Jedward – die eigentlichen Sieger?

27. Juni 2011

Es gab schon immer Jahre, da gewann ein Sänger oder eine Sängerin – aber was die Zeit danach anbetrifft, waren hinter ihnen platzierte Acts erfolgreicher: 1983 war Corinne Hermès lediglich Königin der Nacht von München, aber ihren Zenit hatte sie mit diesem Triumph hinter sich – und Carola und Ofra Haza gingen als wahren, langfristig erinnerbaren wie kurzfristig hörbaren Siegerinnen aus diesem ESC hervor.

Ähnlich 1968 (Cliff Richard), 1973 (Mocedades) oder 1962 (Conny Froboess), aus der neueren Zeit war es vor Jahren Gina G., die 1996 den Rahm abschöpfte, nicht Eimear Quinn.

Dieses Jahr muss ähnliches bilanziert werden: Die Jungs von Jedward sind die Abräumer, nicht Ell und Nikki aus Baku und London. Von August an, so wurde jetzt über britische Boulevardmedien herausgetrötet, sollen die beiden menschlichen Haarmittelgebirge in der neuen Staffel von Big Brother auftreten – für gut eine Million Euro im Doppelpack. John und Edward Grimes müssen total aus dem Häuschen sein: Einen solchen Act aus Irland hat es lange nicht gegeben, eigentlich war es Johnny Logan zuletzt, der in seinem Land ähnlich im Zusammenhang mit dem ESC für Aufsehen sorgen konnte.

“Running Scared” hört man im Radio hierzulande weniger oft als “Lipstick” – das ist wenig erstaunlich, weil der aserbaidschanische Song zwar hübsch eingängig ist, aber der irische macht mehr her. Dass Jedward also auf hiesigen Wellen gespielt wird, mag natürlich auch mit Zufall zu tun haben: Die Plattenfirma der als chaotisch geltenden Iren – in Wahrheit sind sie in puncto Job hochdiszipliniert und zuverlässig – hat das Duo schon früh bekannt gemacht und sich zur Rund-um-die-Uhr-Promotion entschlossen. Beide wissen, was sich gehört – und machen jeden Promotiongag mit.

Insofern muss man sich nicht wundern: Es gibt ESC-Triumphe, die in einer speziellen Nacht gestiftet werden. Stars, die aufgehen – und rasch wieder verglühen. Und solche, die in der Platzierung nicht einmal Edelmetall ernten konnte und sich doch von grauen Enten zu weißen Schwänen wandeln, und seien es haarspraybehandelte Schwäne. Jedward ist das alles zu gönnen, Ell und Nikki hingegen müssen nicht weinen. Nächstes Jahr in Baku wird ihnen ein Denkmal gesetzt – in Form des 57. Eurovision Song Contest. Wenn Jedward dann noch in der Popkultur was zu melden haben, wäre ich überrascht.

P.S.: Die Internetseite www.youngdancers.tv gab schon am Wochenende bekannt, dass der Norweger Daniel Modou Sarr den Eurovision Young Dancers Contest gewinnen konnte. Eine Jury kürte den 20-Jährigen mit seiner Mixtur aus Jazz, HipHop und Freestyle-Performance zum Besten aller Guten. Einen YouTube-Clip allerdings war nicht zu bestaunen – offenkundig hält sich dieses Showformat in der öffentlichen Präsentation gerade in jenen Ländern, die die Veranstaltung nicht live übertrugen, deutlich zurück. Wir berichten weiter, sobald der WDR das Ding ausgestrahlt hat.

Mit dem ESC auf Reisen

10. Juni 2011

Neulich ließ ein Freund eine superfeinfühlige Bemerkung vom Stapel: „Okay, der Eurovision Song Contest ist eine Show, die man gesehen haben muss“, sagte er. „Sonst kann man einfach nicht mitreden.“ Ich hatte mich nicht unter Kontrolle, blieb nicht kühl, sondern schlaumeierte zurück: „Na klar, jetzt folgst du bloß einer Herde, du Schaf! Jetzt hast du plötzlich deine Meinung geändert. Wer wirklich in Sachen ESC auf sich halten möchte, findet auch die Acts der Achtziger und Neunziger gut, und zwar auch die jugoslawischen.“ Ich konnte natürlich nicht verraten, dass mich das bedauernswerte Jugoslawien immer so Mitleid erregend mitzittern ließ: Kriegen die einen Punkt? Natürlich, Tereza war 1972 mit “Musika i ti” eine formidable Ausnahme.

Jedenfalls: Nach Düsseldorf wissen wir, dass der ESC jene Show ist, über die man nicht schweigen möchte, im Guten nicht, im Bösen ebenfalls nicht.

Der Freund ätzte im Übrigen zurück, er wollte nicht klein beigeben. So murmelte er hörbar:  “Aber der ESC bringt nach wie vor keine Stars hervor.” Ich daraufhin: “Das sagt einer, für den R.E.M. oder Massive Attack oder Seeed! Offenbarungen sind – aber das ist doch der pure Mainstream.” Tatsache ist auf alle Fälle, dass, wer beim ESC eine prima Show hinlegt, hinterher karrieretechnisch nix zu meckern hat. In Deutschland kann hiervon Mary Roos Zeugnis ablegen. Also: “Wer beim ESC performt, kann selbstverständlich ein Star werden!” Und dann fiel mir wieder Jugoslawien ein…

Split, Kroatien

Doch jetzt mal Schluss mit dem Gelästere über Jugoslawien. Erstens gibt es das nicht mehr - es ist jetzt ein zerbröselter Staat, der eine Vielzahl kleinerer Staaten hinterlassen hat. Und zweitens ist das ehemalige Jugoslawien mein Urlaubsziel in den nächsten Tagen. Einfach mal hinfahren in eine Gegend, die uns wunderbare Lieder, Sänger und Sängerinnen geschenkt hat – von Marija Serifovic abgesehen.

Wir fahren in die Nähe von Split, also ins Land von Danijela, Doris Dragovic und Riva. Man sollte Reisen sowieso dazu nutzen, sich fortzubilden. Sonst wird man irre im Kopf – ja, wird wie mein Kumpel, der so weltläufig tut und doch immer nur deutsch bleibt. Nein, der ESC lässt uns Reiseziele aussuchen. Kroatien soll es sein – das Land, das es dieses Jahr nicht ins Finale geschafft hat, verdienterweise, muss man sagen.

Wir freuen uns. Hiermit ist dieser Blog für eine Woche Ferien in der Pause – ich gehe auf Hochzeitsreise, jawoll. Meine erste und einzige. Es wird sich gut anfühlen. Nächstes Jahr, nur mein Gefühl, gewinnt ein Act aus dem ex-jugoslawischen Territorium. Ein schönes Wochenende, eine schöne Woche Euch und Ihnen!

Ein schüchternes Lob

13. Mai 2011

Man soll den Samstag nicht vor dem Sonntag preisen, aber ich sage jetzt schon mal, nach zwei Halbfinals und vor dem bevorstehenden Finale, so als auffrischende Worte, ehe sich alles in den Debatten um Zahlen und Platzierungen verliert: Meine Angst, mein Land – erstmals seit 1983 wieder Ausrichter des ESC – könnte hernach als fremdschämverdächtig und doof und überperfekt und monsterkalt erinnert werden, ist verflogen.

Das hat, meinetwegen, auch mit dem vielkritisierten Stefan Raab als Moderator zu tun – er spricht ein angemessenes, irgendwie auch liebevolles Englisch. Und Judith Rakers hat ohnehin dieses matt-funkelnde Charisma einer Grace Kelly.

Die ESC-Moderatoren. Foto: Rolf Klatt/NDR

Es muss sie nicht beleidigen, wenn ich finde, dass Anke Engelke die Herzen der Fans und Journalisten erobert hat. Sie hat einfach diese robuste Schönheit einer Person, deren Zauber nicht zerbröselt, wenn sie plötzlich einen Topf Kartoffeln schälen muss. Nur meckern könnte man, dass sie auf der Bühne, wenn wirklich Millionen und nicht allein Journalisten und Fans zuschauen, nicht ihre krasse schwarze Hornbrille trägt. Nein, Engelke hat Witz und Esprit – sie liebt diese Veranstaltung wahrhaftig, sie ist verrückt, sie hat die Albernheit von echten Damen.

Daran sollte man sich erinnern, da wir doch zuletzt die tapfere Marlène Charell als Moderatorin aufgeboten hatten – eine gestandene, weltläufige Frau aus Winsen an der Luhe bei Hamburg, die 1983 den Münchner Contest nach Nicole durch permanente Dreisprachigkeit fast in Grund und Boden moderierte. Nein, eine Körperingenieurin, eine Leistungsfremdsprachlerin muss man nicht mehr wählen, um sich Europa moderativ als angenehm und ironiefähig zu empfehlen. Engelke, geboren in der Gegend, in der auch Céline Dion zur Welt kam, spricht das kanadischste Französisch aller ESC-Zeiten.

Ein Kompliment ihnen allen drei – auch wenn sie sich manchmal verhaspelten. Für die Version von “Ein bisschen Frieden” von Engelke und Raab haben sie den nächsten “Echo” verdient: Sie singen es unpluggiger, besser und authentischer als es Nicole machte – und Inga & Wolf es vermocht hätten.

Kurzum: Die Rakers war die elegante Dame, Raab eben Raab – und Engelke die, nun ja, lieblichste Einpeitscherin der Düsseldorfer Arena. Und das mit Anmut. Man mag mir diesen Kalauer durchgehen lassen: Danke, Anke – und Judith wie auch Herrn Raab!

Glamour? Mangelware!

6. Mai 2011

Journalisten finden nichts so unerhört und unprofessionell wie die Absage einer fest verabredeten Pressekonferenz. Aber genau das leistete sich ein Act in diesen Tagen von Düsseldorf, und für mich war es die wichtigste, die schönste, die ergreifendste Nachricht überhaupt: Dana International sagte unmittelbar nach ihrer Probe die Präsentation vor den ESC-Medienarbeitern ab – und was soll ich sagen? Niemand nahm es übel.

Dana International aus Israel. Foto: Rolf Klatt

Und das hat mit etwas zu tun, das man Glamourfaktor nennen könnte, mit dem Talent zur Diva-gemäßen Lebens- und Berufsausübung. Alle, buchstäblich alle, hier in Düsseldorf sind bislang so extrem bemüht. Tun, was die Journalisten wollen. Singen – nötigenfalls auch ihren eigenen Titel in Dialektfassung. Oder sagen freundliche Dinge – etwa, dass sie so glücklich seien, ihr eigenes Land repräsentieren zu dürfen. Das sind alles nur brave Mädchen, selbst wenn sie, wie hier in Düsseldorf, schon älteren Semesters sind, wie etwa Kati Wolf aus Ungarn. Aber auch Magdalena Tul aus Polen oder die Serbin Nina, alle anderen sowieso: Mann, sind die dankbar für alles. Viel zu sehr!

Nein, Diven sind es alle nicht – also ein Typus, den Vicky Leandros 1972 genial und in aller Huld verkörperte. Diven bedienen keine Publikumswünsche, sie erwägen sie allenfalls. Frauen wie Dana International gehen nicht auf Bedürfnisse ein, sie nehmen sie oft nicht einmal zur Kenntnis.

Es war ein Ereignis, wie sie auf der Bühne bei der Probe kaum einen geraden Ton rausbrachte, die Haare mäßig frisiert trug – und außerdem eine Sonnenbrille trug, gegen die sich die üblichen Modelle von Vicky “Posh” Beckham wie Nickelbrillenvarianten ausnehmen. Nein, an Dana International ist alles eine Spur zu übertrieben, zu krass, zu doll.

Wobei ich nicht sagen will, dass in Düsseldorf Glamour Mangelware sein muss. Die Isländer von Sjonni’s Friends sind so nett-lagerfeuerhaft, dass man glatt vergisst, dass zum ESC auch die Idee von Entrückung gehört. Die wirken nah und tun kumpelig auch alles, damit die Pressemeute – peinlich: klatschend! – nicht enttäuscht ist.

Es ließe sich resümieren: Es muss die bösen Königinnen ebenso geben wie die Aschenputtel – eine Rolle, in der dieses Jahr der Finne Paradise Oskar lebt, der, so hörten wir, erwähnte, dass sein Kunststoffhemd recycelbar sei. Nun, das musste er sagen, denn er tritt ja mit der Weltverbesserungsnummer des Jahres an, er nimmt die aktuelle Geistesmode des Ökologischen auf: Dieser Mann, der im Grunde die Nicole des Jahres ist, weiß, wie man mit Antiglamour auch Punkte sammeln könnte.

Paradise Oskar aus Finnland. Foto: Alain Douit/EBU

Dana International hingegen, Dauerskandalnudel aus Israel, nicht zu zähmende Kritikerin der rechtskonservativen Regierung ihres Landes, hat keine Botschaft der inhaltlichen Sorte, nur sich selbst. Eine Diva eben! “Ding Dong” aber, so sagte ein israelischer Kollege, sei ein nicht besonders siegesfähiges Lied, man könne “eine Flagge nur einmal hissen”. Soll das heißen: Dana International sollte für Israel nur performen, weil sie in Deutschland und in Europa bekannt ist und weil sie eben Charisma hat?

Zugleich ist sie älter geworden, ihre Allüren wirken wohl bald etwas zickig. Auch das geht als jedem Divenrepertoire zugehörig durch. Ich bange nur: Ist schon Düsseldorf ihr Ort, an dem sie merkt, dass ihre Zeit passé ist?

Anbetungshandlungen auf Pressekonferenzen

1. Mai 2011

Erinnert sich noch jemand? Bane Katic war 2008 in Belgrad der Talkmeister im Green Room. Der TV-Mann, dessen familiäre Wurzeln in Serbien liegen, kommt allerdings aus München, spricht ein bayerisch gefärbtes Deutsch und ist jetzt auf Englisch in Düsseldorf gefordert. Zusammen mit der bezaubernden Sonia Kennebeck aus Hamburg, dortselbst tätig im Team des ARD-Magazins “Panorama”, leitet Katic die Pressekonferenzen der Länder.

Diese finden stets nach den Proben statt, und sie sind von speziellster Natur. Wie gesagt, Kennebeck wie Katic machen ihre Sache in flüssigstem Englisch würdig bis ultraprima – aber auch sie wussten nicht, dass diese Pressekonferenzen eigentlich das erste Gebot des Journalismus dauernd und dauerhaft verletzen: das der Distanz dem Gegenstand der Berichterstattung gegenüber. Man stelle sich vor, auf der Bundespressekonferenz in Berlin spendete der Hauptstadttross der Parlamentsjournalisten Kanzlerin Angela Merkel Applaus, nachdem diese Ausführungen zu ihrer neuesten Regierungspolitik gemacht hat. Okay, das würden manche Kollegen gern tun, wenn sie dieser Politikerin nahestehen (und andere bei Vertretern der SPD, der Grünen, der FDP oder der Linkspartei). Aber es gehört zum Comment des politischen Medienbetriebs, sich persönlicher Sympathiebezeugungen strikt zu enthalten.

Hier beim ESC allerdings wird dieses Gebot stetig geschleift. Im Grunde sind es so etwas wie Anbetungshandlungen, die die Moderatoren zu strukturieren haben: Zunächst gibt es ein paar Fragen von Katic und Kennebeck selbst, so wie es in den vergangenen Jahren alle Moderatoren auch getan haben. Am Ende werden die Acts ermuntert, doch ihr Lied nochmal a cappella vorzutragen. Das tun sie auch meist, und wenn sich eine oder einer verweigert, nehmen die Zuhörenden das missbilligend, aber still zur Kenntnis. Dazwischen ein paar harmlose Fragen, am Ende ein wenig Gesang, auf dass alle gut gelaunt sind. Dann stellen die Journalisten Fragen.

Aber es sind meist keine echten Fragen. So stellte sich bei der ersten Pressekonferenz, der der Polin Magdalena Tul, einer als Angehöriger von Radio Luxemburg vor; der andere als Medienarbeiter der Universität von Oslo, schließlich ein Fan aus Südafrika, der Frau Tul eine selbstgebastelte CD mit einem Lied auf Afrikaans überreichte – wobei niemand der Fragenden oder ihre Statements Formulierenden zu erwähnen vergaß, dass man die Chanteuse ganz wunderbar findet. Nun, das ist ungewöhnlich für die journalistische Distanz, wie erwähnt.

Und man könnte sich über all diese Menschen (meist Männer) lustig machen. Es ließe sich sagen, dass diese gar nicht als Journalisten arbeiten, sondern in sonstigen Berufen, aber als Fans akkreditiert sind – und also die Distanzpflicht nicht kennen.

Jedoch hat das auch sein Gutes: Keine Pressekonferenz kommt wirklich schlecht gelaunt rüber, alle sind voller Gewogenheit und Fairness, niemand wird fertig gemacht, keine Fragen kommen zur Geltung, die die Befragten blamieren könnten – es sei denn, sie tun das selbst.

Aber Magdalena Tul umschiffte jede Falle, jede Chance auf Selbstbeschämung sicher. Eine einzige Frage hatte echte Brisanz: Was sie davon halte, dass just an diesem Sonntag in Rom der verstorbene Chef aller Katholiken, Johannes Paul II., selig gesprochen werde. Und die polnische ESC-Kandidatin erwiderte, das habe sie nicht weiter verfolgt, sie habe sich mit der ersten Probe beschäftigt – werde aber später am Telefon ihre Mutter fragen, wie es denn so war. Das nenne ich, einem innenpolitisch riskanten Thema gelungen aus dem Weg gegangen zu sein. Hätte sie gesagt, der Papst, selig oder nicht, sei ihr egal, wäre sie in Polen seitens der Konservativen zur persona non grata gemacht worden. Nein, niemand wird auf irgendeiner Pressekonferenz Kontroverses äußern.

Deshalb, finde ich, muss man diese bizarre Form der Pressearbeit respektieren: Beim ESC geht es immer um Lob – und die schärfste Kritik ist das allenfalls blasse Kompliment. Diese, wenn man so will, Spielart der Urteilskraft unterliegt eigenen Gesetzen. Mit Distanz und böser Kritik kommt man zu keiner Auskunft.

Irgendwie ist eine ESC-Pressearbeit etwa so wie die Talkshows von Alfred Biolek einst waren: Mit Freundlichkeiten bekam der Altmeister des Gesprächs alles aus seinen VIPs raus, mit Misstrauen und Absichten des In-die-Pfanne-Hauens hätte er nur Verdruss erzeugt.

Insofern: Diese Pressekonferenzen in Düsseldorf laufen, auch dank Katic und Kennebeck, sehr hübsch und alle Acts nahebringend. So kann es weitergehen!

Aserbaidschanische Indizien

25. März 2011

Die Prognosen in den britischen Wettbüros sind – was die Erfolgsaussichten der ESC-Teilnehmer in Düsseldorf betrifft – das Eine. Da geht es um die wahrsten Werte unter den Werten, nämlich um Geld. Ein Anderes sind die Hinweise, die uns die Klickzahlen der ESC-Videos geben. Für Menschen, die nicht dauernd im Netz das Immergleiche hören wollen: Auf den Seiten von eurovision.de findet man alle Videos des Jahrgangs. Man kann sich die Acts natürlich auch via YouTube oder anderer Clipanbieter ansehen – dann muss man manchmal nur ein wenig suchen. Generell gilt: Mit Ton und im Bild, so sind die modernen Zeiten, kann man sich am besten einen Eindruck verschaffen.

Wir haben uns umgehört, international. Über YouTube, über Google, über diverse nationale Plattformen – und ultrapräzise Zahlen können wir hier keine bieten. Nur dies: Auf nationalen Plattformen genießen durch die Bank weg die einheimischen ESC-Acts die höchsten Zusprüche, was die Klicks anbetrifft. Sortiert man diese Sympathiewerte einmal zur Seite – zumal man ja für den Beitrag des eigenen Landes sowieso nicht anrufen darf -, ergibt sich eine andere Perspektive.

Und so kommen wir zu den Charts: Aserbaidschan liegt bei den Clips haushoch vorne. Frankreich liegt auf Platz zwei, aber schon deutlich dahinter. Ungarn – seit Neuestem auf dem ersten Rang der Wetten, bei denen es um Geld geht – liegt, unserer groben Übersicht zufolge, auf dem dritten Rang. Dahinter rangieren Estland, Weißrussland, die Türkei, die Niederlande und auf dem achten Platz Lena. Schweden und Israel lassen sich knapp hinter diesen eingruppieren.

Ell/Nikki aus Aserbaidschan. Foto: eurovision.tv

Wie gesagt: Das sind Momentaufnahmen, das sind quasi Blitzlichter eines Bildes, dessen Konturen noch nicht hinreichend klar sind. Aber die Clips und ihre Sympathisanten sind ernstzunehmen.

Man muss dazu wissen, dass diese Klickzustimmungen – oder Nichtzustimmungen – in den vergangenen Jahren einen gewissen Aufschluss über das zu erwartende Resultat gaben. Alexander Rybak und Lena waren klicktechnisch gesprochen die stärksten Hingucker in ihren Jahrgängen – und Lena sogar lange, ehe sie auch in den Wetten vorne lag.

Aber muss das dieses Jahr auch stimmen? Könnten Aserbaidschan (und Weißrussland, dieses gruselige Ding) nicht das Internet durch Tricks überlistet haben – etwa mit ölgesättigten oder überhaupt mafiotisch grundierten Geldern? Verschwörungstheorien, ich weiß. Wahr ist für mich aktuell, dass der Act aus Baku so sehr nichtaserbaidschanisch klingt – was die übliche Landesfolklore betrifft -, dass man davon ausgehen kann: Hier will ein Land unbedingt gewinnen. So wie Russland es wollte, ehe es dies mit Dima Bilan schaffte.

Das Internet ist ernst zu nehmen, würde ich also meinen – und Aserbaidschan hochgarantiert erst recht. Dass unsere Kandidatin nicht in Pole Position hockt, ist, alles in allem, gut: So wird man in der Konzentration auf das Wesentliche nicht nachlässig. Das Wesentliche? Na, ist doch klar: Das ist das Finale und der dortige Liveauftritt. Der Erwartungsdruck ist bis dahin nicht allzu gewaltig.

P.S.: Nun hat sie gestern in Berlin zwei “Echo”-Trophäen eingesammelt, “lovely Lena”. Sie sagte, wie sie die Dinge immer sagt, irgendwie spontan und leicht ungelenk: “Ich hab’ so Herzklopfen und meine Hände zittern.” Dieser Preis sei “so was tierisch Großes”, fand sie. Eine Auszeichnung als Nachwuchskünstlerin, die andere als beste nationale Chanteuse. Um mal die Latte leicht hochzulegen: Jetzt kann sie den “Grammy” ins Auge nehmen, die US-amerikanische Variante des “Echo”. “Taken By A Stranger” ist kein schlechtes Bewerbungslied.

Eurovisions-Fanfare in der Nische

17. März 2011

Bin in Leipzig. Hier okkupiert alles die Buchmesse. Vor allem auf dem Messegelände. Macht man die Ohren zu, schließt man leicht die Augen, ohne sie ganz zu verdunkeln, könnte dies hier auch ein Eurovision Song Contest sein. Irgendwie Tausende, die sich nur um ein Thema scheren. In diesem Fall: Bücher. Es laufen hier viele jugendliche Menschen herum. Auch sie sprechen über Bücher. Aber es könnte auch ein ESC sein, beispielsweise der in Oslo im vorigen Jahr. Eine Mischung aus Nerds, Experten, Zufallsbesuchern und Funktionären. Oder eine Mixtur aus allem. Auch hier werden Treffer, Sieger und Verlierer erörtert. Wer schafft den Sprung auf die Bestsellerliste, wer wird reüssieren? Wird ein kleiner Verlag ein Buch im Angebot halten, das in den Charts alle schlagen kann? Niemand – auch das ähnlich wie beim ESC – flaniert. Keiner hat den Ausdruck echter Muße im Gesicht, alles wirkt leicht fahrig und zeitnötig. Schon wieder die nächste Lesung (die nächste Probe); gleich der nächste Partytermin (der nächste Partytermin); was zieh’ ich für die Performance der Freejazz-Literatin an? (Was zieh’ ich an?).

Irgendwie sind diese Ein-Thema-Mega-Events austauschbar.

Leipziger Buchmesse 2011. Foto: Hendrik Schmidt / picture-alliance / dpa

Hat denn diese Buchmesse so gar nichts zu tun mit dem ESC? In einer kleinen Nische doch. Der Antje-Kunstmann-Verlag hat ein wirklich kompaktes Buch herausgeben, und zwar von Clemens Dreyer, Claas Triebel und dem Graphiker Urban Lübbeke. Der Titel: “Ein bisschen Wahnsinn. Wirklich alles zum Eurovision Song Contest”. Die Autoren sind extrem nett, beide in den mittleren Siebzigern geboren, der eine im Jahr von Brighton – und sie sind echt begeisterte Fans, die einmal alles Wissenswerte über den ESC in eine handliche Form bringen wollten. Das ist ihnen gelungen.

Ich durfte sie kennenlernen, bei einer Lesung am taz-Stand. Es war mir eine Freude. Heute Abend, in einem Café am Rande der Leipziger Innenstadt, werden sie eine Performance geben, Clemens Dreyer wird körperintensiv die Vorstellung von Domenico Modugnos “Volare” nachmachen – auf dass wir erkennen, wie Fernsehen, wie der ESC damals funktionierte. Ich freu’ mich drauf.

Warum es nicht mehr Bücher im Jahr der Lena Meyer-Landrut gibt? Weil, so sagen die meisten Verlage, Bücher zu Musik, zu Popmusik, nicht gehen. Weil Keith Richards für interessant gehalten wird, Marianne Faithful dagegen weniger. Beide haben nie am ESC teilgenommen, das spricht meiner Ansicht nach gegen sie, aber der ESC hat viele nicht angezogen, und das hat vielen nicht genützt.

Bei der Lesung von Triebel und Dreyer waren auch Schüler und Schülerinnen dabei. Ich dachte, na, die finden nur die modernen ESC-Sachen gut. Aber der eine Schüler, vielleicht 15 Jahre alt, kriegte leuchtende Äuglein, als aus der mitgebrachten Computermusikbox satt und schön Vicky Leandros’ “Après toi” quoll. Und ich dachte: Na, das wird ein Fan, den sehe ich bald bei einem ESC wieder, der weiß die guten alten Zeiten noch zu würdigen.

Eine Buchmesse sei wie ein ESC? Klar, die Lektoren, Autoren und Literaturfreunde würden diese These bestreiten. Sie würden schimpfen, dass man es doch bei ihnen mit Bildung und Schönheit zu tun hat. Antwortete man, das sei doch beim ESC auch so, nur europäischer, guckten sie vermutlich unverständig. Ja, eine Buchmesse ist schön – aber auf ihre Art lebt sie von einer eigenen Welt, von ihrer nämlich.

P.S.  Wie ich heute erfahren haben, lädt die Stadt Düsseldorf am Freitag zu einer Pressekonferenz ein – mit dabei: Lys Assia. Wie schön, dass sie auch in diesem Jahr dabei ist.

Lena, 14. Mai, etwa um viertel nach zehn

15. März 2011

Das wusste Spaniens Head of Delegation doch zügig zu beantworten: Sein Land loste Sabine Heinrich als jenes der Big-Five-Teilnehmer aus, das sich im Finale den Startplatz aussuchen darf. Und was tat der selbstbewusste Spanier? Er sagte: “22!” Das ist der Platz, von dem aus Lena Meyer-Landrut in Oslo ihren “Satelliten” aufsteigen ließ, das war der Platz im Tableau, von dem zu triumphieren möglich war. Nun ja, wer abergläubisch ist oder zur Zahlenmagie neigt, mag das für aussagekräftig halten: Vielleicht ist es im kommenden Jahr der Platz Nummer 16, der besonders gern zugelost würde. Denn die Losfee zog für Lenas “Taken By A Stranger” den Platz Nummer 16 – und also wird sie am 14. Mai in der Arena etwa um viertel nach zehn Uhr auf die Bühne schreiten.

Sabine Heinrich als Glücksfee. Foto: Willi Weber / NDR

Überhaupt wurden alle Big-Five-Länder eher in das hintere Starterfeld gelost: Frankreich beginnt an elfter, Italien an zwölfter Stelle, Blue für Großbritannien gehen als Vierzehnte ins Rennen. Hübsch ist, dass niemand von ihnen den zweiten Platz des Abends erhielten: Von dieser Stelle aus ist kein Blumentopf zu gewinnen, jedenfalls nicht der, der einem Sieger überreicht wird. Zahlenmystik? Natürlich. Aber woran soll man sich sonst halten?

Jetzt zu den Halbfinals. Bosnien eröffnet den 12. Mai, Irland wird von allen Halbfinalisten an letzter, an 19. Stelle des zweiten, auch von der ARD übertragenen Semifinals performen. Schweden, Israel, Lettland und Dänemark sind irgendwo dazwischen. Österreich an zweiter Stelle des Halbfinals vom Donnerstag ist nix Halbes und nix Ganzes. Ich würde sagen: Hängt bei unseren südlichen Nachbarn von der Tagesform ab, ob sie weiterkommen. Sonst ist es doch so: Wer an zweiter Stelle auf die Bühne muss, hat damit zu rechnen, dass das TV-Publikum gerade erstmals neues Bier aus der Küche holen muss oder sonstwie Aufmerksamkeitsschwächen hat.

Dass Polen den Act an allererster Stelle gibt, freut mich auch. Ein eher sachter Auftakt, gefolgt von den Knallern aus Norwegen, die aber, siehe Österreich, auch an der verflixten zweiten Startposition. Das kaukasische Trio – Armenien, Georgien und Aserbaidschan -, nun wahrlich kein einander heiter gesinntes Bündnis, muss sich nicht begegnen auf dem Catwalk zwischen Garderoben und Bühne: Sie singen an vierter, neunter und 18. Stelle.

Gut für Finnland ist, dass es zwischen eher nervöse Nummern gepackt ist: Vor Paradise Oskar treten Georgien und nach ihm Malta auf. Das passt stilistisch, um nicht in einem Rudel an wimmernden Liedermachereien unterzugehen.

Ich bin, kurzum, geneigt, dies zu resümieren: Dana International an zwölfter Position des zweiten Halbfinals kann auf das Finale hoffen – sie wird flankiert von Mazedonien und Slowenien. Der Korridor zwischen beiden exjugoslawischen Teilen kann von ihr heftig zu eigenen Gunsten ausgestrahlt werden.

P.S. Judith Rakers spricht ein prima Englisch, Sabine Heinrich ist eine zauberhafte Ausloserin.

Weißrussische Imagekorrektur

4. März 2011

Das hören wir aus Minsk, und zwar eine possierliche Nachricht: Der Titel, den Anastasiya Vinnikova singt, heißt jetzt anders. Und zwar im Detail, nicht im Grundsätzlichen. Nicht mehr “Born in Belorussia” heißt das Lied nun, sondern persönlich-bekenntnishafter “I Am Belarusian”. Ein neues Texterteam wurde beauftragt, den Text zu ändern – man wolle mit diesem Act ins Heutige weisen, jedenfalls, das ist der Grund, nicht als Teil des alten sowjetischen Systems, zu dem ja Weißrussland zählte, wahrgenommen werden.

Die weißrussische ESC-Teilnehmerin Anastasiya Vinnikova

Das ist insofern hübsch, weil es sich ja nur um eine Image-Umföhnung handeln kann: Wie alle wissen können, ist das Regime Alexander Lukaschenkos eines der wenigen, das offen als diktatorisch geheißen werden darf. Die innere Nähe zum Sowjetischen ist also wie eh und je gegeben – echte demokratische, rechtsstaatliche Verhältnisse hat es ja rund um Minsk nicht gegeben. Aber man will in Düsseldorf keinen Vorwand liefern, über den Umweg der Kritik am Alten, am Bolschewistischen, zur Mäkelei einzuladen, die ins Heutige reicht.

Nun fragt sich: Ist der Titel textlich zu einer lieblich-propagandistischen Mixtur aus “Ein bisschen Frieden” und “All Kinds of Everything” geworden? Eine Hymne auf klare Bäche, grünste Sträuche und schmuckste Menschen? Nein, enttäuschenderweise ist es alles viel profaner. Lest hier: “I’m gonna make it my way / Just getting stronger each day / I’m from Belarus so I say / I’m Belarusian / I’ve got the whole life to live / I’ve got so much I can give / And you can always believe / In my friendship / Now it’s time to show / I am Belarusian / feel it in my mind / Belarusian / friendly and so kind / Time’s on my side / Nothing is gonna break me now.”

Soviel zum lyrischen Gewicht des Weißrussischen in seiner wohl zeitgenössischen Anmutung. Was soll es nur bedeuten? Was könnte in den Zeilen des alten Liedes gestanden haben, das an Belanglosigkeit das renovierte Lied noch unterboten haben könnte? Wir wissen es nicht. Tatsache scheint mir, dass “I Am Belarusian” zu den Acts zählt, welche bereits jetzt zu den schlechtesten des Düsseldorfer Jahrgangs auserkoren werden. Fans sagen: Erschreckenderes haben wir noch nie von dort geliefert bekommen.

Wie das Lied selbst klingt? Glauben Sie mir: eine aufgeregt-piepsige Kasatschok-Disco-Don-Kosaken-Variante von allem, was einem auf Anhieb missfallen soll. Eine Expertenwahl, keine des Publikums – aber was heißt das schon. Ich schätze, ob sie nun bekennt, Weißrussin oder als Weißrussin geboren worden zu sein: Imagekorrektur kann auch billige Tünche sein.

Freiwillig und aufregend

14. Januar 2011

Ich wünschte, so etwas wäre schon vor 30 Jahren möglich gewesen: sich bei den Organisatoren des ESC zu melden und beim Festival selbst Dienst zu schieben. Freiwillig, der Ehre wegen, und deshalb – seufz! – umsonst. Aber was soll’s: Ich hätte es als Abenteuer, als freiwilliges sozialkulturelles Vierteljahr genommen – nur um eben dabei zu sein. Sei es als Fahrer, als Person hinter dem Pressestand, als freundlicher Mensch, der den Gästen bei einem ESC die Umstände erklärt. Sagt, wo die Cafés sind, die besten Verbindungen in die nächste Großstadt oder zu den Proben. Wo es Akkreditierungen gibt – und wo das Gratis-Stillewasser zu zapfen ist.

Die Arena in Düsseldorf

Ich stelle mir vor, 1967 in Wien wäre mir das möglich gewesen: Als ESC-Page in der Wiener Hofburg – das hätte mir und wohl vielen anderen gefallen.

Oder 1993 in Millstreet: “Sagen Sie mir, wie komme ich aus diesem Kuhkaff zurück in die Zivilisation?” Oder, falls einer hinter dem Fan-Desk steht: “Wissen Sie, ich bin von einer wahnsinnig relevanten Radiostation in Molwinien – und brauche dringend die Promo-CD von Norwegen. Könnten Sie mir die geben?” Die Freiwilligen hätten dann die Chance, so süßlich wie ernsthaft zu flöten: “Nein, Norwegen hat keine Promo-CDs und von Molwinien haben wir noch nie etwas gehört.”

Das sind, anders gesagt, die kommunikativen Highlights von Freiwilligendiensten beim ESC, die auch möglich sind, wenn einer auf Hartz IV ist, weil es ohnehin keine Gage gibt. Dafür aber Versicherungsschutz, natürlich.

Und insofern möchte dieser Blog diesmal auch als Mobilisierung für diese Freiwilligendienste gelesen werden – denn ohne diese wäre ein ESC nicht ein ESC. In Istanbul hatte ich mich mit einem sehr charmanten Mann an der Akkreditierungsschleuse angefreundet. Er besorgte mir, nach einigen Tagen, eine Spezialakkreditierung, Titel: “Bitches & Fans & Friends”. Mit Zugang zu allen Bereichen, auch zur Kantine der Freiwilligen. Will sagen: Ich bin dankbar für all diese Kontakte über all die Jahre – es waren durch die Bank solche, die einfach nur aus dem ESC ein internationales Ereignis machen wollten.

Sie wollten für ihr Land Ehre einlegen – und das möchten auch die Volunteers in Düsseldorf. Ich finde, das lohnt auf das Wunderbarste!