere mich an das Jahr 2010, an den Platz vor dem Osloer Hotel, in dem die allermeisten Delegationen wohnten. Lys Assia stand nach dem Halbfinale, in dem ihr Landsmann Michael von der Heide gerade erfahren musste, dass es kein Gold für ihn im Finale regnen würde, im Foyer, formvollendet, absolut ungebeugt, klaren Blickes – und kondolierte mit nur halbwarmer Geste dem Sänger. Neigte ihren Kopf zur Seite, ohne ihren Rumpf zu beugen, der auf wirklich hohen Pumps festen Halt fand, und sagte nicht einmal flüsternd: Nun ja, es war ein Auftritt – aber für die Welt, da müsse es eben mehr sein.

Damit wollte sie wohl sagen: Das hätte ich besser geschafft. Und: Ja, das genau wünschte sie sich – noch einmal teilzunehmen. Okay, 1997 erzählte sie bei der deutschen Vorentscheidung in Lübeck - und ich habe es gehört – schimpfend, wie verludert dieses Event doch geworden sei, so billig, denn zu ihrer Zeit habe man echten Schmuck auf der Bühne getragen, jedenfalls sie.

Ihre Meinung über den ESC hat sie dann geändert, weil sie sich doch noch erinnerte, ihren Traum vom zweiten Sieg niemals preisgeben zu wollen. Dieses Jahr ist es soweit. Und ich gehe davon aus, dass sie in das Schweizer Finale mit dem eisig-ehrgeizigen Willen zu gewinnen gehen wird - nicht nur aus purer Lust am Kamerarotlicht, das auf sie scheint, zu singen.

Wenigstens, sollte man denken, wird sie die Konkurrenz nicht mit ihren typischen Tadeleien bedenken. Doch weit gefehlt. Jüngst erklärte sie, mit Blick auf die Atomic Angels, die ebenfalls nach Baku wollen, dass diese keine “echte” Konkurrenz für sie seien. “Ich mache richtig schöne Musik ohne viel Gefummel und Gehopse”, gab sie Medienmenschen zu Protokoll, außerdem fehle den atomaren Engeln “die Erfahrung”. Nun, die hat keine so gesammelt wie sie.

Was ich aber sagen will: Diese krude Unbescheidenheit der Lys Assia – und das bitte ich nicht ironisch zu sehen – gefällt mir am besten. Sie mag alt sein, sie kann Falten haben, ihre Haare könnten ein Mahnmal der Färbeindustrie sein, egal … Lys Assia ist schon jetzt das ESC-Ereignis des Jahres. Sie sollte unbedingt gewählt werden, ohne sie wäre Baku ein Wettbewerb ohne historischen und zeitgenössischen Glanz. Sie lebt eine Art von Alter in Würde, sie ist fern aller Töpfergruppen und Batikrunden, wie man sie aus Rentnerheimen kennt, um die Insassen zu beruhigen und irgendwie zu beschäftigen. Nein, diese Dame ist die graueste Pantherin der ESC-Kämpferinnen: Man gebe ihr eine Chance und feiere sie inständig.

Mit einem Freund aus London erfanden wir schon vor sechs Jahren, in Kopenhagen, beim 50. Geburtstag des ESC, einen Trinkspruch: Nicht Prost, möge es heißen, sondern ein zünftiges “Lys Assia”. Das geht sogar in allen Sprachen. Long live Lys!

P.S.: Sie hat, als sie zu den Atomic Angels gefragt wurde, sogar gesagt, sie plädiere für eine ESC-Teilnahmegrenze von 18 Jahren. Das ist auch eine Art, sich diese sehr junge Konkurrenz vom Hals zu wünschen. Aber wie sie das sagte, so nebenbei, so wie eine Bösartigkeit im Abendkleid, auch das hatte Klasse.

Roger Cicero: Ruhm nach Helsinki

11. November 2011

Schichtarbeitende, die gern mittags Freizeit haben und fernsehen, sahen ihn jüngst im ARD Buffet. Erstaunlicherweise trug er dort das gleiche Outfit wie drei Tage zuvor in einem ziemlich stylischen Hotel nah des Berliner Kudamms: Roger Cicero befand sich, als wir miteinander sprachen, schon in dem, was er selbst als “Promorutsche” bezeichnet. Also, ins Deutsche für alle übersetzt: auf Werbetour für seine neue CD “In diesem Moment”.

Sie war in jenen Tagen gerade herausgebracht worden. Inzwischen ist sie bereits in den Top Five der Albumcharts: Cicero hat also echt keinen Grund zum Meckern. Ihm geht es gut – und so sieht er auch aus, als wir uns treffen. Absolut aufgeräumtester Stimmung, zugewandt – zuletzt sahen wir uns in Helsinki, und Cicero, der bei diesem fotografenlosen Gespräch sein Käppi aufbehielt, erzählt freimütig über diese Zeit. Ja, er weiß, dass er mit mir über den Ausflug in die finnische Hauptstadt nicht schweigen wird.

Helsinki, sagt er, sei eine tolle Erfahrung gewesen. Hat es sich denn, frage ich, überhaupt gelohnt? Ja, natürlich, antwortet er, und zwar ganz erheblich. Cicero – das war eine anerkannte Figur im sogenannten adult pop, also im Segment der erwachsenen Interessenten. Und für dieses hat der Swingmusiker eine prima Show geliefert. Nach dem ESC in Helsinki sei er viel bekannter gewesen als zuvor, auch international.

Klar, alles sei beim Song Contest größer gewesen als sich ein Künstler, der in Deutschland musiziert und tingelt, ausmalen kann. Die Platzierung … Cicero winkt ab. Die sei, klar, nicht gut gewesen. Aber gerade der Umstand, dass er nicht gut abschnitt, war für seine Laufbahn, auch für den Erfolg seines neuen Albums “In diesem Moment” wichtig gewesen.

Aha, frage ich mich, wie lautet die Botschaft dieses Satzes? Jetzt verstehe ich: Bei Cicero setzte offenbar der gleiche Effekt ein wie 1975 bei Joy Fleming, die in Stockholm 1975 als Favoritin – zumindest in Deutschland – an den Start ging und einen der allerletzten Plätze belegte. Aber das hat ihrer weiteren Karriere nur aufgeholfen. Eine tolle Röhre, die beim ESC abgestraft wurde? Das wurde in den jazz- und bluesinteressierten Kreisen so wahrgenommen: Wer beim ESC mies aus der Partie geht, muss gut sein!

Das in etwa, so ließe sich sagen, ist auch das, was Cicero jetzt ausmacht: Er schnitt schlecht ab – aber diese Platzierung war für seine Fans, ohnehin nicht gerade an Pop interessiert, nur ein willkommener Anlass, sich über die Dinge des ESC erhaben zu wähnen. Herr Cicero, ist es das, was diese paradoxe Einschätzung ermöglicht? Der Gefragte guckt freundlich aus seinen supergroßen Rehaugen und sagt: Ja, so könnte ich das sehen.

Wie sein Album ist?, möchte er wissen. Ich finde es gut. Cicero eben. Makellose Stimme, extrem gut aufgelegte Musiker. Cicero kann es einfach!

Wer das selbst erfahren möchte, muss im Übrigen nur am Samstag um 23:15 Uhr die ARD einschalten, da nämlich kommt “Inas Nacht” wieder aus dem Hamburger Schellfischposten – und Cicero ist dabei. Was soll ich sagen? Die Ina ist prima, immer und sowieso. Und Cicero … der wird es nicht minder sein.

Er nennt es Promorutsche. Wir dürfen uns über einen tollen Musiker freuen – zufrieden, aber noch nicht ganz und gar satt, der uns auf Neue mit schönen Songs und einer sympathischen Gelassenheit überzeugt. Weiter so!

The place to click

31. Oktober 2011

Am Wochenende wurde in Berlin der Prix Europa verliehen. Auch eurovision.de war unter den Nominierten für diesen rennomierten europäischen Medienpreis. Gewonnen hat in der Online-Kategorie ein französischen Projekt zum prekären Wohnen: www.a-l-abri-de-rien.com, eine bewegende Web-Doku, in der verschiedene Menschen in ihrer schwierigen Wohnsituation gezeigt werden – und das immer in einer würdevollen und gerade deswegen umso berührenderen Art.

Herzlichen Glückwunsch den Preisträgern!

Neben den Gewinnern gab es viele tolle und inspirierende Projekte von Internet-Nachrichten für Kinder über die Webdoku über eine Straße in Zürich (unglaublich schön animiert) bis hin zu historischen Themen - um nur die von der Jury besonders erwähnten hervorzuheben.

Natürlich hätten wir auch gern gewonnen – wer bewirbt sich schon, wenn er nicht gewinnen möchte? Wäre das nicht super gewesen? Hätte das nicht auch die Sache angemessen erscheinen lassen – eurovision.de als öffentlich-rechtliches Netzformat, das den Eurovision Song Contest das ganze Jahr begleitet, kommentiert, unterstützt und kritisiert – jedenfalls: journalistisch unterfüttert?

Für uns heißt das: Wir strengen uns noch mehr an. Wir, all die KollegInnen des aus dem eurovision.de-Team, die dieses Seitenangebot von ESC zu ESC mit journalistischen Geschichten zu bestücken wissen – und mit Wissen und Kompetenz sowohl die historische Seite wertschätzen als auch die aktuellen Trends ins Bild zu setzen wissen.

Denn das war ja immer unser Anspruch: Mit dem modernen Medium Internet den ESC nicht promotionell zu begleiten, sozusagen als Netzreklameteil, sondern durchaus mit journalistischer Distanz ein Forum zu bilden, in dem unser Publikum – Sie, ja genau Sie! – die Hauptpersonen sind. Der ESC also nicht als Geschäft von PR-Konjunkturen, sondern als Festival, das es so verlässlich gibt wie die Fußballbundesliga.

Insofern: Einen Preis nicht gewonnen zu haben, bedeutet lediglich den Ansporn zu haben, auf dass wir noch besser werden. Mit Informationen, Diskussionsforen, mit Videoclips und manchmal auch etwas abseitigen Themen - und das hochaktuell, nicht erst, wenn alle anderen auch schon Bescheid wissen.

Wir von eurovision.de sind froh, dass wir die sein können, die wir sind. The place to click – für alle, die wissen möchten, was gerade Sache ist beim ESC, national wie international.

Deswegen möchten wir uns bedanken. Nicht bei einer Jury, sondern bei Ihnen, unserem Publikum, das immer wieder bei uns vorbeischaut und uns zur erfolgreichsten deutschen ESC-Seite macht. Dankeschön!

Ingvar Wixell ist gestorben

13. Oktober 2011

Des Englischen mächtige Menschen lasen es schon auf ESCtoday, schließlich zogen auch die deutschen Nachrichtenagenturen nach, die Welt berichtete, die Frankfurter Allgemeine Zeitung brachte sogar eine etwas längere Nachricht (Online leider nur im kostenpflichtigen Archiv zu finden). Dort heißt es: “Bariton Ingvar Wixell ist gestorben”. In Schweden waren die Zeitungen voll mit dieser traurigen Geschichte – und die FAZ schreibt zurecht: “Trauer und Leid liegen oft nah beieinander. Gerade noch feiert Schweden den Literaturnobelpreis”, der vorige Woche dem Lyriker Tomas Tranströmer zuerkannt wurde. “Jetzt trauert das Land um einen seiner großen Opernsänger.” Ingvar Wixell wird schließlich angemessen gewürdigt. Zugleich jedoch wurden wir um ein wichtiges Detail betrogen: Denn Wixell war nicht nur ein Bariton von Gnaden, der 1955 in der Rolle des Papageno in Mozarts “Zauberflöte” an der Königlichen Oper in Stockholm debütierte.

Ingvar Wixell 1972 in der Rolle des König Amonasro in der Verdi-Oper "Aida" auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin. Foto: akg

Alle wesentlichen Rollen spielte er im Laufe seiner Karriere, sang in London, San Francisco und in New York. Wesentlich war, dass er von 1967 an über 30 Jahre zum Ensemble der Deutschen Oper in Berlin gehörte. Wixell wurde seiner Treue wegen 1970 zum Kammersänger befördert – eine Ehre, die im Metier der klassischen Musik einem nobilitierten Beamtenstatus gleichkommt: unkündbar, unverzichtbar.

Vorigen Sonnabend starb Wixell im südschwedischen Malmö, im Alter von 80 Jahren – verehrt, unvergessen, geistig noch rege, wie es in Nachrufen von Svenska Dagbladet oder dem Dagens Nyheter heißt.

Dort, in den papiernen wie elektronischen Medien seiner Heimat, wird das angesprochene Detail nicht verschwiegen: Wixell wurde Anfang 1965 ausgewählt, die schwedische Vorentscheidung zum ESC allein zu bestreiten, das erste und einzige Mal in der ruhmreichen schwedischen Geschichte des Melodifestivalen, wie die Vorentscheidung dort heißt. Im Jahr 1964 nahm das Land nicht am ESC teil, die Fernsehtechniker hatten für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen gestreikt. Das Format des Melodifestivalen war längst noch nicht das einer Börse zeitgenössischer schwedischer Popmusik, sondern eher ein Versuchsfeld von Fernsehfunktionären des SVT, dem Publikum Geschmack und Bildung nahezubringen.

So fragte man Ingvar Wixell, den renommierten Bariton, ob er mit sechs Liedern allein antreten möchte – mit Garantie also, gen Neapel reisen zu können. Haushoch gewann “Annorstädes vals” (auf deutsch: Walzer am anderen Ort) die Jurywertung – und in Italien belegte Wixell den 10. Rang mit sechs Punkten, jeweils drei aus Finnland und Dänemark (drei Punkte bedeuteten das zweithöchste Voting eines Landes). Am Ende fiel das Lied den einen als originell, den anderen als bizarr auf. Gegen den erfrischenden Pop der France Gall mit “Poupée de cire, poupée de son” war “Annorstädes vals” ein schwermütiger Walzer, der mit dem Girlpop der Sixties konkurrierte.

Wixell hatte sich über den Ausflug in die Welt eines TV-Wettbewerbs gefreut – der zehnte Rang mag ihn enttäuscht haben. Er mochte die weite Welt – und Neapel lernte er auf diese Weise kennen. Das ist das Detail, das in dem Nachruf der FAZ fehlte: Inmitten all der Klassik machte Wixell auch einen Ausflug in die Welt des Pops – wo es nicht allein um Stimmbögen und Oktaven geht, sondern auch um Performances und schnelle Verführung.

Wixell begründete im Übrigen mit seinem Lied das Genre des ESC-Auftritts im Opernkleid. Keiner dieser Beiträge konnte reüssieren, auch nicht der Franzose dieses Jahres oder die Schwedin Malena Ernman, jüngste VertreterInnen dieser Gattung, hatten Erfolg. Operngeschulte Stimmen wirken beim ESC womögllich schon prinzipiell exotisch gestrig.

Schön, dass Wixell damals dabei war – er verkörpert einen wichtigen Abschnitt der ESC-Historie. Friede seiner Seele. Wir trauern um diesen freundlichen Mann!