Archiv der Kategorie ‘Länder’

Kann ein Lied eine Brücke sein?

8. Februar 2012

Ich war noch nie in der aserbaidschanischen Hauptstadt. Nach allem, was ich höre, muss es dort zwiespältig sein. Sehr arm auf der einen Seite, funkelnde Glaspaläste auf der anderen. Eine Demokratie ist das Land nicht, es gibt Berichte von Menschenrechtsverletzungen der üblen Sorte.

Ich persönlich bin trotzdem neugierig auf den Eurovision Song Contest in Baku. Und ich hätte gern, dass dieses Land, jedenfalls die Bevölkerung von Baku, viel von dem freien Spirit mitbekommt, der einen ESC – schon in queerer Hinsicht - umweht. Von Boykottforderungen halte ich nichts.

Ich bin beeindruckt von Beiträgen, die Länder wie Aserbaidschan anlässlich der Eurovision in den Fokus rücken, weil der ESC eben nicht unpolitisch ist. Egal ob die European Broadcasting Union, die Oberaufsicht über das Spektakel, dies seit Jahrzehnten so behauptet. So ein Beitrag lief vorigen Sonntag im ARD-Kulturmagazin titel thesen temperamemente - kurz ttt. Was ich diesem Film unter anderem entnahm, waren die verzweifelten Worte einer Bürgerrechtlerin, die keineswegs wünscht, dass der ESC in ihrem Land unbesucht bleibt. Ähnliches sagte sie auch einem Autor von eurovision.de, der sie bereits im November in Aserbaidschan traf. Im Gegenteil: Sie wünscht sich, dass alle kommen.  Aber, so lautet ihre Pointe, die Gäste sollen mit den Menschen sprechen, nicht nur mit den ESC-Menschen, sondern mit gewöhnlichen Bakuern oder Aseris überhaupt.

Es sind, auch das hörte ich, wahnsinnig freundliche Leute.

Das könnte die Parole für den ESC in diesem schwierigen Land sein: Sich nicht von der Politik überwältigen zu lassen.

Aber politisch bleibt die Chose dennoch, wie auch heute in der Süddeutschen Zeitung zu lesen stand, wo wir erfahren, dass Markus Löning, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung heftig in einer Zeitung Aserbaidschans angekoffert wurde. Davon kündete auch die spannende Spiegel-Reportage von Stefan Niggemeier vom Montag (Nr. 6). Die autokratischen Regenten in Baku müssen damit leben: Mit dem ESC kommt eine Form von Buntheit und Vielfalt ins Land, die man dort vielleicht kennen möchte, die aber nicht erwünscht ist.

Was aber nicht geht, finde ich, ist die Haltung von Lukas Heinser, Oslog- und Duslog-Videoblog-Kollege von Stefan Niggemeier, der im Fachmagazin “Journalist” bekannte, dass die Politik nur eine Nebenrolle spielen könne, jedenfalls sieht er im ESC ein “glitzerndes Raumschiff”.

Wichtig scheint mir die Idee der Entspannungspolitik in der Bundesrepublik der sechziger Jahre: Kontakte zu pflegen in die Regime des realen Sozialismus, auf dass sie sich im Konkret-Menschlichen bewegten. Der berühmte “Wandel durch Annäherung”. Und am Ende? Glasnost und Perestroika. Das in Aserbaidschan, und sei es anlässlich des ESC, zu schaffen, wäre doch ein gutes Ziel, oder?

Herr Rubinowitz aus Wien war übrigens voriges Jahr in Baku – er hatte den richtigen Riecher, im Land der künftigen Sieger die Übertragung aus Düsseldorf zu verfolgen. Wie er Baku fand? Nicht die Hölle. Aber langweilig. Aber das, nun ja, ist ein anderes Problem.

P.S.: Für die erste ARD-Übertragung von “Unser Star für Baku”, treffe ich folgende Prognose. Erstens wird alles jenseits von Roman Lob entschieden, denn er scheint ohnehin fürs Finale gesetzt. Und: Es könnte Ornella treffen. Okay, Katja scheint ja immer fällig, aber sie rettete sich auch immer in die nächste Runde. Und: Wie es dann gewesen sein wird, seht ihr, sehen Sie im Livestream und anschließenden Video-Gespräch auf eurovision.de. Fragen an mich und den Kollegen Christian Buß können schon jetzt per Mail oder live im Chat während der Sendung gestellt werden.

Und das garantieren mein Spiegel-Online-Kollege Christian Buß und ich: Wir werden uns nie einig sein.

Misslichkeiten in Österreich

2. Februar 2012

Bei uns geht alles so seinen sozialistischen Gang: Heute Abend, falls alles pünktlich läuft kurz vor Mitternacht, werden weitere zwei Aspiranten aus dem Rennen um die Fahrkarte nach Baku geworfen worden sein. Meine Freundin Helen-Melba aus Emden sagt, dann wird Umut seine Zukunft als Star hinter sich haben, auch Katja sei in Gefahr. Und ich stimme ihr bei Letzterer zu und hoffe, dass Sebastian sich nicht schon wieder mit einem Hut durchschummeln kann. So schwiegermuttermäßig grinst er doch auch nicht!

Aber, wie gesagt, es schippert so vor sich hin, dieses Casting namens “Unser Star für Baku”. Liegt es an mir, dass noch kein echtes Lena-Feeling sich einstellen will? Oder sind wir nur verwöhnt? Verzogen durch den erfolgreichen Relaunch der deutschen Vorentscheidung aufs Popformat – und weg von der Ästhetik ungelüfteter Schlafzimmer wie ganz früher?

Der Song "Crazy Swing" des  Duos !DelaDap wurde im Österreichischen Vorentscheid disqualifiziert. Foto: Band

Österreich hingegen leidet unter Misslichkeiten. Am 24. Februar steht dort fest, wer nach Aserbaidschan fährt. Doch nun gibt es Querelen um den Beitrag von !DelaDap, der Song soll schon wenige Tage vor der magischen ESC-Datumsgrenze – dem 1. September 2011, vor dem kein Song veröffentlicht sein darf, der 2012 ins Rennen um den Titel von Baku geht – öffentlich vorgetragen worden sein. Das Ganze fand statt Ende August bei einem DJ-Set in Odessa, in einem kleinen Club mit höchstens ein paar Hundert Gästen.

Ist es nicht fies, dass da ein Act aus dem Zehnerfeld geworfen wurde, nur weil der Komponist mit Sängerin so eine Art Rohversion bei einem DJ-Auftritt in Odessa abgespielt hat? Und wenn es denn schon so war: Welche aufmerksame, um nicht zu sagen: Böses stiftende Schnalle hat das gepetzt? Hat gesagt, dass es von diesem Auftritt am Schwarzen Meer vor der Fristgrenze einen Youtube-Clip gibt (der übrigens mittlerweile bei Youtube gelöscht wurde)? Ist ja wie bei Siegel dereinst, scheint mir, der ja 1976 gegen Tony Marshall und 1999 gegen Corinna May, so gingen Gerüchte, geforscht hat durch Scouts, ob diese womöglich gegen Regeln verstoßen haben.

Hatten sie! So wie der DJ von !DelaDap seines russischen ukrainischen Einsatzes wegen.

Aber wird es einen neuen, das Zehnerfeld wieder auffüllenden Kandidaten geben? Ist doch ohnehin nie ganz transparent geworden, wer in die Vorentscheidung nun gelangt und wer vorher ausgesiebt werden musste.  Ich hoffe, dass das Feld nicht nur neun Kandidierende umfasst. Denn da gibt es einen Herrn, der für die Freunde des ESC modernerer Prägung höchst akzeptabel wäre. Wie schrieb mir mein Freund Kurt aus Wien: “Na ja, er ist schon ein süßes Schnuck” und schickte mir diesen Link zum Video eines Sängers namens Sankil Jones.

Man sieht: Er hat vieles, sehr vieles, um der ESC-Meute an den Computer im Vorwege zu gefallen – männlich aussehend und doch nicht wie ein Maurer am Ende einer Schicht. Auf Facebook wird für Sankil Jones auch schon heftig getrommelt: Der ORF solle ihn dringend nachnominieren. Nun steht auf Facebook ja sehr viel Unsinn, aber Mario R. Lackner, der so besonders intensiv sich für das Lied “Fire” von Mr. Jones verwendet, liegt richtig: Dieses Lied könnte den Abend des 24. Februar aufhübschen.

Bewegt sich Aserbaidschan politisch?

31. Januar 2012

Na, ist der Eurovision Song Contest nun politisch oder nicht? Ist er. Das beweist eine Nachricht, die uns am Dienstag aus Baku erreicht hat. Nämlich: Präsident Ilham Alijew kündigte ein Menschenrechtsprogramm an, das er sogar als Nationales Aktionsprogramm verkaufte. Gestärkt werden sollen auf jeden Fall Sozialprogramme - dies führte es nicht näher aus - und außerdem eine nach westlichen Maßstäben ernstzunehmendere Form der Meinungsfreiheit.

Das sind, freilich, nur Ankündigungen – ob ihnen Taten der praktischen Art folgen, wissen wir natürlich nicht. Aber immerhin, der Präsident fühlt sich offenbar nach einer Fülle von Initiativen sowohl aus dem Deutschen Bundestag wie aus anderen westlichen Ländern genötigt, hier Flagge und guten Willen zu zeigen. Wörtlich teilte Alijew mit: “Wir werden uns auch in der Zukunft bemühen, die politischen Reformen zu vertiefen.” Irgendwie scheint uns da ein Widerhall sowjetisch anmutender Sprachformeln anzuwehen.

Sogleich gab es inneraserbaidschanisches Lob: Der Journalist und Menschenrechtler Eynulla Fatullajew pries das Aktionsprogramm. Dieses stelle “tatsächlich eine Verpflichtungserklärung des Staates zu Menschenrechten und ‘Grundfreiheiten’ dar.” So fing es mit der Entspannungspolitik des Westens, den Ländern des realen Sozialismus in den späten 1960er-Jahren auch an – erst gab es nur luftige Absichten, dann aber mussten sich die Regimeoberhäupter an ihnen messen lassen. Das ist im Hinblick auf den ESC im Mai nur gut, finde ich!

Offen bleiben Fragen der Visavergabe, auch solche, die den Gästen des Eurovision Song Contests Freizügigkeit in Aserbaidschan selbst garantiert. Ebenso muss noch erörtert und geklärt werden, ob jene Menschen, mit denen ESC-Touristen und -Journalisten im Mai Kontakt haben werden, auch nach Abreise aller Gäste unbehelligt bleiben.

Trotzdem: Ein international appellierender Anfang ist gemacht. Alijew möge jetzt weitermachen. Seine demokratisch gesinnte Bevölkerung wird es ihm danken!

Öder Discopop aus Frankreich

30. Januar 2012

Mit für französische Verhältnisse ziemlich großem Pomp wurde eine Pressekonferenz angekündigt, und die fand gestern statt, am Sonntag. Na, da waren die Fans aber aus allen Häuschen -am heiligen, arbeitsfreien Tag der Woche, wo alle in Europa vor ihren Computern sitzen konnten. Und es wurde tatsächlich das Lied enthüllt, falls man das so sagen darf, denn die Sängerin ist uns ja bereits annonciert worden. Und was kam heraus? Okay, Anggun singt “Echo”. Untertitel: “You and I”. Sie singt englisch und französisch gemischt, ganz so, als ob sie einem einzigen Idiom nicht traut: Einerseits will sie den Sprachpuristen im eigenen Land keinen Anlass für gerümpfte Nasen bieten (“Verrat!”), andererseits aber auch nicht an den internationalen Erfordernissen des ESC scheitern. Und zu denen gehört nun einmal die lingua franca des Pop, also das Englische.

Anggun. Foto: Paolo Zambaldi / Warner Music

Und dann hört man sich das Lied an und ist enttäuscht. Nein, ich will kein Pessimist sein, nicht schlecht reden, was sich später als kostbar und wertvoll herauskristallisiert. Aber was soll ich sagen? “You and I” ist der ödeste französische Beitrag seit Cocktail Chics 1986 gefisteltem Lied “Européennes”. Ein zwar handwerklich solides Stück Eurodiscopop mit einem etwas verwirrendem Intro, das sich allerdings recht rasch zum konventionellen Dancehallding entwickelt, etwa so wie Kate Ryan dereinst für Belgien oder, als Trio, Mekado 1994 mit “Wir geben ‘ne Party” (damals recht flott gehalten).

Gleichwohl: Die frühe Nominierung von Anggun – gegen die französische Gewohnheit, den eigenen Act knapp vor Meldeschluss bekannt zugeben – scheint dem Bedürfnis entwachsen zu sein, den ESC schnell vom Tisch zu bekommen.

Ich meckere eigentlich nur deshalb so krass, weil aus Frankreich schon so glänzende Lieder zum ESC delegiert wurden, Amina, auch Nina Morato oder Joelle Ursull oder, natürlich, Frida Boccara. Aber Anggun? Was hast diese gar nicht mal so erfolglose Chanteuse falsch gemacht, dass man sie mit einem solchen Lied ausrüstet?

Raus aus dem Untergrund

25. Januar 2012

Soll noch mal einer sagen, dass der ESC, was Glamour und Präsenzvermögen anbetrifft, könne nicht prunken.

Heute Abend wird in Baku feierlich der Schlüssel des ESC - Achtung: hoher Symbolwert, nicht zum echten Aufschließen geeignet! – durch den Düsseldorfer Bürgermeister Dirk Elbers an seinen bakunensischen Amtskollegen übergeben. In zwar in einer feierlichen Zeremonie, bei der sowohl die Halle des Events im Mai präsentiert wird, bei der Stars wie Alexander Rybak und Lena Meyer-Landrut auftreten werden und etliche andere auch. Das ist schon ein echter Fortschritt: 1983, in München, gab der Bayerische Rundfunk in einer mageren Pressemitteilung bekannt, dass man den Grand Prix Eurovision ausrichten werde – und kein Festakt krönte diese Bekanntgabe, keine Flower Ceremony, bei der ein Mensch aus Harrogate den Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt trifft und zarte Osterglocken überreichte. 

Vor einem knappen Jahr: NDR-Intendant Lutz Marmor und Düsseldorfs Bürgermeister Dirk Elbers mit dem Schlüssel für die Arena in Düsseldorf. Foto: dpa

Vor einem knappen Jahr: NDR-Intendant Lutz Marmor und Düsseldorfs Bürgermeister Dirk Elbers mit dem Schlüssel für die Arena in Düsseldorf. Foto: dpa

Und, noch wichtiger noch in diesem Zeitalter immer neuer medialer Möglichkeiten und Bühnen: Alles wird, auch auf eurovision.de, per Livestream übertragen. Man bedenke immer, dass Baku uns drei Stunden in der Uhr voraus ist: Der Livestream beginnt schon um 17 Uhr.

Dass bei diesem Treffen von Prominenten, TV-Funktionären und Interessierten auch gearbeitet wird, versteht sich fast von allein: Die Reference Group tagt ja auch, das heißt die Regierung des ESC, zu der auch ein Vertreter des NDR mit zählt, weil die ARD den letzten Eurovision Song Contest ausrichtete. Sie wird die Auslosung der Halbfinals besorgen, also klären, welches Land in welcher der Qualifikationsrunden antreten wird.  Also: Wird die Türkei auf Griechenland treffen oder Zypern . Und sie hat soeben bekannt gegeben, dass tatsächlich die vom deutschen Unternehmen Alpine Bau zu errichtende ”Christal Hall” der Austragungsort des ESC 2012 sein wird.

Ich würde sagen: Die Höhepunkte der diesjährigen ESC-Saison werden jetzt eingeläutet, weit hinten im Kaukasus, ohne technische Pannen sogar bis Island, Portugal – und wer über einen leistungsfähigen Computer samt Wlan verfügt, bis in alle Welt.

P.S.: Immer noch wird sich der Düsseldorfer Bürgermeister fragen: Hatten wir jetzt ein gutes Jahr oder nicht? Sagen wir es offen: Er hat mit der Übergabe des Schlüssels gen Baku wenigstens in Sachen Entertainment die beste Zeit seines Lebens hinter sich. Er hat alles würdig und gut gemacht – Glückwunsch. 

Eurovisionäre Zickenkriege

23. Januar 2012

Diese SMS fand ich in der Nacht auf Sonntag auf meinem Telefon: “Ich hoffe, wir kommen schlecht in deinem Blog weg. DK 2012 ist zum …” Nun, die drei Punkte bezeichnen ein Wort, das entweder aus wütendstem Gemüt oder aus der Gosse, vielleicht aus beiden Quellen stammt. Jedenfalls ist es schon der sprachlichen Ziemlichkeit wegen unschicklich, es zu zitieren.

Soluna Samay freut sich über ihren Sieg beim Dansk Melodi Grand Prix. Foto: EBU

Aber es steht fest: Dänemarks Siegerin vom Samstag, die guatemaltekische Dänin Soluna Samay mit ihrem Titel “Should have known better” (Ich hätte es besser wissen müssen) mag am Ende des Abends der Kompromiss zwischen Televoting und internationaler Jury gewesen sein. Aber sie wird offenbar nicht von den Fans geliebt, wenigstens nicht von den dänischen. Ja, es ist gar die Rede davon, dass Frau Samay “eine Bergendahl” sei – zur Erinnerung an jene bedauernswerte schwedische Chanteuse, die vor zwei Jahren ihrem Land erstmals die Schmach bereitete, nicht das Finale zu erreichen. Und damit komme ich wieder zu jener SMS, die mir in einer Aufwallung von Empörung geschickt wurde von meinem Freund Ida aus Kopenhagen – denn die Bergendahl fand ich mehr als okay und finalwürdig. Ihr Lied, “This is my Life”, war hübscher, zeitgenössischer Pop und die Performance auch mindestens sattelfest.

Was, andererseits, stört die Fans an einer Sängerin wie Soluna Samay, die hoffentlich ins Finale von Baku kommt? Woher kommt Aversion gegen dieses Lied, dargeboten von einer jungen Frau mit Kapitänsmütze und einer Jacke mit Epauletten? Ich würde sagen: Man nimmt ihr übel, dass sie keinen skandinavischen (oder sonstwie eurovisionären) Dancefloor-Discopop serviert. Sondern eben so singt, wie viele junge Frauen in den Charts es momentan so tun – zur Gitarre, leicht wehklagend. Irgendwie in der Nachfolge von Amy McDonald, würde ich sagen, nach etlichen Versuchen, mich dem dänischen Baku-Lied zu nähern.

Was also macht aus Fans Zicken, die gegen den Beitrag ihres eigenen Landes in den Krieg ziehen? Können sie das Votum der Zuschauer nicht akzeptieren? Nicht sehen, dass die Fanperspektive meist nicht jene des gesamten Publikums ist? Nein, die Bergendahl wird sie nicht geben, die blonde Sängerin aus Kopenhagen, sie erreicht, meiner möglicherweise irrigen Prognose nach, das Finale am Abend des 26. Mai. Ihr Lied ist vielleicht ein wenig konventionell, ja, langweilig auf die Dauer. Aber eine Hera Björk, die die Fans liebten, die hat doch auch keine Rosenstöcke zum Blühen gebracht, oder?

Ein Zickenkrieg auf anderer Ebene liefert momentan die Türkei. Und zwar, ohne dass ein Lied aus dem ruhmreichen Land des ESC schon bekannt wäre. Denn bestellt wurde als Kandidat der Sänger Can Bonomo, der jung ist und keine weitere Meriten im Popgeschäft sammelte, aber, daran entzündete sich einiges Mosern und Meckern im Lande, jüdisch ist. Er stammt aus einer Familie von jüdischen Türken, deren Vorfahren vor langer Zeit aus Spanien vor Katholiken und Muslimen flüchten mussten. Bonomo erklärte, seine kulturellen oder religiösen Wurzeln spielten keine Rolle, er sei Türke. Man merkte gegen ihn an, ein überwiegend muslimisches Land könne nicht von einem Menschen aus einer anderen Tradition repräsentiert werden.

Ist das nicht irre? Das wäre so, als ob aus Deutschland niemand zum ESC fahren darf, der nicht christlich ist. Die Türkei hat offenbar noch Nachholbedarf im Lernen von multikultureller Liberalität. Dazu passt auch die Meldung, dass der türkische Rockstar Kirac nicht für sein Land ins Rennen gehen wollte – er hätte nur auf Türkisch, nicht auf Englisch singen wollen. Zu Kirac lässt sich nur sagen: Wer nicht will, der hat schon.

Und Can Bonomo – der wird schon ein prima Lied auf die Stimme geschneidert kriegen. Vorläufig, hörte man, ist er vor Freude nervlich sehr zerrüttet. Wir fiebern am besten mal mit ihm!

Armenien kommt doch nach Baku

17. Januar 2012

Das ist die Nachricht des Tages – Armenien, politischer Dauerfeind Aserbaidschans, wird Baku nicht meiden. Wie die European Broadcasting Union heute mitteilte, sind es 43 Länder, die in der aserbaidschanischen Hauptstadt an den Start gehen werden. Bis auf Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien und das Vereinigte Königreich sowie Gastgeber Aserbaidschan müssen sie alle zunächst durch eines der Halbfinals am 22. und 24. Mai. Montenegro ist wieder mit von der Partie, Tschechien pausiert weiterhin, Österreich ist noch nicht wieder beleidigt und dabei – und Italien, wie auch San Marino, hat seine Teilnahme ebenfalls hochoffiziell bestätigt. Okay, Andorra, Monaco und Luxemburg fehlen weiterhin, aber dass Armenien, der Erzfeind, das Land des Teufels schlechthin aus Perspektive des Kaspischen Meeres, teilnimmt, ist politisch von Größe.

Wir erinnern uns: Die Türkei und Griechenland haben sich jahrelang, das war in den Siebzigern, gemieden, sofern der eine teilnimmt – und der andere dann eben nicht. Auch Israel ist so ein Dauerthema. Einige arabische Länder würden ja gern, aber solange dieser jüdische Staat mitwirkt, war und wird mit ihnen nicht zu rechnen sein, nicht Tunesien, nicht der Libanon oder auch nicht Algerien oder Marokko.

Armenien, das ebenfalls zur Erinnerung, bekam aus Aserbaidschan nie Punkte, und umgekehrt war es, meiner Übersicht zufolge, ebenso. Ictimai TV, der dieses Jahr gastgebende Sender, hat sogar Auftritte Armeniens überblendet oder schlicht übersehen. Man ist sich wegen eines Stücks Land in Aserbaidschan (Berg-Karabach) nicht einig – es brodelt in den kaukasischen Gebirgen.

Wir dürfen gespannt sein, wie es in der real existierenden ESC-Wirklichkeit in der Bakuer ESC-Zeit aussehen wird. Werden Armenier gemobbt? Kriegen sie schlechtere Bühnenbedingungen? Das können sich die Aseris nicht leisten, würde ich sagen. Und: Armenien hatte andererseits keine Wahl, als den Tripp nach Baku zu wagen. Denn um im Jahre 2013 überhaupt mitmachen zu dürfen, muss man selbst das Festival im heimischen Sendegebiet ausgestrahlt haben. Also: Eriwan hätte so oder so Baku nicht ignorieren können.

Insofern: Schön, dass es dieses Jahr wieder 43 sind!

P.S.: Die Auslosung darüber, welches Land in welchem Halbfinale zur Finalqualifikation antreten muss, findet Ende dieses Monats statt. Dann wissen wir noch weiteres mehr.

Selige Sentimentalität

30. Dezember 2011

Die Zeit zwischen den Jahren ist immer speziell. Irgendwie ist man abgeschnitten. Nirgendwo geht es so richtig ums Letzte. Die Schweiz hat sogar schon eine Vorentscheidung hinter sich. Albanien wählt wie jedes Jahr seinen Kandidaten zum Jahreswechsel beim Festivali i Këngës. Aber sonst? Still ruht der See?

Nein, ich kenne viele, die es so halten wie ich: Zwischen Weihnachten und Heilige Drei Könige darf man sich herrlichen Sentimentalitäten hingeben. Und schaut sich auf eurovision.de alte Archivaufnahmen früherer ESC-Jahrgänge an oder geht zur Hauptadresse oller Kamellen: zu Youtube.

Wie jeder weiß, jammere ich nicht alten Zeiten hinterher. Nein, diese giftige Stimmung von wegen “Früher war doch alles besser”, die ist mit mir nicht zu haben. Ich bekenne: Der Eurovision Song Contest wird immer europäischer, jeder Jahrgang ist ein einziges Dokument in dem Ringen aller Länder, bloß nicht zu verlieren. Also guckt man sich bei anderen Ländern ab, wie die das machen. So entsteht ein herrliches Kuddelmuddel, eine einzige Mixtur aus ästhetischem Diebstahl und künstlerischer Hehlerei. So kommt es, dass Finnland wie Spanien klingt und die Türkei an Rocktraditionen in Belgien anzuknüpfen scheint. Das, was einst der Grand Prix Eurovision bei uns war, ist nun ein Popfestival – und niemand kann das ändern.

Aber, um zu meinen Gefühligkeiten zurückzukommen, zwischen den Jahren, wenn alles träger als sonst fließt, ist Nostalgie erlaubt.

So beklage ich in dieser Zeit, hier und heute, auch, dass es keine Dirigenten mehr gibt, dass nicht mehr in den Landessprachen gesungen werden muss, dass viel zu viele Menschen auf der Bühne herumstehen, wo es doch nur um ein Lied geht und nicht um Performance, um Kostüme und Schminke. Das ist dann die Zeit, da ich Stefan Raab nicht mehr so verehre – er war es doch, der mit Hilfe des NDR in der ARD den ESC kräftig auslüftete und dem muffigen Schlager von dereinst den Todesstoß versetzte. Schlager heute? Das ist Lena und heißt Pop.

Doch zwischen den Jahren ist mir garstig: Her mit den guten alten Zeiten! Mit berührenden Vorstellungen wie von Lenny Kuhr, mit Bizarrerien wie “Pump Pump” aus Finnland 1976, mit Jacques Hustin und seiner “Fleur de liberté” oder irgendeinem Auftritt der Dirigenten Ossi Runne, Noel Kelehan oder, 1974, dem napoleonischen Dirigat zu “Waterloo”. Aber wo sind sie denn, jammere ich dann, wenn ich mich durch die Clips schwimmen lasse, all die Damen wie Gigliola Cinquetti oder Ireen Sheer 1978? Wo sind die schrillen Accessoires, wo die peinlichen Nummern wie “Baby Doll” 1991?

Es ist herrlich, mal sich die gute alte Zeit anzugucken. Davon abgesehen, dass mir ein Freund ein Konvertierungsprogramm empfohlen, mit dem sich die Liveaufnahmen auf mp3-Format verwandeln lassen, war es doch mit Liveorchester besser. Bobbysocks als Tonkonserve plus Livegesang 1985? Hätte niemals gewonnen! Finde ich und trinke zu diesem Gedanken einen Schlehenlikör.

Irgendwann wacht ein jeder aus dieser seligen Sentimentalität auf – auch ich. Dann weiß man, was im alten Jahr passierte: Ohne skandinavische Hilfe hätte Aserbaidschan niemals gewonnen – und hätte Deutschland noch die alten Zeiten, wäre Lena immer noch in Hannover und wüsste vielleicht nicht, was sie aus ihrem Leben machen soll.

Was bringt das nächste Jahr? Noch mehr Millionen, die zugucken. Der ESC wächst, weil er als Wettbewerbsformat mit national identifzierbaren Kandidaten perfekt funktioniert wie keine andere Show. Das allerdings war schon immer so: Der Grand Prix Eurovision heißt jetzt Eurovision Song Contest – na und? Am Ende zählt die Punkteauswertung. Ich finde, wir hatten ein gutes Jahr!

Danke für alle Diskussionen und Bemerkungen. Das Leben geht weiter, im neuen Jahr dann ohne diese gewisse Gefühligkeit, die sich klebrig ans Vergangene hängt. Ein frohes neues Jahr allen!

The beat goes on!

20. Dezember 2011

Nein, besser, man sagt: Baku goes on. Wie Jon Ola Sand, der Kopf des Eurovision Song Contest, sagt: “Alles ist im Plan, alles läuft im Fahrplan.” Ja, das glauben wir gern – obwohl uns zugleich unruhig stimmende Nachrichten aus Aserbaidschan erreichen: Jener Platz, auf dem die Halle des ESC stehen soll, ist hart umkämpft – und anders als bei Stuttgart 21 ist weder Zeit noch Geld, die Gentrifzierungsprozesse in einem langwierigen Verfahren zu einem Ende zu bringen. Das würde wohl Jahre dauern – aber diese zeitlichen Raum haben die Organisatoren der TV-Gesellschaft Ictimai nicht, ebenso wenig wie der aserbaidschanische Regierungsstab.

Was wir aber hören, ist: Es gibt bislang keine offizielle Mitteilung, dass alle Fans so sicher und integer sich in Baku bewegen können wie sie es in einer der westlichen Gesellschaften, etwa in Oslo oder Düsseldorf, konnten. Aber was soll man so kurz vor Weihnachten sagen? Alle, von denen ich höre, von denen ich Infos zugesteckt bekomme, sagen: In Baku läuft alles nach Plan. Das muss es natürlich auch. Denn ein ESC ist als Projekt stets ein work in progress, ein supernervöses Ding, von dem selbst die leitenden Köpfe nie ganz genau wissen, wer gerade was zu erledigen oder zu organisieren sucht. So bekam ich es in Düsseldorf zu hören: Alles wuselt, alles ist geschäftig – und am Ende gelingt alles, wobei ja das Publikum später denkt, es sei ein einfach zu machendes Ding gewesen.

Doch wie der deutsche Autor und “Dreigroschenoper”-Erfinder Bertolt Brecht mal sagte: Es ist das Einfache, das so schwer zu machen ist (und das die Schmetterlinge in ihrer “Proletenpassion” kurz vor ihrem Auftritt in Wembley 1977 zum ESC bemerkten).

Ansonsten stimmt es ja wirklich: alles läuft. Bosnien schickt eine schöne Interpretin, Montenegro einen Rambo – und Frankreich ein Talent namens Anggun. Wobei mir auffällt, dass die Franzosen so tun, als sei sie schon ein Star. Aber, nun ja, das könnte sie werden. Voriges Jahr haben unsere Nachbarn über den Knödeltenor auch ne Menge Zeug behauptet, und er wurde doch nicht vieler Punkte für würdig befunden.

Was mich aber wundert, ist: Eigentlich hatte die European Broadcasting Union, Gesamtsender der Eurovision, in Düsseldorf beschlossen, dass kein Land mehr ohne Vorentscheidung jemanden zum ESC schicken darf. Schade, dass diese Regel erst von der übernächsten Saison an gelten soll.

Aber, alles in allem: Anggun und all die anderen – wir freuen uns auf sie. Auf die Halle in Baku, alles in allem, doch am meisten!

P.S. Die allermeisten Länder haben ihre Teilnahme für Baku zugesagt. Auch die Slowakei. Nach allem was wir aus Bratislava hören wird es auch keine Zwangsteilnahme sein,  weilm an dummerweise vergessen hat, die Meldung doch noch zurückzuziehen.

Ruhe in Frieden, Malina

16. Dezember 2011

Das ist eine traurige Nachricht, die uns aus Rumänien erreicht: Malina Olinescu lebt nicht mehr. Verschiedene Internetforen legen nahe, dass sie an Liebeskummer litt und nicht mehr leben wollte.

Malina Olinescu vertrat 1998 in Birmingham ihr Land beim ESC in Birmingham. Ich habe sie auf zwei Empfängen erleben können – sie sprach mit fast niemandem, sie, die erst im Jahr zuvor die rumänische Popszene mit “Mi-e Dor De Tine” bereicherte, war offenbar schockiert über den Rummel und die Mächtigkeit dieses Events. Mir fiel vor allem die Differenz zwischen ihr und der späteren Siegerin Dana International auf: Letztere als “Diva” heftig gut drauf, unangekränkelt von Scheu und Schüchternheit, in der Disco tanzend; die Rumänin eher ein stiller Typ, der unentwegt von Männern des rumänischen Fernsehens umringt war, als brauchte sie eine Leibgarde, schon um nicht im Glamour zu ertrinken.
Ihr Lied passte: “Eu cred” – Ich glaube – war eine fast düster orchestrierte Ballade, in die Malina Olinescu mit ihrer schönen Stimme kongenial depressiv stimmende Töne einwob. Enttäuschend war für sie, die aus Bukarest in jenem Jahr mit viel Vorschusslorbeer nach Mittelengland geschickt wurde, der 22. Platz. Sechs Punkte: Diese Sängerin erfuhr nicht als erste in der ESC-Geschichte, wie schmerzhaft eine Punktevergabe sein kann- Aber sie litt unter dieser offenbar ganz besonders.
In den letzten Jahren war es um sie eher stumm geworden; keine Hits, kaum Auftritte: Malinescu war in ihrer Heimat ein Nummer von gestern.

Wir trauern mit ihren Angehörigen. Sie war, soweit man das sehen kann, eine würdige ESC-Chanteuse. In der Hall of Fame aller, die, wenn sie schon nicht gewannen, doch alle gute Erinnerung verdient haben, mag für sie ein Platz fest reserviert sein!