Archiv der Kategorie ‘Vorentscheide’

Katja dann doch!

9. Februar 2012

Um 21:29 Uhr, da lief das Viertelfinale bereits eine Stunde und 14 Minuten, sprach Thomas D von ihr in der Vergangenheitsform. Um ein Urteil zu Katja gebeten, sprach er von ihr wie von einer Hingeblichenen, also von einer, die für den weiteren Verlauf der Dinge im Hinblick auf Baku keine Rolle spielen würde. Ja, und so geschah’s auch wirklich.

Katja, nach einem intensiven Kopf-an-Kopf-an-Kopf-Kopf-an-Kopf-Rennen, schied mit gleicher Prozentzahl wie jene, die auch Shelly auf sich vereinen konnte, aus.  Nun ja. Ich fand sowieso, dass die Blitztabelle einige Verläufe nahm, die an Manipulation vielleicht nicht gemahnte, aber skeptisch stimmte.

Denn Katja, die nach ihrem Vortrag ersichtlich nicht an die anderen vier Kandidierenden heranreichte, rauschte plötzlich eine Viertelstunde nach Thomas Ds mündlichem Begräbnis die Prozentkurve bei ihr heftig so sehr nach oben, dass sie plötzlich an der Spitze lag.

Kann das wahrhaftig gewesen sein? Oder ist die Fanbase von Katja ganz Brandenburg plus alle Ostbezirke von Berlin, die obendrein noch alle zeitgleich anriefen?

Es bleibt rätselhaft.

Ansonsten alles wie immer: Roman wurde von allen JurorInnen gelobt, heftig gepriesen und eigentlich schon nach Baku delegiert behandelt. Aber er sang und performte heute auch exzellent; ebenso wie im übrigen auch Katja in ihrem zweiten Lied. Yana allerdings blieb fahl und eher unauffällig. Seltsam, dass sie immer noch so hoch gehandelt wird: Möglich, dass das Publikum in der nächsten Sendung doch genug hat von dieser immergleichen Ästhetik dieser jungen Frau, die Rock so gern singt und irgendwie doch nie die ganz große Röhre raushängen lässt.

Und Shelly? Eine Kämpferin. Schade, dass sie nicht das Volumen in der Stimme hat wie Eartha Kitt oder wenigstens eine Backgroundsängerin von Gladys Knight. Tolle Showfrau. Ich wünschte, selbst wenn sie nicht gewänne, Thomas D würde für sie HipHop-Choräle erfinden und sie als Real Voice of Germany promoten.

Denn, nicht wahr, an einem Sieg an Roman kommenden Donnerstag kann kaum gezweifelt werden. Was ihn von Max Mutzke unterscheidet? Wissen Sie’s?

Doch nicht ausgeshellyt – gut so!

6. Februar 2012

Sie schien zu schwächeln, die Shelly, die mit einer Amy-Winehouse-Adaption begann. Und, jawohl, sie lag in der ersten Blitztabelle zu Beginn der Show auch ziemlich weit hinten, deutlich, sehr deutlich hinter den deutlich führenden Roman und Yana. Und was war das Ende vom Lied, was blieb, als die Messe dieser Runde gelesen war (um Stefan Raab zu paraphrasieren)? Shelly, die “I Try” wunderbar interpretierte, als sei es das leichteste der Welt, eine schwere Nummer persönlich und eigen scheinen zu lassen, diese Shelly belegte sogar den zweiten Rang hinter Roman – und ließ die verdutzte Yana hinter sich. Die natürlich nicht unglücklich sein musste über ihren dritten Rang.

Shelly Phillips in der fünften Show von "Unser Star für Baku". Foto: Willi Weber /ProSieben.

Neben Shelly aber war Katja das Phänomen des Abends. Ach was: des ganzen “Unser Star für Baku”-Castings. Ihre Lieder eher leise; ihre Stimme ohne besondere Markanz; ihr Fluss an Darstellungskunst eher träge – aber sie wurde schon wieder nicht hinausgeworfen; sie muss über eine prima Fanbase in Berlin und anderswo verfügen. Eine, die auch zum richtigen Zeitpunkt anzurufen weiß. Katja jedenfalls, bei der allerersten Blitztabelle noch auf dem letzten Rang und deshalb als erste singend, schaffte mit einer eigenen Komposition – über die die einen sagen, sie sei zur Fahrstuhlbeschallung perfekt, die anderen aber meinen, sie eigne sich für Jugendherbergsliedkurs – den Sprung in die Runde am nächsten Donnerstag. Respekt!, möchte man sagen – da ist eine diplomierte Liedermacherin, und was macht sie? Sie holt aus dem, um ein ökologisches Bild zu verwenden, winterlichen Gemüsekorb doch genug Vitamine heraus, dass viele, sehr viele glauben, das könnte schmecken.

Die Tragödie des Abends war hingegen Céline, die Kaffeeköchin aus Lörrach kurz vor der Schweiz. Sie sah toll aus, ja, wirklich, da hatte Alina Süggeler recht. Sie trug ein mondänes Kleid, ihr Lippenstift hatte die Farbe lockenden Bluts – und ihre Haare trug sie angemessen glatt hängend. Allein: Raab sagte es deutlich. Dass sie nämlich den entscheidenden Ton von “Russian Roulette” durch die Bank versemmelt habe.

Und so flog sie ganz knapp hinter Ornella – auch nicht die Leuchte des Abends! – heraus. Sie atmete schwer in den letzten Sekunden der Abstimmung, aber jetzt wird sie einsehen: Sie hat alles probiert, auch, wie ihr Raab geheißen, ein wenig Schmutz in der Stimme durchschimmern zu lassen. Doch für diesen fehlte es ihr an Timbre, ja auch am Volumen.

Dieser ihr Baum wuchs nicht in den Himmel – sie hatte gewiss eine prima Zeit.

Ein Lob noch der Moderation. Gätjen und Rieß waren locker und gut – als hätten sie schon jede Menge Routine. Dafür, dass sie keine bis gar keine Sympathien durchblicken lassen dürfen, dass sie also irgendwie immer alles gleich machen müssen, wirkten sie abwechslungsreich.

Und nächstes Mal? Ich denke, um das Omen zu bemühen, das an Katjas Seite verharrt: Ornella – sie hatte einen gediegen-plätschernden Auftritt mit “You Are The Sunshine Of My Life”, einer, der reichte für die Runde der letzten Fünf. Mehr wird, glaube ich, nicht drin sein.

Abbitte oder Der gefühlte Moment

5. Februar 2012

Ich bitte tisch um Verzeihung; sein Beitrag (Kommentar Nr 53 zu meinem letzten Eintrag) hat mich beschämt. Ja, es ist wahr: Vor genau zwei Jahren, inzwischen habe ich es selbst nachrecherchiert, habe ich Lena Meyer-Landrut keine Chance gegeben. Nicht in Köln, schon gar nicht in Oslo. (Und ich hätte Stefan Raab ernst nehmen sollen, damals wie heute. Ihn, der die Ruhe selbst ist.) Ja, und es ist auch wahr in diesem Zusammenhang, dass vor zwei Jahren plötzlich alle – auch ich - dachten, “Unser Star für Oslo” sei auf Langeweile abonniert, die zu ertragen eine gehörige Portion Toleranz nötig sei. tischs Recherchen sind zutreffend.

Und jetzt zu meiner Entschuldigung. Ja, ich hätte es wissen können, das, was damals so empfunden und kommentiert wurde. Und, ja, auch dieses Jahr habe ich mich von meinen Gefühlen hinreißen lassen, und zwar meinen Gefühlen des Moments. Nicht von der Vernunft, die doch eigentlich es besser wissen könnten, jedenfalls in manchen Fällen. Donnerstag war die Atmosphäre in unserem Kreise ungefähr so: Mann, was redet die Süggeler da, das ist doch auch immer das gleiche. Und Thomas D – auch er wie von Anfang an schwerst begeistert von Roman und Yana. Und so denkt Stefan Raab ja auch: Außer Yana und Roman ist für ihn alles ehrenwert, aber alles im Rahmen des Konfektionellen. Er wusste bei Lena die Extravaganz, die Extra-dry-Qualität einzuschätzen – und er wird es vielleicht sogar in Sachen Roman oder Yana richtig erahnen.

Diese Bitte um Verzeihung lässt sich gleich erweitern. Auch in Oslo – allerdings, wenn ich richtig erinnere, habe ich in dieser Hinsicht keinen vorblökenden Ton vom Stapel gelassen – redeten vor allem viele deutsche Fans von Lena, als komme sie nicht für einen Sieg in Betracht. Während britische oder spanische Journalisten und Fans längst von Lena als der wahrscheinlichen Siegerin sprachen, als sie von “Satellite” redeten, das bestimmt der europäische Soundtrack des Sommers werde, da mäkelte auch meine Freundin Carla-Sophie, stets im Kreis von Freunden, die ihrem Geschlecht garantiert nie an die Wäsche gehen würden, davon, dass Lena die falschen Haare trüge, dass das Bühnenbild nicht passe und sie sowieso überhaupt nichts hermache.

In offenkundiger Wahrheit der später historischen Tatsachen von Oslo war das krass fehleingeschätzt: Der Lena-Look hatte sich in etlichen Ländern Europas die Monate danach bei vielen jungen Frauen durchgesetzt.

Gut möglich, dass Roman Lob das auch eines nicht so fernen Tages erleben wird: die Krönung beim ESC! Als ich nach Verfassen meines Blogs nach Hause kam, sagte mein Mann Rainer zu mir, er wisse gar nicht, was ich habe. Von wegen, Roman hätte, anders als Lena, keine Geschichte anzubieten. Doch, fand er, tut er doch. Bröckchenweise kämen Teile dieser Roman-Pop-Erzählung zum Vorschein. Er trage jetzt keine Käppi mehr; seine Brusttätowierung komme jetzt durch den größeren Ausschnitt seines T-Shirts zur Geltung, auch werde er in den Shows mehr und mehr von Mädchen und jungen Frauen gelobt – er verändert sich ständig. Ich sehe es ein, er ist quasi ein begonnenes Buch zu einer eventuell großen Pop-Erzählung. Titel: Ein Industriemechaniker auf dem Weg in den Kaukasus und warum alles gut wird!

Oder so ähnlich.

Eigentlich will ich sagen: Gefühle des Moments sind mir manchmal lieber – und seien sie noch so falsch – als dauernd im Recht zu sein mit profunden Analysen. Und wenn mich nicht alles täuscht, fliegt in der nächsten Runde entweder Céline raus oder Shelly. Hat es sich nicht langsam ausgeshellyt?

Umut, der Arme

2. Februar 2012

Unterhalten wir uns jetzt nicht über das Konzept der Show schlechthin. Das wäre ein Diskurs, der nähere Erörterung jenseits dieser Vorentscheidungsrunden verdient. Also: kein Gedanke an die doch heftige Ähnlichkeit aller Musiken, aller Songs und auch aller Sprüche. Nichts über die vielleicht sogar ernstgemeinte Knuddeligkeit der Sandra Rieß, wenn sie die Kandidierenden auf dem Wege zum Green Room empfängt. Nein, auch von manchen empfundener fehlender Pomp – okay, dies ebenso besprechen wir später.

Gut aber ist, dass Raab und die Seinen für die Blitztabelle ein neues Moment der Spannung eingebaut haben: Alle sechs ersten Plätze, die für das Weiterkommen in die nächste Runde reichen, bekommen einen einmütigen Countdown – so gelang es dem überragenden Roman Lob mit knapp 19 Prozent Gesamtzustimmung für den Montag der nächsten Runde “Auf Wiedersehen” zu sagen, auch Yana schaffte es beim nächsten Minutencountdown, nur Zehntelprozent hinter dem Industriemechaniker.

Der Hintersinn des Ganzen? Offenbar sollte nicht mehr das Schicksal der Leonie möglich sein, jener Aspirantin vom vorigen Male, die in den letzten Sekunden von ganz vorne aufs Ausscheiden gewertet wurde. Nein, so landete Ornella deutlich auf dem dritten Platz, dahinter Shelly, schließlich sogar die auf ewig brav scheinende Kaffeeköchin aus Lörrach, Céline.

Und dann? Katja oder Umut? Die im Liedermacherinnenstyle auftretende Berlinerin oder der Lehrerazubi mit den niedlichen Augen und den halbtürkischen Hintergründen. Süß sah er aus, wie ein Teenieschwarm (und eventuell für einige Sekunden auch meiner), allein: in der allerletzten Abstimmung scheiterte er an Katja, mehr als ein ganzes Prozent landete er hinter dieser, die offenbar trotz des Kaffeewärmers auf dem Kopf noch eine Runde weiter kommen durfte. Scheitern beim nächsten Mal?

Schade, sehr bedauerlich, dass dieser Paradise Oskar aus der Roulettekugel geworfen wurde – eine eher schüchtern timbrierte Stimme, dünn obendrein: Nein, das ist nix für Baku. Ob wir ihn je im Entertainment wiedersehen?

Der Vater Sebastian war der Verlierer des Abends. Er kam, sang und bekam nie genug Stimmen. Lag es an seiner Vaterschaft? In keinem Moment war er vorne platziert, am Ende verloren seine Fans jegliches Interesse an ihm – er war und blieb der Letzte.

Die JurorInnen? Raab machte aus seinem Herzen, Respekt!, keine Mördergrube und gab offen zu: Yana und Roman spielten in einer eigenen Liga, sie hätten etwas Besonderes. Was im Umkehrschluss, so blöd waren wir ja nicht, das nicht zu bemerken, bedeutet: Alle anderen waren eher blässlich und voller Mühsal intonierend.

Und Thomas D (oder war es Stefan R?) war auch in dieser Hinsicht in seiner Analyse treffend: Roman benimmt sich auf der Bühne wie hinter dieser. Immer bleibe er der junge Musiker im Beruf des Industriemechanikers, er trüge keine Maske und bleibe stets ganz er selbst. Der andere (Thomas D?, Stefan R?) ergänzte: Dieser Roman sei glaubwürdig.

Finde ich auch – obwohl mir doch immer eine Frage im Hinblick auf diesen erklärten Favoriten des vorjährigen ESC-Moderators im Gemüte hängen bleibt: Welche Geschichte möchten wir von Roman Lob noch hören? An Lena war es eine, die nach Hannover schmeckte und von Medien träumte, von Ruhm und Glück und Eigensinn. Hat Roman das alles auch zu bieten? Und wenn ja: Wann wird er solcherlei Material zum Besten geben?

Montag? Katja ist dann endgültig fällig. Oder Céline. Berlin-Neuköllsch gesprochen: I’schwör, Alda!

Misslichkeiten in Österreich

2. Februar 2012

Bei uns geht alles so seinen sozialistischen Gang: Heute Abend, falls alles pünktlich läuft kurz vor Mitternacht, werden weitere zwei Aspiranten aus dem Rennen um die Fahrkarte nach Baku geworfen worden sein. Meine Freundin Helen-Melba aus Emden sagt, dann wird Umut seine Zukunft als Star hinter sich haben, auch Katja sei in Gefahr. Und ich stimme ihr bei Letzterer zu und hoffe, dass Sebastian sich nicht schon wieder mit einem Hut durchschummeln kann. So schwiegermuttermäßig grinst er doch auch nicht!

Aber, wie gesagt, es schippert so vor sich hin, dieses Casting namens “Unser Star für Baku”. Liegt es an mir, dass noch kein echtes Lena-Feeling sich einstellen will? Oder sind wir nur verwöhnt? Verzogen durch den erfolgreichen Relaunch der deutschen Vorentscheidung aufs Popformat – und weg von der Ästhetik ungelüfteter Schlafzimmer wie ganz früher?

Der Song "Crazy Swing" des  Duos !DelaDap wurde im Österreichischen Vorentscheid disqualifiziert. Foto: Band

Österreich hingegen leidet unter Misslichkeiten. Am 24. Februar steht dort fest, wer nach Aserbaidschan fährt. Doch nun gibt es Querelen um den Beitrag von !DelaDap, der Song soll schon wenige Tage vor der magischen ESC-Datumsgrenze – dem 1. September 2011, vor dem kein Song veröffentlicht sein darf, der 2012 ins Rennen um den Titel von Baku geht – öffentlich vorgetragen worden sein. Das Ganze fand statt Ende August bei einem DJ-Set in Odessa, in einem kleinen Club mit höchstens ein paar Hundert Gästen.

Ist es nicht fies, dass da ein Act aus dem Zehnerfeld geworfen wurde, nur weil der Komponist mit Sängerin so eine Art Rohversion bei einem DJ-Auftritt in Odessa abgespielt hat? Und wenn es denn schon so war: Welche aufmerksame, um nicht zu sagen: Böses stiftende Schnalle hat das gepetzt? Hat gesagt, dass es von diesem Auftritt am Schwarzen Meer vor der Fristgrenze einen Youtube-Clip gibt (der übrigens mittlerweile bei Youtube gelöscht wurde)? Ist ja wie bei Siegel dereinst, scheint mir, der ja 1976 gegen Tony Marshall und 1999 gegen Corinna May, so gingen Gerüchte, geforscht hat durch Scouts, ob diese womöglich gegen Regeln verstoßen haben.

Hatten sie! So wie der DJ von !DelaDap seines russischen ukrainischen Einsatzes wegen.

Aber wird es einen neuen, das Zehnerfeld wieder auffüllenden Kandidaten geben? Ist doch ohnehin nie ganz transparent geworden, wer in die Vorentscheidung nun gelangt und wer vorher ausgesiebt werden musste.  Ich hoffe, dass das Feld nicht nur neun Kandidierende umfasst. Denn da gibt es einen Herrn, der für die Freunde des ESC modernerer Prägung höchst akzeptabel wäre. Wie schrieb mir mein Freund Kurt aus Wien: “Na ja, er ist schon ein süßes Schnuck” und schickte mir diesen Link zum Video eines Sängers namens Sankil Jones.

Man sieht: Er hat vieles, sehr vieles, um der ESC-Meute an den Computer im Vorwege zu gefallen – männlich aussehend und doch nicht wie ein Maurer am Ende einer Schicht. Auf Facebook wird für Sankil Jones auch schon heftig getrommelt: Der ORF solle ihn dringend nachnominieren. Nun steht auf Facebook ja sehr viel Unsinn, aber Mario R. Lackner, der so besonders intensiv sich für das Lied “Fire” von Mr. Jones verwendet, liegt richtig: Dieses Lied könnte den Abend des 24. Februar aufhübschen.

Öder Discopop aus Frankreich

30. Januar 2012

Mit für französische Verhältnisse ziemlich großem Pomp wurde eine Pressekonferenz angekündigt, und die fand gestern statt, am Sonntag. Na, da waren die Fans aber aus allen Häuschen -am heiligen, arbeitsfreien Tag der Woche, wo alle in Europa vor ihren Computern sitzen konnten. Und es wurde tatsächlich das Lied enthüllt, falls man das so sagen darf, denn die Sängerin ist uns ja bereits annonciert worden. Und was kam heraus? Okay, Anggun singt “Echo”. Untertitel: “You and I”. Sie singt englisch und französisch gemischt, ganz so, als ob sie einem einzigen Idiom nicht traut: Einerseits will sie den Sprachpuristen im eigenen Land keinen Anlass für gerümpfte Nasen bieten (“Verrat!”), andererseits aber auch nicht an den internationalen Erfordernissen des ESC scheitern. Und zu denen gehört nun einmal die lingua franca des Pop, also das Englische.

Anggun. Foto: Paolo Zambaldi / Warner Music

Und dann hört man sich das Lied an und ist enttäuscht. Nein, ich will kein Pessimist sein, nicht schlecht reden, was sich später als kostbar und wertvoll herauskristallisiert. Aber was soll ich sagen? “You and I” ist der ödeste französische Beitrag seit Cocktail Chics 1986 gefisteltem Lied “Européennes”. Ein zwar handwerklich solides Stück Eurodiscopop mit einem etwas verwirrendem Intro, das sich allerdings recht rasch zum konventionellen Dancehallding entwickelt, etwa so wie Kate Ryan dereinst für Belgien oder, als Trio, Mekado 1994 mit “Wir geben ‘ne Party” (damals recht flott gehalten).

Gleichwohl: Die frühe Nominierung von Anggun – gegen die französische Gewohnheit, den eigenen Act knapp vor Meldeschluss bekannt zugeben – scheint dem Bedürfnis entwachsen zu sein, den ESC schnell vom Tisch zu bekommen.

Ich meckere eigentlich nur deshalb so krass, weil aus Frankreich schon so glänzende Lieder zum ESC delegiert wurden, Amina, auch Nina Morato oder Joelle Ursull oder, natürlich, Frida Boccara. Aber Anggun? Was hast diese gar nicht mal so erfolglose Chanteuse falsch gemacht, dass man sie mit einem solchen Lied ausrüstet?

Leonie und Rachel – tapfere Talente

26. Januar 2012

Ach, es hat ihnen nichts genutzt: Nicht Leonie die Brille, nicht Rachel die heftig aufgelockte Haarpracht. Sie blieben auf der Strecke, sie belegten die Plätze 9 und 10. Bei Leonie dachte ich mir das schon. Ihr “I Love Your Smile” von Charlie Winston schmeckte, obwohl es von der Jury gelobt wurde, ein wenig fade – man mochte ihrer Aussage nicht so recht glauben, ihr fehlte, nun ja, so etwas wie Inbrunst und Glaubwürdigkeit.

Leonie Burgmer bei der dritten USFB-Show. Foto: Willi Weber

Rachel, ebenfalls gelobt, blieb auf der Strecke, wobei sie sich denken wird in ihrem Grimm, dass die langsame Nummer vielleicht die falsche war. Nein, das soll sie sich mal aus dem Kopf schlagen. Letztlich hing es an der Telefoniergeschwindigkeit ihrer Freunde, und die scheinen gelahmt zu haben. Denn selbst Roman Lob, auf den ich noch zu sprechen kommen werde, lag am Ende der Show zwar auf dem ersten Rang, gleichwohl hatte er kaum mehr als zwei Prozent als die ausgeschiedenen Sangesdamen.

Nun ja, alles in allem hat das Ranking Sinn gemacht. Nur dass Sebastian Dey mit seinem selbstkomponierten Titel “Amnesie” weiter kam, gibt mir Rätsel auf: Schon wieder wurde sein Hut nicht abgestraft. Und dass er kein Charisma hat: Merkt das niemand? Oder blieb er übrig, weil die anderen sich die Stimmen wegnahmen? Nichts gegen ihn persönlich. Aber der soll in Baku performen? Ich schätze, man hievte ihn hoch, weil er es mit einem eigenen Song riskierte.

Aber das Verblüffende, besser: das absolut nicht Überraschende war Roman Lob, der schon nach dem ersten Voting, das ja noch ohne Sangesleistung ausgewiesen wird, haushoch vorne lag. Sein Titel “Easy”, da hatte Stefan Raab Recht, war von den Commodores auch nicht fülliger, geschmeidiger und schöner vorgetragen worden. Yana Gercke, die es mit dem Police-Titel “Roxanne” probierte, war ebenso den anderen überlegen – aber das, was ihre Stimme, so Raab, an (nicht missverstehen: gutem) Schmutz transportiert, könnte mit der Zeit auf die Nerven gehen.

Shelly, Katja, Céline, Ornella und Umut … Okay, sehr okay. Aber so richtig vom Hocker rissen sie auch nicht, auch nicht die Chanteuse, die vorige Woche noch Amy Winehouse ehrte: Shelly, die wieder gut war … aber berührend? Ich hege meine Zweifel.

Meine Kandidaten für die nächste Runde, dass es für sie die letzte werden könnte, sind Sebastian und Katja. Doch: Es wirkte auch heute Abend ein bisschen zufällig in puncto Wertung. Roman Lob und Yana Gercke lagen nie auf den Abstiegsplätzen – und das ist für mich das Zeichen, dass sie es gar in die letzten zwei Runden schaffen werden. Sie sind besser als die anderen, obendrein haben sie inzwischen eine Fanbase: Das ist auch nicht zu verachten als Support.

Die Juroren? Man muss wieder über Raab sprechen. Er kommentierte die letzten Wertungsminuten nichts mehr – er gab Steven Gätjen und Sandra Rieß freimütig zu, nur noch gespannt auf das Resultat zu warten.

Das Lob des Abends gebührt Leonie und Rachel: es waren tapfere Talente. Sie können sich jetzt wieder auf alles konzentrieren, was nicht das Showbusiness ist.

Eurovisionäre Zickenkriege

23. Januar 2012

Diese SMS fand ich in der Nacht auf Sonntag auf meinem Telefon: “Ich hoffe, wir kommen schlecht in deinem Blog weg. DK 2012 ist zum …” Nun, die drei Punkte bezeichnen ein Wort, das entweder aus wütendstem Gemüt oder aus der Gosse, vielleicht aus beiden Quellen stammt. Jedenfalls ist es schon der sprachlichen Ziemlichkeit wegen unschicklich, es zu zitieren.

Soluna Samay freut sich über ihren Sieg beim Dansk Melodi Grand Prix. Foto: EBU

Aber es steht fest: Dänemarks Siegerin vom Samstag, die guatemaltekische Dänin Soluna Samay mit ihrem Titel “Should have known better” (Ich hätte es besser wissen müssen) mag am Ende des Abends der Kompromiss zwischen Televoting und internationaler Jury gewesen sein. Aber sie wird offenbar nicht von den Fans geliebt, wenigstens nicht von den dänischen. Ja, es ist gar die Rede davon, dass Frau Samay “eine Bergendahl” sei – zur Erinnerung an jene bedauernswerte schwedische Chanteuse, die vor zwei Jahren ihrem Land erstmals die Schmach bereitete, nicht das Finale zu erreichen. Und damit komme ich wieder zu jener SMS, die mir in einer Aufwallung von Empörung geschickt wurde von meinem Freund Ida aus Kopenhagen – denn die Bergendahl fand ich mehr als okay und finalwürdig. Ihr Lied, “This is my Life”, war hübscher, zeitgenössischer Pop und die Performance auch mindestens sattelfest.

Was, andererseits, stört die Fans an einer Sängerin wie Soluna Samay, die hoffentlich ins Finale von Baku kommt? Woher kommt Aversion gegen dieses Lied, dargeboten von einer jungen Frau mit Kapitänsmütze und einer Jacke mit Epauletten? Ich würde sagen: Man nimmt ihr übel, dass sie keinen skandinavischen (oder sonstwie eurovisionären) Dancefloor-Discopop serviert. Sondern eben so singt, wie viele junge Frauen in den Charts es momentan so tun – zur Gitarre, leicht wehklagend. Irgendwie in der Nachfolge von Amy McDonald, würde ich sagen, nach etlichen Versuchen, mich dem dänischen Baku-Lied zu nähern.

Was also macht aus Fans Zicken, die gegen den Beitrag ihres eigenen Landes in den Krieg ziehen? Können sie das Votum der Zuschauer nicht akzeptieren? Nicht sehen, dass die Fanperspektive meist nicht jene des gesamten Publikums ist? Nein, die Bergendahl wird sie nicht geben, die blonde Sängerin aus Kopenhagen, sie erreicht, meiner möglicherweise irrigen Prognose nach, das Finale am Abend des 26. Mai. Ihr Lied ist vielleicht ein wenig konventionell, ja, langweilig auf die Dauer. Aber eine Hera Björk, die die Fans liebten, die hat doch auch keine Rosenstöcke zum Blühen gebracht, oder?

Ein Zickenkrieg auf anderer Ebene liefert momentan die Türkei. Und zwar, ohne dass ein Lied aus dem ruhmreichen Land des ESC schon bekannt wäre. Denn bestellt wurde als Kandidat der Sänger Can Bonomo, der jung ist und keine weitere Meriten im Popgeschäft sammelte, aber, daran entzündete sich einiges Mosern und Meckern im Lande, jüdisch ist. Er stammt aus einer Familie von jüdischen Türken, deren Vorfahren vor langer Zeit aus Spanien vor Katholiken und Muslimen flüchten mussten. Bonomo erklärte, seine kulturellen oder religiösen Wurzeln spielten keine Rolle, er sei Türke. Man merkte gegen ihn an, ein überwiegend muslimisches Land könne nicht von einem Menschen aus einer anderen Tradition repräsentiert werden.

Ist das nicht irre? Das wäre so, als ob aus Deutschland niemand zum ESC fahren darf, der nicht christlich ist. Die Türkei hat offenbar noch Nachholbedarf im Lernen von multikultureller Liberalität. Dazu passt auch die Meldung, dass der türkische Rockstar Kirac nicht für sein Land ins Rennen gehen wollte – er hätte nur auf Türkisch, nicht auf Englisch singen wollen. Zu Kirac lässt sich nur sagen: Wer nicht will, der hat schon.

Und Can Bonomo – der wird schon ein prima Lied auf die Stimme geschneidert kriegen. Vorläufig, hörte man, ist er vor Freude nervlich sehr zerrüttet. Wir fiebern am besten mal mit ihm!

Vera ist zu Recht geschockt!

19. Januar 2012

Na, da guckte sie aber, als wüsste sie nicht, verblüfft zu sein oder fundamentalgeschockt: Vera, die doch soviel Lob von den Juroren erhielt, die außer Hochdeutsch offenbar alles kann, landete in allerletzter Sekunde auf dem sechsten Platz – also kann sie sich jetzt wieder auf ihr Examen für den Lehrerinnenberuf konzentrieren und muss sich die Show aus Baku auf jeden Fall nicht dortselbst anschauen. Man könnte meinen: Mit ihr wurde eine Kandidatin nicht weitergewählt, weil sie zu lange Haare trug, so, wie in der vorigen Sendung Kai dafür belangt wurde, eine dieser typischen Kaffeemützen auf dem Kopf getragen zu haben.

Wie dem auch sei: Ich bin zufrieden. Rachel, wie der frühere Grand-Prix-Kommentator Ado Schlier formuliert hätte, genoss als Kölnerin Heimvorteil, ihr künstlerischer Nippes, um es mal zu kalauern, aus etwas dünnem Soul und stark körperlicher Begeisterung ließ sie, ebenfalls in letzter Sekunde siegen.

Dass Yana weiterkommen würde, war klar, ebenso, dass Ornella mit diesem gewissen Kate-Bush-Kick in der Stimme in der nächsten Runde ist. Gut so! Umut muss an seiner Schüchternheit nicht so sehr arbeiten, aber an der Stimme – auch ihm kann sich irgendwann das Wort vom Oktavenreichtum erschließen. Noch aber kam er seiner wirklich scheuen Augen wegen weiter. Sebastian? Geschmackssache. Ich lehne Hüte ab! Aber er wird noch eine schöne nächste Runde erleben, dann wird er an seine Grenzen gelangen, schätzungsweise.

Insgesamt war diese zweite Folge straffer gehalten – sie dauerte auch fast 25 Minuten kürzer. Die Moderation – Herr Gätjen, besonderes Kompliment, echt nüchtern, neutral und doch nicht kalt! – war okay, die Jury litt auch nicht mehr so sehr an Selbstbetrunkenheit. An Raabs Meckerei, nachdem Thomas D den einen Sänger einfach nur “geil” fand und fragte, ob er als Mann das dürfe, gehen wir später ein. Aber: Alles sehr kurzweilig – und zugleich könnte sich herauskristallisiert haben, dass Shelly, Roman, Yana und Ornella im Halbfinale landen könnten – sie waren die stärksten, und Yana, die Jennifer dieser Saison, kann echt viel, vor allem sehr viele performativen Stile, aber am ehesten gefiel mir ihre Kampfeslust: Sie wirkte, als würde sie wirklich das Ding gewinnen wollen.

Nicht das Allerschlechteste, um uns einzunehmen.

Das “Blitztabellen”-Verfahren schien und scheint sich etabliert zu haben: Der Schock, es sportlich nehmen zu müssen, war bei den Kandidierenden nicht mehr spürbar. Wenngleich: Umut hat in Sachen Lampenfieber neue Standards gesetzt. Prima Abend!

Kannibalisierung der Kunst?

19. Januar 2012

Ein Umstand war in diesem Blog bei niemandem eine größere Erwähnung wert, keiner wusste dies heftig zu kritisieren – bis auf einen Freund, der “Unser Star für Baku” im Internet von Guernsey aus gesehen hatte. Bei einer Tasse Tee, an einem sturmumtosten Tag im englischen Kanal, schrieb er mir: “Das ist doch eine Verhöhnung der Idee eines Liederwettbewerbs, wenn das Publikum schon vor dem Spielen der ersten Note seine Sympathien verteilen darf – und zwar, ohne dass diese ersten Voten hinterher aus dem Gesamtergebnis getilgt werden.” Weiter schrieb er mir, deutlich wütend im Ton: “Es ist eine Kannibalisierung künstlerischer Bemühungen, wenn jene, die am wenigsten Anfangssympathie erhielten, gleich zum Auftakt singen müssen – und dieser Druck erklärt auch, warum der bedauernswerte Jan, der den Rocker gab, so schlecht war.” Nun, ich erwiderte, dass dieser Jan, der so viele Vorschusslorbeeren erhielt, offenbar das falsche Lied mit falschen Tönen sang – und deshalb die Anfangsskepsis des Publikums bestätigte.

Vorstellungsrunde bei der ersten Show: Der erste Eindruck zählt. Bild: Willi Weber/Pro Sieben

Vorstellungsrunde bei der ersten Show: Der erste Eindruck zählt. Bild: Willi Weber/Pro Sieben

Aber nun zur eigentlichen – sagen wir: wissenschaftlichen – Analyse. Stefan Raab, der sich dieses Verfahren vom Biathlon abgeguckt haben will, hat es eingeführt, weil er der größte Realist unter der Fernsehsonne ist. Er weiß, ohne das genau öffentlich formuliert zu haben: Ein jeder, eine jede von uns hat von einem Menschen, mit dem er oder sie in Kontakt kommen könnte, nur die oberflächlichsten Informationen. Wie sollte das anders sein? Sympathien werden von allen Menschen in Sekundenbruchteilen verschenkt – oder auch nicht. Und dieses anthropologisch anmutende Gesetz funktioniert natürlich beim flüchtigen Medium Fernsehen nur noch drastischer. Die “Tagesschau”, um ein offiziell-offiziöses Beispiel zu nehmen, wird gern geguckt (der Marktführer unter den Infosendungen), weil man die Sprecher und Sprecherinnen gut findet. Und zwar auf Anhieb. Der Fluss der Nachrichten ist fast zweitrangig – “the medium is the message”, sagte der Medientheoretiker Marshall McLuhan. Das heißt: Ob man eine Person gut findet oder nicht, entscheidet sich in unserem Unterbewussten, das entzieht sich unserer persönlichen Wahl. Jede Spielart von Psychologie bestätigt diesen Befund: Nur mühsam können abgelehnte Menschen durch charakterliche Gutherzigkeiten den einmal getroffenen Eindruck mildern oder gar tilgen.

Beim Fernsehen ist das ähnlich: Lena Meyer-Landrut war einfach die Kandidatin, die dem Publikum am sympathischsten war – ihre Lieder schienen das zu bestätigen. Dass die spätere ESC-Siegerin die seltsamsten Chansons aus den Independentcharts sang, machte gar nichts: Ihr verzieh man selbst, dass sie bizarre Beiträge ablieferte. Die Aura der Person macht den Pfiff aus – und lässt andere Menschen, also uns Zuschauer, für sie anrufen oder smsen.

Insofern ist es nur konsequent – wie es heute Abend ebenso der Fall sein wird – für die Kandidierenden schon vor dem ersten Auftritt abstimmen zu lassen. Man wählt aus, was einem “eye candy” ist, Augenfutter sozusagen.

Nun würde mein guter alter Bekannter in der normannischen See sagen: Das ist eine grobe Verfälschung der alten Regeln, auf die der Grand Prix Eurovision noch schwor. Ich würde sagen: Irrtum, eine Illusion. All jene, die siegten, taten dies, weil sie sympathisch wirkten, weil sie für sich einzunehmen wussten. Man stelle sich vor, Atlantis 2000 hätte es schon 1974 gegeben – und hätten “Waterloo” performt. Ich würde sagen: Bei aller Liebe zum schwedischen Stoff des Pop, aber sie wären dort gelandet, wo sie auch 1991 endeten – ganz weit hinten. Oder “De troubadour” von Lenny Kuhr, “Ne partez pas sans moi” von Céline Dion oder “Fly On The Wings Of Love” der Olsen-Brüder: Hübsche Lieder, aber mit geringerem Gewicht versehen, wenn sie von Personen auf die Bühne gebracht worden wären, die dem Publikum nicht so anmutig, sympathisch, angenehm oder einfach magisch erschienen wären.

Insofern: Das Verfahren, vor dem ersten Ton die Kandidierenden durchs Fegefeuer des Televoting schicken zu lassen, ist keine Kannibalisierung, sondern nur das Gerechte, das Naheliegende. Es ist eben die Mixtur aus Performance und Persönlichkeit mit einem Lied. Darauf eine Tasse Tee!