Archiv der Kategorie ‘Internationale Künstler’

San Marino: Ein Altherrenwitz?

23. März 2012

Und dafür dieser ganze Zirkus? Das sanmarineser Fernsehen stellte nun gestern Abend den textlich umgedichteten Schlager für den ESC vor: Statt “Facebook” heißt es nun “The Social Network Song” – aber soweit ich es hören konnte, unterscheidet sich der Beitrag in so gut wie nichts. Außer, dass nun nicht mehr der Markenname dieser sogenannten Freundschaftsbörse offen genannt wird.

Doch schätzungsweise ist durch das ganze Skandälchen, die Mikropanne, dieser von Mark Zuckerberg vor acht Jahren erfundene Internetdienst bekannter geworden als hätte man das Lied einfach so belassen. Schlicht und einfach: Weil der Text eine unfassbare Anwanzerei an das Populäre war (und bleibt). Wobei ich einräumen muss, dass “The Social Network Song” nach etwa fünfmaligem Hören gar nicht mehr so übel ist – das Schönhören funktioniert wie immer als Gehirnwäsche.

Ralph Siegel selbst erklärte Donnerstag in einem instruktiven Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er habe alles “saulustig” gefunden, sei selbst auf Facebook präsent (Mensch, Herr Siegel, ist doch nur was für echt junge Menschen), und berichtet, er “bekomme Avancen”. Aha, dann ist er der erste, der, verschwiemelt “Avancen” genannt, über diese Plattform anzügliche Angebote bekommt. Jedenfalls beteuert er: “Wir wollen uns die Freude an dem Lied trotzdem nicht verderben lassen. Die neue Lösung ist ganz süß.” Süß? Wie bitte? Was soll das bedeuten? Kann das jemand mal begründen – oder müssen wir erst einen linguistischen Forschungsauftrag formulieren?

P.S.: Was noch passierte an diesem Donnerstag, ist ein wenig traurig: Lena Meyer-Landrut hat weder den Echo in der Kategorie Rock/Pop National noch in der Kategorie Bestes Video national bekommen. Tröstlich, ein wenig: Den Rock/Pop National bekam Ina Müller zugesprochen – und die hat neben Barbara Schöneberger eine prima Show moderiert. Etwas fiel noch auf: Beide Conferencieusen küssten sich, als habe es gezählt, Britney Spears und Madonna von MTV Video Award Show 2003 nachzuahmen. Sonderlich neu oder aufregend war das jedenfalls nicht.

Der Glamour der Alten

19. März 2012

Um nicht lange drum herum zu reden: Es war gut, dass ich vor einer endgültigen ersten Sichtung aller 42 Acts, auf das Lied von Engelbert Humperdinck (Video) gewartet habe – die BBC war die letzte Fernsehstation des ESC, die ihren Beitrag für Baku vorgestellt hat: “Love Will Set You Free” – Die Liebe wird dich frei machen! Ganz und gar optimistisch sagte er: “Ich gucke mir die Trophäe mit meinem Lied an” – was bedeutet: Er will keineswegs ein Zählkandidat sein.

Die besten drei Lieder in produktioneller Hinsicht sind die von Engelbert, Nina Zilli (Das Video bei Youtube) und Roman Lob (Video). Bei allen dreien hört man die Mühe, die modernes Arrangeurswerk heutzutagen verrichten kann. Aber die Top 10 in Baku könnten auch so ausfallen: die Niederlande (Video) mit ihrer munteren Gitarrengeschichte stehen ganz oben, auch die Dänin (Video) zählt dazu, Roman Lob wird, anders als viele das nun noch glauben, ebenso sehr vorne landen. Die Italienerin hat einfach ein Hammerlied anzubieten: Dass es ihr gelohnt wird, hängt von ihrer Performance ab – aber so wie man sie in San Remo gesehen hat, wird ihr das nicht schwerfallen. Vorne landen werden auch die Türkei (Video) (ein wenig allzu experimentell, aber dennoch …), Israel (Video) (ein besonders fluffiges Liedlein) und die Russinnen (Video) - sie beweisen wie der Brite, dass Alter nicht vor Glamour schützt. Im Gegenteil! Iris aus Belgien (Video) könnte ebenfalls vorne landen – ja, ich bin mir sicher, dass ihr Lied ihr viele Punkte eintragen wird. Rumänien (Das Video bei Youtube) möchte nicht unterschätzt werden, ebensowenig Albanien (Video).

Zu den Enttäuschten werden zählen, für mich steht das fest: Schweden (Video) (entsetzlicher Klangbrei), Norwegen (Video) (noch ein entsetzlicher Klangmus), Portugal (Video) (Gottchen, wie niedlich), die Schweiz (Video) (mulschig und langweilig) – und auch Österreich (Video): Halbanale Witzeleien auf der Bühne kommen europäisch vielleicht nicht so prima an, wie man es sich zwischen St. Pölten und Bregenz so denkt. Eine echte Veräppelung.

Die Kandidierenden für den allerletzten Platz sind für mich momentan: San Marino (Video) (egal, um was sich der Text in der geänderten Fassung auch immer noch drehen wird), Mazedonien (Video), Bulgarien (Video) und Finnland (Video). Aber die Enklave im Italienischen muss den Titel als ESC-Schrecknis des Jahres am ehesten fürchten.

Und dann sind da die Unauffälligen: der Balkan schlechthin (besonders fragwürdig: Montenegro: Video), aber auch Island (Video bei Youtube), Spanien (Video), Frankreich (Video) und die Slowakei (Video).

Ich schätze, wir werden uns alle Lieder noch schönhören, schönsehen, schönreden. Dass mich das Lied von Engelbert Humperdinck so gut wie kein anderes britisches Lied der vergangenen Jahre überzeugt … das erwähnte ich oben schon. Wahr scheint mir: Die BBC, die ihres Kandidaten wegen so verspottet wurde, steht plötzlich wie eine frische, alte Eiche des Pops da. Glückwunsch!

Auch Siegel in Baku?

14. März 2012

Eigentlich sollte in diesem Blog nur dies zur Diskussion gestellt werden: Mit dem Lied “L’amore è femmina” (Die Liebe ist weiblich, hier der Song bei youtube) wird die Italienerin Nina Zilli in Baku ins Finale gehen – nicht mit dem anderen, eher an die Acts der Siebziger erinnernden “Per sempre” (Die Performance beim Sanremo Festival als Video hier). Und sie hat mit dieser Nummer, die wie so etliche andere beim ESC dieses Jahr von Skandinaviern mitgeschrieben wurde, ziemlich gute Chancen, ebenso vorne zu landen wie Raphael Gualazzi - sie könnte mit dieser Amy-Winehouse-Gedächtnis-Geschichte sogar gewinnen.

Aber ehe wir auf diese mögliche neue Göttin am ESC-Himmel eingehen, muss die andere mögliche Sensation vermeldet werden, die als Gerücht durch die ESC-Welt geistert: Ralph Siegel könnte doch noch in Baku mit von der Partie sein. Nein, Lys Assia wurde doch nicht nach einer Fülle von Disqualifikationen zur nachträglichen Siegerin des Schweizer Vorentscheids gekürt (hier das Video-Interview mit Ralph Siegel und Lys Assia vor dem schweizer Vorentscheid 2012) - aber San Marino, das Empire moderner Unterhaltungsmusik, soll auf die Dienste des Münchners zurückgreifen: Und zwar soll Valentina Monetta – ein Name, als wär’s aus einer RTL-II-Nachrichtenshow – San Marino in Aserbaidschan repräsentieren, angeblich mit einem Lied von Altmeister Ralph Siegel.

Der Titel? Noch nicht bekannt, Freitagabend wird er vorgestellt. Aber ist das nicht einerlei? Wäre das nicht bestechend, wäre Siegel mit von der Partie? So an und für sich? Ein Mann, auf dem Wege, eine europäische Legende zu werden. Denn San Marino wäre beim ESC, nicht gerechnet all seine gescheiterten Vorentscheidungsvorschläge, sein sechstes Grand-Prix-Land (Luxemburg, Deutschland, Malta, Schweiz, Montenegro), das er mit seinem schlageresken Kunstverständnis einzunehmen versucht.

Ob die Sanmarinesen damit gut beraten wären, ihre Schmach der bislang zweifachen Teilnahme ohne Finalqualifikation zu tilgen, muss natürlich offen bleiben: In Montenegro, wo Siegel 2009 in Diensten war, hat er keine bleibende Verehrung gestiftet. Andrea Demirovic blieb im Halbfinale hängen.

Aber ist nicht auch wahr, dass ein ESC ohne Siegel – früher sehr wohl denk- wie wünschbar – fast geschichtslos wirkte? Würde es nicht pietätlos scheinen, einen wie Engelbert Humperdinck zu feiern, Siegel jedoch nicht – schon allein seines Verdienstes wegen, sich  ”Bye Bye – I Love You” ausgedacht zu haben?

Warten wir es ab – das Lied, welches Valentina Monetta zu performen hat, möge zwar eines von Siegel sein, nicht jedoch wie der elfte Aufguss von “Wir geben ‘ne Party” oder “Get Out Off My Life” klingen.

Womit wir wieder ins Land zurück gehen dürfen, das San Marino quasi umhüllt: Italien. Nina Zilli hat die erwachsenste, schönste Divennummer dieses ESC zu bieten. Ihre Auftrittsstärke ist legendär, sie sieht grandios aus – und vermag sich auf den Moment des Finales zu konzentrieren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Juroren, die schon Raphael Gualazzi auf das Podium hievten, auch sie mögen werden. Klasse Lied, sehr jamesbondmäßig, rauh und jazzy; sehr antörnend.

Griechische Dauerschleifen

13. März 2012

Okay, nun ist es Eleftheria Eleftheriou, die mit “Aphrodisiac” ihr Land in Baku vertreten wird. Ihr Lied ist die gefühlt fünfundzwanzigste Wiederholung des alten Erfolgsrezepts dieses Landes – alles hört sich an wie HelenaPaparizouSakisRouvasKalomiraLoucasYiorkas. Ein wenig Anklang ans Bouzoukihafte, gut tanzbar an jedwedem Strand des Mittelmeeres und eine Sängerin, die den kürzesten Mini auf den höchsten Heels zur Schau trägt.

Irgendwie umwehte die Show der leicht bittere Geschmack von Botox – alles künstlich, alles posenhaft. Aber weshalb auch nicht? Seit 1998 hat Griechenland (damals erntete Thalassa nur den 22. Rang, ihre zwölf Punkte erhielt sie exklusiv durch Zypern) stets vordere und vorderste Ränge mit dieser Mixtur belegt – warum sollte es also falsch sein, diese wieder anzuwenden Um es vorweg zu nehmen – ja, das war schwer zu übersehen. Es gab keine richtige Bühne: Performt wurde in einem Einkaufszentrum von Athen; an den Rändern, auch den der höheren Stockwerke, stand ein verloren wirkendes Publikum. Dessen Beifallsbekundungen für jeden der vier Acts würde man gern frenetisch nennen, aber es hörte sich eher wie ein Konzertauditorium an, das einer dünn besetzten Vorstellung beiwohnt. Man jubelte also für die Zuschauer zu Hause, signalisierend: Ja, wir sind da – und die Krise ist nicht so schlimm.

Eine andere Frage, die sich jeder beim Vorentscheid stellte, war: Wird man in der Übertragung die Folgen der Finanzkrise spüren? Dabei hätte der griechische TV-Sender fast auf den ESC verzichtet. Doch das Musikevent ist so populär, dass der Sender sich an die Vorbereitungen für Baku machte. Der Sender hat dann jedoch einen riskanten Schritt gewagt: ERT, so heißt die ARD Griechenlands, rief bei den gängigen Musikkonzernen an, ob sie nicht für die Kosten aufkommen könnten. Nur die Universal zeigte sich bereit!

Das ist jene Major Company, die seit diesem Jahr auch für die ESC-CD zuständig ist. Eine dänische Firma, die die Lizenz inne hat und einst zum EMI-Konzern gehörte, hat bisher die Sammel-CDs produziert. Jetzt wurde sie von der Universal aufgekauft. (Auch in Deutschland ist sie in dieser Hinsicht präsent: Lenas “Satellite” wurde von Universal betreut.) Die vier Lieder, die bei der griechischen Vorentscheidung zur Aufführung kamen, entstammen dem Liederpool dieses Labels.

Die Siegeskomposition stammt von einem griechisch-skandinavischen Projekt (Dimitis Stassos, Mikaela Stenström und Dajana Lööf). Das zeigt sich einerseits durch die Internationalisierung des ESC, besser: durch die Entnationalisierung. Andererseits gibt es die Tendenz zur Übernahme der Show durch die Musikfirmen selbst. Fehlen den öffentlich-rechtlichen Fernsehstationen mehr und mehr die Mittel, den ESC zu finanzieren?

Vermutlich wird “Aphrodisiac” prima abschneiden. Voriges Jahr fiel Loucas auch nicht als erheblich auf – und landete doch ziemlich vorn. Eleftheria Eleftheriou, 22 Jahre und aus Zypern stammend, viel Glück!

Melodifestivalen oder: reicht lippensynchron?

9. März 2012

Für viele Fans ist dieses Wochenende das wichtigste vor den Tagen von Baku – es ist, mit den Vorwahlen in den USA besprochen, der Super Saturday, der uns bevorsteht. Und eine Vorentscheidung fällt dabei besonders ins Auge, für viele Freunde des ESC ist sie die wichtigste, interessanteste, spannendste von allen. Nämlich die schwedische, im Dreikronenland Melodifestivalen (“Das Melodiefestival”) genannt. Mein Freund Ida aus Kopenhagen wies mich nun auf Gerüchte und Beobachtungen hin, die in hiesigen Foren angestellt wurden: “Wenn der Sänger zum Lippenbeweger mutiert”, hieß es dort, auf das immer weiter um sich greifende Playback anspielend. Und meine Recherchen besagen: Ja, diese Gerüchte kommen den Fakten nahe.

Eric Saade und seine Tänzer bei den Proben für den ESC 2011 in Düsseldorf. Foto: Rolf Klatt / NDR

Eric Saade und seine Tänzer bei den Proben für den ESC 2011 in Düsseldorf. Foto: Rolf Klatt / NDR

In Schweden wird seit Jahren von einigen Performern ein Playback bevorzugt, bei dem sie selbst stimmlich nicht auf der Höhe sein müssen. Aber, und hier beginnt das Problem: Jene, die wir aus Schweden sahen – etwa in Moskau Malena Ernman, in Düsseldorf Eric Saade – konnten auf eine Schar von Tänzern zurückgreifen. Die sangen im Vorentscheid jedoch nicht. In Moskau und Düsseldorf konnten diese Tänzer nicht auftreten, denn sie wiederum konnten partout nicht singen. Doch es ist im Finale weiterhin verboten, die sogenannten Backing Vocals vom Band kommen zu lassen. So erklärt sich, weshalb bei den schwedischen Vorentscheidungen die Lieder mit mehr Schmackes daherzukommen scheinen: Dort kam vieles vom Band, international wäre das regelwidrig gewesen: Saade und Ernman allein klangen eher dünn! (Nebenbei: Doris aus Kroatien beging diesen Regelbruch 1999, als sie sich den Chor ihres “Marija Magdalena” vom Band zuspielen ließ – und mit dem Abzug eines Drittel ihrer Punkte bestraft wurde, was allerdings niemanden scherte.)

Man muss das in Schweden so verstehen: Christer Björkman, seit Anfang der nuller Jahre Chef des Melodifestival und 1992 in Malmö selbst für Schweden auf der ESC-Bühne (er landete auf dem vorletzten Platz), trimmt die Show Saison für Saison drängender auf Dancefloorformat, und das heißt auch: nicht auf Live-Performance. Dieses Jahr jubelte er in schwedischen Medien: Der Schlager ist out, Dancefloor ist in. Nur: Wird erst der Livegesang der Choristen getilgt, ist es auch nicht mehr weit, dass die Performenden ebenfalls nur noch die Lippen möglichst synchron zur Stimmenspur vom Band bewegen müssen. Sie bräuchten dann nur noch Gesang darstellen. Man nenne meine Haltung kulturkritisch, ja, zeihe sie, nichts vom heutigen Showgeschäft zu verstehen, wo doch alles ästhetisch unter Kontrolle gebracht werden muss, auch die Stimmen, aber: Damit wäre ich nicht einverstanden.

ESC heißt doch, nach Abschaffung der Orchester spätestens seit 1999, dass man alles aus der Konserve bekommen kann. Aber an den Stimmen sollst du sie erkennen. Ohne das Kriterium, dass jedes Organ live besonders gut oder eben auch besonders schlecht klingen kann, wäre der ESC nichts als eine Playbackdarstellungsschau.

Insofern zeichnet sich in Schweden eine Entwicklung ab, die man kaum als Avantgarde bezeichnen kann: Es wäre ein Fortschritt, der den Tod brächte. Christer Björkman, der stimmlich selbst zu den eher dünnstimmigen Vertretern im schwedischen Schlagergeschäft zählte und auch deshalb 1992 so ein Debakel im eigenen Land erlebte, ist der Kopf einer Entwicklung, die nichts Gutes bringt.

Im Melodifestival ist mal wieder einer favorisiert, der auch kaum singen kann, Danny Saucedo. Sein “Amazing” lebt so sehr von technischem Nippes (LED-Nähte in den Tänzerklamotten u.a.), dass man denkt: Da lenkt einer ab von der minderen Güte seines Liedes. Ähnliches trifft auf Loreen zu, die “Euphoria” anstimmt. Ob sie das wirklich tut, wissen wir nicht: Kommt, so hörte ich es in den Clips des schwedischen Fernsehens SVT, irgendwie alles aus dem Hintergrund. Zwischen den beiden wird sich wohl entscheiden, wer nach Baku fährt: Dort werden wir dann hören, was sie nicht können – singen!

Omas im Rudel

8. März 2012

Nein, es steht zu vermuten, dass Engelbert Humperdinck nicht der älteste Teilnehmer in Baku sein wird. Und dass das so sein könnte, liegt an der russischen Vorentscheidung, die wir gestern Abend erleben konnten. Denn gewonnen hat niemand der jungen, sehr, sehr, sehr jungen Kandidaten, sondern eine Sechsergang aus alten Frauen in bunten Kostümen, die sich Buranowski Babuschki nennen. Das heißt: Die Omas aus Buranowski singen “Party for Everybody!”, und das Publikum, das sie wählte, hinderte den ESC-Sieger von Belgrad Oslo, Dima Bilan, mit knapp neun Punkten Vorsprung, abermals und zum dritten Mal in die ESC-Arena zu steigen.

Ich habe diese Vorentscheidung gesehen und muss gestehen: Zunächst fand ich diese Damen bizarr. Folklore! Der ESC ist doch kein Altenheim, seufzte meine Seele, aber dann nahmen sie mich ein. Ihr Lied hat Schwung, es eignet sich perfekt als Stimmungsgrölschlager und die Performance des Sextetts ist von ansteckendem Optimismus: Ja, mit denen wird man in Baku Spaß haben. Keine Stimmungskillerinnen. Sie singen, das für Connaisseure, teilweise in Udmurt – einer Sprache, die dem Finnischen und Ungarischen nah ist. Für Kenner empfiehlt sich ein kleiner Eintrag aus Wikipedia: “Die udmurtische Sprache (…) gehört zum permischen Zweig der finno-ugrischen Sprachen und wird in Udmurtien im westlichen Uralgebiet (…) gesprochen. Von den insgesamt etwa 637.000 Udmurten sprechen 72 Prozent Udmurtisch als Muttersprache (2002), während dieser Anteil 1989 noch bei 77 Prozent lag. In Kasachstan sprechen etwa 15.000 Menschen udmurtisch.”

Mit der Zeit der Vorentscheidung, die sich recht lange hinzog, fanden die Damen auch beim Saalpublikum nachgerade frenetische Unterstützung: Ja, die will man sehen. Ich finde, in der folkloristischen Zuspitzung ist dieser russische ESC-Act seit mindestens zwei Jahrzehnten unübertroffen. Der norwegische Beitrag von 1980, “Samid Aednan”, und der spanische von 1983 von Remedios Amaya kommen in der Qualität dem russischen Lied dieses Jahres nahe. Allein: Die Babushki haben mehr Esprit, verzichten auf Drama und Melancholie. Das ist gut für die Stimmung – und wird einen schönen Generationsspannungsbogen bilden: Hier der Routinier Engelbert mit einem vermutlich sensationell coolen Lied, dort die aufgeheizten Russinnen, die vermutlich richtig Lust auf einen Ausflug nach Aserbaidschan haben.

Ich bin, obwohl mir das Lied bitte nicht sechs Mal am Stück ins Ohr geträufelt werden möge, begeistert: Soviel Wahlüberraschung hätte man doch aus Russland nicht erwartet.

P.S.: Gegen diese Frauen, deren Alter wir nicht genau wissen, deren Familienstände wir noch nicht kennen und deren Karrieren wir nicht abschätzen können, ist vieles bei diesem ESC Konfektion. Aber das steht doch wohl fest: So sehr unter der Überschrift “Diversity” wie bei dem diesjährigen ESC, stand der Contest schon sehr lange nicht.

Eine Zwischenbilanz

5. März 2012

Ein paar Tage nach der Bekanntgabe der BBC, Engelbert Humperdinck erfolgreich aus dem ohnehin rührigen Ruhestand gebeten zu haben, ist es Zeit für ein Fazit, da inzwischen fast zwei Drittel aller Baku-Songs bekannt sind.

So viel lässt sich über das Outing der BBC, wen sie da aufgrund von akuter Ratlosigkeit über ein geeignetes Vorentscheidungsverfahren aus dem Hut gezaubert hat, sagen: Es herrscht eine irritierende Begeisterung. Einer schrieb mir, Axel aus Düsseldorf: “Ich bin, muss ich sagen, angenehm geschockt.” Und Steffi aus Berlin suchte sich gleich einen Reim auf das Geschehen zu machen – die Renaissance der Alten und Abgerüsteten. Sie fragte, womöglich nur rhetorisch: “Greift das Altersphänomen auch schon nach UK? Rehagel, Gauck, Humperdinck – who’s next?” Vor sehr vielen Jahren gab es im Fernsehen die Sage vom “Bellheim”, gedreht von Dieter Wedel mit Mario Adorf. Schon dieses Stück handelte von Alten, die ein von jungen Managern zum Schlingern gebrachtes Kaufhaus wieder in Schwung bringen – ein Märchen, so hieß es.

Nun kommt in die gern abfällig als Nachwuchsshow bezeichnete Grand Prix Eurovision-Chose der Geist des Guten – weil Alten. Ich schätze: Ehe wir auch nur einen Ton des Liedes von Engelbert hören werden, wird sich Lys Assia öffentlich schwerst ärgern, dass sie es nicht zum Titel der allerältesten Teilnehmerin aller Zeit schaffen wird.

Aber wie sehen wir die anderen – vor dem Wochenende, da Schweden sein Melodifestival abschließen wird? Und Griechenland noch nicht gewählt hat, ebenso wenig Russland, Belgien oder Portugal?

Ich habe am Wochenende einen sogenannten Hausfrauentest durchgeführt, also jenes Verfahren, bei dem man sich nicht jedes Lied dreißig Mal anhört – schön hört! -, um dann zu Prognosen zu kommen. Nein, ich kannte die meisten Lieder nur vom flüchtigen Zuhören. Jetzt aber: 26 Lieder mit je 30 Sekunden.

Auffällig ist, dass viele wieder die schnellen, hektischen, nervösen Nummern bevorzugen, etwa Norwegen, Georgien, auch Israel und die Türkei. Letztere immerhin klingt orientalisch-fremd, was günstig sein kann. Dieser Sänger ragt deutlich über alle hinaus, sehr exotisch, dieser Can Bonomo. Spaniens Pastora Soler ist von klassischem Schneidemuster, eher sachte im Tempo, infernalisch gut ihre Stimme – und toll der Schluss. Hat was von der guten alten hispanischen Divenschule wie Paloma San Basilio.

Am auffälligsten aber fräste sich die Niederländerin Joan Franka in mein Ohr, die neulich beim Sieg in ihrem Land durch ein Indianerkostüm auffiel – was zunächst von der Güte ihres Lieds ablenkte. Güte?, werden jetzt manche fragen. Ist das nicht zu simpel? Ich finde, es ist so simpel und gut, so auf das Beiläufigste intensiv wie einst die Olsen Brothers. Immer unterschätzt, die Wochen vorher – und dann doch ziemlich oben, nicht wahr?

Wir erinnern uns: Bei der Jury lag diese Holländerin nur auf dem dritten Platz, ehe sie durch das Televoting, das sie haushoch für sich entschied, noch zum Sieg kam. Sie sollte man wetten, noch stehen die Quoten prima, niemand hat sie so recht auf dem Zettel.

P.S.: Dass Finnland und Estland eher altmodische Lieder nach Aserbaidschan schicken, bestärkt mich in meiner These: Das Unübliche, das Unkonventionelle hat bei allen Vorentscheidungen eine Chance, wenn es gut dargereicht wird. In beiden Fällen: So war es!

Bizarr oder genial, dieser Engelbert?

2. März 2012

Als mich die Meldung gestern abend kurz vor Mitternacht erreicht, guckte ich vorsichtshalber auf das Datum: nicht der 1. April? Es ist wirklich kein Scherz? Mehrere Mails von Freunden auch via Facebook signalisierten: Es könnte wahr sein, aber es möcht’ sich als Scherz herausstellen. Nach allem, was ich heute morgen so lese im Internet, wird es aber so sein: Engelbert Humperdinck, der letzte der superprominenten britischen Schnulziers, ist der Kandidat der BBC für den ESC in Baku.

Für Jüngere zur Verdeutlichung: Engelbert Humperdinck, eigentlich Arnold George Dorsey, wurde 1936 geboren, ist noch 75 Jahre alt und wäre, da er am 2. Mai Geburtstag hat, in Baku 76. Engelbert ist eine Showlegende, und zwar nicht direkt aus der ersten Reihe. Er war in den Sechzigern die Ergänzung zu Tom Jones – lebte dieser das Sexuelle (“The Tiger”) offenherzig aus, beschränkte sich Engelbert auf dezente, romantisch inspirierte Andeutungen. Er trug Schnauzbart, weil ihn das noch schnulziger machte und verfügte über einen Augenaufschlag, der nicht viel Frivoles versprach, dennoch in vielen Frauen (und manchen Männern) Träume stimulierte. Er hatte seine ersten fetten Erfolge (“Please Release Me”), als Sandie Shaw den ESC gewinnen konnte; und er war ein verlässlicher Crooner (“Schnulzier”) zu einer Zeit, als die Ästhetik der James-Bond-Filme noch mit Monaco, Cocktails und sehr schönen, unemanzipierten Frauen zu tun hatte: Engelbert ist in gewisser Weise der Dauercroupier im englischen Schlagergewerbe – so sieht er aus, wenn er cremefarbene oder gar fliederfarbene Anzüge trug, dazu lackierte Schuhe.

Die Umstände, die die BBC dazu brachten, diesen Oldie-hopefully-Goldie zu nominieren, bleiben im Dunkeln. Richtig ist jedoch, dass Engelbert eine Notlösung sein könnte: Man hatte in den vergangenen Jahren buchstäblich alles probiert, um sich als Kernsender des ESC der späten Sechziger nicht allzusehr zu blamieren, aber meist führte das nicht zu dauerhaft guten Platzierungen, auch nicht zu guten Einschaltquoten. Die britische Popindustrie hat offenbar das Format ESC noch nicht für sich entdecken können; der frühere BBC-Kommentator Terry Wogan mag mit seinen ironischen bis ätzenden ESC-Kommentaren das Seinige dazu beigetragen haben, das Interesse zu dämpfen.

Jetzt also Engelbert? Das Lied ist noch unbekannt, durchgesickert ist aber, dass es von Martin Terefe (Mary J Blige, James Morrison) und Sacha Skarbek (Adele, Lana del Rey) betreut werden soll. Keine schlechte Adressen, würde ich sagen. Könnte ja sein, dass eine bizarre Geschichte dabei herauskommt, zum Fremdschämen einladend – oder etwas Geniales.

Es regt sich politischer Protest

27. Februar 2012

Der ESC war schon immer politisch – sowohl auf internationaler Ebene als auch bei den nationalen Vorauswahlen. Da war es Griechenland 1976 wichtig, Mariza Koch mit einem antitürkischen und prozypriotischen Lied auftreten zu lassen; da lag ein Hauch von Wechsel zu einer liberalen Politik in der Luft, als 1997 Katrina & The Waves gewannen, da war nicht zuletzt in Deutschland, 1979, eine Beschämung öffentlich geworden, mit Dschinghis Khan könne man doch nicht in Israel, des Holocausts wegen, antreten. Und: Georgien wollte 2009 nach Russland, nicht gerade ein Freund dieser kaukasischen Republik, ein Wladimir Putin beleidigendes Lied schicken. Ging natürlich nicht, war zu wenig subtil gebasht, 3G war der erste Act in der ESC-Geschichte, der aus politischen Gründen disqualifiziert wurde. Jedenfalls: So war es immer, so geht es weiter. Europa ist, soviel lässt sich für das Gemeinsame sagen, eine Gemengelage der gegenseitigen Vergiftungen und üblen Nachreden!

Aber so offenbar politisch wie dieser 57. Eurovision Song Contest ging es noch nicht zu – und das liegt nicht an Aserbaidschan und der vernehmlich auch bei uns geäußerten Kritik an der dortigen Menschenrechtslage. Nein, aus Minsk erreicht uns die Nachricht, dass Alena Lanskaja doch nicht Weißrussland in Baku repräsentieren werde, sondern die Jungsgruppe Litesound, die im Übrigen schon etliche Male an der Qualifikation zu einem ESC gescheitert waren. Wie man wissen darf, ist Weißrussland das allerletzte europäische Land mit Volldiktatur, falls man mal dieses Wort erfinden und nutzen darf. Präsident Lukaschenko, dessen etwas tumbes Aussehen über seine politische Gewalttätigkeit hinwegtäuscht, hatte bei der Vorentscheidungsschau offenbar die Knöpfe auf Fremdbestimmung gestellt: Nicht die von der Jury und vom Saalpublikum favorisierten Jungs von Litesound gewannen, sondern, womöglich manipuliert, per SMS-Voting jene Alena Lanskaja. Das war ungefähr so, las ich in einem britischen Forum, als würde Queen Elizabeth II die Vorentscheidung ihres United Kingdom verfolgen und das Ergebnis als “not amusing” empfindet – bei der BBC anruft und um Änderung bitte. Jedenfalls:

Nach heftigen Protesten im Internet zog Lukaschenko persönlich die staatsoffiziell ausgezeichnete Chanteuse zurück – und nun werden Litesound gen Baku reisen. Ich nenne das, so fußnotig dieses Geschichtchen scheinen mag, einen Erfolg der (Rest-)Opposition in Weißrussland.

Und, weiter im politischen Reigen, in Armenien wird momentan eine Unterschriftenliste herumgereicht, initiiert von Künstlern und Künstlerinnen des Landes, nach der man den ESC in Baku boykottieren solle. An der Grenze zu Aserbaidschan sei von Scharfschützen ein Armenier getötet worden. Warten wir mal ab, wie sich diese Affäre entwickelt: Ohne Sanktionen könnte der armenische Sender sich nicht vom ESC zurückziehen.

Der Konflikt, der sich hingegen in der Ukraine abspielt, entscheidet sich allerdings zugunsten meiner bevorzugten Haltung: der des Antirassismus. Nachdem eine rechte Partei sich öffentlich darüber mokiert hatte, dass die Siegerin der Vorentscheidung, Gaitana, nicht ihr Land vertreten könne, denn sie sei dunkelhäutig. Die Tochter einer Ukrainerin und eines Kongolesen bekam umgehend Solidarität zugesprochen: Ruslana – die berühmteste ESC-Tochter des Landes – erklärte Gaitana zu ihrer “Freundin und Schwester”, und Vitali Klitschko, Boxer und Politiker, drohte mit dem Ende des Bündnisses seiner Partei mit den Hetzern gegen diese Sängerin. Ich finde diese Gesten – nobel. Boxen scheint das Hirn doch zu beflügeln!

P.S.: Ungelogen … Auf Spiegel Online konnte man tatsächlich lesen, “armenischen Musikern” sei “die internationale Bühne wichtig”, schließlich seien Künstler wie Charles Aznavour und Cher auch armenischer Abstammung. Davon abgesehen, dass deren Vorfahren tatsächlich aus dieser Weltgegend kamen – nach Frankreich, in die USA -, ist die Blutmetapher doch wirklich aasig blöde, oder? Als ob alle Armenier bei der Geburt zu einer Bluttankstelle gehen … Jedenfalls: seltsamer Beiklang.

Herzlichen Glückwunsch, Wencke

15. Februar 2012

Sie wurde in Trondheim in der dortigen Hall of Fame der norwegischen Popmusik geehrt; ihr Konterfei findet sich auf einer norwegischen Briefmarke seit vorigem Jahr: Wencke Synnove Myhre, heute vor 65 Jahren in Oslo geboren, ist tatsächlich die bekannteste Unterhaltungskünstlerin ihres Landes. Dass sie, die Sängerin mit der stets leicht knödeligen Gute-Laune-Stimme, vor allem aber in der Bundesrepublik Karriere machte, hatte mit ihrem Können zu tun , vor allem aber mit dem Umstand, dass Skandinavierinnen wie sie dringend für den deutschen Schlagermarkt gesucht wurden.

Den alten Damen dieser Unterhaltungsform umwehte nämlich immer etwas Ältliches, Braves und Unfrisches. Das galt auch für die Jungen wie Renate Kern oder Heidi Brühl. Zu muffig und mit einer gewissen schlagerhaften Strenge versehen. Sie erinnernten an eine Zeit, in der Frische und Flottheit noch überwiegend verpönt waren. Der deutsche Plattenmarkt brauchte insofern exotische Figuren, und Wencke Myhre gehörte dazu.

Munter und fröhlich im Ausdruck: Wencke Myhre, die ihre ESC-Karriere 1964 in Norwegen mit dem Bekenntnis zur teenagerhaften Selbstbehauptung “Lass’ mich jung sein” (“La meg vaere ung”) begann (und in der Vorentscheidung ihres Landes leider nicht siegte), wurde 1968 gefragt, ob sie Lust habe, den Horst-Jankowski-Swingjazztitel “Ein Hoch der Liebe” in London zu singen. Ja, natürlich hatte sie. Wencke Myhre wusste doch, wo ihre größte Fanschar lebte. Ein feiner sechster Platz sprang dabei heraus – verdient erträllert in einem quietschgelben Kleid und auf gelben Schuhen.

In den Jahren darauf war sie eine der wichtigsten Hitmacherinnen der Nation: “Er hat ein knallrotes Gummiboot” oder “Er steht im Tor” umrissen ihre ästhetische Marke. Wencke – das war fröhliche Partymusik, die auch ältere Menschen nicht gefährlich finden mussten. 1966 hatte sie ohnehin einen Klassiker, einen Evergreen in die Kulturgeschichte jenes Jahres eingewoben. Das war, als sie mit “Beiß’ nicht gleich in jeden Apfel” die Deutschen Schlagerfestspiele gewann.

Ihre anderen Hits sind kaum zu zählen. “Komm’ allein”, “Keep Smiling” (aus den frühen Achtzigern, der letzte Hit überhaupt), “Eine Mark für Charly” – Wencke Myhres Liedauswahl war strikt, so erzählte sie einmal, daran orientiert, was Erfolg versprechen konnte. Auf der Bühne zu stehen, das sei ihr wichtig. Mit was sei eine Frage der zweiten Ordnung. In den vergangenen Jahren stand sie in Skandinavien – und später auch in Deutschland – auf der Bühne mit Kolleginnen ihrer Zeit. Siw Malmkvist und Gitte Haenning waren ihre Partnerinnen bei den Nostalgieshows, in denen sie an die Goldene Zeit der Schlagersängerinnen aus dem Norden erinnerte. Das Publikum liebte das, und es liebt Wencke Myhre weiter.

Heute begeht sie ihren 65. Geburtstag – an der Seite ihres Lebensgefährten – in Cottbus. Florian Silbereisen und sein “Frühlingsfest der Überraschungen” mag zwar kein ganz und gar würdiger Rahmen für eine sein, die Schlager sang, als dieser noch Pop war und nicht Schunkel- und Mitklatschmusik für Ältere und ihre Freunde. Dennoch: Auf der Bühne zu stehen, wie auch in Stefan Raabs “TV total” in Oslo Tage vor Lenas Sieg – das wird ihr gefallen.

Myhre hat voriges Jahr Brustkrebs diagnostiziert bekommen. Sie sagt, sie habe die Krankheit überstanden. Insofern wünschen wir ihr vor allem und zuerst beste Gesundheit. Ein Hoch der Liebe auf sie und für hoffentlich noch sehr lange!