Meckerei über die ARD
11. April 2012Anders lautenden bösgesinnten oder gutgemeinten Gerüchten zum Trotz müssen meine Beiträge dieses Blogs keiner ARD-Konferenz vorgelegt werden. Ich darf hier über die Dinge des ESC schreiben, wie ich sie sehe – und wie sie in der Szene diskutiert werden.
Inzwischen ist die ARD überhaupt weit davon entfernt, den Eurovision Song Contest als antipolitisches Ereignis in ihren Einflussbereichen zu verhandeln. Der ESC war schon immer (auch) politisch durchwirkt – und das hat viel mit der europäischen Geschichte zu tun (Nationen, die sich spinnefeind waren) und auch sehr viel mit den Annäherungsprozessen, die in den Nachkriegszeiten begannen. Die politische Ernstnahme des ESC fand seine stärkste Ausprägung zunächst über eurovision.de statt - und wer hier auf diesen Seiten sich informiert, weiß das auch.

Aber die ARD war es – und dort in Federführung der NDR – die schon 1998 aus Birmingham den ESC in ihren Features so berichtete, als sei der Grand Prix Eurovision de la Chanson mehr als ein in drei Stunden kanalisiertes Unterfangen puren Entertainments.
Das hat sich über die Jahre geweitet – von der ARD-Sondersendung vor dem ESC aus Jerusalem über die Beiträge aus Tallinn, Riga, Istanbul, Kiew – und in Moskau gingen die CSD-Versuche in Moskau und dass sie von russischen Milizen niedergeschlagen wurden sogar über die “Tagesschau” – sowohl am Samstag des ESC wie am Sonntag danach.
In diesem Jahr ist Aserbaidschan Gastgeber des ESC, und kein Land zuvor ist, gerade was die menschenrechtspolitischen Belange anbetrifft, so sehr mit Aufmerksamkeit bedacht worden. Keine Spur mehr von der Atmosphäre des Jahres 1969, als der Hessische Rundfunk peinlich vor und während der Übertragung aus Madrid alles vermied, was die rechtsdiktatorischen Geschichten rund um den ESC hätte erörtern können. Nix da, dass die Niederländer ursprünglich boykottieren wollten, dass Schweden aber eben dies tat … und Österreich gleich mit.
Wenn sich jetzt ein grüner Abgeordneter wie Volker Beck nun beschwert, die ARD berichtete nicht ausführlich genug über die Umstände des ESC in Baku, wie er der nordrhein-westfälischen Zeitungsgruppe WAZ verriet, dann weiß er nicht, worüber er spricht. Kein Sender hat so akut und so gründlich über Aserbaidschan reportiert – und nicht nur in Sendungen wie Titel Thesen Temperamente oder in Kulturmagazinen der Dritten Programme. Auch auf dieser Seite wurde auf die Situation in Aserbaidschan immer hingewiesen.
Aserbaidschan ist ARD-Zuschauern, alles in allem, kein Land mehr unter so vielen anderen mehr, die ein zwiespältiges Verhältnis zu Menschenrechten wie Demonstrations- und Meinungsfreiheit haben. Wenn sich also jetzt Volker Beck beschwert, dann mag das mit der Arbeit des Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe, Menschenrechtsarbeit von Regierungsseite der FDP-Abgeordnete Markus Löhning (FDP) zu tun haben. Seine Arbeit hat er auf vorzügliche Weise geleistet.
Der ARD vorzuwerfen, sie kümmere sich nicht, verkennt den ambivalenten Charakter des ESC überhaupt: Einerseits ist er nichts als eine Show mit sportlichem Wettbewerbscharakter, andererseits kann er gar nicht apolitisch sein – dafür sind die Umstände viel zu phantasieangereichert, die auf das Nationale weisen.
Und die Frage muss auch gestellt werden: Ist der ESC wirklich eine “Propagandashow” des Regimes?, wird das Festival ernsthaft “missbraucht”? Allzu starke, übertriebene Vokabeln für einen Politiker, der offenbar den überheizten Ausdruck wählen muss, um Gehör zu finden.
Falls Beck glaubt, aus dem ESC ließe sich eine Art dreistündiger “Brennpunkt” machen, geht er an den Informationsbedürfnissen des Publikums, auch das der ARD, vorbei. In Wahrheit, so vermute ich, hat er diese Behauptung nur gemacht, um selbst als der Lordsiegelbewahrer der politischen Korrektheit auftreten zu können. Das ist vielleicht nicht billig, aber dennoch: weit unter dem Niveau der öffentlich-rechtlichen Sender, aber, wichtiger noch, noch weiter unter dem eigenen. Wie schade!








Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.