“Für diese Erde, auf der wir wohnen”

23. April 2012 von Jan Feddersen

Die Form des Märchens eignet sich wohl am besten, um die Geschichte der inzwischen 47-jährigen Frau aus dem Saarland zu erzählen, die wie nur Wenige zuvor so gern Karriere als Bühnensängerin machen wollte: Nicole. Am 24. April vor 30 Jahren ging ihr großer Traum in Erfüllung, sie gewann den Grand Prix Eurovision de la Chanson im nordenglischen Harrogate. Schaut man sich die Bilder von damals an, etwa auf eurovision.de oder auf Youtube, sieht man, wie lange das alles her ist. Da sitzt eine junge Frau mit engelsgleichem Haar und unschuldig anmutender Miene. Sie singt vom Frieden, den sie sich wenigstens ein bisschen wünscht, im Herzen, im Gemüt, wenn schon nicht politisch. “Ein bisschen Frieden” schaffte es mit ihr in der englischen Fassung auf Platz 1 der britischen Charts. Auch war Nicole damit in den folgenden Landessprachen erfolgreich: auf Spanisch, Niederländisch, Dänisch und Französisch.

Eigentlich hätte sie schon im Jahr zuvor triumphieren können. Noch ohne Ralph Siegel misslang ihr mit dem Lied “Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund” der Sprung in die deutsche Vorauswahl – leider, denn der Titel kletterte imposant die Hitparaden hoch. Nicole – die Aufnahmen aus jenen Jahren belegen das – sah aus wie das konterrevolutionäre Programm zu allem, was die Jugend sonst zu dieser Zeit hörte: Nena, Annette Humpe, Neue Deutsche Welle, Punk, Liedermacherinnen wie Ulla Meinecke oder Spaßerinnen wie Frl. Menke. Nicole – geborene Hohloch, seit vielen Jahren verheiratete Seibert – war der komplette Gegenentwurf, sie war, wenn man so möchte, die Konterattacke zum Auftakt der Helmut-Kohl-Jahre. “Ein bisschen Frieden” war ein wenig das, was der Unionskanzler später vergebens als “geistig-moralische Wende”, zu formulieren versuchte.

Ein liebes Mädchen, aus der saarländischen Provinz schaffte hier plötzlich den Sprung über die engen eigenen Horizonte, es war kein rotziges Gör, das “No Future” grölt und sich auf der dunklen Seiten des Seins befindet oder auf Krawall aus ist. Nein, Nicole, das war die perfekte Künstlerin für einen wie Ralph Siegel, dem sie die meiste Zeit ihrer Laufbahn treu blieb. Sie sang mit fester Stimme, sie hatte Sinn für Perfektion im Auftritt, sie wusste, dass sich in Harrogate entscheiden würde, ob sie ein Stimmchen unter sehr vielen ESC-Stimmen werden würde oder eine Königin – wenigstens die für eine Nacht.

Als ich die Sängerin vor zehn Jahren in Berlin am Rande eines Auftritts für ein Interview kennenlernte, war sie ganz genau so, wie man sie sich vorstellte: absolut kontrolliert, professionell, bedacht in den Antworten und ohne jede Allüren gegen Kolleginnen oder Kollegen aus ihrer Branche. Sie ist, das betonte sie, am liebsten Hausfrau und Mutter, am liebsten da für ihre Familie – aber leider habe das Schicksal ihr nun einmal dieses Showtalent geschenkt! Ihr Mann, den sie seit Jugendtagen kennt, umsorgte sie in Berlin. Über ihn, Winfried, sagte sie, er sei nun Kfz-Sachverständiger, diese Ausbildung habe von ihren Gagen finanziert werden können.

Schnell erkannte ich: Nicole, bekennende CDU-Wählerin wie so viele aus dem Tross des einstigen ZDF-Hitparaden-Gottes Dieter Thomas Heck, ist eine Konservative, die sich aber Wirklichkeiten nicht verschließt. Dass etwa Frauen arbeiten gehen – so wie sie -, dass sie ihre Männer stützen können – so wie sie -, und dass sie sich, um mit der derzeitigen Frauenministerin Kristina Schröder zu sprechen, weder von Strukturkonservativen noch von Feministinnen kirre machen lassen müssen.

Nicole ist die erfolgreiche Schlagersängerin nach 1980, sie hat über viele Jahre seither Erfolg gehabt; sie hat viele Hits im deutschsprachigen Bereich realisieren können, und sie probierte sich sogar im Fach der leicht erotisierten Sängerin aus. Nicole blieb freilich immer Nicole: Das Mädchen an der Gitarre, das so unbedingt, eisig und fokussiert, gewinnen wollte.

Sie tat es. Als Deutscher war ich damals natürlich auch für Nicole. Große Freude, als der Punktesegen kein Ende nehmen wollte. Ralph Siegel hat damals den Zenit seiner Laufbahn erleben dürfen – und Nicole den ihrigen. Sie ist ein Publikumsliebling bei den inzwischen mit ihr älter gewordenen Menschen – und zum Abschluss dieser würdigen Zeilen sage ich: Das war ein verdienter Sieg, sie vor allen anderen hat ihn möglich gemacht. Applaus für eine, die nie ein verrücktes Haus war.

Das Gespür der Fanclubs

20. April 2012 von Jan Feddersen

Aus verschiedenen Quellen kommen jetzt Einschätzungen des möglichen Ergebnisses von Baku: Freundeszirkel haben Spaß beim Gucken der Previews, auch eher private, eher nicht als Verein organisierte Runden tippen und nähern sich dem Verlauf des diesjährigen ESC an. Aber haben sie alle Recht? Die ESC-Fanclubs, organisiert unter dem Vierbuchstabenkürzel OGAE (“Organisation Générale des Amateurs de l’Eurovision”), taten und tun sich zusammen und wählen (Einen Überblick über die bisherigen Votings bietet z.B. die Seite esctoday.com).

Die ersten vier Clubs haben abgestimmt. Wir erfahren: Schweden liegt vorne, gefolgt von Island, Spanien, Zypern und Serbien. Roman Lob hat bislang keinen einzigen Punkt erhalten, lediglich beim französischen Flügel dieser OGAE hätte es fast wenigstens zu einem einzigen Zähler gereicht. Mit anderen Worten: Wie auch in vielen anderen Foren liegt Loreen beinah haushoch vorne.

Das ändert aber nichts an meiner zweifelnden Frage: Können diese mit Lust angestellten Prognosen Anspruch auf Realitätstauglichkeit haben? Ist es nicht vielmehr so, dass die meisten Fans, ehe sie ihre Wertungen abgeben, die Lieder schon dutzende Male gehört haben – womit sie sich von 98 Prozent aller Zuschauer am 26. Mai selbst unterscheiden. Die entscheiden nämlich aus dem Ärmel heraus, spontan und ohne fanwissenschaftlichen Hintergrund.

Insofern glaube ich: Schweden soll sich bloß nicht in vorauseilenden Siegestaumeleien ergehen. Die Dreikronenmenschen beim ESC neigen, meiner Erfahrung nach, stets vor dem Festival zu mehr oder minder krasser Selbstüberschätzung. Und wenn sie so heftig trommeln für ihren Act, färbt das auf die Fans über Schweden hinaus ab.

Ein Blick auf die OGAE-Resultate der vergangenen Jahre nämlich besagt – für das echte Ergebnis gar nichts. 2007 lag man richtig mit Marija Serifovic, aber gleich dahinter votete man für die Schweiz, die es nicht einmal ins Finale schaffte. Die Schar der gusseisernen ESC-Fans ließ sich von DJ Bobos Vorabprominenz blenden. 2008 müssen die Fans vom Ergebnis enttäuscht gewesen sein: Charlotte Perrelli, Mahnmal der Schönheitsindustrie, Exsiegerin von 1999, wurde als Siegerin geweissagt, landete aber im Finale sehr weit hinten, ja, in dieses kam sie sogar nur durch Juryentscheid hinein. 2009 war alles klar: Alexander Rybak war so eindeutig und alle überwältigend, dass keine Kaffeesatzleserei schief gehen konnte – aber auch im Jahr von Moskau hatten die Fan-Votings so ihre Irrtümer fabriziert. Schwedens Malena Ernman wurde als Dritte gesehen, tatsächlich belegte sie den 21. Rang.

Mit Dänemarks Chanée & N’evergreen lag der OGAE 2010 nicht so ganz falsch – man wertete sie vorab zwar als Siegende, gleichwohl wurden sie immerhin Vierte. Israel, getippt auf den zweiten Platz, belegte nur den 14. Rang, aber die Siegerin Lena fand sich beim Voting der Fans auf dem dritten Rang.

Und voriges Jahr? Ungarns Kati Wolf und Frankreichs Amaury Vassili sollten laut Fanvorhersage die Siegenden sein – und als Düsseldorfs ESC eben gerade Geschichte war, fanden sie sich, aufgeputscht durch die Fans, auf den Plätzen 22. bzw. 15 wieder. Aserbaidschan hingegen war den Fans ein mittleren Plätzchen wert.

Für mich das schlagendste Beispiel für die Lust am Untergang in Sachen Fanexpertenvoting ist übrigens das Jahr 2000. Zwei dänische mittelalte Säcke, gut gelaunt, nicht besonders ehrgeizig wirkend – kamen, sahen und siegten. In den Prognosen waren sie ins Mittelfeld gewertet worden.

Was das für Roman Lob heißt? Er wird prima abschneiden. Loreen wird sich noch wundern.

Augen auf in Baku!

17. April 2012 von Jan Feddersen

Wenn er einen Wunsch im Hinblick auf den bald stattfindenden ESC habe, so Rasul Jafarov, dann den: “Dass die ausländischen Besucher in Baku vor den politischen Verhältnissen nicht die Augen verschließen.” Der Mann ist Koordinator der Kampagne “Sing for Democracy” und saß in einem Raum der Berliner Humboldt-Universität Unter den Linden, eingeladen hatte die Organisation Reporter ohne Grenzen und ihr Berliner Sprecher Michael Rediske. Und das öffentlich-mediale Interesse an dieser Pressekonferenz vor dem ESC war mächtig – Kamerateams, Journalisten aus Deutschland und Aserbaidschan, füllten den gar nicht mal kleinen Saal ins Proppenvolle. Eigentlich war es der gleiche Anlass wie vor wenigen Wochen, doch damals hatten aserbaidschanische Journalisten durch teils abstruse Fragen den Rahmen gesprengt. Jetzt ging es abermals um die Anliegen der Menschenrechte. Markus Löning, Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung und intensiver Kenner der postsowjetischen Verhältnisse im Kaukasus, sagte: “Mein Lieblingsszenario wäre, dass wir einen wunderbaren Eurovision Song Contest haben – und keine politischen Häftlinge im Gefängnis nebenan.”

Von links nach rechts: Rasul Jafarov, Koordinator der zivilgesellschaftlichen Kampagne "Sing for Democracy", Hugh Williamson, Direktor für Europa und Zentralasien von Human Rights Watch und Markus Löning, Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe.

Von links nach rechts: Rasul Jafarov, Koordinator der zivilgesellschaftlichen Kampagne "Sing for Democracy", Hugh Williamson, Direktor für Europa und Zentralasien von Human Rights Watch und Markus Löning, Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe.

14 – andere Zahlen sprechen von 16 bis 90 – Menschen sitzen in Aserbaidschan in Haft, verfolgt nicht wegen gewöhnlicher Delikte, sondern weil sie sich Schikanen bei Demonstrationen widersetzten, Texte veröffentlichten, die dem Regime nicht gefielen oder weil sie überhaupt Unruhe ins eigene Land bringen. Befunde, die ausweisen, die demokratische Lage in Aserbaidschan habe sich gebessert, wiesen alle Sprechenden auf der Pressekonferenz als irrig zurück. “Der Staat kontrolliert die Medien”, sagte Reporter ohne Grenzen, das Internet werde weitgehend überwacht. Folter in Gefängnissen, Einschränkungen von Freiheitsrechten, Zwangsräumungen von Häusern bei der Entwicklung von Baku zur Global City auch für den ESC seien üblich. Rasul Jafarov betont aber zugleich: “Gegen eine städteplanerische Änderung von Baku haben wir nichts, aber die Art und Weise, wie die Zwangsräumungen durchgezogen wurden, waren nicht akzeptabel.”

Der Klage kein Ende: Auf dem Korruptionsindex von Human Rights Watch belege Aserbaidschan den 143. Platz (von 183). Misslich, mindestens, ist darüber hinaus ein Umstand, demzufolge die Bundesrepublik Aserbaidschan nach wie vor mit Geld aus dem Entwicklungshilfetopf fördere. Markus Löning verteidigte diese finanziellen Aufbauhilfen – wobei man sich fragen musste, warum dieses ölreiche Land sie brauche. Der FDP-Mann kritisierte in diesem Sinne, dass die Gelder nicht bei zivilgesellschaftlichen Gruppen ankommen.

Hugh Williamsen, Direktor von Human Rights Watch in Europa, sagte, alles in allem, die Lage in Aserbaidschan haben sich in den vergangenen Monaten verschlechtert – Demonstranten seien von der Polizei massiv eingeschüchtert worden, berichtete er.

Auf die Frage von eurovision.de, ob sich die Menschenrechtsgruppen auch in Aserbaidschan darüber bewusst seien, dass die politische Aufmerksamkeit für ihr Land gerade dem ESC geschuldet sei, bejahten diese die Frage eindeutig: “Ja, Boykottaufrufe haben wir nie unterstützt, dafür sind wir allzu sehr daran interessiert, dass viel mehr Menschen nach Baku reisen und sich umschauen.” Und auf die Frage, was denn nach dem 26. Mai sein werde, wenn alle Welt aus dem Land wieder abgereist sei, teilte dieser kämpferische Mann mit: “Unser Engagement geht weiter, bis es Veränderungen zum Guten gibt. Auf das Eurovisions-Festival freuen wir uns.”

Und was wünscht er sich direkt? “Dass alle in Baku die Augen aufmachen und auch die Probleme sehen. Das wäre für uns viel wert.”

Streit ums Politische

16. April 2012 von Jan Feddersen

Es gibt Autoren, die gern zur Lektüre nehmen, was und wie über sie an Schmäh verbreitet wurde und wird. Meine Laune ist in dieser Hinsicht eher gemischter Art. Ich lasse mir gern Ahnungslosigkeit vorwerfen, wenn es um die richtige Einschätzung von ESC-Liedern geht, denn da weiß doch jeder (von uns): Wie alle Prognostiker gehen wir alle, die in der Übung der Vorhersage eines mutmaßlichen Ergebnisses trainiert sind, einem kaffeesatzleserischem Handwerk nach. Es gehörte zu meinen Glücksfällen der Vorhersagekunst, im vorigen Jahr früh ein Siegesgefühl für Aserbaidschan auch öffentlich – hier im Blog – mitgeteilt zu haben.

Die Flagge Aserbaidschans weht in Baku, wo im Mai 2012 der nächste Eurovision Song Contest stattfinden wird.

Was den Vorwurf der Ahnungslosigkeit aber ins Unverschämte treibt, sind all die Gerüchte, die man in meiner Hinsicht in Sachen Menschenrechte und Aserbaidschan verbreitet. Einige Damen und Herren sagen, der ESC müsse boykottiert werden – und dass ich sie dafür kritisiere, weil die Menschenrechtsgruppen selbst an einem Festival in Baku interessiert sind. Allermeist sind diese Kritiker gutherzig im Grunde, aber vom Verlauf politischer Entwicklung sind sie weder historisch noch politologisch irgendwie beleckt. Macht ihnen das was? Nein, natürlich nicht! Sie wissen, dass besonders radikale Forderungen und grell klingende Befunde (“Baku darf nicht ESC-Ort sein!”, “ESC – ein schwules Tingeltangel, das sich von Diktatoren benutzen lässt” oder “Homo-Pop-Olympia im Schatten der aserbaidschanischen Folterknechte”) beim deutschen Publikum den eigenen moralischen Dispositionskredit in höchste Höhen zu schrauben weiß. Obendrein ist es auch noch so: In Moskau, als es wirklich darum ging, eine Christopher-Street-Parade zu schützen, waren diese Kritiker nicht – sie werfen sich ohnehin nie ins Getümmel, wo es was aufs Maul geben könnte.

Einen aber muss man von dieser Kritik ausnehmen: Das ist Volker Beck, der, gern mit der von mir überaus gemochten und geschätzten Claudia Roth, in ferne Länder fährt, um CSDs zu schützen. Allein: Dieses Jahr, was Baku anbetrifft, hat er einen Konkurrenten, der sich noch lauter in Menschenrechtsfragen stark macht. Das ist ein FDP-Mann, also einen, den ein Grüner schon prinzipiell nicht mag, und er heißt Markus Löning. Er hat auf vielfältige Art die politische Lage in Aserbaidschan zum Gegenstand öffentlicher Äußerungen gemacht – und das hat mich sehr gefreut.

Er ist Beauftragter für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe der Bundesregierung, aber hätte das nicht tun müssen. Er tat es trotzdem, was er jedoch unterließ, und auch das finde ich klug, ist, einen Boykott des ESC in Baku zu fordern oder gar, dass die ARD einvernommen werden muss, weil sie nicht genügend Hintergrundpolitisches aus dem Kaukasus, aus Aserbaidschan liefert.

Ich wiederhole mich, und ich weiß mittlerweile, dass man das offenbar nicht tun darf: Die ARD, Fernsehen wie Radio und auch das Internet, eurovision.de wie tagesschau.de, bringt so viel Material zum ESC außerhalb des direkten Entertainments, dass es einen freuen kann. Es dürfte mehr sein, ja. Aber muss man ernsthaft erwarten, dass Peter Urban sich in eine Art Tom Buhrow verwandelt – so von wegen: Ich sitze hier, gleich kommt Aserbaidschan, aber alles ist politisch so trist hier? Geht’s nicht noch alberner? Oder unpolitischer? Oder selbstgerechter?

Aber so geht’s: Dienstag findet in Berlin eine Pressekonferenz von Reporter ohne Grenzen zusammen mit Human Rights Watch statt; Markus Löning will auch dabei sein. Wir werden dann in diesem Blog wieder mehr über Baku erfahren, die Lage und die Perspektiven. Also: Das Nötige! Was ich übrigens direkt aus Baku höre, ist folgender Satz: Wir dachten voriges Jahr nicht, dass ihr in Deutschland so ausführlich über unsere Anliegen berichten werdet. Ich nenne das: Entspannungspolitik!

Alles live – alles gut?

13. April 2012 von Jan Feddersen

Das Resultat der Fernseh-Planungen für die Übertragung des Eurovision Song Contest 2012 sieht so aus: Das ESC-Finale aus Baku wird – wie alle ESCs in den vergangenen Jahren seit 1997 – um 21 Uhr in der ARD übertragen. Davor, nach der “Tagesschau”, gibt es einen “Countdown für Baku”, also eine eurovisionäre Variante der beliebten Heiligabendsendung “Wir warten auf die Bescherung und bringen uns in Stimmung”. Nach dem Finale, nach deutscher Zeit etwas nach Mitternacht, gibt es noch die Grand Prix Party, die wie immer strukturiert ist wie eine Sendung der Sportschau nach dem Ereignis – man chillt sozusagen aus und hört den “Stimmen zum Spiel” zu.

Ja, und jetzt wird es für die Fans kompliziert. Das erste Halbfinale am 22. Mai, in dem Deutschland nicht stimmberechtigt ist, wird zwar live übertragen – und als Konserve nach Mitternacht im NDR-Fernsehen -, aber nicht in der ARD, sondern auf EinsFestival. Das zweite Halbfinale, bei dem Deutschland mitstimmen darf und soll, gibt es live auf Phoenix, wo gewöhnlich Parlamentsdebatten und Dokumentationen ausgestrahlt werden. Eine Wiederholung des zweiten Halbfinals gibt es ab 23 Uhr auf EinsFestival. Ich finde es prima, dass alle Shows live zu sehen sind - und noch besser, dass es den ESC in allen Varianten hier auf eurovision.de per Livestream und später als “Video On Demand” geben wird.

Aber viele Fans, die keine Lust hatten oder keine Zeit, nach Baku direkt zu reisen, werden meckern: Weshalb überträgt die ARD nicht auch die Semifinals auf ihrem Mutterkanal – also dort, wo die erste Reihe ist? Wäre es nicht, so höre ich, ein Zeichen europäischer Gewogenheit und programmplanerischer Setzung, das übliche Programmschema in der ARD außer Kraft zu setzen und diese Shows dort zu platzieren? Ja, das wäre schön. Fände ich auch.

Allein, die Erfahrung mit dem ersten Halbfinale hat voriges Jahr ProSieben gemacht, die ARD ebenso, und zwar einerlei, ob deutsches Voting gefragt war oder nicht: Die Einschaltquoten tendierten jeweils zu geringen Werten nahe der Unmessbarkeit - nur Unverzagte und an Exotika Interessierte schauten zu. Die Lehre war: Das ESC-Finale macht Monsterquote für die ARD, die Halbfinals, an denen Deutschland niemanden auf die Bühne schickt, jedoch nicht. Eine sehr geringe Zuschauermenge jedoch, so heißt es seitens der Programmplaner, führt dazu, dass auch die folgenden Sendungen eher geringeres Interesse wecken. Na, wer will das schon?

Nebenbei: Das erklärt auch, warum die Wertungen in allen Ländern so verschieden ausfallen, je nachdem ob sie am Finale aktiv beteiligt sind oder nicht. In jenen Ländern, für die im Halbfinale Endstation war, ist die Zuschauermenge beim Finale extraniedrig – vor den Bildschirmen sind, etwa in Belgien, den Niederlanden, Irland oder der Schweiz, nur noch jene Menschen versammelt, die man als Migranten bezeichnet. Und die gucken zu, wenn eines ihrer Heimatländer beim Finale mitmacht. Belgien etwa stimmt, wenn nicht im Finale, ziemlich exakt nach den Mengen der verschiedenen Einwanderergruppen ab – in Deutschland wäre das die Türkei, gefolgt von irgendeinem postjugoslawischem oder postsowjetischen Land. Die stärkste Einwanderergruppe in Belgien ist die türkische und dann kommen auch dort diverse postjugoslawische Gruppen.

Insofern ist alles verständlich. Ich finde es überhaupt gut, dass auch jenseits des Internet die Shows live übertragen werden. Falls einer nur Zimmerantenne hat – gibt es solche Menschen noch? -, aber einen Netzanschluss, ist die Wahl ohnehin einfach. Der Rest: Mit DVBT ist Phoenix und zu empfangen, digital und per Kabelkanal Eins Festival - und Phoenix sowieso. Und vom ersten Halbfinale gibt es ja auch noch die Wiederholung im NDR.

Der Vorteil des Internets via eurovision.de ist natürlich: Da können alle Fans mitkommentieren – das nennt sich dann Chat und Twitter und Facebook. Meines Erachtens ist das demokratisches Fernsehen.

Meckerei über die ARD

11. April 2012 von Jan Feddersen

Anders lautenden bösgesinnten oder gutgemeinten Gerüchten zum Trotz müssen meine Beiträge dieses Blogs keiner ARD-Konferenz vorgelegt werden. Ich darf hier über die Dinge des ESC schreiben, wie ich sie sehe – und wie sie in der Szene diskutiert werden.

Inzwischen ist die ARD überhaupt weit davon entfernt, den Eurovision Song Contest als antipolitisches Ereignis in ihren Einflussbereichen zu verhandeln. Der ESC war schon immer (auch) politisch durchwirkt – und das hat viel mit der europäischen Geschichte zu tun (Nationen, die sich spinnefeind waren) und auch sehr viel mit den Annäherungsprozessen, die in den Nachkriegszeiten begannen. Die politische Ernstnahme des ESC fand seine stärkste Ausprägung zunächst über eurovision.de statt - und wer hier auf diesen Seiten sich informiert, weiß das auch.

Aber die ARD war es – und dort in Federführung der NDR – die schon 1998 aus Birmingham den ESC in ihren Features so berichtete, als sei der Grand Prix Eurovision de la Chanson mehr als ein in drei Stunden kanalisiertes Unterfangen puren Entertainments.

Das hat sich über die Jahre geweitet – von der ARD-Sondersendung vor dem ESC aus Jerusalem über die Beiträge aus Tallinn, Riga, Istanbul, Kiew – und in Moskau gingen die CSD-Versuche in Moskau und dass sie von russischen Milizen niedergeschlagen wurden sogar über die “Tagesschau” – sowohl am Samstag des ESC wie am Sonntag danach.
In diesem Jahr ist Aserbaidschan Gastgeber des ESC, und kein Land zuvor ist, gerade was die menschenrechtspolitischen Belange anbetrifft, so sehr mit Aufmerksamkeit bedacht worden. Keine Spur mehr von der Atmosphäre des Jahres 1969, als der Hessische Rundfunk peinlich vor und während der Übertragung aus Madrid alles vermied, was die rechtsdiktatorischen Geschichten rund um den ESC hätte erörtern können. Nix da, dass die Niederländer ursprünglich boykottieren wollten, dass Schweden aber eben dies tat … und Österreich gleich mit.

Wenn sich jetzt ein grüner Abgeordneter wie Volker Beck nun beschwert, die ARD berichtete nicht ausführlich genug über die Umstände des ESC in Baku, wie er der nordrhein-westfälischen Zeitungsgruppe WAZ verriet, dann weiß er nicht, worüber er spricht. Kein Sender hat so akut und so gründlich über Aserbaidschan reportiert – und nicht nur in Sendungen wie Titel Thesen Temperamente oder in Kulturmagazinen der Dritten Programme. Auch auf dieser Seite wurde auf die Situation in Aserbaidschan immer hingewiesen.

Aserbaidschan ist ARD-Zuschauern, alles in allem, kein Land mehr unter so vielen anderen mehr, die ein zwiespältiges Verhältnis zu Menschenrechten wie Demonstrations- und Meinungsfreiheit haben. Wenn sich also jetzt Volker Beck beschwert, dann mag das mit der Arbeit des Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe, Menschenrechtsarbeit von Regierungsseite der FDP-Abgeordnete Markus Löhning (FDP) zu tun haben. Seine Arbeit hat er auf vorzügliche Weise geleistet.

Der ARD vorzuwerfen, sie kümmere sich nicht, verkennt den ambivalenten Charakter des ESC überhaupt: Einerseits ist er nichts als eine Show mit sportlichem Wettbewerbscharakter, andererseits kann er gar nicht apolitisch sein – dafür sind die Umstände viel zu phantasieangereichert, die auf das Nationale weisen.

Und die Frage muss auch gestellt werden: Ist der ESC wirklich eine “Propagandashow” des Regimes?, wird das Festival ernsthaft “missbraucht”? Allzu starke, übertriebene Vokabeln für einen Politiker, der offenbar den überheizten Ausdruck wählen muss, um Gehör zu finden.

Falls Beck glaubt, aus dem ESC ließe sich eine Art dreistündiger “Brennpunkt” machen, geht er an den Informationsbedürfnissen des Publikums, auch das der ARD, vorbei. In Wahrheit, so vermute ich, hat er diese Behauptung nur gemacht, um selbst als der Lordsiegelbewahrer der politischen Korrektheit auftreten zu können. Das ist vielleicht nicht billig, aber dennoch: weit unter dem Niveau der öffentlich-rechtlichen Sender, aber, wichtiger noch, noch weiter unter dem eigenen. Wie schade!

Werden die Ersten die Letzten sein?

10. April 2012 von Jan Feddersen

Man hat ja immer sein Tun, pflegte meine Oma zu sagen und nahm ihr Häkelzeug in die Hand. So war es bei ihr Ostern – unsereins hat in der Karwoche Post von Freunden und Bekannten erhalten. Mit dabei: eine DVD mit den Preview-Clips aller 41 42 Lieder von Baku. Manches war von den technisch versierten Freunden nachgebessert worden – der Ton etwa von Mono in Stereo transponiert, außerdem die sanmarinesische Geschichte ergänzt, weil die auf der ursprünglichen DVD nicht enthalten war, ebenso das israelische Lied, das bei vielen der digitalen Vorlagen fehlte. Außerdem waren alle 41 42 Acts in die richtige Reihenfolge gebracht, das heißt in jene, die nach der Auslosung der Halbfinals feststand – und darüber hinaus die fünf Beiträge der Big Five sowie der Versuch Aserbaidschans, nicht schon wieder zu gewinnen.

Warum die Mühe, mögen Unkundige jetzt fragen. Alle Kenner oder Halbkenner verweisen sofort auf das Jahr von Düsseldorf: Da hatte der Finne Paradise Oskar im Halbfinale sich faktisch in die Rolle des Mitfavoriten gewimmert,  aber weil er nach seiner ersten Show die Startnummer 1 für das Finale zog, kam, was kommen musste. Er bekam so wenig Punkte, dass sich einmal mehr bewahrheitete, dass sich ein Lied in seinem Umfeld bewähren muss.

Aber zurück zu meiner Post aus dem eurovisionären Europa und den darin kolportierten Meinungen: Einen Brief möchte ich, in originaler Schreibweise, zitierten: “also im ersten semi werden die omas aus russland so was von abräumen. ich finde das lied ja nicht besonders gut, aber es kommt im ablauf der lieder genau zur richtigen zeit. der vortrag wird aus dem einerleid der restlichen beiträge rausragen! das reißt einen mit, ob man will oder nicht…” Soviel zum ersten Halbfinale – und ich schließe mich dieser Auffassung an: Die Babuschkas kriegen schon deshalb Punkte, weil man gegen die eigene Oma ja auch nie aufmüpfig wird. “Alt und grau kannst du werden, aber nicht frech”, pflegte meine eigene Großmutter immer zu sagen.

Womit wir zum zweiten Halbfinale und seinem Liederfluss kommen. Freund Marcel aus Örlikon kommentiert das so, abermals in mailüblicher Kleinschrift: “im 2. semi geht’s von einer belanglosigkeit zur nächsten. ich habe bei den meisten titeln das ‘schon 100 mal gehört’-gefühl. der gute zeljko aus serbien wird natürlich von allen nachbarländern 12 punkte abkriegen, aber mal ehrlich, klingt doch wie die drei bisherigen beiträge von ihm, oder? mit den ‘favoriten’ aus schweden und norwegen kann ich mich schlecht anfreunden. beide songs überproduziertes einerlei, aber die elsen drehen durch wenn sie’s hören und prophezeien schweden einen sieg in rybak-ausmaßen. mein favorit ist hier estland … und dann habe ich ja eine schwäche für fado aus portugal. chancenlos auf den sieg aber wunderschön.”

Ein Befund, den ich ebenfalls unterschreibe: Portugal will schon wieder nicht gewinnen, Schweden wahrscheinlich allzu sehr. Schließlich sein fundiertes Urteil über die bereits feststehenden Finalisten: “finde, die haben das beste material dieses jahr. die italienerin muss unbedingt darauf verzichten englisch zu singen, sonst verkackt die das … habe einige titel ja schon vorher gehört, andere zum ersten mal auf dieser dvd. wenn wir davon ausgehen, dass der großteil der leute am finalabend die songs zum ersten mal hört, dann kann es meiner meinung nach nur einen sieger geben: engelbert! so was von geil das lied!”

Wobei ich deutlich sagen möchte: Freund Marcel – wie auch Sergej aus Lemberg, Kenneth aus Perstorp und Mary von Guernsey – wissen um die Fragwürdigkeit einer Flow-Analyse (der Fluss der Klänge in diesem Fall) des Finales. Dass vor Engelbert niemand performt, ist klar. Aber angenommen, Roman Lob bekommt nach seiner Vorstellung Russland zugelost: Wäre es dann nicht um seinen Beifall geschehen, weil alle Welt ohnehin sich auf die Großmütter freut? Aber alles in allem ist die ESC-Fan-Welt nur in einer Hinsicht gespalten: Schweden finden die einen das Tollste seit Ewigkeiten, die anderen lässt Loreen kalt. Ich schätze, hier muss abgewartet werden.

Amnesty macht mobil

3. April 2012 von Jan Feddersen

Das schrieb die renommierte Menschenrechtsorganisation Amnesty International über ihren Pressedienst in alle Welt: “Genau vor einem Jahr nahm die Polizei in Baku Dutzende friedliche Demonstranten fest, die sich über Facebook zu Protesten verabredet hatten. Bis heute sind 14 von ihnen in Haft. Deshalb startet Amnesty über Facebook und Twitter eine Kampagne, um ihre Freilassung zu erreichen und sich für Meinungsfreiheit in Aserbaidschan einzusetzen.” Das finde ich gut. Aber dass ich das ziemlich verdienstvoll finde, menschenrechtlich Kritik zu üben – gerade weil Aserbaidschan sonst nicht so im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit steht: Nützt das irgendwem?

Ich schätze nicht. So wie Stimmen, die in der Öffentlichkeit nicht mindestens das Gewicht von Popstars haben, eben eher verrauschen als dass sie einen tieferen Eindruck hinterlassen könnten, selbst wenn sie wollten. Aber Amnesty International hat eine Menge geeignete Supporter für die Kampagne gefunden, und die prominenteste in Großbritannien, wo die Zentrale der Organisation sitzt, ist eindeutig Sandie Shaw. Sie, die legendäre “Puppet On A String”-Chanteuse und ESC-Siegerin von 1967 in Wien, erklärte nun, dass sie die Inhaftierung von Demonstranten, die nichts als ihr Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit in Anspruch genommen haben, verurteile. Auch Thomas D ist im Reigen der Stimmen, die protestieren – er sagte schon vor längerem: “Vom Recht, seine Meinung zu sagen, können leider nicht alle Menschen so einfach Gebrauch machen wie wir. In manchen Ländern kann man dafür ins Gefängnis kommen.” Das ist mit diplomatischem Feingefühl formuliert – Thomas D wird in seiner Kritik nicht allzu krass. Mit seinem Aufruf „Jeder soll sagen und singen können, was er will. Gebt Baku eine Stimme!” bewegt er sich immer noch in seinem musikalischen Referenzrahmen. Thomas D will nämlich noch unbehelligt in Baku zwei Wochen arbeiten, am ESC nämlich, da verbietet es auch die Kunst des Zu-Gast-Seins, mehr als konfrontativ zu sein.

Weitere Unterstützer der Amnesty-Kampagne sind Didrik Solli-Tangen (ESC-Kandidat Norwegen 2010), A Friend in London (Dänemark 2011) und die Ukrainerin Aljosha (2010). Sie alle machen mit – und das ist, bei aller Kritik an der wohlfeilen Geste, ziemlich gut und ermutigend und freundlich und echt europäisch. Diese Künstler und Künstlerinnen haben mehr vom Geist des ESC begriffen als viele Fans, denen das Politische zu grell, zu riskant, zu uncool ist.

Marie von Möllendorff, in Deutschland bei Amnesty International zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, sagte gestern zurecht: „Der Veranstalter, die European Broadcasting Union, hat die einmalige Gelegenheit von der Regierung zu fordern, die Meinungsfreiheit zu respektieren – und zwar auch nach dem Wettbewerb, wenn die europäische Öffentlichkeit sich nicht mehr auf Aserbaidschan konzentriert. Oppositionelle in Aserbaidschan leben seit zwanzig Jahren in einer Atmosphäre der Angst. Wenn sie sich nach dem 26. Mai endlich frei äußern könnten, dann wäre das ein echter Erfolg für den Song Contest.“

Ich will nicht naiv sein, niemand sollte Illusionen anhängen – aber Aserbaidschan wird, falls es nicht nochmals gewänne, mit Ablauf der Pfingsttage aus dem öffentlichen Blickfeld geraten – dann werden alle Teilnehmenden von Baku wieder zuhause sein. Aber das steht doch jetzt schon fest: Soviel internationale Solidarität hat die aserbaidschanische Demokratiebewegung (in- und außerhalb der staatlichen Apparate) nie ernten können. Das ist Eurovision im besten Sinne.

Baku – der 60. ESC-Sieger?

2. April 2012 von Jan Feddersen

Es erscheint wie eine Kleinigkeit, aber die Reference-Group des ESC, der Lenkungsausschuss dieser Show, hat sich darauf verständigt, dass ab jetzt und für alle Zeiten die vier Siegerinnen von Madrid 1969 als Siegerinnen an und für sich gelten. Das heißt: In Baku wird der 60. Siegesact des Eurovision Song Contest gesucht – nicht der 57.

Wobei dieser ESC in Aserbaidschan der 57. seit 1956 ist. Das klingt wie ein Moment von Detailverliebtheit, aber die Reference Group will sich, Gerüchten zufolge, zum Diamantenen Jubiläum 2015 eine europäisch-öffentliche Abstimmung überlegen, welche der vier Siegerinnen von 1969 als wahre gelten könnte: Lulu, Salomé, Frida Boccara oder Lenny Kuhr. Davon abgesehen, dass schätzungsweise die Niederländerin Lenny Kuhr nach dem aktuellen Verfahren – Jury und Televoting je zur Hälfte – gewonnen hätte, weil die Kuhr eben an der Liedermacherinnenkultur zeitgenössisch dran war, außerdem ihr Lied “De Troubadour” sehr populär zum Mitschunkeln sich eignet, finde ich diese ganze Art der – sagen wir: Vergangenheitsbewältigung – albern.

Wie könnte jetzt entschieden werden, welche aus dem Quartett die erste und einzige Krone verdient hat? Das Gros des Publikums jenes Jahres wird sich kaum noch erinnern oder lebt nicht mehr im zurechnungsfähigen Alter. Und außerdem: Wie sollten die Gefühle von damals ins Heute transportiert werden? Die ästhetischen Empfindungen haben sich gewandelt, was heißt, dass eine wie Frida Boccara sofort unter divenhaften Kunstverdacht gestellt würde und vermutlich außerhalb der Jurorenschaft kaum Fans hätte. (Ich finde die Dramatik von “Un Jour, Un Enfant” immer noch bedrückend gut, das nur mal zur Klarstellung.)

Aber mir scheint, als würden vor allem die Meldungen über die Reference Group, die da neulich in Baku tagte, in die Öffentlichkeit gestreut, die irrelevanter kaum sein könnten. Denn nach wie vor wissen wir nicht: Was ist mit Armenien? Wird die TV-Gesellschaft dieses Landes mit einer Strafe belegt? Und weiter: Die Reference Group hat ja beschlossen, so hörte ich, dass jedes teilnehmende Land im kommenden Jahr einen Vorentscheid veranstalten muss. Zustimmen muss nur noch das TV-Komitee der European Broadcasting Union, aber die Reference Group gibt nicht einmal einen einzigen Hinweis, wann dieses Gremium tagen wird.

Will sagen: Wir erfahren von den Offiziellen immer nur noch Puschelig-Unwichtige, aber das, was wirklich mit europäischer Diplomatiekunst, mit Transparenz und mit Öffentlichkeit zu tun hat, sollen wir nicht erfahren.

Wozu auch eine andere Nachricht zählt: Über den Internetdienst ESCtoday erfahren wir, dass das Kosovo mit seiner TV-Anstalt RTK nicht am ESC teilnehmen darf. Gründe wurden keine angeführt; dem Vernehmen nach sei es, so heißt es seitens der EBU, unmöglich, die von Serbien seit 2008 unabhängige Republik Kosovo aufzunehmen. Warum? Erfahren wir nicht. Okay, Serbien boykottiert diese abtrünnige Republik, aber woran liegt das Desinteresse? Weil das Kosovo ein politischer Funkenherd wäre? Weil Albanien dieses Land mehr als bekannt steuert? Weil die Nato das Land beschützt – und es nicht lebensfähig wäre, würden diese Militärs abziehen?

Kosovos Außenminister Petrit Selimi teilte der EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre mit, “die EBU ist extrem wichtig für uns, nichts anderes als der ESC ist wichtiger für die Bildung unserer nationalen Identität”.

Woran auch immer es liegen mag, dass man über die vom Außenminister aus Pristina geäußerten Ansprüche einfach hinweggeht – wir würden es gern erfahren. So, bei dieser Informationspolitik, hat man das Gefühl, nur kremlartig gefilterte Nachrichten zu erhalten. Ist das aber ein Zeugnis für das moderne Europa?

Update:

Okay ein Aprilscherz? Ein Aprilscherz, fürwahr. Ich bin drauf reingefallen. Andererseits war das auch nicht so schwer: aus einer Mücke macht die EBU zumindest ein Elefantchen. So bleibt der Kern meiner Aussage: Viele Themen werden bei der EBU totgeschwiegen. Zu Kosovo, Armenien erfährt man leider nichts. Nicht zur Vorentscheidungspflicht und nicht zur Debatte um Menschenrechte in Aserbaidschan – dass etwa zeitgleich mit der Reference Group es eine Demonstration in Baku gab. Ein demokratieförderliches Ereignis!

Verfälschende Übersetzungen

29. März 2012 von Jan Feddersen

Ich mache mir Sorgen, und zwar um Italien. Nina Zilli, die italienische San-Remo-Königin und ESC-Repräsentantin ihres Landes in Baku, wird ihr Lied “L’amore è femmina” nicht gänzlich in ihrer Muttersprache zu Gehör bringen, sondern in einer sogenannten bilingualen Version, die offiziell “Out Of Love” betitelt ist. Konkret muss das so gelesen werden: In einer Sprache, die Frau Zilli nicht die Spur so gut wie kann wie die italienische, wird sie versuchen, ihrer Favoritinnenrolle gerecht zu werden. Auch sie – oder: ihr Team – glaubt, dass man mit dem Englischen einfach gefälliger zur Kenntnis genommen wird.

Aber davor sei gewarnt. Das beweisen die zahlreichen, vor allem osteuropäischen Versuche, aus schwer zu verstehenden Sprachen wie Rumänisch, Ukrainisch, Lettisch oder gar Ungarisch ins Englische auszuweichen – der Illusion anhängend, in dieser lingua franca des Pop liesse sich auch nur ein einziger Punkt mehr bekommen. Denn die englischen Fassungen klangen, ehrlich gesagt, durch die Bank erschütternd unbritisch, unenglisch, unernsthaft. Englisch, sagte mir ein Kollege der BBC aus Manchester, ist nicht so einfach, wie alle Welt ausserhalb des Vereinigten Königreichs glaubt.

Nun, von 1999 an war ja die Sprache der Lieder freigegeben, auch in kurzen Zeiten der Sechziger (als es noch keine strikten Regeln gab) oder in den Siebzigern (als diese aufgehoben wurden, wovon zweifellos die Schweden von Abba profitierten) war dies der Fall. Seit dem Jahr von Charlotte Nilsson (die heute Perrelli heißt), als ihr “Tusen och en natt” erst bei der Siegesvorstellung teilweise auf Schwedisch intonierte, ist Englisch die Sprache aller ESC-Sprachen. Französisches hat seit 1988 nicht mehr gewonnen, diese Ursprache der European Broadcasting Corporation ist inzwischen in ESC-Zirkeln so wichtig wie, sagen wir, Litauisch oder Finnisch – nämlich ein Idiom unter sehr vielen.

Erst 2007 wurde mit der Mär aufgeräumt, mit einheimischen Worten und Versen könne kein Blumenpott zu gewinnen sein. Marija Serifovic und ihr “Molitva” gewannen – und das auf Serbisch. Wobei man natuerlich einschränkend sagen muss: Molitva ist die serbische Vokabel für “Gebet”, freilich ist es diese auch auf Slowakisch oder Kroatisch oder Slowenisch oder Ukrainisch – nur stets leicht anders geschrieben.

Was ich aber sagen will: Nina Zilli auf Englisch wird nicht so gut klingen wie auf Italienisch. Das liegt nicht an ihren Worten, die sie hervorhaucht oder -bellt, sondern an der Atmosphäre des Verslichen, sozusagen. Auf Italienisch wird sie als gigantische Diva wahrgenommen, auf Englisch wird sie unsicherer, wenn vielleicht auch internationaler, aber auf jeden Fall weniger authentisch klingen. Das ist bei Roman Lob anders: Sein “Standing Still” ist bei ihm – hörbar, wie ich glaube – die Sprache, mit der er am liebsten zu tun hat. Plötzlich hat er diesen Schimmer Überregionalität, unter Verlust seiner rheinischen Grundklänge.

Aber ich plädiere dafür, dass die Länder sich mehr trauen, in ihren Sprachen zu singen – denn es ist kein Malus bei der Punkteauszählung, etwas fremd, etwas exotisch, etwas unverstanden das Publikum einzunehmen. Die Russinnen machen es vor: Nur ihr Refrain hat eine gewisse Qualität des Grölenden, Mitgrölenden, der Rest ihres Textes ist ohnehin einerlei, dafuer gleich in einem Dialekt, der entfernt an gar keine uns hierzulande bekannte Sprache erinnert.

Auf Texte hört, meine Erfahrung besagt dies, niemand richtig. Es kommt auf die Chiffren an, auf die Eingängigkeit von Worthülsen – und da war es gleichgültig, dass etwa “Congratulations” von Cliff Richard 1968 auch denen sympathisch schien, die noch kein Englisch in der Schule gelernt hatten. Denn trotzdem fuhr in jenem Jahr 1968 die Spanierin Massiel besser – ihr “La La La” suspendierte die spanische Sprache in der Überschrift gleich gänzlich.

Nina Zilli allerdings bleibt meine Liebste, was die Prognosen anbetrifft. Sie kann live performen wie vermutlich niemand sonst in diesem ESC-Jahrgang – und sie möge es durch die Bank auf Italinisch tun. Ihre Botschaft ist dann klarer und glaubwürdiger: Die Liebe ist weiblich.