Archiv der Kategorie ‘Länder’

San Marino muss nachsitzen

18. März 2012

Dieser kleine Flecken mitten in Italien, kaum größer als der Vatikanstaat oder Andorra, hat uns nicht enttäuscht: Ja, San Marino hat sich für seinen dritten Versuch beim ESC den Münchner Komponisten Ralph Siegel eingekauft. Valentina Monettas Lied war allerdings noch offen – und es heißt nun: “Facebook”. Kaum hatte ich diese Info gelesen, kriegte ich schon Twitter- und Mailkommentare: “Bitte?” und “Siegel – das ist sein allerschlimmstes Lied” seit jenem für Montenegro oder “Frei zu leben” für Daniel Kovacs und Chris Kempers. Es ist ein überaufgeregtes Stück Lieblos-Pop, dessen Inhalt sich darum dreht, dass “Facebook” arg zu sexualisiert sei. Ich denke, der Mann, der für den Text des englischsprachigen Liedes zuständig war, hat keine Ahnung von dieser Plattform. Sex? Ist “Facebook” ‘ne erotische Hotline?

 

Nein, wir hatten uns San Marino vorgestellt als ein Mikronesien in Mittelitalien, das alle Insignien eines echten ESC-Landes trägt und, der Region angemessen, gute Musik uns serviert. Und was kriegen wir? Eben. Er wollte mal wieder modern sein – und wurde dann doch nur als Großvater kenntlich, der seinen Enkeln vielleicht imponieren wollte.

Und das ist nun ein Problem, des Textes wegen: Die Reference Group hat diesen Titel zurückgewiesen. San Marino könne bis Freitag, wenn also die Frist zur Nominierung der Lieder längst abgelaufen ist, ein ganz anderes Lied bestimmen, aber zumindest muss es diese Siegel-Komposition mit einem anderen Text aufführen lassen. Denn der Titel selbst sei ein Markenname, der einer Promotionaktion für diesen Internetkontaktdienst gleichkomme – und das sei nicht statthaft. Keinen Anstoß nahm das Entscheidungsgremium – der Lenkungsausschuss – des ESC an der sexuellen Anzüglichkeit des Liedes, allein die Bevorzugung eines bestimmten Internetdienstes steht in der Kritik.

ESC-Kenner wissen, dass die European Broadcasting Union (EBU) kommerzielle Werbung auf dem Schleichwege nicht schätzt – das war schon 1987 so, als Lotta Engberg in ihrem Skandi-Reggae nicht mehr von einem braunen Erfrischungsgetränk singen durfte, dessen Name mit Coca anfängt und mit Cola endet – sondern neutraler von “Rock’n'Roll”.

Schade, ich hatte mich, nachdem wir hier im Forum über die Spekulation geschrieben hatten, dass Siegel doch wieder beim ESC mitmischen würde, bei dem Gefühl ertappt, dass er nun, wenngleich im Ruhestand, für San Marino sein ultimatives Alterswerk komponieren. Ein Stück, besser als “I Believe In God” und “Ein bisschen Frieden” zusammen, ein Song, der einen vor Beglückung flachlegt, der ans Herz geht, ein Lied, das nicht kindergartenmäßig sentimentalisiert (“Papa Pingouin” oder “Tingel Tangel Mann”) oder gleich die neue gesinnungsethische Weltformel ausruft (“Träume sind für alle da” oder “Let’s Get Happy”). Was hören wir stattdessen? “Facebook” ist eine krude Mixtur aus “Wir geb’n ‘ne Party” und “Just Get Out Off My Life”. Nun, wer weiß, bis Freitag kann er nun noch ein neues Lied aus dem Hut zaubern – ein besseres hoffentlich.

Und der Rest der Beschlüsse? Ob Armenien eine Strafe bezahlen muss und alle Länder ab dem kommenden Jahr eine Vorenstchidung verpflichtend ausrichten müssen – wird die Beratung durch das TV-Committee der EBU in den kommenden Tagen entschieden. Wir kommen auf diese Neuerungen detaillierter zurück!

Tage der Entscheidungen

16. März 2012

An diesem Wochenende tagt in Baku die Reference Group dess ESC, die höchste Entscheidungsrunde der European Broadcasting Union für ihr Festival – und von deutscher Seite sitzt, als Vertreter des letztjährigen Veranstalters, Thomas Schreiber in diesem Gremium. Nahtlos schließt sich Anfang nächster Woche schließlich das Treffen der sogenannten Head of Delegations an. Was das erste Gremium, das man auch als eine Art Lenkungsausschuss verstehen darf, zu befinden hat, ist simpel umschrieben: einen Überblick zu den Vorbereitungen der Bakuer ESC-Machenden zu gewinnen.

Aber es steht auch mehr zur Beratung an: Wie behandelt man, falls man dieses Verb benutzen darf, Armenien? Immerhin hat dieses mit Aserbaidschan ziemlich verfeindete Land seine Teilnahme am ESC kurzfristig abgesagt, eines Grenzkonflikts zwischen beiden Staaten wegen, bei dem es einen Tote gegeben hat. Eigentlich müsste die Reference Group Armenien mit einer Vertragsstrafe belegen – denn die Teilnahme am ESC kann nicht einfach storniert werden, nur weil ein Konflikt außerhalb des ESC-Geschäfts zu vermelden, zu beklagen, jedenfalls zu bilanzieren ist.

Möglicherweise wird bei den Gesprächen der Reference Group nicht weiter vertieft, dass Armenien von Anfang an wenig Lust hatte, am ESC in Baku teil zu haben und nur die Gelegenheit suchte, mit öffentlichem Getöse auszusteigen: ein Fall innerarmenischer Politik sozusagen.

Misslich ist das alles dennoch: Armenien könnte aus der Geschichte des ESC lernen, dass, wer rausgeht, wieder reinkommen muss. Sonst ist einer ganz aus dem Spiel. Ich finde, man sollte auf eine finanzielle Sanktion verzichten, aber darauf beharren, dass, sofern Armenien im kommenden Jahr wieder mit von der Partie sein möchte, es den ESC aus Baku übertragen muss.

Gleichwohl: eine Verpflichtung gibt es nicht, wie mir Sietse Bakker, Sprecher des ESC, mitteilte. Nur wer ganz und gar neu beim ESC mitmacht, etwa als dies bei Serbien vor Jahren der Fall war, muss ein Jahr vor der ersten Teilnahme den ESC auch ohne eigene Beteiligung ausstrahlen.

Ein anderes Beratungsfeld ist das der Vorentscheidungen: Bereits im vorigen Jahr hieß es, künftig sei jedes Land verpflichtet, den eigenen Kandidaten, die eigene Kandidatin nur durch eine Vorentscheidung ermitteln zu lassen. Interne Verfahren, an deren Ende einfach ein Künstler aus dem Hut gezaubert wird – dieses Jahr etwa Frankreich oder Großbritannien -, sollen nicht mehr statthaft sein.

Aber dieser Plan ist inzwischen wieder fraglich: Viele Länder wollen dies nicht, andere insistieren nicht darauf, diese Regelerweiterung festzuschreiben. Frankreichs Head of Delegation, Bruno Berberes, plädiert für die “Freiheit des Verfahrens” – er möchte sein Land nicht darauf verpflichtet wissen, eine Show auszurichten, die keine Quote bringt, kein öffentliches Interesse.

Ich finde: Eine Vorentscheidung sollte immer wichtiger werden – und von 2014 an müsste gelten, dass eine ESC-Teilhabe an eine Qualifikationsrunde geknüpft ist. Das hieße, sich noch gut ein Jahr auf diese Weiterung des Showformats einzurichten, mit den Plattenfirmen ins Benehmen zu kommen. Die schlichte Wahrheit ist: Wer eine Vorentscheidung zelebriert, hat auch beim ESC selbst bessere Quoten – siehe Schweden, siehe Deutschland, siehe Irland.

Schließlich muss während dieser Sitzungstage auch noch gelost werden – die Startplätze der Halbfinals sowie die der Big Five im Finale. Das aber ist erst Anfang der Woche der Fall, wenn alle Lieder nominiert sein werden, auch die allerletzten, etwa Großbritannien.

Es werden vier Tage der Entscheidungsfindung in Baku.

Griechische Dauerschleifen

13. März 2012

Okay, nun ist es Eleftheria Eleftheriou, die mit “Aphrodisiac” ihr Land in Baku vertreten wird. Ihr Lied ist die gefühlt fünfundzwanzigste Wiederholung des alten Erfolgsrezepts dieses Landes – alles hört sich an wie HelenaPaparizouSakisRouvasKalomiraLoucasYiorkas. Ein wenig Anklang ans Bouzoukihafte, gut tanzbar an jedwedem Strand des Mittelmeeres und eine Sängerin, die den kürzesten Mini auf den höchsten Heels zur Schau trägt.

Irgendwie umwehte die Show der leicht bittere Geschmack von Botox – alles künstlich, alles posenhaft. Aber weshalb auch nicht? Seit 1998 hat Griechenland (damals erntete Thalassa nur den 22. Rang, ihre zwölf Punkte erhielt sie exklusiv durch Zypern) stets vordere und vorderste Ränge mit dieser Mixtur belegt – warum sollte es also falsch sein, diese wieder anzuwenden Um es vorweg zu nehmen – ja, das war schwer zu übersehen. Es gab keine richtige Bühne: Performt wurde in einem Einkaufszentrum von Athen; an den Rändern, auch den der höheren Stockwerke, stand ein verloren wirkendes Publikum. Dessen Beifallsbekundungen für jeden der vier Acts würde man gern frenetisch nennen, aber es hörte sich eher wie ein Konzertauditorium an, das einer dünn besetzten Vorstellung beiwohnt. Man jubelte also für die Zuschauer zu Hause, signalisierend: Ja, wir sind da – und die Krise ist nicht so schlimm.

Eine andere Frage, die sich jeder beim Vorentscheid stellte, war: Wird man in der Übertragung die Folgen der Finanzkrise spüren? Dabei hätte der griechische TV-Sender fast auf den ESC verzichtet. Doch das Musikevent ist so populär, dass der Sender sich an die Vorbereitungen für Baku machte. Der Sender hat dann jedoch einen riskanten Schritt gewagt: ERT, so heißt die ARD Griechenlands, rief bei den gängigen Musikkonzernen an, ob sie nicht für die Kosten aufkommen könnten. Nur die Universal zeigte sich bereit!

Das ist jene Major Company, die seit diesem Jahr auch für die ESC-CD zuständig ist. Eine dänische Firma, die die Lizenz inne hat und einst zum EMI-Konzern gehörte, hat bisher die Sammel-CDs produziert. Jetzt wurde sie von der Universal aufgekauft. (Auch in Deutschland ist sie in dieser Hinsicht präsent: Lenas “Satellite” wurde von Universal betreut.) Die vier Lieder, die bei der griechischen Vorentscheidung zur Aufführung kamen, entstammen dem Liederpool dieses Labels.

Die Siegeskomposition stammt von einem griechisch-skandinavischen Projekt (Dimitis Stassos, Mikaela Stenström und Dajana Lööf). Das zeigt sich einerseits durch die Internationalisierung des ESC, besser: durch die Entnationalisierung. Andererseits gibt es die Tendenz zur Übernahme der Show durch die Musikfirmen selbst. Fehlen den öffentlich-rechtlichen Fernsehstationen mehr und mehr die Mittel, den ESC zu finanzieren?

Vermutlich wird “Aphrodisiac” prima abschneiden. Voriges Jahr fiel Loucas auch nicht als erheblich auf – und landete doch ziemlich vorn. Eleftheria Eleftheriou, 22 Jahre und aus Zypern stammend, viel Glück!

Loreen schwer euphorisch

11. März 2012

Ja, sie zeigte sich glücklich nach ihrem Sieg im Stockholmer Globen. Und, ja, sie habe nicht damit gerechnet. Und, nein, noch habe sie nicht realisiert, was da alles auf sie zukommen wird. Natürlich, ja, das werde sie jetzt Schritt für Schritt begreifen. Kurzum: Loreen, die eben das Melodifestival von Schweden gewonnen hatte, zeigte sich wie eine typische Siegerin – als sei sie wie ein Aschenputtel zu der Entdeckung gekommen, dass die Erbsen doch goldene Körnchen sind.

Was sie in dieser Arena, die 1989 mit dem Melodifestival, bei dem Tommy Nilsson mit “En dag” gewann, eröffnet wurde, schaffte, war tatsächlich ein Triumph der leicht Unterschätzten. Danny Saucedo war eigentlich der Liebling der Medien und der Fans, aber sein “Amazing” war nicht so amazing, wie er es sich womöglich selbst erhofft haben mag: Er wirkte wie eine kleiner Bruder von Eric Saade aus dem vorigen Jahr – aber, ich fand das gerecht, es sollte wohl für das Publikum nicht schon wieder ein äußerlich ins Nichtssagende changierender junger Mann sein, der Schweden international vertritt.

Es war die junge Loreen (sprich: Lore…Ann), die ein Stück von Thomas G:son – ein Veteran des ESC, u.a. “Evighet” für Carola, “In A Moment Like This” für die Dänen von 2010, überhaupt ist gegen ihn Ralph Siegel nachgerade ein ESC-Abstinenzler – mehr gab als sang: Im dräuenden Dunkel auf der Bühne wie eine Mischung aus Kate Bush und Lady Gaga sich wälzend, die Töne vollplaybackhaft ausrührend … Ja, das gab heftig Beifall, und auch von der deutschen Jury gab es die volle Punktzahl. Sie siegte, alles in allem, bei den Juroren, jedoch auch beim Televoting – zusammen langte das für einen deutlichen Vorsprung, den sie schließlich vor Danny Saucedo erzielen konnte.

Aber: Man heiße mich nostalgisch, man nenne mich vergangenheitsselig, doch es fehlte mir bei diesem Melodifestival das, worauf der Macher im Hintergrund, Christer Björkman, so ausnehmend stolz ist. Dass nämlich der Chose jeder Bezug zu Früherem fehlte. Es war wirklich nichts mehr an diesem wichtigsten Ereignis der schwedischen Popindustrie, das noch an ein erfolgreiches Einst erinnerte. Eine Charlotte Nilsson hätte mit ihrem auch internationalen Siegeslied von 1999 keine Chance mehr, ebenso wenig die Herrey’s oder gar Abba. Carola mit “Främling”? Heutzutage nur noch Kindergartenmusik, offenbar.

Ich finde das schade. Es sah über sehr viele Stunden wie die Leistungsschau einer immer noch sehr selbstbewussten Popnation aus – das, womit Schweden aber auch berühmt wurde (nein, nicht Abba), sondern mit den Cardigans, mit Roxette oder mit Chanteusen wie Lisa Nilsson oder Idde Schultz, fehlt in diesem Setting völlig. Insofern darf man sagen: Es war eine durchindustrialisierte Show, die in ästhetischer Hinsicht jede Spur von Unbeholfenheit, jedoch auch Experimentierlust vermissen ließ. Selbst Ulrik Munthers ruhigeres Lied namens “Soldier” nahm sich noch konfektioniert und viel zu perfekt aus.

Loreen ist jetzt, natürlich, falls mir dieser Kalauer erlaubt ist, schwer euphorisch. Sie war und ist die Königin des Melodifestival, sie bietet am ehesten, was Schweden immer so inbrünstig sich verschreibt: die Hoffnung, mal wieder zu gewinnen. Für Uneingeweihte muss man sagen: Schweden glaubt immer, ausnahmslos, dass es mit dem ESC-Lied auch gewinnen kann. Und hernach ist das Gemecker und Gegreine groß, wenn es mal wieder nicht klappte. Sie sagen: Die haben doch ziemlich oft gewonnen, gemessen an Finnland, gar an Portugal, das es sogar nie unter die besten drei schaffte. Nein, Schweden hat da nicht erst seit Abba größerer Rosinen im Kopf, geht es zu den Popeuropameisterschaften. Aber Loreen? Ich schätze, mit inszenierter Superdunkelheit auf der Bühne ist das nicht zu packen.

Portugal hat mir den rätselhaftesten Beitrag dieses Jahres vorgelegt. Einmal mehr dachte ich vor der Vorentscheidung: Na, irgendwann schaffen die, ein Lied zu wählen, das es überraschenderweise so schaffen könnte wie für Finnland Lordi 2006. Aber sie wählten eine Fado, und zwar einen faden. Alles bei diesem Lied ist irgendwie richtig. Die Handbewegungen, die Stimme, das Kleid – aber es schleppt sich wahnsinnig. Drei Minuten ist das Lied laut Stoppuhr, aber guckt man auf diese nicht, hat man das Gefühl, es musikalische Dokument an Melancholie hat die letzte Note erst nach zehn Minuten hinter sich gebracht.

Ist was für die Jurys!, könnte man sagen. Und Serbien? Zejlko Joksimovic macht, was er kann: schöne Musik. Was er namens seines Landes in Baku vortragen wird, scheint mir allerdings nicht so hübsch und ethnobalkanmäßig feinziseliert wie sein “Lane moje” von 2004 oder die anderen Geschichten, die er so in petto hatte.

Warten wir weiterhin auf das Superlied? Oder haben wir, habe ich es bisher nur überhört?

Melodifestivalen oder: reicht lippensynchron?

9. März 2012

Für viele Fans ist dieses Wochenende das wichtigste vor den Tagen von Baku – es ist, mit den Vorwahlen in den USA besprochen, der Super Saturday, der uns bevorsteht. Und eine Vorentscheidung fällt dabei besonders ins Auge, für viele Freunde des ESC ist sie die wichtigste, interessanteste, spannendste von allen. Nämlich die schwedische, im Dreikronenland Melodifestivalen (“Das Melodiefestival”) genannt. Mein Freund Ida aus Kopenhagen wies mich nun auf Gerüchte und Beobachtungen hin, die in hiesigen Foren angestellt wurden: “Wenn der Sänger zum Lippenbeweger mutiert”, hieß es dort, auf das immer weiter um sich greifende Playback anspielend. Und meine Recherchen besagen: Ja, diese Gerüchte kommen den Fakten nahe.

Eric Saade und seine Tänzer bei den Proben für den ESC 2011 in Düsseldorf. Foto: Rolf Klatt / NDR

Eric Saade und seine Tänzer bei den Proben für den ESC 2011 in Düsseldorf. Foto: Rolf Klatt / NDR

In Schweden wird seit Jahren von einigen Performern ein Playback bevorzugt, bei dem sie selbst stimmlich nicht auf der Höhe sein müssen. Aber, und hier beginnt das Problem: Jene, die wir aus Schweden sahen – etwa in Moskau Malena Ernman, in Düsseldorf Eric Saade – konnten auf eine Schar von Tänzern zurückgreifen. Die sangen im Vorentscheid jedoch nicht. In Moskau und Düsseldorf konnten diese Tänzer nicht auftreten, denn sie wiederum konnten partout nicht singen. Doch es ist im Finale weiterhin verboten, die sogenannten Backing Vocals vom Band kommen zu lassen. So erklärt sich, weshalb bei den schwedischen Vorentscheidungen die Lieder mit mehr Schmackes daherzukommen scheinen: Dort kam vieles vom Band, international wäre das regelwidrig gewesen: Saade und Ernman allein klangen eher dünn! (Nebenbei: Doris aus Kroatien beging diesen Regelbruch 1999, als sie sich den Chor ihres “Marija Magdalena” vom Band zuspielen ließ – und mit dem Abzug eines Drittel ihrer Punkte bestraft wurde, was allerdings niemanden scherte.)

Man muss das in Schweden so verstehen: Christer Björkman, seit Anfang der nuller Jahre Chef des Melodifestival und 1992 in Malmö selbst für Schweden auf der ESC-Bühne (er landete auf dem vorletzten Platz), trimmt die Show Saison für Saison drängender auf Dancefloorformat, und das heißt auch: nicht auf Live-Performance. Dieses Jahr jubelte er in schwedischen Medien: Der Schlager ist out, Dancefloor ist in. Nur: Wird erst der Livegesang der Choristen getilgt, ist es auch nicht mehr weit, dass die Performenden ebenfalls nur noch die Lippen möglichst synchron zur Stimmenspur vom Band bewegen müssen. Sie bräuchten dann nur noch Gesang darstellen. Man nenne meine Haltung kulturkritisch, ja, zeihe sie, nichts vom heutigen Showgeschäft zu verstehen, wo doch alles ästhetisch unter Kontrolle gebracht werden muss, auch die Stimmen, aber: Damit wäre ich nicht einverstanden.

ESC heißt doch, nach Abschaffung der Orchester spätestens seit 1999, dass man alles aus der Konserve bekommen kann. Aber an den Stimmen sollst du sie erkennen. Ohne das Kriterium, dass jedes Organ live besonders gut oder eben auch besonders schlecht klingen kann, wäre der ESC nichts als eine Playbackdarstellungsschau.

Insofern zeichnet sich in Schweden eine Entwicklung ab, die man kaum als Avantgarde bezeichnen kann: Es wäre ein Fortschritt, der den Tod brächte. Christer Björkman, der stimmlich selbst zu den eher dünnstimmigen Vertretern im schwedischen Schlagergeschäft zählte und auch deshalb 1992 so ein Debakel im eigenen Land erlebte, ist der Kopf einer Entwicklung, die nichts Gutes bringt.

Im Melodifestival ist mal wieder einer favorisiert, der auch kaum singen kann, Danny Saucedo. Sein “Amazing” lebt so sehr von technischem Nippes (LED-Nähte in den Tänzerklamotten u.a.), dass man denkt: Da lenkt einer ab von der minderen Güte seines Liedes. Ähnliches trifft auf Loreen zu, die “Euphoria” anstimmt. Ob sie das wirklich tut, wissen wir nicht: Kommt, so hörte ich es in den Clips des schwedischen Fernsehens SVT, irgendwie alles aus dem Hintergrund. Zwischen den beiden wird sich wohl entscheiden, wer nach Baku fährt: Dort werden wir dann hören, was sie nicht können – singen!

Omas im Rudel

8. März 2012

Nein, es steht zu vermuten, dass Engelbert Humperdinck nicht der älteste Teilnehmer in Baku sein wird. Und dass das so sein könnte, liegt an der russischen Vorentscheidung, die wir gestern Abend erleben konnten. Denn gewonnen hat niemand der jungen, sehr, sehr, sehr jungen Kandidaten, sondern eine Sechsergang aus alten Frauen in bunten Kostümen, die sich Buranowski Babuschki nennen. Das heißt: Die Omas aus Buranowski singen “Party for Everybody!”, und das Publikum, das sie wählte, hinderte den ESC-Sieger von Belgrad Oslo, Dima Bilan, mit knapp neun Punkten Vorsprung, abermals und zum dritten Mal in die ESC-Arena zu steigen.

Ich habe diese Vorentscheidung gesehen und muss gestehen: Zunächst fand ich diese Damen bizarr. Folklore! Der ESC ist doch kein Altenheim, seufzte meine Seele, aber dann nahmen sie mich ein. Ihr Lied hat Schwung, es eignet sich perfekt als Stimmungsgrölschlager und die Performance des Sextetts ist von ansteckendem Optimismus: Ja, mit denen wird man in Baku Spaß haben. Keine Stimmungskillerinnen. Sie singen, das für Connaisseure, teilweise in Udmurt – einer Sprache, die dem Finnischen und Ungarischen nah ist. Für Kenner empfiehlt sich ein kleiner Eintrag aus Wikipedia: “Die udmurtische Sprache (…) gehört zum permischen Zweig der finno-ugrischen Sprachen und wird in Udmurtien im westlichen Uralgebiet (…) gesprochen. Von den insgesamt etwa 637.000 Udmurten sprechen 72 Prozent Udmurtisch als Muttersprache (2002), während dieser Anteil 1989 noch bei 77 Prozent lag. In Kasachstan sprechen etwa 15.000 Menschen udmurtisch.”

Mit der Zeit der Vorentscheidung, die sich recht lange hinzog, fanden die Damen auch beim Saalpublikum nachgerade frenetische Unterstützung: Ja, die will man sehen. Ich finde, in der folkloristischen Zuspitzung ist dieser russische ESC-Act seit mindestens zwei Jahrzehnten unübertroffen. Der norwegische Beitrag von 1980, “Samid Aednan”, und der spanische von 1983 von Remedios Amaya kommen in der Qualität dem russischen Lied dieses Jahres nahe. Allein: Die Babushki haben mehr Esprit, verzichten auf Drama und Melancholie. Das ist gut für die Stimmung – und wird einen schönen Generationsspannungsbogen bilden: Hier der Routinier Engelbert mit einem vermutlich sensationell coolen Lied, dort die aufgeheizten Russinnen, die vermutlich richtig Lust auf einen Ausflug nach Aserbaidschan haben.

Ich bin, obwohl mir das Lied bitte nicht sechs Mal am Stück ins Ohr geträufelt werden möge, begeistert: Soviel Wahlüberraschung hätte man doch aus Russland nicht erwartet.

P.S.: Gegen diese Frauen, deren Alter wir nicht genau wissen, deren Familienstände wir noch nicht kennen und deren Karrieren wir nicht abschätzen können, ist vieles bei diesem ESC Konfektion. Aber das steht doch wohl fest: So sehr unter der Überschrift “Diversity” wie bei dem diesjährigen ESC, stand der Contest schon sehr lange nicht.

Armenien sagt ab – schade!

7. März 2012

Was man schon hätte ahnen können, ist nun auch tatsächlich eingetreten und im ESC-Kontext die Nachricht des Tages: Armenien hat seine Teilnahme am Eurovision Song Contest für dieses Jahr abgesagt. Über die Gründe darf spekuliert werden, sicher ist jedoch, dass ein Grenzvorfall Ende Februar an der Linie zwischen Aserbaidschan und Armenien dazu führte, dass ein armenischer Soldat ums Leben gekommen sein soll. Kurz darauf kursierte in Armenien eine öffentliche Unterschriftenaktion von Künstlern und Intellektuellen, die dafür warb, dass man keinen Act nach Baku schicken solle – denn dort könne nicht für das Wohlergehen der Künstler gesorgt werden. Anfang März sollen zwei aserbaidschanische Soldaten an der Grenze erschossen worden sein, der Waffenstillstand zwischen den beiden verfeindeten Ländern wird immer wieder von Zwischenfällen überschattet.

Nun: Wirklich überraschend kommt diese Stornierung nicht – eher wirkte es bizarr, dass Armenien bis gestern beteuerte, auf jeden Fall dabei sein zu wollen. Das war insofern irritierend, als beide Länder sich in den vergangenen Jahren mühten, sich zu ignorieren. Man gab sich keine Punkte – und das aserbaidschanische Fernsehen Ictimai TV sorgte sogar in einem Jahr dafür, dass der armenische Beitrag nicht übertragen wird. Anrufen für ein Lied aus Armenien war in Aserbaidschan ein riskantes Unterfangen: Die Telefonleitungen waren, salopp formuliert, mit den Sicherheitsbehörden kurzgeschlossen.

Eigentlich hätte Armenien bereits auf eine Meldung für den ESC verzichten können; dann allerdings hätte man, um 2013 wieder dabei zu sein, die Show aus Baku übertragen müssen – aus der Perspekte Eriwans wäre das quasi Propaganda ohne die Chance des eigenen Eingreifens gewesen. Auch gab man keinen Laut, als die Halbfinals ausgelost wurden.

Seit den frühen neunziger Jahren sind sich beide Länder nicht grün, und man ist gut beraten, als Außenstehender keine besondere Sympathien für eines der beiden Eurovisionsmitglieder anzuhäufen. Das Risiko, dass eines der Länder sich dann beleidigt fühlt, ist groß. Der Streit geht um Landflecken in den kaukasischen Bergen, um ethnische Ein- und Ausschlüsse, um Autozubringerstraßen und Militärprovokationen. Und es geht um nationale Symbole, um alte, sehr alte Konflikte.

Aserbaidschan gab der EBU schon vor Monaten die Zusicherung, besonders auf die Sicherheit der armenischen Delegation zu achten – aber seit den Grenzkonflikten der letzten Wochen gelten die in Eriwan als nicht mehr ausreichend. Nun zog man sich also zurück. Ola Sand, Generalsekretär des ESC, teilte mit, er bedaure die Entwicklung, aber deren Umstände lägen außerhalb von allem, worauf die EBU Einfluss nehmen könne.

Eine so kurzfristige Absage vom ESC gab es in dessen Geschichte noch niemals zuvor. Zogen sich Länder zurück, waren die Gründe Staatstrauer oder Disqualifikation (Frankreich, Zypern) – oder wie 2009 Georgien, das in Moskau nicht mit einem offen spöttischen Lied gegen Wladimir Putin antreten durfte.

Ich bedaure die Absage Armeniens – nicht nur deshalb, weil von dort immer so hübsche Lieder kamen. Nein, sie hätten es wagen sollen, nach Baku zu gehen. Das hätte dem Frieden mehr gedient als der Rückzug jetzt.

Eine Zwischenbilanz

5. März 2012

Ein paar Tage nach der Bekanntgabe der BBC, Engelbert Humperdinck erfolgreich aus dem ohnehin rührigen Ruhestand gebeten zu haben, ist es Zeit für ein Fazit, da inzwischen fast zwei Drittel aller Baku-Songs bekannt sind.

So viel lässt sich über das Outing der BBC, wen sie da aufgrund von akuter Ratlosigkeit über ein geeignetes Vorentscheidungsverfahren aus dem Hut gezaubert hat, sagen: Es herrscht eine irritierende Begeisterung. Einer schrieb mir, Axel aus Düsseldorf: “Ich bin, muss ich sagen, angenehm geschockt.” Und Steffi aus Berlin suchte sich gleich einen Reim auf das Geschehen zu machen – die Renaissance der Alten und Abgerüsteten. Sie fragte, womöglich nur rhetorisch: “Greift das Altersphänomen auch schon nach UK? Rehagel, Gauck, Humperdinck – who’s next?” Vor sehr vielen Jahren gab es im Fernsehen die Sage vom “Bellheim”, gedreht von Dieter Wedel mit Mario Adorf. Schon dieses Stück handelte von Alten, die ein von jungen Managern zum Schlingern gebrachtes Kaufhaus wieder in Schwung bringen – ein Märchen, so hieß es.

Nun kommt in die gern abfällig als Nachwuchsshow bezeichnete Grand Prix Eurovision-Chose der Geist des Guten – weil Alten. Ich schätze: Ehe wir auch nur einen Ton des Liedes von Engelbert hören werden, wird sich Lys Assia öffentlich schwerst ärgern, dass sie es nicht zum Titel der allerältesten Teilnehmerin aller Zeit schaffen wird.

Aber wie sehen wir die anderen – vor dem Wochenende, da Schweden sein Melodifestival abschließen wird? Und Griechenland noch nicht gewählt hat, ebenso wenig Russland, Belgien oder Portugal?

Ich habe am Wochenende einen sogenannten Hausfrauentest durchgeführt, also jenes Verfahren, bei dem man sich nicht jedes Lied dreißig Mal anhört – schön hört! -, um dann zu Prognosen zu kommen. Nein, ich kannte die meisten Lieder nur vom flüchtigen Zuhören. Jetzt aber: 26 Lieder mit je 30 Sekunden.

Auffällig ist, dass viele wieder die schnellen, hektischen, nervösen Nummern bevorzugen, etwa Norwegen, Georgien, auch Israel und die Türkei. Letztere immerhin klingt orientalisch-fremd, was günstig sein kann. Dieser Sänger ragt deutlich über alle hinaus, sehr exotisch, dieser Can Bonomo. Spaniens Pastora Soler ist von klassischem Schneidemuster, eher sachte im Tempo, infernalisch gut ihre Stimme – und toll der Schluss. Hat was von der guten alten hispanischen Divenschule wie Paloma San Basilio.

Am auffälligsten aber fräste sich die Niederländerin Joan Franka in mein Ohr, die neulich beim Sieg in ihrem Land durch ein Indianerkostüm auffiel – was zunächst von der Güte ihres Lieds ablenkte. Güte?, werden jetzt manche fragen. Ist das nicht zu simpel? Ich finde, es ist so simpel und gut, so auf das Beiläufigste intensiv wie einst die Olsen Brothers. Immer unterschätzt, die Wochen vorher – und dann doch ziemlich oben, nicht wahr?

Wir erinnern uns: Bei der Jury lag diese Holländerin nur auf dem dritten Platz, ehe sie durch das Televoting, das sie haushoch für sich entschied, noch zum Sieg kam. Sie sollte man wetten, noch stehen die Quoten prima, niemand hat sie so recht auf dem Zettel.

P.S.: Dass Finnland und Estland eher altmodische Lieder nach Aserbaidschan schicken, bestärkt mich in meiner These: Das Unübliche, das Unkonventionelle hat bei allen Vorentscheidungen eine Chance, wenn es gut dargereicht wird. In beiden Fällen: So war es!

Bizarr oder genial, dieser Engelbert?

2. März 2012

Als mich die Meldung gestern abend kurz vor Mitternacht erreicht, guckte ich vorsichtshalber auf das Datum: nicht der 1. April? Es ist wirklich kein Scherz? Mehrere Mails von Freunden auch via Facebook signalisierten: Es könnte wahr sein, aber es möcht’ sich als Scherz herausstellen. Nach allem, was ich heute morgen so lese im Internet, wird es aber so sein: Engelbert Humperdinck, der letzte der superprominenten britischen Schnulziers, ist der Kandidat der BBC für den ESC in Baku.

Für Jüngere zur Verdeutlichung: Engelbert Humperdinck, eigentlich Arnold George Dorsey, wurde 1936 geboren, ist noch 75 Jahre alt und wäre, da er am 2. Mai Geburtstag hat, in Baku 76. Engelbert ist eine Showlegende, und zwar nicht direkt aus der ersten Reihe. Er war in den Sechzigern die Ergänzung zu Tom Jones – lebte dieser das Sexuelle (“The Tiger”) offenherzig aus, beschränkte sich Engelbert auf dezente, romantisch inspirierte Andeutungen. Er trug Schnauzbart, weil ihn das noch schnulziger machte und verfügte über einen Augenaufschlag, der nicht viel Frivoles versprach, dennoch in vielen Frauen (und manchen Männern) Träume stimulierte. Er hatte seine ersten fetten Erfolge (“Please Release Me”), als Sandie Shaw den ESC gewinnen konnte; und er war ein verlässlicher Crooner (“Schnulzier”) zu einer Zeit, als die Ästhetik der James-Bond-Filme noch mit Monaco, Cocktails und sehr schönen, unemanzipierten Frauen zu tun hatte: Engelbert ist in gewisser Weise der Dauercroupier im englischen Schlagergewerbe – so sieht er aus, wenn er cremefarbene oder gar fliederfarbene Anzüge trug, dazu lackierte Schuhe.

Die Umstände, die die BBC dazu brachten, diesen Oldie-hopefully-Goldie zu nominieren, bleiben im Dunkeln. Richtig ist jedoch, dass Engelbert eine Notlösung sein könnte: Man hatte in den vergangenen Jahren buchstäblich alles probiert, um sich als Kernsender des ESC der späten Sechziger nicht allzusehr zu blamieren, aber meist führte das nicht zu dauerhaft guten Platzierungen, auch nicht zu guten Einschaltquoten. Die britische Popindustrie hat offenbar das Format ESC noch nicht für sich entdecken können; der frühere BBC-Kommentator Terry Wogan mag mit seinen ironischen bis ätzenden ESC-Kommentaren das Seinige dazu beigetragen haben, das Interesse zu dämpfen.

Jetzt also Engelbert? Das Lied ist noch unbekannt, durchgesickert ist aber, dass es von Martin Terefe (Mary J Blige, James Morrison) und Sacha Skarbek (Adele, Lana del Rey) betreut werden soll. Keine schlechte Adressen, würde ich sagen. Könnte ja sein, dass eine bizarre Geschichte dabei herauskommt, zum Fremdschämen einladend – oder etwas Geniales.

Keine Wurst in Baku

25. Februar 2012

Da nützte doch alle Fürsprache nix, die da etwa Marianne Mendt leistete: für Conchita Wurst, dass er das beste Lied des Abends habe. Am Ende blieb die Kunstfigur auf dem zweiten Platz; es soll sehr knapp gewesen im Finale, “That’s What I Am” habe dort gegen den Sieger nur hauchdünn den Kürzeren gezogen.

Nun ja, man könnte es so lesen: Mit dem Stück der “Trackshittaz” gewann ein Zwei-Jungs-Konzept, das außerdem die halbschlüpfrige Nummer “Woki mit deim Popo” gab. Sprachlich entspricht die Nummer den Ansprüchen von ESC-Puristen, die in der Verenglischung der Textwelten den Ausverkauf europäischer Kultur erkennen möchten. Dieser österreichische ESC-Beitrag lebt vom Mundartlichen und bedeutet wohl: Europa, wie auch immer ihr uns bewertet, wir zeigen euch unsern Allerwertesten! Gegen diesen Zug von österreichischer Beleidigtheit – keine Nichtsiege, also Niederlagen akzeptieren zu können, sich selbst für die Größten zu halten etc. pp. usw. – war kein Wurst, sorry, kein Kraut gewachsen.

Conchita Wurst hatte allerdings auch nicht das phänomenale Lied, das ihr etliche Menschen während der Show attestierten. Es war eher eine Mixtur aus “I Am What I Am”, “Inviscible” von Carola, “Drama Queen” von DQ – und überhaupt allen Eurodiscotrashnummern der vergangenen 20 Jahre plus CSD-Wagen-Grölpop. Kurz: Frau Wurst war die perfekte Bewohnerin im Käfig voller Narren, und für dieses Ding beanspruchte sie den Nimbus einer Botschafterin der Toleranz.

Nein, sie verlor gegen die verklemmten Trackshittaz (soll das eigentlich Rillenscheißer heißen?, egal, Österreich eignet ja stets etwas Ordinäres) mit ihrer anal-orientierten Hymne. Leider erfuhren wir nichts von den Voten – wie schon in anderen Ländern gab es keine offenen Wertungen. Plötzlich waren Trackshittaz und die Wurst im Finale – und die anderen draußen. Wo waren die Stimmen der Experten, wo die Wertungen des Publikums? Wie mischten sich im Zweierfinale die Voten von Jury und Publikum? Rätsel über Rätsel, die mit Mauschelei zu tun haben könnten oder auch nicht. Allein: Für den Anschein von Korrektheit wüsste man gern mehr. Viel mehr!

Im Übrigen hatte ich mich gerade an Conchita Wurst gewohnt. Ihr Lied war wie ein Treffen eines alten Bekannten, ein Oldie, ein Evergreen – keine Überraschung, sondern ein alter Teebeutel, der schon öfters durch heißer Wasser gezogen wurde und immer noch ein Getränk abgibt. Conchitas Show war sehr schön: Alle Gesten wie aus dem Lehrbuch, sehr grandprixesk und pseudoglamourös – und das mit Leidenschaft!

Wir werden es in Baku sehen. Die Trackshittaz im Finale? Ich habe da meine Befürchtungen.

Und in Irland haben es Jedward abermals geschafft. Anders als in Düsseldorf und mit “Lipstick” werden sie mit “Waterline” aber beweisen müssen, dass sie mehr als nur Gymnastik auf der Bühne können. Einerlei: Irland wählte die Twins beinahe überwältigend deutlich. Glückwunsch!