Echos auf ein Popjahr

21. März 2013

Die für die ESC-Gemeinde was den Musikpreis “Echo” anbetrifft wichtigste Nachricht, lässt sich so formulieren: Nein, Roman Lob – für den Radio-”Echo” nominiert – ist keine männliche Lena Meyer-Landrut, er wird den Preis, den die ARD am Donnerstag nach der Tagesschau live überträgt, vermutlich nicht erhalten. Er gehört leider nicht, wie es sich für den “Echo” gehört, zu den verkaufs- und abspielerfolgreichsten Popkünstlern des vergangenen Jahres. Aber ändert das irgendetwas daran, dass wir ihn als Juroren von Hannover 2013 und als Performer von Baku 2012 in guter Erinnerung behalten werden?

Roman Lob, der deutsche ESC-Teilnehmer von 2012, ist für den Radio-"Echo" nominiert.

 

Nein! Denn Roman Lob ist der niedlichst singende Knuddelteddybär der ESC-Weltgeschichte und dabei wird es immer bleiben. Und Cascada? Bange fragen manche aus unseren Kreisen - man verzeihe mir diesen leicht predigerhaften Ton – ob Natalie Horler und ihr “Glorious” es über ein Dasein als mittleres Gewicht im Eurovisionshimmel hinausbringen werden? Ich bekenne: Ja, das werden sie. Sie, die Rheinländerin, wird in Malmö kräftig punkten - sei es als außenseiterische Mitfavoritin hinter Bonnie Tyler und Anouk aus den Niederlanden und Marco Mengoni aus dem schönen Italien. Cascada werden beim “Echo” als Show-Act auftreten und darauf darf man sich freuen, denn Auftritte dieses Monsteracts im öffentlich-rechtlichen Showfernsehen sind doch eher eine Rarität.

Andere mögen finden, Carla Bruni, die Gattin des abgewählten Präsidenten Frankreichs, sei der Hit des Abends, auch mögen einige denken, Helene Fischer wäre die Königin in der Moderationsrobe. Wobei die Fischer doch wirklich mal dran wäre mit dem Eurovisionsexperiment: Sie könnte ihre ja bis jetzt schon beeindruckende Karriere durch eine Performance beim ESC vervollständigen. Sie wird an Natalie Horler studieren können, dass das gar nicht so schwer ist: Lampenfieber hat die Cascada-Chanteuse ersichtlich nur wenig - sie übt schon mal für den Ausflug nach Südschweden. Den “Echo” erhält sie nicht, aber vielleicht nächstes Jahr nach einem europäischen Erfolg mit “Glorious” (muss ja nicht gleich der erste Platz sein). Über den Rest dieser Show wollen wir nicht schweigen, aber sie zunächst mal angucken. Helene Fischer und Natalie Horler sind auf jeden Fall sehenswert.

Freuen wir uns drauf? Klar!

Von Baku nach Leipzig

15. März 2013

Christiane Rösinger fiel voriges Jahr in Baku beim Eurovision Song Contest nicht unbedingt allein durch ihr Dasein als Fan unseres liebsten Musikwettbewerbs auf - aber ihre Anreise dorthin war gewiss die abenteuerlichste. Bekennende Punks, egal welchen Alters, kennen diese Schriftstellerin und Musikerin - Frau Rösinger wurde in den mittleren Neunzigern von einem ESC-Fan wie Thomas Borgmann aus Würzburg als Wunschtipp gehandelt: Sie möge sich doch als Teil der inzwischen legendären Lassie Singers (zu denen auch Almut Klotz und Funny van Dannen zählen) um die Teilnahme am ESC bewerben. Das war in einer Zeit, als uns in Deutschland noch die neue Ära - beginnend mit Guildo Horn - bevorstand, aber die alte Zeit mit schockierend schlechten Formationen wie Atlantis 2000 einem noch die Laune verdarb. Rösinger jedenfalls ist der Sache des ESC treu geblieben - wenn auch nicht, wie sie mir voriges Jahr gestand, als ein Fan, der Tabellen und Statistiken auswendig aufsagen kann.

Über ihren Road-Trip nach Baku hat Christiane Rösinger ein Buch geschrieben.

 Diese Frau Rösinger jedenfalls, so erinnere ich die Legende, bekam von ihrer Bekannten und meiner Freundin Claudia Fierke die freundliche Frage gestellt, ob man nicht nach Baku reisen wolle zum ESC. Mit billig-automobilem Gefährt, aber garantiert unter Verzicht auf jeden Flug. Rösinger, inzwischen wackere 52 Jahre jung, hat schließlich mit Frau Fierke die Reise geschafft und von diesem Trip berichtet sie in ihrem gerade erschienenen Buch namens “Berlin - Baku. Meine Reise zum Eurovision Song Contest”. Im Werbetext der taz, an deren Stand sie heute auf der Leipziger Buchmesse las, heißt es: “Sie begegnet bulgarischen Männern, die ihr Leben lang auf Ziegen starren, harrt aus im ‘einsamsten Frühstückssaal der Welt’ und überschreitet in der Türkei die Cappuccinogrenze. Sie lernt, professionelle Auslandsdeutsche von Deutschen im Ausland zu unterscheiden, wird in Tiflis zum Bestandteil der Deutschen Woche und tritt endlich, nach 4800 staubigen Kilometern, auch in Aserbaidschan auf - weit weg vom offiziellen Sponsorenspektakel.”

Ja, man kann es formulieren wie meine journalistische Kollegin Doris Akrap, die Frau Rösinger auf der roten Lesecouch vorstellte: In Wahrheit ist das Buch noch spannender. Der ganze Irrsinn wird spürbar, der an dem Unterfangen hing und für jedes Jahr für die Fans weiterhin hängt - einen Ort innerhalb der eurovisionären Landkarte zu erreichen, um dort Proben, Partys und schließlich ein Popspektakel zu erleben, bei dem es wie bei einer Europameisterschaft im Sport um Punkte und Platzierungen geht. Anders als alle Fans jedoch sind die Frauen Rösinger und Fierke ernsthaft gereist - nicht als “Jetsetschnallen”.

Das liest sich außerordentlich vergnüglich und zugleich sehr, sehr seriös. Schade, dass dieses Büchlein nicht den Sachbuchpreis hier in Leipzig erhalten hat. Das wäre mal was gewesen - eine offizielle Lobpreisung für echtes und wahrhaftiges Europäerinnentum. Denn das war das, was ich bei der Lektüre dieses Buches plötzlich merkte: Der ESC ist wirklich das einzige Kulturprojekt Europas, das nicht von Stipendien, Austauschprogrammen und Kultursubventionen lebt. Sondern nur dadurch, dass da Fans Jahr für Jahr sich eines Festivals bemächtigen, um aus diesem mehr zu machen als eine Nummernrevue fürs Fernsehen. Frau Rösinger, Teil der “Flittchenbar” am Berliner Ostbahnhof, die virtuoseste Sängerin ohne besondere Gesangsstimme, hat aufgeschrieben wie das gehen kann: Sich an den Saum der eurovisionären Grenzen zu begeben - ohne expliziten Glamourfaktor, aber dafür mit viel Gefühl und Neugier.

In diesem Sinne wünsche ich dem Buch viele interessierte Leser – eine Reise nach Malmö könnte nicht spannender sein. Aber lohnen tät auch dies: Gibt es irgendeinen, der nach Südschweden im Mai etwa trampen wird?

Jahresrückblick – Begrenzte Euphorie

21. Dezember 2012

Pünktlich zu Weihnachten kommt hier mein ganz persönlicher ESC-Jahresrückblick. Damit liefere ich auch die Gründe dafür, warum sich meine Euphorie für das Jahr 2012 in Grenzen hält:

1. Loreen und ihr “Euphoria” gewannen natürlich zu Recht den Eurovision Song Contest in Baku. Dass ich vorher nicht so richtig daran glauben konnte, lag auch an den schwedischen Delegationsmitgliedern in Baku. Ihr Getröte für ihre Kandidatin war so hochmütig – das kennt man von den Leuten des Fernsehsenders SVT und von Schwedens Head of Delegation Christer Björkman, die trommeln jedes Jahr so heftig. Aber Europa ließ sich überzeugen von dieser sphärischen Mixtur aus Kate Bush und Alicia Keys.


 
2. Dass der ESC in Baku stattfinden konnte, war kein Fehler. Sehr wohl aber war einer, dass die European Broadcasting Union (EBU) nicht besonders streng auf die Einhaltung der Regeln von Demokratie und Menschenrechten achtete. Dennoch hat der Ausflug sich gelohnt: Allen Ländern, Russland vor allem, aber auch Weißrussland, Moldawien oder der Ukraine, ist die Botschaft verpasst worden, dass die Fans und Journalisten künftig einen Blick über den eigenen (ESC-)Horizont für angemessen halten. Dass das in Russland 2009 noch nicht so war, dass die Berichterstattung über Politisches bei fast allen deutschen ESC-Journalisten karg ausfiel, muss ihnen inzwischen auch unangenehm aufgefallen sein.
 
3. Ästhetisch war mein größter Gewinn, dass auch Außenseiterinnen Chancen haben können. Zum Beispiel die Albanerin mit ihrem gellenden Gesang oder die eine klassische Dramashow abziehende Spanierin Pastora Soler. Beide waren vorne platziert, das war sehr gerecht.
 
4. Roman Lobs achter Platz ging in Ordnung. Dass er nicht die gleiche große Nummer wurde wie Lena Meyer-Landrut, lag ein wenig an ihm – auf einen Schmusebär hat die Nation nicht gewartet, auf eine keck-optimistische Abiturientin, die nur bedingt gut singen kann, sehr wohl. Er hatte ein gutes Jahr und jetzt geht das Leben weiter.
 
5. Castingshows sind out, das lernten wir auch in Sachen “Unser Star für Baku”. Dass die Konkurrenz von “The Voice of Germany” mehr Aufmerksamkeit erzielte, spielte aber keine Rolle: Wer war noch mal die stimmlich großartige Siegerin, die dort gewann?
 
6. Was mir in Baku am besten gefiel, jenseits des ESC, war der Bulvar, die Flanierpassage am Kaspischen Meer. Die war auch nachts noch sehr relaxt belebt. Freundliche Leute, die Bakunesen, falls man die so nennt. Und außerdem gut waren all die Experten, die nicht unbedingt zum innersten Kreis der Menschenrechtsaktivisten zählten und mir ihre Stadt und ihr Land zeigten. Ultrakritisch und extrem mutig, weil sie Aserbaidschan gern hätten, wie andere Länder in Mitteleuropa.
 
7. Dass die EBU nicht rügte, als das aserbaidschanische Fernsehen statt der Einspielfilmchen von Brainpool buntes Werbematerial der Regimeoberen zeigte, sagt mehr über die EBU als die Nomenklatur in Baku. Schade, dass der Weg nach “Europa” im politischen Sinne offenbar steiniger ist als man dachte.
 
8. Fans waren in Baku nicht so präsent wie in Oslo, Düsseldorf oder Helsinki. Zu viel politische Unsicherheit, zu wenig einladend. Selbst schuld, diese Aserbaidschaner.
 
9. Lena hat ihr drittes Album veröffentlicht, ohne Stefan Raab. Und wie soll man es sagen? Sie hat den ESC wenigstens ein Stück hinter sich gelassen. Pop, wie es frischer nicht geht.
 
10. Die Finanzkrise Europas machte sich in Baku noch nicht bemerkbar. Man hätte es ahnen können: Irgendwann wird ein Land wie Portugal resignieren. Das Lied in Baku war grotesk schlecht, aber die Message war klar: Europa interessiert sich nicht für portugiesisches Liedgut nach Geschmack des Fado. Die werden zurückkommen, bestimmt, irgendwann.
 
11. Ihnen und Euch frohe Festtage. Danke für die lebendigen Reaktionen, für die Debatten, für die Anteilnahme, für die Ermutigung unseres ganzen Teams von eurovision.de. Und für die spontanen Unmuts- wie Liebesbekundungen. Wir fühlen uns geehrt!
 
12. Es war ein gutes Jahr, ein politisch nachdenklich stimmendes Jahr. Eines mit einer Siegerin, deren Zukunft ungewiss ist. Der nächste ESC-Sieger kommt bestimmt!

Sommerloch?

2. Juli 2012

In Schweden, wie wir es im vorigen Blog notiert haben, ist natürlich noch nichts entschieden. Weder zum Rahmenprogramm noch zur Hallenfrage. Wie beschrieben gibt es eigentlich zum im Bau befindlichen Stadion in Solna - nur 12 Minuten von der Innenstadt entfernt - keine realistische Alternative, die dem schwedischen Fernsehen eine bessere Möglichkeit zur Refinanzierung über Eintrittsgelder für die drei Eurovisions-Shows (und ihre Generalproben) liefern würde.

Still ruht also der See, abgesehen vom eher frischen Sommerwetter, das uns auch aus den Gegenden um die Hauptstadt am Mälaren und an der Ostsee berichtet wird?

Mitnichten. Peter-Philipp Schmitt, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat Samstag einen spannenden Text in seinem Blatt veröffentlicht:
Nachspiel zum Spektakel von Baku: Wie halten wir’s mit der Demokratie?

Das ist insofern ein interessanter Bericht, als er nicht nur die Misshandlung eines norwegischen TV-Reporters auf dem Bakuer Flughafen aufnimmt - von der auch hier auf eurovision.de zu lesen
war -, sondern auch, dass dieser Fall von norwegischen Politikern vor den Europarat geschleppt und dort thematisiert wurde. Wie auch immer in Straßburg weiter debattiert wird: Der Autor sagt, dass die European Broadcasting Union sich das eigene Regelwerk abermals vorknöpfen werde, auf dass solche Schikanen nicht mehr möglich sind. Und dass sie, wenn sie doch beklagt werden müssen, geahndet werden können.

Detaillierter wird die Geschichte leider nicht – denn die EBU hat bereits einen sogenannten Pledge all ihrer Mitgliedssender verabredet, eine Art Charta als gegenseitiges Versprechen, die für Teilnehmerländer diesen Respekt vorschreibt. Das heißt: Wer einen ESC ausrichtet, muss durch die eigenen Staatsapparate eine Gewährleistung erbringen, derzufolge alle ESC-Akkreditierten sich im Land frei und unbehelligt bewegen dürfen. Das musste Aserbaidschan schon im Herbst vorigen Jahres tun – und tat es auch. Ictimai TV, den EBU-Sender des Landes, auch das lesen wir, träfe an der Gewalt gegen den iranischstämmigen Journalisten aus Norwegen keine Schuld.

Also: Worin könnte der Fortschritt bestehen? Dass die EBU nicht nur Lippenbekenntnisse abfordert, sondern konkrete Zusagen? Das ginge womöglich an der Wirklichkeit vorbei, denn der ESC ist ja, wenigstens formell, ein Festival von Sendern, nicht von Ländern – auch wenn die öffentliche Wahrnehmung eine andere ist. Unsere Anfragen an die EBU laufen – momentan steht nur fest: Im Mai 2013 wird in Schweden der 58. ESC abgehalten. In einem politisch unproblematischen Land also.

Aber glaubt jemand ernsthaft, nach dem umstrittenen ESC in Aserbaidschan, aber auch nach den Moskauer Vorkommnissen 2009 - um nur zwei sehr politische Festivals der letzten Jahre zu nennen - dass es im Vorfeld vom nächsten ESC keine weiteren Konflikte geben wird – allein schon, weil Armenien wieder mitmachen möchte?

 

Landwegs nach Baku

14. Mai 2012

Sie haben sich das lange überlegt, die Berliner Schriftstellerin und Musikerin Christiane Rösinger mit ihrer Kompagneuse Claudia Fierke, beide in Berlins Bezirk Kreuzberg wohnend. Und vor knapp einem Jahr, kaum hatten Ell/Nikki den in ihrem Land ersehnten ESC gewonnen, da dachten beide: Da müssen wir hin. Und zwar als Frauen, die im Auto fahren. Kurz: Fierke und Rösinger haben nun also Anfang Mai ein Road Movie begonnen, eine Art “Thelma & Louise” ohne männliche Verderbnis im Hintergrund und hoffentlich auch ohne großen Absturz in der letzten Filmsequenz.

Christiane Rösinger und Claudia Fierke fahren nach Baku. Foto: Anja Weber

Christiane Rösinger und Claudia Fierke fahren nach Baku. Foto: Anja Weber

Fierke, die ich exakt in diesen Tagen 38 Jahre kenne, schrieb mir noch vor der Abreise: “Wir starten am 9. Mai morgens um 9 Uhr. Vielleicht auch 30 Minuten früher oder später. So ist der Plan … Der Bus ist ausgebaut, das Öl gewechselt und alles sollte gut gehen.  Frau Rösinger will lieber in Hotels gehen und ich will am liebsten so oft wie möglich im Bus schlafen, gerne an Stränden in der Einsamkeit. Aber ich hab ja auch ein halbes Jahr Afrika mit dem Bus hinter mir, wenn auch schon sehr lange her. Und das Erbe meiner campenden Eltern. Jedenfalls wird es wohl an manchen Abenden Diskussionen über den Schlafplatz geben.”

Ich kann das verstehen: Lieber nicht so ganz erdig-jugendlich, sondern angemessen riskant, aber erwachsen und komfortabel. Frau Rösinger weiß das: Sie, die wunderbare Chanteuse der früheren Lassie-Singers, die beste Sängerin, die Kreuzbergs alternatives Milieu je hervorgebracht hat, die ergreifendste Vortragskünstlerin ohne jeden sentimentalen Schmus… Die weiß, dass man sich bei einem Road Movie kein Rückenleiden zuziehen muss.

Jedenfalls: Sie reisen zurzeit über Budapest, Belgrad, Sofia und Istanbul, “dann entlang des Schwarzen Meeres bis zur Grenze nach Georgien. Sowohl an der Küste als auch in Georgien wollen wir ein bisschen verharren und Land und Leute genießen. Ursprünglich war die Fahrt durch die Ukraine geplant und zwar bis Odessa, vielleicht mit ein paar Auftritten dazwischen (Lemberg, Kiew, Odessa waren angefragt). Da aber die Fähre übers Meer (übrigens die “Greifswald” aus der DDR!) dermaßen unzuverlässig ablegt und wir ja einen Termin in Tiflis haben, haben wir uns anders entscheiden und fahren über Istanbul hin.”

In Tiflis werden beide auf Einladung des Goethe-Instituts auftreten, die Rösinger auch mit Literarischem, beide zusammen muszierend. Fierke, Musikerin und einst Leiterin von Berliner Filmtheatern (auch der freiluftigen Sorte), hat zum ESC heftige Affinität. Sie ist keine Hipsterin, die erst seit Guildo Horns Tagen so tut, als hätte sie den Kult schon immer verstanden. Sie bevorzugt das gesamte Genre des ESC – und mag “Waterloo” ebenso sehr wie “Zeiger der Uhr” oder “Paradies, wo bist Du?”. Zu ihren Lieblingsstücken – weil sie sie selbst am Fernseher erlebt hat – zählen “Falter im Wind” von den Milestones, “Si” von Gigliola Cinquetti, “Dansevise” von Grethe und Jørgen Ingmann aber ganz besonders, weil es elegant und schön ist.

Was mich an deren Reise, ja Annäherung an Baku besonders angefixt hat, war der Satz, den Claudia Fierke äußerte, als ich sie nach dem Sinn ihres Trips fragte. Sie antwortete auf mein “Wozu?” aufrichtig: “Es ist alles recht sinnlos! Es dient allein der eigenen Reiselust! Es ist ein Abenteuer!” Und welche Bilder hat sie von Baku, ehe sie die aserbaidschanische Hauptstadt überhaupt mal zu Gesicht bekommen hat? “Natürlich haben wir, seit wir wissen, dass wir dort hinfahren, die aktuellen Artikel zu Baku und Aserbaidschan gelesen, dann das Ingo-Petz-Buch ‘Kuckucksuhren in Baku’, sehr amüsant. Meine Mutter sagt, dass mein seefahrender Opa schon mal dort war. Ob das so stimmt, weiß ich nicht, weil sie auch mal Geschichte und Geschichten erfindet. Aber die Vorstellung gefällt mir.”

Mit anderen Worten: Sie wissen, was sie tun, weil sie es nicht so genau wissen können. Es könnte sein, dass ihnen wirklich dieser ESC in Baku, für den sie auch ihres Schreibens wegen akkreditiert sind, so nah geht, dass sie ihn nie vergessen werden. Denn das ist ja ein tüchtiger Unterschied zu all denen, die hinfliegen, zum Akkreditierungscenter laufen und außer in der Halle oder im Euroclub sich um nichts dort gekümmert haben. Könnte sein, dass jene sich für Aserbaidschan eben nicht so besonders interessieren. Anders als diese beiden Damen.

Wir wünschen ihnen viel Abenteuer, keinen Achsenbruch und viele Geschichten, von denen wir am liebsten schon am 23. Mai erfahren würden. Dann nämlich lesen und musizieren sie in Baku, ebenfalls auf Einladung einer dem Goethe-Institut nahestehenden Organisation. Dass sie ESC-Lieder vortragen werden, haben sie versprochen. Ihnen und allen, die nicht auf das Schnellste zum Ziel kommen werden, viel Glück!

Coole Stadt, kühle Stadt?

13. Mai 2012

Die letzten Entscheidungen werden getroffen: An was muss gedacht werden, ehe man abfliegt gen Baku? Hat man nicht doch was vergessen? Darf man kurze Hosen mitnehmen (werden eher ungern gesehen in diesem Land, das man nicht einmal sieht, wenn die Wetterkarte mit “Europa” eingeblendet wird)?! Was ist verboten mitzunehmen (nichts, so sagt es der Prospekt), was ausdrücklich erlaubt (ebenso nichts)?!

Erste Anrufe aus Baku am Mittag. Zwei Stunden später als geplant fängt der Probenkanon an – und die Schweiz ist gut, fast wie “A Friend in London“, höre ich; der albanische Schmerzenshymnus tatsächlich schmerzlich, allein stimmlich; Island, voll kostümiert, wirkt perfekt – zu perfekt; und Montenegro, sagt mir ein anderer Freund, ist ganz prima und wie immer unterschätzt.

In Baku selbst scheint es staubig zu sein, so berichtet mir eine Freundin via SMS, außerdem rieche es seltsam – ein wenig wie im Parkhaus. Nicht direkt nach Öl und Diesel, aber eben so, wie es eben auch schmeckt, wenn man durch eine leichte Wolke von Auspuffausdünstungen gegangen ist. Sonst? Alle, buchstäblich alle, die ich heute so hörte, loben diese ESC-Stadt, als hätten sie nicht wirklich erwartet: Ist ja cool, sagt die eine, tolle Uferpromenade, aber man brauche ‘was gegen die Sonne, es sei nicht nur Frühling dort nahe des Iran. Etwas kühl findet ein Freund aus Malta die Atmosphäre – meine per E-Mail übermittelte Frage, ob er denn mehr erwarte, da doch alles erst begonnen habe, beantwortete er mit der Bemerkung, in Düsseldorf habe er sich gleich von eurovisionärer Stimmung umgeben gefühlt.

Nun ja, das möchte man beschämt nicht kommentieren: Maltesische Freunde sind gern sehr anspruchsvoll – immerhin bestätigt er das, was auch in anderen Foren geäußert wird – Visumsfragen sind keine. Man kommt am Flughafen problemlos durch alle Schleusen, werde nett behandelt und bekomme nie das Gefühl, eigentlich nur halb erwünscht zu sein.

In der Heimat, wo sich die meisten, die sich auf den Weg nach Baku machen, noch befinden, geht es zur Frage der Menschenrechte in Aserbaidschan weiter. Volker Beck, menschenrechtspolitischer Sprecher der Bündnisgrünen im Bundestag, forderte am Freitag auf einer Veranstaltung von Amnesty International in Köln, Länder, die den ESC gewinnen und ihn im Jahr darauf ausrichten möchten, müssten sich einem Monitoring unterziehen, ob sie den Standards von Meinungsfreiheit und überhaupt den allgemeinen Menschenrechten genügen. Davon abgesehen, dass eine solche Bestimmung erst 2014 wirksam werden könnte, weil alle TV-Sender, die in Baku teilnehmen, die traditionell gültigen Verträge bereits unterschrieben haben, finde ich diesen Vorschlag misslich: Besser ist doch, dass ein Land wie Aserbaidschan die Lizenz zum ESC-Festival erhält – und man bis zum Finale alle Probleme und Missstände prima erörtern kann. Das nützt den Diskutierenden – und den Anliegen der Menschenrechte in Ländern wie Aserbaidschan eben selbst.

P.S.: Täuscht mich der Eindruck oder ist es nicht so, dass von nun an alle vor allem Glamour und Entertainment in den Berichten erwarten – und sehr viele jetzt beginnen zu fiebern, ob Roman Lob gut performen wird oder nicht?

Es darf jetzt losgehen!

9. Mai 2012

Kürzlich chattete ich mit einem Freund aus einem Vorort von Baku, dortselbst als Menschenrechtsbeobachter unterwegs. Er schrieb mir, nach ausführlichen Erörterungen der Feinstaubbelastungen in seiner wie meiner Stadt, nun ginge er an die Promenade zum Kaspischen Meer, ein wenig spazieren. Und was soll ich sagen? Als ich ihm beichtete, auf sein Flanieren am Abend eine Spur neidisch zu sein, erwiderte er: Das sollst du auch – es ist nämlich sehr warm hier, wir haben fast Sommer, und überall genießen die Menschen das gute Wetter.

Außerdem freuen sich jetzt alle auf Euch! Auf die Gäste, die entweder schon in Aserbaidschan weilen oder ab Sonntag in Rudeln sich um den ESC kümmern. Ja, sagt Jurij, der Freund, der von seinem Onkel aus Moskau in Kinderzeiten eine Kassettenaufnahme von “La det swinge” von den Bobbysocks geschenkt bekam und daraufhin viele Jahre davon träumte, nach Norwegen auszuwandern, ja, sagte dieser Mann, jetzt geht es um Musik – und was die Staatsmacht mit uns und mit euch macht, das werden wir sehen!

Ich pflichtete ihm zunächst nur pflichtschuldigst bei. In Wahrheit ist ihm von Herzen zuzustimmen: Ja, wir werden Menschenrechtsangelegenheiten in Aserbaidschan, ja, in der ganzen Welt heftig im Auge behalten, wir werden niemals uns die Sensibilität abmarkten lassen, denn nie wieder soll auf ESC-Boden Gift und Gülle gedeihen wie einst 1969 in Madrid. Aber, da stimme ich Jurij und seinen Freunden zu, jetzt freuen wir uns auf den Trip in die Peripherie der eurovisionären Einflusszone und auf zwei Wochen Proben und Partys, Empfänge und Ausflüge. Dann kommen zwei Halbfinals und ein Finale – und dazwischen jede Menge Mutmaßung und mehr oder weniger hastige Spekulation.

Okay, die politisch beinah Übersensibilisierten werden ihre Kameras und Mikrophone zu Veranstaltungen wie “Sing for Democracy” schleppen und von dort berichten, wobei bis jetzt nicht einmal genau feststeht, ob und wo und wann genau dieses alternative Event stattfinden wird. Und bitte nicht vergessen: 1976, als in Stockholm ein alternatives Songfestival gegeben wurde und Schweden am ESC nicht teilnahm, da belief sich die Aufmerksamkeit jenseits von Schweden auf gegen null. Aber es werden sehr schöne zwei Wochen – und Baku wird sich noch wundern, wie bunt es ohnehin ist und noch bunter durch sehr viele Menschen aus knapp vier Dutzend Länder wird.

Das politisch Angemessene teilt in einem Interview auf Spiegel Online nun Ingrid Deltenre mit, ihres Zeichens Chefin der European Broadcasting Union, der Organisation, die gewöhnlich Eurovision genannt wird.  Zusammengefasst lässt sich sagen: Die oberste EBU-Kollegin weist ziemlich souverän darauf hin, dass der ESC zu integrieren hat, nicht auszugrenzen. Und wer politisch und historisch sich ein wenig auskennt und sich nicht von Medienhypes blenden lässt, weiß, wie erfolgreich dieses Konzept immer war und noch ist.

Fraglich ist nur, ob ein ESC wirklich auch in Weißrussland ausgerichtet werden sollte. Madame Deltenre bejaht – und Thomas Schreiber, Chef des deutschen ESC, meinte ja in einem Interview, er würde im Falle eines ESC-Sieges von Weißrussland der ARD empfehlen, an diesem Event nicht teilzunehmen. Nun, die Diskussionen gehen weiter, ich schätze aber, dass das Lied der Jungs aus Minsk ohnehin punktarm laut verplätschert.

Alles in allem: Wenn das Finale die Bescherung ist und wir auf sie warten, dann könnte man sagen – jetzt beginnt die Adventszeit. Sonntag, am ersten Probentag, darf das erste Türchen geöffnet werden!

Kein TV total aus Baku

7. Mai 2012

Die Meldung erreichte mich heute morgen in der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung: “Stefan Raab sendet ‘TV total’ vor dem ESC nicht aus Baku” – das heißt, es wird keine vier Sonderausgaben dieser Shows geben.

Man wird mich für befangen erklären, weil ich dort mehrmals, in Oslo, in Düsseldorf, zu Gast war, aber: Das finde ich sehr schade. Das war die Expertensendung, in der Raab als Maestro alles im Griff hatte und auch seinen dauerhaften Unterschied zum anderen deutschen ESC-Popdirigenten, Ralph Siegel, glaubhaft unterstreichen konnte: Der hat echt Ahnung. Raabs Produktionsfirma Brainpool bestätigte mir später, was auch in der Meldung zu lesen war: Man habe alles versucht, um auch in Baku wieder in gewohnter Weise zu produzieren, aber es scheiterte daran, dass sich weder ein geeignetes Studio noch genügend qualifiziertes lokales Personal für die Fernsehsendung finden ließ. Nun wird Stefan Raab die Baku-Woche von Roman Lob und seinem musikalischen Mentor Thomas D vom Kölner TVtotal-Studio aus kommentieren.

Am bedauerlichsten ist jedoch, dass Raab offenbar selbst nicht in Baku zugegen sein wird – Thomas D wird die Proben von Roman Lob begleiten, er wird die Details der Performance im Viewing Room unter die Lupe nehmen: Raab, leider, werden wir in Aserbaidschan vermissen.

Man könnte jetzt sagen, Raab habe doch ohnehin vorgehabt, den ESC ganz aus der Verantwortung zu geben: Aber TV total war sozusagen seine kleine Notluke, aus deren Fenster heraus er noch am Geschehen teilhaben würde. Ich möchte hoffen, dass er wenigstens zum Finale den Sechsstundenflug in den Kaukasus auf sich nehmen wird.

Favoriten mit Fallhöhe

4. Mai 2012

Wer mich ein wenig persönlich kennt, weiß, wie sehr ich schwedische ESC-Beiträge immer in Schutz genommen habe. Okay, manchmal war das nicht so leicht, etwa bei den Herrey’s oder auch bei Charlotte Perrelli mit ihrem “Hero”. Aber: Tommy Körberg, Tommy Nilsson, die Danielsson oder Edin Adahl, von Carola zu schweigen – immer fand ich den Schwung gut oder die Melancholie nahe gehend. Was mir aber immer auf die Nerven ging – im Wortlaut: immer und immer und immer – war die Großkotzigkeit von schwedischen ESC-Funktionären und Medienvertretern.

Carola beim ESC 2006 in Athen. Foto: Rolf Klatt/NDR

Carola beim ESC 2006 in Athen. Foto: Rolf Klatt/NDR

Man muss dazu wissen, dass im Land der Königin Silvia, die durch einen schönen Hostessenjob bei den Olympischen Spielen in München zu ihrer monarchischen Berufung gelangte, sich alle Zeitungen den Vorentscheidungen und dem ESC mit vielen Texten und extrem vielen Bildern widmen. Schweden, das lernte ich dort im Lande selbst, versteht nicht, dass nicht alle Welt seine Songs gut findet. Ist ein Lied schließlich mal beim ESC unter ferner sangen nach Hause geschickt worden, waren immer die anderen Schuld. Die Künstler (besoffen, krächzend bei Stimme), die anderen Länder (verstehen nix von Musik) oder das Orchester (kann nicht spielen). Seit ich selbst zum ESC fahre, musste ich diese Erfahrungen machen: Grölender, leicht selbstbesoffener Jubel, wenn man es schaffte (Carola, Charlotte) oder bittere Giftigkeit, wenn es mal nicht zum Sieg reichte.

Ein besonderes Exemplar dieser schwedischen Hochfahrenheit ist Christer Björkman, der 1992 für ein wirklich mieses Ergebnis sorgte, “I morgon är en annan dag” war hübsch, aber dünnst gesungen – Vorletzter in Malmö. Seit etlichen Jahren ist er für den ESC zuständig, sitzt in der Reference Group des ESC (der entscheidenden Lenkungsgruppe) und glaubt mit wahnhaft anmutenden Zügen, Schweden müsse ein Missionar in Sachen Eurovision sein. Und er moderiert die TV-Sendungen, in denen die Liederaus allen Ländern vorab im schwedischen Fernsehen vorgestellt werden.

Mein Freund Ida aus Kopenhagen schrieb mir nach Studium dieser Sendung, hier auszugsweise zitiert: “Die sind so UNVERSCHÄMT! Andere Länder werden Großteils total abgekanzelt – aber bei der Bewertung des eigenen Beitrages erhält dieser natürlich durchgehend die Höchstwertung! Christer Björkman wirkt so ( …, Kürzung durch mich) selbstgerecht und bringt sogar in der Sendung an, er sei mit in dem Gremium, welches die Titeländerung von Siegels Beitrag angeordnet habe! Die Schweden gehen davon aus, dass sie dieses Jahr gewinnen. Alle anderen Beiträge sind unwichtig! Da ist SO wenig Respekt vor renomierten Künstlern aus anderen Ländern! Ganz ehrlich: Für diese Arroganz gebührt Schweden der 2. Platz beim ESC – damit sie grindig zusehen können, wie ein anderes Land den Sieg davonträgt und mal von ihrem hohen Ross herunterkommen! Schlimm!”

Dass der schwedische Sender SVT die neue Fußball-Event-Arena bei Stockholm schon für das nächste Jahr als Option gemietet hat für Ende Mai: vielleicht nur ein Gerücht. Aber mit der Überzeugung, dass Loreen gewinnt, steht Björkman nicht allein. Fans und Wettbüros bekunden das Gleiche.

Nur, um jetzt ein wenig zur Abkühlung beizutragen: Die Liste der über all die Jahrzehnte geweissagten Favoriten und vorab erklärten Triumphe ist länger als die der Sieger selbst. Nennen wir einfach knapp zwei Dutzend Namen: Cliff Richard (zweifach, 1968 und 1973), Lynsey de Paul & Mike Moran, Tommy Nilsson, Amaury Vassili, Kati Wolf, Charlotte Perrelli, Mary Hopkin, Conny Froboess, Udo Jürgens (1964), Gigliola Cinquetti und Olivia Newton-John (beide 1974), Joy Fleming, Natasha Saint-Pier, Alsou und Ines (2000), Friends (2001), Julio Iglesias (1970), Sonia (1993) oder Maxi & Chris Garden (allerdings nur bei deutschen Fans).

Und die unerwarteten Sieger? Nur ein halbes Dutzend, Acts, mit denen niemand rechnete: Lordi, Olsen Brothers, Dana, Massiel, Marie Myriam und Ell & Nikki.

Loreen aus Schweden steckt, so vermute ich, vor der Aufgabe ihres Lebens: Sie vertritt nicht nur ihr Land – das teilt sie mit 41 anderen Acts; sie muss aber auch gegen das Gebirge an Erwartungen und schönrednerischen Einflüsterungen ansingen. Kann sie aber, und das umreißt ihre Fallhöhe, dann noch über einen zweiten Rang glücklich sein?

Ich fürchte: nein, das würde ihr nicht erlaubt werden.

Aserbaidschans Botschaft wehrt sich

2. Mai 2012

Das ist eine mehr als erstaunliche Nachricht: Dass sich eine Botschaft eines den ESC ausrichtenden Landes mit einer eigenen Presseerklärung zu Wort meldet. Das hat nämlich die in Berlin ansässige diplomatische Vertretung des kaukasischen Staates getan. In dieser Meldung beschwert man sich über eine in “einigen Kreisen in Deutschland gegen Aserbaidschan geführte Kampagne” in Sachen Menschenrechte.

Namentlich erwähnt werden die ARD und der “Spiegel”. Die ARD berichtete in Magazinen wie “titel thesen temperamente” kritisch über Aserbaidschan, auch eurovision.de hat immer wieder die Entwicklungen in Baku begleitet. Mehrmals schrieb der “Spiegel” über Zwangsräumungen und politische Konflikte im ESC-Gastgeberland 2012.  Ja, es ist sogar von einer “systematischen” Kampagne die Rede – und dieses krasse Wort signalisiert mir: In aserbaidschanischen Regierungskreisen liegen die Nerven wenige Tage vor den ersten Proben zum ESC sehr blank.

Denn es kann doch keine Rede von “Verleumdungen” und “Täuschungen” sein, wenn man als Teil der Öffentlichkeit die miese Menschenrechtslage in Baku offen erörtert. Das ist auch deshalb wichtig gewesen, weil sich an der politischen Lage in diesem Land am Kaspischen Meer wenig zum Besseren gewandelt habe, wie neulich erst Organisationen wie Human Rights Watch und Reporter ohne Grenzen in Berlin bilanzierten.

Ich finde, das beste Mittel für ein diplomatisches Korps wie das aserbaidschanische, um für das eigene Land zu werben, wäre nicht das Schreiben von beleidigten oder verschnupften Presseerklärungen, weil man sich womöglich ertappt fühlt, sondern die perfekte Organisation des ESC. Und dazu gehört nicht allein der Bau einer Halle sowie die Schaffung eines Shuttle Services zwischen den Hotels und der Arena, sondern ein gesellschaftliches Klima des Willkommens. Das heißt auch der vollständige Verzicht auf irgendwelche polizeilichen und milizionären Überwachungsmaßnahmen von ESC-Touristen oder -Delegierten. Baku sollen sie genießen können und die Sicherheitsbehörden sollen sie nicht wie betreuungsbedürftige Gäste behandeln.

Die polizeiliche Verfolgung von Demonstrationen – wie in den vergangenen Wochen zweifach geschehen – beschädigt das Image Aserbaidschans, und nicht die Berichte darüber. Im Übrigen hat auch Thomas D recht. Der bekundete nun nämlich, man solle den ESC politisch nicht überfrachten. Man könne nicht aus einer luxuriösen Position in Mitteleuropa definieren, was politisch okay ist und was nicht. Wer kein T-Shirt auf der Bühne trägt, auf dem politisch für Aserbaidschan missliebige Inhalte notiert stehen, ist kein schlechter Mensch, soll das wohl heißen. Und dem stimme ich zu: Thomas D wird die Spielräume seiner politischen Wachheit nutzen – mit Krawallvorschlägen von außen wird aber nichts besser.