A Ticket To Ride

18. Februar 2011

“She’s got a ticket ro ride”, trällerten, äh, stimmten die Beatles vor knapp einem halben Jahrhundert an – und Lena Meyer-Landrut wird ihr Ticket und dieses Gefühl zum zweiten Mal heute Abend knapp vor halb elf Uhr haben können: Sie weiß dann, aus welchem Stoff ihre Träume in Hinblick auf Düsseldorf gewirkt sein werden. Schwarzfahren gilt nicht, die Jury hat ohnehin nur kommentierende Funktion. Möglich, dass die einstig angehende Abiturientin nicht mit den beiden eigenen Songvorschlägen reisen darf, aber diese Situation kennt sie aus dem Vorjahr: “Satellite” war der Act des Publikums.

Lena Meyer-Landrut bei Unser Song für Deutschland. Foto: Willi Weber, Brainpool / ProSieben
 
Hier möchte ich mich aus dem Fenster lehnen und vorab die Prophezeiungen ein wenig befeuern.

Maybe” stammt von Daniel Schaub und Pär Lammers, sie haben noch ein weiteres Lied in der Konkurrenz. Sie können echt sagen: “Made in Germany”, was ja in gewisser Hinsicht auch ein Aspekt ist. Ich finde diesen Titel schön und fein und gut, allerdings auch ein wenig belanglos. Ich muss das so unhöflich sagen, denn es kommt ja auf ein Lied an – und alles okay finden, gilt nicht. Ich denke, es wird ein guter sechster Rang.

 ”Taken By A Stranger” stammt von Nicole Morier, Gus Seyffert und Monica Birkenes und ist im Netz, gemessen an den Klickquoten, der Favorit schlechthin. Zeitgenössischer Popelektrosmog meets Eighties – das hat etwas Beunruhigendes, ja, dieses Lied weicht heftig von den Cassettenrecordersounds des Vorjahres ab. Mein Platz? Der Zweite! Wird aber wohl gewinnen, denn Sie, das Publikum, wollen ja Lena beim Erwachsenwerden unterstützen!

 ”What Happened To Me” ist vom Traumduo Meyer-Landrut & Raab themselves. Ein eher gutgelauntes Stück Pop, das die Rätselhaftigkeit des Daseins an der Schwelle zwischen Mädchen und Mutter zwar nicht ausdrücklich, aber eventuell insgeheim thematisiert. Ein schönes Alter, das einer 19-Jährigen – gut verpackt in einem adäquaten Song. Ein prima vierter Platz!

 ”A Million And One” aus den Federn von Errol Rennalls und Stavros Ioannou, beide, wie deren Namen schon sagen, bekennende Hannoveraner. Es ist ein Lied, das aus meiner Perspektive nicht so recht weiß, was es sein möchte – erfrischend und optimistisch, andererseits könnte es auch als so stürmisch wie die herbstlichen Wässer des Flüsschens Leine empfunden werden. Fünfter Rang, das wäre okay.

 ”Push Forward” ist das zweite Stück von Daniel Schaub und Pär Lammers. Es sei romantisch, sagen die jungen Männer, allerdings nicht kitschig. Nun, ist es aber doch kitschig, und das ist das große Plus dieser Hammerballade. Es klingt dezent, schummert jedoch irgendwie in aller Unheimlichkeit über drei Minuten. Lena hat bei der Performance in der zweiten Runde bei diesem Lied die Scheu einer irritiert Überraschten ausgestrahlt – das wäre aus meiner Sicht das Rezept, um in Düsseldorf den größten Blumenkorb zu gewinnen. Der Burner des Abends – es landet wohl aber nur auf dem zweiten Platz.

 ”Mama Told Me“, abermals von Meyer-Landrut & Raab, diesmal funkig, soulig und im Ansatz, als wär’s von Earth, Wind & Fire. Tanzbar, wenn man noch ein paar Bässe hinzufüttert. Platz drei!
 
Das wird es sein: “Taken By A Stranger” – “Push Forward” tapfer auf dem zweiten Platz.

P.S.: Irland? Sollten wir nicht langsam die freundlichen Zwillinge aus Irland thematisieren? Ich grüble noch. Sie geben einem Rätsel auf. Ist das nicht super? Mal kein vorschnelles Urteil? Muss auch mal sein!

Und wo bleibt der Glamour?

25. Februar 2010

 

Dieses Format finde ich klasse. Es ist auf jeden Fall eine Rettung vor allzu trunkener Schlagerseligkeit oder vor der Methode, die deutschen Kandidaten für einen ESC anzuwerben, ohne dass diese ernsthaft Hunger auf internationalen Ruhm für wenigstens eine Nacht haben.  “Unser Star für Oslo” muss so interpretiert werden: Mit Stefan Raab als Dirigent ist es wieder möglich, zeitgenössische Popmusik denkbar zu machen als deutsche ESC-Hoffnung.

Vier Vorrunden haben wir bislang gesehen – und ganz offenkundig sind es Lena Meyer-Landrut und Christian Durstewitz, die eine besondere Wertschätzung Raabs genießen. Es würde mich nicht wundern, wenn es auch Kerstin Freking und Sharyhan Osman ins Halbfinale schafften.

Aber es gibt Umstände, ästhetische Zuschnitte, die mich inzwischen ein wenig zu stören beginnen. Es heißt “Unser Star für Oslo” – aber das einzige Indiz für das Publikum, dass es um eine ESC-Teilnahme geht, ist eben der Hinweis “Oslo”.

Ohne nostalgisch werden zu wollen, würde ich sagen: Der ESC ist nicht der ESC, wenn man seine Geschichte ausblendet – und sei es nur im nationalen Vorentscheid. “Unser Star für Oslo” wurde doch nicht geschaffen, um einem jungen Talent einen Aufenthalt in der norwegischen Hauptstadt zu finanzieren. Es geht um viel mehr. Der ESC hat eine inzwischen 54-jährige Geschichte – und um diese sollten zumindest jene wissen, die sich dieser Show aussetzen. So viel darf der eingefleischte Grand Prix-Fan schon verlangen.

Aber bei “Unser Star für Oslo” taucht dieses historische Moment nirgends auf. Okay, die “Heavytones” sind ein Stück Revitalisierung der Orchesteridee, jetzt im Stile einer Band, die moderne Musik mit einem Klangteppich unterlegen kann.

Warum aber singen die Kandidaten und Kandidatinnen nicht auch – gern in den Varianten der Heavytones – ESC-Songs von gestern. Warum müssen die Aspiranten und Aspirantinnen nicht eine Interpretion von Songs wie “Congratulations”, “Volare” oder “Hard Rock Hallelujah” vortragen? Warum nicht mal “Ein bisschen Frieden” (etwa als HipHop), “Wunder gibt es immer wieder” (vielleicht als Jazzvariation) oder “Molitva” präsentieren? Etwa wie bei der Vorentscheidung vor wenigen Jahren, als Roger Cicero, Heinz-Rudolf Kunze und Monrose sich an altem Material versuchen mussten. Das war ziemlich beeindruckend und erfrischend.

USFO erscheint ohne diese Anknüpfungen an den ESC in all seinen Facetten wie ein Leistungsperformen, wobei der Anlass des Castings in den Hintergrund rückt.

Misslich scheint mir auch, dass die Kandidaten und Kandidatinnen stets nur Songs interpretieren, die sie sich selbst ausgesucht haben – Lena und Christian haben bislang immer in die gleiche stilistische Schublade gegriffen und streichen entsprechend das stets gleiche Lob ein.

Und noch ein Punkt, der mir leichtes Unbehagen bereitet: Die Aussage, Lena Meyer-Landrut singe in einem perfekten Englisch, mag als Kompliment gedacht sein. Aber ist das schon das wichtigste Detail, das wir, das Publikum, wissen müssen, um ihr eventuell zum Ticket für Oslo zu verhelfen?

Mir fehlt es am Glamour, an der Situation der Entscheidung. Noch scheint allen KandidatInnen nicht bewusst zu sein, dass es nicht darauf ankommt, das USFO-Casting zu gewinnen. Dies sollte nur als ein Schritt angesehen werden, auf dem Weg andernorts zu glänzen. In Oslo nämlich. Und die Qualitäten, auf die es ankommt, mögen noch im Verborgenen liegen – aber Glamour fehlt heftig. Einen Alexander Rybak haben wir bei USFO noch nicht gesehen. Ich bedaure das sehr! 

Tendenzen werden klar!

17. Februar 2010

1. Ein Freund schwor mir vor einer Woche, Meri Voskanian, die Frau, die schon sowohl an der armenischen Vorentscheidung einmal teilnahm wie an einer Staffel von DSDS, werde mit “an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit” das Rennen ums Ticket nach Oslo gewinnen. So kann man sich irren: Solche Sicherheiten gibt es nicht, nicht beim ESC, nicht bei dessen Vorentscheidung – und offenbar auch nicht bei USFO. Sie schied mit einer Alicia-Keys-Nummer aus. Wie auch die kehlkopfentzündete Straßensängerin Maria-Lisa Straßburg. Irgendwie hatte ich den Eindruck, Cyril Krueger sei der sichere Kandidat für einen Abschied, aber er hat wohl so niedliche Äuglein, dass das Televotingpublikum sich erbarmen wollte.

 
2. Kerstin Freking mit der Dixie-Chicks-Nummer? Ich wünschte, sie hätte mit diesem Lied nicht so geklungen wie Joan Baez auf schlechtem Speed. Aber sie kam durch. Schätzungsweise könnte für sie in der nächsten Runde Schluss sein.
 
3. Leon Taylor, mit dem Moderatorin Sabine Heinrich sehr gern Kontakt hat, soweit man das aus der Ferne beurteilen kann, wirkte leicht müde und dennoch zappelig mit einem Lied von Silbermond. Mir schien, als neigte sich sein Repertoire dem Ende entgegen.
 
4. Katrin Walter wird von Stefan Raab zurecht gerügt. Sie müsste, zumal nach einer Duffy-Nummer, mal beim Refrain auf die Tube drücken. Sie hat den Dirgenten der Show jetzt hoffentlich richtig verstanden. Auch sie eine Aspirantin, die rausfliegen könnte, weil sie nichts wagt. Liegt es daran, dass ihre Stimme nicht variabel genug ist? Alles ein wenig konventionell, bei diesem Talent. Man hört ihr zu und glaubt am Ende ihres Vortrags, es seien gefühlte drei Stunden vergangen.
 
5. Jennifer Braun und Sharyhan Osman sind auch fein durchgekommen – Letztere mit einer wirklich hübschen Liedgeschichte, obendrein von ihr selbst komponiert und getextet.
 
6. Aber diese Tendenz zeichnet sich ab, Stefan Raab war bei beiden wieder ganz aus dem Häuschen: Lena Meyer-Landrut mit “Diamond Dave” und Christian Durstewitz mit “Change”: schwierige, eher unbekannte, kaum chartkompatible Lieder. Und Raab applaudierte beinah verliebt nach deren Vorträgen. Mein Gefühl: Beide schaffen es bis ins Finale, beide sind so individuell, so unterscheidbar und ersichtlich geil auf diese Fahrkarte in die norwegische Hauptstadt, dass sie es schaffen müssten. Hunger in Verbindung mit Selbstvertrauen ist eben immer gut hörbar.
 
7. Durstewitz war Objekt des Spotts von Moderator Matthias Opdenhövel. Was der denn mache mit seiner aufgerissenen Hose, aus deren Loch heftige Beinbehaarung lugte, wenn er in die ARD ins Viertelfinale komme – dort trage man doch Bundfaltenhose. Wir schmunzelten matt mit!
 
8. Raab war in bester Form – er schwor zu Beginn, die Urteile etwas schärfer zu fassen. Tat er auch, wenigstens ein bisschen.
 
9. König Boris von Fettes Brot war erfrischend norddeutsch in seiner Jurorentätigkeit.  “Nächstes Mal Arschbombe”, forderte er, und das bitte auch weiterhin von der Jury. Erfrischend zu hören, dass auch in seinem Jugendzentrum Melissa Etheridge lief. Freunde, die ebenfalls in der norddeutschen Tiefebene aufwuchsen, versicherten mir diskret, diese Situation zu kennen, die er da beschrieb.

 10. Im Gegensatz zu Nena. Freunde riefen an, genervt fragend, ob die immer so sei, ja, ob sie wohl gerade auf ayurvedischen Drogen sei. Ich schwöre, da ich diese Sängerin zwei Mal traf: Sie ist immer so. Alles gut, alles prima, alles wunderbar, schön, wahr und gut. Wer solche Lehrerinnen hat, muss sich nicht wundern, nie etwas als Mitgift fürs Leben erhalten zu haben. Das war trillerig, beliebig und schwer zu ertragen. Ach, was für ein Unterschied zur erheiternden, provokanten Frau Connor.
 
11. Ich freue mich auf die nächste Aussiebung. Tipp: Katrin und Kerstin haben nur noch einen Auftritt vor sich.

Staatstragend cool

21. Januar 2010

Das war gar nicht zu umgehen: Gefühle bei dieser Pressekonferenz zu hegen, die ins Staatstragende wiesen. Nie zuvor in der deutschen ESC-Geschichte hat ja ein Macher- und Medientreffen stattgefunden, das noch über dem Bundestag, dem Parlament, in der Glaskuppel des Reichstag, angesiedelt war. Viele waren gekommen, auch die Gesprächspartner von ARD und Pro7. Aber was gab es schon mitzuteilen, was nicht ohnehin bekannt ist? Die Vorrunden finden beim Privatsender statt, ebenso das Halbfinale, das Viertelfinale wie das Spektakel des Finales wiederum werden in der ARD ausgestrahlt. Ein paar Neuigkeiten rund um die großen Namen in der Jury, ein paar Details zu den Shows – mehr gab es auf diesem Termin nicht.

Hübsch war es dennoch, in jeder Hinsicht. Max Mutzke sang ‘Can’t Wait Untill Tonight’ im Reichstagsrestaurant, Edelhäppchen von eingelegtem Gemüse und Eisbeinsülze machten die Runde, das Ganze war endlich ’Gala’ statt ‘Freizeit Revue’ – ganz so wie es sich für den Eurovision Song Contest gehört. Momente von Wichtigkeit durchwehten die Szenerie. Gut, das! Dem Vernehmen nach macht sich RTL und sein DSDS-Format schon Sorgen, ob man mit dem absehbaren Unser-Star-für-Oslo-Hype wird mithalten können. Ich denke: wahrscheinlich nicht. Ein DSDS-Sieg mag das eine sein, die Qualifikation für die Endrunde der Popeuropameisterschaften in Oslo ist etwas anderes.

Verblüffend allerdings war der Beweis, der die Differenz beider Showformate umreißt: Max Mutzke nämlich, ESC-Star auf deutschem Ticket des Jahres 2004, gecastet bei Stefan Raab und akklamiert durch das ARD-Publikum der deutschen Vorentscheidung, ist noch immer ein Star, wenn auch einer im zweiten Frühling. Er kann singen, er ist ein bezaubernd-kraftvoller Musiker – und ihn hat kein ESC beschädigt, sondern diesem hat er weitgehend alles zu verdanken. Böse gesagt: Er hat alle Meriten für eine gute Zukunft auf seiner Seite, ein Alexander Klaws hingegen wird womöglich in Bälde Reklame auf Verkaufssendern machen müssen.

Oder liege ich da falsch – was ist schon ein makellos scheinendes Gesicht gegen einen Charakterkopf, der international, in Istanbul, immerhin einen achten Platz erreichte?

Ich finde: Das Staatstragende ist extrem erfrischend – es kam sogar ohne Pomp aus. Alles sehr cool unter der Reichstagskuppel – das hebt die Vorfreude auf die Unser-Star-für-Oslo-Runden erheblich!

Eine Tür zum Pop-Olymp

10. September 2009

Nicht schlecht: Der Auftakt der deutschen ESC-Saison an einem 10. September. Und zwar in Köln. Bei Stefan Raab. Nicht, dass wirklich viel Neues auf dieser Pressekonferenz in den Raabschen TVTotal-Studios gesagt wurde: Die Vorrunden beginnen im Februar, das deutsche Finale aus zwei Kandidaten steigt im März. Die Anmeldung beginnt von nun ab, die Castings selbst findet vom 18. September bis in den November hinein an neun Wochenenden statt. Am Ende, so Raab, gehe es darum, ein gradioses Unterhaltungsereignis, das größte TV-Ding nach den Fußballweltmeisterschaften und den Olympischen Spielen für das deutsche Publikum zu emotionalisieren.

Insofern kann die Operation “Allianz zwischen ARD und ProSieben”, zwischen den Öffentlich-rechtlichen und Stefan Raab beginnen. Eine Allianz mit RTL, so NDR-Intendant Lutz Marmor, sei nicht in Frage gekommen – nur mit Raab, weil er glaubwürdig sei, drei Mal am ESC teilgenommen hat und anders als DSDS am künstlerischen Gehalt der nachhaltigen Sorte interessiert sei, nicht am Spektakel einer Nacht wie bei RTL.
 
Ich finde, die PK lud zu den feinsten Hoffnungen ein: Der ESC und seine deutsche Vorentscheidung, seine deutsche Suche quasi nach zeitgenössischer Pop-Exzellenz, werden allen anderen Castingshows den Rang ablaufen. Denn am Ende winkt kein Plattenvertrag – der vielleicht auch -, sondern ein Gang durch eine Tür, hinter der der Pop-Olymp liegen könnte. Der NDR hat mit dieser mächtigen Allianz ermöglicht, was es in kleineren Formen mit Raab auch schon 2004 gab – ich glaube, dass mit diesem TV-Bündnis allen gedient ist: Dem ESC, Raab, der ohne die ARD nicht zum ESC könnte – und der ARD natürlich auch. Soviel Coolness gab es selten.
 
Nur wenige dürften enttäuscht sein: All die Schlagersänger und Chanteusen, die heute noch am Stoff der Siebziger hängen. Deutsche Heulsusenmusik wird es nicht sein, der deutsche Sonderweg zum ESC kann ein Ende haben: Gesucht wird ein Star mit Nachhaltigkeit, kein Act, der vor dem Aufstieg schon am Verglühen ist.

Die Geheimoperation geht weiter

23. Januar 2009

Es geht um eine Fahrkarte nach Moskau, aber man fühlt sich eher wie bei “Liebesgrüße aus Moskau”. Die Bewerbungsfrist für jene Acts, die sich der internen Expertenrunde des NDR stellen möchten, ist gestern abgelaufen. Jetzt, so lässt sich an diesem Tag zusammenfassen, geht die Suche nach einem Kandidaten wie in der Überschrift formuliert im Verborgenen weiter. Und ein wenig scheint es so zuzugehen wie in einem Spionage-Streifen à la James Bond: Nichts darf nach draußen dringen, alle sind aufs Schweigen verpflichtet. Was soll man sagen? Es klappt!

Diverse Anrufe von Freunden, die sich als Journalisten ausgaben (“Erzählen Sie es mir doch im absoluten Vertrauen!”) bei Plattenfirmen ergaben eine Rechercheausbeute von null – null wie nichts oder gar nichts! Alle halten die Klappe. Nur die Band Lichtpunkt, wie man auf deren Internet-Seite nachlesen kann, gibt sich selbst als Anwärter für die Fahrkarte nach Moskau bekannt. Ob das ein kluges Outing ist, kann, muss aber nicht bezweifelt werden: Die Kriterien für die Auswahl der Experten sind ja offen erörtert worden – es soll ein Song sein, mit dem Deutschland in der russischen Hauptstadt erstens sich nicht blamiert, zweitens am besten gewinnt.

Nun, da hängt die Latte natürlich extrahoch – aber warum nicht? Marija Serifovic hat ja vor knapp zwei Jahren auch keine Minute verschwiegen, dass sie die Königin von Helsinki werden will. Es darf, es kann weiter spekuliert werden: Haben sich Rosenstolz beworben? Die Scorpions? Nina Hagen? Oder Udo Lindenberg feat. Ingrid van Bergen, die Dschungelbewohnerin? Wenn schon keine Infos nach draußen dringen, können wir wenigstens von Herzen spekulieren. Hat jemand andere Mutmaßungen oder gar geheime Informationen?

Das Schlagerabendland in Gefahr?

22. Dezember 2008

Die Medien, die lautstärksten voran, waren schockiert: kein Vorentscheid! Auch in unserem Blog ist bei einigen die Empörung groß. Man möchte erwidern: Gott oh Gott! Gab es nicht Jahrgänge, in denen Deutschland fern von jeder Vorentscheidung gut abgeschnitten hat? Wencke Myhre 1968, Ireen Sheer 1978 oder Mekado 1994 zum Beispiel. Natürlich gab es auch direkte Nominierungen, die ohne den Umweg einer Vorentscheidung direkt ins Verhängnis führten: Die Münchner Freiheit und Stone & Stone seien hier aus der Hall of Shame genannt. Aber sprechen wir hier über das Gute, das Bewahrte, das auch im nächsten Jahr auf alle Fälle Planbare.

Zuschauer einer Schlagershow des MDR, Foto: Picture Alliance

Der NDR gibt bekannt, dass es am 16. Mai vor dem Moskauer Finale eine Grand-Prix-Party von der Reeperbahn geben wird – und nach der Show geht es aus Hamburg live vor Zehntausenden weiter. Das Halbfinale wird wieder vom NDR übertragen – und zwar, wie es den ESC-Regeln entspricht, eines von beiden live. Welches, wird im März in Moskau ausgelost, und dieser Akt wird per Livestream auf eurovision.de übertragen.

Bei der Abstimmung für das Halbfinale bleibt alles beim Alten , erklärte auf Nachfrage der EBU-Verantwortliche für den Contest, Svante Stockselius. Die Televoter entscheiden ohne Einmischung einer nationalen Jury, wer ins Finale einzieht. Die Juroren beider Semifinals stimmen aber erneut parallel ab und haben das Recht, je ein Lied aus beiden Halbfinals mit einer “Wildcard” ins Finale zu wählen, falls es nicht schon vom Publikum ausgesucht wurde.

Dann schenkte Svante Stockselius uns noch einen kleinen Wermutstropfen ein: Auch nach dem Finale wird es keine Informationen über die Jury- und Publikumsvoten geben. Alles bleibt geheim. Wir werden, nach Lage der Dinge, also nie herausfinden, ob der spätere Gewinner seinen Sieg nur der neuen Regelung verdankt und ohne die Stimmen der Experten vielleicht unter ferner Sangen gelandet wäre. Kurzum: Das Abendland des deutschen Popschlagers ist mit dem Verzicht auf den Vorentscheidung nicht untergegangen. Dass viele – und ich selbst auch – gerne eine Show mit ungewissem Ausgang im März erlebt hätten, steht auf einem anderen Blatt. Schade drum, aber kein Schaden. Und: 2010 ist auch noch ein Jahr.

Eine Geheimoperation? Warum nicht!

16. Dezember 2008

Der allerletzte Platz der No Angels hat zu einer radikalen Lösung des Verfahrens geführt, welcher Act für Deutschland beim 54. Eurovision Song Contest ans Mikro treten wird. Es wird 2009 keine Vorentscheidung geben, weder eine mit Thomas Herrmanns, noch überhaupt eine: Ein Song wird von einer Jury gewählt und dieses Gremium wird nicht öffentlich im Big-Brother-Verfahren tagen, sondern geheim.

Wer tritt für Deutschland beim Grand Prix an? Foto: Picture Alliance

Bewerben kann sich für dieses Lied für Moskau jeder Produzent, jeder Komponist, jeder Texter und jeder Sänger – wichtig ist allein, ob sie bereits Teil der Musikwirtschaft sind, sprich Mitglied der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA). Das ist vom Regelwerk bedeutsam, weil dieser Passus ausschließt, dass sich die Jury waschkörbeweise mit Probeaufnahmen von Amateuren und Laien auseinandersetzen muss.

Okay, so ist der Nachrichtenstand. Nun lässt sich spekulieren: Am Ende könnte es ein Song von Stefan Raab oder einer aus anderen deutschen Produzentenstudios, auch aus dem von Ralph Siegel, sein. Dieses in ästhetischer Hinsicht offene Verfahren ist wenigstens keine Vorabfestlegung auf einen Stil – wichtig ist dem Vernehmen nach nur, dass ein Song plus Interpret gewählt wird, der in Moskau nicht nur Sendefutter ist, sondern auch gewinnen kann.

Es ist jedenfalls keine schlechte Entscheidung, die Vorentscheidung radikal zu streichen, wenigstens und hoffentlich nur für dieses Jahr. Das Publikum kann, sollte dieses Lied in der russischen Hauptstadt nicht unter den Top Ten landen, die Schuld der Jury geben. In den vergangenen vier Jahren war es ja so, dass die Songs, die per Televoting in Deutschland die Fahrkarte zum internationalen Einsatz gewannen, punktemäßig schwer abgestraft wurden. Das Ende vom Lied, um es mal so zu formulieren, war dann ja: Wir, als deutsches Publikum, werden international nicht lieb gehabt. Dieses Gefühl war unbestreitbar vorhanden – und dieses Gefühl kann im kommenden Jahr nicht aufkommen.

Ich finde die NDR Entscheidung nicht perfekt – eine Vorentscheidung ist grundsätzlich besser als keine, ein Festival zum Mitfiebern ist demokratisch besser als ein Oberhäuptlingsverfahren. Aber die Musikwirtschaft will derzeit offenbar kein Verfahren, das ihre Kandidaten, die nicht gewonnen haben, quasi verbrennt. Also: Für 2009 ist dieses Verfahren okay – für die Jahre darauf bitten wir doch wieder um das, was einer Demokratie gut ansteht: Mitbestimmung.

Ein Forum der Verständigung

10. November 2008

Guildo Horn beim ESC 1998. Foto: Katja Lenz / Picture Alliance

Ich finde gut, dass unser verehrter Ralph Siegel sich auch an unseren Debatten beteiligt. Er ist längst kein Junger mehr, aber im Herzen hat er eine Frische, dass manch ein biologisch Jüngerer neidisch werden müsste. Seine größten Hits hatte er in den Siebzigern und frühen Achtziger – und toll ist, dass er sich bis heute Sorgen macht um die deutschen ESC-Angelegenheiten. Meinunger und er, Ersterer der Texter fast aller bekannten Songs von Siegel, stünden bereit. Das glauben wir ihm gern. Viele Fans denken, dass Siegel immer Lieder in petto hat, die, wie jene von Corinna May und Lou, einen großartigen Zuschnitt haben. Leider werden sie international nicht so verstanden, dass man am Ende von einem stolzen Resultat sprechen könnte. Auch die Engagements von Siegel für Malta 2004 (als Produzent für Julie & Ludwig) oder für die Schweiz 2006 in Athen waren auf ihre Weise sehr schön, aber führten doch nicht zu einem Erfolg, der uns in Deutschland herzerwärmt hätte, platzmäßig gesprochen. Dieses Jahr ist Siegel ja bereits in Malta tätig – wir sind sehr gespannt.

Will sagen: Immer noch fahnden NDR und andere nach einem Act, der in Moskau Furore macht. Ist denn Bushido wirklich ein schlechter Vorschlag? Sollte man nicht, was mir persönlich nahe läge, Helene Fischer ansprechen, auf dass sie mit Xavier Naidoo ein Duett singt? Oder, warum nicht?, Daliah Lavi fragen, ob sie nicht mit Peter Licht einen Pop-Act probiert? Das hätte Glamour. Das will im Übrigen ja alles gut überlegt sein.

Wer zu früh etwas von dem verrät, worauf es ja erst in einem halben Jahr ankommt, verbrennt sich womöglich die Finger. Das zeigt sich gerade in den Niederlanden, wo die groß angekündigten Kandidaten, die Toppers, öffentlich über eine Trennung sprechen. Ich plädiere für die Renaissance eines Stils, den zuletzt Guildo Horn 1998 verkörpert hat: Heftige Konfrontation, Umstrittenheit in jeder Hinsicht – und damit eine Aufmerksamkeit für den ESC, der ja vor Guildo Horn, immer auf Ralph Siegel zulief. Und das atmete doch, aller jugendlichen Frische vom Vater des Songs “Ein bisschen Frieden” zum Trotz, immer ein wenig Gestrigkeit.

Spannung ist wichtig!

29. Oktober 2008

Warum, liebe Mitdebatttierer, gibt es inzwischen von manchen Seiten eine so seltsame Nervosität? Dass der NDR noch nichts zum ESC-Geschehen des kommenden Jahres hat verlauten lassen? Wie könne es sein, dass Bulgarien, Russland und manche andere Länder längst mit ihren Präparationen begonnen haben – aber wir, als Deutsche, noch nicht?

Ich will nicht verhehlen: Mir gehen solche Missgestimmtheiten auf die Nerven. Mannomann: Das Ereignis, um das es geht, ist doch erst in über einem halben Jahr. Zumal es um Musik, um Pop geht: Und keine Ware ist so flüchtig – von Investmentgeschäften einmal abgesehen – wie die musikalische. Heute ein Hit, morgen nur noch Nostalgie, höchstens geeignet, auf einer Compilation von “One Hit Wonder” eine gnadenbrotige Rolle zu spielen.

Pop ist, wenn Dima Bilan gewinnt und niemand in Deutschland sich noch an seinen Namen erinnern kann. Pop ist ausnahmsweise nur dann über den Tag hinaus gut, wenn es läuft wie bei Abba. Ein ESC-Sieg, ein halbes Jahr Flaute, um dann über viele Jahre den Markt fast zu beherrschen.

Ein deutscher Act für Moskau will gut überlegt sein. Jetzt schon, im Oktober, den Event beginnen zu lassen, übersieht die Gesetze des ESC: Vorfreude ist die schönste Freude. Guildo Horn wurde im Spätherbst 1997 erstmals ins Spiel gebracht, draußen war es schon richtig kalt. Aber das war eine einmalige Ausnahme.

Nur mal theoretisch: Was wäre, würde in Deutschland erst im Februar ein Star geboren, so wie England vor Jahren über Nacht Amy Winehouse es schaffte? Na, da wäre es doch pragmatisch gesehen gut, wartete man ab. Die Winehouse hätte mit jedem ihrer jüngsten Songs einen ESC gewonnen. Jetzt darauf zu drängen, einen deutschen Kandidaten zu bestimmen, wäre eine halbe Garantie, dass es in Moskau nichts wird mit einem Rang, der besser ist als der, den die No Angels schafften.

Ich persönlich bin dafür, dass die NDR-Entscheidung über das, was deutscherseits in Moskau sein wird, so spät wie möglich bekannt gegeben wird. Sollen die anderen doch in länglichen Viertelfinals ihre Teilnehmer auswählen. Es wird ihnen weder nützen noch schaden.