Mutige Moskauer!
6. Mai 2009Das muss mit dem Tapferkeitsorden prämiert werden: Die Moskauer Homosexuellen trauen sich etwas, woran aus Gründen des Hasses, dem sie sich nicht aussetzen wollten, die Belgrader Lesben und Schwulen nicht einmal zu denken wagten. Sie veranstalten einen CSD! Nicht irgendeinen, nicht irgendwann – sondern am Tag des ESC-Finales am 16. Mai. Das verdient deshalb Würdigung, weil die Moskauer Stadtverwaltung bis heute Stunde um Stunde damit droht, eine solche Demonstration nicht zuzulassen. Schwule dürften existieren, so argumentieren die Stadtoberen, aber sie seien krank, dürften sich nicht zeigen, schlimm genug, wenn sie überhaupt miteinander ins Benehmen kommen – jedenfalls dürfe das öffentlich nicht stattfinden.

Und was tun die Organisatoren? Lassen sich nicht einschüchtern. Machen es trotzdem. Denken sich: Moskau will in Europa unbedingt als tolerant wahrgenommen werden, will mit viel Geld einen ESC der Luxusklasse organisieren – und kann nicht riskieren, dass die angeblich aufregendste Metropole der östlichen Welt mit Polizeigewalt, mit Tränengas, mit Knüppeln und mit dem aufgehetzten Mob im Hintergrund gegen den CSD vorgeht. “Das wagen die sich nicht!”, hat mir heute vormittag noch Kurt Krickler von der Homosexuellen Initiative Wien erzählt. Er ist seit 30 Jahren einer der wichtigsten Kundschafter aus dem Europa ohne Eisernen Vorhang, ein Mann, der Russland kennt – Moskau sowieso und die Verhältnisse ganz präzise.
Krickler sagt: “Dieser CSD ist der wichtigste seit den Stonewall-Unruhen 1969 in New York. Es ist wichtig, ihn nicht zu ignorieren, weil die russischen Homosexuellen die Unterstützung dringend nötig haben”. Präsident Medwedjew soll, so heißt es ebenfalls aus meinen Quellen, intern formuliert haben, dass man nichts unternehmen werde. Er will sich als Mann des politischen Frühlings weltweit zeigen. Ich finde das alles gut und prächtig – und alles vor allem im Einklang mit den Regeln der UNO, der Menschenrechts-Charta, den Gedanken der Europäischen Räte, welche auch Russland mit unterzeichnet haben.
Und wer aus Deutschland meint, ein Fan des ESC sei unpolitisch, der signalisiert nur, in den Siebzigern zu Schlagerzeiten eingefroren zu sein. Ich finde, in Moskau geht es hauptsächlich um die Krone der europäischen Popmusik. Norwegen ist nach wie vor Favorit. Mein politischer Favorit ist aber das Komitee, das sich diesen CSD vorzubereiten traut – und das darf auf Solidarität hoffen. Oder?
P.S.: Und es ist ja nicht so, dass die Moskauer CSD-Organisatoren nicht wüssten, dass sie am 16. Mai in ihrer Stadt 4.000 Männer und Frauen aus 45 Ländern zu Gast haben, welche zunächst Musik, dann vielleicht Politik machen. Deshalb ist doch dieser Termin gewählt worden. Wichtiger aber noch ist, so wurde mir mitgeteilt: Die Deutsche Bundesregierung hat auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke unter dem Titel “Menschenrechte für Lesben und Schwule während des Eurovision Song Contest in Moskau” geantwortet.
Und zwar: “Die Bundesregierung beobachtet die Situation der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit in Russland mit Sorge. (…) Die Bundesregierung hebt regelmäßig die Wichtigkeit der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit in Russland gegenüber der russischen Regierung hervor. Dies schließt Versammlungen und Demonstrationen von Lesben und Schwulen ein.” Schließlich der wichtigste Satz: “Das Auswärtige Amt steht auch in Kontakt mit russischen Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Belange von Lesben und Schwulen in Russland einsetzen, wie z.B. die Organisation “Projekt Gay Russia” (Veranstalter der “Gay Pride” in Moskau).”
Ist das nicht ein Wink mit dem Zaunpfahl? So gemeint als: Schlagt nicht zu – wir gucken nämlich ganz genau hin!






Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.