Einmal mehr: Lena und die Bild-Zeitung

3. August 2010

So las ich es, so lasen es möglicherweise tausende in der auflagenstärksten Zeitung der Bundesrepublik, der Bild-Zeitung: “Schlechte Prognose für zweite Single, schleppender Ticket-Vorverkauf. Gerät Lenas Karriere jetzt schon ins Stocken?” Alles hübsch in Fragezeichen, aber die Unterstellungen werden wohl funktioniert haben: Dass die Laufbahn der diesjährigen ESC-Siegerin stockt, ja, dass sie bereits stärker am Versanden ist als alle dachten, so schreiben es auch zahlreiche Blogs und Promi-Seiten beim Boulevard-Vorbild ab.

Zum Beleg wird angeführt, die zweite Singleauskoppelung, Titel: “Touch A New Day” sei nicht mehr so hoch in den Charts platziert, auch verlaufe der Verkauf der nächstjährigen Frühjahrstournee eher desaströs.

Nun, für dieses Medium und seine Meldungen muss man sagen: Es liebt das Hochschreiben – und das Niederschrieben. Diese Zeitung hat keinen wesentlichen Kontakt zu Lena und zu ihren promotionellen Tätigkeiten, vor allem hat sie keinen besonderen Zugang zu ihr. Exklusiv war nie etwas, was über Lena in der Bild stand. Lena als Star war auch ohne die Bild-Zeitung möglich, ja, ohne diese Zeitung konnte sie überhaupt erst ein Stern am Pophimmel werden. Mit der Bild-Zeitung wäre sie eine Entertainmentramschware geworden wie so viele andere.

Nun ist Sommer, Zeitungen haben es schwer, Nachrichten auszutrüffeln - da passt das Niederschreiben von Lena. Kann sein, dass die Hannoveranerin uns demnächst mit ihrer Allpräsenz nervt, bei manchen ist dieser Effekt bereits eingetreten. Das wäre, das ist normal. Aber, um mal gleich das fetteste, weil prominenteste Beispiel der ESC-Geschichte auszukramen: Abba brauchten nach “Waterloo” für den nächsten Hit mehrere Monate, Udo Jürgens gleich ein ganzes Jahr.

Lena wird die scheinbesorgten Bild-Fragen überleben. Die Frage ist aber: Wird die Auflage dieser Zeitung so weiter sinken wie in den vergangenen Jahren?

Nichtiges und Kostbares

10. Mai 2010

Spanien ist ja gebeutelt: Nicht, dass man sich mit Vorentscheidungen keine Mühe gäbe, aber irgendwie kommen doch immer nur miese Plätze dabei heraus. In diesem Jahr versucht es Daniel Diges, ein freundlich, Gott sei Dank nicht allzu torrerohaft aussehender Künstler.  Massiel, die Göttin von 1968, wünscht ihm alles Glück für den Trip nach Oslo. Ich will mich hier nicht verstecken: Das ist das wunderbarste spanische Lied (Video) seit Anabel Condes Act 1995. Ein Walzer zum Verlieben!

Man möchte in Bälde aufwachen und Josh Dubovie für einen wirklich nicht besonders guten Scherz der BBC halten: Der Mann hat das Casting für den ESC gewonnen. Im Finale tritt er an mit einem Titel von Pete Waterman und Mike Stock, auf deren Konto ein guter Teil des Erfolgs von Bananarama, Rick Astley und Kylie Minogue geht. “That Sounds Good To Me!” (Video) klingt hässlich, der Sänger sieht fade aus, allein schon seiner Frisur wegen, er singt, als betriebe er Karaoke mit der Haarbürste auf der Kaufhausrolltreppe, und das talentlos. Schade, Vereinigtes Königreich, das wird dieses Jahr – ein Jahr nach Jades verdientem fünften Platz  – wieder nix mit einer wenigstens mittelmäßigen Platzierung.

Jessy Matador ist ein in Kinshasa, Kongo, geborener Franzose, der dummerweise ein sehr nerviges, halbwegs fußballstadientaugliches Lied (Video) singt. Man wünscht, dass die ESC-Verantwortlichen in Paris mal wieder so etwas Geniales  ‘erfinden’ wie vor 20 (!!) Jahren Joelle Ursull: Weltmusik, die hübsch und mitreißend klingt. Hektisch, aufgeblasen und unverführerisch dagegen Jessy Matador – er wird Patricia Kaas noch stärker vermissen lassen, als man das vom Jahr nach der Lothringerin ohnehin erwarten musste.

Es ist gut, dass Deutschland Lena Meyer-Landrut als ideale Gesamttochter adoptiert hat. Ihr “Satellite” (Video) rotiert auch in anderen Ländern dauerhaft im Radio. Man hofft, dass es dem Publikum nicht Ende Mai bereits auf den Wecker geht. Und dass sie etwas von der Livequalität einer Niamh Kavanagh mitbringt. Bei den Fanclubs rangiert sie weit oben – das sollte ihr Auftrieb geben. Eine Hoffnung noch: Dass sie ihren Auftritt in Norwegen nicht als Nebenprodukt ihres Siegs bei USFO nimmt – das Osloer Finale ist der Zweck von USFO gewesen.

Last but not least: Schade, dass alle vier Großmächte des ESC – aktuell was ihre Zahlkraft anbetrifft – erst im Finale performen. Wäre nicht besser, sie würden in einem der Semifinals wenigstens außer Konkurrenz ihre Titel vorstellen?

In der nächsten Folge: Trends, Tendenzen & Tipps vor dem Abflug gen Norwegen.

Halleluja Raab?

17. August 2009

Das, in professioneller Hinsicht, Erstaunlichste an dem, was Thomas Schreiber, ARD Koordinator Unterhaltung, am nahen Ende der Sommerferien zur Allianz der ARD mit Stefan Raab und dem Privatsender Pro7 zu sagen hat, ist nicht in den Worten zu suchen. Sondern im Ton des Respekts vor diesem Showmann, der im Grunde jenseits von kommerziellen Erwägungen in den ESC so verliebt wie es
weiland nur Ralph Siegel war. Und es ist ja wahr, Raab hat das zwar immer bestritten, doch das bleibt eine Tatsache: Mit Raabs Engagement fährt Deutschland besser als ohne ihn. Dass Raab jetzt möglicherweise sogar mit dieser Show- und Senderunion für einen Zweck sogar ins Image segelt, der ARD insgesamt gut zu tun, verblüfft Kenner ebenso wenig. Für das traditionelle ARD-Publikum wird dies dennoch überraschend sein.

Schön auch, dass die ARD-Radios, die auf jugendlichere Profile setzen, mit im Boot sind – und dass dies Schreiber auch entsprechend genugtuend zu Protokoll gibt.
Und natürlich: auch das Internet wird mit einbezogen, wie Schreiber sagt. Nicht zuletzt wissen wir, die Blogger,  User, welche Bedeutung das Internet für die Eurovisionswelt hat.
Alles in allem sind die Aussagen des Unterhaltungskoordinators der ARD vielleicht sogar der öffentliche Beleg, dass der Tanker namens ARD wirklich noch in die TV-Moderne sich umzunavigieren weiß. Wer wie ich auf der Fernbedienung die ARD aus Gründen tiefer Kindheitsprägung auf dem ersten Knopf belegt hat, findet diese Entwicklung gut. Alles weitere wird man sehen: Schreiber aber, das ist womöglich seine Pointe, möchte die Zusammenarbeit mit Raab nicht allein aufs Eurovisionsäre beschränkt wissen. Auch dies könnte die anderen Sender beunruhigen: Das wird alles sehr sehr interessant werden.

Waldeck reimte sich nicht auf Glamour!

14. August 2009

Für deutsche Verhältnisse in Sachen Woostock hätte es ja schon gereicht, wenn man sich nicht an der ästhetischen Wucht der amerikanischen Hippies und Rockmusikliebhaber orientiert hätte, sondern am Festival der Liedermacher auf der Burg Waldeck. Ebenfalls an der frischen Luft, inspiriert von der deutschen Wandervogelbewegung. Man begab sich dorthin nicht mit Limousinen, sondern mit in knatterig-einfachen Automobilen. Was zählte, war der textliche Inhalt, nicht der schöne Gesamteindruck. Schönheit, überhaupt, war verdächtig. Die Frauen, wenn es sie denn gab, sahen wir Kirchentagsbesucherinnen aus, ihre je einzelne Aura gemahnte an ein Leben im lichtschluckenden Schatten von Reformhäusern.

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Scherze um Scherzinger?

3. Juli 2009

Kürzlich erreichte mich ein delikater Anruf. Nachdem er dies und das erzählte, begann ein Freund am Hörer deutlich zu flüstern. Ob ich denn schon wüsste, dass Nicole Scherzinger längst als deutsche Norwegenfahrerin ausgesucht sei. Ich hüstelte und fragte: Scherzinger, bitte? Ja! Und so bekam ich eine Wikipediaseite zugemailt, aus der hervorging, dass sie in etwa wie Dita von Teese aussieht, sehr jung ist, vermutlich sehr, sehr durchsetzungsstark und auch bei uns, gleichwohl eine Amerikanerin mit deutschem Namen, einige Charteinträge als Sängerin der Pussycat Dolls hat verbuchen dürfen.

Davon abgesehen, dass nach meiner Kenntnis der NDR noch keine Verhandlungen mit irgendwem aufgenommen hat, schon gar nicht mit Künstlern, glaube ich, dass dieses Raunen und Räuspern über das nächste Jahr zum Spiel des ESC selbst gehört. Und dass fast alles, was da so hin und her zwitschert, aus dünnster Luft gegriffen ist. Und das muss und darf ich so sagen, weil ich mich an diesem Spiel schon mal selbst beteiligt habe.

Neulich in Moskau sagte mir ein ESC-Freund aus Porto in Portugal – worüber ja die leider auch nie ESC-geadelte Caterina Valente ein wunderbares Lied mal gemacht hat -, er fände schade, dass Nina Hagen nie für Deutschland sang, obwohl sie ja schon nominiert gewesen sei. Nach kurzer Nachfrage sagte er, er habe dies 1991 gehört. Ich musste ein spontanes russisches Lachen ausbringen, ja fast ins Gelächter ausbrechen. Das war ich selbst, ich bekenne es, der einem Hamburger Freund 1990, kurz nach der deutschen Wende, einem ESC-Freund “absolut im Vertrauen” berichtete, ich hätte vom Bayerischen Rundfunk gehört, man sei an Nina Hagen dran, und die würde ein Lied von Ralph Siegel bringen – später ergänzte ich die blank erfundene Geschichte um den Zusatz, dass es eigentlich Nina Hagen hätte sein sollen, die mit Cindy Berger und Lena Valaitis als Siegels Mädchentrio Mekado dabei sein sollten, aber “das nur im Vertrauen”.

Unglaublich aber wahr: Dieses pure Gerücht machte daraufhin in Europa eine steile Karriere. Die Story mit Nina Hagen hörte ich dann aus Norwegen, schließlich wurde sie mir auch aus Malta kolportiert. Ein Spanier erwähnte es mir gegenüber auch (“Nina Hagen ist doch eigentlich aus Barcelona, die hätte für uns singen sollen”), aber unterm Strich hieß das doch: In dürren Zeiten nach der Bescherung glaubt man alles, weil man alles hofft. Das ist der Trick aller Verschwörungs- und Hoffnungstheorien: Dass sich erfülle, was man ersehnt oder fürchtet. Nina Hagen, nur nebenbei, wäre meine Traumkandidatin gewesen.

Sie wurde freilich nie gefragt, aber das lag nicht an Siegel. Obwohl der immer nur Künstler anheuert, die ihren Zenit schon hinter sich hatten, der Kosten wegen. Aber Nina Hagen, die hat jetzt immerhin auch eine schöne Flüsterkarriere hinter sich. Das wiederum wird man von Lou oder Corinna May nie sagen können. Um zum Punkt zurück zu kommen: Dass die Scherzinger für Deutschland ins Rennen geht ist ungefähr so wahrscheinlich wie nichts anderes.

Schade eigentlich. Aber schön, dass wir mal drüber geflüstert haben!

Ist Erfolg garantiert?

10. Juni 2009

Hans R. Beierlein hat die kühlsten und klügsten Worte zum Eurovision Song Contest schon vor zehn Jahren formuliert: Wer glaube, ein Sieg sei so, als habe man im Showbusiness bereits einen Fuß in der Tür, irre. In Wahrheit sei ein Sieg nichts als die Chance, mehr als eine Zehe in die Pforte zu bekommen. Er konnte das aus eigener Erfahrung formulieren: Udo Jürgens war von 1963 an sein Schützling, er hat den berühmten Mann, nach eigener Aussage in Schwabing aufgelesen, vom Dasein als gehobener Hotel- und Barpianist befreit, aber zur Bedingung gemacht, dass er sich seinem Regime unterwerfe. Und das hatte folgendes Gesetz: Kein Schlager, alle Orientierung nur noch international, keine Billigware – und höchste Disziplin. Über Österreich verschaffte sich der Münchner Musikmanager das Entree zur Eurovision. Nach “Warum nur, warum?”. “Sag ihr, ich lass sie grüßen” und “Merci Cherie” war es geschafft: Udo Jürgens stand vor der Pforte – und Beierlein trieb ihn dazu, den Zeh nun nicht vor lauter Selbstbesoffenheit wegzuziehen. Kalkuliert wurde die Karriere von Udo Jürgens weiter gedacht – aus Udo Jürgens, dem ESC-Gewinner von 1966, wurde ein Popstar im deutschsprachigen, bisweilen auch im romanischen Bereich. Mehr aber sei nicht drin bei einem ESC-Sieg: Dann beginne, so Beierlein, erst die Arbeit.

Ich stelle mir das so vor: Eine brillante wissenschaftliche Arbeit macht noch keine intellektuelle Exzellenz, ein gutes Essen trägt noch nicht zum Ruf bei, gut kochen zu können – und eine freundliche Geste ist noch kein Billett zum Leumund, ein umgänglicher Mensch zu sein.

Jahr für Jahr, so will ich sagen, wird Eurovisionsgewinnern nachgesagt, sie seien Eintagsmotten. So sagte man über Abba, über Gigliola Cinquetti oder über Celine Dion. Zugegeben, manche pulverisierten ihre Energie mit dem Vortrag ihres Siegestitels am Ende eines ESC, Corinne Hermès, Tanel Padar & Dave Benton, Teddy Scholten oder Ruslana. Aber sie hatten wenigstens ihren goldenen Moment, was sie schon mal, um mal nach Deutschland zu blicken, von Maxi & Chris Garden, die Sangesdarsteller von Atlantis 2000 oder Leon unterschied.

Was aber wird nun aus Alexander Rybak? Sein “Fairytale” ist das kommerziell erfolgreichste ESC-Produkt seit “Save Your Kisses For Me”. In den Downloadcharts steht es in einer Fülle von Ländern ganz weit vorn, in einigen auf Platz 1. Und das Album? Ist jetzt auf dem Markt, und ich finde es hörbar. Es eignet sich prima für Zeltplatzbeschallung, Grillabende und Bootstörns von Gibraltar nach Bornholm, wenn man Anker gelegt hat. Es ist frische Musik, leicht skandinavisch, aber nicht allzu folkloristisch. Musik, die nicht stört, sozusagen, im Gegenteil.

Das ist, finde ich, die gute Botschaft aus diesem Jahrgang. Ob es eine schlechte ist, ob also Alexander Rybak in einem Jahr in der Abba-Liga spielen kann oder eher ästhetisch verraucht wie weiland Sandra Kim und womöglich als Kirmeseröffnungsnummer  endet, ist offen. Ich schätze aber: Der wird was!

Eurovision Dance Contest verschoben – gut so!

4. Juni 2009

Er ist ein Projekt, das in der Eurovisionszentrale in Genf ausgeheckt wurde – und nun ist es, obwohl die Vorbereitungen für dessen dritte Auflage im Frühherbst in Baku, Aserbaidschan, bereits liefen, mindestens aufgeschoben: der Eurovision Dance Contest. Dass vor zwei Jahren, zur besten ARD-Zeit am Samstag Abend ausgestrahlt, Wolke Hegenbarth unter anderem für Deutschland durchaus leicht unbeholfen an den Start ging,
wissen heute nur noch Chronisten aus Pflichtgefühl: Das Interesse damals war kaum messbar.

Dass nun der Ableger des ESC nun ausfällt, hat begreifliche Gründen: Zu wenige Länder haben ihre Teilnahme zugesagt. In vielen Ländern
hapert es mit dem Interesse an dieser Show. Und dass es mit ihr nicht viel hermachte, hat irgendwie auch Gründe in der Inszenierung selbst.
Finnland gewann bei der Premiere, Polen voriges Jahr – aber selbst dort wollte man sich die Organisation aus Kostengründen nicht zumuten.  Und es ist ja wahr: Der EDC spielt ESC ohne Gesang. Beim EDC durften nur klassisch heterosexuelle Paare antreten, keine zwei Männer, keine zwei
Frauen, keine Sechserformation oder ein Solist, eine Solistin. Das ist, was die Grundregeln anbetrifft, so einengend, dass es das Publikum
offenkundig nicht berührte.

Ich finde, die ESC-Zentrale sollte sich jetzt intensiver denn je um ihr Kerngeschäft kümmern, den ESC selbst. Er war so erfolgreich wie zuletzt in den mittleren Siebzigern. Aber es bleiben viele Fragen offen, wie sich inoffiziell die ESC-Zentrale vernehmen lässt. Ob nämlich die vier großen Länder plus Ausrichterland nicht doch durch ein Halbfinale müssen, um in die Endrunde zu gelangen; ob, weiters, wenigstens die vier großen Länder plus Titelverteidiger wenigstens im Semifinale performen dürfen mit ihrer ganzen Nummer, nicht allein in Ausschnitten; und auch die Frage, ob sich der ESC, bilanztechnisch gesehen, nicht vollständig von den Eurovisionszahlungen der Länder abwenden kann, weil es hinreichend solvente Sponsoren gibt. Wäre das aber so, wäre das einzige Kulturfestival Europas der populären Sorte dauergefährdet. Denn sprigen Sponsoren ab, würden die nationalen TV-Anstalten nicht wieder zahlen wollen.  Ich finde, der EDC, der noch nicht für gestorben gehalten werden soll, ist unwichtig. Der ESC in Moskau hat bewiesen, dass im Mittelpunkt nur er stehen kann – alles andere sind Krümelhaftigkeiten. Und dazu zählt, nicht zuletzt, der Junior Eurovision Song Contest. Er ist nicht minder trübsinnig stimmend. Wer gibt diesem Projekt den Hinweis, dass man es nicht braucht?

Sportsmann H.P. Baxxter – klasse!

28. Mai 2009

Allmählich verebben die aufwühlenden Statements zur Moskauer ESC-Woche wie auch zum 20. Platz für Alex Christensen und Oscar Loya. Mein Held aber all dieser Erörterungen nach dem Finale ist ohne Fragen H.P. Baxxter. Für Menschen, die auf Humtatamucke und veilchenrosa Schlagerlein eher abonniert sind: Das ist der Frontmann von Scooter. Der war schon, als er als Teil der Jury in Moskau für drei Tage aufkreuzte, klasse. Sagte, dass er gerne mal bei der Vorentscheidung mitgemacht habe, dass er den Event hochschätze, schon immer verfolgt habe und mitfiebere.

 

Ein Pflichttermin, so lässt er sich zitieren; auf der Terrasse des Ritz Carlton, von der ein echt gigantischer Höhenblick auf den Kreml möglich ist, zeigte er sich sogar fit, was den ESC und seine Acts anbetrifft. Konnte “Save Your Kisses For Me” summen und erinnerte die Show der Serbin Marija Serifovic “den Hammer”. Lordi hat er auch noch in guter Erinnerung, sagte, dass Scooter 2004 womöglich, wo seine Band von Max Mutzke (also Stefan Raabs Castingsieger) geschlagen wurde, zu früh gekommen wäre, die Finnen also zur rechten Zeit, 2006, am rechten Ort, Athen.

Dieser H.P. Baxxter kommentierte nun, ebenfalls via “Lübecker Nachrichten”, den Kummer von Alex Christensen: “Ich kann gut verstehen, dass Alex enttäuscht ist, denn er hat alles gegeben und einen tollen Auftritt abgeliefert.” Das “Desaster vom letzten Jahr” – er meint die No Angels – sei eben immer noch “in den Köpfen”, was “hierzulande zu einer ESC-Verdrossenheit geführt” habe. Nun, in Wahrheit gibt es jedes Jahr Verdrossenheit in Deutschland, wenn man nicht gewonnen hat, es verhält sich in unserem Land eben so, wie es Kurt Tucholsky einmal skizziert hat: Deutschland ist immer beleidigt, wenn es nicht über allen und allem stehe.

Er selbst, so H.P. Baxxter, wäre ja gern beim ESC aufgetreten, aber seine Plattenfirma habe ihm abgeraten, weil er sonst, vor allem im Kernland der Scooter-Begeisterung, im United Kingdom, schweren Leumundsschaden hätte hinnehmen müssen. Generell empfiehlt er: “Man sollte wieder etwas entspannter an die Sache rangehen und nicht gleich in Depression verfallen, wenn es mal nicht so läuft.” Die Frage, was er denn empfehle, um die deutschen Chancen beim ESC zu verbessern oder ob Deutschland vom ESC ich zurückziehen solle, beantwortet der Mann knapp. “Keine Ahnung, aber kneifen gilt nicht.”

Und das ist doch eine schöne Antwort. Wer verloren hat, soll sich überlegen, wie es besser ginge. So wie Norwegen, das vor zwei Jahren noch mit Guri Schanke schwer strauchelte, voriges Jahr sich besserte und dieses Jahr einem Mann wie Alexander Rybak das Vertrauen schenkte. H.P. Baxxter jedenfalls heult offenbar nicht gleich in Strömen, wenn es mal mistig lief. Na und?, sagt er uns, dann eben nächstes Mal. Schön an dieser Resonanz wie vom Scooter-Mann ist ohnehin, dass einer wie er gefragt ist, die Misere zu kommentieren – nicht wie all die Jahre zuvor all die Nicoles und Leandros und Siegels, Ewiggestrige, die keinen blassen Schimmer haben, dass Schlager wie in ihrer Zeit nur hysterisches Entsetzen provozierten.

Im Übrigen hat das norwegische Fernsehen NRK den Termin der nächsten Festwoche bekannt gegeben. Das Finale – in Oslo! – wird am 29. Mai ausgetragen, das ist der Sonnabend nach Pfingsten, das erste Semifinale steigt am 25. Mai, das zweite am 27. Mai. Die Kollision mit dem Champions League-Finale im Fußball am 22. Mai ist somit keine mehr. Der Mai in Norwegen, soviel lässt sich sagen, ist an dessen Ende immer besser. Ende April liegt ja gern auf dem Holmenkollen, dem Hausberg der norwegischen Hauptstadt,  noch ein Meter Schnee. Für ein Frühlingsfest der europäischen Popmusik wie den ESC wäre das definitiv unpassend.

Das Generalsekretariat klärt auf?

20. Mai 2009

Die Reference Group des ESC und ihr Generalsekretär Svante Stockselius – das ist der Mann, der unmittelbar vor den Votings in der Übertragung eingeblendet wurde – haben ausgeschlafen und auf unsere Fragen geantwortet.

 

1. Welche Folgen wird es – wenn überhaupt – für Spanien haben, dass es gegen die Regeln das zweite Halbfinale nicht übertrug und nur ein Juryvotum durchgab? Auf der nächsten Sitzung, so übermittelte Stockselius in einer Mail, der Reference Group. Der Termin stehe nicht fest, aber er werde bis Juni stattfinden.

2. Kann er erklären, weshalb Norwegen als letztes Land seine Wertung durchgab – gegen die ausgeloste Reihenfolge, derzufolge Norwegen gleich nach der Schweiz dran gewesen wäre, als 17. Land vor Bulgarien? Stockselius nüchtern: Da gab es technische Probleme. Welche, wollte er nicht mitteilen. Ein Geschmäckle haben diese echten oder vermeintlichen technischen Probleme aber dennoch. Es könnte ja sein, dass das Telefonnetz überlastet war – aber das würde man eher als Problem in Moldawien vermuten, doch nicht im High-Tech-Norwegen, wo die Verbreitungsrate von Handys mit allem Schnickschnack 100 Prozent beträgt. Ein Geschmäckle deshalb, weil die karge Antwort von Stockselius die Vermutung nährt, dass Norwegen als Gewinnerland quasi das letzte Wort haben sollte. Denn: Das Resultat wusste Stockselius bereits eine Minute nach dem Schließen der Televotingleitungen. Die Show der Wertung, das Herzstück dieses Events, ist eine pure Inszenierung. Nicht die Punktzahlen, aber anders als früher wissen die Schiedsgewaltigen am Veranstaltungsort viel früher als das Publikum über die Punkte Bescheid. Und: Obendrein hatten die Jurys ihre Stimmen bereits am Freitagabend nach der zweiten Generalprobe abgeben müssen. Wir werden es im nächsten Jahr sehen: Wer in der ausgelosten Wertungsreihenfolge ausgelassen wird, könnte der Sieger des Abends sein.

P.S. zu diesem Punkt. Für Chronisten soll gesagt sein, dass Norwegens Votum am Ende keine Rolle mehr spielte. Mit der estnischen Wertung, der 31. von 42, war für die anderen Länder das ohnehin nur noch theoretische Spiel um ein offenes Rennen mit Norwegen vorbei. Da Aserbaidschan schon aus dem nördlichsten baltischen Land nur sieben Punkte erhielt, war der Vorsprung für Alexander Rybak uneinholbar geworden. So sehr hatte selbst Nicole 1982 nicht gewonnen, auch nicht die Iren Paul Harrington & Charlie McGettigan 1994.

3. Werden denn bald die Jurywertungen veröffentlicht, so die nächste Frage an den Generalsekretär. Stockselius, Europäer aus Schweden durch und durch, bestätigte die Möglichkeit. Jedes Land könne selbst entscheiden, ob es das wolle. Wäre das für Fans in den 42 Ländern eine gute Möglichkeit, die eigenen Sender auf ihre Fähigkeit zur Transparenz hin zu befragen? Die Wertung aller Jurys jedenfalls sind nun bekannt. Norwegen lag da ebenso vorne, Island auf dem zweiten Rang, aber die Britin wurde Dritte, Patricia Kaas Vierte, Estland wurde Fünfter, Dänemark Sechster und die Türkei Siebter. Sakis Rouvas war hauptsächlich beim Publikum gelitten, bei den Jurys landete er auf dem zehnten Rang. Und Deutschland? Wäre nicht 20. geworden, sondern mit 73 Punkten auf dem 14. Platz gelandet.

4. Ebenfalls wird sich die Reference Group, so bestätigte es Stockselius, mit einem Skandal beschäftigen. Der trug sich in Aserbaidschan zu – und dass wir von ihm wissen können, liegt an der tagesschau.de-Kollegin Silvia Stöber, die hat ihn uns erzählt. Dass nämlich der Blogger Onnik Krikorian via Twitter und Mail am Samstag während des Finales davon Kunde bekam, Aserbaidschan habe während des armenischen Beitrags Störsignale über den Sender geschickt. Auch seien die Telefonnummern, mit denen Aserbaidschaner für den armenischen Act hätten abstimmen können, gesperrt gewesen. Später, während der Abstimmung, habe das aserbaidschanische Fernsehen in Baku den halben Bildschirm verdunkelt, um das – gute – Resultat Armeniens nicht zur Kenntnis geben zu müssen.

 

Zum Hintergrund: Beide Länder, das eine wie das andere aus der Sowjetunion hervorgegangen und heute nur dem Namen nach Demokratien, streiten sich um die in Aserbaidschan gelegene Gegend Berg-Karabach. Sie hat sich für unabhängig erklärt, wird aber von niemanden anerkannt, nicht einmal von Armenien. Die Menschen in Karabach verstehen sich als Bergarmenier und sprechen Armenisch. Ein Krieg um das Gebiet Anfang der neunziger Jahre wurde lediglich von einem brüchigen Waffenstillstand abgelöst. Das Thema Karabach ist für die aserbaidschane Nomenklatur ein äußerst sensibles Thema – dennoch hat Armeniens Punktemitteilerin während der Wertungszeremonie plötzlich einen Zettel hochgehoben – man kann es auf Videos deutlich sehen. Auf dem seltsamen Bild ist eine Skulptur zu sehen, die in Stepanakert, der Haupstadt Berg-Karabachs, steht. Die “Tatik & Papik” – Großmutter und Großvater – genannte Figur gilt als Symbol der Unabhängigkeit der Karabach-Armenier.
Aserbaidschan muss sich provoziert gefühlt haben – und das restliche Europa verstand die Geste zunächst nicht. Punkte? Aus Aserbaidsdchan gab es nix für Armenien, von den Armeniern für Aserbaidschan immerhin einen Punkt.

Wie dem auch sei: Ein Land unkenntlich zu machen, ist allen Staaten verboten. Die Türkei musste in den Siebzigern lernen, Griechenlands Songs nicht auszublenden, und der Libanon wollte vor einigen Jahren teilnehmen, aber nur unter der Bedingung, dass man nicht Israels Lied zeigen müsse. Die Eurovision lehnte ab. Ob Aserbaidschan nun eine Sanktion verpasst bekommt, ob Armenien für die unfeine Geste gen Aserbaidschan ebenfalls mehr als nur gerügt wird, wollte Stockselius nicht sagen. Im Juni werde beraten! Wir kommen darauf zurück.

5. Noch ein Nachtrag zur kulturellen Umkämpftheit des Siegers. Russische und weißrussische Medien reklamierten nach Rybaks Sieg den Norweger für sich. Norweger? Nein, weit gefehlt. Sie aberkannten ihm quasi die norwegische Kultur – erkannten in seinem breiten Mund slawische Züge, in seinem Lachen das Lachen des fröhlichen Russen und in dessen Lied ein typisch russisches Lied. Davon abgesehen, dass mich diese kulturellen Zuordnungen angeblich sichtbarer körperlicher Attribute wegen heftig stört: Auf diese Art von Repatriierung muss man erstmal kommen! Davon abgesehen, dass jede kulturelle Identität immer die Gefahr in sich trägt, anderen Kulturen gegenüber totalitär zu sein, ließe sich wenn schon, über Rybak und sein Lied nur dies sagen: Er spricht Norwegisch, er sieht wie ein Norweger aus – wer schon mal da war, weiß das natürlich -, und das Lied, sehr akkurat genommen, erinnert in seiner Tanzhaftigkeit an jüdische Weisen, die in den osteuropäischen Communities der jüdischen Minderheiten gern angestimmt wurden. Es ist Musik, die so gutgelaunt wirkt, weil sie die Niederungen des Alltags zu überwölben sucht. Darüber hinaus klingt “Fairytale” wie eine europäische Hymne, ähnlich wie “Waterloo”, “Diva”, “Congratulations”, “Hallelujah” oder “Fly On The Wings Of Love”. Nur dass Rybaks Liedharmonien an eine verdammt gute norwegische Folkloreschule erinnern. So vermischt sich Europa. Gut so. Am Ende sind Kulturen nur so viel wert, wie sie zu einem Sieg reichen. Norwegen weiss das zu schätzen. Rybak steht, nebenbei, in den Downloadcharts Europas fast überall weit vorne – bei iTunes zum Beispiel. Er scheint ein europäischer Popstar zu werden.

6. Ihre, Eure Reaktion ergewogen, die von Freunden aufgenommen, wird der deutsche Act von Christensen & Loya auch so gesehen: Mag sein, dass sie professionell waren, aber in Moskau wirkten sie so artifiziell und unauthentisch wie kaum ein anderes Lied. Es wärmte nicht, so heißt es, es kam dem neuen Zeitgeist nach Echtheit und Ernsthaftigkeit nicht entgegen, im Gegenteil. Die Ästhetik von Las Vegas ist out, in ist in diesem Sinne eine, die auf unironische Unmittelbarkeit setzt. Man muss diese Beobachtungen ernsthaft erwägen – sie zeigen, was im nächsten Jahr nicht der Fall sein sollte.

7. Offen ist plötzlich wieder das Datum des ESC 2010. Der ursprünglich anvisierte 22. Mai als Finale ist fraglich, weil das Fußball-Champions-League-Endspiel am gleichen Tag stattfinden soll. Die UEFA – die Eurovision des Fußballs quasi - lässt sein wichtigsten Vereinsfinale erstmals an einem Samstag austragen. Es könnte also der 15. Mai werden oder der 29. Mai – am gleichen Tag, an dem 1999 in Jerusalem das Finale zelebriert wurde.

Strafe für Spanien? Oder ignorieren?

15. Mai 2009

Ein Blick in die aktuellen Sportnachrichten belehrt: In Madrid findet gerade ein sehr hoch dotiertes Tennisturnier statt. Und Spanien hat aktuell sehr viele Spieler unter den Weltbesten. Das hatte Folgen. Der spanische TV-Sender TVE, der sowohl die Tennisübertragungsrechte innehat wie die des ESC, stornierte offenbar Donnerstag kurzerhand die Liveübertragung des zweiten Halbfinales – das Spanien verpflichtet war zu senden -, weil der Tennistag aus Madrid noch lief.

 

Aus der Logik des Senders lag die Priorität eindeutig: Tennis bringt Quote, der ESC, zumal ohne spanische Beteiligung, keine, die einem öffentlich-rechtlichen Sender geziemt. Das Problem: Spanien stimmte somit nur über seine Jury ab. Und das ist regelwidrig. Die EBU denkt bereits über Sanktionen nach. Nur welche? Würde der ESC riskieren, eine Strafe zu verhängen, würde sich Spanien womöglich ebenso vom Event zurückziehen wie es Italien vor zwölf Jahren tat.

Das weitere Problem: Würde man keine Sanktion verhängen, glauben die großen Länder wie eben Spanien, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland, dem ESC alles diktieren zu können. Und die Quoten in diesen Ländern sind allesamt nicht so, dass man unbedingt und zwingend das ESC-Showformat halten muss. Der Fall, alles in allem, deprimiert: Spanien gibt sich als Provinznation zu erkennen, mehr verliebt ins Tun der eigenen Tennissternchen als in den möglichen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Ich plädiere für Gelassenheit – und dass der spanische Sender TVE nächstes Jahr das Halbfinale, das ja auch in Deutschland nur eine Viertelmillion Zuschauer interessierte, in einem Nebenkanal des Senders zu überträgt. Dann kann kein Tennis mehr stören!