Meckerei über die ARD

11. April 2012

Anders lautenden bösgesinnten oder gutgemeinten Gerüchten zum Trotz müssen meine Beiträge dieses Blogs keiner ARD-Konferenz vorgelegt werden. Ich darf hier über die Dinge des ESC schreiben, wie ich sie sehe – und wie sie in der Szene diskutiert werden.

Inzwischen ist die ARD überhaupt weit davon entfernt, den Eurovision Song Contest als antipolitisches Ereignis in ihren Einflussbereichen zu verhandeln. Der ESC war schon immer (auch) politisch durchwirkt – und das hat viel mit der europäischen Geschichte zu tun (Nationen, die sich spinnefeind waren) und auch sehr viel mit den Annäherungsprozessen, die in den Nachkriegszeiten begannen. Die politische Ernstnahme des ESC fand seine stärkste Ausprägung zunächst über eurovision.de statt - und wer hier auf diesen Seiten sich informiert, weiß das auch.

Aber die ARD war es – und dort in Federführung der NDR – die schon 1998 aus Birmingham den ESC in ihren Features so berichtete, als sei der Grand Prix Eurovision de la Chanson mehr als ein in drei Stunden kanalisiertes Unterfangen puren Entertainments.

Das hat sich über die Jahre geweitet – von der ARD-Sondersendung vor dem ESC aus Jerusalem über die Beiträge aus Tallinn, Riga, Istanbul, Kiew – und in Moskau gingen die CSD-Versuche in Moskau und dass sie von russischen Milizen niedergeschlagen wurden sogar über die “Tagesschau” – sowohl am Samstag des ESC wie am Sonntag danach.
In diesem Jahr ist Aserbaidschan Gastgeber des ESC, und kein Land zuvor ist, gerade was die menschenrechtspolitischen Belange anbetrifft, so sehr mit Aufmerksamkeit bedacht worden. Keine Spur mehr von der Atmosphäre des Jahres 1969, als der Hessische Rundfunk peinlich vor und während der Übertragung aus Madrid alles vermied, was die rechtsdiktatorischen Geschichten rund um den ESC hätte erörtern können. Nix da, dass die Niederländer ursprünglich boykottieren wollten, dass Schweden aber eben dies tat … und Österreich gleich mit.

Wenn sich jetzt ein grüner Abgeordneter wie Volker Beck nun beschwert, die ARD berichtete nicht ausführlich genug über die Umstände des ESC in Baku, wie er der nordrhein-westfälischen Zeitungsgruppe WAZ verriet, dann weiß er nicht, worüber er spricht. Kein Sender hat so akut und so gründlich über Aserbaidschan reportiert – und nicht nur in Sendungen wie Titel Thesen Temperamente oder in Kulturmagazinen der Dritten Programme. Auch auf dieser Seite wurde auf die Situation in Aserbaidschan immer hingewiesen.

Aserbaidschan ist ARD-Zuschauern, alles in allem, kein Land mehr unter so vielen anderen mehr, die ein zwiespältiges Verhältnis zu Menschenrechten wie Demonstrations- und Meinungsfreiheit haben. Wenn sich also jetzt Volker Beck beschwert, dann mag das mit der Arbeit des Beauftragten der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe, Menschenrechtsarbeit von Regierungsseite der FDP-Abgeordnete Markus Löhning (FDP) zu tun haben. Seine Arbeit hat er auf vorzügliche Weise geleistet.

Der ARD vorzuwerfen, sie kümmere sich nicht, verkennt den ambivalenten Charakter des ESC überhaupt: Einerseits ist er nichts als eine Show mit sportlichem Wettbewerbscharakter, andererseits kann er gar nicht apolitisch sein – dafür sind die Umstände viel zu phantasieangereichert, die auf das Nationale weisen.

Und die Frage muss auch gestellt werden: Ist der ESC wirklich eine “Propagandashow” des Regimes?, wird das Festival ernsthaft “missbraucht”? Allzu starke, übertriebene Vokabeln für einen Politiker, der offenbar den überheizten Ausdruck wählen muss, um Gehör zu finden.

Falls Beck glaubt, aus dem ESC ließe sich eine Art dreistündiger “Brennpunkt” machen, geht er an den Informationsbedürfnissen des Publikums, auch das der ARD, vorbei. In Wahrheit, so vermute ich, hat er diese Behauptung nur gemacht, um selbst als der Lordsiegelbewahrer der politischen Korrektheit auftreten zu können. Das ist vielleicht nicht billig, aber dennoch: weit unter dem Niveau der öffentlich-rechtlichen Sender, aber, wichtiger noch, noch weiter unter dem eigenen. Wie schade!

Eurovisionäre Vollversorgung

20. Dezember 2010

Ich hatte schon öfter geklagt – dass der ESC eine kulturelle Veranstaltung ist, aber eher unzulänglich darüber berichtet wird, was drumherum geschieht. Will sagen: Einst lief der ESC an einem späten Frühlingssonnabend um 21 Uhr, war um Mitternacht zuende – und das war’s dann.

Undenkbar, dass dies in Sachen Sport akzeptiert würde. Man stelle sich vor, ARD oder ZDF übertrügen nur ein Fußballländerspiel und verzichteten auf Vor- wie Nachberichte. Okay, über manche journalistische Form der journalistische Begleitprogramme lässt sich streiten. Manche Sendungen haben ja doch mehr illustrativen, weniger informierenden Charakter.

Immerhin: Ende der neunziger Jahre war es der NDR, der wenigstens vor dem ESC die Beiträge der Konkurrenz ausstrahlte. Es galt, die, fachlich gesprochen, “Sendestrecke” zwischen “Tagesschau” und ESC zu füllen. 1999 waren es Redakteure des beim NDR angesiedelten Politmagazins Panorama, die sich nach Jerusalem aufmachten, um eine Art Grand-Prix-Panorama ins Bild zu setzen. Das gelang. In den folgenden Jahren wurde das Schema sogar erweitert. Vor 21 Uhr gab es Informationssendungen, Motto “Wir warten aufs Christkind”, danach im Sinne von “Stimmen zum Spiel”, die Reeperbahnparty mit Liveschalten zum Ort des ESC-Geschehens, erstmals 2002 aus Tallinn.

Jetzt, mit Blick auf Düsseldorf, wird das Schema nachgerade zum Explodieren gebracht – und das liegt natürlich auch daran, dass die ARD selbst die Ausrichterin des Festivals ist. Die Woche des ESC über wird das übliche ARD-Vorabendprogramm außer Kraft gesetzt. Täglich um 18:50 Uhr sendet das Erste eine “ESC-Show”, konzipiert und realisiert vom NDR in Hamburg.

Ich finde das, klar, gut. So wie ich es gut finde, dass es zum Sport, zu Politischem auch Erläuterungs- und Einstimmungssendungen gibt. Das gehört, so möchte ich den Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Medien lesen, eben zum Standard. Gut, das! Und: Endlich wird die wichtigste Kultursendung europäischen Zuschnitts auch informationell gebührender denn je ernst genommen. Klasse!

Was erfahren wir am Donnerstag?

8. September 2009

Donnerstag ist der Tag, den sich Journalisten, die sich auf den ESC verstehen, im Kalender verhältnismäßig krassfett angestrichen haben: In Köln findet, mit Stefan Raab als Teilnehmender, die Pressekonferenz zur nächsten deutschen ESC-Saison statt.So früh hat noch nie eine ESC-Saison in Deutschland begonnen! Und das Beste: Die Pressekonferenz wird auf Phoenix übertagen und per livestream ist sie auch im Internet zu sehen.

Esther Ofarim

Esther Ofarim

Was wir bisher wissen, ist wenig. Nämlich: Es gibt fünf Vorrunden, ein Viertel- wie ein Halbfinale, schließlich The Big Show, das Finale nämlich. Viertelfinale und The Big Show überträgt die ARD, den Rest Pro7. Alles wird in Köln stattfinden, und zwar in den Studios des Senders, über den auch Max Mutzke in die ESC-Geschichte lanciert wurde.

Unbekannt ist: Wann genau beginnt das Casting? Wer darf sich bewerben? Mit eigenen Liedern? Oder nur solchen, die Raab vorgibt? Dürfen Menschen mit von der Partie sein, die einen gewissen Namen einst trugen oder noch tragen - etwa Tina York und Semino Rossi? Oder ist die Geschäftsgrundlage, dass alle Castingteilnehmende noch nie etwas mit dem musikwirtschaftlichen Gewerbe zu tun gehabt haben sollen?

Schließlich: Dass ein Künstler oder Künstlerin, dass eine Band gesucht wird, ist offenkundig. Aber gibt es auch einen Komponisten- und Texterwettbewerb? Oder ist für diese Funktionen Raab gesetzt? Sicher ist: Aus diesem Showformat wird die Chance geboren werden, eine Grand-Prix-Königin oder ein Grand-Prix-König zu gewinnen. Der Schmuck, in dieser Hinsicht, hängt hoch. Man braucht für diesen Posten, der eher einer Zuschreibung denn einem selbstverpassten Prädikat gleichkommt, so etwas wie Magie, eine Stimme, die nahe geht und eine Bühnenpräsenz, die nicht klotzt, sondern souverän scheint. International gesprochen: Man braucht so etwas wie Lenny Kuhr, Esther Ofarim, Anne-Marie David (Königin eines Abends), Elisabeth Andreassen, eine Ilanit (Königin im Folklorekleid), eine Vicky Leandros oder eine Maria Serifovic, auch zu dieser Riege zählt Johnny Logan, Cliff Richard oder Udo Jürgens (der ewige Königskönig). Was schlagen Sie vor: Kann man Raab vom Songmaterial her vertrauen?

Macht RTL der ARD und Pro7 Konkurrenz?

3. September 2009

Es ist eine gute Nachricht, die vorläufig offiziell weder seitens der EBU noch aus diesem Land selbst bestätigt wurde: Dass Luxemburg wieder beim ESC dabei sein wird. Für die Jüngeren sei gesagt: Bis 1993 nahm dieses Urmitglied der Europäischen Union wie des ESC am Popfestival teil – und wir glaubten früher alle, dass es doch ein tolles Land sein muss, wenn es Künstler wie France Gall, Camillo Felgen, Jean-Claude Pascal, Nana Mouskouri, Vicky Leandros, Anne-Marie David und Ireen Sheer hervorbringt.

 

Ein Großherzogtum, das sich auf die Produktion von echten Juwelen des Entertainment versteht. Die Wahrheit war desillusionierend: Luxemburg kannte kein öffentlich-rechtliches Medienwesen, strahlte weit nach Deutschland, Belgien, Frankreich und die Niederlande Radiowellen mit Werbung aus - und spielte, um junges Publikum zu binden, sehr früh moderne Musik aus. Radio Luxemburg, über das auch Frank Elstner bekannt wurde, war so cool, wie man einst unter Jugendlichen nur sein konnte. Die genannten Stars waren eingekauft, importiert – man kaufte Komponisten und Texter und bestückte so den ESC.

Die französische Musikindustrie hatte über Luxemburg quasi einen Startplatz beim ESC mehr: Denn es durfte ja nur in der Landessprache gesungen werden. Französisches war absolut dominant, neben diesem Land waren es eben auch die Schweiz, Belgien, Frankreich und Monaco, die Frankophones zum Wettbewerb schicken konnten. Luxemburg gewann, lange vor dem Televoting, fünf Mal: mit Pascal, der Leandros, der Gall, der David und zuletzt 1983 mit der bis heute unübertroffenen Hysterieperformance von Corinne Hermès. Luxemburg war, so gesehen, Weltklasse. Das Französische verlor aber an Einfluss – und das Fernsehen an Wichtigkeit. Als Luxemburg anfing, auch Letzeburgisches zu singen, sanken die Quoten, das Interesse – und für die Musikindustrie war auch nix mehr zu gewinnen. Privatsender mit aktueller Popmusik gab es überall, nicht nur in diesem Land, das etwa so groß ist wie Hessen.

Pikant an der Nachricht, dass nach 17 Jahren Luxemburg mit dabei sein könnte, ist, dass das Land nach wie vor nur einen Marktführer im TV-Bereich hat – und das ist CLT Multi Media, das Mitglied der EBU ist, und unter dessen Dach sich RTL Luxemburg sich befindet. Das heißt: RTL, in Deutschland während der nächsten ESC-Saison gewiss abermals mit DSDS beschäftigt, könnte dem Gewinner des Castingverfahrens verheißen, für Luxemburg an den Start gehen zu können. Voraussetzung für eine Teilnahme beim ESC ist ja nicht mehr, dass Komponist und Texter aus dem Land des Starter kommen muss.

Das wäre eine interessante Rivalität mit dem ARD-Pro7-Projekt, das nächste Woche auf einer Pressekonferenz vorgestellt wird. Ich finde: Konkurrenz belebt das Geschäft auf alle Fälle. Bienvenue, Luxembourg!?

Sonnenklar!

21. Juli 2009

Na, war das nicht sonnenklar? So scheint es zu sein, wenn zwei Partner, die in Liebe entbrennen möchten, einander, bei allem Begehren, vor Schreck anstarren – und dann auseinanderlaufen. Bis zum besseren Ende.

Es war, wir hatten es ja hier im Blog prophezeit, Fernsehsoapfreunde, die wir sind, dass die ARD sich doch noch zur Kooperation mit Stefan Raab durchringen würde – und ähnlich sicher durfte man sein, dass Raab mitmachen würde. Alles, was er im “Spiegel” eine Woche nach Moskau bitter zu Protokoll gab, war nur der ersten Enttäuschung geschuldet, dass seine Liebesofferte (zum ESC, vermutlich auch zur ARD) nicht auf Anhieb erwidert wurde von allen ARD-Teilen.

Das nun öffentlich gewordene Vorentscheidungsformat ist, offen gesagt, das allerbeste, das aktuell zu haben ist. Vorrunden, Viertelfinals, Halbfinals und ein Finale: Mehr an Mobilisierung des Publikums, an Spannung, an wahrscheinlicher Enttäuschung über einzelne Resultate ist nicht drin. Selbst DSDS wird da nicht mithalten können – und das wird ein Novum sein.

Früher hatten einzelne Vorentscheidungen des NDR es mit dem RTL-Format aufnehmen können, aber nicht in der Reihung und nicht im Hinblick auf die popkommerzielle Vermarktung. Wir erwarten also mit Fug und Recht, unter dem Dirigat Stefan Raabs, ein wochen- bis monatelanges Melodram, das seinen Höhepunkt tatsächlich erst Ende Mai in Oslo haben wird. Dann muss sich erweisen, ob deutsche Popmusik der zeitgenössischen Sorte international konkurrenzfähig ist, ob der Siegestitel also nicht nur von Flensburg bis Passau und Görlitz mit Neunkirchen ankommt, sondern auch europäisch.

Ich finde: Das ist alles eine Supernachricht. Raab nämlich muss auch erst mal den Beleg erbringen, dass er mehr kann als ein fünfter Platz (selbst ersungen, vor neun Jahren). Bei dem Tamtam darf man doch die Trauben etwas höher hängen: Der deutsche Song für Oslo muss mindestens Dritter werden!

Jury und Publikum stimmten ähnlich ab

25. Juni 2009

Endlich hat man mal aus deutscher Sicht eine klare Ansage: Nach den allermeisten ESC-Ländern hat nun auch die ARD bekannt gebeben, wie deutsche Jury beim Finale am 16. Mai abgestimmt hat. Und, welche Überraschung, die Türkei erhielt nur einen Punkt, Island derer zwölf und Portugal gleich zwei.

Das ist nur mager different zum deutschen Puntkeergebnis überhaupt: Davon abgesehen, dass das Televoting Alexander Rybak doch auf Platz eins setzte, also Thomas Anders für den Norweger zwölf Punkte nach Moskau schicken konnte. Die Isländerin hingegen muss beim Publikum eher überhört worden sein, sonst wäre sie wenigstens mit zehn Punkten bedacht worden. Dass Malta gleich zehn Zähler aus der Jury erhielt, muss mit Guildo Horns Verführungskünsten zu tun haben: Ich erinnere mich noch gut, dass er Chiara, als er selbst in Birmingham auf die Bühne ging, schon damals toll fand. Alte Kumpelinnen vergisst man offenbar nicht! Schön, dass Israel der Jury drei Punkte wert war.

Ingesamt muss man aber sagen, dass die ExpertInnen kaum spektakulär unterschiedliche Wahrnehmungen hatten. Mit zwei Ausnahmen: Griechenland, von der Jury krass ignoriert, erntete beim Televoting viel Zuspruch, die Türkei schaffte es sogar auf die zweithöchste Punktezahl. Und das ist ein Zeichen, dass die ARD während des ESC bei unseren migrantische BürgerInnen der liebste Sender war. Ist das nicht auch ein Integrationszeichen, ein sehr schönes?

Eurovision Dance Contest verschoben – gut so!

4. Juni 2009

Er ist ein Projekt, das in der Eurovisionszentrale in Genf ausgeheckt wurde – und nun ist es, obwohl die Vorbereitungen für dessen dritte Auflage im Frühherbst in Baku, Aserbaidschan, bereits liefen, mindestens aufgeschoben: der Eurovision Dance Contest. Dass vor zwei Jahren, zur besten ARD-Zeit am Samstag Abend ausgestrahlt, Wolke Hegenbarth unter anderem für Deutschland durchaus leicht unbeholfen an den Start ging,
wissen heute nur noch Chronisten aus Pflichtgefühl: Das Interesse damals war kaum messbar.

Dass nun der Ableger des ESC nun ausfällt, hat begreifliche Gründen: Zu wenige Länder haben ihre Teilnahme zugesagt. In vielen Ländern
hapert es mit dem Interesse an dieser Show. Und dass es mit ihr nicht viel hermachte, hat irgendwie auch Gründe in der Inszenierung selbst.
Finnland gewann bei der Premiere, Polen voriges Jahr – aber selbst dort wollte man sich die Organisation aus Kostengründen nicht zumuten.  Und es ist ja wahr: Der EDC spielt ESC ohne Gesang. Beim EDC durften nur klassisch heterosexuelle Paare antreten, keine zwei Männer, keine zwei
Frauen, keine Sechserformation oder ein Solist, eine Solistin. Das ist, was die Grundregeln anbetrifft, so einengend, dass es das Publikum
offenkundig nicht berührte.

Ich finde, die ESC-Zentrale sollte sich jetzt intensiver denn je um ihr Kerngeschäft kümmern, den ESC selbst. Er war so erfolgreich wie zuletzt in den mittleren Siebzigern. Aber es bleiben viele Fragen offen, wie sich inoffiziell die ESC-Zentrale vernehmen lässt. Ob nämlich die vier großen Länder plus Ausrichterland nicht doch durch ein Halbfinale müssen, um in die Endrunde zu gelangen; ob, weiters, wenigstens die vier großen Länder plus Titelverteidiger wenigstens im Semifinale performen dürfen mit ihrer ganzen Nummer, nicht allein in Ausschnitten; und auch die Frage, ob sich der ESC, bilanztechnisch gesehen, nicht vollständig von den Eurovisionszahlungen der Länder abwenden kann, weil es hinreichend solvente Sponsoren gibt. Wäre das aber so, wäre das einzige Kulturfestival Europas der populären Sorte dauergefährdet. Denn sprigen Sponsoren ab, würden die nationalen TV-Anstalten nicht wieder zahlen wollen.  Ich finde, der EDC, der noch nicht für gestorben gehalten werden soll, ist unwichtig. Der ESC in Moskau hat bewiesen, dass im Mittelpunkt nur er stehen kann – alles andere sind Krümelhaftigkeiten. Und dazu zählt, nicht zuletzt, der Junior Eurovision Song Contest. Er ist nicht minder trübsinnig stimmend. Wer gibt diesem Projekt den Hinweis, dass man es nicht braucht?

Christensen macht sich Luft!

27. Mai 2009

Das war schon sehr cool, was Alex Christensen unmittelbar nach dem Moskauer Finale in die Kameras der ARD-Grand-Prix-Party sagte: Dass er dem Norweger den Sieg gönne – und selbst nicht sonderlich enttäuscht schien über den 20. Platz, auf dem er und Oscar Loya endeten. Und es scheint doch nur eine heiter drapierte Schockreaktion gewesen zu sein. In den Lübecker Nachrichten teilte er mit: “Mit dem schlechten Abschneiden habe ich nicht gerechnet.” Denn, allgemeiner gesprochen, es sei doch klar: “Uns Deutsche kann niemand leiden.” Es sei “ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn man als Künstler im Ausland Erfolg haben will, darf man nicht die deutsche Flagge rauskehren.”

 

In diesen Statement steckt mehr bitter gestimmte Enttäuschung als ein Kern von Realismus: Von europäischer Aversion gegen Deutschland als solchem kann irgendwie keine Rede sein. Guildo Horn, Michelle, Stefan Raab, Max Mutze, einst Mary Roos, Katja Ebstein, die Siegeltruppe mit Lena Valaitis, Nicole und Dschinghis Khan – sie alle landeten unter den Top 10 des ESC. Und sie hätten, betrachtet man die Acts, die jeweils vor ihnen lagen, nicht besser abgeschnitten, wären sie, mal so spekuliert, für Dänemark, die Schweiz oder Belgien an den Start gegangen. Was Christensen möglicherweise übersieht, ist, dass in Moskau allzu offen sexualisierte Acts keine Chance hatten. Gefragt waren Auftritte, die als echt und authentisch inszeniert waren und irgendwie mit dieser Aura auch für glaubwürdig gehalten wurden.

Die Kritik an “Miss Kiss Kiss Bang” ärgere ihn ebenfalls – und in diesem Zusammenhang die mangelnde Rückendeckung durch den NDR. Soweit ich das einsehen kann, ist das eine fehlerhafte Beurteilung. In Interviews mit Thomas Schreiber und Manfred Witt, in den Engagements, die in der Countdown-Show vor dem und der Grand-Prix-Party nach dem Finale lagen, mangelnden Support zu entdecken, ist nur erklärlich mit der persönlichen Kränkung, als extrem erfolgreicher Produzent von zeitgenössischer Unterhaltungsmusik nicht den wichtigsten Nerv des Publikums zwischen Ural und Atlantik getroffen zu haben.

Er darf sich trösten, dass sein Lied in den Downloadcharts, beispielsweise in Großbritannien, ziemlich gut rangiert. Und: In der Tageszeitung “Die Welt” hat mein Kollege Richard Herzinger über ihn und – vor allem – Dita von Teese eine nachgerade begeisternde Hymne auf den Mut zur erotischen Transzendenz der “Miss Kiss Kiss Bang” verfasst. Ein vielleicht nicht von allen geteiltes Urteil, aber immerhin mal eine Stimme, die vom üblichen Gezeter (recherchefrei, klischeegesättigt, extrakompatibel mit allen Stammtischen bildungsbürgerlicher Provenienz) abweicht.

In Sachen Nachwehen zu Moskau lässt sich noch zufrieden im Sinne guter Chronistenpflicht mtiteilen, dass vor allem Alexander Rybak ein unruhiges Leben aktuell hat. Beinahe überall steht sein Song in den Charts ganz weit oben, ebenso die Isländerin Yohanna, auch die Aserbaidschaner, die Ukrainerin und der Däne haben nix zu meckern: Sie werden europäisch wahrgenommen – was der Theorie entspricht, dass, wenn die westlichen Länder sich Mühe geben, sie sowohl im Hinblick auf die Punkteausschüttung als auch später in den realen Charts heftig mitmischen. Es ist ein wenig wie früher: Der ESC als Popmarkt, als trendscoutendes Unterfangen, als Bühne, die es lohnt, ausprobiert zu werden. Dass da einer wie Alex Christensen auf der Strecke blieb, ist schade.

Er hat angekündigt, unter wie auch immer anderen Bedingungen wieder mitmachen zu wollen. Das klingt gut. Dass einer wie er mal seinen Frust abladen wollte, war doch klar. Dass die öffentlich-rechtlichen Radiostationen seinen Titel fast boykottierten, ist doch auch echt misslich, wie auch Thomas Schreiber heftig im Interview auf unseren Seiten monierte. Warum nur sitzen bei den meisten Popwellen Redakteure, die auf den ESC nur mit Widerwillen reagieren. Mögen die ihren Job nicht, das Publikum mit moderner Popmusik zu versorgen?

55. ESC ohne Raab

25. Mai 2009

Dass die Vorentscheidung für den 55. ESC ohne die Allianz mit Stefan Raab (“Bundesvision Song Contest”, BSC) über die ARD-Bühne gehen soll, ist nun offiziell. In einem Interview mit dem Spiegel hat Raab gesagt, die ARD habe sich, so dürfen seine Worte gebündelt werden, in ihrer Entscheidungsfindung verzettelt. So ineffizient zu arbeiten, so ließ sich der dreimalige ESC-Teilnehmer (1998 als Produzent und Dirigent von Guildo Horn, 2000 auf der Bühne selbst, 2004 als Macher und Gitarrist von Max Mutzke) vernehmen, sei nicht die Art, mit der bei seinem Sender gewirkt werde.

 

Dass der NDR das bedauert, versteht sich von allein – er hatte immerhin die Initiative für diese Allianz ergriffen. Das Kalkül: Raab und seinem BSC sei für das nächste Jahr tatsächlich ein Act für Norwegen herauszusuchen möglich, wie es der ARD allein nicht gelingen kann. Denn die Musikwirtschaft schickt ihre wichtigsten zeitgenössischen Sänger und Sängerinnen wie Bands nicht zum ESC, sondern lieber zum BSC, des größeren Promotionsgehalts wegen.

Ich bedaure das. Ein Mann wie Peter Fox, Gewinner des BSC dieses Jahr, hätte beim ESC mit seinem “Haus am See” eine gute Chance. Oder auch andere, alle aus den Newcomerstuben der Branche, aus den Fohlenställen – aber mit Gewächsen, die hungrig sind und alle Chancen der Welt, mindestens in Europa haben und wollen.

Schade ist es auch deshalb, weil die ARD ja nicht umsonst behaupten will, dass sie die erste Reihe der TV-Landschaft verkörpere. Aber im Entertainmentbereich – den ESC sahen dieses Jahr europaweit die Rekordmenge von 122 Millionen Zuschauern – ist die ARD leider eher eine Senderkette, in der ich selbst als Mann des Jahrgangs 1957 das Babysegment abgebe. Ob, wie er nun herauströtete, Dieter Bohlen ein Ersatzhelfer sein kann, ist schwer zu entscheiden. Der Mann hat drei Mal an der Eurovision teilgenommen, er hat niemals gut abgeschnitten. Seine Acts wirken, siehe DSDS, kalt und kalkuliert – was allein schon der Unterschied zu Raab und den Seinen umreißt.

Möglicherweise kann es doch noch eine Kooperation geben. Es sind, bis zu konkreten Sendeplänen, noch einige Monate hin. Vielleicht lassen sich die IntendantInnen auch noch hinreißen und wünschen sich gemeinsam eine Kooperation mit Raab: Ein günstigeres Entree in die Herzen jugendlicher und junger Zuschauer aller Schichten kann es doch echt nicht geben!

Unkaputtbar

18. Mai 2009

Wie es um den VfL Bochum genau steht, weiß man ja nie so genau: Wahrscheinlich steigen sie diese Saison nicht ab weil sie, “unkaputtbar” sind, wie es im Ruhrpott heißt. Sicher ist allerdings, dass der Sonnabend mit dem ESC einmal mehr für die ARD das wichtigste Showformat jenseits der Volksmusik war. Die Quoten - nicht so klasse wie einst bei Michelle oder Texas Lightning. Aber dafür, dass es keinen Vorentscheid gab, konnten Alex Christensen und Oscar Loya ziemlich gut mobilisieren.

 
Die Medien am Tag oder zwei Tage danach klingen fast durchweg hämisch. Leider. Die Tagesschau zeigte abermals Alexander Rybak als Sieger von Moskau, aber die papiernen Medien waren einmal mehr en gros wie meist auch en detail kenntnisfrei berichterstattend. Immerhin, die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” hatte so opulent wie kein anderes Blatt berichtet, die “Frankfuter Rundschau” immerhin mokierte sich, ich finde zutreffend, über die Äußerung des deutschrussischen Schriftstellers Wladimir Kaminer, die dieser in der ARD-Grand-Prix-Party mitteilte. Dass es mit der Homophobie, angesprochen auf den zerschlagenen CSD am Vormittag vor dem abendlichen ESC-Finales, nicht weit her sei, das werde sich wohl bald ändern. Nun, das hört man von einem, der in dieser Hinsicht noch nie fürchten musste, von Miliz wie Polizei behelligt zu werden, doch ungern. Keine echte Ahnung von der Atmosphäre an Ort und Stelle, aber aus der ganz gemütlichen Sofaecke, einer deutschen, liberal gesinnten zumal, mal kurz das Weltgeschehen analytisch auf den Kopf stellen. Man wird seine Moskauer Geschichten wohl künftig mit leichten inneren Blessuren lesen müssen. Das Berliner Boulevardblatt “B.Z.” schrieb: “Außer Teese alles Käse”. Man wüsste gern, ob es für diese Herrenwitzstabreimerei redaktionsintern einen Schnaps gab oder gleich zwei. Als ob alle Welt auf die Burlesktänzerin stierte – wenigstens hätte man sich von dieser Zeitung einen Reim gewünscht, weshalb Dita von Teese doch nicht so zog. Weil sie sich fast auszog?

Der Gewinner der Woche, besser: die Gewinner, sind Alex Christensen und Oscar Loya. Sie wollten gewinnen, sie gaben alles, sie hatten keine Chance. Na und? Das hatte Leidenschaft, und sie wurde nicht anerkannt. Ein Ehrenplatz für beide in der Hall of Fame des deutschen ESC, bitte!

Ich finde, dies vor meinen Bemerkungen zur heute deutlicher gewordenen deutschen ESC-Zukunft, sollte doch allen Rezensenten zu denken geben: 7,3 Millionen Zuschauer waren dabei. Vermutlich waren es sogar viel mehr, denn es werden immer nur Einzel-TV-Geräte gezählt – also nicht jene, die zu Parties kamen, beispielsweise in Hamburg St. Pauli vor der Großbildleinwand des NDR.

Und jetzt, so sickerte es durch durch die Süddeutsche Zeitung, will die ARD in Sachen ESC mit Stefan Raab alliieren? Warum nicht. Sein Bundesvision Song Contest, den er ohnehin nur ins Leben rief, weil er, beleidigt nach Max Mutzkes achtem Platz in Istanbul, war ja ohnehin längst ersehnt worden als eigentlicher Vorentscheid. Nur ein Bedenken habe ich: Haben bei einem solchen Castingwettbewerb um den glühendsten Hunger nach internationalem Erfolg auch bislang unbekannte Performer eine Chance? Kriegen jene mal eine Chance, die wie Alexander Rybak oder die Isländerin Yohanna nicht schon durch die Bohlen- oder Klum-Schreddermaschine gegangen sind? Die Idee, die bald spruchreif sein soll, als solche klingt gut. Schon weil Raab einer der besten ESC-Kenner ist – und weil er schon hinter Guildo Horn und selbst auf der Bühne 2000 in Stockholm und 2004 in Istanbul als Musiker auf der Akustikgitarre bei Max Mutze.