Ein guter Jahrgang
23. Dezember 20091. Es war ein guter Jahrgang. Mit Alexander Rybak hat der favorisierteste Favorit aller Zeiten beim ESC gewonnen. Er hat immer noch viel zu tun, viel Tingel in seinem Land, jede Menge Tangel außerhalb dessen. Er wird Ende Mai in Oslo als König abgelöst. Er weiß noch nicht, wie leer sich das für ihn anfühlen könnte.

2. Das Ergebnis für “Alex Swings Oscar Sings Dita Moves” war nicht schlimm. Das Lied wird eines Tages, sagen manche, zu den Evergreens zählen. Trotzdem gut, dass sich der NDR nun die Kooperation mit Stefan Raab organisiert hat.
3. Ob Raab der Heilsbringer sein kann, ist offen. Bestes Ergebnis für ihn bislang: sein eigener fünfter Platz in Stockholm. Andererseits: Ralph Siegel hat zwischen der ersten ESC-Partizipation und einem Sieg nur acht Jahre benötigt.
4. Schönste Szene in Moskau: der bürgermeisterliche Empfang am Montag vor dem Finale. Während viele ESC-Künstler hektisch über den roten Teppich vor dem Kreml stöckeln, wandelt Patricia Kaas auf ihm wie auf einer Wolke. Auf ihrem Gesicht: eine mokkafarbene venezianische Augenmaske. Sie spricht, raunt geheimnisvoll – göttlich!
5. In Moskau lagen durchweg Lieder vorn, denen eine gewisse Anmutung von Unschuld eigen war. Gute Entwicklung, das!
6. Islands Yohanna wurde Zweite mit einem bestürzend schleppenden Lied. Ja, es war wahr!
7. Dass Georgien sich aus dem Contest in Moskau zurückzog, nur weil es Wladimir Putin nicht beleidigen durfte, mag fundamentale Freunde der Meinungsfreiheit ärgern. Ich würde sagen: Eine Spur subtiler hätte die Kritik am neuen Zaren schon ausfallen dürfen. So schmeckte dieser Konflikt – irgendwie substanzlos.
8. Erfolg für die Moskauer CSD-Organisatoren: Sie schafften es in die öffentlichen-rechtlichen Nachrichten, sogar bis in die “Tagesschau”.
9. Deprimierend das Ende dieses Jahres: Die Niederlande wagen die ästhetische Konterrevolution, indem sie sich Vader Abraham anvertrauen. Andererseits: mutig ist das auch.
10. Oslo wird wunderbar. Nicht nur, weil es Wunder immer wieder gibt - die natürlich auch – sondern weil es das Jahr nach Alexander Rybak wird. Teach-In konnten in der Saison nach Abba auch nur einen Abglanz von echtem Ruhm ernten.
Euch und Ihnen allen frohe Festtage, einen bezaubernden Jahreswechsel – und herzlichen Dank für all die Statements, Kommentare, Diskussionen und Dispute. Ich finde, so leidenschaftlich machen wir weiter!
Jury und Publikum stimmten ähnlich ab
25. Juni 2009Endlich hat man mal aus deutscher Sicht eine klare Ansage: Nach den allermeisten ESC-Ländern hat nun auch die ARD bekannt gebeben, wie deutsche Jury beim Finale am 16. Mai abgestimmt hat. Und, welche Überraschung, die Türkei erhielt nur einen Punkt, Island derer zwölf und Portugal gleich zwei.

Das ist nur mager different zum deutschen Puntkeergebnis überhaupt: Davon abgesehen, dass das Televoting Alexander Rybak doch auf Platz eins setzte, also Thomas Anders für den Norweger zwölf Punkte nach Moskau schicken konnte. Die Isländerin hingegen muss beim Publikum eher überhört worden sein, sonst wäre sie wenigstens mit zehn Punkten bedacht worden. Dass Malta gleich zehn Zähler aus der Jury erhielt, muss mit Guildo Horns Verführungskünsten zu tun haben: Ich erinnere mich noch gut, dass er Chiara, als er selbst in Birmingham auf die Bühne ging, schon damals toll fand. Alte Kumpelinnen vergisst man offenbar nicht! Schön, dass Israel der Jury drei Punkte wert war.
Ingesamt muss man aber sagen, dass die ExpertInnen kaum spektakulär unterschiedliche Wahrnehmungen hatten. Mit zwei Ausnahmen: Griechenland, von der Jury krass ignoriert, erntete beim Televoting viel Zuspruch, die Türkei schaffte es sogar auf die zweithöchste Punktezahl. Und das ist ein Zeichen, dass die ARD während des ESC bei unseren migrantische BürgerInnen der liebste Sender war. Ist das nicht auch ein Integrationszeichen, ein sehr schönes?
Finnland macht den Auftakt für 2010
19. Juni 2009Man glaubt es nicht, ich muss mich wiederholen: Früher erfuhr man manchmal von den ESC-Kandidaten erst aus der HörZu oder aus dem Gong, also höchstens acht Tage vorher. Und jetzt muss man sagen: Nach dem ESC ist vor dem ESC – und wie! Finnland hat nun die Bedingungen für die Teilnahme an seiner Vorentscheidung bekannt gegeben, und schon das ist
ein öffentlich wahrnehmbarer Quantensprung im Hinblick auf ein Festival, das zum Ganzjahresereignis zu werden, ja: droht?

Eherne Freunde der Idee des Festivals, mein Quasipatenkind Björn aus Hamburg beispielsweise, nimmt sich an gewissen zwei Tagen im Herbst nichts vor, weil dann nämlich der Asia Song Contest steigt, außerdem kommt ja noch der Junior Eurovision Song Contest. Davon abgesehen, dass letzterer mir vorkommt wie früher das Paarlaufen beim Eiskunstlauf – Zwerginnenwerfen von erwachsenen Männern, jedenfalls alles sehr kindlich bis infantil -, ist es doch der ESC, das Original, das interessiert.
Und zu dieser Nachricht aus Helsinki zählt auch, dass die EBU, also die Zentrale der Eurovision in Genf, sich neulich in Oslo umgesehen hat. Das norwegische Fernsehen, so erfuhr man dort, hat längst alle Positionen für das Drei-Festivals-Event bestimmt. Jetzt geht es noch um die passende Halle: das Spektrum inmitten der Osloer Innenstadt – oder ein überdachtes Fußballstadion am Rande der norwegischen Hauptstadt. Ich plädiere für die metropole Kerngeschichte. 1996 war auch schon schön im Spektrum, da passen viele Menschen rein. Mit anderen Worten: Finnland hat seine Vorentscheidung beinahe schon in trockenen Tüchern, die Norweger scheinen auch alles im Griff zu haben, Alexander Rybak soll inzwischen an Dauer-Jet-Lag und Erschöpfungszuständen leiden, aber er weiß, dass er gerade die Zeit seines Lebens lebt. Will sagen: Wäre es nicht schön, wenn wir mal die Resultate unserer deutschen Jury erführen?
Ist Erfolg garantiert?
10. Juni 2009Hans R. Beierlein hat die kühlsten und klügsten Worte zum Eurovision Song Contest schon vor zehn Jahren formuliert: Wer glaube, ein Sieg sei so, als habe man im Showbusiness bereits einen Fuß in der Tür, irre. In Wahrheit sei ein Sieg nichts als die Chance, mehr als eine Zehe in die Pforte zu bekommen. Er konnte das aus eigener Erfahrung formulieren: Udo Jürgens war von 1963 an sein Schützling, er hat den berühmten Mann, nach eigener Aussage in Schwabing aufgelesen, vom Dasein als gehobener Hotel- und Barpianist befreit, aber zur Bedingung gemacht, dass er sich seinem Regime unterwerfe. Und das hatte folgendes Gesetz: Kein Schlager, alle Orientierung nur noch international, keine Billigware – und höchste Disziplin. Über Österreich verschaffte sich der Münchner Musikmanager das Entree zur Eurovision. Nach “Warum nur, warum?”. “Sag ihr, ich lass sie grüßen” und “Merci Cherie” war es geschafft: Udo Jürgens stand vor der Pforte – und Beierlein trieb ihn dazu, den Zeh nun nicht vor lauter Selbstbesoffenheit wegzuziehen. Kalkuliert wurde die Karriere von Udo Jürgens weiter gedacht – aus Udo Jürgens, dem ESC-Gewinner von 1966, wurde ein Popstar im deutschsprachigen, bisweilen auch im romanischen Bereich. Mehr aber sei nicht drin bei einem ESC-Sieg: Dann beginne, so Beierlein, erst die Arbeit.

Ich stelle mir das so vor: Eine brillante wissenschaftliche Arbeit macht noch keine intellektuelle Exzellenz, ein gutes Essen trägt noch nicht zum Ruf bei, gut kochen zu können – und eine freundliche Geste ist noch kein Billett zum Leumund, ein umgänglicher Mensch zu sein.
Jahr für Jahr, so will ich sagen, wird Eurovisionsgewinnern nachgesagt, sie seien Eintagsmotten. So sagte man über Abba, über Gigliola Cinquetti oder über Celine Dion. Zugegeben, manche pulverisierten ihre Energie mit dem Vortrag ihres Siegestitels am Ende eines ESC, Corinne Hermès, Tanel Padar & Dave Benton, Teddy Scholten oder Ruslana. Aber sie hatten wenigstens ihren goldenen Moment, was sie schon mal, um mal nach Deutschland zu blicken, von Maxi & Chris Garden, die Sangesdarsteller von Atlantis 2000 oder Leon unterschied.
Was aber wird nun aus Alexander Rybak? Sein “Fairytale” ist das kommerziell erfolgreichste ESC-Produkt seit “Save Your Kisses For Me”. In den Downloadcharts steht es in einer Fülle von Ländern ganz weit vorn, in einigen auf Platz 1. Und das Album? Ist jetzt auf dem Markt, und ich finde es hörbar. Es eignet sich prima für Zeltplatzbeschallung, Grillabende und Bootstörns von Gibraltar nach Bornholm, wenn man Anker gelegt hat. Es ist frische Musik, leicht skandinavisch, aber nicht allzu folkloristisch. Musik, die nicht stört, sozusagen, im Gegenteil.
Das ist, finde ich, die gute Botschaft aus diesem Jahrgang. Ob es eine schlechte ist, ob also Alexander Rybak in einem Jahr in der Abba-Liga spielen kann oder eher ästhetisch verraucht wie weiland Sandra Kim und womöglich als Kirmeseröffnungsnummer endet, ist offen. Ich schätze aber: Der wird was!
Sportsmann H.P. Baxxter – klasse!
28. Mai 2009Allmählich verebben die aufwühlenden Statements zur Moskauer ESC-Woche wie auch zum 20. Platz für Alex Christensen und Oscar Loya. Mein Held aber all dieser Erörterungen nach dem Finale ist ohne Fragen H.P. Baxxter. Für Menschen, die auf Humtatamucke und veilchenrosa Schlagerlein eher abonniert sind: Das ist der Frontmann von Scooter. Der war schon, als er als Teil der Jury in Moskau für drei Tage aufkreuzte, klasse. Sagte, dass er gerne mal bei der Vorentscheidung mitgemacht habe, dass er den Event hochschätze, schon immer verfolgt habe und mitfiebere.

Ein Pflichttermin, so lässt er sich zitieren; auf der Terrasse des Ritz Carlton, von der ein echt gigantischer Höhenblick auf den Kreml möglich ist, zeigte er sich sogar fit, was den ESC und seine Acts anbetrifft. Konnte “Save Your Kisses For Me” summen und erinnerte die Show der Serbin Marija Serifovic “den Hammer”. Lordi hat er auch noch in guter Erinnerung, sagte, dass Scooter 2004 womöglich, wo seine Band von Max Mutzke (also Stefan Raabs Castingsieger) geschlagen wurde, zu früh gekommen wäre, die Finnen also zur rechten Zeit, 2006, am rechten Ort, Athen.
Dieser H.P. Baxxter kommentierte nun, ebenfalls via “Lübecker Nachrichten”, den Kummer von Alex Christensen: “Ich kann gut verstehen, dass Alex enttäuscht ist, denn er hat alles gegeben und einen tollen Auftritt abgeliefert.” Das “Desaster vom letzten Jahr” – er meint die No Angels – sei eben immer noch “in den Köpfen”, was “hierzulande zu einer ESC-Verdrossenheit geführt” habe. Nun, in Wahrheit gibt es jedes Jahr Verdrossenheit in Deutschland, wenn man nicht gewonnen hat, es verhält sich in unserem Land eben so, wie es Kurt Tucholsky einmal skizziert hat: Deutschland ist immer beleidigt, wenn es nicht über allen und allem stehe.
Er selbst, so H.P. Baxxter, wäre ja gern beim ESC aufgetreten, aber seine Plattenfirma habe ihm abgeraten, weil er sonst, vor allem im Kernland der Scooter-Begeisterung, im United Kingdom, schweren Leumundsschaden hätte hinnehmen müssen. Generell empfiehlt er: “Man sollte wieder etwas entspannter an die Sache rangehen und nicht gleich in Depression verfallen, wenn es mal nicht so läuft.” Die Frage, was er denn empfehle, um die deutschen Chancen beim ESC zu verbessern oder ob Deutschland vom ESC ich zurückziehen solle, beantwortet der Mann knapp. “Keine Ahnung, aber kneifen gilt nicht.”
Und das ist doch eine schöne Antwort. Wer verloren hat, soll sich überlegen, wie es besser ginge. So wie Norwegen, das vor zwei Jahren noch mit Guri Schanke schwer strauchelte, voriges Jahr sich besserte und dieses Jahr einem Mann wie Alexander Rybak das Vertrauen schenkte. H.P. Baxxter jedenfalls heult offenbar nicht gleich in Strömen, wenn es mal mistig lief. Na und?, sagt er uns, dann eben nächstes Mal. Schön an dieser Resonanz wie vom Scooter-Mann ist ohnehin, dass einer wie er gefragt ist, die Misere zu kommentieren – nicht wie all die Jahre zuvor all die Nicoles und Leandros und Siegels, Ewiggestrige, die keinen blassen Schimmer haben, dass Schlager wie in ihrer Zeit nur hysterisches Entsetzen provozierten.
Im Übrigen hat das norwegische Fernsehen NRK den Termin der nächsten Festwoche bekannt gegeben. Das Finale – in Oslo! – wird am 29. Mai ausgetragen, das ist der Sonnabend nach Pfingsten, das erste Semifinale steigt am 25. Mai, das zweite am 27. Mai. Die Kollision mit dem Champions League-Finale im Fußball am 22. Mai ist somit keine mehr. Der Mai in Norwegen, soviel lässt sich sagen, ist an dessen Ende immer besser. Ende April liegt ja gern auf dem Holmenkollen, dem Hausberg der norwegischen Hauptstadt, noch ein Meter Schnee. Für ein Frühlingsfest der europäischen Popmusik wie den ESC wäre das definitiv unpassend.
Christensen macht sich Luft!
27. Mai 2009Das war schon sehr cool, was Alex Christensen unmittelbar nach dem Moskauer Finale in die Kameras der ARD-Grand-Prix-Party sagte: Dass er dem Norweger den Sieg gönne – und selbst nicht sonderlich enttäuscht schien über den 20. Platz, auf dem er und Oscar Loya endeten. Und es scheint doch nur eine heiter drapierte Schockreaktion gewesen zu sein. In den Lübecker Nachrichten teilte er mit: “Mit dem schlechten Abschneiden habe ich nicht gerechnet.” Denn, allgemeiner gesprochen, es sei doch klar: “Uns Deutsche kann niemand leiden.” Es sei “ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn man als Künstler im Ausland Erfolg haben will, darf man nicht die deutsche Flagge rauskehren.”

In diesen Statement steckt mehr bitter gestimmte Enttäuschung als ein Kern von Realismus: Von europäischer Aversion gegen Deutschland als solchem kann irgendwie keine Rede sein. Guildo Horn, Michelle, Stefan Raab, Max Mutze, einst Mary Roos, Katja Ebstein, die Siegeltruppe mit Lena Valaitis, Nicole und Dschinghis Khan – sie alle landeten unter den Top 10 des ESC. Und sie hätten, betrachtet man die Acts, die jeweils vor ihnen lagen, nicht besser abgeschnitten, wären sie, mal so spekuliert, für Dänemark, die Schweiz oder Belgien an den Start gegangen. Was Christensen möglicherweise übersieht, ist, dass in Moskau allzu offen sexualisierte Acts keine Chance hatten. Gefragt waren Auftritte, die als echt und authentisch inszeniert waren und irgendwie mit dieser Aura auch für glaubwürdig gehalten wurden.
Die Kritik an “Miss Kiss Kiss Bang” ärgere ihn ebenfalls – und in diesem Zusammenhang die mangelnde Rückendeckung durch den NDR. Soweit ich das einsehen kann, ist das eine fehlerhafte Beurteilung. In Interviews mit Thomas Schreiber und Manfred Witt, in den Engagements, die in der Countdown-Show vor dem und der Grand-Prix-Party nach dem Finale lagen, mangelnden Support zu entdecken, ist nur erklärlich mit der persönlichen Kränkung, als extrem erfolgreicher Produzent von zeitgenössischer Unterhaltungsmusik nicht den wichtigsten Nerv des Publikums zwischen Ural und Atlantik getroffen zu haben.
Er darf sich trösten, dass sein Lied in den Downloadcharts, beispielsweise in Großbritannien, ziemlich gut rangiert. Und: In der Tageszeitung “Die Welt” hat mein Kollege Richard Herzinger über ihn und – vor allem – Dita von Teese eine nachgerade begeisternde Hymne auf den Mut zur erotischen Transzendenz der “Miss Kiss Kiss Bang” verfasst. Ein vielleicht nicht von allen geteiltes Urteil, aber immerhin mal eine Stimme, die vom üblichen Gezeter (recherchefrei, klischeegesättigt, extrakompatibel mit allen Stammtischen bildungsbürgerlicher Provenienz) abweicht.
In Sachen Nachwehen zu Moskau lässt sich noch zufrieden im Sinne guter Chronistenpflicht mtiteilen, dass vor allem Alexander Rybak ein unruhiges Leben aktuell hat. Beinahe überall steht sein Song in den Charts ganz weit oben, ebenso die Isländerin Yohanna, auch die Aserbaidschaner, die Ukrainerin und der Däne haben nix zu meckern: Sie werden europäisch wahrgenommen – was der Theorie entspricht, dass, wenn die westlichen Länder sich Mühe geben, sie sowohl im Hinblick auf die Punkteausschüttung als auch später in den realen Charts heftig mitmischen. Es ist ein wenig wie früher: Der ESC als Popmarkt, als trendscoutendes Unterfangen, als Bühne, die es lohnt, ausprobiert zu werden. Dass da einer wie Alex Christensen auf der Strecke blieb, ist schade.
Er hat angekündigt, unter wie auch immer anderen Bedingungen wieder mitmachen zu wollen. Das klingt gut. Dass einer wie er mal seinen Frust abladen wollte, war doch klar. Dass die öffentlich-rechtlichen Radiostationen seinen Titel fast boykottierten, ist doch auch echt misslich, wie auch Thomas Schreiber heftig im Interview auf unseren Seiten monierte. Warum nur sitzen bei den meisten Popwellen Redakteure, die auf den ESC nur mit Widerwillen reagieren. Mögen die ihren Job nicht, das Publikum mit moderner Popmusik zu versorgen?
Das Generalsekretariat klärt auf?
20. Mai 2009Die Reference Group des ESC und ihr Generalsekretär Svante Stockselius – das ist der Mann, der unmittelbar vor den Votings in der Übertragung eingeblendet wurde – haben ausgeschlafen und auf unsere Fragen geantwortet.

1. Welche Folgen wird es – wenn überhaupt – für Spanien haben, dass es gegen die Regeln das zweite Halbfinale nicht übertrug und nur ein Juryvotum durchgab? Auf der nächsten Sitzung, so übermittelte Stockselius in einer Mail, der Reference Group. Der Termin stehe nicht fest, aber er werde bis Juni stattfinden.
2. Kann er erklären, weshalb Norwegen als letztes Land seine Wertung durchgab – gegen die ausgeloste Reihenfolge, derzufolge Norwegen gleich nach der Schweiz dran gewesen wäre, als 17. Land vor Bulgarien? Stockselius nüchtern: Da gab es technische Probleme. Welche, wollte er nicht mitteilen. Ein Geschmäckle haben diese echten oder vermeintlichen technischen Probleme aber dennoch. Es könnte ja sein, dass das Telefonnetz überlastet war – aber das würde man eher als Problem in Moldawien vermuten, doch nicht im High-Tech-Norwegen, wo die Verbreitungsrate von Handys mit allem Schnickschnack 100 Prozent beträgt. Ein Geschmäckle deshalb, weil die karge Antwort von Stockselius die Vermutung nährt, dass Norwegen als Gewinnerland quasi das letzte Wort haben sollte. Denn: Das Resultat wusste Stockselius bereits eine Minute nach dem Schließen der Televotingleitungen. Die Show der Wertung, das Herzstück dieses Events, ist eine pure Inszenierung. Nicht die Punktzahlen, aber anders als früher wissen die Schiedsgewaltigen am Veranstaltungsort viel früher als das Publikum über die Punkte Bescheid. Und: Obendrein hatten die Jurys ihre Stimmen bereits am Freitagabend nach der zweiten Generalprobe abgeben müssen. Wir werden es im nächsten Jahr sehen: Wer in der ausgelosten Wertungsreihenfolge ausgelassen wird, könnte der Sieger des Abends sein.
P.S. zu diesem Punkt. Für Chronisten soll gesagt sein, dass Norwegens Votum am Ende keine Rolle mehr spielte. Mit der estnischen Wertung, der 31. von 42, war für die anderen Länder das ohnehin nur noch theoretische Spiel um ein offenes Rennen mit Norwegen vorbei. Da Aserbaidschan schon aus dem nördlichsten baltischen Land nur sieben Punkte erhielt, war der Vorsprung für Alexander Rybak uneinholbar geworden. So sehr hatte selbst Nicole 1982 nicht gewonnen, auch nicht die Iren Paul Harrington & Charlie McGettigan 1994.
3. Werden denn bald die Jurywertungen veröffentlicht, so die nächste Frage an den Generalsekretär. Stockselius, Europäer aus Schweden durch und durch, bestätigte die Möglichkeit. Jedes Land könne selbst entscheiden, ob es das wolle. Wäre das für Fans in den 42 Ländern eine gute Möglichkeit, die eigenen Sender auf ihre Fähigkeit zur Transparenz hin zu befragen? Die Wertung aller Jurys jedenfalls sind nun bekannt. Norwegen lag da ebenso vorne, Island auf dem zweiten Rang, aber die Britin wurde Dritte, Patricia Kaas Vierte, Estland wurde Fünfter, Dänemark Sechster und die Türkei Siebter. Sakis Rouvas war hauptsächlich beim Publikum gelitten, bei den Jurys landete er auf dem zehnten Rang. Und Deutschland? Wäre nicht 20. geworden, sondern mit 73 Punkten auf dem 14. Platz gelandet.
4. Ebenfalls wird sich die Reference Group, so bestätigte es Stockselius, mit einem Skandal beschäftigen. Der trug sich in Aserbaidschan zu – und dass wir von ihm wissen können, liegt an der tagesschau.de-Kollegin Silvia Stöber, die hat ihn uns erzählt. Dass nämlich der Blogger Onnik Krikorian via Twitter und Mail am Samstag während des Finales davon Kunde bekam, Aserbaidschan habe während des armenischen Beitrags Störsignale über den Sender geschickt. Auch seien die Telefonnummern, mit denen Aserbaidschaner für den armenischen Act hätten abstimmen können, gesperrt gewesen. Später, während der Abstimmung, habe das aserbaidschanische Fernsehen in Baku den halben Bildschirm verdunkelt, um das – gute – Resultat Armeniens nicht zur Kenntnis geben zu müssen.

Zum Hintergrund: Beide Länder, das eine wie das andere aus der Sowjetunion hervorgegangen und heute nur dem Namen nach Demokratien, streiten sich um die in Aserbaidschan gelegene Gegend Berg-Karabach. Sie hat sich für unabhängig erklärt, wird aber von niemanden anerkannt, nicht einmal von Armenien. Die Menschen in Karabach verstehen sich als Bergarmenier und sprechen Armenisch. Ein Krieg um das Gebiet Anfang der neunziger Jahre wurde lediglich von einem brüchigen Waffenstillstand abgelöst. Das Thema Karabach ist für die aserbaidschane Nomenklatur ein äußerst sensibles Thema – dennoch hat Armeniens Punktemitteilerin während der Wertungszeremonie plötzlich einen Zettel hochgehoben – man kann es auf Videos deutlich sehen. Auf dem seltsamen Bild ist eine Skulptur zu sehen, die in Stepanakert, der Haupstadt Berg-Karabachs, steht. Die “Tatik & Papik” – Großmutter und Großvater – genannte Figur gilt als Symbol der Unabhängigkeit der Karabach-Armenier.
Aserbaidschan muss sich provoziert gefühlt haben – und das restliche Europa verstand die Geste zunächst nicht. Punkte? Aus Aserbaidsdchan gab es nix für Armenien, von den Armeniern für Aserbaidschan immerhin einen Punkt.
Wie dem auch sei: Ein Land unkenntlich zu machen, ist allen Staaten verboten. Die Türkei musste in den Siebzigern lernen, Griechenlands Songs nicht auszublenden, und der Libanon wollte vor einigen Jahren teilnehmen, aber nur unter der Bedingung, dass man nicht Israels Lied zeigen müsse. Die Eurovision lehnte ab. Ob Aserbaidschan nun eine Sanktion verpasst bekommt, ob Armenien für die unfeine Geste gen Aserbaidschan ebenfalls mehr als nur gerügt wird, wollte Stockselius nicht sagen. Im Juni werde beraten! Wir kommen darauf zurück.
5. Noch ein Nachtrag zur kulturellen Umkämpftheit des Siegers. Russische und weißrussische Medien reklamierten nach Rybaks Sieg den Norweger für sich. Norweger? Nein, weit gefehlt. Sie aberkannten ihm quasi die norwegische Kultur – erkannten in seinem breiten Mund slawische Züge, in seinem Lachen das Lachen des fröhlichen Russen und in dessen Lied ein typisch russisches Lied. Davon abgesehen, dass mich diese kulturellen Zuordnungen angeblich sichtbarer körperlicher Attribute wegen heftig stört: Auf diese Art von Repatriierung muss man erstmal kommen! Davon abgesehen, dass jede kulturelle Identität immer die Gefahr in sich trägt, anderen Kulturen gegenüber totalitär zu sein, ließe sich wenn schon, über Rybak und sein Lied nur dies sagen: Er spricht Norwegisch, er sieht wie ein Norweger aus – wer schon mal da war, weiß das natürlich -, und das Lied, sehr akkurat genommen, erinnert in seiner Tanzhaftigkeit an jüdische Weisen, die in den osteuropäischen Communities der jüdischen Minderheiten gern angestimmt wurden. Es ist Musik, die so gutgelaunt wirkt, weil sie die Niederungen des Alltags zu überwölben sucht. Darüber hinaus klingt “Fairytale” wie eine europäische Hymne, ähnlich wie “Waterloo”, “Diva”, “Congratulations”, “Hallelujah” oder “Fly On The Wings Of Love”. Nur dass Rybaks Liedharmonien an eine verdammt gute norwegische Folkloreschule erinnern. So vermischt sich Europa. Gut so. Am Ende sind Kulturen nur so viel wert, wie sie zu einem Sieg reichen. Norwegen weiss das zu schätzen. Rybak steht, nebenbei, in den Downloadcharts Europas fast überall weit vorne – bei iTunes zum Beispiel. Er scheint ein europäischer Popstar zu werden.
6. Ihre, Eure Reaktion ergewogen, die von Freunden aufgenommen, wird der deutsche Act von Christensen & Loya auch so gesehen: Mag sein, dass sie professionell waren, aber in Moskau wirkten sie so artifiziell und unauthentisch wie kaum ein anderes Lied. Es wärmte nicht, so heißt es, es kam dem neuen Zeitgeist nach Echtheit und Ernsthaftigkeit nicht entgegen, im Gegenteil. Die Ästhetik von Las Vegas ist out, in ist in diesem Sinne eine, die auf unironische Unmittelbarkeit setzt. Man muss diese Beobachtungen ernsthaft erwägen – sie zeigen, was im nächsten Jahr nicht der Fall sein sollte.
7. Offen ist plötzlich wieder das Datum des ESC 2010. Der ursprünglich anvisierte 22. Mai als Finale ist fraglich, weil das Fußball-Champions-League-Endspiel am gleichen Tag stattfinden soll. Die UEFA – die Eurovision des Fußballs quasi - lässt sein wichtigsten Vereinsfinale erstmals an einem Samstag austragen. Es könnte also der 15. Mai werden oder der 29. Mai – am gleichen Tag, an dem 1999 in Jerusalem das Finale zelebriert wurde.
Unkaputtbar
18. Mai 2009Wie es um den VfL Bochum genau steht, weiß man ja nie so genau: Wahrscheinlich steigen sie diese Saison nicht ab weil sie, “unkaputtbar” sind, wie es im Ruhrpott heißt. Sicher ist allerdings, dass der Sonnabend mit dem ESC einmal mehr für die ARD das wichtigste Showformat jenseits der Volksmusik war. Die Quoten - nicht so klasse wie einst bei Michelle oder Texas Lightning. Aber dafür, dass es keinen Vorentscheid gab, konnten Alex Christensen und Oscar Loya ziemlich gut mobilisieren.
Die Medien am Tag oder zwei Tage danach klingen fast durchweg hämisch. Leider. Die Tagesschau zeigte abermals Alexander Rybak als Sieger von Moskau, aber die papiernen Medien waren einmal mehr en gros wie meist auch en detail kenntnisfrei berichterstattend. Immerhin, die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” hatte so opulent wie kein anderes Blatt berichtet, die “Frankfuter Rundschau” immerhin mokierte sich, ich finde zutreffend, über die Äußerung des deutschrussischen Schriftstellers Wladimir Kaminer, die dieser in der ARD-Grand-Prix-Party mitteilte. Dass es mit der Homophobie, angesprochen auf den zerschlagenen CSD am Vormittag vor dem abendlichen ESC-Finales, nicht weit her sei, das werde sich wohl bald ändern. Nun, das hört man von einem, der in dieser Hinsicht noch nie fürchten musste, von Miliz wie Polizei behelligt zu werden, doch ungern. Keine echte Ahnung von der Atmosphäre an Ort und Stelle, aber aus der ganz gemütlichen Sofaecke, einer deutschen, liberal gesinnten zumal, mal kurz das Weltgeschehen analytisch auf den Kopf stellen. Man wird seine Moskauer Geschichten wohl künftig mit leichten inneren Blessuren lesen müssen. Das Berliner Boulevardblatt “B.Z.” schrieb: “Außer Teese alles Käse”. Man wüsste gern, ob es für diese Herrenwitzstabreimerei redaktionsintern einen Schnaps gab oder gleich zwei. Als ob alle Welt auf die Burlesktänzerin stierte – wenigstens hätte man sich von dieser Zeitung einen Reim gewünscht, weshalb Dita von Teese doch nicht so zog. Weil sie sich fast auszog?
Der Gewinner der Woche, besser: die Gewinner, sind Alex Christensen und Oscar Loya. Sie wollten gewinnen, sie gaben alles, sie hatten keine Chance. Na und? Das hatte Leidenschaft, und sie wurde nicht anerkannt. Ein Ehrenplatz für beide in der Hall of Fame des deutschen ESC, bitte!
Ich finde, dies vor meinen Bemerkungen zur heute deutlicher gewordenen deutschen ESC-Zukunft, sollte doch allen Rezensenten zu denken geben: 7,3 Millionen Zuschauer waren dabei. Vermutlich waren es sogar viel mehr, denn es werden immer nur Einzel-TV-Geräte gezählt – also nicht jene, die zu Parties kamen, beispielsweise in Hamburg St. Pauli vor der Großbildleinwand des NDR.
Und jetzt, so sickerte es durch durch die Süddeutsche Zeitung, will die ARD in Sachen ESC mit Stefan Raab alliieren? Warum nicht. Sein Bundesvision Song Contest, den er ohnehin nur ins Leben rief, weil er, beleidigt nach Max Mutzkes achtem Platz in Istanbul, war ja ohnehin längst ersehnt worden als eigentlicher Vorentscheid. Nur ein Bedenken habe ich: Haben bei einem solchen Castingwettbewerb um den glühendsten Hunger nach internationalem Erfolg auch bislang unbekannte Performer eine Chance? Kriegen jene mal eine Chance, die wie Alexander Rybak oder die Isländerin Yohanna nicht schon durch die Bohlen- oder Klum-Schreddermaschine gegangen sind? Die Idee, die bald spruchreif sein soll, als solche klingt gut. Schon weil Raab einer der besten ESC-Kenner ist – und weil er schon hinter Guildo Horn und selbst auf der Bühne 2000 in Stockholm und 2004 in Istanbul als Musiker auf der Akustikgitarre bei Max Mutze.
Der Blick zurück auf Moskau
18. Mai 20091. Freunde aus Norwegen wussten von meiner Handynummer. Alle berichteten aus der Nacht der Nächte: Ja, wir haben gewonnen. Und: Hier in Oslo, hier in Röros, hier an der Südküste, hier auf den Lofoten (arschkalt dort) feiern die Leute, als wollten sie Karneval in Rio übertrumpfen.

2. Alexander Rybak aus Norwegen hat zurecht gewonnen. Er bestätigt allen TV-Machern, was man richtig machen muss, um beim Eurovision Song Contest zu gewinnen. Einfach ein mitreißendes Lied zu singen, sich nicht um geschmäcklerische Aspekte zu scheren (ist es ein Chanson?, ein Rap?, ist es politisch wichtig?, ist es kunstvoll arrangiert?), sondern einfach sein Ding zu machen. So wie Marie Myriam, Dana International, Lys Assia, Abba, Nicole, Ruslana und Johnny Logan. Er flirtete mit den Kameras, er ließ sich von Moskau nicht einschüchtern, er, das Migrantenkind aus Weissrussland, war selbstbewusst und deshalb exzellent.
3. Mit Alexander Rybak ist in Norwegen das Thema Migration aufs Neue auf die Agenda gehoben worden. Dieser Sänger, der als Junge die Bobbysocks mit der Haarbürste seiner Mutter nachspielte, der am liebsten 1995 die rare Stimme bei “Nocturne” gegeben hätte, zeigte, was ein Einwandererkind drauf hat. Klasse, nichts als Klasse! Er hat für die Integration der Einwanderer bereits jetzt viel getan. Mit ihm ist Norwegen kein Land der lotrechten Depressionsanfälligkeit mehr.
4. Beim ESC vorne lagen durch die Bank Acts, die mein Freund erkannte als Reigen einer “Anmutung von Unschuld”. Die Isländerin, die Aserbaidschaner, die Britin, auch die legendäre Patricia Kaas – sie verkörperten auf je eigene Art Solitäres. Sie zeigten einem Europa im Selbstgefühl der Wirtschaftskrise (im Gefühl einer mangelnden Identität überhaupt?), wie sehr man darauf vertrauen kann, sich selbst treu zu bleiben. Ein Dima Bilan hätte dieses Jahr nicht gewonnen – er wirkt heute wie ein Relikt aus einer Zeit, als Geld noch jeden Wunsch zu erfüllen schien. Nur nicht den nach Eigenheit. Die in Moskau vorne lagen und mit reichlich Punkten honoriert wurden, bedienten unsere Phantasien nach Authentizität und Echtheit. Auch die schönen Portugiesen, die magischen Israelinnen, die feinen Estinnen.
5. Alexander Rybak, der so einen feinen ländlichen Akzent im Norwegischen spricht. Der bezaubernde Sohn einer selbstbewussten Familie ohne viel Schnickschnack ist kein Feigling. Er, der gebürtige Weißrusse, zeigte sich befremdet über den Milizen- und Polizeihorror beim CSD in Moskau. Er wisse gar nicht, warum man diese Parade hat auflösen lassen – und die Eurovision nicht. Wenn Russland schwule Männer nicht wolle, dann hätte es den ESC nicht veranstalten sollen. Respekt für diese Aussage!
6. Körpersportorientierte Acts, Pseudogefühligkeit, wie sie gerade in deutschen Schlagerkreisen hochgeschätzt werden sind out. Sie waren Teil der neoliberalen Welt, sie verströmen die künstliche Wärme von Zentralheizungen. Sakis Rouvas aus Griechenland und Chiara aus Malta hatten ihren Zenit überschritten, sie mussten hoffnungserbleicht nach Hause fahren. Gut, das!
7. Alex Swings Oscar Sings! waren würdige, gute coole Deutsche in Moskau. So locker, so partybereit, so höflich und zuvorkommen war kein deutscher Act. Sie hatten bloß für dieses Jahr ein guten, aber keinen passenden Act. Der Zauber einer Dita von Teese erschloss sich nicht, weil die Zeiten der offen dargestellten Erotikfähigkeit ebenso passé sind wie dröhnige Nummern wie wir sie mit Ruslana oder Helena Paparizou kennen lernen mussten.
8. Trostpflaster: Ihr 20. Rang ist, gemessen am gewandelten Eurovisionszeitgeist, ein guter. Hätte die Nummer von Ralph Siegel, nun ja, erlitten werden müssen, wären es allenfalls null Punkte gewesen. “Miss Kiss Kiss Bang” hatte Sound, war ein Ohrwurm – und ist es noch. Der Münchner, der in Diensten Montenegros wie vor vier Jahren in Athen mit der Schweiz bitter scheiterte, hätte aus dem Act ein fahles, steriles Pseudoschmuddelmärchen gewirkt. Vielen Dank, es blieb uns erspart. Lang lebe “Miss Kiss Kiss Bang”!
9. Die Einführung der Juries war prinzipiell eine gute Idee, vorbehaltlich weiterer Auswertungen der Punktetableaus. Einen Ost-West-Gegensatz gab es nicht, vielmehr lagen sechs Länder der klassischen ESC-Welt in den Top Ten, vier aus der Ex-Intervision. Doof nur, dass die beiden Jurysonderwertungen mit den Freitickets ins Finale zugunsten von Finnland und Kroatien und zulasten von Mazedonien und Serbien ausfielen. Das war ungerecht!
10. Oslo (oder Lillehammer, Trondheim, Stavanger oder Kristiansand) 2010 also. Der “Harry Potter des ESC” (Alex Christensen) hat das Ding an die atlantische Küste Europas geholt. Ein Fest wird das.
11. Dass die ARD eine hübsche Quote wie einen sehr erhebenden Marktanteil erreichte, spricht für den ESC. Wer ihn schlecht redet, wird sich der Kritik aussetzen müssen, grundsätzlich mit Entertainment ein Problem zu haben. Nach dem ESC ist vor dem ESC.
12. Einmütig sagten Fans, Journalisten, Künstler und Funktionäre: Moskau war okay, aber diese Atmosphäre dort der Militarisierung, der monsterpolizeilichen Überpräsenz – die müsse man so schnell nicht wieder haben. So sehe ich das auch. Ein Land, das protzt und doch kein Gefühl für die liberale Art des Lebens aufbringen möchte. Den Kreml zu sehen, war eine schöne Erfahrung. Norwegen ist, klimatisch gesehen, was Politik und Gesellschaft anbetrifft, eindeutig ein sonnigerer Flecken Erde.
Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.