Bloß nicht den Siegel geben!
20. Mai 2011Hätte man das nicht ahnen können – bereits in der Nacht, die dem Fest von Düsseldorf folgte? Dass Stefan Raab irgendwann im Laufe der Woche nach dem ESC sagen würde: Es reicht, ich mache in meinen Funktionen als Oberqualitätscaster, als Jurypräsident, Moderator und Intro-Performer nicht weiter? Nicht nächstes Jahr jedenfalls.
Ja, das hätte man.

Bei Lichte besehen hat er wirklich alles beim Eurovision Song Contest gemacht, was es dort zu tun gibt. Ich erinnere mich an eine Busfahrt zu einer der Proben von Max Mutzke in Istanbul im Jahre 2004. Wir kamen ins Gespräch, was nicht so schwer war. Bloß blöd durfte man ihm nicht kommen, hieß es, denn das hätte bedeutet, von ihm, womöglich mit der Ukulele, verspottet zu werden. Und wer will das schon? Jedenfalls sprachen wir also über den ESC. Irre, aber wahr: Er kannte monströs viele Titel und Sieger wie Brotherhood of Man, Izhar Cohen und natürlich Nicole. Sondern er überraschte auch mit profundem Wissen über mazedonisch Abseitiges und dass Finnland ja wirklich bedauernswürdig sei: nie gewonnen, immer abgemüht. Okay, er konnte damals nicht damit rechnen, dass am Horizont längst Lordi … Das ist wiederum eine andere Geschichte.
Neben vielem war er vor allem Fan. Einer, hätte es ihn nicht ins Fernsehen getrieben, der sich auch um CDs geprügelt hätte, um Rederecht auf Pressekonferenzen und sei es mit Musikinstrumenten wie 2000, als er bei der Vorentscheidung in Bremen alle dümmlichen und dümmstlichen Reporterfragen vergrölte – mit Antworten zur Ukulele-Begleitung. Ja, das waren Höhepunkte. Vor allem solche, die den Mief des Grand Prix Eurovision vor allem in jene Nasen zurücktrieb, die ihn verbreiteten. All die ehrpusseligen Schlagerspießer, die auf einen wie ihn nicht gewartet hatten.
Kurzum: Raab war Fan. Dann Produzent von Guildo Horn. In Birmingham gar Dirigent (wenn auch nur zum dirigistischen Schein, kam ja alles aus der Konserve – aber er wollte in die Fußstapfen all der Ossi Runnes und Noel Kelehans treten, so sagte er mir). Dann kam er als Performer – Komponist und Texter war er ja ohnehin.
In Sachen Max Mutzke ging es um mehr: Um sich als Mentor zu platzieren, auf dass aus Deutschland wirklich gute Musik komme. Mit Lena hatte er sein Meisterstück entdeckt, und dass es eines war, mag daran erkennbar sein, dass sie ihn selbst vernehmlich bewunderte, er wiederum sie nicht knetete und zur Marionette machte. Von ihr – der Castingentdeckung und späteren ESC-Gewinnerin – bekam er 2010 den deutschen Fernsehpreis in der Kategorie “Besondere Leistung Unterhaltung” überreicht. Dieses Jahr schließlich seine Krönungsmesse, wenn man so will. Lenas Titelverteidigung war seine Idee, auch, dass er moderieren möchte.
In der Rolle des Jurypräsidenten schien er manchmal allzu parteiisch – aber gemessen an Lahmheiten von Kollegen, die man sich lieber nicht vorstellen will, war das immer noch okay. Der Rest mag Geschichte sein: Intro-Performer, Sänger, Moderator. Und alles in allem: auch noch Fan.
Er wird, dem Vernehmen nach, sich nicht ganz und gar zurückziehen. Seine Kollegen und Kolleginnen aus dem Popgeschäft, ob nun Lindenberg, Kloß, Müller-Westernhagen oder Nena, wird er zur Mitarbeit anregen. Würde seine Hintergrundkompetenz nicht in die Waagschale geworfen, hätte die Aufbauarbeit der vergangenen zwei Jahren, so gesehen, keinen Sinn. Das wäre ein unsoziales Tun – eines, das einem Kind geziemt: Ich bau was auf, um es hinterher mit Lust zu zerstören. Erwachsene tun sowas nicht!
Stefan Raab, zu dessen nicht geringsten Verdiensten es zählt, seit Stockholm im Jahre 2000 nie mit der “Bild-Zeitung” kooperiert zu haben, wollte höchstwahrscheinlich nicht den Siegel geben. Der hätte nach “Ein bisschen Frieden” Frieden geben sollen – was er leider nicht tat. Er wurde manisch, eifernd, unwürdig. Nein, der Kölner Raab wird in die Rolle des Elder Statesman des ESC hineinwachsen wollen, nicht in die des Alternden in der Rolle des Ewigjugendlichen.
Der Rest, jenseits von ihm, möchte Zukunft sein. Etwa in Form von “Ein Lied für Baku“.











Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.