Kann ein Lied eine Brücke sein?
8. Februar 2012Ich war noch nie in der aserbaidschanischen Hauptstadt. Nach allem, was ich höre, muss es dort zwiespältig sein. Sehr arm auf der einen Seite, funkelnde Glaspaläste auf der anderen. Eine Demokratie ist das Land nicht, es gibt Berichte von Menschenrechtsverletzungen der üblen Sorte.

Ich persönlich bin trotzdem neugierig auf den Eurovision Song Contest in Baku. Und ich hätte gern, dass dieses Land, jedenfalls die Bevölkerung von Baku, viel von dem freien Spirit mitbekommt, der einen ESC – schon in queerer Hinsicht - umweht. Von Boykottforderungen halte ich nichts.
Ich bin beeindruckt von Beiträgen, die Länder wie Aserbaidschan anlässlich der Eurovision in den Fokus rücken, weil der ESC eben nicht unpolitisch ist. Egal ob die European Broadcasting Union, die Oberaufsicht über das Spektakel, dies seit Jahrzehnten so behauptet. So ein Beitrag lief vorigen Sonntag im ARD-Kulturmagazin titel thesen temperamemente - kurz ttt. Was ich diesem Film unter anderem entnahm, waren die verzweifelten Worte einer Bürgerrechtlerin, die keineswegs wünscht, dass der ESC in ihrem Land unbesucht bleibt. Ähnliches sagte sie auch einem Autor von eurovision.de, der sie bereits im November in Aserbaidschan traf. Im Gegenteil: Sie wünscht sich, dass alle kommen. Aber, so lautet ihre Pointe, die Gäste sollen mit den Menschen sprechen, nicht nur mit den ESC-Menschen, sondern mit gewöhnlichen Bakuern oder Aseris überhaupt.
Es sind, auch das hörte ich, wahnsinnig freundliche Leute.
Das könnte die Parole für den ESC in diesem schwierigen Land sein: Sich nicht von der Politik überwältigen zu lassen.
Aber politisch bleibt die Chose dennoch, wie auch heute in der Süddeutschen Zeitung zu lesen stand, wo wir erfahren, dass Markus Löning, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung heftig in einer Zeitung Aserbaidschans angekoffert wurde. Davon kündete auch die spannende Spiegel-Reportage von Stefan Niggemeier vom Montag (Nr. 6). Die autokratischen Regenten in Baku müssen damit leben: Mit dem ESC kommt eine Form von Buntheit und Vielfalt ins Land, die man dort vielleicht kennen möchte, die aber nicht erwünscht ist.
Was aber nicht geht, finde ich, ist die Haltung von Lukas Heinser, Oslog- und Duslog-Videoblog-Kollege von Stefan Niggemeier, der im Fachmagazin “Journalist” bekannte, dass die Politik nur eine Nebenrolle spielen könne, jedenfalls sieht er im ESC ein “glitzerndes Raumschiff”.
Wichtig scheint mir die Idee der Entspannungspolitik in der Bundesrepublik der sechziger Jahre: Kontakte zu pflegen in die Regime des realen Sozialismus, auf dass sie sich im Konkret-Menschlichen bewegten. Der berühmte “Wandel durch Annäherung”. Und am Ende? Glasnost und Perestroika. Das in Aserbaidschan, und sei es anlässlich des ESC, zu schaffen, wäre doch ein gutes Ziel, oder?
Herr Rubinowitz aus Wien war übrigens voriges Jahr in Baku – er hatte den richtigen Riecher, im Land der künftigen Sieger die Übertragung aus Düsseldorf zu verfolgen. Wie er Baku fand? Nicht die Hölle. Aber langweilig. Aber das, nun ja, ist ein anderes Problem.
P.S.: Für die erste ARD-Übertragung von “Unser Star für Baku”, treffe ich folgende Prognose. Erstens wird alles jenseits von Roman Lob entschieden, denn er scheint ohnehin fürs Finale gesetzt. Und: Es könnte Ornella treffen. Okay, Katja scheint ja immer fällig, aber sie rettete sich auch immer in die nächste Runde. Und: Wie es dann gewesen sein wird, seht ihr, sehen Sie im Livestream und anschließenden Video-Gespräch auf eurovision.de. Fragen an mich und den Kollegen Christian Buß können schon jetzt per Mail oder live im Chat während der Sendung gestellt werden.
Und das garantieren mein Spiegel-Online-Kollege Christian Buß und ich: Wir werden uns nie einig sein.









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.