Mutige Moskauer!

6. Mai 2009

Das muss mit dem Tapferkeitsorden prämiert werden: Die Moskauer Homosexuellen trauen sich etwas, woran aus Gründen des Hasses, dem sie sich nicht aussetzen wollten, die Belgrader Lesben und Schwulen nicht einmal zu denken wagten. Sie veranstalten einen CSD! Nicht irgendeinen, nicht irgendwann – sondern am Tag des ESC-Finales am 16. Mai. Das verdient deshalb Würdigung, weil die Moskauer Stadtverwaltung bis heute Stunde um Stunde damit droht, eine solche Demonstration nicht zuzulassen. Schwule dürften existieren, so argumentieren die Stadtoberen, aber sie seien krank, dürften sich nicht zeigen, schlimm genug, wenn sie überhaupt miteinander ins Benehmen kommen – jedenfalls dürfe das öffentlich nicht stattfinden.

CSD. Foto: dpa / picture-alliance

Und was tun die Organisatoren? Lassen sich nicht einschüchtern. Machen es trotzdem. Denken sich: Moskau will in Europa unbedingt als tolerant wahrgenommen werden, will mit viel Geld einen ESC der Luxusklasse organisieren – und kann nicht riskieren, dass die angeblich aufregendste Metropole der östlichen Welt mit Polizeigewalt, mit Tränengas, mit Knüppeln und mit dem aufgehetzten Mob im Hintergrund gegen den CSD vorgeht. “Das wagen die sich nicht!”, hat mir heute vormittag noch Kurt Krickler von der Homosexuellen Initiative Wien erzählt. Er ist seit 30 Jahren einer der wichtigsten Kundschafter aus dem Europa ohne Eisernen Vorhang, ein Mann, der Russland kennt – Moskau sowieso und die Verhältnisse ganz präzise.

Krickler sagt: “Dieser CSD ist der wichtigste seit den Stonewall-Unruhen 1969 in New York. Es ist wichtig, ihn nicht zu ignorieren, weil die russischen Homosexuellen die Unterstützung dringend nötig haben”. Präsident Medwedjew soll, so heißt es ebenfalls aus meinen Quellen, intern formuliert haben, dass man nichts unternehmen werde. Er will sich als Mann des politischen Frühlings weltweit zeigen. Ich finde das alles gut und prächtig – und alles vor allem im Einklang mit den Regeln der UNO, der Menschenrechts-Charta, den Gedanken der Europäischen Räte, welche auch Russland mit unterzeichnet haben.

Und wer aus Deutschland meint, ein Fan des ESC sei unpolitisch, der signalisiert nur, in den Siebzigern zu Schlagerzeiten eingefroren zu sein. Ich finde, in Moskau geht es hauptsächlich um die Krone der europäischen Popmusik. Norwegen ist nach wie vor Favorit. Mein politischer Favorit ist aber das Komitee, das sich diesen CSD vorzubereiten traut – und das darf auf Solidarität hoffen. Oder?

P.S.: Und es ist ja nicht so, dass die Moskauer CSD-Organisatoren nicht wüssten, dass sie am 16. Mai in ihrer Stadt 4.000 Männer und Frauen aus 45 Ländern zu Gast haben, welche zunächst Musik, dann vielleicht Politik machen. Deshalb ist doch dieser Termin gewählt worden. Wichtiger aber noch ist, so wurde mir mitgeteilt: Die Deutsche Bundesregierung hat auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke unter dem Titel “Menschenrechte für Lesben und Schwule während des Eurovision Song Contest in Moskau” geantwortet.

Und zwar: “Die Bundesregierung beobachtet die Situation der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit in Russland mit Sorge. (…) Die Bundesregierung hebt regelmäßig die Wichtigkeit der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit in Russland gegenüber der russischen Regierung hervor. Dies schließt Versammlungen und Demonstrationen von Lesben und Schwulen ein.” Schließlich der wichtigste Satz: “Das Auswärtige Amt steht auch in Kontakt mit russischen Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Belange von Lesben und Schwulen in Russland einsetzen, wie z.B. die Organisation “Projekt Gay Russia” (Veranstalter der “Gay Pride” in Moskau).”

Ist das nicht ein Wink mit dem Zaunpfahl? So gemeint als: Schlagt nicht zu – wir gucken nämlich ganz genau hin!

Zehn Gedanken zum Grand Prix Jahr

30. Dezember 2008

Zum Jahresende wird gezündelt, Foto: Picture Alliance 

1. Eigentlich war der ESC fast wie immer: Starke Aufregungen, viele Enttäuschungen und eine geringe Menge an magischen Momenten. Sprich, ein durchwachsener Jahrgang.

2. Ein Russe namens Dima Bilan hat gewonnen. Bei seinen zwei Teilnahmen war er nicht so erfolgreich wie Johnny Logan – der schaffte auf Anhieb zwei Siege – aber besser im Rennen als Katja Ebstein. Die durfte sich auch bei der dritten Teilnahme nicht die Krone aufsetzen.

3. Russland durfte mal gewinnen. Das Vereinigte Königreich hat vom Debüt bis zum Sieg zehn Jahre benötigt, Russland derer vier mehr. Es ist nur gerecht, dass das wichtigste europäische Land zeitgenössischer Popmusik auch mal ganz vorne landet.

4. Die No Angels waren ein deutscher Act, der entfernter von Deutschlands ESC-Auftakt 1956 nicht sein konnte -  neben Freddy Quinn auch Walter Andreas Schwarz mit “Im Wartesaal zum großen Glück”. Damals eine bedeutungsaufgeladene Liedgeschichte in den Wirren Nachkriegsdeutschlands. Heutzutage eine Vierfrauenformation, die das Verschwinden der Liebe auf das Niveau einer Trivialität herunterschraubt. Welch ein Missverständnis, welch verständlicher letzter Platz.

5. Osteuropa hat einmal mehr dominiert. Ukraine, Georgien, Russland – alle früheren sowjetischen Teile lagen irgendwie vorne. Das langweilte! Und erinnerte an früher: Eine Menge Länder gehen an den Start und dann gewinnt ein französischsprachiges Lied.

6. Die Juryentscheidung ist tendenziell eine unkluge. Der Beweis? Charlotte Perrelli. Unter ihrem einstigen Familiennamen Nilsson gewann sie 1999 mit einer altmodischen, wenngleich erfrischenden Abba-Kopisten-Nummer. Nach Belgrad kam sie nur, weil in Schweden die Jurys ganz auf ihrer Seite waren, nicht die viel populärere Sanna Nielsen. Und in der serbischen Hauptstadt stolperte sie nur ins Finale, weil wiederum die Juroren mit ihr waren – frei nach dem Motto: Das, wenngleich stark geglättete, Gesicht kennen wir, also nehmen wir die. Liegt es schlicht an der grundsätzlichen Ramsch-Mentalität von Preisgerichten? Sie werden es in Moskau einleuchtender halten müssen.

7. Österreich hat niemand ernsthaft vermisst. Beleidigtheit stiftet nur Achselzucken, keine Solidarität.

8. Erstaunlich, dass die Türkei wie Griechenland meist vorne liegen – Erfahrungen im Musik-Entertainment, das sich kommerziell auf den Dancefloors des Mittelmeeres beweisen muss, sind offenbar kostbar.

9. Eurodance wie aus Island dieses Jahr lohnt sich offenbar doch. Der Song muss nur  von Männern dargeboten werden, die irgendwie essgestört-dünn aussehen. Ein beängstigender Trend?

10. Moskau wird den größten ESC aller Zeiten erleben, noch kostspieliger als der Kopenhagens 2001, als man das Parkstadion überdachen ließ und 45.000 Zuschauer vor der Bühne Platz nahmen. Ob es magische Momente geben wird, bleibt trotzdem offen. Sicher ist: Portugal soll weitermachen, wie es mit “Senhora do mar” begann – elegisch. Der Siegertitel von Moskau wird eine Ballade sein, ohne viel Lärm in Takt und Ton.

Nahe am Alptraum

26. Mai 2008

Kein einziges deutsches Medium lässt auch nur ein einziges gutes Haar am Eurovision Song Contest. Als Kritiker weiß ich: War ja auch eine leichte Übung. Gehässig zu sein ist leicht, wenn man die allgemeine Stimmung auf seiner Seite weiß. Im Einzelnen liest sich das so, stellvertretend zunächst die Bild-Zeitung, die vom “schlimmsten Desaster der deutschen Grand-Prix-Geschichte” schreibt und sich damit einmal mehr als geschichtsblindes Blatt erweist, denn was den Superlativ von “schlimm” verdient, bleibt offen. Das “schlimmste Desaster” hätte ja auch sein können, wenn die No Angels gewonnen hätten – dann wäre Joy Fleming, die die diese Zeitung ebenfalls zitiert, blamiert. Die sagte nämlich: “Bei den No Angels war vieles schlecht.” Man kann, lernen wir, schlecht sein und zugleich schlecht abschneiden. Weiter, um am Ball zu bleiben, zitiert das auflagenstärkste täglich Buntpapiermedium, Ralph Siegel, der den ESC hart kritisiert. Na und? möchte man sagen, der Mann weiß doch selbst, wie es sich anfühlt, von den Ländern und ihren Punktegaben übersehen zu werden (Lou, Corinna May, Six4One und so viele andere).

Die No Angels bei ihrem Auftritt in Belgrad. Foto: NDR, Rolf Klatt

Die Bild-Zeitung macht obendrein Konzernpolitik und wirft die Frage der Gebührengelder auf: “Sollten wir die Zahlungen einstellen, weil wir sowieso nie eine Chance haben?” Man sollte zu diesem Satz wissen, dass der Springer-Konzern, zu dem diese Zeitung zählt, seit Jahren gegen die GEZ kämpft – zugunsten eines Systems der privaten TV-Anbieter. Man darf diese Kritik also als schlecht verhüllte Ätzerei gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen zur Seite legen.

Alle anderen Medien sprechen von einem “Desaster”, von einer “Blamage” und von “Niederlage”, als ob Deutschland aus Belgrad gerade aus einem verlorenen Krieg heimkehrt. Der Sachbuchautor Wolfgang Schivelbusch hat ein schönes Buch über die “Kunst der Niederlage” geschrieben. Darin heißt es in etwa, dass es zum Leben gehört, nicht dauernd zu gewinnen. Und dass Niederlage nur dann fruchtbar sind, wenn man nicht nach Ausreden sucht, sondern die Ursachen des Nichtgewinnens analysiert. Dann werde es besser. Ivor Lyttle, Herausgeber der Euro Song News, dem englischsprachigen europäischen Fanmagazin des ESC, sagte nur, reiche Länder können sehr wohl eine Chance auf bessere Platzierungen haben, sofern sie sich mehr anstrengen.

Der NDR-Programmleiter Kultur Thomas Schreiber teilte zurecht mit, nach dem ESC sei vor dem ESC, und die Mühen Deutschland begännen jetzt, also heute, Montag. Das nenne ich professionell: Keine Ausreden, sondern besser machen. Die Ausrede, wir wissen es alle von uns selbst, ist die rhetorische Figur von Menschen, die Niederlagen im Grunde gern haben. Um zu jammern, um sich im Gefühl zu baden, mal gegen die große, weite Welt einmal mehr das Nachsehen gehabt zu haben.

Was für einen deutschen ESC-Act gut wäre, darf man an dem von vor zehn Jahren ablesen. Damals hieß de Kandidat Guildo Horn und er definierte sein Entertainment als “Kreuzzug der Liebe”, der in Birmingham auf dem siebten Platz endete. Die Süddeutsche Zeitung sah in ihm nicht den Lärm singender Hausfrauen, sondern einen Mann, der Hunger nach Erfolg hatte und ihn nicht schon längst hinter sich hatte. Der wollte – und konnte!

Wer jetzt als ESC-Freund in Sack und Asche durch die Welt geht, hat allen Grund für diesen Look. Andererseits: Hatte jemand ernsthaft damit gerechnet, dass die No Angels sehr weit vorne landen? Und wenn nein: Warum denn jetzt die Trauer? Die Medien, die am ätzendsten kommentieren, waren übrigens solche, die in Belgrad nicht dabei waren. Kritiker hinter heimatlichen Schreibtischen. Ist okay, aber: Belgrad war ein Fest, die Platzierungen sind nicht schön, aber hinzunehmen. Aber sie sind auch, nun ja, korrekt!

Ich mag den Sieger nicht, lang lebe Dima Bilan!

25. Mai 2008

1. Es war ein großartiges Finale. So viele gute Titel, so entsetzlich schwer fiel die Auswahl. Dass am Ende Russland vor der Ukraine und Griechenland gewann, muss als verdient anerkannt werden.

Dima Bilan. Foto: AP, Srdjan Ilic

2. Ich mag nicht, wenn ein Song schon deshalb eine famose Güte hat (“Believe” ist in den US-amerikanischen Timbaland-Studios abgemischt worden), weil er schwer finanziert wurde.

3. Andererseits hat Russland 14 Jahre warten müssen, ehe es, gerechnet vom Debüt 1994 in Dublin, einmal gewinnen konnte. Das Vereinigte Königreich brauchte von 1957 zehn Jahre – Sandie Shaw erlöste das Mutterland des Pop vom Eurovision-Song-Trauma, von der Furcht, schon wieder an der frankophonen Front zu scheitern.

4. Die Jurywertung, die zum Einzug von je einem Kandidaten aus dem Halbfinale ins Finale führen sollte, muss wieder abgeschafft werden. Denn im zweiten Halbfinale lag Schweden nur auf Platz zwöl, knapp hinter Bulgarien. Nur dank der Backup-Jurys konnte Charlotte Perelli den Platz ergattern, der eigentlich Mazedonien zugestanden hatte.

5. Charlotte Perelli war in den Tagen von Belgrad und erst Recht im Finale eine Mahnung gegen jedwede Schönheitsoperation. Sie lief herum wie ein Alien auf schlechten Biodrogen. Aber, wichtiger zu erwähnen ist, dass Schweden einmal mehr auf den Mehltau vertraute, der sich in Form des Abba-Sounds irgendwie über fast alle ESC-Lieder dieses Landes legt. Gute Laune ohne Grund – verdient landete die Perelli auf dem 18. Platz, und auch deshalb nur, weil sie mit den Blockstimmen Skandinaviens ausgerüstet wurde. “Empty Rooms” lag in Schweden in der Publikumswertung vorne – es war eine Entscheidung der Jurys, also der Industrie plus Experten, sie hochzuheben. Das liebste Publikumslied war eine ergreifende Ballade – sie hätte gewiss besser abgeschnitten.

6. Von osteuropäischer Dominanz kann keine Rede sein. Norwegen, Israel, Griechenland, die Türkei und Israel, alles klassische ESC-Länder, lagen in den Top Ten. Vorne lagen, ehrlich gesagt, die besten Performances, die besten Lieder und die wunderbarsten Interpreten. Das sage ich unabhängig von meinem Geschmack. Portugal wurde honoriger 13. – auch schön!

7. Die No Angels waren möglicherweise nicht hungrig genug. Sie haben, sagen Experten, ihre Zukunft hinter sich gehabt. Die taten ihr Bestes, sie waren fein auf der Bühne, aber, möglicherweise eine Frage der künstlerischen Betreuung in und vor Belgrad, am Ende nicht so berührend wie der Russe oder die Ukrainerin, die Armenierin oder die US-Griechin.

8. Niemand soll über Dominanzen meckern. Kein Lied kann gewinnen, wenn es nur die Nachbarländer zum Voting verführt.

9. Es wurde bei diesem 53. ESC-Finale ungeheuerlich viel Performatives geboten. Feuer und Eis, Wohnungseinrichtungen, Eiskunstläufer, Geiger, Wäscheleinen, die höchsten High Heels der europäischen Entertainmengeschichte, Tänzer und Tänzerinnen, die über eine aerobichafte Kondition verfügten, welche aus einem Melodienfestival eine akrobatische Show machen. Das wird in Moskau als Trend noch verstärkt werden.

10. Wer gegen Inszenierung ist, möchte eigentlich Radio hören. ESC ist aber Fernsehen – und deshalb sahen wir eine moderne Fernsehshow.

11. Der Gewinner hat ein Lied präsentiert, das konventionell gestrickt klingt, aber er hatte allerdings auch den lechzenden Charme eines Johnny Logan in petto. Lang lebe der Sieger, Dima Bilan freut sich zurecht.

12. Guckt man sich die Halbfinalergebnisse an, sieht man die Allerletzten. Ungarn und San Marino. Man erkennt an ihnen, dass das Publikum gar keinen üblen Sinn hat für das Zumutbare. Beide Songs zählen nicht dazu, da bin ich mir sicher.

13. Der skandinavische Block mit Dänemark, Island, Schweden, sowie die Schweiz, San Marino und Großbritannien und haben Russland nichts gegeben. Das gibt zu denken: Wer im Vereinigten Königreich nicht reüssiert, ist abgeschnitten von jeder echten internationalen Karriere.

14. Hätte man in Belgrad im Finale nur jene abstimmen lassen, die auch an der Endrunde teilnehmen, hätte Russland auch gewonnen, aber mit nur sieben Punkten Vorsprung vor der Ukraine (151 zu 144). Deutschland hätte ein Nullerergebnis verpasst bekommen.

15. Nach dem Eurovision Song Contest ist vor dem Eurovision Song Contest. Deutschland ist ein demokratisches Land, das aus Niederlagen lernt und keine rüden Ausreden sucht.

16. Vorschlag: Schluss mit der Retrowelle, vielen Dank an den deutschen Schlager, er möge uns erspart bleiben, wie auch alle Acts, die beim ESC um ein Gnadenbrot nachsuchen.

17. Letzte, nun private Bemerkung: Yared Dibaba ist der netteste Neuling im Grand-Prix-Wesen. Und Ahnung hat er auch. Von der Eurovision. Von dem, worauf es ankommt. Der hat nämlich auf Russland gewettet. Eben!

Und das sind die Ergebnisse, hätten nur die Länder abgestimmt, die auch an der Endrunde teilnahmen:

1. Russland 151
2. Ukraine 144
3. Norwegen 131
4. Armenien 121
5. Griechenland 116
6. Türkei 88
7. Serbien 81
8. Israel 77
9. Bosnien & Herzegowina 68
10. Aserbaidschan 59
11. Island 58
12. Georgien 48
13. Dänemark 45
14. Lettland 39
15. Portugal 33
16. Spanien 31
17. Schweden 30 (mehr Höchstwertungen)
18. Frankreich 30
19. Kroatien 29
20. Rumänien 26
21. Albanien 21
22. Finnland 21
23. Polen 4
24. Deutschland 0
24. Großbritannien 0

Resumee: Am Ergebnis an der Spitze hätte sich fast nichts geändert. Deutschland – die No Angels, Erbinnen der Gracia aus dem Jahr 2005.

Hier das Ergebnis der Finalländer von Belgrad, sofern nur die klassischen ESC-Länder abgestimmt hätten, also jene, die bis 1992 dabei waren. Danach kamen alle osteuropäischen, postsozialistischen, nachjugoslawischen Länder hinzu. Das sind 19 Länder, im geographischen Uhrzeigersinn mit Skandinavien beginnend: Finnland, Schweden, Dänemark, Norwegen, Island, Großbritannien, Irland, Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien, Niederlande, Deutschland, Schweiz, Malta, Zypern, Israel, Türkei und Griechenland.

1. Armenien 95 Punkte
2. Norwegen 83
3. Griechenland 81
4. Ukraine 76
5. Russland 75
6. Türkei 64
7. Serbien 59
8. Bosnien-Herzegowina 57
9. Portugal 47
10. Lettland 45
11. Island, Dänemark, Spanien 38
14. Rumänien, Israel 32
16. Aserbaidschan 28
17. Schweden 26
18. Frankreich 22
19. Finnland 20
20. Albanien 19
21. Georgien 15
22. Polen 14
23. Kroatien, Großbritannien 8
25. Deutschland 2

Autoren: Jan Feddersen und Christian Hirt

Mal so gesacht: Gott hatte ein Einsehen!

23. Mai 2008

Das war spannender als vorgestern das Champions-League-Finale. In der allerletzten Sekunde, im zehnten Umschlag, wurde der letzte Finalist aus dem Hut der ModeratorInnen gezaubert. Und die Halle fieberte, bibberte, selbst ich bekam einen meiner religiösen Momente, die mich immer in absoluten Gebetsbedarfzeiten befallen: Hat er, der im Himmel sei, Gott meinetwegen, ein Einsehen – ja er hat, es ist Portugal.

Vânia Fernandes. Foto: NDR, Rolf Klatt

Und so geschah es. Die Halle, die Journalisten im Pressezentrum jubelten, man verzeihe mir das krasse Wort, frenetisch. Das einzige Lied, das allen irgendwie offenbar wirklich ans Herz zu gehen schien, die Frau von Madeira, Vânia Fernandes mit ihrem meereswogenden Lied ist auch ins Finale gewählt. Super! Ich bin berührt. Wie letztes Jahr durch Marija Serifovic, wie einst Lenny Kuhr, Niamh Kavanagh. Großartig.

Und es war, anders gesagt, ein großartiges zweites Semifinale. Allgemein gesprochen: Die Frauen, Tänzerinnen wie Sängerinnen, scheinen muskulöser, akrobatischer denn je. Was mussten die sich auch bewegen! Konditionsstark. Und dann das ganze Pyrogewitter … Die Accessoires …

Wahr ist aber: Nur dass Bulgarien nicht durch kam, ist echt sehr schade. Diese originelle Nummer mit den brennenden Plattentellern hätte Belohnung verdient. Es war im Grunde hinter Portugal die beste und frischeste Nummer. Mit so einer Tonspur auf dem Ofen die Autobahn mit 190 Stundenkilometern… Ja, aber die meisten wollten wohl lieber Richtgeschwindigkeit fahren.

Leider ist die Schweiz nicht durchgekommen. Ich finde, die Eidgenossen waren mal wieder so überheizt. Zu viel Bewegung auf der Bühne, sinnlose Tänzerbewegungen und ein Sänger, der möglicherweise in Italien bekannt ist, aber durch ein schwaches Lied nun nicht berühmter werden kann. Der Fehler lag darin, dass dieses Lied aus den Tessiner Höhen zu viel wollte. Wir freuen uns auf die Schweiz im nächsten Jahr: Dann bitte mal mit abgespecktem Bühnenprogramm!

Dass Lettland (Dschinghis Khan reloaded) weiterkam, war logisch, auch Georgien und die Ukraine, tolle Chanteusen beide. Mit der Türkei sind nun verdientermaßen zwei Rocknummern im Feld. Auch Charlotte Perrelli kam erwartbar ins Finale aber auch die CSD-Ermunterungsnummer aus Island. Die Kroaten mit dem ältesten Sänger des ESC, ein frischer Graue-Panther-Tango-Rapper, kamen angenehmerweise auch weiter. Albanien, nun ja, auch die, aber die hätte man aussieben können, stattdessen mit den feinen Elektroreggaeleuten aus Sofia.

Alles in allem gerecht – alle Unerwähnten waren so, wie soll ich sagen, unterkomplex, sangestechnisch überfordert oder gar einfach mies.

Jetzt kommen wir zu den politischen Fakten. Die Verschwörungstheorien sind alle hinfällig. Im Finale sind 13 EU- und zwölf Nicht-EU-Länder. Zwölf Lieder zählen zu den ESC-Classic-Ländern, 13 kommen aus dem Gebiet, das früher zum Ostblock (samt Jugoslawien) gerechnet wurde. Die Mär, dass die Sowjetunion ein Block sei, ist eben eine Mär. Weißrussland kam ebenso wenig weiter wie Dienstag Moldawien. Erstmals seit 1992 ist Skandinavien vollständig im Finale versammelt.

Und Samstag hänge ich mich mehr aus dem Fenster. Jetzt schon dies, ich bleibe meinem Tipp treu: Warum Portugal gewinnt, liegt einfach daran, dass Frau Fernandes ein bestürzend vorbildliches Kleid trug. Aber: Ihr Lied ist eine Fadoversion von “Crucified” der Army of Lovers. Deren Lied war geil, das der Madeirarin ist magischer! Mit anderen Worten: Wir haben ein superbes Finale beisammen. Hoch lebe Bulgariens Elektroreggaeausflug!

Belgrad fremdelt noch

20. Mai 2008

ESC-Wimpel vor der Belgrad Arena, Foto: Rolf Klatt, NDR

Man seufzt! Vor drei Jahren in Kiew, die restlichen Ausläufer der orangefarbenen Revolution wehten noch durch die ukrainische Hauptstadt, war der ESC präsent. Eine Stadt, die sich Europa wohlgefallend präsentieren wollte, zeigte sich ausgefegt, leidenschaftlich und spontan. Überall Wimpel und Flaggen, Menschen mit Eurovisions-Abzeichen, in den Diskotheken wurde gespielt, was in der ESC-Geschichte berühmt oder trashig ist oder beides. Auch in Helsinki ließ man sich nicht lumpen. Die Woche vor dem Finale zogen singende Schulchöre durch die Straßen der Innenstadt, auf dem Hauptplatz kamen schließlich, Lordi sei Dank, Zehntausende zum Public-Viewing zusammen.

Belgrad aber scheint noch zu fremdeln. Das Konferenzgelände liegt offenbar auf der falschen Seite des Flusses. Save und Donau – das sind die natürlichen Hürden, die die Altstadt von jenem Neubauplattenviertel trennen, in welchem das Raumschiff namens ESC Platz genommen hat. Heute Abend wird von dort das erste Semifinale versendet, aber die Stadt wirkt unbeteiligt – keine Flaggen, in den Cafes serbische Volksmusik oder angloamerikanische Dutzendware des Pops, “All By Myself” oder die Dixie Chicks. Nichts, was darauf hindeutet, dass diese Stadt 42 europäische Länder gern und neugierig empfängt. Schade! Aber zuletzt stirbt die Hoffnung, andererseits: Wer hofft, hat schon verloren. Serbiens Hauptstadt gibt sich alle Mühe in technischer Hinsicht, aber man erwartet nichts, man scheint müde und desinteressiert im Herzen. Das mag als Unterschied gelten zu Kiew und Helsinki. Beides sind und waren Länder, die sich gehört fühlten – Serbien aber findet offenbar ohnehin, dass es gehört verdient. Es kann fast nur besser werden!

Gegen den Wind

19. Mai 2008

Anhaltspunkte gab es schon bei den Einzelproben, aber en suite sieht es nach der ersten Generalprobe, vor zwei Minuten beendet, so aus: Dieser Eurovision Song Contest, unabhaengig vom jeweiligen musikalischen Geschmack, bietet neue Dimensionen an Materialschlacht und farbenfroher, um nicht zu sagen: schriller Koloriertheit.

Erstens arbeiten fast alle Acts mit Windmaschine. Es sieht in ihren Gesichtern so aus, als stünden sie nicht in einer klimatisierten Halle mitten auf dem Balkan, sondern an einem nordseenahen Deich.

Zweitens tragen fast alle Künstlerinnen lange, keineswegs gleichmäßig, aber konsequent gegelte Haare. Kein Auftritt unter den 19 des ersten Semifinales kommt ohne Material aus, das ausschließlich der Aufmotzung dient, jedenfalls nichts mit der musikalischen Raffinesse zu tun haben kann.

Teräsbetoni aus Finnland arbeiten mit viel Feuer. Foto: AP

Drittens gibt es Männer zu bestaunen, die unverhüllt Muskeln zeigen, um schliesslich gleich Israel und Finnland zu nennen, also das Jungmännermodell wie das Role Model für gitarrespielende Hardrocker.

Viertens sind etliche Menschen mit Gesang beschäftigt, die aus allen jugendlichen Rastern herausfallen, Estland und Moldau sind hier zu benennen.

Fünftens gab es noch nie, dass ein Act auf einer Art Eisfläche ausgetragen wird, Russlands Jewgeni Pljuschtschenko kurvt graziös über offenkundig doch nur drei Quadratmeter.

Sechstens ist Irland komplett irre. Nichts erinnert mehr an die Tradition der Johnny Logans und Linda Martins. Eher wie eine Neugründung der Rocky Horror Picture Show auf Turkey!

Siebtens enttäuschte Debütant San Marino. Schade um die verfehlte Chance einer italienischen Neuinterpretation des dramatischen Gedankens. Belgien frustriert nicht minder, die kommen aber weiter. Aserbaidschan: viel stimmliches Kastratentum, das echt Angst macht und nur lärmt.

Achtens sind dies meine Favoriten auf den Finaleinzug, und zwar in der Reihenfolge ihres Auftritts: Israel, Estland, Slowenien, Norwegen, Polen, Bosnien & Herzegowina, Finnland, Russland und Griechenland.

Neuntens kann nur gewinnen, wer nicht allzu auf starken Krach setzt, sondern auf Wohlklang und Eleganz. Zuviel Bühnengehoppse stört einmal mehr.

Zehntens sind alle Prognosen wertlos. Weil: Gespielt wird wie immer auf’m Platz!

Europäisch, völkerverständigend

19. Mai 2008

In einer Ecke saß tatsächlich Aserbaidschan. Sagte also ein Mann, der in Baku, wie sich herausstellt, ein Tonstudio besitzt und der Arrangeur des aserbaidschanischen Debüs bei der Eurovision ist: “Wenn das Europa ist, wollen wir es unbedingt nicht nur bei einem Auftritt es belassen.” In einer Ecke? Ja, Aserbaidschan ist mit einer kleinen Delegation nach Belgrad gekommen – fast schüchtern drückt er sich in den allerletzten Winkel des jugoslawischen Kulturpalastes in Belgrad, wo Sonntag der offizielle Empfang des Bürgermeisters der serbischen Hauptstadt für die 43 Eurovisionsländer gegeben wurde. Außerlich erinnert dieses Haus an den Ostberliner Palast der Republik, der bekanntlich abgerissen wird und niemals wieder aus Ruinen auferstehen wird. Aber dieses Haus, in das etwa 10.000 Menschen auf zwei Etagen passen würden, wurde erstmals für einen nichtjugoslawischen, nichtpolitischen Zweck geöffnet. Und wie sich alle vergnügt haben bei allen möglichen Sorten Saft, Bier und Wien und Schnaps, ständig unterfüttert durch serbisches Fingerfood, das die Serviceleute überaus freundlich auf das Stetigste in die Menge trugen.

Das also könnte Aserbaidschan, wieder zurück in Baku, über die Eurovision erzählen: Hey Leute, das müsst ihr sehen, alle sind freundlich, irgendwie interessiert – und man bekommt, lebt man am Rande des eurovisionären Einflussfeldes, nie den Eindruck, man sei randständig – absolut vorbildlich.

Und er hätte völlig recht, diese Geschichte zu erzählen. Darüber, wie die Stars und Sternchen und Starsternchen sich durch die Massen drängeln, sogar – wie Polen – nachfragt, ob man nicht ein Inteview haben möchte. Niemand ist scheu, gibt sich unpässlich oder zickig. Sogar die No Angels hielten sich tapfer bis Mitternacht aufrecht. Hier ein Gespräch, dort ein Small Talk unter britischen Fans oder im Tross maltesisch-portugiesischer Fans.

Das nennen wir bitte couragiert, denn sie hatten ja die zweite Probe hinter sich und können nun, mit dem Blick von sportlichen Rivalinnen, die beiden Halbfinals über sich ergehen lassen. Ob sie mit sich zufrieden waren, wissen nur sie und Gott allein, denn offiziell ist ja alles immer paletti, super, toll und krass. Sagen wir mal: Die wehenden Tücher, die sie Sonnabend im Finale zeigen werden, müssen noch ein wenig besser in die Windmaschine gestellt worden.

Mensch, höre ich andere jetzt meckern, haben die noch andere Sorgen? Nein! Gut so. Es muss doch einen, einen einzigen Platz auf der Welt geben, wo die Sorgen sich nicht auf das Alphabet von Armut und Ungerechtigkeit buchstabieren lassen. Take a look at the Eurovision!

Die erste Nacht überstanden

17. Mai 2008

Falls die Flut an SMS-Nachrichten von mir richtig eingeordnet wird, ja, dann stimmt: Die No Angels haben unbeschadet ihre erste Belgrader Nacht überstanden. Alles dreht sich jetzt um das wahre Leben, um den Auftritt in einer Woche, um Texte und Textilien. Wer außerhalb des Eurovisionsgeschehens denkt, innerhalb dieses Geschehens werde an irgendetwas anderes als an dieses Geschehen gedacht – China, Birma, Steuersenkungen, Gerechtigkeit und all das andere -, irrt. Das ist wie bei der Fußball-WM vor zwei Jahren. Alles in Deutschland war ein flammendes Multikulti-Begeisterungsmeer – Nörgler hatten nicht den Hauch einer Chance. Das haben eben nervös stimmende Dinge wie ein Ereignis, an dessen Ende es einen Gewinner, aber eine Flut an Verlierern gibt, so an sich. Verlierer? Machen wir uns nichts vor: Ja, wer nicht gewinnt, hat verloren. Wer hinterher sagt, “mein 14. Platz ist ganz super”, wird eine tröstliche Formel gehört haben, die unmittelbar davor schützt, eine Spontandepression zu bekommen. Nicht mehr, nicht weniger.
 
Während also die deutsche Delegation einerseits cool – all die Fernsehmacher – bleibt, die Künstler aber wahrscheinlich allenfalls cool tun (eben, die No Angels und ihr Tross), sind die Teilnehmer der 38 Halbfinal-Länder am Rande der Hysterie. Die Proben sind weitgehend vorbei, Montag geht es in die General/Kostüm/Ton-Proben. Denen gehen jetzt alle Fragen durch den Kopf: Was mache ich mit so einem langen Wochenende? Die Birne zudröhnen? Geht nicht, man könnte in Verdacht geraten. Schlafen? Geht erst recht nicht, könnte Alpträumen den Weg bahnen. So läuft die Welt: Die einen sind vollständig fokussiert auf das, was sie betrifft; die anderen auf anderes: Und beide Seiten gucken sich mit Blicken an, als ob der jeweils andere nicht ganz bei Trost ist.
 Katja Ebstein bei ihrem Finalauftritt 1980 (Foto:
Hilft aber in solch einer Probenwoche Routine? Nein, weshalb denn? Eine wie Katja Ebstein hat ja 1980 ernsthaft sagen können, na ja, ich war schon zwei Mal dabei, mein “Theater” wird schon okay laufen. Aber wie die deutsche Grand-Prix-Legende mal sagte: “Ich war so angespannt wie 1970 in Amsterdam oder 1971 in Dublin. Lampenfieber macht einen fertig, da kann man noch so selbstvertraut sein.” Noch fertiger, fügte sie an, mache das Warten, das ewige Warten. Aber das sei ihr 1980 nicht so schwer gefallen, elf Jahre im Popgeschäft, da weiß man, wo der Hase läuft. Aber all die Jungen, die jetzt in Belgrad an den Start gehen: Die allermeisten Youngster, anfällig für jede Angst, jede Einflüsterung … Am Ende gewinnt, wer sich am besten hat abschirmen können, ohne dabei ins Koma gefallen zu sein. Die No Angels, so flüstert mir ein Nachrichtenbote aus Belgrad gerade per SMS zu, haben gut geschlafen. Und was soll das bedeuten? Wir wüssten gern mehr!

Ein bisschen Scham

15. Mai 2008

Ein britischer Journalist schrieb über seine heimliche Liebe zum ESC. Und er erwähnte, dass es einer der beschämendsten Momente seines Lebens war, als er, gerade beim Videoschauen einer norwegischen Vorentscheidung der siebziger Jahre, bei eben dieser Tätigkeit – schauen, interessiert sein, einlullen lassen, entsetzlich finden, bizarr und obskur, aber irgendwie auch klasse! – von seiner pubertierenden Tochter erwischt wurde. Er habe sich so geschämt, dass er sich lieber mit einer toten Ziege im Bett hätte ertappen lassen – in flagranti quasi.

Scham ist ein sehr deutliches Thema beim ESC – und zwar seit es ihn gibt. Millionen haben schon auf Kleider, Gesten und Frisuren geschaut und sich mit Entsetzen abgewandt. Die Eurovision ist ja im Grunde eine europäische Generalprobe auf gemeinsamen Geschmack – und viele Acts sind für schlecht bis unmöglich gehalten worden.

Am beschämendsten ist aber, ich erlaube mir als politischer Beobachter dieses krasse Wort, die Liebe zum Frieden, die immer mal wieder sich in ESC-Lieder einschleicht. Eines hat sogar schon gewonnen, wir erinnern das als Deutsche sehr genau, nämlich Nicole mit “Ein bisschen Frieden”. Ich denke, dass Frieden auch deshalb ein europäisches Thema ist, weil Europa ja im vorigen Jahrhundert der blutigste Kontinent war mit den blutigsten Nationen.

Aber neben Nicole und ihrem taktisch perfekt ausgewählten Outfit – schwarz-weiße Kommunionsklamotten – gab es nicht viele Lieder, die dem Frieden einen nicht so süßlichen Rahmen verliehen. Israel hat es immer wieder versucht, aber Frieden war nie das Stichwort, mit dem man gewinnen konnte.

Frieden ist ohnehin kein Popthema, mit dem man immer Erfolg hat. Ist ja auch nicht jeder John Lennon (“Imagine” oder “Give Peace A Chance”). Dieses Jahr probieren es die Türken mit einem Lied – rockig, sehr außergewöhnlich, sehr unklassisch, was die türkische ESC-Geschichte angeht – aus der Schublade “Die Welt muss besser werden”. Ob sie Erfolg haben, ist natürlich offen, von den vermutlich automatischen zwölf Punkten aus Deutschland einmal abgesehen. Auch Georgien versucht es mit Frieden: “Peace Will Come”, so der Titel von Diana Gurtskaya. Frieden, das muss doch klar sein, ist ein Wunsch, der nicht umstritten sein kann, andererseits ist Friedensgesummse im Popgeschäft auch immer eine weinerliche Angelegenheit, und zum Weinen will doch irgendwie niemand so recht gezwungen werden, oder? Ein Muss des Weinens macht widerspenstig: Dann lacht man extra – oder macht sich gleich lächerlich über diese erhobenen Zeigefinger.