Landwegs nach Baku

14. Mai 2012

Sie haben sich das lange überlegt, die Berliner Schriftstellerin und Musikerin Christiane Rösinger mit ihrer Kompagneuse Claudia Fierke, beide in Berlins Bezirk Kreuzberg wohnend. Und vor knapp einem Jahr, kaum hatten Ell/Nikki den in ihrem Land ersehnten ESC gewonnen, da dachten beide: Da müssen wir hin. Und zwar als Frauen, die im Auto fahren. Kurz: Fierke und Rösinger haben nun also Anfang Mai ein Road Movie begonnen, eine Art “Thelma & Louise” ohne männliche Verderbnis im Hintergrund und hoffentlich auch ohne großen Absturz in der letzten Filmsequenz.

Christiane Rösinger und Claudia Fierke fahren nach Baku. Foto: Anja Weber

Christiane Rösinger und Claudia Fierke fahren nach Baku. Foto: Anja Weber

Fierke, die ich exakt in diesen Tagen 38 Jahre kenne, schrieb mir noch vor der Abreise: “Wir starten am 9. Mai morgens um 9 Uhr. Vielleicht auch 30 Minuten früher oder später. So ist der Plan … Der Bus ist ausgebaut, das Öl gewechselt und alles sollte gut gehen.  Frau Rösinger will lieber in Hotels gehen und ich will am liebsten so oft wie möglich im Bus schlafen, gerne an Stränden in der Einsamkeit. Aber ich hab ja auch ein halbes Jahr Afrika mit dem Bus hinter mir, wenn auch schon sehr lange her. Und das Erbe meiner campenden Eltern. Jedenfalls wird es wohl an manchen Abenden Diskussionen über den Schlafplatz geben.”

Ich kann das verstehen: Lieber nicht so ganz erdig-jugendlich, sondern angemessen riskant, aber erwachsen und komfortabel. Frau Rösinger weiß das: Sie, die wunderbare Chanteuse der früheren Lassie-Singers, die beste Sängerin, die Kreuzbergs alternatives Milieu je hervorgebracht hat, die ergreifendste Vortragskünstlerin ohne jeden sentimentalen Schmus… Die weiß, dass man sich bei einem Road Movie kein Rückenleiden zuziehen muss.

Jedenfalls: Sie reisen zurzeit über Budapest, Belgrad, Sofia und Istanbul, “dann entlang des Schwarzen Meeres bis zur Grenze nach Georgien. Sowohl an der Küste als auch in Georgien wollen wir ein bisschen verharren und Land und Leute genießen. Ursprünglich war die Fahrt durch die Ukraine geplant und zwar bis Odessa, vielleicht mit ein paar Auftritten dazwischen (Lemberg, Kiew, Odessa waren angefragt). Da aber die Fähre übers Meer (übrigens die “Greifswald” aus der DDR!) dermaßen unzuverlässig ablegt und wir ja einen Termin in Tiflis haben, haben wir uns anders entscheiden und fahren über Istanbul hin.”

In Tiflis werden beide auf Einladung des Goethe-Instituts auftreten, die Rösinger auch mit Literarischem, beide zusammen muszierend. Fierke, Musikerin und einst Leiterin von Berliner Filmtheatern (auch der freiluftigen Sorte), hat zum ESC heftige Affinität. Sie ist keine Hipsterin, die erst seit Guildo Horns Tagen so tut, als hätte sie den Kult schon immer verstanden. Sie bevorzugt das gesamte Genre des ESC – und mag “Waterloo” ebenso sehr wie “Zeiger der Uhr” oder “Paradies, wo bist Du?”. Zu ihren Lieblingsstücken – weil sie sie selbst am Fernseher erlebt hat – zählen “Falter im Wind” von den Milestones, “Si” von Gigliola Cinquetti, “Dansevise” von Grethe und Jørgen Ingmann aber ganz besonders, weil es elegant und schön ist.

Was mich an deren Reise, ja Annäherung an Baku besonders angefixt hat, war der Satz, den Claudia Fierke äußerte, als ich sie nach dem Sinn ihres Trips fragte. Sie antwortete auf mein “Wozu?” aufrichtig: “Es ist alles recht sinnlos! Es dient allein der eigenen Reiselust! Es ist ein Abenteuer!” Und welche Bilder hat sie von Baku, ehe sie die aserbaidschanische Hauptstadt überhaupt mal zu Gesicht bekommen hat? “Natürlich haben wir, seit wir wissen, dass wir dort hinfahren, die aktuellen Artikel zu Baku und Aserbaidschan gelesen, dann das Ingo-Petz-Buch ‘Kuckucksuhren in Baku’, sehr amüsant. Meine Mutter sagt, dass mein seefahrender Opa schon mal dort war. Ob das so stimmt, weiß ich nicht, weil sie auch mal Geschichte und Geschichten erfindet. Aber die Vorstellung gefällt mir.”

Mit anderen Worten: Sie wissen, was sie tun, weil sie es nicht so genau wissen können. Es könnte sein, dass ihnen wirklich dieser ESC in Baku, für den sie auch ihres Schreibens wegen akkreditiert sind, so nah geht, dass sie ihn nie vergessen werden. Denn das ist ja ein tüchtiger Unterschied zu all denen, die hinfliegen, zum Akkreditierungscenter laufen und außer in der Halle oder im Euroclub sich um nichts dort gekümmert haben. Könnte sein, dass jene sich für Aserbaidschan eben nicht so besonders interessieren. Anders als diese beiden Damen.

Wir wünschen ihnen viel Abenteuer, keinen Achsenbruch und viele Geschichten, von denen wir am liebsten schon am 23. Mai erfahren würden. Dann nämlich lesen und musizieren sie in Baku, ebenfalls auf Einladung einer dem Goethe-Institut nahestehenden Organisation. Dass sie ESC-Lieder vortragen werden, haben sie versprochen. Ihnen und allen, die nicht auf das Schnellste zum Ziel kommen werden, viel Glück!

Coole Stadt, kühle Stadt?

13. Mai 2012

Die letzten Entscheidungen werden getroffen: An was muss gedacht werden, ehe man abfliegt gen Baku? Hat man nicht doch was vergessen? Darf man kurze Hosen mitnehmen (werden eher ungern gesehen in diesem Land, das man nicht einmal sieht, wenn die Wetterkarte mit “Europa” eingeblendet wird)?! Was ist verboten mitzunehmen (nichts, so sagt es der Prospekt), was ausdrücklich erlaubt (ebenso nichts)?!

Erste Anrufe aus Baku am Mittag. Zwei Stunden später als geplant fängt der Probenkanon an – und die Schweiz ist gut, fast wie “A Friend in London“, höre ich; der albanische Schmerzenshymnus tatsächlich schmerzlich, allein stimmlich; Island, voll kostümiert, wirkt perfekt – zu perfekt; und Montenegro, sagt mir ein anderer Freund, ist ganz prima und wie immer unterschätzt.

In Baku selbst scheint es staubig zu sein, so berichtet mir eine Freundin via SMS, außerdem rieche es seltsam – ein wenig wie im Parkhaus. Nicht direkt nach Öl und Diesel, aber eben so, wie es eben auch schmeckt, wenn man durch eine leichte Wolke von Auspuffausdünstungen gegangen ist. Sonst? Alle, buchstäblich alle, die ich heute so hörte, loben diese ESC-Stadt, als hätten sie nicht wirklich erwartet: Ist ja cool, sagt die eine, tolle Uferpromenade, aber man brauche ‘was gegen die Sonne, es sei nicht nur Frühling dort nahe des Iran. Etwas kühl findet ein Freund aus Malta die Atmosphäre – meine per E-Mail übermittelte Frage, ob er denn mehr erwarte, da doch alles erst begonnen habe, beantwortete er mit der Bemerkung, in Düsseldorf habe er sich gleich von eurovisionärer Stimmung umgeben gefühlt.

Nun ja, das möchte man beschämt nicht kommentieren: Maltesische Freunde sind gern sehr anspruchsvoll – immerhin bestätigt er das, was auch in anderen Foren geäußert wird – Visumsfragen sind keine. Man kommt am Flughafen problemlos durch alle Schleusen, werde nett behandelt und bekomme nie das Gefühl, eigentlich nur halb erwünscht zu sein.

In der Heimat, wo sich die meisten, die sich auf den Weg nach Baku machen, noch befinden, geht es zur Frage der Menschenrechte in Aserbaidschan weiter. Volker Beck, menschenrechtspolitischer Sprecher der Bündnisgrünen im Bundestag, forderte am Freitag auf einer Veranstaltung von Amnesty International in Köln, Länder, die den ESC gewinnen und ihn im Jahr darauf ausrichten möchten, müssten sich einem Monitoring unterziehen, ob sie den Standards von Meinungsfreiheit und überhaupt den allgemeinen Menschenrechten genügen. Davon abgesehen, dass eine solche Bestimmung erst 2014 wirksam werden könnte, weil alle TV-Sender, die in Baku teilnehmen, die traditionell gültigen Verträge bereits unterschrieben haben, finde ich diesen Vorschlag misslich: Besser ist doch, dass ein Land wie Aserbaidschan die Lizenz zum ESC-Festival erhält – und man bis zum Finale alle Probleme und Missstände prima erörtern kann. Das nützt den Diskutierenden – und den Anliegen der Menschenrechte in Ländern wie Aserbaidschan eben selbst.

P.S.: Täuscht mich der Eindruck oder ist es nicht so, dass von nun an alle vor allem Glamour und Entertainment in den Berichten erwarten – und sehr viele jetzt beginnen zu fiebern, ob Roman Lob gut performen wird oder nicht?

Es darf jetzt losgehen!

9. Mai 2012

Kürzlich chattete ich mit einem Freund aus einem Vorort von Baku, dortselbst als Menschenrechtsbeobachter unterwegs. Er schrieb mir, nach ausführlichen Erörterungen der Feinstaubbelastungen in seiner wie meiner Stadt, nun ginge er an die Promenade zum Kaspischen Meer, ein wenig spazieren. Und was soll ich sagen? Als ich ihm beichtete, auf sein Flanieren am Abend eine Spur neidisch zu sein, erwiderte er: Das sollst du auch – es ist nämlich sehr warm hier, wir haben fast Sommer, und überall genießen die Menschen das gute Wetter.

Außerdem freuen sich jetzt alle auf Euch! Auf die Gäste, die entweder schon in Aserbaidschan weilen oder ab Sonntag in Rudeln sich um den ESC kümmern. Ja, sagt Jurij, der Freund, der von seinem Onkel aus Moskau in Kinderzeiten eine Kassettenaufnahme von “La det swinge” von den Bobbysocks geschenkt bekam und daraufhin viele Jahre davon träumte, nach Norwegen auszuwandern, ja, sagte dieser Mann, jetzt geht es um Musik – und was die Staatsmacht mit uns und mit euch macht, das werden wir sehen!

Ich pflichtete ihm zunächst nur pflichtschuldigst bei. In Wahrheit ist ihm von Herzen zuzustimmen: Ja, wir werden Menschenrechtsangelegenheiten in Aserbaidschan, ja, in der ganzen Welt heftig im Auge behalten, wir werden niemals uns die Sensibilität abmarkten lassen, denn nie wieder soll auf ESC-Boden Gift und Gülle gedeihen wie einst 1969 in Madrid. Aber, da stimme ich Jurij und seinen Freunden zu, jetzt freuen wir uns auf den Trip in die Peripherie der eurovisionären Einflusszone und auf zwei Wochen Proben und Partys, Empfänge und Ausflüge. Dann kommen zwei Halbfinals und ein Finale – und dazwischen jede Menge Mutmaßung und mehr oder weniger hastige Spekulation.

Okay, die politisch beinah Übersensibilisierten werden ihre Kameras und Mikrophone zu Veranstaltungen wie “Sing for Democracy” schleppen und von dort berichten, wobei bis jetzt nicht einmal genau feststeht, ob und wo und wann genau dieses alternative Event stattfinden wird. Und bitte nicht vergessen: 1976, als in Stockholm ein alternatives Songfestival gegeben wurde und Schweden am ESC nicht teilnahm, da belief sich die Aufmerksamkeit jenseits von Schweden auf gegen null. Aber es werden sehr schöne zwei Wochen – und Baku wird sich noch wundern, wie bunt es ohnehin ist und noch bunter durch sehr viele Menschen aus knapp vier Dutzend Länder wird.

Das politisch Angemessene teilt in einem Interview auf Spiegel Online nun Ingrid Deltenre mit, ihres Zeichens Chefin der European Broadcasting Union, der Organisation, die gewöhnlich Eurovision genannt wird.  Zusammengefasst lässt sich sagen: Die oberste EBU-Kollegin weist ziemlich souverän darauf hin, dass der ESC zu integrieren hat, nicht auszugrenzen. Und wer politisch und historisch sich ein wenig auskennt und sich nicht von Medienhypes blenden lässt, weiß, wie erfolgreich dieses Konzept immer war und noch ist.

Fraglich ist nur, ob ein ESC wirklich auch in Weißrussland ausgerichtet werden sollte. Madame Deltenre bejaht – und Thomas Schreiber, Chef des deutschen ESC, meinte ja in einem Interview, er würde im Falle eines ESC-Sieges von Weißrussland der ARD empfehlen, an diesem Event nicht teilzunehmen. Nun, die Diskussionen gehen weiter, ich schätze aber, dass das Lied der Jungs aus Minsk ohnehin punktarm laut verplätschert.

Alles in allem: Wenn das Finale die Bescherung ist und wir auf sie warten, dann könnte man sagen – jetzt beginnt die Adventszeit. Sonntag, am ersten Probentag, darf das erste Türchen geöffnet werden!

Kein TV total aus Baku

7. Mai 2012

Die Meldung erreichte mich heute morgen in der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung: “Stefan Raab sendet ‘TV total’ vor dem ESC nicht aus Baku” – das heißt, es wird keine vier Sonderausgaben dieser Shows geben.

Man wird mich für befangen erklären, weil ich dort mehrmals, in Oslo, in Düsseldorf, zu Gast war, aber: Das finde ich sehr schade. Das war die Expertensendung, in der Raab als Maestro alles im Griff hatte und auch seinen dauerhaften Unterschied zum anderen deutschen ESC-Popdirigenten, Ralph Siegel, glaubhaft unterstreichen konnte: Der hat echt Ahnung. Raabs Produktionsfirma Brainpool bestätigte mir später, was auch in der Meldung zu lesen war: Man habe alles versucht, um auch in Baku wieder in gewohnter Weise zu produzieren, aber es scheiterte daran, dass sich weder ein geeignetes Studio noch genügend qualifiziertes lokales Personal für die Fernsehsendung finden ließ. Nun wird Stefan Raab die Baku-Woche von Roman Lob und seinem musikalischen Mentor Thomas D vom Kölner TVtotal-Studio aus kommentieren.

Am bedauerlichsten ist jedoch, dass Raab offenbar selbst nicht in Baku zugegen sein wird – Thomas D wird die Proben von Roman Lob begleiten, er wird die Details der Performance im Viewing Room unter die Lupe nehmen: Raab, leider, werden wir in Aserbaidschan vermissen.

Man könnte jetzt sagen, Raab habe doch ohnehin vorgehabt, den ESC ganz aus der Verantwortung zu geben: Aber TV total war sozusagen seine kleine Notluke, aus deren Fenster heraus er noch am Geschehen teilhaben würde. Ich möchte hoffen, dass er wenigstens zum Finale den Sechsstundenflug in den Kaukasus auf sich nehmen wird.

Favoriten mit Fallhöhe

4. Mai 2012

Wer mich ein wenig persönlich kennt, weiß, wie sehr ich schwedische ESC-Beiträge immer in Schutz genommen habe. Okay, manchmal war das nicht so leicht, etwa bei den Herrey’s oder auch bei Charlotte Perrelli mit ihrem “Hero”. Aber: Tommy Körberg, Tommy Nilsson, die Danielsson oder Edin Adahl, von Carola zu schweigen – immer fand ich den Schwung gut oder die Melancholie nahe gehend. Was mir aber immer auf die Nerven ging – im Wortlaut: immer und immer und immer – war die Großkotzigkeit von schwedischen ESC-Funktionären und Medienvertretern.

Carola beim ESC 2006 in Athen. Foto: Rolf Klatt/NDR

Carola beim ESC 2006 in Athen. Foto: Rolf Klatt/NDR

Man muss dazu wissen, dass im Land der Königin Silvia, die durch einen schönen Hostessenjob bei den Olympischen Spielen in München zu ihrer monarchischen Berufung gelangte, sich alle Zeitungen den Vorentscheidungen und dem ESC mit vielen Texten und extrem vielen Bildern widmen. Schweden, das lernte ich dort im Lande selbst, versteht nicht, dass nicht alle Welt seine Songs gut findet. Ist ein Lied schließlich mal beim ESC unter ferner sangen nach Hause geschickt worden, waren immer die anderen Schuld. Die Künstler (besoffen, krächzend bei Stimme), die anderen Länder (verstehen nix von Musik) oder das Orchester (kann nicht spielen). Seit ich selbst zum ESC fahre, musste ich diese Erfahrungen machen: Grölender, leicht selbstbesoffener Jubel, wenn man es schaffte (Carola, Charlotte) oder bittere Giftigkeit, wenn es mal nicht zum Sieg reichte.

Ein besonderes Exemplar dieser schwedischen Hochfahrenheit ist Christer Björkman, der 1992 für ein wirklich mieses Ergebnis sorgte, “I morgon är en annan dag” war hübsch, aber dünnst gesungen – Vorletzter in Malmö. Seit etlichen Jahren ist er für den ESC zuständig, sitzt in der Reference Group des ESC (der entscheidenden Lenkungsgruppe) und glaubt mit wahnhaft anmutenden Zügen, Schweden müsse ein Missionar in Sachen Eurovision sein. Und er moderiert die TV-Sendungen, in denen die Liederaus allen Ländern vorab im schwedischen Fernsehen vorgestellt werden.

Mein Freund Ida aus Kopenhagen schrieb mir nach Studium dieser Sendung, hier auszugsweise zitiert: “Die sind so UNVERSCHÄMT! Andere Länder werden Großteils total abgekanzelt – aber bei der Bewertung des eigenen Beitrages erhält dieser natürlich durchgehend die Höchstwertung! Christer Björkman wirkt so ( …, Kürzung durch mich) selbstgerecht und bringt sogar in der Sendung an, er sei mit in dem Gremium, welches die Titeländerung von Siegels Beitrag angeordnet habe! Die Schweden gehen davon aus, dass sie dieses Jahr gewinnen. Alle anderen Beiträge sind unwichtig! Da ist SO wenig Respekt vor renomierten Künstlern aus anderen Ländern! Ganz ehrlich: Für diese Arroganz gebührt Schweden der 2. Platz beim ESC – damit sie grindig zusehen können, wie ein anderes Land den Sieg davonträgt und mal von ihrem hohen Ross herunterkommen! Schlimm!”

Dass der schwedische Sender SVT die neue Fußball-Event-Arena bei Stockholm schon für das nächste Jahr als Option gemietet hat für Ende Mai: vielleicht nur ein Gerücht. Aber mit der Überzeugung, dass Loreen gewinnt, steht Björkman nicht allein. Fans und Wettbüros bekunden das Gleiche.

Nur, um jetzt ein wenig zur Abkühlung beizutragen: Die Liste der über all die Jahrzehnte geweissagten Favoriten und vorab erklärten Triumphe ist länger als die der Sieger selbst. Nennen wir einfach knapp zwei Dutzend Namen: Cliff Richard (zweifach, 1968 und 1973), Lynsey de Paul & Mike Moran, Tommy Nilsson, Amaury Vassili, Kati Wolf, Charlotte Perrelli, Mary Hopkin, Conny Froboess, Udo Jürgens (1964), Gigliola Cinquetti und Olivia Newton-John (beide 1974), Joy Fleming, Natasha Saint-Pier, Alsou und Ines (2000), Friends (2001), Julio Iglesias (1970), Sonia (1993) oder Maxi & Chris Garden (allerdings nur bei deutschen Fans).

Und die unerwarteten Sieger? Nur ein halbes Dutzend, Acts, mit denen niemand rechnete: Lordi, Olsen Brothers, Dana, Massiel, Marie Myriam und Ell & Nikki.

Loreen aus Schweden steckt, so vermute ich, vor der Aufgabe ihres Lebens: Sie vertritt nicht nur ihr Land – das teilt sie mit 41 anderen Acts; sie muss aber auch gegen das Gebirge an Erwartungen und schönrednerischen Einflüsterungen ansingen. Kann sie aber, und das umreißt ihre Fallhöhe, dann noch über einen zweiten Rang glücklich sein?

Ich fürchte: nein, das würde ihr nicht erlaubt werden.

Aserbaidschans Botschaft wehrt sich

2. Mai 2012

Das ist eine mehr als erstaunliche Nachricht: Dass sich eine Botschaft eines den ESC ausrichtenden Landes mit einer eigenen Presseerklärung zu Wort meldet. Das hat nämlich die in Berlin ansässige diplomatische Vertretung des kaukasischen Staates getan. In dieser Meldung beschwert man sich über eine in “einigen Kreisen in Deutschland gegen Aserbaidschan geführte Kampagne” in Sachen Menschenrechte.

Namentlich erwähnt werden die ARD und der “Spiegel”. Die ARD berichtete in Magazinen wie “titel thesen temperamente” kritisch über Aserbaidschan, auch eurovision.de hat immer wieder die Entwicklungen in Baku begleitet. Mehrmals schrieb der “Spiegel” über Zwangsräumungen und politische Konflikte im ESC-Gastgeberland 2012.  Ja, es ist sogar von einer “systematischen” Kampagne die Rede – und dieses krasse Wort signalisiert mir: In aserbaidschanischen Regierungskreisen liegen die Nerven wenige Tage vor den ersten Proben zum ESC sehr blank.

Denn es kann doch keine Rede von “Verleumdungen” und “Täuschungen” sein, wenn man als Teil der Öffentlichkeit die miese Menschenrechtslage in Baku offen erörtert. Das ist auch deshalb wichtig gewesen, weil sich an der politischen Lage in diesem Land am Kaspischen Meer wenig zum Besseren gewandelt habe, wie neulich erst Organisationen wie Human Rights Watch und Reporter ohne Grenzen in Berlin bilanzierten.

Ich finde, das beste Mittel für ein diplomatisches Korps wie das aserbaidschanische, um für das eigene Land zu werben, wäre nicht das Schreiben von beleidigten oder verschnupften Presseerklärungen, weil man sich womöglich ertappt fühlt, sondern die perfekte Organisation des ESC. Und dazu gehört nicht allein der Bau einer Halle sowie die Schaffung eines Shuttle Services zwischen den Hotels und der Arena, sondern ein gesellschaftliches Klima des Willkommens. Das heißt auch der vollständige Verzicht auf irgendwelche polizeilichen und milizionären Überwachungsmaßnahmen von ESC-Touristen oder -Delegierten. Baku sollen sie genießen können und die Sicherheitsbehörden sollen sie nicht wie betreuungsbedürftige Gäste behandeln.

Die polizeiliche Verfolgung von Demonstrationen – wie in den vergangenen Wochen zweifach geschehen – beschädigt das Image Aserbaidschans, und nicht die Berichte darüber. Im Übrigen hat auch Thomas D recht. Der bekundete nun nämlich, man solle den ESC politisch nicht überfrachten. Man könne nicht aus einer luxuriösen Position in Mitteleuropa definieren, was politisch okay ist und was nicht. Wer kein T-Shirt auf der Bühne trägt, auf dem politisch für Aserbaidschan missliebige Inhalte notiert stehen, ist kein schlechter Mensch, soll das wohl heißen. Und dem stimme ich zu: Thomas D wird die Spielräume seiner politischen Wachheit nutzen – mit Krawallvorschlägen von außen wird aber nichts besser.

Das Gespür der Fanclubs

20. April 2012

Aus verschiedenen Quellen kommen jetzt Einschätzungen des möglichen Ergebnisses von Baku: Freundeszirkel haben Spaß beim Gucken der Previews, auch eher private, eher nicht als Verein organisierte Runden tippen und nähern sich dem Verlauf des diesjährigen ESC an. Aber haben sie alle Recht? Die ESC-Fanclubs, organisiert unter dem Vierbuchstabenkürzel OGAE (“Organisation Générale des Amateurs de l’Eurovision”), taten und tun sich zusammen und wählen (Einen Überblick über die bisherigen Votings bietet z.B. die Seite esctoday.com).

Die ersten vier Clubs haben abgestimmt. Wir erfahren: Schweden liegt vorne, gefolgt von Island, Spanien, Zypern und Serbien. Roman Lob hat bislang keinen einzigen Punkt erhalten, lediglich beim französischen Flügel dieser OGAE hätte es fast wenigstens zu einem einzigen Zähler gereicht. Mit anderen Worten: Wie auch in vielen anderen Foren liegt Loreen beinah haushoch vorne.

Das ändert aber nichts an meiner zweifelnden Frage: Können diese mit Lust angestellten Prognosen Anspruch auf Realitätstauglichkeit haben? Ist es nicht vielmehr so, dass die meisten Fans, ehe sie ihre Wertungen abgeben, die Lieder schon dutzende Male gehört haben – womit sie sich von 98 Prozent aller Zuschauer am 26. Mai selbst unterscheiden. Die entscheiden nämlich aus dem Ärmel heraus, spontan und ohne fanwissenschaftlichen Hintergrund.

Insofern glaube ich: Schweden soll sich bloß nicht in vorauseilenden Siegestaumeleien ergehen. Die Dreikronenmenschen beim ESC neigen, meiner Erfahrung nach, stets vor dem Festival zu mehr oder minder krasser Selbstüberschätzung. Und wenn sie so heftig trommeln für ihren Act, färbt das auf die Fans über Schweden hinaus ab.

Ein Blick auf die OGAE-Resultate der vergangenen Jahre nämlich besagt – für das echte Ergebnis gar nichts. 2007 lag man richtig mit Marija Serifovic, aber gleich dahinter votete man für die Schweiz, die es nicht einmal ins Finale schaffte. Die Schar der gusseisernen ESC-Fans ließ sich von DJ Bobos Vorabprominenz blenden. 2008 müssen die Fans vom Ergebnis enttäuscht gewesen sein: Charlotte Perrelli, Mahnmal der Schönheitsindustrie, Exsiegerin von 1999, wurde als Siegerin geweissagt, landete aber im Finale sehr weit hinten, ja, in dieses kam sie sogar nur durch Juryentscheid hinein. 2009 war alles klar: Alexander Rybak war so eindeutig und alle überwältigend, dass keine Kaffeesatzleserei schief gehen konnte – aber auch im Jahr von Moskau hatten die Fan-Votings so ihre Irrtümer fabriziert. Schwedens Malena Ernman wurde als Dritte gesehen, tatsächlich belegte sie den 21. Rang.

Mit Dänemarks Chanée & N’evergreen lag der OGAE 2010 nicht so ganz falsch – man wertete sie vorab zwar als Siegende, gleichwohl wurden sie immerhin Vierte. Israel, getippt auf den zweiten Platz, belegte nur den 14. Rang, aber die Siegerin Lena fand sich beim Voting der Fans auf dem dritten Rang.

Und voriges Jahr? Ungarns Kati Wolf und Frankreichs Amaury Vassili sollten laut Fanvorhersage die Siegenden sein – und als Düsseldorfs ESC eben gerade Geschichte war, fanden sie sich, aufgeputscht durch die Fans, auf den Plätzen 22. bzw. 15 wieder. Aserbaidschan hingegen war den Fans ein mittleren Plätzchen wert.

Für mich das schlagendste Beispiel für die Lust am Untergang in Sachen Fanexpertenvoting ist übrigens das Jahr 2000. Zwei dänische mittelalte Säcke, gut gelaunt, nicht besonders ehrgeizig wirkend – kamen, sahen und siegten. In den Prognosen waren sie ins Mittelfeld gewertet worden.

Was das für Roman Lob heißt? Er wird prima abschneiden. Loreen wird sich noch wundern.

Streit ums Politische

16. April 2012

Es gibt Autoren, die gern zur Lektüre nehmen, was und wie über sie an Schmäh verbreitet wurde und wird. Meine Laune ist in dieser Hinsicht eher gemischter Art. Ich lasse mir gern Ahnungslosigkeit vorwerfen, wenn es um die richtige Einschätzung von ESC-Liedern geht, denn da weiß doch jeder (von uns): Wie alle Prognostiker gehen wir alle, die in der Übung der Vorhersage eines mutmaßlichen Ergebnisses trainiert sind, einem kaffeesatzleserischem Handwerk nach. Es gehörte zu meinen Glücksfällen der Vorhersagekunst, im vorigen Jahr früh ein Siegesgefühl für Aserbaidschan auch öffentlich – hier im Blog – mitgeteilt zu haben.

Die Flagge Aserbaidschans weht in Baku, wo im Mai 2012 der nächste Eurovision Song Contest stattfinden wird.

Was den Vorwurf der Ahnungslosigkeit aber ins Unverschämte treibt, sind all die Gerüchte, die man in meiner Hinsicht in Sachen Menschenrechte und Aserbaidschan verbreitet. Einige Damen und Herren sagen, der ESC müsse boykottiert werden – und dass ich sie dafür kritisiere, weil die Menschenrechtsgruppen selbst an einem Festival in Baku interessiert sind. Allermeist sind diese Kritiker gutherzig im Grunde, aber vom Verlauf politischer Entwicklung sind sie weder historisch noch politologisch irgendwie beleckt. Macht ihnen das was? Nein, natürlich nicht! Sie wissen, dass besonders radikale Forderungen und grell klingende Befunde (“Baku darf nicht ESC-Ort sein!”, “ESC – ein schwules Tingeltangel, das sich von Diktatoren benutzen lässt” oder “Homo-Pop-Olympia im Schatten der aserbaidschanischen Folterknechte”) beim deutschen Publikum den eigenen moralischen Dispositionskredit in höchste Höhen zu schrauben weiß. Obendrein ist es auch noch so: In Moskau, als es wirklich darum ging, eine Christopher-Street-Parade zu schützen, waren diese Kritiker nicht – sie werfen sich ohnehin nie ins Getümmel, wo es was aufs Maul geben könnte.

Einen aber muss man von dieser Kritik ausnehmen: Das ist Volker Beck, der, gern mit der von mir überaus gemochten und geschätzten Claudia Roth, in ferne Länder fährt, um CSDs zu schützen. Allein: Dieses Jahr, was Baku anbetrifft, hat er einen Konkurrenten, der sich noch lauter in Menschenrechtsfragen stark macht. Das ist ein FDP-Mann, also einen, den ein Grüner schon prinzipiell nicht mag, und er heißt Markus Löning. Er hat auf vielfältige Art die politische Lage in Aserbaidschan zum Gegenstand öffentlicher Äußerungen gemacht – und das hat mich sehr gefreut.

Er ist Beauftragter für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe der Bundesregierung, aber hätte das nicht tun müssen. Er tat es trotzdem, was er jedoch unterließ, und auch das finde ich klug, ist, einen Boykott des ESC in Baku zu fordern oder gar, dass die ARD einvernommen werden muss, weil sie nicht genügend Hintergrundpolitisches aus dem Kaukasus, aus Aserbaidschan liefert.

Ich wiederhole mich, und ich weiß mittlerweile, dass man das offenbar nicht tun darf: Die ARD, Fernsehen wie Radio und auch das Internet, eurovision.de wie tagesschau.de, bringt so viel Material zum ESC außerhalb des direkten Entertainments, dass es einen freuen kann. Es dürfte mehr sein, ja. Aber muss man ernsthaft erwarten, dass Peter Urban sich in eine Art Tom Buhrow verwandelt – so von wegen: Ich sitze hier, gleich kommt Aserbaidschan, aber alles ist politisch so trist hier? Geht’s nicht noch alberner? Oder unpolitischer? Oder selbstgerechter?

Aber so geht’s: Dienstag findet in Berlin eine Pressekonferenz von Reporter ohne Grenzen zusammen mit Human Rights Watch statt; Markus Löning will auch dabei sein. Wir werden dann in diesem Blog wieder mehr über Baku erfahren, die Lage und die Perspektiven. Also: Das Nötige! Was ich übrigens direkt aus Baku höre, ist folgender Satz: Wir dachten voriges Jahr nicht, dass ihr in Deutschland so ausführlich über unsere Anliegen berichten werdet. Ich nenne das: Entspannungspolitik!

Alles live – alles gut?

13. April 2012

Das Resultat der Fernseh-Planungen für die Übertragung des Eurovision Song Contest 2012 sieht so aus: Das ESC-Finale aus Baku wird – wie alle ESCs in den vergangenen Jahren seit 1997 – um 21 Uhr in der ARD übertragen. Davor, nach der “Tagesschau”, gibt es einen “Countdown für Baku”, also eine eurovisionäre Variante der beliebten Heiligabendsendung “Wir warten auf die Bescherung und bringen uns in Stimmung”. Nach dem Finale, nach deutscher Zeit etwas nach Mitternacht, gibt es noch die Grand Prix Party, die wie immer strukturiert ist wie eine Sendung der Sportschau nach dem Ereignis – man chillt sozusagen aus und hört den “Stimmen zum Spiel” zu.

Ja, und jetzt wird es für die Fans kompliziert. Das erste Halbfinale am 22. Mai, in dem Deutschland nicht stimmberechtigt ist, wird zwar live übertragen – und als Konserve nach Mitternacht im NDR-Fernsehen -, aber nicht in der ARD, sondern auf EinsFestival. Das zweite Halbfinale, bei dem Deutschland mitstimmen darf und soll, gibt es live auf Phoenix, wo gewöhnlich Parlamentsdebatten und Dokumentationen ausgestrahlt werden. Eine Wiederholung des zweiten Halbfinals gibt es ab 23 Uhr auf EinsFestival. Ich finde es prima, dass alle Shows live zu sehen sind - und noch besser, dass es den ESC in allen Varianten hier auf eurovision.de per Livestream und später als “Video On Demand” geben wird.

Aber viele Fans, die keine Lust hatten oder keine Zeit, nach Baku direkt zu reisen, werden meckern: Weshalb überträgt die ARD nicht auch die Semifinals auf ihrem Mutterkanal – also dort, wo die erste Reihe ist? Wäre es nicht, so höre ich, ein Zeichen europäischer Gewogenheit und programmplanerischer Setzung, das übliche Programmschema in der ARD außer Kraft zu setzen und diese Shows dort zu platzieren? Ja, das wäre schön. Fände ich auch.

Allein, die Erfahrung mit dem ersten Halbfinale hat voriges Jahr ProSieben gemacht, die ARD ebenso, und zwar einerlei, ob deutsches Voting gefragt war oder nicht: Die Einschaltquoten tendierten jeweils zu geringen Werten nahe der Unmessbarkeit - nur Unverzagte und an Exotika Interessierte schauten zu. Die Lehre war: Das ESC-Finale macht Monsterquote für die ARD, die Halbfinals, an denen Deutschland niemanden auf die Bühne schickt, jedoch nicht. Eine sehr geringe Zuschauermenge jedoch, so heißt es seitens der Programmplaner, führt dazu, dass auch die folgenden Sendungen eher geringeres Interesse wecken. Na, wer will das schon?

Nebenbei: Das erklärt auch, warum die Wertungen in allen Ländern so verschieden ausfallen, je nachdem ob sie am Finale aktiv beteiligt sind oder nicht. In jenen Ländern, für die im Halbfinale Endstation war, ist die Zuschauermenge beim Finale extraniedrig – vor den Bildschirmen sind, etwa in Belgien, den Niederlanden, Irland oder der Schweiz, nur noch jene Menschen versammelt, die man als Migranten bezeichnet. Und die gucken zu, wenn eines ihrer Heimatländer beim Finale mitmacht. Belgien etwa stimmt, wenn nicht im Finale, ziemlich exakt nach den Mengen der verschiedenen Einwanderergruppen ab – in Deutschland wäre das die Türkei, gefolgt von irgendeinem postjugoslawischem oder postsowjetischen Land. Die stärkste Einwanderergruppe in Belgien ist die türkische und dann kommen auch dort diverse postjugoslawische Gruppen.

Insofern ist alles verständlich. Ich finde es überhaupt gut, dass auch jenseits des Internet die Shows live übertragen werden. Falls einer nur Zimmerantenne hat – gibt es solche Menschen noch? -, aber einen Netzanschluss, ist die Wahl ohnehin einfach. Der Rest: Mit DVBT ist Phoenix und zu empfangen, digital und per Kabelkanal Eins Festival - und Phoenix sowieso. Und vom ersten Halbfinale gibt es ja auch noch die Wiederholung im NDR.

Der Vorteil des Internets via eurovision.de ist natürlich: Da können alle Fans mitkommentieren – das nennt sich dann Chat und Twitter und Facebook. Meines Erachtens ist das demokratisches Fernsehen.

Werden die Ersten die Letzten sein?

10. April 2012

Man hat ja immer sein Tun, pflegte meine Oma zu sagen und nahm ihr Häkelzeug in die Hand. So war es bei ihr Ostern – unsereins hat in der Karwoche Post von Freunden und Bekannten erhalten. Mit dabei: eine DVD mit den Preview-Clips aller 41 42 Lieder von Baku. Manches war von den technisch versierten Freunden nachgebessert worden – der Ton etwa von Mono in Stereo transponiert, außerdem die sanmarinesische Geschichte ergänzt, weil die auf der ursprünglichen DVD nicht enthalten war, ebenso das israelische Lied, das bei vielen der digitalen Vorlagen fehlte. Außerdem waren alle 41 42 Acts in die richtige Reihenfolge gebracht, das heißt in jene, die nach der Auslosung der Halbfinals feststand – und darüber hinaus die fünf Beiträge der Big Five sowie der Versuch Aserbaidschans, nicht schon wieder zu gewinnen.

Warum die Mühe, mögen Unkundige jetzt fragen. Alle Kenner oder Halbkenner verweisen sofort auf das Jahr von Düsseldorf: Da hatte der Finne Paradise Oskar im Halbfinale sich faktisch in die Rolle des Mitfavoriten gewimmert,  aber weil er nach seiner ersten Show die Startnummer 1 für das Finale zog, kam, was kommen musste. Er bekam so wenig Punkte, dass sich einmal mehr bewahrheitete, dass sich ein Lied in seinem Umfeld bewähren muss.

Aber zurück zu meiner Post aus dem eurovisionären Europa und den darin kolportierten Meinungen: Einen Brief möchte ich, in originaler Schreibweise, zitierten: “also im ersten semi werden die omas aus russland so was von abräumen. ich finde das lied ja nicht besonders gut, aber es kommt im ablauf der lieder genau zur richtigen zeit. der vortrag wird aus dem einerleid der restlichen beiträge rausragen! das reißt einen mit, ob man will oder nicht…” Soviel zum ersten Halbfinale – und ich schließe mich dieser Auffassung an: Die Babuschkas kriegen schon deshalb Punkte, weil man gegen die eigene Oma ja auch nie aufmüpfig wird. “Alt und grau kannst du werden, aber nicht frech”, pflegte meine eigene Großmutter immer zu sagen.

Womit wir zum zweiten Halbfinale und seinem Liederfluss kommen. Freund Marcel aus Örlikon kommentiert das so, abermals in mailüblicher Kleinschrift: “im 2. semi geht’s von einer belanglosigkeit zur nächsten. ich habe bei den meisten titeln das ‘schon 100 mal gehört’-gefühl. der gute zeljko aus serbien wird natürlich von allen nachbarländern 12 punkte abkriegen, aber mal ehrlich, klingt doch wie die drei bisherigen beiträge von ihm, oder? mit den ‘favoriten’ aus schweden und norwegen kann ich mich schlecht anfreunden. beide songs überproduziertes einerlei, aber die elsen drehen durch wenn sie’s hören und prophezeien schweden einen sieg in rybak-ausmaßen. mein favorit ist hier estland … und dann habe ich ja eine schwäche für fado aus portugal. chancenlos auf den sieg aber wunderschön.”

Ein Befund, den ich ebenfalls unterschreibe: Portugal will schon wieder nicht gewinnen, Schweden wahrscheinlich allzu sehr. Schließlich sein fundiertes Urteil über die bereits feststehenden Finalisten: “finde, die haben das beste material dieses jahr. die italienerin muss unbedingt darauf verzichten englisch zu singen, sonst verkackt die das … habe einige titel ja schon vorher gehört, andere zum ersten mal auf dieser dvd. wenn wir davon ausgehen, dass der großteil der leute am finalabend die songs zum ersten mal hört, dann kann es meiner meinung nach nur einen sieger geben: engelbert! so was von geil das lied!”

Wobei ich deutlich sagen möchte: Freund Marcel – wie auch Sergej aus Lemberg, Kenneth aus Perstorp und Mary von Guernsey – wissen um die Fragwürdigkeit einer Flow-Analyse (der Fluss der Klänge in diesem Fall) des Finales. Dass vor Engelbert niemand performt, ist klar. Aber angenommen, Roman Lob bekommt nach seiner Vorstellung Russland zugelost: Wäre es dann nicht um seinen Beifall geschehen, weil alle Welt ohnehin sich auf die Großmütter freut? Aber alles in allem ist die ESC-Fan-Welt nur in einer Hinsicht gespalten: Schweden finden die einen das Tollste seit Ewigkeiten, die anderen lässt Loreen kalt. Ich schätze, hier muss abgewartet werden.