Jedward – die eigentlichen Sieger?
27. Juni 2011Es gab schon immer Jahre, da gewann ein Sänger oder eine Sängerin – aber was die Zeit danach anbetrifft, waren hinter ihnen platzierte Acts erfolgreicher: 1983 war Corinne Hermès lediglich Königin der Nacht von München, aber ihren Zenit hatte sie mit diesem Triumph hinter sich – und Carola und Ofra Haza gingen als wahren, langfristig erinnerbaren wie kurzfristig hörbaren Siegerinnen aus diesem ESC hervor.
Ähnlich 1968 (Cliff Richard), 1973 (Mocedades) oder 1962 (Conny Froboess), aus der neueren Zeit war es vor Jahren Gina G., die 1996 den Rahm abschöpfte, nicht Eimear Quinn.

Dieses Jahr muss ähnliches bilanziert werden: Die Jungs von Jedward sind die Abräumer, nicht Ell und Nikki aus Baku und London. Von August an, so wurde jetzt über britische Boulevardmedien herausgetrötet, sollen die beiden menschlichen Haarmittelgebirge in der neuen Staffel von Big Brother auftreten – für gut eine Million Euro im Doppelpack. John und Edward Grimes müssen total aus dem Häuschen sein: Einen solchen Act aus Irland hat es lange nicht gegeben, eigentlich war es Johnny Logan zuletzt, der in seinem Land ähnlich im Zusammenhang mit dem ESC für Aufsehen sorgen konnte.
“Running Scared” hört man im Radio hierzulande weniger oft als “Lipstick” – das ist wenig erstaunlich, weil der aserbaidschanische Song zwar hübsch eingängig ist, aber der irische macht mehr her. Dass Jedward also auf hiesigen Wellen gespielt wird, mag natürlich auch mit Zufall zu tun haben: Die Plattenfirma der als chaotisch geltenden Iren – in Wahrheit sind sie in puncto Job hochdiszipliniert und zuverlässig – hat das Duo schon früh bekannt gemacht und sich zur Rund-um-die-Uhr-Promotion entschlossen. Beide wissen, was sich gehört – und machen jeden Promotiongag mit.
Insofern muss man sich nicht wundern: Es gibt ESC-Triumphe, die in einer speziellen Nacht gestiftet werden. Stars, die aufgehen – und rasch wieder verglühen. Und solche, die in der Platzierung nicht einmal Edelmetall ernten konnte und sich doch von grauen Enten zu weißen Schwänen wandeln, und seien es haarspraybehandelte Schwäne. Jedward ist das alles zu gönnen, Ell und Nikki hingegen müssen nicht weinen. Nächstes Jahr in Baku wird ihnen ein Denkmal gesetzt – in Form des 57. Eurovision Song Contest. Wenn Jedward dann noch in der Popkultur was zu melden haben, wäre ich überrascht.
P.S.: Die Internetseite www.youngdancers.tv gab schon am Wochenende bekannt, dass der Norweger Daniel Modou Sarr den Eurovision Young Dancers Contest gewinnen konnte. Eine Jury kürte den 20-Jährigen mit seiner Mixtur aus Jazz, HipHop und Freestyle-Performance zum Besten aller Guten. Einen YouTube-Clip allerdings war nicht zu bestaunen – offenkundig hält sich dieses Showformat in der öffentlichen Präsentation gerade in jenen Ländern, die die Veranstaltung nicht live übertrugen, deutlich zurück. Wir berichten weiter, sobald der WDR das Ding ausgestrahlt hat.











Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.