Bloß nicht den Siegel geben!

20. Mai 2011

Hätte man das nicht ahnen können – bereits in der Nacht, die dem Fest von Düsseldorf folgte? Dass Stefan Raab irgendwann im Laufe der Woche nach dem ESC sagen würde: Es reicht, ich mache in meinen Funktionen als Oberqualitätscaster, als Jurypräsident, Moderator und Intro-Performer nicht weiter? Nicht nächstes Jahr jedenfalls.
Ja, das hätte man.

Stefan Raab und Lena (Foto: dpa/Bildfunk/Julian Stratenschulte)

Bei Lichte besehen hat er wirklich alles beim Eurovision Song Contest gemacht, was es dort zu tun gibt. Ich erinnere mich an eine Busfahrt zu einer der Proben von Max Mutzke in Istanbul im Jahre 2004. Wir kamen ins Gespräch, was nicht so schwer war. Bloß blöd durfte man ihm nicht kommen, hieß es, denn das hätte bedeutet, von ihm, womöglich mit der Ukulele, verspottet zu werden. Und wer will das schon? Jedenfalls sprachen wir also über den ESC. Irre, aber wahr: Er kannte monströs viele Titel und Sieger wie Brotherhood of Man, Izhar Cohen und natürlich Nicole.  Sondern er überraschte auch mit profundem Wissen über mazedonisch Abseitiges und dass Finnland ja wirklich bedauernswürdig sei: nie gewonnen, immer abgemüht. Okay, er konnte damals  nicht damit rechnen, dass am Horizont längst Lordi … Das ist wiederum eine andere Geschichte.

Neben vielem war er vor allem Fan. Einer, hätte es ihn nicht ins Fernsehen getrieben, der sich auch um CDs geprügelt hätte, um Rederecht auf Pressekonferenzen und sei es mit Musikinstrumenten wie 2000, als er bei der Vorentscheidung in Bremen alle dümmlichen und dümmstlichen Reporterfragen vergrölte – mit Antworten zur Ukulele-Begleitung. Ja, das waren Höhepunkte. Vor allem solche, die den Mief des Grand Prix Eurovision vor allem in jene Nasen zurücktrieb, die ihn verbreiteten. All die ehrpusseligen Schlagerspießer, die auf einen wie ihn nicht gewartet hatten.

Kurzum: Raab war Fan. Dann Produzent von Guildo Horn. In Birmingham gar Dirigent (wenn auch nur zum dirigistischen Schein, kam ja alles aus der Konserve – aber er wollte in die Fußstapfen all der Ossi Runnes und Noel Kelehans treten, so sagte er mir). Dann kam er als Performer – Komponist und Texter war er ja ohnehin.

In Sachen Max Mutzke ging es um mehr: Um sich als Mentor zu platzieren, auf dass aus Deutschland wirklich gute Musik komme. Mit Lena hatte er sein Meisterstück entdeckt, und dass es eines war, mag daran erkennbar sein, dass sie ihn selbst vernehmlich bewunderte, er wiederum sie nicht knetete und zur Marionette machte. Von ihr – der Castingentdeckung und späteren ESC-Gewinnerin – bekam er 2010 den deutschen Fernsehpreis in der Kategorie “Besondere Leistung Unterhaltung” überreicht. Dieses Jahr schließlich seine Krönungsmesse, wenn man so will. Lenas Titelverteidigung war seine Idee, auch, dass er moderieren möchte.

In der Rolle des Jurypräsidenten schien er manchmal allzu parteiisch – aber gemessen an Lahmheiten von Kollegen, die man sich lieber nicht vorstellen will, war das immer noch okay. Der Rest mag Geschichte sein: Intro-Performer, Sänger, Moderator. Und alles in allem: auch noch Fan.

Er wird, dem Vernehmen nach, sich nicht ganz und gar zurückziehen. Seine Kollegen und Kolleginnen aus dem Popgeschäft, ob nun Lindenberg, Kloß, Müller-Westernhagen oder Nena, wird er zur Mitarbeit anregen. Würde seine Hintergrundkompetenz nicht in die Waagschale geworfen, hätte die Aufbauarbeit der vergangenen zwei Jahren, so gesehen, keinen Sinn. Das wäre ein unsoziales Tun – eines, das einem Kind geziemt: Ich bau was auf, um es hinterher mit Lust zu zerstören. Erwachsene tun sowas nicht!

Stefan Raab, zu dessen nicht geringsten Verdiensten es zählt, seit Stockholm im Jahre 2000 nie mit der “Bild-Zeitung” kooperiert zu haben, wollte höchstwahrscheinlich nicht den Siegel geben. Der hätte nach “Ein bisschen Frieden” Frieden geben sollen – was er leider nicht tat. Er wurde manisch, eifernd, unwürdig. Nein, der Kölner Raab wird in die Rolle des Elder Statesman des ESC hineinwachsen wollen, nicht in die des Alternden in der Rolle des Ewigjugendlichen.

Der Rest, jenseits von ihm, möchte Zukunft sein. Etwa in Form von “Ein Lied für Baku“.

Rückblicke und Ausblicke

18. Mai 2011

Ehe wir auf die übelnehmerischen Aspekte des diesjährigen ESC zu sprechen kommen, ein paar Sätze, für die ich um Beachtung bitte.

Die Arena in Düsseldorf wird momentan immer noch abgerüstet – die Kollegen und Kolleginnen der unterschiedlichen Produktionsfirmen tun das. Vor allem aber sind es die Frauen und Männer des NDR, die hinter den Kulissen das gemacht haben, was medialerweise in Europa als TV-Show des Jahres gelobt wird. Einer wie Thomas Kutsche, der bei diesem Sender seit vielen Jahren mit dem ESC beschäftigt ist, antwortete mir auf die Frage, ob er mir die zehn umsichtigsten seiner Kollegen nennen könne, freundlich: Niemand sei herauszuheben – alle tun das, was sie zu tun haben. Und hatten!

Was im April in der Arena in Düsseldorf aufgebaut wurde, muss nun wieder abgebaut werden. (Foto: NDR/Rolf Klatt)

Ich selbst kenne das von kleineren Produktionen aus dem Zeitungsgewerbe, in der taz, wo ich gewöhnlich arbeite: Man sieht auf Podien journalistische Menschen, aber jene, die in technischer und gastgeberischer Hinsicht deren Auftritte ermöglicht haben, werden am Ende meist nicht erwähnt. Immerhin: Beim Abspann der Sendung in der Nacht zum Sonntag tauchten, so mein Eindruck, fast alle Namen auf. Das war womöglich die beste Gratulation. Dass gerade die ausländischen Gäste mit guten Gefühlen in ihre Heimaten zurückkehrten, hat womöglich am meisten mit den Machern und Macherinnen im Hintergrund zu tun. Musste das nicht mal besonders erwähnt werden?

Jetzt zu den unangenehmen Aspekten.

Gestern und heute erhielt ich Anrufe – genauer gesagt: aus drei Zeitungs- und TV-Redaktionen, die herausfinden wollten, warum ich Ungarns Ehre beschmutzt hatte (so sagten es zwei Anrufende), einer wollte von mir wissen, von wem ich die Information hatte, dass Kati Wolf eine Sängerin von Viktor Orbans Gnaden sei. Meine Rückfrage: Glaube er im Ernst, ich würde ihm gegenüber meine Quellen offenlegen? Zum Hintergrund: Die Mediengesetze in Ungarn sind von der rechtspopulistischen Regierung so verschärft worden, dass alles unter Verdacht gestellt werden kann, nicht pro-ungarisch zu sein. Wer sich an dieses Gebot nicht hält, muss in diesem Land selbst mit unflätigen Beschimpfungen und sogar mit Strafverfahren rechnen. In diesem Land muss man sehr enttäuscht gewesen sein, dass die von Fans hochgelobte Chanteuse so wenige Punkte erhielt. Ich würde sagen: Der Stil, Kritiker des Liedes – der ungarischen Performance überhaupt – fast zu verhören, spricht für die dortige Kultur des Misstrauens gegen alle Opposition.

Kati Wolf beim Eurovision Song Contest 2011 (Foto: NDR/Andrej Isakovic)

Aber wollen Sie, Fans und Interessierte, das überhaupt hören? Ist es außer für mich für irgendjemanden wichtig, dass Weißrussland schon deshalb ein seltsames Land ist, weil es autokratisch regiert wird – und die ESC-Dame zu einer Propagandaschluse in Sachen Lukaschenka gemacht wurde? Ich würde sagen: Das sollte uns beschäftigen. Es ist problematisch, ein Land ohne inneren Zwiespalt zu betrachten, wenn es ein mindestens schillerndes Verhältnis zu Rechtsstaat und Menschenrechten hat. Das gilt erst recht für Aserbaidschan – die nächsten Gastgeber des ESC, das es in puncto Demokratie selbst mit Ungarn nicht aufnehmen kann.

In Vorbereitung auf dieses Event sollten wir sehr präzise prüfen und verfolgen was dort geschieht, damit auch vom freiheitlichen Klima her am Kaspischen Meer ein ähnlich schöner ESC zelebriert werden kann wie in Düsseldorf.

Man könnte jetzt sagen: Durch die Fans und Journalisten, die Gäste aus den traditionell demokratischen Ländern, werde das illiberale Klima aufgeweicht. Dieser Auffassung neige ich selbst zu.
Immerhin: 1964 protestierten beim ESC in Dänemark Gewerkschafter gegen die Auftritte der Portugiesen und Spanier, damals noch regiert von rechtsgerichteten Diktaturen. Man sollte an diese Geste erinnern. Man könnte sagen, der Tourismus, gerade in Spanien, hat das Land verändert ehe es demokratisch wurde. In diesem Sinne schlage ich vor, Aserbaidschan zu nehmen: Auch als freundlichen Besuch, auf dass der ESC eine Idee von Diversität dort hineinträgt. Und: Auf dass die armenische Delegation sich dort frei bewegen kann.

Oder?

Schweden oder: Wenn Träume Schäume sind

4. Mai 2011

Es ist eine Krux mit diesem Land: Seit Abba glaubt Schweden, dass es eigentlich immer gewinnen müsse. Zunächst - nach dem Melodifestivalen, der Vorentscheidung - werden die Siegenden imagemäßig hochgejazzt. So scheint auch Eric Saade in diesem Jahr von Stockholm gen Düsseldorf gejettet zu sein. Und so sagte er auf der Pressekonferenz: Ohne Zweifel sei er gekommen, um zu gewinnen. Das hörten die Journalisten und Fans sehr gern, wobei Komponist und Texter Fredrik Kempe besonders honigkuchenpferdmäßig schmunzelte. Das darf man selbstbewusst nennen!

Eric Saade bei den Proben in Düsseldorf (Foto: eurovision.tv/Elke Roels)

Andererseits beteuert er, keinen Druck zu spüren, wiederum im Halbfinale auszuscheiden, so wie voriges Jahr Kollegin Anna Bergendahl. Nein, viel schlimmer wäre es, würde Schweden 2010 gewonnen haben. Aber dass er diese Frage allein ohne Zickerei von sich wies, deutet auf ein sattelfestes Selbstvertrauen.

Genau besehen ist es aber so: “Popular” ist in meinen Ohren ein eher nerviges Lied, das, leicht anders arrangiert, gut als Dumpfbackenschlager durchgehen könnte. Okay, was soll man auch von Kempe, dem zum vierten Mal in Folge antretenden Komponisten, erwarten? Wo Traditionsmitklatschschlager draufsteht, ist auch welcher drin. Aber will Europa das hören? Anders gefragt: Wann ist Europa endgültig diese fast hochmütige Art der Schweden leid? Wann wird es sein, dass, wie im Vorjahr, die ESC-Televoter sagen: Wir waren schon mit Charlotte Perrelli unzufrieden, wir fanden keinen Gefallen an The Ark, und die Bergendahl mochten wir auch nicht.

Schweden leidet am Post-Abba-Carola-Nilsson-Herrey’s-Syndrom! Wer viermal gewonnen hat, glaubt wohl auf Sieg abonniert sein zu müssen, also Demut vor der Aufgabe vergessen zu können.

Seit Christer Björkman, Vorletzter des Jahres 1992 mit “I morgon är en annan dag” die Geschicke des Melodifestivalens übernommen hat, klingt Schweden im ESC-Konzert wie mulschiger Brei. “Nix Cooles unter der Sonne Königin Silvias!” möchte man kalauern. Nie geht aus diesem Contest stilistisch etwas hervor, das in den Clubs Stockholms, Växjös, Kalmars, Malmös oder Göteborgs gängig ist. Kein Elektrosound, kein modernes Liedermachertum – irgendwie hat alles etwas Pompöses.

Fredrik Kempe – ausgebildeter Musicalsänger, wenn ich recht informiert bin – ist, bekannte er, ein Fan von Frank Farian und Boney M. Das ist kein gutes Zeichen für dieses Land, das offenbar auf eingängige, hochrepititive, refrainlastige, gleichwohl gesichtslose Schlager festgetackert bleiben will. Keine Tradition, die an Carl Michael Bellman, Cornelis Vreeswijk oder Bertil Taube orientiert ist, keine Eleganz, die sich an Lill Lindfors oder Tommy Körberg orientiert.

Schade, das!

Erik Saade soll nicht leiden. Ich respektiere, dass mit ihm ein Schwede libanesischer Herkunft, dass mit ihm also ein Migrant den Aufstieg in den wenigstens einheimischen Pophimmel schafft. Sein Lied aber, nun ja, ist so öde wie die Chartkultur in Schweden selbst. Ihm ist momentan der Größenwahn erfolgreicher junger Menschen eigen. Er ist so selbstgewiss, wie das nur irgend geht. Er wird nicht gewinnen, das Publikum liebt keine Protze, die “Popular” behaupten, ehe es in ihren Herzen in Erfüllung geht. Alles sehr bedauerlicherweise!

“Kämpft, Kameraden!” – Wie bitte?

3. Mai 2011

Ja, das war mal ein Ereignis bei den Pressekonferenzen: Erzählten bis dahin andere Sänger und Sängerinnen, wie sehr sie sich freuen, beim Eurovision Song Contest dabei zu sein und wie toll es sei, das eigene Land zu repräsentieren, wurde die Equipe aus Portugal politisch. Zumindest irgendwie. Fünf Menschen standen vor den Medienmenschen und jede Antwort, die der Kopf von Homens da Luta (“Menschen des Kampfes”), “Jel” Duarte, gab, wurde von seinen vier Mitkombattanten mit leichtem Gesang und den Worten “Kämpft, Genossen” begleitet. Im Laufe der Pressekonferenz erfuhren wir außerdem, dass diese Comediantruppe sich auf das Erbe der portugiesischen Revolution von 1974 beziehe, der Nelkenrevolution, mit der die Rechtsdiktatur gestürzt werden konnte. Dennoch war nicht auf Anhieb erkennbar, dass diese “Menschen des Kampfes” (so der Bandname übersetzt), die von Portugals ESC-Publikum gewählt wurde, aber nicht von den Juroren, es ernst meint – politisch, musikalisch oder wie auch immer.

Irgendwie, so lässt sich sagen, klingt deren Lied wie alle portugiesischen Lieder der vergangenen Jahrzehnte. Melancholisch, aber heiter abgerundet: Würde dieses Quintett als lusitanische Variante Guildo Horns oder Alf Poiers verkauft werden – man glaubte es auch. Womöglich muss diese Zwiespältigkeit bewahrt werden, denn Politisches direkt zu entertainen ist ja beim ESC verboten – aber subtil war Politisches immer im Spiel, von deutscher Seite am krassesten bei Katja Ebstein 1971 mit “Diese Welt”.

Nun ja, die Portugiesen erhielten denn auch Applaus - wobei aus meinem Blickwinkel offen blieb, ob für den Mut zur historischen Kostümparty, die sie zu sozialistisch anmutenden Village People machen, oder für den politischen Gehalt. Nötig hat das Land Protest ja: Wirtschaftskrise noch und noch, verarmende Menschen, unsichere Perspektiven. “Homens de Luta”, wie nobel, führten als Komödiantentruppe einige Demonstrationen gegen die Wirtschaftskrise an. Toll, meinetwegen. Aber erschließt sich dieser innerportugiesische Kontext auch Europa? Ist es zieldienlich – “Kämpft, Genossen!” hieß es ja wohl nicht zufällig auf der Pressekonferenz -, in einem Sound zu performen, der auf Anhieb als portugiesisch, also viel zu exotisch hörbar ist?

Ich bin unsicher. Weltverbesserungs- und Protestlieder hat es ja beim ESC immer gegeben. Aber stets, wenn sie explizit wurden, wirkten sie verstörend – etwa 1982 beim Song “Nuku pommiin” (übersetzt: “Atombombe”) des Finnen Kojo oder bei der österreichischen Gruppe Schmetterlinge 1977, deren eigentlich mitreißender Song sich viel zu oberflächlich mit der Kommerzialität von Musik auseinandersetzte: Wir als Hörende und Sehende wollen doch nicht beschlaumeiert und beklugscheißert werden.

Besser macht es dieses Jahr der zart aussehende, vermutlich mit eisernem Kampfeswillen ausgerüstete Finne Paradise Oskar: Er will, dass die Erde grüner wird, die Menschen sich verstehen, dass keine Kriege geführt werden und überhaupt alles ins Lot kommt. Das tut er, damit die Botschaft persönlich unterstrichen wird, mit dem unschuldigsten Augenaufschlag, den man sich nur denken kann. Ein blonder Verführer für eine gute Welt. Na, das loben wir doch bitte, oder?

Die Portugiesen werden aller Wahrscheinlichkeit nach, darauf lässt die muntere Pressekonferenz schließen, wieder mit dem Gefühl nach Hause fahren, von Europa nicht verstanden worden zu sein. “Homens da Luta” und “Luta È Alegria” – zu deutsch: “Kampf ist Freude” – gefallen mir sehr. Und zwar weil es so schön portugiesisch klingt. Das allerdings könnte ihnen zum Verhängnis werden. Eine schöne Pressekonferenz war es dennoch!

Wielcome … Düsseldorf ist großartig!

28. April 2011

Häme und republikweite Lacher hat diese Meldung produziert: Dass in dem Stadtführer zum ESC ein “Aktionstag der Schwulen” annonciert wurde – aber doch ein “Aktionstag der Schulen” gemeint war. Man möchte, ginge das, Düsseldorf und seine Marketingleute ganz lieb in den Arm nehmen für diesen freudschen Verschreiber. Da rackern die sich monatelang ab – um dann über Boulevardzeitungen und Nachrichtenagenturen vorgeführt zu werden. In Wahrheit war es doch vermutlich so: Das ganze Marketing war und ist darauf ausgerichtet, dass im Mai 2011 Tausende von schwulen Männern aus allen möglichen europäischen Ländern an den Düsseldorfer Rhein gepilgert kommen wegen eines Popfestivals – und dass man diese Kundengruppe herzlich willkommen heißen möchte.

Britische Fans beim OGAE-Treffen in München (Foto: Patricia Batlle/NDR)

Obendrein gab es in der englischen Übersetzung der Broschüre auch noch das Wörtchen “Wielcome” statt “Welcome”. Mit schwarzem Filzschreiber müssen jetzt alle überflüssigen “i” in mühe- aber wahrscheinlich nicht weniger liebevollen Handarbeit übermalt werden.
Schwul und Schule – man möchte kreischen: So unterschiedlich sind doch beide Vokabeln nicht. Das eine ist ein Zustand der sexuellen Selbstbestimmung, das andere im besten Fall eine Anstalt, in der diese gelehrt wird. Brücken der Verständigung zwischen missverständlichen Worten, zumal falsch getippten, gibt es doch immer. Warum also diese Auslacher? Weil man sich immer ausschüttet, wenn Perfektionisten bei Pannen erwischt werden. Und das darf man schon noch sagen: Düsseldorf und seine Vermarkter haben bislang einen verdammt perfekten Job gemacht!

Jedenfalls: Tippfehler gehören zum Leben wie das Versprechen und Verschreiben selbst. Nur weil der Verlobungsfinger der linken Hand versehentlich auf der oberen Reihe der Tastatur zwischen “sch” und “ul” noch ein “w” berührte. Habt Erbarmen, habt Sonne im Herzen!

Der Druckfehler ist inzwischen wohl behoben – die fragliche Passage in dem Heftchen ist berichtigt.

P.S.: Wer noch ein Originalheft inklusive Tippfehler hat und es nicht braucht: Ich nähme es gern. Wenn Düsseldorf sich weiter derart bewirbt, hat es Köln als Homometropole des Rheinlands bald locker den Rang abgelaufen.

P.P.S.: Über diese Panne ist es nun doch Thema: Der ESC ist, was die Fanbase betrifft, ein schwules Ereignis. Wer das leugnet, war noch nie dabei.

Gewinnen? Nur Ungern!

26. April 2011

Die ersten Delegationen packen bereits ihre Koffer. Polen, Norwegen, Albanien und die Türkei: Sie fahren bald zur ersten Probe in die Düsseldorf Arena. Sie oder die anderen 39 Länder werden unterschiedlich realistisch über ihre jeweiligen Gewinnchancen sprechen – je nach Grad des Vertrauens. Würde ein Reporter zu ihnen sagen: “Ich zitiere Sie auch nicht!”, bekäme er vermutlich drastische Wahrheiten zu hören. Die wichtigste wäre: Nein, gewinnen wollen wir nicht. Das ist zwar gegen die Spielregeln, denn einen Wettkampf beginnt man nicht, weil man unter ferner sangen abschneiden möchte.

Homens da Luta vertreten Portugal beim ESC 2011 (Foto: RTP)

Aber auch der ein oder andere TV-Hierarch würde sicher sagen: Nein, das schaffen wir nicht, das liegt nicht in unseren Möglichkeiten; zumal mit Blick auf die imponierende ESC-Stadt Düsseldorf, auf die Arena und die offenkundig jetzt schon perfekte Organisation.

Voriges Jahr in Norwegen, beim vipsten Empfang aller V.I.P.-Empfänge, konnte man eine solche Umfrage machen – und eben dieses Resultat erzielen, das allerdings nicht persönlich zitierfähig sein soll: Wir haben nicht das Geld, um einen ESC auszurichten, wir haben nicht die entsprechende Halle, wir haben nicht das Publikum, das uns binnen Stunden alle Tickets abkauft.

Das ist, so gesehen, die kleine Flunkerei, die auch diesem ESC inne wohnt: Zwar verpflichten sich mit der Teilnahme alle Länder, im Falle des Sieges im Folgejahr das Finale auszurichten. Das war schon immer so, außer 1957, als Frankfurt am Main gastgebende Stadt war, weil sich damals noch die beteiligten Sender melden konnten – und der Hessische Rundfunk sich so freundlich zeigte. Aber organisatorische wie finanzielle Erschöpftheit gab es zuletzt vor sehr vielen Jahren: nach dem Sieg von Séverine in Dublin 1971 sah sich Monaco nicht in der Lage, den Grand Prix im Folgejahr auszurichten (die BBC sprang ein und Edinburgh wurde der Austragungsort); 1980 verzichtete Israel auf die Gastgeberrolle – aber seither läuft alles nach Plan.

Dass die Ukraine Gastgeber sein konnte, dass Russland dies ebenfalls tat, lag am jeweiligen Prestige, welches diese Länder dem Event beimaßen und entsprechende Subventionsbeträge einfließen ließen. Estland und Lettland waren sich, zumal im damals noch kleineren Maßstab, sicher, die Chose wuppen zu können. Aber Moldau? Oder San Marino, Mazedonien (FYR), Litauen, Portugal, Island - das sind doch höchst klamme Länder, obendrein in Zeiten der Finanzkrise.

Ich bin gespannt, ob es zu diesem Punkt in der European Broadcasting Union (EBU) ein Treffen gibt mit der Frage: Soll die EBU stärker in die ökonomische Verantwortung genommen werden, wenn kleine oder finanziell schwache Länder gewinnen? Oder sollte man den Modus ändern? Veranstalter müssen sich bewerben – Länder als Veranstaltende sind nicht mehr automatisch in der Pflicht? Ich plädiere für Letzteres. Das wäre wie beim Fußball: Nicht ein Titelverteidiger muss die nächste Endrunde austragen, sondern ein Land, das sich bewirbt. So wie Düsseldorf in der deutschlandinternen Konkurrenz um die Herbergsstadt des ESC. Würde das vielen Ländern nicht viel Druck nehmen?

Eine Geste europäischer Gastfreundschaft

22. April 2011

“Tafel”, was ist das? Das sind Orte, an denen es kostenlos Speisen gibt: eine warme Mahlzeit für Menschen, die sonst kein oder nur wenig Geld dafür haben. Die Idee, dies auch während des Eurovision Song Contest anzubieten, kam der Kommunikationsexpertin Alexandra Iwan neulich – und sie hat sie gleich realisiert: Das Franziskanerkloster in der Immermannstraße 20, nahe der U-Bahn-Station Oststraße, serviert vom 6. bis 13. Mai täglich von 14.00 bis 17.00 Uhr eine warme Mahlzeit. Tobias Ewald, der sogenannte Guardian, der Leiter der Firminus-Klause, steht dieser Initaitive vor.

Nun fragt man sich: Weshalb könnte diese “Tafel” nützlich sein? Haben ESC-Fans nicht meist sehr viel Geld? Denn hätten sie es nicht, könnten sie sich nicht die Reise an den Rhein, Hotel und Hallentickets erlauben. Das freilich ist ein Klischee. Ich habe über die Jahre viele Fans kennengelernt, die sich tatsächlich den Trip an einen ESC-Ort vom Munde abgespart haben – dort aber dann weder ein gutes Hotel buchen noch Tickets für das Finale erwerben konnten. Das sind die eigentlich nobelsten Fans – die Mühseligen und Beladenen, falls man das zu Ostern so formulieren darf.

Besteck. Foto: picture alliance/dpa.

In den vergangenen zehn Jahren kamen nach meiner Beobachtung mehr und mehr Fans zum ESC, die sich im Euroclub an einem wärmer werdenden Mineralwasser festhielten oder auf Ausgeberei angewiesen waren. Sie wohnten in Kaschemmen und Pensionen weit vor den Toren der Stadt. Das war auch ihr Lifestyle-Unterschied zu beispielsweise schweizerischen Fans, die, so durfte ich das beschämenderweise einmal erleben, zu einer Kellnerin in Tallinn sagten, der Kaffee kostete ja nur so viel wie Ramsch.

Ärmeren ESC-Fans könnte die “Tafel” der Franziskaner helfen, eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen. Wer das zynisch für pure Caritas hält, verkennt, dass Europa in arme und reiche Länder geteilt ist. Und dass Fans, für die der ESC ein Herzensding ist und kein CSD mit angehängter Dauerdisco, unseren Respekt verdienen.

Diese “Tafel” in Düsseldorf gehört mit zu den schönsten Programmideen all dieser ESC-Tage: Ich nenne das eine Geste europäischer Gastfreundschaft.

Heulen mit den Wölfen

18. April 2011

Elisabeth Noelle-Neumann hat mit ihren sozialwissenschaftlichen Methoden ein seltsames Phänomen schon in den fünfziger Jahren herausgefunden: Die inzwischen verstorbene Gründerin des Instituts für Demoskopie in Allensbach am Bodensee erkannte nach einer Vielzahl an Umfragen, dass eine Masse sich zur erwarteten Mehrheit hin bewegt. Man ist gerne bei den Siegern, sollte das heißen, im Normbereich sowieso. Niemand, so ihr Fazit, findet sich am Ende gerne bei den Verlierern wieder.

Kati Wolf tritt für Ungarn an. (Foto: MTVA)

Das lässt sich tatsächlich an Beispielen politischer Wahlen illustrieren – aber offenbar gilt das auch für das Phänomen Eurovision Song Contest. Der lebt auch von Mutmaßungen, die sich in Geldwetten spiegeln und in Wettspielen.

Und die Tendenz ist eindeutig: Frankreich, Ungarn, Schweden, Estland und Großbritannien bekommen von allen Fanclubs in Europa Höchstwertungen zugesprochen. Und das, so wiederum meine Vermutung, umso mehr, als diese Fanclubs, die ihre Wetten nicht an einem Abend stattfinden lassen, sondern, je nach Terminlage, an verschiedenen Tagen. Und so lesen wir, dass ein OGAE-Fanclub (Organisation générale des Amateurs de l’Eurovision) nach dem anderen diese eben genannten Länder an die Spitze werten. Ich schätze, das tun sie auch deshalb, weil sie bewusst oder halbbewusst von den ersten Wettergebnissen erfahren haben – und sich nun an diesen orientieren.

Es gibt vorläufig, so sehe ich das, gar keinen Grund, Schweden dauernd ganz oben zu platzieren. Es reicht, siehe Noelle-Neumanns Gesetz von der magnetischen Kraft des erwarteten Siegers, wenn man glaubt, das sei ein gutes Lied. Und dass “Popular” nun das viel bessere Lied ist als das dänische oder das griechische ist vor den Düsseldorfer Abenden nicht erwiesen. Irgendwie sind doch, immer noch beispielhaft an diesen drei Acts phantasiert, alle gleich flott und mitreißend, oder?

Auch dass Frankreichs Halboperballade weit oben gesehen wird, hat mit Gefühlen zu tun – nicht mit dem Lied selbst, schätze ich.

Diverse Buchmacher sehen die Sache inzwischen sehr ähnlich. Auch bei denen – und da geht es ums Geld, nicht um Geschmäcker – tauchen Frankreich, Estland, Ungarn, Schweden und Aserbaidschan auf. “Taken By A Stranger” findet sich bei denen auf dem siebten Platz wieder, bei den Fanclubs zwischenständlich auf dem zwölften Rang. Das könnte so kommen, das sehe ich auch so.

Allein: Garantiert ist das noch nicht. Die Stimmung kann ja noch umkippen. Plötzlich wird ein Act als nervig empfunden. Und wenn sich diese Meinung erstmal in Gang gesetzt hat, sind alle Vorabprognosen hinfällig. 2002, in Tallinn, hatte Marie N und ihr “I Wanna” niemand auf der Rechnung. Sie gewann als Außenseiterin. Auch Lena Meyer-Landrut war im Vorjahr nicht höchstgewettet.

Momentan ist die Tendenz klar gen Ungarn gerichtet. Deren Chanteuse Kati Wolf findet immer mehr Fürsprecher. Das deutet auf Budapest 2012 hin.

Schulunterricht mit dem ESC

15. April 2011

Das ist für mich die netteste Nachricht, die das Düsseldorfer Büro für die städtische Organisation des Eurovision Song Contest in den vergangenen Monaten versandt hat: Dass einige Düsseldorfer Pädagogen und Pädagoginnen den ESC in ihre Lehrpläne integriert haben. So lese ich und so erfahren wir, dass die Gerhard-Tersteegen-Gemeinschaftsgrundschule eine Projektwoche “Wir sind Europa” veranstaltet; dass die Förderschule Erfurter Weg das
Leben speziell in der Türkei ausleuchtet – und man hofft, dass besonders Rockmusik eine Würdigung erfährt, denn dieses Land voller ESC-Ruhm hat uns ja in den vergangenen Jahren häufiger Melodeien jenseits der Serailästhetik geschenkt. Auch erfahren wir, und auch das gefällt mir sehr, dass die Jugendfreizeiteinrichtungen des Jugendamtes ein Magazin zum ESC herausgeben – das wir als Düsseldorfer Gäste demnächst auch noch überreicht bekommen. Mann, das übertrifft sogar das Niveau von Helsinki, was diese Stadt so anstellt.


Grundschüler im Unterricht. (Foto: Frank Hoermann, Picture Alliance, Sven Simon)

Den Stoff in den Musik- und Sozialkundeunterricht zu integrieren, ist ohnehin famos und bislang nicht aus anderen ESC-Ländern überliefert. Zumal ja die meisten Musiklehrenden auf Hochkultur abonniert sind – und wenn sie, wie es in meiner Schulzeit üblich war, die Beatles zu kanonisieren versuchen, wollen die einem doch nur erzählen, dass diese Musik eigentlich recht okay sei, weil nicht billig und nicht Pop. Das empfand nicht nur ich allein als Versuch, die Popmusik vom Schmuddelimage zu befreien – und damit vom Besten, was diese Musik so hat.

Auf den ESC bezogen, für den Schulunterricht, empfehle ich eine noch gründlichere Unterrichtseinheit: Gespielt werden kann dieses Spiel ab Klasse 6. Wenn beispielsweise 32 Schüler und Schülerinnen mit von der Partie sind, suchen diese sich ein Lieblingslied aus – und spielen es den anderen vor. Alle spielen also ihre Songs vor. Und dann wird nach dem ESC-Modus drüber abgestimmt. Das kann man mit chartüblicher Musik machen, aber, darauf käme es an, mit ESC-Stoff. Mit Neuem, dem von diesem Jahr, oder mit altem. Es läge an den Lehrenden, ihren Schülern diese Lieder per mp3-Datei zur Verfügung zu stellen oder per CD.

Es ergäbe sich für jeden, der mitmacht, eine gigantische Identifikation mit den Liedern. Vielleicht reichert man es an: Wenn einer zum Beispiel ein niederländisches Lied zur Geltung bringen will, muss er gleichzeitig das Land und seine Kulturströmungen vorstellen. Und man wird hernach feststellen: Man lernt nicht nur andere Lieder, andere Kulturen, andere Prägungen kennen – man fühlt auch nach, wie es ist, keine oder nur mäßig viele Punkte zu bekommen. Oder zu gewinnen. Und man lernt, wie jeder beim wirklichen ESC sich empfindet – irgendwie immer am Rande der Nervenerschütterung, gerade weil es um Punkte und Platzierungen geht.

Ein Glanzpunkt der klassischen Art

4. April 2011

Das haben Fans wie Jan Zwinkmann aus Berlin und Fanclubmeister Michael Sonneck angeregt – und nun wird wenigstens ein Teil ihres Begehrens in Erfüllung gehen. Wörtlich heißt es in der Pressemeldung der in Sachen Düsseldorf rührigen Marketingagentur: “Am 11. Mai gibt es ein Wiedersehen mit Stars und ihren besten Hits. Unter anderem mit Johnny Logan und Katja Ebstein.” Wir erinnern uns: Bei etlichen Eurovision Song Contests gab es während der Festivalwoche selbst ein Stelldichein ehemaliger ESC-Teilnehmer. So war es in Norwegen 1996 und 2010, so war es in Helsinki und Moskau. Fans wünschten nun, dass während der Grand-Prix-Tage am Rhein deutsche ESC-Veteranen – falls man das so sagen darf, ohne despektierlich zu scheinen - auftreten.


 
Nun, das wird jetzt wahr, wenn auch in einer kleinen, engen Art, die glamourös scheinen mag. Denn am 11. Mai, das ist der Mittwoch zwischen den beiden Halbfinals, finden in der Tonhalle just in Wurfnähe zum Rhein die “Grand Prix Classics” mit Katja Ebstein, Mary Roos, Nino de Angelo, Ingrid Peters und Guildo Horn (jawoll, der wird inwischen historisiert, obwohl er doch den Auftakt zur Modernisierung des deutschen ESC-Wesens symbolisiert) statt. Sie singen Altbekanntes, hauptsächlich Eigenes, wobei die Peters auch “Waterloo” und “Hallelujah” geben wird. Sie performen nicht zum Soundtrack aus dem Cassettenrecorder, sondern live zu den Klängen des WDR-Rundfunkorchesters – und das verspricht mehr als eine lieblose Nummernfolge von Traditionellem.
 
Ich würde sagen, dass das eine okaye Geste ist – allerdings mehr nicht. Das Konzert wird erwartbar gut, das Publikum wird jubeln – es besteht ja en gros und en detail aus akkreditierten Fans und Journalisten. Aber: Wenn schon hinreichend Leute in Düsseldorf präsent sind, die eine Halle füllen, dann hätte man doch zumindest viel mehr ESC-Veteranen laden müssen. Und: Warum schon wieder Johnny Logan? Wer hat sich bloß dieses Programm ausgedacht? Es wirkt ein wenig gedankenlos – denn weshalb müssen wir Joy Fleming, Lou, Lena Valaitis, Michelle oder Stefan Raab missen? Eventuell hat Letzterer nicht gewollt – aber es hätte doch nichts dagegen gesprochen, Max Mutzkes “Can’t Wait Until Tonight” mit souligem Chor aus der Fleming, der Ebstein und Siw Malmkvist anstimmen zu lassen?
 
Oder habe ich etwas überlesen – nämlich, dass alle noch lebenden ESC-Performer mit deutschem Ticket gefragt worden waren und kommen, wenngleich nicht singen? Aber warum? Weshalb nicht so viele wie möglich einladen und die Chose nötigenfalls bis nachts um vier Uhr laufen lassen?
 
Schade, trotz der Geste schlechthin. Aber diese Kollektion scheint wie altbekanntes Konfekt ohne Überraschungsmoment. Wobei, ausdrücklich sei dies erwähnt, nichts gegen die Konzertteilnehmer gesagt sein soll: Allein, es hätten viel mehr sein können!