Hilfe, meine Nach-ESC-Depression ist da!

3. Juni 2011

Knapp drei Wochen ist Düsseldorf nun passé – und jetzt setzt ein, was die Beteiligten und Fans als Depression danach kennen. Die Niedergeschlagenheit nach einem Höhepunkt, nun, die kennt jeder. Dieses Ende einer Droge, von der es vorläufig keine Zufuhr mehr gibt – man lebt von frischesten Erinnerungen. Okay, einige Meldungen gab es noch. Raab  nicht mehr an vorderster Stelle dabei, Opdenhövel macht jetzt in der ARD die Sportschau, einige Lieder des ESC sind in den internationalen Charts, download oder klassisch. Kurz: Alles war gut, alles ist gut – und alles wird gut.

Es war wie immer. Zuerst, im frühesten Frühjahr, das Gemecker, dass diese Saison garantiert schrecklich wird – bis zum Freitag vor dem Finale, da alle dachten, in Düsseldorf und sonstwo, dass dieser Jahrgang nun wirklich ein ganz besonders gelungener sei. Okay, außerdem gab es die üblichen Versagensfälle und Tragödien, etwa, dass die Niederlande schon wieder nicht den Geschmack des Publikums außerhalb ihrer Heimat trafen, ja, und dass Dana International sich vielleicht doch keinen Gefallen damit tat, abermals anzutreten. An “Ding Dong” war nichts gut, außer dass dieses Lied von der “Diva”-Unsterblichen gegeben wurde.

Aber hilft das über die Depression hinweg, dass alles schon wieder vorbei ist?

Nein, nicht so richtig.

Ein Freund berichtete mir, was ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen kann. Man wacht den einen Morgen mit Nadine Beilers Ballade auf – daran erinnert, dass sie in jedem Tarantino-Film sofort eine sympathische Serienkillerin geben könnte; dann segelt man, noch auf den Kissen, in den Tag hinein, indem einem “Lipstick” durch den Kopf weht, das ist dann mehr das Ende einer alptraumhaften Nacht, würde ich sagen. Oder, gestern, der Morgen, als mir die Zeile “Danger is a risky business” durch den Rest meines Traums schoss – und die Erinnerung daran, dass Lena gerade diese Zeile besonders düster ins Mikro (fast) schrie. Es gibt derlei Erzählungen sehr viele: Die einen gehen mit Schnipseln von Paradise Oskar durch den Tag, die anderen bekommen plötzlich Spaniens Strandsound nicht mehr aus dem Kopf.

Das sind alles schwere Anzeichen von Abschied. Ein Adieu diesem Jahrgang – man verarbeitet, was war.

Etwa wie im Fußball ist das, so sagte mir ein Bekannter, der auf Borussia Dortmund hält und dieses Jahr nun echt nix zu meckern hat. Er findet wahrscheinlich Trost in den noch ausstehenden Länderspielen der Löw-Auswahl, aber dann ist Sommerpause. Eine Zeit des Stillstands, die kein Ende finden möchte.

Und doch, Fußballfans wissen das, nach dem letzten Spieltag ist vor dem ersten. Der ist beim Fußball nur noch sieben Wochen hin – und beim ESC beginnen die ersten Vorentscheidungsachtelfinals (Mazedonien?, Island?, Finnland?) ja auch schon Ende Oktober. Finnland und die Schweiz haben schon für Aserbaidschan bei der European Broadcasting Union gebucht, Armenien will angeblich nicht teilnehmen.

Wir warten ab. Was bleibt einem sonst?

Und die Juroren spinnen doch!

26. Mai 2011

Wie schön, dass die EBU, die European Broadcasting Union, nun die differenzierten Resultate von Düsseldorf veröffentlicht hat. Zwar nicht Land für Land – aber im Großen und Ganzen. Und wir sehen: Italien hätte haushoch gewonnen, wäre es nur noch den Jurys gegangen – und diese hätten Russland auf dem allerletzten Finalplatz gehabt. Hinter Raphael Gualazzi wäre Aserbaidschan gesetzt worden, danach Dänemark, Slowenien, Österreich, Irland, die Ukraine, Serbien, Schweden und Deutschland. Nur den Televotern zufolge wäre es zu teilweise heftig anderen Ergebnissen gekommen: Da hätte nämlich Schweden in einem hauchzarten Rückstand von zwei Punkten hinter den siegenden Ell & Nikki sich eingefunden – gefolgt von Griechenland, der Ukraine, dem Vereinigten Königreich, Bosnien-Herzegowina, Georgien und Russland auf dem siebten Platz, dahinter Deutschland auf dem neunten, Irland dem zehnten und Italien auf dem elften Rang. Allerletzte wäre die Schweiz mit lediglich zwei Punkten geworden.

So sieht es aus, und so muss es akzeptiert werden, denn so sind die Regeln.

Aber ich bin zugleich empört. Dieses jetzt aufgedeckte Votum offenbart, welche verheerenden Wirkungen auf die Ergebnisse in all den Jahren die Jurys hatten. Italien, bei aller Liebe zum zeitgenössischen Jazz mit den Mitteln des Pop und Dreitagebart, ist doch kein Gewinner gewesen! Im Vergleich mit Aserbaidschan wäre der Act aus dem berlusconischen Beritt doch kunstreligiöses Zeug gewesen. Und auch dass die Österreicherin sehr weit vorne gelegen hätte,  muss man jetzt als ein Votum gegen das Publikum verstehen.

Würde wieder nur der Jury gefolgt, hätte man bald wieder den einst so niederschmetternden Befund: Der Eurovision Song Contest hat mit Charts und Beliebtheit und Popularität nix zu tun. Nun könnte man sagen: Aber die Jurys entscheiden doch auch nach Zuneigung. Ich würde sagen: Deren Zuspruch ist, was Magie und Charisma anbetrifft, nichtig. Die wählen nichts aus, was Zauber hat, sondern vor allem, was sie mit ihren expertistisch verbohrten Gemütern für kostbar und wertvoll halten.

Siegende von einst wie Jean-Claude Pascal, Corinne Hermès, auch Teddy Scholten oder Riva waren Juryprodukte und insofern Retortensieger. Wir brauchen aber keine Triumphe, die gegen die Liebe des Souveräns, des Zuschauers, errungen wurden. Sie sind wertlos. Es gab so viele ESC-Helden und -Heldinnen, die vermutlich nicht gewinnen konnten, weil sie den Juroren missliebig waren. Diese bevorzugten, wie man aus allen historischen Untersuchungen destillieren kann, immer Acts, die fast demütig daher kommen, nicht glamourös und mitreißend.

So heißen sie, die ich meine: Cliff Richard, Tommy Nilsson, Domenico Modugno, Carola Häggqvist mit “Främling” oder Daniel mit “Dzuli” – es gibt derer noch etliche mehr.

Der italienische Jurysieger ist famos mit dem zweiten Platz belohnt worden – wäre er noch höher gestiegen, hätte das abermals den beginnenden klinischen Tod des ESC bedeutet.

P.S.: Stella Mwangi aus Norwegen wäre, nur nach dem Televoting gerechnet, locker ins Finale gewandert. Dass sie es nicht schaffte, ja, von den Juries ihres offenbar afrikanischen Styles wegen abgelehnt wurde, spricht noch mehr gegen die musikgesinnungspolizeilich orientierten Experten.

Herzlichen Glückwunsch, Lena!

23. Mai 2011

Kaum war die letzte Straßenbahn aus dem Arena-Banhof gerollt, es war die Nacht zum Sonntag nach dem ESC, hörte ich es fragen: Was wird jetzt aus Lena? Sie hatte gerade den zehnten Platz erreicht. Sabine Heinrich hatte es schon in ihrem Interview unmittelbar nach dem Ende der Show herausgespürt: Diese Lena war erleichtert, sich weder blamiert noch abermals gewonnen zu haben. Aber was heißt schon blamieren? Wär’ doch gar nicht möglich gewesen. Gewonnen war und ist gewonnen – alles weitere, siehe ihre famose Performance von “Taken By A Stranger”, war nur noch Zugabe. Aber dann diese Fragen … irgendwie hatten die auch diesen Unterton: Na, jetzt muss sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Lassen wir mal die Neider und Missgünstlinge beiseite, diese dauergehässigen Mäkler, diese Spielverderber, die sich durch das Pressezentrum schleppten und doch nichts fanden an Kritikablem.

Also: Was passiert mit Lena?, fragte einer.
Ich antwortete: Die wird zunächst einmal 20.

Und das ist heute der Fall. Herzlichsten Glückwunsch!

Dass dieses eine, dieses lange Karrierejahr nun vorbei ist, weiß sie ja selbst.  Sie war eine angehende Abiturienten mit mäßiger Schullust, die irgendwas mit Medien machen wollte, vor die Kamera, sich ausprobieren. Und so kam sie am 14. Oktober 2009 in die Box von TV Total in Köln und empfahl sich für den Castingwettbewerb Unser Star für Oslo. Der fette Rest ist bekannt. Sie kam in die Vorrunden, machte keine künstlerischen Konzessionen – und gewann schließlich in Oslo 2010 den Eurovision Song Contest.

Prima war das, aber sie schenkte uns dazu noch eine Idee von deutscher Mädchenhaftigkeit, die absolut erfrischend und unverstellt war. Sie war keine Ich-will-ein-Star-sein-lasst-mich-rein-Person, sie nahm die Dinge, wie sie kamen. Innerhalb ihres 20. Lebensjahres hat sie im Grunde alle Höhepunkte eines gewöhnlichen Lebens mal so eben mitgenommen. Sie war, recht besehen, eine Popversion von Steffi Graf: Man wird erst Jahre nach dem Abschied von der Wettbewerbsbühne erleben, wie gut sie eigentlich war und wie schwer das gewesen sein muss, irgendwie immer Lena zu bleiben.

Aber mal so weiterspekuliert: Lena Meyer-Landrut, die jetzt wieder das Dasein jenseits chronischer öffentlicher Anteilnahme genießen darf, wird ohnehin was im Fernsehen oder im Popgeschäft machen. Sie könnte, weil sie Sprache so mag, Texterin werden, Komponistin. Sie hat die deutsche Sprache um Superlative und andere Wortkonstruktionen bereichert, etwa “dankeschönst” oder “Danke, Handwerker” – und das Wort “Axt” ist jetzt im Goldenen Buch der Stadt Hannover verewigt: bemerkenswert, mindestens.

Sie muss sich aber, das ist der Unterschied zu den meisten anderen Menschen zwischen Schule und Beruf, materiell keine Sorgen mehr machen. Also zurück zur Frage: Was wird aus Lena? War sie eine Einjahresfliege, falls es das gibt? Abwarten. Zunächst feiert sie Geburtstag, wahrscheinlich wieder mit lustigen Hütchen, so wie voriges Jahr in Oslo. Wir gratulieren einer Sängerin, von der es hoffentlich bald ein drittes und viertes Album geben wird.

Es hat viel Spaß gemacht, dankeschönst Lena!

Bloß nicht den Siegel geben!

20. Mai 2011

Hätte man das nicht ahnen können – bereits in der Nacht, die dem Fest von Düsseldorf folgte? Dass Stefan Raab irgendwann im Laufe der Woche nach dem ESC sagen würde: Es reicht, ich mache in meinen Funktionen als Oberqualitätscaster, als Jurypräsident, Moderator und Intro-Performer nicht weiter? Nicht nächstes Jahr jedenfalls.
Ja, das hätte man.

Stefan Raab und Lena (Foto: dpa/Bildfunk/Julian Stratenschulte)

Bei Lichte besehen hat er wirklich alles beim Eurovision Song Contest gemacht, was es dort zu tun gibt. Ich erinnere mich an eine Busfahrt zu einer der Proben von Max Mutzke in Istanbul im Jahre 2004. Wir kamen ins Gespräch, was nicht so schwer war. Bloß blöd durfte man ihm nicht kommen, hieß es, denn das hätte bedeutet, von ihm, womöglich mit der Ukulele, verspottet zu werden. Und wer will das schon? Jedenfalls sprachen wir also über den ESC. Irre, aber wahr: Er kannte monströs viele Titel und Sieger wie Brotherhood of Man, Izhar Cohen und natürlich Nicole.  Sondern er überraschte auch mit profundem Wissen über mazedonisch Abseitiges und dass Finnland ja wirklich bedauernswürdig sei: nie gewonnen, immer abgemüht. Okay, er konnte damals  nicht damit rechnen, dass am Horizont längst Lordi … Das ist wiederum eine andere Geschichte.

Neben vielem war er vor allem Fan. Einer, hätte es ihn nicht ins Fernsehen getrieben, der sich auch um CDs geprügelt hätte, um Rederecht auf Pressekonferenzen und sei es mit Musikinstrumenten wie 2000, als er bei der Vorentscheidung in Bremen alle dümmlichen und dümmstlichen Reporterfragen vergrölte – mit Antworten zur Ukulele-Begleitung. Ja, das waren Höhepunkte. Vor allem solche, die den Mief des Grand Prix Eurovision vor allem in jene Nasen zurücktrieb, die ihn verbreiteten. All die ehrpusseligen Schlagerspießer, die auf einen wie ihn nicht gewartet hatten.

Kurzum: Raab war Fan. Dann Produzent von Guildo Horn. In Birmingham gar Dirigent (wenn auch nur zum dirigistischen Schein, kam ja alles aus der Konserve – aber er wollte in die Fußstapfen all der Ossi Runnes und Noel Kelehans treten, so sagte er mir). Dann kam er als Performer – Komponist und Texter war er ja ohnehin.

In Sachen Max Mutzke ging es um mehr: Um sich als Mentor zu platzieren, auf dass aus Deutschland wirklich gute Musik komme. Mit Lena hatte er sein Meisterstück entdeckt, und dass es eines war, mag daran erkennbar sein, dass sie ihn selbst vernehmlich bewunderte, er wiederum sie nicht knetete und zur Marionette machte. Von ihr – der Castingentdeckung und späteren ESC-Gewinnerin – bekam er 2010 den deutschen Fernsehpreis in der Kategorie “Besondere Leistung Unterhaltung” überreicht. Dieses Jahr schließlich seine Krönungsmesse, wenn man so will. Lenas Titelverteidigung war seine Idee, auch, dass er moderieren möchte.

In der Rolle des Jurypräsidenten schien er manchmal allzu parteiisch – aber gemessen an Lahmheiten von Kollegen, die man sich lieber nicht vorstellen will, war das immer noch okay. Der Rest mag Geschichte sein: Intro-Performer, Sänger, Moderator. Und alles in allem: auch noch Fan.

Er wird, dem Vernehmen nach, sich nicht ganz und gar zurückziehen. Seine Kollegen und Kolleginnen aus dem Popgeschäft, ob nun Lindenberg, Kloß, Müller-Westernhagen oder Nena, wird er zur Mitarbeit anregen. Würde seine Hintergrundkompetenz nicht in die Waagschale geworfen, hätte die Aufbauarbeit der vergangenen zwei Jahren, so gesehen, keinen Sinn. Das wäre ein unsoziales Tun – eines, das einem Kind geziemt: Ich bau was auf, um es hinterher mit Lust zu zerstören. Erwachsene tun sowas nicht!

Stefan Raab, zu dessen nicht geringsten Verdiensten es zählt, seit Stockholm im Jahre 2000 nie mit der “Bild-Zeitung” kooperiert zu haben, wollte höchstwahrscheinlich nicht den Siegel geben. Der hätte nach “Ein bisschen Frieden” Frieden geben sollen – was er leider nicht tat. Er wurde manisch, eifernd, unwürdig. Nein, der Kölner Raab wird in die Rolle des Elder Statesman des ESC hineinwachsen wollen, nicht in die des Alternden in der Rolle des Ewigjugendlichen.

Der Rest, jenseits von ihm, möchte Zukunft sein. Etwa in Form von “Ein Lied für Baku“.

Charts und Quoten

19. Mai 2011

Jahrelang hieß es, der ESC bringe keine Hits hervor, sondern nur Eintagsfliegen. Sofern ich gefragt wurde, war meine Antwort immer die gleiche: abwarten! Und sich die Charts mal genauer angucken. Abba sind nach “Waterloo” monatelang als Bubblegum-Eintagsfliegen gehandelt worden. Nun, der Rest ihrer Geschichte ist bekannt.

Dieses Jahr darf vermeldet werden: Der DSDS-Sieger – Name? Egal! – ist in den deutschen Downloadcharts von ESC-Acts überflügelt worden, von Jedward. Auch die aserbaidschanischen Sieger und Blues “I Can” sind vorne platziert. Jedward liegen sogar an der Spitze der iTunes-Hitparade: Das habt ihr gut gemacht, Iren! Das deutet auf enormes Interesse hin – dass das so ist, muss mit dem aufpolierten Image des Song Contest zu tun haben. Der ESC gilt neuerdings als coole Börse zeitgenössischer Musik, an der sogar nichtwestliche Acts, wie die Sieger, eine Chance haben. Dass deren Macher und Macherinnen aus Skandinavien angeheuert wurden, muss einerlei bleiben: Sieg ist Sieg – die Tonspur weist darauf hin, dass man in Baku wahrhaftig siegen wollte.

Nebenbei: Auch die krawallige Version von “Satellite” aus dem Intro der Show vom Samstag ist inzwischen auf CD gepresst worden, herunterladen kann man sich diese Variante längst.

Soweit zu den Vorurteilen, dass der ESC keine bleibenden Sangeserfolge hinterlassen würde. Wobei es meines Erachtens nicht darauf ankommt, ob einer gut oder weniger gut abschneidet: Man muss nur eine gute Show abgeliefert haben, dann klappt es mit dem Projekt, für Nachfolgeprojekte in Frage zu kommen. Der Italiener Raphael Gualazzi jedenfalls hat in Interviews just beteuert, nächstes Jahr wieder dabei sein zu wollen, womöglich als Komponist. Dem Ruf des Eurovision Song Contest in Italien ist das nur nützlich – der zweite Platz und die Leumundserklärung des Interpreten, der den zweiten Platz so souverän nahm.

Inzwischen, um die Bilanz fortzusetzen, liegen auch einige Zahlen zu den Einschaltquoten vor. Die ARD hat längst die vorzüglichen Einschaltmengen mitgeteilt; Ungarn, Estland, das Vereinigte Königreich wie auch Schweden haben ihre Quoten erheblich steigern können. Alle Länder, die im Finale vertreten waren, weckten stärkeres Interesse als in Jahren, in denen sie nicht in der Endrunde mitmachen konnten. Russland war hingegen dabei, dort aber sanken die Quoten leicht. Krass eingebrochen ist das Interesse in Norwegen. Bereits im ersten Semifinale ausgesiebt, schauten nur knapp eine Million Menschen zu – eine glatte Hälftelung des Interesses.

Gibt es womöglich eine Lösung, wie man in Ländern, die nicht am Finalsamstag performen, das Interesse am Leben hält?

P.S.: Jetzt habe ich doch noch zum ESC selbst ein Haar in der Suppe gefunden. Ich finde, die Postcards, also die Filmchen zwischen den Acts, die komponiert werden, damit auf der Bühne die neue Kulisse für das nächste Lied installiert werden, hätte nicht so häufig Städte wie Berlin, Dresden, Köln, München oder Hamburg zeigen sollen. Falls das Ding mal wieder in Deutschland ausgetragen werden sollte: 43 Länder heißt 43 Postcards aus verschiedenen Regionen unseres Landes.

Rückblicke und Ausblicke

18. Mai 2011

Ehe wir auf die übelnehmerischen Aspekte des diesjährigen ESC zu sprechen kommen, ein paar Sätze, für die ich um Beachtung bitte.

Die Arena in Düsseldorf wird momentan immer noch abgerüstet – die Kollegen und Kolleginnen der unterschiedlichen Produktionsfirmen tun das. Vor allem aber sind es die Frauen und Männer des NDR, die hinter den Kulissen das gemacht haben, was medialerweise in Europa als TV-Show des Jahres gelobt wird. Einer wie Thomas Kutsche, der bei diesem Sender seit vielen Jahren mit dem ESC beschäftigt ist, antwortete mir auf die Frage, ob er mir die zehn umsichtigsten seiner Kollegen nennen könne, freundlich: Niemand sei herauszuheben – alle tun das, was sie zu tun haben. Und hatten!

Was im April in der Arena in Düsseldorf aufgebaut wurde, muss nun wieder abgebaut werden. (Foto: NDR/Rolf Klatt)

Ich selbst kenne das von kleineren Produktionen aus dem Zeitungsgewerbe, in der taz, wo ich gewöhnlich arbeite: Man sieht auf Podien journalistische Menschen, aber jene, die in technischer und gastgeberischer Hinsicht deren Auftritte ermöglicht haben, werden am Ende meist nicht erwähnt. Immerhin: Beim Abspann der Sendung in der Nacht zum Sonntag tauchten, so mein Eindruck, fast alle Namen auf. Das war womöglich die beste Gratulation. Dass gerade die ausländischen Gäste mit guten Gefühlen in ihre Heimaten zurückkehrten, hat womöglich am meisten mit den Machern und Macherinnen im Hintergrund zu tun. Musste das nicht mal besonders erwähnt werden?

Jetzt zu den unangenehmen Aspekten.

Gestern und heute erhielt ich Anrufe – genauer gesagt: aus drei Zeitungs- und TV-Redaktionen, die herausfinden wollten, warum ich Ungarns Ehre beschmutzt hatte (so sagten es zwei Anrufende), einer wollte von mir wissen, von wem ich die Information hatte, dass Kati Wolf eine Sängerin von Viktor Orbans Gnaden sei. Meine Rückfrage: Glaube er im Ernst, ich würde ihm gegenüber meine Quellen offenlegen? Zum Hintergrund: Die Mediengesetze in Ungarn sind von der rechtspopulistischen Regierung so verschärft worden, dass alles unter Verdacht gestellt werden kann, nicht pro-ungarisch zu sein. Wer sich an dieses Gebot nicht hält, muss in diesem Land selbst mit unflätigen Beschimpfungen und sogar mit Strafverfahren rechnen. In diesem Land muss man sehr enttäuscht gewesen sein, dass die von Fans hochgelobte Chanteuse so wenige Punkte erhielt. Ich würde sagen: Der Stil, Kritiker des Liedes – der ungarischen Performance überhaupt – fast zu verhören, spricht für die dortige Kultur des Misstrauens gegen alle Opposition.

Kati Wolf beim Eurovision Song Contest 2011 (Foto: NDR/Andrej Isakovic)

Aber wollen Sie, Fans und Interessierte, das überhaupt hören? Ist es außer für mich für irgendjemanden wichtig, dass Weißrussland schon deshalb ein seltsames Land ist, weil es autokratisch regiert wird – und die ESC-Dame zu einer Propagandaschluse in Sachen Lukaschenka gemacht wurde? Ich würde sagen: Das sollte uns beschäftigen. Es ist problematisch, ein Land ohne inneren Zwiespalt zu betrachten, wenn es ein mindestens schillerndes Verhältnis zu Rechtsstaat und Menschenrechten hat. Das gilt erst recht für Aserbaidschan – die nächsten Gastgeber des ESC, das es in puncto Demokratie selbst mit Ungarn nicht aufnehmen kann.

In Vorbereitung auf dieses Event sollten wir sehr präzise prüfen und verfolgen was dort geschieht, damit auch vom freiheitlichen Klima her am Kaspischen Meer ein ähnlich schöner ESC zelebriert werden kann wie in Düsseldorf.

Man könnte jetzt sagen: Durch die Fans und Journalisten, die Gäste aus den traditionell demokratischen Ländern, werde das illiberale Klima aufgeweicht. Dieser Auffassung neige ich selbst zu.
Immerhin: 1964 protestierten beim ESC in Dänemark Gewerkschafter gegen die Auftritte der Portugiesen und Spanier, damals noch regiert von rechtsgerichteten Diktaturen. Man sollte an diese Geste erinnern. Man könnte sagen, der Tourismus, gerade in Spanien, hat das Land verändert ehe es demokratisch wurde. In diesem Sinne schlage ich vor, Aserbaidschan zu nehmen: Auch als freundlichen Besuch, auf dass der ESC eine Idee von Diversität dort hineinträgt. Und: Auf dass die armenische Delegation sich dort frei bewegen kann.

Oder?

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

14. Mai 2011

Okay, ich fand Paradise Oskar schon vor Wochen gut, als in den Wetten noch niemand auch nur eine Öre auf ihn setzte. Habe ich ihn mir nur schön gehört inzwischen? So wie Albanien, das ich nun im Finale irgendwie vermisse, wie auch die anderen 17 der auf der Strecke Gebliebenen. Aber jetzt zu den Tatsachen.

Paradise Oskar auf der ESC-Bühne in Düsseldorf. Foto: eurovision.tv/Pieter Van den Berghe (EBU)

Ginge es nur nach mir persönlich, was Gott sei Dank nie und nimmer der Fall ist, würde ich mir wünschen: Österreich gewinnt vor Aserbaidschan, Island, Deutschland, Finnland und der Schweiz. Dahinter komplettieren Bosnien-Herzegowina, Dänemark, die Ukraine (auch hübsch gehört, ich gebe es zu) und Italien die Top 10.

Das wäre ein Resultat, das moderne Popeinflüsse hinreichend zur Geltung brächte – und zugleich, mit Nadine Beiler als Siegerin, die gute alte Powerballade mit Whitney-Houston-Touch wieder ins Licht rückte. Ja, das wäre es. Aber so wird es nicht kommen.

Als Favorit auf den letzten Platz gilt mir im Übrigen Russland, um mal etwas ziemlich Bizarres zu tippen. Da sieben Finalisten Länder sind, die einst zur Sowjetunion gehörten, ist das ganz unwahrscheinlich – aber freuen würde mich das doch. So ein wirr gefönter Rotzkopf ohne künstlerische Aura, det jeht ja jar nich’!

Nimmt man aber die Balance aus Nachbarschaften, Ost-West-Aspekten und anderen Verschwörungstheorien zur Grundlage, würde ich sagen: Die Ungarin könnte die Horrorüberraschungssiegerin der Nacht werden, vor Österreich, Slowenien, Serbien und dem Mann aus Sarajewo. Das wäre ein habsburgisches Traumergebnis, mit dem alle Wiener Bezirke gut leben könnten.

Das wird aber leider auch nicht wahr.

Mein Tipp, wie das 43-ländrige Europa abstimmen wird: Bosnien! Dann kommen Irland, Finnland und Aserbaidschan, dahinter Moldau, Russland, Schweden und Deutschland. Im Mittelfeld tummeln sich weiter: die Ukraine, Estland, Österreich, Griechenland.

Die letzten drei? Litauen, Italien und Slowenien!

P.S. Frankreich, UK und Rumänien regen mich weder auf noch törnen sie mich an. Ich möchte mir kein Urteil erlauben. Wienerisch formuliert: nett mol ignorier’n. Das Gleiche gilt für Spanien und Georgien.

Ein schüchternes Lob

13. Mai 2011

Man soll den Samstag nicht vor dem Sonntag preisen, aber ich sage jetzt schon mal, nach zwei Halbfinals und vor dem bevorstehenden Finale, so als auffrischende Worte, ehe sich alles in den Debatten um Zahlen und Platzierungen verliert: Meine Angst, mein Land – erstmals seit 1983 wieder Ausrichter des ESC – könnte hernach als fremdschämverdächtig und doof und überperfekt und monsterkalt erinnert werden, ist verflogen.

Das hat, meinetwegen, auch mit dem vielkritisierten Stefan Raab als Moderator zu tun – er spricht ein angemessenes, irgendwie auch liebevolles Englisch. Und Judith Rakers hat ohnehin dieses matt-funkelnde Charisma einer Grace Kelly.

Die ESC-Moderatoren. Foto: Rolf Klatt/NDR

Es muss sie nicht beleidigen, wenn ich finde, dass Anke Engelke die Herzen der Fans und Journalisten erobert hat. Sie hat einfach diese robuste Schönheit einer Person, deren Zauber nicht zerbröselt, wenn sie plötzlich einen Topf Kartoffeln schälen muss. Nur meckern könnte man, dass sie auf der Bühne, wenn wirklich Millionen und nicht allein Journalisten und Fans zuschauen, nicht ihre krasse schwarze Hornbrille trägt. Nein, Engelke hat Witz und Esprit – sie liebt diese Veranstaltung wahrhaftig, sie ist verrückt, sie hat die Albernheit von echten Damen.

Daran sollte man sich erinnern, da wir doch zuletzt die tapfere Marlène Charell als Moderatorin aufgeboten hatten – eine gestandene, weltläufige Frau aus Winsen an der Luhe bei Hamburg, die 1983 den Münchner Contest nach Nicole durch permanente Dreisprachigkeit fast in Grund und Boden moderierte. Nein, eine Körperingenieurin, eine Leistungsfremdsprachlerin muss man nicht mehr wählen, um sich Europa moderativ als angenehm und ironiefähig zu empfehlen. Engelke, geboren in der Gegend, in der auch Céline Dion zur Welt kam, spricht das kanadischste Französisch aller ESC-Zeiten.

Ein Kompliment ihnen allen drei – auch wenn sie sich manchmal verhaspelten. Für die Version von “Ein bisschen Frieden” von Engelke und Raab haben sie den nächsten “Echo” verdient: Sie singen es unpluggiger, besser und authentischer als es Nicole machte – und Inga & Wolf es vermocht hätten.

Kurzum: Die Rakers war die elegante Dame, Raab eben Raab – und Engelke die, nun ja, lieblichste Einpeitscherin der Düsseldorfer Arena. Und das mit Anmut. Man mag mir diesen Kalauer durchgehen lassen: Danke, Anke – und Judith wie auch Herrn Raab!

Dana International gestrauchelt

13. Mai 2011

Zu den Zahlen, in aller Kühle sollen sie hier genannt werden: Von 25 Ländern im Finale stammen 15 aus dem Bereich des klassischen ESC, zehn aus dem einstigen Ostblock. Fünf von diesen Ländern sind als Big Five ohnehin gesetzt gewesen. Das heißt: Durch die Halbfinals kam jeweils die Hälfte aus beiden Blöcken. Soviel zum Klischee, dass Osteuropa alles dominiere.

Dana International ist im zweiten ESC-Halbfinale ausgeschieden. (Foto: NDR)

Jetzt zur wichtigsten Tragödie: Dana International aus Israel konnte nicht über den Eindruck hinwegtäuschen, dass “Diva” ein wesentlich besseres Lied war. “Ding Dong” ist nicht im Finale, nun muss Dana nach Tel Aviv zurückfliegen. Ich finde das bedauerlich!

Schweden, die Ukraine, Slowenien, Dänemark, Irland, Bosnien-Herzegowina, Moldau, Estland, Rumänien und Österreich haben es geschafft. Für die seit der ersten Probe immer besser in Form gekommene Dame aus dem Exhabsburgischen war das gewiss ein Triumph – und ich war sehr zufrieden mit ihr. Toll, dass Estland, Dänemark und die enthemmten Iren Gnade fanden, Rumänien geht auch in Ordnung.

Schade, dass die Letten, die Bulgarin und die Zyprioten ausgeschieden sind. Andererseits war das zu erwarten. Gut, um nicht zu sagen, gerecht fand ich, dass Weißrussland mit einer Hymne, die klingt als würde ein stalinistischer Parteitag mit musikalischer Gräuelpropaganda eröffnet, nach Minsk zurück muss – und zwar sofort.

Ich würde sagen: Da kommt ein erheblich spannendes Finale am Samstag auf uns zu, und die Schweden, insbesondere der nicht gerade erfolgsverwöhnte Komponist Fredrik Kempe, dürften froh sein, dass das Publikum eine eher blutleere Nummer, vorgetragen mit Gymnastik und Stimmchen, sympathisierend in die Endrunde schickte. Schweden hat sich somit ein wenig vom Trauma des Vorjahres erholt, als man bereits im Semi ausscheiden musste.

Das zweite Halbfinale war dennoch schwächer als das erste: Meine Favoriten bleiben Finnland, die Schweiz - und hinzu kommen nun Dänemark, Bosnien- Herzegowina und das Frollein Nadine aus Tirol.

Meine Weissagung zum 1. Halbfinale

9. Mai 2011

Ginge es nach meinem Geschmack, würde ich folgende zehn Länder ins Finale wünschen: Norwegen, Armenien, Türkei, Schweiz, Finnland, San Marino, Island, Portugal, Aserbaidschan und zur Not auch noch Ungarn.

(Foto: Andrej Isakovic/NDR)

Nun zu den Einzelnen nach den Proben.

  1. Polen: kreischendes Lied ohne besondere Qualitäten. Die Dame möchte wie ein Vamp wirken und hinterlässt lichtschluckende Eindrücke.
  2. Norwegen: So stellt man sich ein modernes skandinavisches Land vor – präsentiert durch einen Frauentrupp mit afrikanischstämmiger Solistin an der Spitze. Sommerlich weltmusikalisch!
  3. Albanien: Die roten Haare können nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Land offenbar in einer eurovisionären Krise steckt. Laut und grässlich dieses Lied.
  4. Armenien: Der Refrain des Abends. Eine Art Ententanz des Jahres 2011. Gut für jede Dorfdisko.
  5. Türkei: In Anatolien wird gerockt, mal wieder - aber nicht so verschärft wie 2004 in Istanbul im Ska-Stil. Schade, sehr bedauerlich.
  6. Serbien: Lena gefällt dieses Lied, hörte man, und mir nicht. Ein nettes Frauenstimmchen, das ein wenig von Bühneneffekthascherei lebt. Sie werden es erleben!
  7. Russland: Dieser Sänger hat von Dima Bilan nichts, kein bisschen Verführungskraft, keinen Schimmer Eleganz, nicht einmal eine schmale Dame steigt aus dem Flügel. Ödes Lied.
  8. Schweiz: Netteste Überraschung des ersten Halbfinales. Ein Kontrapunkt zu all dem gröligen Einheitsbrei zuvor. Dieses Eidgenössische hat das Potenzial, als Lied anerkannt zu werden.
  9. Georgien: Das Lied das Abends, das am eiligsten wieder vergessen wird. Verdächtig, den letzten Platz zu belegen.
  10. Finnland: Die männliche Nicole des Jahres 2011, Jack Johnson und James Blunt nach Art des Bottnischen Meerbusens. Unschuldige Miene - das klappte schon bei Lordi, nur ohne Maske.
  11. Malta: Was ist bloß aus diesem Land geworden, das uns in den Neunzigern so verlässlich schöne Lieder zum ESC mitbrachte? Dieser Sänger sieht nicht mal aus wie ein Mann - sondern wie eine Karikatur eines Kaufhauscafé-Sängers.
  12. San Marino: Eine schöne Sängerin mit einem eher wenig magischem Lied. Und dann singt sie auch noch als stünde sie unter schweren Beruhigungsmitteln. Aber es müsste doch reichen!
  13. Kroatien: Frau Daria, die so schön deutsch sprechen kann, kann nicht so recht den Eindruck verwischen, dass sie eventuell eine Transe ist, die auf sehr natürliche Weise doch eine Frau spielen kann. Das Lied ist ohnehin uninteressant.
  14. Island: Jungs, die Country auf Geysirart spielen können und ihrem verstorbenen Freund Sjonni die Referenz erweisen. Mir gefällt sowohl die altmodische Darbietung als auch das eher wenig grelle Arrangement. Prima!
  15. Ungarn: Frau Kati machte es ihrer Kollegin aus Kroatien nach - auch sie trägt einen Look, der unabweisbar eine gewisse künstliche Weiblichkeit erzeugt. Disco im Pusztastil - man weiß schon nach wenigen Sekunden, wie der Refrain geht. Bitte nicht erschrecken!
  16. Portugal: Eine Komödiantentruppe, die, nach mehrmaligem Hören, das Beste in lusitanischer Hinsicht bietet, was es in den vergangenen vielen Jahren so gab. Politisch mit Pfiff, performativ mit allem, was andere nicht machen. Sehr gelungen.
  17. Litauen: Die Dame singt lyrisch, als wäre sie eine  Wiedergängerin Darja Svajgers aus Slowenien des Jahres 1999. Sehr getragen, fast zu sehr geeignet, die Friedhofsmusik des Jahres zu werden.
  18. Aserbaidschan: Ein nur mäßig harmonierendes Paar, der Junge und die Ältere. Sphärisch ist alles vorhanden, konkret aber verfehlen sie dauernd die Töne, wie sie zu singen geplant waren.
  19. Griechenland: Ein Alexis Zorbas zur Krisenzeit. Etwas Bouzoukiklang, viel Dramatik in der männlichen Stimme - das müsste, das sollte bestraft werden.

Weiterkommen werden: Norwegen, Armenien, Türkei, Serbien, Russland, Schweiz, Finnland, Ungarn, Aserschaidschan und Griechenland. In manchen Fällen, siehe oben, aus meiner Sicht - zu meinem Missvergnügen.