San Marino muss nachsitzen
18. März 2012Dieser kleine Flecken mitten in Italien, kaum größer als der Vatikanstaat oder Andorra, hat uns nicht enttäuscht: Ja, San Marino hat sich für seinen dritten Versuch beim ESC den Münchner Komponisten Ralph Siegel eingekauft. Valentina Monettas Lied war allerdings noch offen – und es heißt nun: “Facebook”. Kaum hatte ich diese Info gelesen, kriegte ich schon Twitter- und Mailkommentare: “Bitte?” und “Siegel – das ist sein allerschlimmstes Lied” seit jenem für Montenegro oder “Frei zu leben” für Daniel Kovacs und Chris Kempers. Es ist ein überaufgeregtes Stück Lieblos-Pop, dessen Inhalt sich darum dreht, dass “Facebook” arg zu sexualisiert sei. Ich denke, der Mann, der für den Text des englischsprachigen Liedes zuständig war, hat keine Ahnung von dieser Plattform. Sex? Ist “Facebook” ‘ne erotische Hotline?
Nein, wir hatten uns San Marino vorgestellt als ein Mikronesien in Mittelitalien, das alle Insignien eines echten ESC-Landes trägt und, der Region angemessen, gute Musik uns serviert. Und was kriegen wir? Eben. Er wollte mal wieder modern sein – und wurde dann doch nur als Großvater kenntlich, der seinen Enkeln vielleicht imponieren wollte.
Und das ist nun ein Problem, des Textes wegen: Die Reference Group hat diesen Titel zurückgewiesen. San Marino könne bis Freitag, wenn also die Frist zur Nominierung der Lieder längst abgelaufen ist, ein ganz anderes Lied bestimmen, aber zumindest muss es diese Siegel-Komposition mit einem anderen Text aufführen lassen. Denn der Titel selbst sei ein Markenname, der einer Promotionaktion für diesen Internetkontaktdienst gleichkomme – und das sei nicht statthaft. Keinen Anstoß nahm das Entscheidungsgremium – der Lenkungsausschuss – des ESC an der sexuellen Anzüglichkeit des Liedes, allein die Bevorzugung eines bestimmten Internetdienstes steht in der Kritik.
ESC-Kenner wissen, dass die European Broadcasting Union (EBU) kommerzielle Werbung auf dem Schleichwege nicht schätzt – das war schon 1987 so, als Lotta Engberg in ihrem Skandi-Reggae nicht mehr von einem braunen Erfrischungsgetränk singen durfte, dessen Name mit Coca anfängt und mit Cola endet – sondern neutraler von “Rock’n'Roll”.
Schade, ich hatte mich, nachdem wir hier im Forum über die Spekulation geschrieben hatten, dass Siegel doch wieder beim ESC mitmischen würde, bei dem Gefühl ertappt, dass er nun, wenngleich im Ruhestand, für San Marino sein ultimatives Alterswerk komponieren. Ein Stück, besser als “I Believe In God” und “Ein bisschen Frieden” zusammen, ein Song, der einen vor Beglückung flachlegt, der ans Herz geht, ein Lied, das nicht kindergartenmäßig sentimentalisiert (“Papa Pingouin” oder “Tingel Tangel Mann”) oder gleich die neue gesinnungsethische Weltformel ausruft (“Träume sind für alle da” oder “Let’s Get Happy”). Was hören wir stattdessen? “Facebook” ist eine krude Mixtur aus “Wir geb’n ‘ne Party” und “Just Get Out Off My Life”. Nun, wer weiß, bis Freitag kann er nun noch ein neues Lied aus dem Hut zaubern – ein besseres hoffentlich.
Und der Rest der Beschlüsse? Ob Armenien eine Strafe bezahlen muss und alle Länder ab dem kommenden Jahr eine Vorenstchidung verpflichtend ausrichten müssen – wird die Beratung durch das TV-Committee der EBU in den kommenden Tagen entschieden. Wir kommen auf diese Neuerungen detaillierter zurück!









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.