Archiv der Kategorie ‘Nationale Künstler’

Häme? Braucht kein Mensch!

12. Februar 2012

Im Freundeskreis spendete man mir Mitleid. Gerade waren die Quoten für “Unser Star für Baku” bekanntgeworden, und zwar die jener Folge, die in der ARD lief. 1,99 Millionen Menschen schauten zu, das kam einem Marktanteil von 6,3 Prozent in der Tat einer vollpfostigen Enttäuschung nah.

Yana Gercke im Viertelfinale von "Unser Star für Baku". Foto: Willi Weber/NDR/ProSieben

Ich versuchte zu beschwichtigen, und je länger ich darüber nachdenke, geht mir jede Art der Selbsttröstung aber ab: Was würde eine vierfache Publikumsmenge nützen, wenn es nur Volksmusikalisches zu gehören gegeben hätte? So viele Männer und Frauen gucken in der ARD sonst nie so modernes Zeugs – und Raab würde kalauern: “Der Moik, Moik, Moik, / nimmt immer so’n geiles Zoig”.

Jedenfalls gab Thomas Schreiber, ARD-Unterhaltungskoordinator zu Protokoll: “Auch wenn die Zuschauerzahlen von Donnerstagabend keinen Anlass zu Freudensprüngen geben, gilt die alte Sportlerweisheit: Bilanz gezogen wird am Schluss. Jetzt warten wir erst einmal Halbfinale und Finale von ‘Unser Star für Baku’ ab: Welche Sängerin oder welchen Sänger schicken die Zuschauer mit welchem Song in die aserbaidschanische Hauptstadt? Wenn unser Siegertitel ein Hit wird, wissen wir, dass alles möglich ist. Die große Entscheidung findet am 26. Mai im Ersten statt, wenn die Zuschauer Europas beim Eurovision Song Contest über unseren Beitrag abstimmen.”

Und nichts könnte richtiger sein: So sehr auch “DSDS” oder “Voice of Germany” für den Moment mehr Popularität genießen – so doll wird man dann im Mai in Aserbaidschan sehen, dass die Quoten alle zugunsten der ARD ausfallen.

Ich finde, alles in allem, schade, dass nicht mehr “Unser Star für Baku” am Donnerstag gesehen haben: Es war eine gute Show – und alle, auch Katja, haben alles gegeben, um nicht auszuscheiden. Und: Ornella und Roman und Shelly waren für mich besonders gut, so aus der Erinnerung notiert.

Montagabend geht es also weiter bei ProSieben, es geht um den Einzug ins Finale. Zwei müssen die Show verlassen – und ich würde sagen, Roman schafft es bis zum Donnerstag … aber welche Konkurrentin ihm zur Seite stehen wird, ist doch ziemlich offen. Ich würde sagen: Yana hat die besten Karten, sie hat eine treue Fanbase. Shelly und Ornella allerdings sind nicht chancenlos, natürlich nicht. Das könnte die Pointe des Abends werden: Roman und Ornella im Finale – und Yana, die Dauerspitzenfavoritin, bliebe auf der Strecke. Man wird sehen!

P.S.: Die maue Quote gibt immerhin einen Hinweis: Man könnte sich für das nächste Jahr wirklich überlegen, gewisse Veränderungen einzuführen. In der Jury, im Casting, in der Auswahl. Aber das ist Schnee von übermorgen. Noch!

Katja dann doch!

9. Februar 2012

Um 21:29 Uhr, da lief das Viertelfinale bereits eine Stunde und 14 Minuten, sprach Thomas D von ihr in der Vergangenheitsform. Um ein Urteil zu Katja gebeten, sprach er von ihr wie von einer Hingeblichenen, also von einer, die für den weiteren Verlauf der Dinge im Hinblick auf Baku keine Rolle spielen würde. Ja, und so geschah’s auch wirklich.

Katja, nach einem intensiven Kopf-an-Kopf-an-Kopf-Kopf-an-Kopf-Rennen, schied mit gleicher Prozentzahl wie jene, die auch Shelly auf sich vereinen konnte, aus.  Nun ja. Ich fand sowieso, dass die Blitztabelle einige Verläufe nahm, die an Manipulation vielleicht nicht gemahnte, aber skeptisch stimmte.

Denn Katja, die nach ihrem Vortrag ersichtlich nicht an die anderen vier Kandidierenden heranreichte, rauschte plötzlich eine Viertelstunde nach Thomas Ds mündlichem Begräbnis die Prozentkurve bei ihr heftig so sehr nach oben, dass sie plötzlich an der Spitze lag.

Kann das wahrhaftig gewesen sein? Oder ist die Fanbase von Katja ganz Brandenburg plus alle Ostbezirke von Berlin, die obendrein noch alle zeitgleich anriefen?

Es bleibt rätselhaft.

Ansonsten alles wie immer: Roman wurde von allen JurorInnen gelobt, heftig gepriesen und eigentlich schon nach Baku delegiert behandelt. Aber er sang und performte heute auch exzellent; ebenso wie im übrigen auch Katja in ihrem zweiten Lied. Yana allerdings blieb fahl und eher unauffällig. Seltsam, dass sie immer noch so hoch gehandelt wird: Möglich, dass das Publikum in der nächsten Sendung doch genug hat von dieser immergleichen Ästhetik dieser jungen Frau, die Rock so gern singt und irgendwie doch nie die ganz große Röhre raushängen lässt.

Und Shelly? Eine Kämpferin. Schade, dass sie nicht das Volumen in der Stimme hat wie Eartha Kitt oder wenigstens eine Backgroundsängerin von Gladys Knight. Tolle Showfrau. Ich wünschte, selbst wenn sie nicht gewänne, Thomas D würde für sie HipHop-Choräle erfinden und sie als Real Voice of Germany promoten.

Denn, nicht wahr, an einem Sieg an Roman kommenden Donnerstag kann kaum gezweifelt werden. Was ihn von Max Mutzke unterscheidet? Wissen Sie’s?

Doch nicht ausgeshellyt – gut so!

6. Februar 2012

Sie schien zu schwächeln, die Shelly, die mit einer Amy-Winehouse-Adaption begann. Und, jawohl, sie lag in der ersten Blitztabelle zu Beginn der Show auch ziemlich weit hinten, deutlich, sehr deutlich hinter den deutlich führenden Roman und Yana. Und was war das Ende vom Lied, was blieb, als die Messe dieser Runde gelesen war (um Stefan Raab zu paraphrasieren)? Shelly, die “I Try” wunderbar interpretierte, als sei es das leichteste der Welt, eine schwere Nummer persönlich und eigen scheinen zu lassen, diese Shelly belegte sogar den zweiten Rang hinter Roman – und ließ die verdutzte Yana hinter sich. Die natürlich nicht unglücklich sein musste über ihren dritten Rang.

Shelly Phillips in der fünften Show von "Unser Star für Baku". Foto: Willi Weber /ProSieben.

Neben Shelly aber war Katja das Phänomen des Abends. Ach was: des ganzen “Unser Star für Baku”-Castings. Ihre Lieder eher leise; ihre Stimme ohne besondere Markanz; ihr Fluss an Darstellungskunst eher träge – aber sie wurde schon wieder nicht hinausgeworfen; sie muss über eine prima Fanbase in Berlin und anderswo verfügen. Eine, die auch zum richtigen Zeitpunkt anzurufen weiß. Katja jedenfalls, bei der allerersten Blitztabelle noch auf dem letzten Rang und deshalb als erste singend, schaffte mit einer eigenen Komposition – über die die einen sagen, sie sei zur Fahrstuhlbeschallung perfekt, die anderen aber meinen, sie eigne sich für Jugendherbergsliedkurs – den Sprung in die Runde am nächsten Donnerstag. Respekt!, möchte man sagen – da ist eine diplomierte Liedermacherin, und was macht sie? Sie holt aus dem, um ein ökologisches Bild zu verwenden, winterlichen Gemüsekorb doch genug Vitamine heraus, dass viele, sehr viele glauben, das könnte schmecken.

Die Tragödie des Abends war hingegen Céline, die Kaffeeköchin aus Lörrach kurz vor der Schweiz. Sie sah toll aus, ja, wirklich, da hatte Alina Süggeler recht. Sie trug ein mondänes Kleid, ihr Lippenstift hatte die Farbe lockenden Bluts – und ihre Haare trug sie angemessen glatt hängend. Allein: Raab sagte es deutlich. Dass sie nämlich den entscheidenden Ton von “Russian Roulette” durch die Bank versemmelt habe.

Und so flog sie ganz knapp hinter Ornella – auch nicht die Leuchte des Abends! – heraus. Sie atmete schwer in den letzten Sekunden der Abstimmung, aber jetzt wird sie einsehen: Sie hat alles probiert, auch, wie ihr Raab geheißen, ein wenig Schmutz in der Stimme durchschimmern zu lassen. Doch für diesen fehlte es ihr an Timbre, ja auch am Volumen.

Dieser ihr Baum wuchs nicht in den Himmel – sie hatte gewiss eine prima Zeit.

Ein Lob noch der Moderation. Gätjen und Rieß waren locker und gut – als hätten sie schon jede Menge Routine. Dafür, dass sie keine bis gar keine Sympathien durchblicken lassen dürfen, dass sie also irgendwie immer alles gleich machen müssen, wirkten sie abwechslungsreich.

Und nächstes Mal? Ich denke, um das Omen zu bemühen, das an Katjas Seite verharrt: Ornella – sie hatte einen gediegen-plätschernden Auftritt mit “You Are The Sunshine Of My Life”, einer, der reichte für die Runde der letzten Fünf. Mehr wird, glaube ich, nicht drin sein.

Abbitte oder Der gefühlte Moment

5. Februar 2012

Ich bitte tisch um Verzeihung; sein Beitrag (Kommentar Nr 53 zu meinem letzten Eintrag) hat mich beschämt. Ja, es ist wahr: Vor genau zwei Jahren, inzwischen habe ich es selbst nachrecherchiert, habe ich Lena Meyer-Landrut keine Chance gegeben. Nicht in Köln, schon gar nicht in Oslo. (Und ich hätte Stefan Raab ernst nehmen sollen, damals wie heute. Ihn, der die Ruhe selbst ist.) Ja, und es ist auch wahr in diesem Zusammenhang, dass vor zwei Jahren plötzlich alle – auch ich - dachten, “Unser Star für Oslo” sei auf Langeweile abonniert, die zu ertragen eine gehörige Portion Toleranz nötig sei. tischs Recherchen sind zutreffend.

Und jetzt zu meiner Entschuldigung. Ja, ich hätte es wissen können, das, was damals so empfunden und kommentiert wurde. Und, ja, auch dieses Jahr habe ich mich von meinen Gefühlen hinreißen lassen, und zwar meinen Gefühlen des Moments. Nicht von der Vernunft, die doch eigentlich es besser wissen könnten, jedenfalls in manchen Fällen. Donnerstag war die Atmosphäre in unserem Kreise ungefähr so: Mann, was redet die Süggeler da, das ist doch auch immer das gleiche. Und Thomas D – auch er wie von Anfang an schwerst begeistert von Roman und Yana. Und so denkt Stefan Raab ja auch: Außer Yana und Roman ist für ihn alles ehrenwert, aber alles im Rahmen des Konfektionellen. Er wusste bei Lena die Extravaganz, die Extra-dry-Qualität einzuschätzen – und er wird es vielleicht sogar in Sachen Roman oder Yana richtig erahnen.

Diese Bitte um Verzeihung lässt sich gleich erweitern. Auch in Oslo – allerdings, wenn ich richtig erinnere, habe ich in dieser Hinsicht keinen vorblökenden Ton vom Stapel gelassen – redeten vor allem viele deutsche Fans von Lena, als komme sie nicht für einen Sieg in Betracht. Während britische oder spanische Journalisten und Fans längst von Lena als der wahrscheinlichen Siegerin sprachen, als sie von “Satellite” redeten, das bestimmt der europäische Soundtrack des Sommers werde, da mäkelte auch meine Freundin Carla-Sophie, stets im Kreis von Freunden, die ihrem Geschlecht garantiert nie an die Wäsche gehen würden, davon, dass Lena die falschen Haare trüge, dass das Bühnenbild nicht passe und sie sowieso überhaupt nichts hermache.

In offenkundiger Wahrheit der später historischen Tatsachen von Oslo war das krass fehleingeschätzt: Der Lena-Look hatte sich in etlichen Ländern Europas die Monate danach bei vielen jungen Frauen durchgesetzt.

Gut möglich, dass Roman Lob das auch eines nicht so fernen Tages erleben wird: die Krönung beim ESC! Als ich nach Verfassen meines Blogs nach Hause kam, sagte mein Mann Rainer zu mir, er wisse gar nicht, was ich habe. Von wegen, Roman hätte, anders als Lena, keine Geschichte anzubieten. Doch, fand er, tut er doch. Bröckchenweise kämen Teile dieser Roman-Pop-Erzählung zum Vorschein. Er trage jetzt keine Käppi mehr; seine Brusttätowierung komme jetzt durch den größeren Ausschnitt seines T-Shirts zur Geltung, auch werde er in den Shows mehr und mehr von Mädchen und jungen Frauen gelobt – er verändert sich ständig. Ich sehe es ein, er ist quasi ein begonnenes Buch zu einer eventuell großen Pop-Erzählung. Titel: Ein Industriemechaniker auf dem Weg in den Kaukasus und warum alles gut wird!

Oder so ähnlich.

Eigentlich will ich sagen: Gefühle des Moments sind mir manchmal lieber – und seien sie noch so falsch – als dauernd im Recht zu sein mit profunden Analysen. Und wenn mich nicht alles täuscht, fliegt in der nächsten Runde entweder Céline raus oder Shelly. Hat es sich nicht langsam ausgeshellyt?

Umut, der Arme

2. Februar 2012

Unterhalten wir uns jetzt nicht über das Konzept der Show schlechthin. Das wäre ein Diskurs, der nähere Erörterung jenseits dieser Vorentscheidungsrunden verdient. Also: kein Gedanke an die doch heftige Ähnlichkeit aller Musiken, aller Songs und auch aller Sprüche. Nichts über die vielleicht sogar ernstgemeinte Knuddeligkeit der Sandra Rieß, wenn sie die Kandidierenden auf dem Wege zum Green Room empfängt. Nein, auch von manchen empfundener fehlender Pomp – okay, dies ebenso besprechen wir später.

Gut aber ist, dass Raab und die Seinen für die Blitztabelle ein neues Moment der Spannung eingebaut haben: Alle sechs ersten Plätze, die für das Weiterkommen in die nächste Runde reichen, bekommen einen einmütigen Countdown – so gelang es dem überragenden Roman Lob mit knapp 19 Prozent Gesamtzustimmung für den Montag der nächsten Runde “Auf Wiedersehen” zu sagen, auch Yana schaffte es beim nächsten Minutencountdown, nur Zehntelprozent hinter dem Industriemechaniker.

Der Hintersinn des Ganzen? Offenbar sollte nicht mehr das Schicksal der Leonie möglich sein, jener Aspirantin vom vorigen Male, die in den letzten Sekunden von ganz vorne aufs Ausscheiden gewertet wurde. Nein, so landete Ornella deutlich auf dem dritten Platz, dahinter Shelly, schließlich sogar die auf ewig brav scheinende Kaffeeköchin aus Lörrach, Céline.

Und dann? Katja oder Umut? Die im Liedermacherinnenstyle auftretende Berlinerin oder der Lehrerazubi mit den niedlichen Augen und den halbtürkischen Hintergründen. Süß sah er aus, wie ein Teenieschwarm (und eventuell für einige Sekunden auch meiner), allein: in der allerletzten Abstimmung scheiterte er an Katja, mehr als ein ganzes Prozent landete er hinter dieser, die offenbar trotz des Kaffeewärmers auf dem Kopf noch eine Runde weiter kommen durfte. Scheitern beim nächsten Mal?

Schade, sehr bedauerlich, dass dieser Paradise Oskar aus der Roulettekugel geworfen wurde – eine eher schüchtern timbrierte Stimme, dünn obendrein: Nein, das ist nix für Baku. Ob wir ihn je im Entertainment wiedersehen?

Der Vater Sebastian war der Verlierer des Abends. Er kam, sang und bekam nie genug Stimmen. Lag es an seiner Vaterschaft? In keinem Moment war er vorne platziert, am Ende verloren seine Fans jegliches Interesse an ihm – er war und blieb der Letzte.

Die JurorInnen? Raab machte aus seinem Herzen, Respekt!, keine Mördergrube und gab offen zu: Yana und Roman spielten in einer eigenen Liga, sie hätten etwas Besonderes. Was im Umkehrschluss, so blöd waren wir ja nicht, das nicht zu bemerken, bedeutet: Alle anderen waren eher blässlich und voller Mühsal intonierend.

Und Thomas D (oder war es Stefan R?) war auch in dieser Hinsicht in seiner Analyse treffend: Roman benimmt sich auf der Bühne wie hinter dieser. Immer bleibe er der junge Musiker im Beruf des Industriemechanikers, er trüge keine Maske und bleibe stets ganz er selbst. Der andere (Thomas D?, Stefan R?) ergänzte: Dieser Roman sei glaubwürdig.

Finde ich auch – obwohl mir doch immer eine Frage im Hinblick auf diesen erklärten Favoriten des vorjährigen ESC-Moderators im Gemüte hängen bleibt: Welche Geschichte möchten wir von Roman Lob noch hören? An Lena war es eine, die nach Hannover schmeckte und von Medien träumte, von Ruhm und Glück und Eigensinn. Hat Roman das alles auch zu bieten? Und wenn ja: Wann wird er solcherlei Material zum Besten geben?

Montag? Katja ist dann endgültig fällig. Oder Céline. Berlin-Neuköllsch gesprochen: I’schwör, Alda!

Leonie und Rachel – tapfere Talente

26. Januar 2012

Ach, es hat ihnen nichts genutzt: Nicht Leonie die Brille, nicht Rachel die heftig aufgelockte Haarpracht. Sie blieben auf der Strecke, sie belegten die Plätze 9 und 10. Bei Leonie dachte ich mir das schon. Ihr “I Love Your Smile” von Charlie Winston schmeckte, obwohl es von der Jury gelobt wurde, ein wenig fade – man mochte ihrer Aussage nicht so recht glauben, ihr fehlte, nun ja, so etwas wie Inbrunst und Glaubwürdigkeit.

Leonie Burgmer bei der dritten USFB-Show. Foto: Willi Weber

Rachel, ebenfalls gelobt, blieb auf der Strecke, wobei sie sich denken wird in ihrem Grimm, dass die langsame Nummer vielleicht die falsche war. Nein, das soll sie sich mal aus dem Kopf schlagen. Letztlich hing es an der Telefoniergeschwindigkeit ihrer Freunde, und die scheinen gelahmt zu haben. Denn selbst Roman Lob, auf den ich noch zu sprechen kommen werde, lag am Ende der Show zwar auf dem ersten Rang, gleichwohl hatte er kaum mehr als zwei Prozent als die ausgeschiedenen Sangesdamen.

Nun ja, alles in allem hat das Ranking Sinn gemacht. Nur dass Sebastian Dey mit seinem selbstkomponierten Titel “Amnesie” weiter kam, gibt mir Rätsel auf: Schon wieder wurde sein Hut nicht abgestraft. Und dass er kein Charisma hat: Merkt das niemand? Oder blieb er übrig, weil die anderen sich die Stimmen wegnahmen? Nichts gegen ihn persönlich. Aber der soll in Baku performen? Ich schätze, man hievte ihn hoch, weil er es mit einem eigenen Song riskierte.

Aber das Verblüffende, besser: das absolut nicht Überraschende war Roman Lob, der schon nach dem ersten Voting, das ja noch ohne Sangesleistung ausgewiesen wird, haushoch vorne lag. Sein Titel “Easy”, da hatte Stefan Raab Recht, war von den Commodores auch nicht fülliger, geschmeidiger und schöner vorgetragen worden. Yana Gercke, die es mit dem Police-Titel “Roxanne” probierte, war ebenso den anderen überlegen – aber das, was ihre Stimme, so Raab, an (nicht missverstehen: gutem) Schmutz transportiert, könnte mit der Zeit auf die Nerven gehen.

Shelly, Katja, Céline, Ornella und Umut … Okay, sehr okay. Aber so richtig vom Hocker rissen sie auch nicht, auch nicht die Chanteuse, die vorige Woche noch Amy Winehouse ehrte: Shelly, die wieder gut war … aber berührend? Ich hege meine Zweifel.

Meine Kandidaten für die nächste Runde, dass es für sie die letzte werden könnte, sind Sebastian und Katja. Doch: Es wirkte auch heute Abend ein bisschen zufällig in puncto Wertung. Roman Lob und Yana Gercke lagen nie auf den Abstiegsplätzen – und das ist für mich das Zeichen, dass sie es gar in die letzten zwei Runden schaffen werden. Sie sind besser als die anderen, obendrein haben sie inzwischen eine Fanbase: Das ist auch nicht zu verachten als Support.

Die Juroren? Man muss wieder über Raab sprechen. Er kommentierte die letzten Wertungsminuten nichts mehr – er gab Steven Gätjen und Sandra Rieß freimütig zu, nur noch gespannt auf das Resultat zu warten.

Das Lob des Abends gebührt Leonie und Rachel: es waren tapfere Talente. Sie können sich jetzt wieder auf alles konzentrieren, was nicht das Showbusiness ist.

Kannibalisierung der Kunst?

19. Januar 2012

Ein Umstand war in diesem Blog bei niemandem eine größere Erwähnung wert, keiner wusste dies heftig zu kritisieren – bis auf einen Freund, der “Unser Star für Baku” im Internet von Guernsey aus gesehen hatte. Bei einer Tasse Tee, an einem sturmumtosten Tag im englischen Kanal, schrieb er mir: “Das ist doch eine Verhöhnung der Idee eines Liederwettbewerbs, wenn das Publikum schon vor dem Spielen der ersten Note seine Sympathien verteilen darf – und zwar, ohne dass diese ersten Voten hinterher aus dem Gesamtergebnis getilgt werden.” Weiter schrieb er mir, deutlich wütend im Ton: “Es ist eine Kannibalisierung künstlerischer Bemühungen, wenn jene, die am wenigsten Anfangssympathie erhielten, gleich zum Auftakt singen müssen – und dieser Druck erklärt auch, warum der bedauernswerte Jan, der den Rocker gab, so schlecht war.” Nun, ich erwiderte, dass dieser Jan, der so viele Vorschusslorbeeren erhielt, offenbar das falsche Lied mit falschen Tönen sang – und deshalb die Anfangsskepsis des Publikums bestätigte.

Vorstellungsrunde bei der ersten Show: Der erste Eindruck zählt. Bild: Willi Weber/Pro Sieben

Vorstellungsrunde bei der ersten Show: Der erste Eindruck zählt. Bild: Willi Weber/Pro Sieben

Aber nun zur eigentlichen – sagen wir: wissenschaftlichen – Analyse. Stefan Raab, der sich dieses Verfahren vom Biathlon abgeguckt haben will, hat es eingeführt, weil er der größte Realist unter der Fernsehsonne ist. Er weiß, ohne das genau öffentlich formuliert zu haben: Ein jeder, eine jede von uns hat von einem Menschen, mit dem er oder sie in Kontakt kommen könnte, nur die oberflächlichsten Informationen. Wie sollte das anders sein? Sympathien werden von allen Menschen in Sekundenbruchteilen verschenkt – oder auch nicht. Und dieses anthropologisch anmutende Gesetz funktioniert natürlich beim flüchtigen Medium Fernsehen nur noch drastischer. Die “Tagesschau”, um ein offiziell-offiziöses Beispiel zu nehmen, wird gern geguckt (der Marktführer unter den Infosendungen), weil man die Sprecher und Sprecherinnen gut findet. Und zwar auf Anhieb. Der Fluss der Nachrichten ist fast zweitrangig – “the medium is the message”, sagte der Medientheoretiker Marshall McLuhan. Das heißt: Ob man eine Person gut findet oder nicht, entscheidet sich in unserem Unterbewussten, das entzieht sich unserer persönlichen Wahl. Jede Spielart von Psychologie bestätigt diesen Befund: Nur mühsam können abgelehnte Menschen durch charakterliche Gutherzigkeiten den einmal getroffenen Eindruck mildern oder gar tilgen.

Beim Fernsehen ist das ähnlich: Lena Meyer-Landrut war einfach die Kandidatin, die dem Publikum am sympathischsten war – ihre Lieder schienen das zu bestätigen. Dass die spätere ESC-Siegerin die seltsamsten Chansons aus den Independentcharts sang, machte gar nichts: Ihr verzieh man selbst, dass sie bizarre Beiträge ablieferte. Die Aura der Person macht den Pfiff aus – und lässt andere Menschen, also uns Zuschauer, für sie anrufen oder smsen.

Insofern ist es nur konsequent – wie es heute Abend ebenso der Fall sein wird – für die Kandidierenden schon vor dem ersten Auftritt abstimmen zu lassen. Man wählt aus, was einem “eye candy” ist, Augenfutter sozusagen.

Nun würde mein guter alter Bekannter in der normannischen See sagen: Das ist eine grobe Verfälschung der alten Regeln, auf die der Grand Prix Eurovision noch schwor. Ich würde sagen: Irrtum, eine Illusion. All jene, die siegten, taten dies, weil sie sympathisch wirkten, weil sie für sich einzunehmen wussten. Man stelle sich vor, Atlantis 2000 hätte es schon 1974 gegeben – und hätten “Waterloo” performt. Ich würde sagen: Bei aller Liebe zum schwedischen Stoff des Pop, aber sie wären dort gelandet, wo sie auch 1991 endeten – ganz weit hinten. Oder “De troubadour” von Lenny Kuhr, “Ne partez pas sans moi” von Céline Dion oder “Fly On The Wings Of Love” der Olsen-Brüder: Hübsche Lieder, aber mit geringerem Gewicht versehen, wenn sie von Personen auf die Bühne gebracht worden wären, die dem Publikum nicht so anmutig, sympathisch, angenehm oder einfach magisch erschienen wären.

Insofern: Das Verfahren, vor dem ersten Ton die Kandidierenden durchs Fegefeuer des Televoting schicken zu lassen, ist keine Kannibalisierung, sondern nur das Gerechte, das Naheliegende. Es ist eben die Mixtur aus Performance und Persönlichkeit mit einem Lied. Darauf eine Tasse Tee!

Roman und Shelly – die neuen Lenas?

12. Januar 2012

Fast 20 Minuten überzogen – und selbst wenn man einrechnet, dass jede Verlängerung die Televotingeinnahmen erhöht: Es war ein krass spannender Abend. Bis wenige Sekunden vor dem Ende der Show lagen sechs der zehn Kandidierenden weniger als ein einziges Prozent im öffentlichen Dauervoting auseinander. Stetig wechselte es an der Spitze, auch der sechste Rang, der ja den Verlust aller weiteren Chancen bedeutet, wechselte, als sei im Hintergrund ein Zufallsgenerator am Wirken.

Am Ende gewann mit 15,5 Prozent Shelly, dahinter Roman, Platz sechs aber belegte Kai mit 14,5 Prozent. Dazwischen: Céline, Leonie und Katja. Sie verschnaufen jetzt zwei Wochen, dann sind sie wieder im Spiel.

Obwohl mein Gefühl sagt, dass keine Manipulation im Spiel gewesen sein kann, ist es doch seltsam, dass die ersten sechs so dicht beieinander lagen. Wir sehen nächste Woche, beim zweiten Anmarsch der zehn von zwanzig Aspiranten, ob es immer so knapp wird – oder diese erste Ausgabe von “Unser Star für Baku” eine ziemlich mitreißende Ausnahme war.

Jedenfalls: Die Wertung fiel gerecht aus. Auch, dass Kai auf der Strecke blieb, obwohl er alles gab, ist gemessen an der Leistung der anderen gerecht.

Céline ging mir zwar mit ihrem kaffeeköchinnenhaften Tantencharme auf die Nerven, aber ihr “Beautiful Disaster” war ein solches, aber ein erquickliches. Katja war eine Art Eva Cassidy des Tages, sie spielte gut auf der Wandergitarre ein okayes Lied, sie gewann durch persönlichen Charme. Leonie hatte etwas Hexiges, in der Stimme gemahnte sie an die Kunst von Kate Bush dereinst. Shelly gab die Amy Winehouse, korrekt lobte Stefan Raab “Vieles ist Gesang, das ist Kunst” ihre Version von “Valery” “Valerie” (danke für den Hinweis!). Yasmin, Salih, Jil und Jan waren durchschnittlich, wobei sie eher auffiellen als Performer des Gewöhnlichen. Sie hatten ihre Auftritte: Respekt!

Die neue Lena könnte Roman Lob sein, der, wenn ich richtig gezählt habe, neben Salih der einzige war, der nicht studiert und auch nicht Lehrer zu werden beabsichtigt. Der Industriemechaniker mit dem Basecap wirkte so eigen und leicht irre wie Lena vor zwei Jahren. Und: Seine Gesangs- wie Darstellungskunst war famos, das scheint mir unstrittig.

Ob er hält, was er momentan – wie auch Shelly – verspricht, ist natürlich offen. Es deutet darauf hin, dass er eine Mikroeinheit stärker überzeugt als die Chanteuse von “Valerie”.

Die Jury schien mir etwas lahm und weniger inspiriert als die vor zwei Jahren – Thomas D musste sogar am Ende klar machen, dass nicht er Stefan Raab zur Seite steht, sondern dieser ihm. Raab hatte die klarsten und klügsten Kommentare parat, er argumentierte wie ein weiser Lehrer aus der Sparte jener Großkünstler, die mit allen Wassern gewaschen sind und doch in ihnen nicht ertranken: Kompliment.

Alina Süggeler bot, was sie zu tun gelobte: Sie machte alles von ihren Gefühlen abhängig. Aber sie versank nicht zwischen den Monstergestirnen Thomas D und Stefan R – ebenfalls: Respekt!

Es war ein besserer Auftakt von “Unser Star für …” als der vor zwei Jahren, als Lena – die auch in der ersten Runde mit von der Partie war – gewann. Das Dauervoting trägt – mit Raab gesprochen: wie beim Biathlon – zur Spannung bei. Und wie!

Man wünscht mehr solcher Güte. In jeder Hinsicht!

Das Edelcastingmodell

12. Januar 2012

Machen wir uns keine Sorgen: “Unser Star für Baku” wird keine so großartigen Einschaltquoten erzielen und nicht solches Interesse wecken wie “Deutschland sucht den Superstar” oder irgendeine andere Castingshow. Hochmütig ließe sich sagen: Qualität ist eben nicht allen zugänglich.

Geht es bei RTL unter dem Dirigat von Dieter Bohlen eher um kriminologisch Bedenkliches, ums grelle Drama und um obskure Sensationen aus dem Bodensatz der TV-Republik, so kommt “Unser Star für Baku” aus den mittleren Wässern der durchschnittlichen Bundesrepublik. Die Show lädt solche junge Frauen wie Lena Meyer-Landrut ein, es mal unter sehr vielen Scheinwerfern öffentlich zu probieren, die es sonst sicher nicht tun würden.

“Unser Star für Baku”, dafür steht auch ein Künstler wie Thomas D, ist ein Format, das auf Gymnasiales setzt, auf das Leistungskurshafte, aber trotzdem Coole. Bedienen andere Shows Wünsche nach entglittener Ekstase, kommt jene Sendung, die den Gewinner zum Eurovision Song Contest führt,  geschmackvoll und edel daher.

Ich will sagen: “Deutschland sucht den Superstar” ist keine Konkurrenz, denn tiefer gelegte Go-Carts rivalisieren ja auch nicht mit schnittigen, aber nicht zu rasenden Modellen aus der Öko-Autoklasse. Somit dürfen wir darauf hoffen, dass die ersten zehn AspirantInnen, die Donnerstagabend in Köln die Bühne betreten, schon wissen, dass sie die Elite des modernen Showbusiness repräsentieren. Sie können an “Unser Star für Baku” teilnehmen, ohne sich für alle Zeiten lächerlich zu machen.

Einer wie Zlatko, der ehemalige “Big Brother”-Kandidat, der einmal bei Bohlens “DSDS” dabei war, war übrigens bei der ESC-Vorentscheidung 2001 chancenlos – protziges Mackergehabe ist beim ESC fehl am Platze: Man rümpft die Nase und ist atmosphärisch verkühlt!

Dennoch: Auch “USFB” ist eine Castingshow – die Kandidaten treten in einen Wettkampf. Wobei Stefan Raab das sportliche Element mit dem neuen Blitzvoting auf die Spitze treibt. Man kann für seine Lieblinge gleich anrufen – und sieht auch, ob sich das auswirkt. Ich würde sagen: Das ist die sympathischste Kannibalisierungsshow des Fernsehens der Jetztzeit – und darauf freue ich mich heftig.

Auf der Suche nach einer neuen Lena?

6. Januar 2012

Eine Woche noch, ehe der neue Hype um den deutschen ESC-Beitrag beginnt. Wobei jetzt schon etliche Promotionaktivitäten wirken, was eine gewisse Atmosphäre des Adventlichen bewirkt. Jedes Interview, das der neue Jurypräsident Thomas D gibt – und er gibt derer erfreulich viele! -, ist, als würde ein Türchen im Adventskalender vor den Heiligen Abenden der Vorentscheidungen geöffnet.

Die Frage aller Fragen lautet natürlich: Was wird uns beschert? Wie lange wird es brauchen, ehe die neuen Aspiranten nicht mehr an Lena Meyer-Landrut gemessen werden? Schätzungsweise bis zum Halbfinale werden die Klagen hörbar bleiben, welche die “Satellite”-Chanteuse vermissen. Dann wird die Stimmung kippen – und ein neuer Star in Sicht kommen. Lang lebe die neue Königin! Lang lebe der neue König!

König? Ja, mein Gefühl sagt mir, es wird ein männliches Wesen sein, das das Ticket nach Aserbaidschan gewinnen wird. Schon deshalb, weil das Publikum Abwechslung gern hat und außerdem momentan ein Popstyle wie von Tim Bendzko so heiß wie kein anderer ist.

Mit anderen Worten: Lena hat jüngst begonnen, sich von Stefan Raab abzunabeln – wie dies einst ja auch Max Mutzke musste. Sie geht nun, nüchtern gesprochen, in die Hall of Fame des deutschen Pop – so sehr dort würdig, dass es dem Erwachsenwerden gleich kommt.

Eine neue Monarchin darf und muss gekrönt werden. Danke Lena, wir werden dich nie vergessen. Du warst gestern, heute ist jedoch heute. Das ist der Mythos Pop: Alles wird rasch alt und oldiehaft!

Freuen wir uns auf das, was kommt. Bis zum Auftakt der Bescherung sind es nur noch wenige Augenblicke!