In den Blogs, auch dem des schweizerischen Fernsehens, klingen ESC-Interessierte recht skeptisch: Was, die soll die Eidgenossen in Baku vertreten?

Nein, Lys Assia ist keineswegs die Göttin, auf deren erlösenden Gesang alle gewartet haben. In Wahrheit – nach meiner Wahrheit! – war allein schon ihre Kandidatur für das Finale in der Schweiz im Dezember eine Sensation. Man stelle sich vor: Sie wäre, gewänne sie die Fahrkarte nach Baku, beim Finale 88 Jahre alt. Mit Abstand die Älteste unter allen, die es je beim ESC versucht haben.
Okay, sie ist, in gewisser Weise, nicht die bescheidene alte Dame, die schüchtern, ja in geziemend höflicher Weise sich geehrt fühlt, an dieser Konkurrenz teilnehmen zu dürfen. Nein, Lys Assia ist von erfrischendem Selbstbewusstsein – als wäre sie immer noch kampfeslustig und rivalitätssensibel mitten in den Teenagerjahren. Das glauben Sie nicht?
Na, das belege ich doch gern. Neulich ließ sie in die Presse mitteilen, sie werde am 10. Dezember das gleiche Kleid tragen, das sie in Lugano 1956 bei ihrem Sieg mit “Refrain” schon auf den Leib geschneidert bekam. Wir wissen zwar nicht, wie es farblich genau aussieht, denn alle Aufnahmen von damals sind in Schwarzweiß. Aber: Allein diese löwinnenhafte Attitüde, allen anderen zu sagen, dass sie nicht nur das Gemüt, sondern auch die Figur für Elegantes und Schlankes hat, ist von frappierender Grandezza. Natürlich, sie schränkte in der gleichen Meldung ein: “Ich hoffe, es passt mir noch.” Das ist selbstverständlich nur kokett gemeint, so mit ganz fettem Augenaufschlag, denn das wird sie längst geprüft haben: Ob sie in den Fummel wie eine würdige Chanteuse oder wie Mortadella der Tessiner Art aussieht. Sie wird es doch wissen: Es passt. Und zwar, weil sie ihr Leben auf dieses Kleidermaß immer ausgerichtet hat, denn keine wie sie, auch nicht Johnny Logan, war so versessen darauf, nach dem einen und ersten Mal ein weiteres Mal zu gewinnen.
Ich erinnere mich an das Jahr 2010, an den Platz vor dem Osloer Hotel, in dem die allermeisten Delegationen wohnten. Lys Assia stand nach dem Halbfinale, in dem ihr Landsmann Michael von der Heide gerade erfahren musste, dass es kein Gold für ihn im Finale regnen würde, im Foyer, formvollendet, absolut ungebeugt, klaren Blickes – und kondolierte mit nur halbwarmer Geste dem Sänger. Neigte ihren Kopf zur Seite, ohne ihren Rumpf zu beugen, der auf wirklich hohen Pumps festen Halt fand, und sagte nicht einmal flüsternd: Nun ja, es war ein Auftritt – aber für die Welt, da müsse es eben mehr sein.
Damit wollte sie wohl sagen: Das hätte ich besser geschafft. Und: Ja, das genau wünschte sie sich – noch einmal teilzunehmen. Okay, 1997 erzählte sie bei der deutschen Vorentscheidung in Lübeck - und ich habe es gehört – schimpfend, wie verludert dieses Event doch geworden sei, so billig, denn zu ihrer Zeit habe man echten Schmuck auf der Bühne getragen, jedenfalls sie.
Ihre Meinung über den ESC hat sie dann geändert, weil sie sich doch noch erinnerte, ihren Traum vom zweiten Sieg niemals preisgeben zu wollen. Dieses Jahr ist es soweit. Und ich gehe davon aus, dass sie in das Schweizer Finale mit dem eisig-ehrgeizigen Willen zu gewinnen gehen wird - nicht nur aus purer Lust am Kamerarotlicht, das auf sie scheint, zu singen.
Wenigstens, sollte man denken, wird sie die Konkurrenz nicht mit ihren typischen Tadeleien bedenken. Doch weit gefehlt. Jüngst erklärte sie, mit Blick auf die Atomic Angels, die ebenfalls nach Baku wollen, dass diese keine “echte” Konkurrenz für sie seien. “Ich mache richtig schöne Musik ohne viel Gefummel und Gehopse”, gab sie Medienmenschen zu Protokoll, außerdem fehle den atomaren Engeln “die Erfahrung”. Nun, die hat keine so gesammelt wie sie.
Was ich aber sagen will: Diese krude Unbescheidenheit der Lys Assia – und das bitte ich nicht ironisch zu sehen – gefällt mir am besten. Sie mag alt sein, sie kann Falten haben, ihre Haare könnten ein Mahnmal der Färbeindustrie sein, egal … Lys Assia ist schon jetzt das ESC-Ereignis des Jahres. Sie sollte unbedingt gewählt werden, ohne sie wäre Baku ein Wettbewerb ohne historischen und zeitgenössischen Glanz. Sie lebt eine Art von Alter in Würde, sie ist fern aller Töpfergruppen und Batikrunden, wie man sie aus Rentnerheimen kennt, um die Insassen zu beruhigen und irgendwie zu beschäftigen. Nein, diese Dame ist die graueste Pantherin der ESC-Kämpferinnen: Man gebe ihr eine Chance und feiere sie inständig.
Mit einem Freund aus London erfanden wir schon vor sechs Jahren, in Kopenhagen, beim 50. Geburtstag des ESC, einen Trinkspruch: Nicht Prost, möge es heißen, sondern ein zünftiges “Lys Assia”. Das geht sogar in allen Sprachen. Long live Lys!
P.S.: Sie hat, als sie zu den Atomic Angels gefragt wurde, sogar gesagt, sie plädiere für eine ESC-Teilnahmegrenze von 18 Jahren. Das ist auch eine Art, sich diese sehr junge Konkurrenz vom Hals zu wünschen. Aber wie sie das sagte, so nebenbei, so wie eine Bösartigkeit im Abendkleid, auch das hatte Klasse.