Um es gleich vorweg zu sagen: Geschenke, die mit dem ESC zu tun haben, sind immer irgendwie gut. CDs, DVDs – und wenn sie aus diesem Jahr stammen, enthalten sie Material von dem, was wir jetzt in fast zwölf Monaten erlebt haben.
Gucken wir mal zurück auf jene Momente, die auf eine metaphorische Art Geschenke waren. Ich bin ziemlich gespannt, wie Sie, wie ihr diese Momente empfunden habt – und wer selbst welche beisteuern möchte.

1. Der mir wichtigste Moment war die Freude von österreichischen Journalisten, als sie realisierten, dass ihre Nadine Beiler es tatsächlich ins Finale geschafft hatte. Dort schnitt sie nicht so gut ab, wie auch ich es mir erhofft hatte: Aber Frau Beilers Mireille-Mathieu-Gedenkfrisur wird ihr nicht auf dem Wege zu höheren Plätzen im Wege gestanden haben. Sie war ganz und gar von der altmodischen Schule. Kein Geflirre auf der Bühne, einfach nur Körper und Stimme, ruhig und ins Ekstatische wachsend. Großes Kino!
2. Die Coolness von Lena Meyer-Landrut in Düsseldorf war absolut preiswürdig. Sie schien zu wissen, dass der Zenit ihrer ESC-Karriere hinter ihr liegt, sie ahnte, dass Taken By A Stranger ein eisig-guter Titel ist, aber sie mit ihm nicht gewinnen kann. Ihre Performance war hinreißend. So absichtsvoll kalt ging noch keine vor ihr zu Werke. Toll!
3. Eldar. Der jungenhafte Teil des aserbaidschanischen Sieger-Duos sagte im Aufwärmraum vor einer ARD-Vorabendsendung, er fände Dana International aus Israel und Eric Saade aus Schweden am Besten. Da soll noch einer sagen, in Baku, wo dieser junge Mann ja jetzt lebt, sei die Welt nur als graue Fläche vorstellbar: Nein, Eldar bekannte sich mit diesem Statement als absolut fähig, queer und europäisch zu phantasieren. Nobel!
4. Die Volunteers. Muss man viel zu diesen Horden an jungen und jüngeren Menschen sagen, die in Düsseldorf in T-Shirts für schieren Gotteslohn Dienst taten? Und das mit einer Lust, die möglicherweise in direktem Gegensatz zu hochbezahlten Managern steht. Letztere nämlich gucken trotz allerhöchster Gagen immer so, als sei die Welt nur hochmütig und schlechtgelaunt zu nehmen. Diese Düsseldorfer Helfer waren Weltklasse – ein Woodstock am Rhein. Anbetungswürdig!
5. Die Leute vom Catering in Düsseldorf. Ob hinter den Kulissen der Produzierenden, ob im Zelt, wo die Journalisten und Fans Nahrung fassten: Diese Crews waren selbst dann noch guter Laune, wenn es alle mal wieder sehr eilig hatten, um ja keine Sekunde Probe zu verpassen. Sie haben Irrsinnige erlebt, diese Männer und Frauen hinter den Buffets und Kochtöpfen – und haben sie gut behandelt. Menschlich!

6. Die Schweiz. Anna Rossinelli wurde von eidgenössischen Fans nach ihrem Finaleinzug gefeiert, als sei sie eine Fußballmannschaft wie der FC Basel. Man zeigte sich glücklich, weil die Schweiz doch immer denkt, niemand wolle sie. Nun ja, man fährt inzwischen des Wechselkurses wegen seltener hin – aber wenn gute Musik von dort kommt, ist man doch gleich ein bisschen Mitschweizer. Anna Rossinelli? Kompliment, auch wenn sie nur Letzte im Finale wurde.
7. Die Stadt Düsseldorf, weil sie für weniger betuchte Fans eine Art Suppenküche der höheren Klasse einrichten ließ. Das verdient den Preis für kulinarisches und finanzielles Mitgefühl! Schade, dass die Fans diese Speisungen nicht in Anspruch nahmen. Aber man hätte es wissen können: Was nicht auf dem ESC-Gelände ist, existiert für Fans nicht. Eine Lehre sondergleichen!
8. Erik Saade – auch so einer gehört zum ESC in seinen besten Sekunden. Wie sich der Schwede mit Hilfe des Komponisten Frederik Kempe so aufpumpte, als möchte er nicht erst ein Star werden, sondern als sei er bereits einer, ja, so, als könne einer aus Schweden nur dazu da sein, mindestens Europa zu beglücken, hatte Format. Er benahm sich so glatt und oberflächenpoliert wie einst Julio Iglesias, Jürgen Marcus oder Gérard Lenorman. Eric Saade hingegen ist inzwischen wieder nur in seinem Land weltberühmt. Was für ein Karrierchen!
9. Nicole Borchert, die Fanbetreuerin des NDR, hatte den undankbarsten Job in Düsseldorf: Fans zufrieden stellen. Das musste scheitern! Aber was machte diese wunderbare Kollegin? Irgendwie gab sie allen das Gefühl, nur für sie da zu sein. Ich würde sagen: Sie war die Königin von Düsseldorf für mehr als zwei Dutzend Abende und Nächte und Tage. Luftküsse für sie!
10. Anke Engelke und Judith Raakers. Deutschland ist wie Marlène Charell? Die beiden diesjährigen Moderatorinnen machten vergessen, dass Deutschland selbst im Witz noch wirkt wie eine Leistungsmaschine. Vor allem die Engelke: Die beste Moderatorin seit Lill Lindfors – und das soll echt was heißen!
Jetzt aber, weil das doch religionsübergreifend das Fest der Familie ist, zu Weihnachten: Euch und Ihnen allen schöne Feiertage, mit den Liebsten, mit der Familie. Auf dass der ESC weiterlebt. Und warum? Weil Europa nichts anderes verdient hat!
Mit herzlichen Grüßen meinerseits!
P.S.: In der Silvesterfolge noch Näheres zu Stefan Raab. Er hat viel Lob verdient, was sonst?