“Für diese Erde, auf der wir wohnen”
23. April 2012 von Jan FeddersenDie Form des Märchens eignet sich wohl am besten, um die Geschichte der inzwischen 47-jährigen Frau aus dem Saarland zu erzählen, die wie nur Wenige zuvor so gern Karriere als Bühnensängerin machen wollte: Nicole. Am 24. April vor 30 Jahren ging ihr großer Traum in Erfüllung, sie gewann den Grand Prix Eurovision de la Chanson im nordenglischen Harrogate. Schaut man sich die Bilder von damals an, etwa auf eurovision.de oder auf Youtube, sieht man, wie lange das alles her ist. Da sitzt eine junge Frau mit engelsgleichem Haar und unschuldig anmutender Miene. Sie singt vom Frieden, den sie sich wenigstens ein bisschen wünscht, im Herzen, im Gemüt, wenn schon nicht politisch. “Ein bisschen Frieden” schaffte es mit ihr in der englischen Fassung auf Platz 1 der britischen Charts. Auch war Nicole damit in den folgenden Landessprachen erfolgreich: auf Spanisch, Niederländisch, Dänisch und Französisch.

Eigentlich hätte sie schon im Jahr zuvor triumphieren können. Noch ohne Ralph Siegel misslang ihr mit dem Lied “Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund” der Sprung in die deutsche Vorauswahl – leider, denn der Titel kletterte imposant die Hitparaden hoch. Nicole – die Aufnahmen aus jenen Jahren belegen das – sah aus wie das konterrevolutionäre Programm zu allem, was die Jugend sonst zu dieser Zeit hörte: Nena, Annette Humpe, Neue Deutsche Welle, Punk, Liedermacherinnen wie Ulla Meinecke oder Spaßerinnen wie Frl. Menke. Nicole – geborene Hohloch, seit vielen Jahren verheiratete Seibert – war der komplette Gegenentwurf, sie war, wenn man so möchte, die Konterattacke zum Auftakt der Helmut-Kohl-Jahre. “Ein bisschen Frieden” war ein wenig das, was der Unionskanzler später vergebens als “geistig-moralische Wende”, zu formulieren versuchte.
Ein liebes Mädchen, aus der saarländischen Provinz schaffte hier plötzlich den Sprung über die engen eigenen Horizonte, es war kein rotziges Gör, das “No Future” grölt und sich auf der dunklen Seiten des Seins befindet oder auf Krawall aus ist. Nein, Nicole, das war die perfekte Künstlerin für einen wie Ralph Siegel, dem sie die meiste Zeit ihrer Laufbahn treu blieb. Sie sang mit fester Stimme, sie hatte Sinn für Perfektion im Auftritt, sie wusste, dass sich in Harrogate entscheiden würde, ob sie ein Stimmchen unter sehr vielen ESC-Stimmen werden würde oder eine Königin – wenigstens die für eine Nacht.
Als ich die Sängerin vor zehn Jahren in Berlin am Rande eines Auftritts für ein Interview kennenlernte, war sie ganz genau so, wie man sie sich vorstellte: absolut kontrolliert, professionell, bedacht in den Antworten und ohne jede Allüren gegen Kolleginnen oder Kollegen aus ihrer Branche. Sie ist, das betonte sie, am liebsten Hausfrau und Mutter, am liebsten da für ihre Familie – aber leider habe das Schicksal ihr nun einmal dieses Showtalent geschenkt! Ihr Mann, den sie seit Jugendtagen kennt, umsorgte sie in Berlin. Über ihn, Winfried, sagte sie, er sei nun Kfz-Sachverständiger, diese Ausbildung habe von ihren Gagen finanziert werden können.
Schnell erkannte ich: Nicole, bekennende CDU-Wählerin wie so viele aus dem Tross des einstigen ZDF-Hitparaden-Gottes Dieter Thomas Heck, ist eine Konservative, die sich aber Wirklichkeiten nicht verschließt. Dass etwa Frauen arbeiten gehen – so wie sie -, dass sie ihre Männer stützen können – so wie sie -, und dass sie sich, um mit der derzeitigen Frauenministerin Kristina Schröder zu sprechen, weder von Strukturkonservativen noch von Feministinnen kirre machen lassen müssen.
Nicole ist die erfolgreiche Schlagersängerin nach 1980, sie hat über viele Jahre seither Erfolg gehabt; sie hat viele Hits im deutschsprachigen Bereich realisieren können, und sie probierte sich sogar im Fach der leicht erotisierten Sängerin aus. Nicole blieb freilich immer Nicole: Das Mädchen an der Gitarre, das so unbedingt, eisig und fokussiert, gewinnen wollte.
Sie tat es. Als Deutscher war ich damals natürlich auch für Nicole. Große Freude, als der Punktesegen kein Ende nehmen wollte. Ralph Siegel hat damals den Zenit seiner Laufbahn erleben dürfen – und Nicole den ihrigen. Sie ist ein Publikumsliebling bei den inzwischen mit ihr älter gewordenen Menschen – und zum Abschluss dieser würdigen Zeilen sage ich: Das war ein verdienter Sieg, sie vor allen anderen hat ihn möglich gemacht. Applaus für eine, die nie ein verrücktes Haus war.









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.