Baku – der 60. ESC-Sieger?
2. April 2012Es erscheint wie eine Kleinigkeit, aber die Reference-Group des ESC, der Lenkungsausschuss dieser Show, hat sich darauf verständigt, dass ab jetzt und für alle Zeiten die vier Siegerinnen von Madrid 1969 als Siegerinnen an und für sich gelten. Das heißt: In Baku wird der 60. Siegesact des Eurovision Song Contest gesucht – nicht der 57.

Wobei dieser ESC in Aserbaidschan der 57. seit 1956 ist. Das klingt wie ein Moment von Detailverliebtheit, aber die Reference Group will sich, Gerüchten zufolge, zum Diamantenen Jubiläum 2015 eine europäisch-öffentliche Abstimmung überlegen, welche der vier Siegerinnen von 1969 als wahre gelten könnte: Lulu, Salomé, Frida Boccara oder Lenny Kuhr. Davon abgesehen, dass schätzungsweise die Niederländerin Lenny Kuhr nach dem aktuellen Verfahren – Jury und Televoting je zur Hälfte – gewonnen hätte, weil die Kuhr eben an der Liedermacherinnenkultur zeitgenössisch dran war, außerdem ihr Lied “De Troubadour” sehr populär zum Mitschunkeln sich eignet, finde ich diese ganze Art der – sagen wir: Vergangenheitsbewältigung – albern.
Wie könnte jetzt entschieden werden, welche aus dem Quartett die erste und einzige Krone verdient hat? Das Gros des Publikums jenes Jahres wird sich kaum noch erinnern oder lebt nicht mehr im zurechnungsfähigen Alter. Und außerdem: Wie sollten die Gefühle von damals ins Heute transportiert werden? Die ästhetischen Empfindungen haben sich gewandelt, was heißt, dass eine wie Frida Boccara sofort unter divenhaften Kunstverdacht gestellt würde und vermutlich außerhalb der Jurorenschaft kaum Fans hätte. (Ich finde die Dramatik von “Un Jour, Un Enfant” immer noch bedrückend gut, das nur mal zur Klarstellung.)
Aber mir scheint, als würden vor allem die Meldungen über die Reference Group, die da neulich in Baku tagte, in die Öffentlichkeit gestreut, die irrelevanter kaum sein könnten. Denn nach wie vor wissen wir nicht: Was ist mit Armenien? Wird die TV-Gesellschaft dieses Landes mit einer Strafe belegt? Und weiter: Die Reference Group hat ja beschlossen, so hörte ich, dass jedes teilnehmende Land im kommenden Jahr einen Vorentscheid veranstalten muss. Zustimmen muss nur noch das TV-Komitee der European Broadcasting Union, aber die Reference Group gibt nicht einmal einen einzigen Hinweis, wann dieses Gremium tagen wird.
Will sagen: Wir erfahren von den Offiziellen immer nur noch Puschelig-Unwichtige, aber das, was wirklich mit europäischer Diplomatiekunst, mit Transparenz und mit Öffentlichkeit zu tun hat, sollen wir nicht erfahren.
Wozu auch eine andere Nachricht zählt: Über den Internetdienst ESCtoday erfahren wir, dass das Kosovo mit seiner TV-Anstalt RTK nicht am ESC teilnehmen darf. Gründe wurden keine angeführt; dem Vernehmen nach sei es, so heißt es seitens der EBU, unmöglich, die von Serbien seit 2008 unabhängige Republik Kosovo aufzunehmen. Warum? Erfahren wir nicht. Okay, Serbien boykottiert diese abtrünnige Republik, aber woran liegt das Desinteresse? Weil das Kosovo ein politischer Funkenherd wäre? Weil Albanien dieses Land mehr als bekannt steuert? Weil die Nato das Land beschützt – und es nicht lebensfähig wäre, würden diese Militärs abziehen?
Kosovos Außenminister Petrit Selimi teilte der EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre mit, “die EBU ist extrem wichtig für uns, nichts anderes als der ESC ist wichtiger für die Bildung unserer nationalen Identität”.
Woran auch immer es liegen mag, dass man über die vom Außenminister aus Pristina geäußerten Ansprüche einfach hinweggeht – wir würden es gern erfahren. So, bei dieser Informationspolitik, hat man das Gefühl, nur kremlartig gefilterte Nachrichten zu erhalten. Ist das aber ein Zeugnis für das moderne Europa?
Update:
Okay ein Aprilscherz? Ein Aprilscherz, fürwahr. Ich bin drauf reingefallen. Andererseits war das auch nicht so schwer: aus einer Mücke macht die EBU zumindest ein Elefantchen. So bleibt der Kern meiner Aussage: Viele Themen werden bei der EBU totgeschwiegen. Zu Kosovo, Armenien erfährt man leider nichts. Nicht zur Vorentscheidungspflicht und nicht zur Debatte um Menschenrechte in Aserbaidschan – dass etwa zeitgleich mit der Reference Group es eine Demonstration in Baku gab. Ein demokratieförderliches Ereignis!









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.