Türkei: national eingeschnappt
18. Dezember 2012Diese Meldung lief schon am Freitag über den englischsprachigen Nachrichtendienst esctoday – und sie war brisanter als alle Vorentscheidungsnachrichten der vergangenen Wochen: Die Türkei wird nicht in Malmö dabei sein. Auf der Website des Senders TRT steht zu lesen, dass man sich benachteiligt fühle und die Wertungsregeln nicht mehr akzeptiere. Meine Kollegin Canset Icpinar aus Berlin übersetzte den Text für mich, und er besagt so ziemlich das Gleiche, was nun auch in der Tageszeitung “Die Welt” zu lesen stand.

Wohin segelt die Türkei?
Der Sender beklagt, kurz gesagt, dass Großbritannien, Spanien, Frankreich, Deutschland und Italien nicht durch eine Qualifikation beim ESC müssen – die bevölkerungsreiche Türkei aber sehr wohl. Obendrein sei die seit 2011 gültige 50/50-Regel bei den Abstimmungen (Jury und Televotin haben je hälftigen Einfluss ins Gesamtresultat) abzulehnen, weil etwa Can Bonomo in Baku durch die Jurys viel weniger gut bewertet wurde als durch die Zuschauer in den anderen Ländern. Schaut man sich aber die Ergebnisse der vergangenen Jahre an, fällt vor allem auf: Kein Land war so erfolgreich wie die Türkei. Nur ein einziges Mal – 2011 mit einer lausigen Rocknummer - flog dieses Land schon im Halbfinale raus. Aber sonst? Vom Sieg Sertab Ereners 2003 in Riga abgesehen, kam das Land 2010 auf den zweiten Rang, zweifach auf den siebten Platz (2008, 2012) und drei Mal auf dem vierten PLatz (2004, 2007, 2009). Recht besehen gab es immer dann gute Platzierungen, wenn die Acts frisch, modern und nicht allzu orientalisch daherkamen. Der Sieg von 2003 kam außerdem mit einem Act zustande, der auf Englisch interpretiert wurde: Die prominente Sängerin bestand darauf, nicht auf Türkisch zu singen, sie hätte sonst keine Chance gehabt, meinte sie damals.
Mit anderen Worten: Eigentlich ist der beleidigte Rückzug nicht zu verstehen. Sietse Bakker, Chef des ESC bei der Eurovision Broadcasting Union, sagte mir, zugebend, dass er die Information auch erst über die Website des TRT erhalten habe: “Wir bedauern die Entscheidung des türkischen Fernsehens zutiefst . Wir bemühen uns, mehr Informationen zu bekommen, um die Entscheidung verstehen zu können. Und wir werden nach Möglichkeiten suchen, die Türkei wieder an Bord zu bekommen.” Klagen des TRT über das Wertungssystem habe es allerdings nicht gegeben, so Sietse Bakker, auch habe TRT nie probiert, selbst Teil der “Big X” zu werden.
Es bleibt somit rätselhaft: Könnte es daran liegen, dass die Türkei mit der 50/50-Regel an vorderen Platzierungen eingebüßt hat, weil auf diese Weise die Diasporavoten (türkische Anrufer in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich, Österreich und der Schweiz etwa) weniger schwer ins Gewicht fielen?
In der Türkei selbst ist der, wie Stefan Raab sagen würde, “Drops noch nicht gelutscht”. Der stellvertretende türkische Ministerpräsident Bülent Arinc verkündete, dass sein Land wieder am ESC teilnehmen werde, aber nur, wenn es die Bedingungen in Zukunft erlauben. Wo der Hase im Pfeffer liegt, deutete der Oppositionspolitiker Adnan Keskin, ebenfalls zitiert in der “Welt”, an: “Es kann sein, dass wir dort keine sehr guten Ergebnisse erzielen können - es gab auch Zeiten, in denen wir sie nicht bekamen. Aber es kann nicht sein, dass man den Eurovision Song Contest nur akzeptiert, wenn man auf dem ersten Platz landet - und wenn man schlechtere Plätze erzielt, andere Länder beschuldigt und den Wettbewerb verbietet.”
Alles eine Frage der national durchwirkten Eingeschnapptheit: Wenn wir nicht gut platziert sind, haben die anderen Schuld, nicht der Teil, den wir zur Bewertung stellten. Man kennt diese Charakterlichkeit von Menschen, die nicht verlieren können – solche, die nie durch die Schule von “Mensch ärgere dich nicht” gegangen sind.
Für die EBU ist der Rückzug der Türkei ein stärkeres Problem als der für sie ohnehin bedauerliche Verzicht Polens, Tschechiens und Portugals. Die Zuschauerzahlen für das Event schlechthin gehen in den Keller – und das ist nicht günstig für die Akquisition von Sponsoren. Der letzte Nachrichtenstand: Die EBU überlegt, eine Telefonkonferenz der Reference Group des ESC anzuberaumen. Die Türkei gehört ja inzwischen zu den klassischen ESC-Ländern – da lohnt sich diplomatische Mühe gewiss.









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.