Amnesty macht mobil
3. April 2012Das schrieb die renommierte Menschenrechtsorganisation Amnesty International über ihren Pressedienst in alle Welt: “Genau vor einem Jahr nahm die Polizei in Baku Dutzende friedliche Demonstranten fest, die sich über Facebook zu Protesten verabredet hatten. Bis heute sind 14 von ihnen in Haft. Deshalb startet Amnesty über Facebook und Twitter eine Kampagne, um ihre Freilassung zu erreichen und sich für Meinungsfreiheit in Aserbaidschan einzusetzen.” Das finde ich gut. Aber dass ich das ziemlich verdienstvoll finde, menschenrechtlich Kritik zu üben – gerade weil Aserbaidschan sonst nicht so im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit steht: Nützt das irgendwem?

Ich schätze nicht. So wie Stimmen, die in der Öffentlichkeit nicht mindestens das Gewicht von Popstars haben, eben eher verrauschen als dass sie einen tieferen Eindruck hinterlassen könnten, selbst wenn sie wollten. Aber Amnesty International hat eine Menge geeignete Supporter für die Kampagne gefunden, und die prominenteste in Großbritannien, wo die Zentrale der Organisation sitzt, ist eindeutig Sandie Shaw. Sie, die legendäre “Puppet On A String”-Chanteuse und ESC-Siegerin von 1967 in Wien, erklärte nun, dass sie die Inhaftierung von Demonstranten, die nichts als ihr Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit in Anspruch genommen haben, verurteile. Auch Thomas D ist im Reigen der Stimmen, die protestieren – er sagte schon vor längerem: “Vom Recht, seine Meinung zu sagen, können leider nicht alle Menschen so einfach Gebrauch machen wie wir. In manchen Ländern kann man dafür ins Gefängnis kommen.” Das ist mit diplomatischem Feingefühl formuliert – Thomas D wird in seiner Kritik nicht allzu krass. Mit seinem Aufruf „Jeder soll sagen und singen können, was er will. Gebt Baku eine Stimme!” bewegt er sich immer noch in seinem musikalischen Referenzrahmen. Thomas D will nämlich noch unbehelligt in Baku zwei Wochen arbeiten, am ESC nämlich, da verbietet es auch die Kunst des Zu-Gast-Seins, mehr als konfrontativ zu sein.
Weitere Unterstützer der Amnesty-Kampagne sind Didrik Solli-Tangen (ESC-Kandidat Norwegen 2010), A Friend in London (Dänemark 2011) und die Ukrainerin Aljosha (2010). Sie alle machen mit – und das ist, bei aller Kritik an der wohlfeilen Geste, ziemlich gut und ermutigend und freundlich und echt europäisch. Diese Künstler und Künstlerinnen haben mehr vom Geist des ESC begriffen als viele Fans, denen das Politische zu grell, zu riskant, zu uncool ist.
Marie von Möllendorff, in Deutschland bei Amnesty International zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, sagte gestern zurecht: „Der Veranstalter, die European Broadcasting Union, hat die einmalige Gelegenheit von der Regierung zu fordern, die Meinungsfreiheit zu respektieren – und zwar auch nach dem Wettbewerb, wenn die europäische Öffentlichkeit sich nicht mehr auf Aserbaidschan konzentriert. Oppositionelle in Aserbaidschan leben seit zwanzig Jahren in einer Atmosphäre der Angst. Wenn sie sich nach dem 26. Mai endlich frei äußern könnten, dann wäre das ein echter Erfolg für den Song Contest.“
Ich will nicht naiv sein, niemand sollte Illusionen anhängen – aber Aserbaidschan wird, falls es nicht nochmals gewänne, mit Ablauf der Pfingsttage aus dem öffentlichen Blickfeld geraten – dann werden alle Teilnehmenden von Baku wieder zuhause sein. Aber das steht doch jetzt schon fest: Soviel internationale Solidarität hat die aserbaidschanische Demokratiebewegung (in- und außerhalb der staatlichen Apparate) nie ernten können. Das ist Eurovision im besten Sinne.








Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.