Baku – der 60. ESC-Sieger?

2. April 2012

Es erscheint wie eine Kleinigkeit, aber die Reference-Group des ESC, der Lenkungsausschuss dieser Show, hat sich darauf verständigt, dass ab jetzt und für alle Zeiten die vier Siegerinnen von Madrid 1969 als Siegerinnen an und für sich gelten. Das heißt: In Baku wird der 60. Siegesact des Eurovision Song Contest gesucht – nicht der 57.

Wobei dieser ESC in Aserbaidschan der 57. seit 1956 ist. Das klingt wie ein Moment von Detailverliebtheit, aber die Reference Group will sich, Gerüchten zufolge, zum Diamantenen Jubiläum 2015 eine europäisch-öffentliche Abstimmung überlegen, welche der vier Siegerinnen von 1969 als wahre gelten könnte: Lulu, Salomé, Frida Boccara oder Lenny Kuhr. Davon abgesehen, dass schätzungsweise die Niederländerin Lenny Kuhr nach dem aktuellen Verfahren – Jury und Televoting je zur Hälfte – gewonnen hätte, weil die Kuhr eben an der Liedermacherinnenkultur zeitgenössisch dran war, außerdem ihr Lied “De Troubadour” sehr populär zum Mitschunkeln sich eignet, finde ich diese ganze Art der – sagen wir: Vergangenheitsbewältigung – albern.

Wie könnte jetzt entschieden werden, welche aus dem Quartett die erste und einzige Krone verdient hat? Das Gros des Publikums jenes Jahres wird sich kaum noch erinnern oder lebt nicht mehr im zurechnungsfähigen Alter. Und außerdem: Wie sollten die Gefühle von damals ins Heute transportiert werden? Die ästhetischen Empfindungen haben sich gewandelt, was heißt, dass eine wie Frida Boccara sofort unter divenhaften Kunstverdacht gestellt würde und vermutlich außerhalb der Jurorenschaft kaum Fans hätte. (Ich finde die Dramatik von “Un Jour, Un Enfant” immer noch bedrückend gut, das nur mal zur Klarstellung.)

Aber mir scheint, als würden vor allem die Meldungen über die Reference Group, die da neulich in Baku tagte, in die Öffentlichkeit gestreut, die irrelevanter kaum sein könnten. Denn nach wie vor wissen wir nicht: Was ist mit Armenien? Wird die TV-Gesellschaft dieses Landes mit einer Strafe belegt? Und weiter: Die Reference Group hat ja beschlossen, so hörte ich, dass jedes teilnehmende Land im kommenden Jahr einen Vorentscheid veranstalten muss. Zustimmen muss nur noch das TV-Komitee der European Broadcasting Union, aber die Reference Group gibt nicht einmal einen einzigen Hinweis, wann dieses Gremium tagen wird.

Will sagen: Wir erfahren von den Offiziellen immer nur noch Puschelig-Unwichtige, aber das, was wirklich mit europäischer Diplomatiekunst, mit Transparenz und mit Öffentlichkeit zu tun hat, sollen wir nicht erfahren.

Wozu auch eine andere Nachricht zählt: Über den Internetdienst ESCtoday erfahren wir, dass das Kosovo mit seiner TV-Anstalt RTK nicht am ESC teilnehmen darf. Gründe wurden keine angeführt; dem Vernehmen nach sei es, so heißt es seitens der EBU, unmöglich, die von Serbien seit 2008 unabhängige Republik Kosovo aufzunehmen. Warum? Erfahren wir nicht. Okay, Serbien boykottiert diese abtrünnige Republik, aber woran liegt das Desinteresse? Weil das Kosovo ein politischer Funkenherd wäre? Weil Albanien dieses Land mehr als bekannt steuert? Weil die Nato das Land beschützt – und es nicht lebensfähig wäre, würden diese Militärs abziehen?

Kosovos Außenminister Petrit Selimi teilte der EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre mit, “die EBU ist extrem wichtig für uns, nichts anderes als der ESC ist wichtiger für die Bildung unserer nationalen Identität”.

Woran auch immer es liegen mag, dass man über die vom Außenminister aus Pristina geäußerten Ansprüche einfach hinweggeht – wir würden es gern erfahren. So, bei dieser Informationspolitik, hat man das Gefühl, nur kremlartig gefilterte Nachrichten zu erhalten. Ist das aber ein Zeugnis für das moderne Europa?

Update:

Okay ein Aprilscherz? Ein Aprilscherz, fürwahr. Ich bin drauf reingefallen. Andererseits war das auch nicht so schwer: aus einer Mücke macht die EBU zumindest ein Elefantchen. So bleibt der Kern meiner Aussage: Viele Themen werden bei der EBU totgeschwiegen. Zu Kosovo, Armenien erfährt man leider nichts. Nicht zur Vorentscheidungspflicht und nicht zur Debatte um Menschenrechte in Aserbaidschan – dass etwa zeitgleich mit der Reference Group es eine Demonstration in Baku gab. Ein demokratieförderliches Ereignis!

Tage der Entscheidungen

16. März 2012

An diesem Wochenende tagt in Baku die Reference Group dess ESC, die höchste Entscheidungsrunde der European Broadcasting Union für ihr Festival – und von deutscher Seite sitzt, als Vertreter des letztjährigen Veranstalters, Thomas Schreiber in diesem Gremium. Nahtlos schließt sich Anfang nächster Woche schließlich das Treffen der sogenannten Head of Delegations an. Was das erste Gremium, das man auch als eine Art Lenkungsausschuss verstehen darf, zu befinden hat, ist simpel umschrieben: einen Überblick zu den Vorbereitungen der Bakuer ESC-Machenden zu gewinnen.

Aber es steht auch mehr zur Beratung an: Wie behandelt man, falls man dieses Verb benutzen darf, Armenien? Immerhin hat dieses mit Aserbaidschan ziemlich verfeindete Land seine Teilnahme am ESC kurzfristig abgesagt, eines Grenzkonflikts zwischen beiden Staaten wegen, bei dem es einen Tote gegeben hat. Eigentlich müsste die Reference Group Armenien mit einer Vertragsstrafe belegen – denn die Teilnahme am ESC kann nicht einfach storniert werden, nur weil ein Konflikt außerhalb des ESC-Geschäfts zu vermelden, zu beklagen, jedenfalls zu bilanzieren ist.

Möglicherweise wird bei den Gesprächen der Reference Group nicht weiter vertieft, dass Armenien von Anfang an wenig Lust hatte, am ESC in Baku teil zu haben und nur die Gelegenheit suchte, mit öffentlichem Getöse auszusteigen: ein Fall innerarmenischer Politik sozusagen.

Misslich ist das alles dennoch: Armenien könnte aus der Geschichte des ESC lernen, dass, wer rausgeht, wieder reinkommen muss. Sonst ist einer ganz aus dem Spiel. Ich finde, man sollte auf eine finanzielle Sanktion verzichten, aber darauf beharren, dass, sofern Armenien im kommenden Jahr wieder mit von der Partie sein möchte, es den ESC aus Baku übertragen muss.

Gleichwohl: eine Verpflichtung gibt es nicht, wie mir Sietse Bakker, Sprecher des ESC, mitteilte. Nur wer ganz und gar neu beim ESC mitmacht, etwa als dies bei Serbien vor Jahren der Fall war, muss ein Jahr vor der ersten Teilnahme den ESC auch ohne eigene Beteiligung ausstrahlen.

Ein anderes Beratungsfeld ist das der Vorentscheidungen: Bereits im vorigen Jahr hieß es, künftig sei jedes Land verpflichtet, den eigenen Kandidaten, die eigene Kandidatin nur durch eine Vorentscheidung ermitteln zu lassen. Interne Verfahren, an deren Ende einfach ein Künstler aus dem Hut gezaubert wird – dieses Jahr etwa Frankreich oder Großbritannien -, sollen nicht mehr statthaft sein.

Aber dieser Plan ist inzwischen wieder fraglich: Viele Länder wollen dies nicht, andere insistieren nicht darauf, diese Regelerweiterung festzuschreiben. Frankreichs Head of Delegation, Bruno Berberes, plädiert für die “Freiheit des Verfahrens” – er möchte sein Land nicht darauf verpflichtet wissen, eine Show auszurichten, die keine Quote bringt, kein öffentliches Interesse.

Ich finde: Eine Vorentscheidung sollte immer wichtiger werden – und von 2014 an müsste gelten, dass eine ESC-Teilhabe an eine Qualifikationsrunde geknüpft ist. Das hieße, sich noch gut ein Jahr auf diese Weiterung des Showformats einzurichten, mit den Plattenfirmen ins Benehmen zu kommen. Die schlichte Wahrheit ist: Wer eine Vorentscheidung zelebriert, hat auch beim ESC selbst bessere Quoten – siehe Schweden, siehe Deutschland, siehe Irland.

Schließlich muss während dieser Sitzungstage auch noch gelost werden – die Startplätze der Halbfinals sowie die der Big Five im Finale. Das aber ist erst Anfang der Woche der Fall, wenn alle Lieder nominiert sein werden, auch die allerletzten, etwa Großbritannien.

Es werden vier Tage der Entscheidungsfindung in Baku.

Raus aus dem Untergrund

25. Januar 2012

Soll noch mal einer sagen, dass der ESC, was Glamour und Präsenzvermögen anbetrifft, könne nicht prunken.

Heute Abend wird in Baku feierlich der Schlüssel des ESC - Achtung: hoher Symbolwert, nicht zum echten Aufschließen geeignet! – durch den Düsseldorfer Bürgermeister Dirk Elbers an seinen bakunensischen Amtskollegen übergeben. In zwar in einer feierlichen Zeremonie, bei der sowohl die Halle des Events im Mai präsentiert wird, bei der Stars wie Alexander Rybak und Lena Meyer-Landrut auftreten werden und etliche andere auch. Das ist schon ein echter Fortschritt: 1983, in München, gab der Bayerische Rundfunk in einer mageren Pressemitteilung bekannt, dass man den Grand Prix Eurovision ausrichten werde – und kein Festakt krönte diese Bekanntgabe, keine Flower Ceremony, bei der ein Mensch aus Harrogate den Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt trifft und zarte Osterglocken überreichte. 

Vor einem knappen Jahr: NDR-Intendant Lutz Marmor und Düsseldorfs Bürgermeister Dirk Elbers mit dem Schlüssel für die Arena in Düsseldorf. Foto: dpa

Vor einem knappen Jahr: NDR-Intendant Lutz Marmor und Düsseldorfs Bürgermeister Dirk Elbers mit dem Schlüssel für die Arena in Düsseldorf. Foto: dpa

Und, noch wichtiger noch in diesem Zeitalter immer neuer medialer Möglichkeiten und Bühnen: Alles wird, auch auf eurovision.de, per Livestream übertragen. Man bedenke immer, dass Baku uns drei Stunden in der Uhr voraus ist: Der Livestream beginnt schon um 17 Uhr.

Dass bei diesem Treffen von Prominenten, TV-Funktionären und Interessierten auch gearbeitet wird, versteht sich fast von allein: Die Reference Group tagt ja auch, das heißt die Regierung des ESC, zu der auch ein Vertreter des NDR mit zählt, weil die ARD den letzten Eurovision Song Contest ausrichtete. Sie wird die Auslosung der Halbfinals besorgen, also klären, welches Land in welcher der Qualifikationsrunden antreten wird.  Also: Wird die Türkei auf Griechenland treffen oder Zypern . Und sie hat soeben bekannt gegeben, dass tatsächlich die vom deutschen Unternehmen Alpine Bau zu errichtende ”Christal Hall” der Austragungsort des ESC 2012 sein wird.

Ich würde sagen: Die Höhepunkte der diesjährigen ESC-Saison werden jetzt eingeläutet, weit hinten im Kaukasus, ohne technische Pannen sogar bis Island, Portugal – und wer über einen leistungsfähigen Computer samt Wlan verfügt, bis in alle Welt.

P.S.: Immer noch wird sich der Düsseldorfer Bürgermeister fragen: Hatten wir jetzt ein gutes Jahr oder nicht? Sagen wir es offen: Er hat mit der Übergabe des Schlüssels gen Baku wenigstens in Sachen Entertainment die beste Zeit seines Lebens hinter sich. Er hat alles würdig und gut gemacht – Glückwunsch. 

Armenien kommt doch nach Baku

17. Januar 2012

Das ist die Nachricht des Tages – Armenien, politischer Dauerfeind Aserbaidschans, wird Baku nicht meiden. Wie die European Broadcasting Union heute mitteilte, sind es 43 Länder, die in der aserbaidschanischen Hauptstadt an den Start gehen werden. Bis auf Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien und das Vereinigte Königreich sowie Gastgeber Aserbaidschan müssen sie alle zunächst durch eines der Halbfinals am 22. und 24. Mai. Montenegro ist wieder mit von der Partie, Tschechien pausiert weiterhin, Österreich ist noch nicht wieder beleidigt und dabei – und Italien, wie auch San Marino, hat seine Teilnahme ebenfalls hochoffiziell bestätigt. Okay, Andorra, Monaco und Luxemburg fehlen weiterhin, aber dass Armenien, der Erzfeind, das Land des Teufels schlechthin aus Perspektive des Kaspischen Meeres, teilnimmt, ist politisch von Größe.

Wir erinnern uns: Die Türkei und Griechenland haben sich jahrelang, das war in den Siebzigern, gemieden, sofern der eine teilnimmt – und der andere dann eben nicht. Auch Israel ist so ein Dauerthema. Einige arabische Länder würden ja gern, aber solange dieser jüdische Staat mitwirkt, war und wird mit ihnen nicht zu rechnen sein, nicht Tunesien, nicht der Libanon oder auch nicht Algerien oder Marokko.

Armenien, das ebenfalls zur Erinnerung, bekam aus Aserbaidschan nie Punkte, und umgekehrt war es, meiner Übersicht zufolge, ebenso. Ictimai TV, der dieses Jahr gastgebende Sender, hat sogar Auftritte Armeniens überblendet oder schlicht übersehen. Man ist sich wegen eines Stücks Land in Aserbaidschan (Berg-Karabach) nicht einig – es brodelt in den kaukasischen Gebirgen.

Wir dürfen gespannt sein, wie es in der real existierenden ESC-Wirklichkeit in der Bakuer ESC-Zeit aussehen wird. Werden Armenier gemobbt? Kriegen sie schlechtere Bühnenbedingungen? Das können sich die Aseris nicht leisten, würde ich sagen. Und: Armenien hatte andererseits keine Wahl, als den Tripp nach Baku zu wagen. Denn um im Jahre 2013 überhaupt mitmachen zu dürfen, muss man selbst das Festival im heimischen Sendegebiet ausgestrahlt haben. Also: Eriwan hätte so oder so Baku nicht ignorieren können.

Insofern: Schön, dass es dieses Jahr wieder 43 sind!

P.S.: Die Auslosung darüber, welches Land in welchem Halbfinale zur Finalqualifikation antreten muss, findet Ende dieses Monats statt. Dann wissen wir noch weiteres mehr.

Wir sind willkommen in Baku

10. Oktober 2011

Wie sagte mir ein norwegischer Kollege, der sich wie viele vom Sender NRK heftig für den ESC 2010 abgearbeitet hat: So eine Erklärung haben wir nie abgegeben – und hätten wir auch nicht. Dass nämlich alle, die zum ESC wollen, dies auch können. Egal, wie sie sind, was sie sind und wie schräg sie auch daher kommen. Aus Baku ist diese Erklärung aber nun eingetroffen, die European Broadcasting Union hatte sie eingefordert. Die aserbaidschanische Regierung bestätigt öffentlich, dass der ESC im kommenden Jahr in Baku alle willkommen heißt, die das Festival besuchen wollen. Und zwar, nun einmal konkret gesprochen, wie schwul sie auch immer aussehen oder sind.

Die Visavergabe wird leichter als üblich gehalten werden, auch die Freizügigkeit in Baku (und Aserbaidschan selbst?, das ist noch die Frage) soll auf mittel- und nordeuropäisches Normalniveau gehoben worden. Bislang hatte die Regierung diese Deklaration nicht formulieren wollen, aber nun kam die Bestätigung vom Kaspischen Meer.

Doch Baku hatte Einsehen: Ein ESC, bei dem ein Besucher Angst und Furcht haben muss, wäre die allerschlimmste Public Relation für ein Land, das doch unbedingt als europäisch wahrgenommen werden möchte.

Zum Vergleich: 2004, nach dem Sieg Ruslanas in Istanbul, gaben die Organisatoren in Kiew zwar diese Erklärung auch nicht ab, aber der damalige Präsident Wiktor Juschtschenko ermöglichte, dass alle ESC-Besucher mit einfachem Reisepass in die Ukraine kommen durften. Russland 2009 hatte das nicht gewollt, man musste sich – und ich kann ein Lied davon singen, wie umständlich und unfreundlich das war – eine Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung organisieren.

Ich finde, die Erklärung ist ein guter Grund, nun die Organisation der eigenen ESC-Reise weiter zu betreiben. Zumindest bei der Einreise und innerhalb des etwa zweiwöchigen Aufenthalts im ESC-Trubel müssen die Fans nicht mit Schwierigkeiten rechnen. Wohlgemerkt gelten diese Garantien nur für Besucher des Song Contest, von der eigenen Bevölkerung spricht die Erklärung nicht.

Tickets allerdings wird es noch nicht geben. Die Organisatoren gaben nämlich auch dies bekannt: Vor Anfang kommenden Jahres wird es keinen Verkauf geben. Ich finde, das ist nicht von übel. Denn davon abgesehen, dass es für eine noch längst nicht fertige Halle auch noch keinen Sitzplan geben kann, weiß doch letztlich jeder: Wer will, kriegt immer ein Ticket. Das war in Kiew so und wird auch in Baku nicht anders aussehen.

Marcel Bezençons Idee sei Dank

27. Oktober 2010

Auf Fotografien sieht er aus wie man in den fünfziger Jahren so ausschaute: zurückgescheiteltes Haar, auf dass eine hohe, beinah herrische Stirn sichtbar werde. Marcel Bezençon war in jenem Jahrzehnt, als das Fernsehen ein so junges Medium war wie das Internet vor zehn Jahren, Chef des Programmausschusses der European Broadcasting Union (EBU). Ihm ist die Erfindung des ESC zu danken, er hat das Format schließlich bis zur Premiere 1956 in Lugano betreut. In diesen Tagen vor genau 55 Jahren, am 19. Oktober 1955, fasste unter seiner Ägide die EBU im Palazzo Corsini in Rom den Beschluss, einen “European Song Contest” ins Leben zu rufen.

Corry Broken, niederländische Siegerin von 1957, bei ihrem Auftritt in Frankfurt.

Corry Brokken, niederländische Siegerin von 1957, bei ihrem Auftritt in Frankfurt.

Es mag politische Phantasie in dieses Projekt mit eingeschmolzen worden sein, hauptsächlich aber diente der später legendäre ESC anfänglich dazu, die west- und nordeuropäischen Länder diesseits des Eisernen Vorhangs miteinander technisch zu vernetzen. Könnte es möglich sein, so lautete die Frage an die Ingenieure, an einem Abend mehreren Ländern gemeinsam ein Fernsehereignis zu bieten, dem alle zuschauen können, live und in schwarzweiß? Und später: Wäre es obendrein möglich, diese direkt in die Sendungen hineinzuschalten – per Telefon, auf dass aus diesen Ländern die Punkte durchgegeben werden?

Die Prüfungsaufgabe lautete also: Wie schafft man, wenigstens televisionär, die Abschottung hinter den Landesgrenzen ab?

Bezençon, 1907 in Orbe, Schweiz, geboren, starb Anfang der Achtziger-Jahre 73jährig in Lausanne; bis 1970 hatte er seinen Posten bei der EBU inne. Er hat wie kein anderer für die Entwicklung dieser Show gesorgt, er förderte den anfänglich nicht selbstverständlichen Livecharakter der ESC-Übertragungen, er war es, der 1957 die Austragung des ESC in Frankfurt am Main befürwortete, obwohl Deutschland ob seiner NS-Vergangenheit von seinen meisten Nachbarn noch mit starkem Misstrauen bedacht wurde. Als Schweizer konnte er diesen Ort jedoch gutheißen – seine Haltung galt wie sein Land als politisch neutral.

Er war für eine später als konservativ geltende Regel verantwortlich: Dass die Länder in ihren Heimatsprachen zu singen haben – die Deutschen auf Deutsch, die Niederländer auf Holländisch und die Schweizer auf Französisch, Deutsch, Rätoromanisch oder Italienisch. Das sei, so sein Vorschlag, der kulturellen Identität der Länder förderlich, würden sie nicht auf das Englische ausweichen.

Heute wissen wir: Es gibt seit damals nur wenige Regeln, die Bestand hatten, der Livegesang etwa – auch, dass alle Länder jeweils die gleiche Punktzahl haben. Er hätte natürlich die Erweiterung des ESC bis ins fast Asiatische begrüßt – technisch ist heute alles möglich. Dass die Punkte mittlerweile per Televoting in wenigen Minuten ermittelt werden, hätte er sich gewiss nicht vorstellen können.

An diese Traditionen zu erinnern ist mittlerweile wichtig: So heutig, wie der ESC wirkt, so poplastig, wie er offenkundig ausgerichtet werden muss, um nicht zum Auslaufmodell zu werden.

Die Legende hinter den Kulissen

13. September 2010

Svante Stockselius wird im Dezember acht Jahre lang der Kopf des ESC gewesen sein. 2003 begann er, kurz nach dem ESC in Riga, mit dem Job des Generalsekretärs des prominentesten Teils der European Broadcasting Union. In weniger als vier Monaten wird der in Hudiksvall, Schweden, geborene Journalist seine Arbeit bei der EBU in Genf beenden – und das soll Anlass sein, ihn zu würdigen. Denn er war und ist tatsächlich eine Legende des ESC hinter den Kulissen.

 

Als Journalist, der 16 Jahre bei der in Stockholm ansässigen Boulevardzeitung “Expressen” arbeitete, wusste er, welches Juwel dieser ESC ist: An ihm entzünden sich national wie europäisch heftige Gefühlsaufwallungen, im Guten wie im Schlechten. Nach Ausflügen ins private Fernsehen zählte er als Produzent des ESC 2000 in Stockholm zu den Begründern einer ästhetischen wie marktwirtschaftlichen Renaissance des ESC. War es bis zu jenem Jahr noch für alle Länder eine mehr oder weniger unwillkommene, weil teure Last, den ESC ausrichten zu müssen, zelebrierte Stockselius in Stockholm erstmals den Grand Prix Eurovision nicht mehr als Schlagerparade, sondern, wenigstens ansatzweise, als europäisches Popfestival – an dessen Ende freilich die beiden dänischen Veteranen der Gebrüder Olsen gewannen.

2003 schließlich wurde Stockselius mit dem Posten des Generalsekretärs des ESC betraut – unter und mit ihm die sogenannte Reference Group, in der nur noch wenige Mitgliedsländer einen Sitz hatten. Von 2004 an, in Istanbul, installierte Stockselius den ESC als Forum aller ESC-Kandidaten; er war der ‘Erfinder’ des Halbfinales, an dem, jenseits der Big 4-Länder und des Gastgebers, alle Länder teilnehmen  konnten.

Darüber hinaus erweiterte Stockselius die kommerzielle Basis des ESC.  Nicht nur,dass unter seiner Ägide die Verträge mit den Plattenfirmen (CDs und DVDs) produktionssicher ausgebaut werden konnten, auch die Sponsorenbasis für den ESC erweiterte sich kontinuierlich. Er mache nun einem Nachfolger Platz, so der Schwede, auf dass dieser den ESC auf ein noch höheres Niveau bringen könne und werde. Unter Stockselius Dirigat hat sich der ESC erheblich modernisiert. Nicht nur wurden die Einschaltquoten in allen Ländern stabilisiert, meist sogar erhöht, auch haben sich die Einnahmen aus dem Televoting vermehrt. Das durchschnittliche Alter des Publikums hat sich außerdem verjüngt – auch dies ein Zeichen für den Abschied von folkloristischer oder schlagerseliger Tradition.

Stockselius hatte etliche kleine Krisen zu bewältigen, etwa die zum ESC 2005 in der Ukraine, als nicht ganz klar war, ob in Kiew, kurz nach der Orangenen Revolution, das Eurovisionszirkus würde Halt machen können. Auch Versuche, im Positiven wie Negativen, der oberflächlichen Politisierung des ESC moderierte er ins Diplomatisch-Unaufgeregte – Georgien, beispielsweise, bekam keine Strafe aufgebrummt, weil es keinen Ersatz 2008 für den seitens des ESC nicht akzeptierten Titel (weil Wladimir Putin offen schmähend) aufbot.

Manches gelang ihm und seinen Mitarbeitenden auch weniger gut; die Formatausweitung beispielsweise. Weder konnte sich der Junior Eurovision Song Contest zu einem glamourösen, juvenilen Faktor etablieren. Der JESC, in Bälde in Minsk zu Gast, blieb und bleibt eine mit Zuckerguss überzogene Show, der eine pädophile Aura nicht ganz fremd ist. Der Eurovision Dance Contest, 2007 und 2008 abgehalten, ist inzwischen sogar ganz storniert – mangels Interesse teilnehmender Länder.

Stockselius wird eine gute Erbschaft hinterlassen. Wir, die wir von Stockselius häufig rasch Antworten erhielten auf Fragen zum ESC, wünschen ihm alles Gute.

Das hätte die Türkei verdient!

31. August 2010

Dass die Reference Group – also das Generalsekretariat des ESC – beschloss, die Frist für die Veröffentlichung der potentiellen ESC-Lieder auf den 1. September vorzuverlagen (vom 1. Oktober) ist okay. Das bringt in der Sache allenfalls vier Arbeitswochen, mehr nicht. Es mag psychologisch wichtig sein: In manchen Ländern kann der Vorentscheidungszirkus mithin einen Monat eher beginnen. Immerhin: Früher durften die Lieder kaum vor dem ESC schon mal an die Öffentlichkeit gelangt sein, heute sind mehr als ein halbes Jahr erlaubt.

 

Schade aber, dass das Generalsekretariat sich nicht zu einer schönen Geste durchringen mochte: Nächstes Jahr werden es 24 statt 25 Acts sein, die im Finale um die Krone kämpfen. Weshalb ein Lied weniger? Weil ein Act gewonnen hat, der aus einem der Big 4-Länder kommt, aus Deutschland. Das war bislang nie der Fall, und so kam es, dass die Big 4 immer qualifziert waren, aber auch die Gastgeber, Norwegen, Russland oder Serbien etwa.

Der Antrag, dass man den besten diesjährigen Act aus einem nicht zu den Big 4-Ländern gehörenden Eurovisionsländer ins Auge nimmt und dieses ESC-Mitglied mit einem Freiticket ins Finale beglückt, wurde abgelehnt. Schade, ja, missbilligenswert. Denn es hätte die Türkei getroffen, und dieses Land hat dem ESC in den vergangenen Jahren viel performativen Ruhm eingetragen. Es ist eines der zentralen kulturellen Länder der Eurovision – und maNga haben ja glorios einen zweiten Rang belegt.

Die Türkei gleich im Finale – das hätte die Atmosphäre unter unseren migrantischen Deutschen mit türkischem Familienhintergrund krass befördert.

Will sagen: Eigentlich wäre es eine gute, esc-völkerverbindende Geste gewesen – zumal die Türkei es sowieso verlässlich in die Endrunde schafft.

Ich finde, man sollte den Fall abermals debattieren. Oder?

Träume aus Vaduz

10. August 2010

Ein kleines Land, dieses Fürstentum, das in jüngster Zeit vorwiegend als topographisch leicht angehügelte Geldwaschanlage europäischer Steuerhinterzieher bekannt wurde, versetzt die ESC-Gemeinde in Aufregung: Liechtenstein. Unter ESC-Fans kursieren seit Tagen – Tendenz: immer leidenschaftlicher – Gerüchte, denen zufolge dieses Zipfelchen Land zwischen Schweiz und Österreich am ESC des kommenden Jahres teilnehmen werde.

Nun: Meine Recherchen bei der European Broadcasting Union besagen, dass das mitnichten der Fall sein muss.

Der Sender 1FLTV in Vaduz hat zwar der EBU seine Anwartschaft auf eine Mitgliedschaft in diesem televisionären Netzwerk bekundet, aber noch hat man kein Geld überwiesen, will sagen: den Mitgliedsbeitrag.

Dennoch klingen die Ankündigungen der Hierarchen dieses Senders vollmundig. Man wolle ein ähnliches Castingformat entwickeln wie in Deutschland USFO eines war; man sei in Kontakt mit großen Agenturen … In Wahrheit hat man noch keine Zusagen.

Liechtenstein will offenbar am ESC teilhaben, zumal er im nächsten Jahr in Deutschland stattfinden wird, aber man will dafür wohl nicht das volle Paket der EBU – eben der Austausch von Bildern und Tönen im öffentlich-rechtlichen Nachrichtenwesen – erwerben.

Der Sender leidet außerdem meines Erachtens unter einem noch ganz anderen Manko, das in den Führungszirkeln der EBU (und damit des ESC) heftig disputiert wird: Dass kleine Länder wie Liechtenstein (oder Andorra, Monaco, Moldawien, San Marino) zwar die Promotion durch den ESC wollen, aber eine wichtige Voraussetzung jeder Teilnahme nicht erfüllen könnten: nämlich die Ausrichtung des ESC im Falle eines Sieges.

Das ist kostspielig, und diese Kosten zu schultern traut man vorläufig Liechtenstein nicht zu. Es ist eine gute Regel, dass die EBU in dieser Hinsicht zu immer stärkerer Vorsicht neigt. Denn – wenngleich diese Episode nur noch historisch interessant scheint – 1971 gewann ja Séverine für Monaco und das Fürstentum, eine ehemalige Räuberhöhle an der Côte d’Azur, nobilitiert nur durch Gracia Patricia und einen gewissen Glamour der reichen Leute dort, konnte das Festival 1972 mangels Geld nicht ausrichten.

Denn eins ist klar: In Vaduz gibt es keine Voraussetzungen für einen ESC heutiger Dimension, weder eine Halle noch seriöse TV-Sender, die ernsthaft mit ihrem Budget die Chancen haben, dieses Ding zu meistern.

Es ist beim ESC wie bei Olympischen Winterspielen: Ausrichten können solche Events nur noch größere Städte, die hinter ihren Grenzen gleich Berge und winters Schnee haben. So wie München für die Spiele 2018 kandidiert. Kleine Skiorte wie Lake Placid oder Lillehammer könnten sich kaum noch bewerben – so wie Länder wie Liechtenstein oder Andorra eben hübsch sind für ein ESC-Dekors, aber doch ernsthaft nicht rivalisieren könnten, sollten sie zum Gastgeber werden.

Dennoch: Ich fände eine Liechtensteiner Teilnahme sehr hübsch. Aber sollte man nicht ein wenig realistisch bleiben?

Austeilen zum Abschied

12. Januar 2010

Neulich hat der dänische TV-Direktor der European Broadcasting Corporation (EBU), Björn Erichsen, mit seiner Arbeit aufgehört. Er kehrt nun vom Genfer See nach Kopenhagen zurück - hinterließ aber noch in einem Interview bedenkenswerte Aussagen. Erichsen, unter dessen Ägide aus dem Grand Prix Eurovision die Marke ESC wurde, erklärte unter anderem seine Mühen, die italienische RAI zur Rückkehr in den ESC zu bewegen, für gescheitert. “Ich bin ehrlich enttäuscht, dass wir das nicht geschafft haben”, so Erichsen auf der offiziellen Website der EBU. Die RAI gehört zu den Gründungsmitgliedern des ESC. “Meiner Meinung nach verhält die RAI sich dumm. Wir haben sie seit acht Jahren jedes Jahr eingeladen. Ich wünschte, ich wüsste, wer bei diesem Sender der Spielverderber ist, und ich würde gern die ehrliche Begründung hören. Ich habe nie ein Argument gehört, warum man nicht am ESC teilnimmt, das einen Sinn ergeben hätte.”

 

Ein, gemessen an den diplomatischen Gepflogenheiten, die ein Mensch in seiner Position einzuhalten hat, heftiger Zornausbruch! Aber Björn Erichsen hat offenbar nix mehr zu verlieren. Und hat er nicht recht? Bis 1997 hat die RAI zum ESC häufiger als andere Länder – abgesehen vielleicht von der BBC – Acts geschickt, die den Abend in puncto Chartfähigkeit überlebten. “Magic, oh Magic” von Al Bano & Romina Power gehört vielleicht nicht dazu, aber “Si” und “Non ho l’eta” von Gigliola Cinquetti (1964 und 1974), “Volare” von Domenico Modugno (1958 erreichte er mit dem Originaltitel “Nel blu, dipinto di blu” einen 3. Platz) und von ihm auch “Ciao Ciao Bambina” (1959 trat Modugno mit “Piove” an, Caterina Valente sang ihn später unter dem Titel “Ciao Ciao Bambina”); gleichfalls nicht zu vergessen Alice & Franco Battiato 1984 oder Toto Cotugnos “Insieme: 1992″, Sieger von 1990.

Seit Jalisses “Fiume di parole” in Dublin 1997 bleibt Italien lieber zu Hause – man interessiert sich nicht mehr für Europa; man schwört auf das Festival von San Remo und möchte lieber sich nicht der Konkurrenz aus anderen Teilen Europas stellen. Das ist schade, das ist tatsächlich nicht verständlich – und hat, irgendwie, ein Geschmäckle.

Aber hätte Erichsen nicht taktvoller meckern können? Reichte es nicht schon, dass er vor anderthalb Jahren die BBC attackierte, weil diese Terry Wogan als Kommentator hatte, einen Mann, der vor ätzenden Sprüchen, lästerlich und ESC-verspottend, nicht zurück schreckte? Erichsen war einige Zeit ein unbeliebter Mann in London – ein schroffer Mann an der Spitze einer europäischen Organisation, das war schwer erträglich.

Dennoch: So wie wir für freie Meinungsäußerungt sind, so durfte auch Björn Erichsen aus einem Herzen ein kundgebendes Organ machen. Allein: Ist Italien jetzt wieder im Boot? Ich glaube, sein Nachfolger muss sanfter operieren – sonst wird es mit dem Land, dem wir “Raggio di luna” von Matia Bazar verdanken, nie wieder etwas beim ESC!