Landwegs nach Baku

14. Mai 2012

Sie haben sich das lange überlegt, die Berliner Schriftstellerin und Musikerin Christiane Rösinger mit ihrer Kompagneuse Claudia Fierke, beide in Berlins Bezirk Kreuzberg wohnend. Und vor knapp einem Jahr, kaum hatten Ell/Nikki den in ihrem Land ersehnten ESC gewonnen, da dachten beide: Da müssen wir hin. Und zwar als Frauen, die im Auto fahren. Kurz: Fierke und Rösinger haben nun also Anfang Mai ein Road Movie begonnen, eine Art “Thelma & Louise” ohne männliche Verderbnis im Hintergrund und hoffentlich auch ohne großen Absturz in der letzten Filmsequenz.

Christiane Rösinger und Claudia Fierke fahren nach Baku. Foto: Anja Weber

Christiane Rösinger und Claudia Fierke fahren nach Baku. Foto: Anja Weber

Fierke, die ich exakt in diesen Tagen 38 Jahre kenne, schrieb mir noch vor der Abreise: “Wir starten am 9. Mai morgens um 9 Uhr. Vielleicht auch 30 Minuten früher oder später. So ist der Plan … Der Bus ist ausgebaut, das Öl gewechselt und alles sollte gut gehen.  Frau Rösinger will lieber in Hotels gehen und ich will am liebsten so oft wie möglich im Bus schlafen, gerne an Stränden in der Einsamkeit. Aber ich hab ja auch ein halbes Jahr Afrika mit dem Bus hinter mir, wenn auch schon sehr lange her. Und das Erbe meiner campenden Eltern. Jedenfalls wird es wohl an manchen Abenden Diskussionen über den Schlafplatz geben.”

Ich kann das verstehen: Lieber nicht so ganz erdig-jugendlich, sondern angemessen riskant, aber erwachsen und komfortabel. Frau Rösinger weiß das: Sie, die wunderbare Chanteuse der früheren Lassie-Singers, die beste Sängerin, die Kreuzbergs alternatives Milieu je hervorgebracht hat, die ergreifendste Vortragskünstlerin ohne jeden sentimentalen Schmus… Die weiß, dass man sich bei einem Road Movie kein Rückenleiden zuziehen muss.

Jedenfalls: Sie reisen zurzeit über Budapest, Belgrad, Sofia und Istanbul, “dann entlang des Schwarzen Meeres bis zur Grenze nach Georgien. Sowohl an der Küste als auch in Georgien wollen wir ein bisschen verharren und Land und Leute genießen. Ursprünglich war die Fahrt durch die Ukraine geplant und zwar bis Odessa, vielleicht mit ein paar Auftritten dazwischen (Lemberg, Kiew, Odessa waren angefragt). Da aber die Fähre übers Meer (übrigens die “Greifswald” aus der DDR!) dermaßen unzuverlässig ablegt und wir ja einen Termin in Tiflis haben, haben wir uns anders entscheiden und fahren über Istanbul hin.”

In Tiflis werden beide auf Einladung des Goethe-Instituts auftreten, die Rösinger auch mit Literarischem, beide zusammen muszierend. Fierke, Musikerin und einst Leiterin von Berliner Filmtheatern (auch der freiluftigen Sorte), hat zum ESC heftige Affinität. Sie ist keine Hipsterin, die erst seit Guildo Horns Tagen so tut, als hätte sie den Kult schon immer verstanden. Sie bevorzugt das gesamte Genre des ESC – und mag “Waterloo” ebenso sehr wie “Zeiger der Uhr” oder “Paradies, wo bist Du?”. Zu ihren Lieblingsstücken – weil sie sie selbst am Fernseher erlebt hat – zählen “Falter im Wind” von den Milestones, “Si” von Gigliola Cinquetti, “Dansevise” von Grethe und Jørgen Ingmann aber ganz besonders, weil es elegant und schön ist.

Was mich an deren Reise, ja Annäherung an Baku besonders angefixt hat, war der Satz, den Claudia Fierke äußerte, als ich sie nach dem Sinn ihres Trips fragte. Sie antwortete auf mein “Wozu?” aufrichtig: “Es ist alles recht sinnlos! Es dient allein der eigenen Reiselust! Es ist ein Abenteuer!” Und welche Bilder hat sie von Baku, ehe sie die aserbaidschanische Hauptstadt überhaupt mal zu Gesicht bekommen hat? “Natürlich haben wir, seit wir wissen, dass wir dort hinfahren, die aktuellen Artikel zu Baku und Aserbaidschan gelesen, dann das Ingo-Petz-Buch ‘Kuckucksuhren in Baku’, sehr amüsant. Meine Mutter sagt, dass mein seefahrender Opa schon mal dort war. Ob das so stimmt, weiß ich nicht, weil sie auch mal Geschichte und Geschichten erfindet. Aber die Vorstellung gefällt mir.”

Mit anderen Worten: Sie wissen, was sie tun, weil sie es nicht so genau wissen können. Es könnte sein, dass ihnen wirklich dieser ESC in Baku, für den sie auch ihres Schreibens wegen akkreditiert sind, so nah geht, dass sie ihn nie vergessen werden. Denn das ist ja ein tüchtiger Unterschied zu all denen, die hinfliegen, zum Akkreditierungscenter laufen und außer in der Halle oder im Euroclub sich um nichts dort gekümmert haben. Könnte sein, dass jene sich für Aserbaidschan eben nicht so besonders interessieren. Anders als diese beiden Damen.

Wir wünschen ihnen viel Abenteuer, keinen Achsenbruch und viele Geschichten, von denen wir am liebsten schon am 23. Mai erfahren würden. Dann nämlich lesen und musizieren sie in Baku, ebenfalls auf Einladung einer dem Goethe-Institut nahestehenden Organisation. Dass sie ESC-Lieder vortragen werden, haben sie versprochen. Ihnen und allen, die nicht auf das Schnellste zum Ziel kommen werden, viel Glück!

Coole Stadt, kühle Stadt?

13. Mai 2012

Die letzten Entscheidungen werden getroffen: An was muss gedacht werden, ehe man abfliegt gen Baku? Hat man nicht doch was vergessen? Darf man kurze Hosen mitnehmen (werden eher ungern gesehen in diesem Land, das man nicht einmal sieht, wenn die Wetterkarte mit “Europa” eingeblendet wird)?! Was ist verboten mitzunehmen (nichts, so sagt es der Prospekt), was ausdrücklich erlaubt (ebenso nichts)?!

Erste Anrufe aus Baku am Mittag. Zwei Stunden später als geplant fängt der Probenkanon an – und die Schweiz ist gut, fast wie “A Friend in London“, höre ich; der albanische Schmerzenshymnus tatsächlich schmerzlich, allein stimmlich; Island, voll kostümiert, wirkt perfekt – zu perfekt; und Montenegro, sagt mir ein anderer Freund, ist ganz prima und wie immer unterschätzt.

In Baku selbst scheint es staubig zu sein, so berichtet mir eine Freundin via SMS, außerdem rieche es seltsam – ein wenig wie im Parkhaus. Nicht direkt nach Öl und Diesel, aber eben so, wie es eben auch schmeckt, wenn man durch eine leichte Wolke von Auspuffausdünstungen gegangen ist. Sonst? Alle, buchstäblich alle, die ich heute so hörte, loben diese ESC-Stadt, als hätten sie nicht wirklich erwartet: Ist ja cool, sagt die eine, tolle Uferpromenade, aber man brauche ‘was gegen die Sonne, es sei nicht nur Frühling dort nahe des Iran. Etwas kühl findet ein Freund aus Malta die Atmosphäre – meine per E-Mail übermittelte Frage, ob er denn mehr erwarte, da doch alles erst begonnen habe, beantwortete er mit der Bemerkung, in Düsseldorf habe er sich gleich von eurovisionärer Stimmung umgeben gefühlt.

Nun ja, das möchte man beschämt nicht kommentieren: Maltesische Freunde sind gern sehr anspruchsvoll – immerhin bestätigt er das, was auch in anderen Foren geäußert wird – Visumsfragen sind keine. Man kommt am Flughafen problemlos durch alle Schleusen, werde nett behandelt und bekomme nie das Gefühl, eigentlich nur halb erwünscht zu sein.

In der Heimat, wo sich die meisten, die sich auf den Weg nach Baku machen, noch befinden, geht es zur Frage der Menschenrechte in Aserbaidschan weiter. Volker Beck, menschenrechtspolitischer Sprecher der Bündnisgrünen im Bundestag, forderte am Freitag auf einer Veranstaltung von Amnesty International in Köln, Länder, die den ESC gewinnen und ihn im Jahr darauf ausrichten möchten, müssten sich einem Monitoring unterziehen, ob sie den Standards von Meinungsfreiheit und überhaupt den allgemeinen Menschenrechten genügen. Davon abgesehen, dass eine solche Bestimmung erst 2014 wirksam werden könnte, weil alle TV-Sender, die in Baku teilnehmen, die traditionell gültigen Verträge bereits unterschrieben haben, finde ich diesen Vorschlag misslich: Besser ist doch, dass ein Land wie Aserbaidschan die Lizenz zum ESC-Festival erhält – und man bis zum Finale alle Probleme und Missstände prima erörtern kann. Das nützt den Diskutierenden – und den Anliegen der Menschenrechte in Ländern wie Aserbaidschan eben selbst.

P.S.: Täuscht mich der Eindruck oder ist es nicht so, dass von nun an alle vor allem Glamour und Entertainment in den Berichten erwarten – und sehr viele jetzt beginnen zu fiebern, ob Roman Lob gut performen wird oder nicht?

Favoriten mit Fallhöhe

4. Mai 2012

Wer mich ein wenig persönlich kennt, weiß, wie sehr ich schwedische ESC-Beiträge immer in Schutz genommen habe. Okay, manchmal war das nicht so leicht, etwa bei den Herrey’s oder auch bei Charlotte Perrelli mit ihrem “Hero”. Aber: Tommy Körberg, Tommy Nilsson, die Danielsson oder Edin Adahl, von Carola zu schweigen – immer fand ich den Schwung gut oder die Melancholie nahe gehend. Was mir aber immer auf die Nerven ging – im Wortlaut: immer und immer und immer – war die Großkotzigkeit von schwedischen ESC-Funktionären und Medienvertretern.

Carola beim ESC 2006 in Athen. Foto: Rolf Klatt/NDR

Carola beim ESC 2006 in Athen. Foto: Rolf Klatt/NDR

Man muss dazu wissen, dass im Land der Königin Silvia, die durch einen schönen Hostessenjob bei den Olympischen Spielen in München zu ihrer monarchischen Berufung gelangte, sich alle Zeitungen den Vorentscheidungen und dem ESC mit vielen Texten und extrem vielen Bildern widmen. Schweden, das lernte ich dort im Lande selbst, versteht nicht, dass nicht alle Welt seine Songs gut findet. Ist ein Lied schließlich mal beim ESC unter ferner sangen nach Hause geschickt worden, waren immer die anderen Schuld. Die Künstler (besoffen, krächzend bei Stimme), die anderen Länder (verstehen nix von Musik) oder das Orchester (kann nicht spielen). Seit ich selbst zum ESC fahre, musste ich diese Erfahrungen machen: Grölender, leicht selbstbesoffener Jubel, wenn man es schaffte (Carola, Charlotte) oder bittere Giftigkeit, wenn es mal nicht zum Sieg reichte.

Ein besonderes Exemplar dieser schwedischen Hochfahrenheit ist Christer Björkman, der 1992 für ein wirklich mieses Ergebnis sorgte, “I morgon är en annan dag” war hübsch, aber dünnst gesungen – Vorletzter in Malmö. Seit etlichen Jahren ist er für den ESC zuständig, sitzt in der Reference Group des ESC (der entscheidenden Lenkungsgruppe) und glaubt mit wahnhaft anmutenden Zügen, Schweden müsse ein Missionar in Sachen Eurovision sein. Und er moderiert die TV-Sendungen, in denen die Liederaus allen Ländern vorab im schwedischen Fernsehen vorgestellt werden.

Mein Freund Ida aus Kopenhagen schrieb mir nach Studium dieser Sendung, hier auszugsweise zitiert: “Die sind so UNVERSCHÄMT! Andere Länder werden Großteils total abgekanzelt – aber bei der Bewertung des eigenen Beitrages erhält dieser natürlich durchgehend die Höchstwertung! Christer Björkman wirkt so ( …, Kürzung durch mich) selbstgerecht und bringt sogar in der Sendung an, er sei mit in dem Gremium, welches die Titeländerung von Siegels Beitrag angeordnet habe! Die Schweden gehen davon aus, dass sie dieses Jahr gewinnen. Alle anderen Beiträge sind unwichtig! Da ist SO wenig Respekt vor renomierten Künstlern aus anderen Ländern! Ganz ehrlich: Für diese Arroganz gebührt Schweden der 2. Platz beim ESC – damit sie grindig zusehen können, wie ein anderes Land den Sieg davonträgt und mal von ihrem hohen Ross herunterkommen! Schlimm!”

Dass der schwedische Sender SVT die neue Fußball-Event-Arena bei Stockholm schon für das nächste Jahr als Option gemietet hat für Ende Mai: vielleicht nur ein Gerücht. Aber mit der Überzeugung, dass Loreen gewinnt, steht Björkman nicht allein. Fans und Wettbüros bekunden das Gleiche.

Nur, um jetzt ein wenig zur Abkühlung beizutragen: Die Liste der über all die Jahrzehnte geweissagten Favoriten und vorab erklärten Triumphe ist länger als die der Sieger selbst. Nennen wir einfach knapp zwei Dutzend Namen: Cliff Richard (zweifach, 1968 und 1973), Lynsey de Paul & Mike Moran, Tommy Nilsson, Amaury Vassili, Kati Wolf, Charlotte Perrelli, Mary Hopkin, Conny Froboess, Udo Jürgens (1964), Gigliola Cinquetti und Olivia Newton-John (beide 1974), Joy Fleming, Natasha Saint-Pier, Alsou und Ines (2000), Friends (2001), Julio Iglesias (1970), Sonia (1993) oder Maxi & Chris Garden (allerdings nur bei deutschen Fans).

Und die unerwarteten Sieger? Nur ein halbes Dutzend, Acts, mit denen niemand rechnete: Lordi, Olsen Brothers, Dana, Massiel, Marie Myriam und Ell & Nikki.

Loreen aus Schweden steckt, so vermute ich, vor der Aufgabe ihres Lebens: Sie vertritt nicht nur ihr Land – das teilt sie mit 41 anderen Acts; sie muss aber auch gegen das Gebirge an Erwartungen und schönrednerischen Einflüsterungen ansingen. Kann sie aber, und das umreißt ihre Fallhöhe, dann noch über einen zweiten Rang glücklich sein?

Ich fürchte: nein, das würde ihr nicht erlaubt werden.

Wettbüros: Ist Loreen die sichere Siegerin?

27. April 2012

Es scheint sich dieses Jahr ein Act in den Vordergrund zu drängen, den alle Welt bereits jetzt schon für den Sieger von Baku hält: Schwedens Loreen und ihr “Euphoria” gilt nicht allein bei den OGAE-Fanclubs als Liebling. Dort liegt sie schon nach den Votings von einem Bruchteil von Länderclubs so weit vorne, dass das Einvernehmen der abstimmenden Fans mit diesem schwedischen Lied fast einmütig wirkt. Italien und Russland liegen dahinter, vor allem aber, für mich überraschend, Island. Deutschland tummelt sich am Ende der Top 10 oder, je nach Club, der seine Voten durchgegeben hat, knapp dahinter. Ganz weit hinten, trostlos und wahr: die Schweiz und Österreich.

Aber das sind, ohne diskreditierendes Moment, Abstimmungen unter Fans. Menschen, die sich nicht nur am Abend des Finales um den ESC kümmern. Solche, die Lieder mehrmals hören – und manchmal auch “schönhören”. Doch bessere Gradmesser für das Ergebnis von Baku sind erfahrungsgemäß die Wettbüros in Europa.

Wetten funktionieren ähnlich wie Börsen – man schenkt einem ökonomischen Gut Vertrauen oder auch nicht. Ob man sein Zutrauen gibt, hängt von Informationen und Gefühlen ab. Erfolgreiche Glücksspieler prognostizieren nie, wenn sie die Lieder schon oft gehört haben, sondern nach spontanem Hören in der richtigen Reihenfolge der Auftritte. Bei Alexander Rybak war das einfach, jedenfalls scheint es so in der Rückschau. Ein stampfend-mitreißendes Ding, das, so erwies es sich ja auch in der Moskauer Realität des Finales, immer gut abgeschnitten hätte – Rybak war ein Selbstgänger.

Aber vor dem Realitätscheck im Finale stehen nun einmal die Wetten – und wie bei der Börse muss man Geld investieren, um eine Chance auf lohnende Gewinne zu machen. Man wettet an der Börse stets unmoralisch: Auf Getreideernten am Rande der Sahelzone, weil man über die Wetterberichte dortselbst für die nächsten Wochen im Bilde ist; auf fallende Stahlpreise in Südkorea, weil man schon von Einfuhrzöllen in Lateinamerika gehört hat; auf Sonnenkollektoren, weil man durch seltsame, aber verlässliche Quellen erfahren hat, dass die Solarsubventionen in Deutschland doch nicht gesenkt werden … Jedenfalls: Beim ESC und bei seinen Wettbüros ist es ebenfalls eine Mischung aus Informationen und Gefühlsaufwallungen.

Aber wo man auch schaut: Bei bwin.com , bei nicerodds.de oder gar bei bettingexpert.com - um nur ein paar der vielen Seiten zu nennen – überall wird Loreen als heißeste Ware gehandelt.

Wobei es alle Arten von Wetten gibt: Man kann auf die ersten drei Plätze wetten, auf die Top 10, auf den letzten Platz im Finale oder darauf, dass Montenegro sich erstmals für das Finale qualifiziert. 2006 in Athen fielen die Quoten für Lordi besonders üppig aus, weil nur wenige mit dieser Band gerechnet hatten. Und vor zwei Jahren, als in Oslo Lena gewann, fiel ihre Quote mit den Tagen zum Finale hin mehr und mehr. Das heißt: Je näher der Abend aller Abend kam, desto mehr Menschen glaubten an “Satellite” und die Deutsche.

Dieses Jahr, im Hinblick auf die allerletzten Plätze, zeichnet sich ein stillschweigender Konsens ab. Portugal, San Marino und Georgien werden für die Tabellenlaternen am häufigsten genannt – aber wer wettet, dass das Ralph-Siegel-Ding auf dem allerletzten Rang landet, bekommt nicht viel Geld: Das glauben nämlich viele Spieler, überall in Europa.

Wir werden es sehen. Noch bin ich nicht überzeugt, dass Loreen die Erwartungen der ESC-Wettbörsen auch erfüllt. Wie ich öfter schon erwähnte, waren die dänischen Olsen Brothers nirgendwo so richtig auf der Rechnung. Wer auf die tippte damals in Stockholm konnte mit sehr vielen Kronen und Öre wieder nach Hause fahren. Denn für Wetten ist wahrscheinlich richtig, was das Leben selbst auch ist: weitgehend unvorhersehbar. Noch ist Loreen, das steht fest, nicht im Ziel.

Das Gespür der Fanclubs

20. April 2012

Aus verschiedenen Quellen kommen jetzt Einschätzungen des möglichen Ergebnisses von Baku: Freundeszirkel haben Spaß beim Gucken der Previews, auch eher private, eher nicht als Verein organisierte Runden tippen und nähern sich dem Verlauf des diesjährigen ESC an. Aber haben sie alle Recht? Die ESC-Fanclubs, organisiert unter dem Vierbuchstabenkürzel OGAE (“Organisation Générale des Amateurs de l’Eurovision”), taten und tun sich zusammen und wählen (Einen Überblick über die bisherigen Votings bietet z.B. die Seite esctoday.com).

Die ersten vier Clubs haben abgestimmt. Wir erfahren: Schweden liegt vorne, gefolgt von Island, Spanien, Zypern und Serbien. Roman Lob hat bislang keinen einzigen Punkt erhalten, lediglich beim französischen Flügel dieser OGAE hätte es fast wenigstens zu einem einzigen Zähler gereicht. Mit anderen Worten: Wie auch in vielen anderen Foren liegt Loreen beinah haushoch vorne.

Das ändert aber nichts an meiner zweifelnden Frage: Können diese mit Lust angestellten Prognosen Anspruch auf Realitätstauglichkeit haben? Ist es nicht vielmehr so, dass die meisten Fans, ehe sie ihre Wertungen abgeben, die Lieder schon dutzende Male gehört haben – womit sie sich von 98 Prozent aller Zuschauer am 26. Mai selbst unterscheiden. Die entscheiden nämlich aus dem Ärmel heraus, spontan und ohne fanwissenschaftlichen Hintergrund.

Insofern glaube ich: Schweden soll sich bloß nicht in vorauseilenden Siegestaumeleien ergehen. Die Dreikronenmenschen beim ESC neigen, meiner Erfahrung nach, stets vor dem Festival zu mehr oder minder krasser Selbstüberschätzung. Und wenn sie so heftig trommeln für ihren Act, färbt das auf die Fans über Schweden hinaus ab.

Ein Blick auf die OGAE-Resultate der vergangenen Jahre nämlich besagt – für das echte Ergebnis gar nichts. 2007 lag man richtig mit Marija Serifovic, aber gleich dahinter votete man für die Schweiz, die es nicht einmal ins Finale schaffte. Die Schar der gusseisernen ESC-Fans ließ sich von DJ Bobos Vorabprominenz blenden. 2008 müssen die Fans vom Ergebnis enttäuscht gewesen sein: Charlotte Perrelli, Mahnmal der Schönheitsindustrie, Exsiegerin von 1999, wurde als Siegerin geweissagt, landete aber im Finale sehr weit hinten, ja, in dieses kam sie sogar nur durch Juryentscheid hinein. 2009 war alles klar: Alexander Rybak war so eindeutig und alle überwältigend, dass keine Kaffeesatzleserei schief gehen konnte – aber auch im Jahr von Moskau hatten die Fan-Votings so ihre Irrtümer fabriziert. Schwedens Malena Ernman wurde als Dritte gesehen, tatsächlich belegte sie den 21. Rang.

Mit Dänemarks Chanée & N’evergreen lag der OGAE 2010 nicht so ganz falsch – man wertete sie vorab zwar als Siegende, gleichwohl wurden sie immerhin Vierte. Israel, getippt auf den zweiten Platz, belegte nur den 14. Rang, aber die Siegerin Lena fand sich beim Voting der Fans auf dem dritten Rang.

Und voriges Jahr? Ungarns Kati Wolf und Frankreichs Amaury Vassili sollten laut Fanvorhersage die Siegenden sein – und als Düsseldorfs ESC eben gerade Geschichte war, fanden sie sich, aufgeputscht durch die Fans, auf den Plätzen 22. bzw. 15 wieder. Aserbaidschan hingegen war den Fans ein mittleren Plätzchen wert.

Für mich das schlagendste Beispiel für die Lust am Untergang in Sachen Fanexpertenvoting ist übrigens das Jahr 2000. Zwei dänische mittelalte Säcke, gut gelaunt, nicht besonders ehrgeizig wirkend – kamen, sahen und siegten. In den Prognosen waren sie ins Mittelfeld gewertet worden.

Was das für Roman Lob heißt? Er wird prima abschneiden. Loreen wird sich noch wundern.

Alles live – alles gut?

13. April 2012

Das Resultat der Fernseh-Planungen für die Übertragung des Eurovision Song Contest 2012 sieht so aus: Das ESC-Finale aus Baku wird – wie alle ESCs in den vergangenen Jahren seit 1997 – um 21 Uhr in der ARD übertragen. Davor, nach der “Tagesschau”, gibt es einen “Countdown für Baku”, also eine eurovisionäre Variante der beliebten Heiligabendsendung “Wir warten auf die Bescherung und bringen uns in Stimmung”. Nach dem Finale, nach deutscher Zeit etwas nach Mitternacht, gibt es noch die Grand Prix Party, die wie immer strukturiert ist wie eine Sendung der Sportschau nach dem Ereignis – man chillt sozusagen aus und hört den “Stimmen zum Spiel” zu.

Ja, und jetzt wird es für die Fans kompliziert. Das erste Halbfinale am 22. Mai, in dem Deutschland nicht stimmberechtigt ist, wird zwar live übertragen – und als Konserve nach Mitternacht im NDR-Fernsehen -, aber nicht in der ARD, sondern auf EinsFestival. Das zweite Halbfinale, bei dem Deutschland mitstimmen darf und soll, gibt es live auf Phoenix, wo gewöhnlich Parlamentsdebatten und Dokumentationen ausgestrahlt werden. Eine Wiederholung des zweiten Halbfinals gibt es ab 23 Uhr auf EinsFestival. Ich finde es prima, dass alle Shows live zu sehen sind - und noch besser, dass es den ESC in allen Varianten hier auf eurovision.de per Livestream und später als “Video On Demand” geben wird.

Aber viele Fans, die keine Lust hatten oder keine Zeit, nach Baku direkt zu reisen, werden meckern: Weshalb überträgt die ARD nicht auch die Semifinals auf ihrem Mutterkanal – also dort, wo die erste Reihe ist? Wäre es nicht, so höre ich, ein Zeichen europäischer Gewogenheit und programmplanerischer Setzung, das übliche Programmschema in der ARD außer Kraft zu setzen und diese Shows dort zu platzieren? Ja, das wäre schön. Fände ich auch.

Allein, die Erfahrung mit dem ersten Halbfinale hat voriges Jahr ProSieben gemacht, die ARD ebenso, und zwar einerlei, ob deutsches Voting gefragt war oder nicht: Die Einschaltquoten tendierten jeweils zu geringen Werten nahe der Unmessbarkeit - nur Unverzagte und an Exotika Interessierte schauten zu. Die Lehre war: Das ESC-Finale macht Monsterquote für die ARD, die Halbfinals, an denen Deutschland niemanden auf die Bühne schickt, jedoch nicht. Eine sehr geringe Zuschauermenge jedoch, so heißt es seitens der Programmplaner, führt dazu, dass auch die folgenden Sendungen eher geringeres Interesse wecken. Na, wer will das schon?

Nebenbei: Das erklärt auch, warum die Wertungen in allen Ländern so verschieden ausfallen, je nachdem ob sie am Finale aktiv beteiligt sind oder nicht. In jenen Ländern, für die im Halbfinale Endstation war, ist die Zuschauermenge beim Finale extraniedrig – vor den Bildschirmen sind, etwa in Belgien, den Niederlanden, Irland oder der Schweiz, nur noch jene Menschen versammelt, die man als Migranten bezeichnet. Und die gucken zu, wenn eines ihrer Heimatländer beim Finale mitmacht. Belgien etwa stimmt, wenn nicht im Finale, ziemlich exakt nach den Mengen der verschiedenen Einwanderergruppen ab – in Deutschland wäre das die Türkei, gefolgt von irgendeinem postjugoslawischem oder postsowjetischen Land. Die stärkste Einwanderergruppe in Belgien ist die türkische und dann kommen auch dort diverse postjugoslawische Gruppen.

Insofern ist alles verständlich. Ich finde es überhaupt gut, dass auch jenseits des Internet die Shows live übertragen werden. Falls einer nur Zimmerantenne hat – gibt es solche Menschen noch? -, aber einen Netzanschluss, ist die Wahl ohnehin einfach. Der Rest: Mit DVBT ist Phoenix und zu empfangen, digital und per Kabelkanal Eins Festival - und Phoenix sowieso. Und vom ersten Halbfinale gibt es ja auch noch die Wiederholung im NDR.

Der Vorteil des Internets via eurovision.de ist natürlich: Da können alle Fans mitkommentieren – das nennt sich dann Chat und Twitter und Facebook. Meines Erachtens ist das demokratisches Fernsehen.

Amnesty macht mobil

3. April 2012

Das schrieb die renommierte Menschenrechtsorganisation Amnesty International über ihren Pressedienst in alle Welt: “Genau vor einem Jahr nahm die Polizei in Baku Dutzende friedliche Demonstranten fest, die sich über Facebook zu Protesten verabredet hatten. Bis heute sind 14 von ihnen in Haft. Deshalb startet Amnesty über Facebook und Twitter eine Kampagne, um ihre Freilassung zu erreichen und sich für Meinungsfreiheit in Aserbaidschan einzusetzen.” Das finde ich gut. Aber dass ich das ziemlich verdienstvoll finde, menschenrechtlich Kritik zu üben – gerade weil Aserbaidschan sonst nicht so im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit steht: Nützt das irgendwem?

Ich schätze nicht. So wie Stimmen, die in der Öffentlichkeit nicht mindestens das Gewicht von Popstars haben, eben eher verrauschen als dass sie einen tieferen Eindruck hinterlassen könnten, selbst wenn sie wollten. Aber Amnesty International hat eine Menge geeignete Supporter für die Kampagne gefunden, und die prominenteste in Großbritannien, wo die Zentrale der Organisation sitzt, ist eindeutig Sandie Shaw. Sie, die legendäre “Puppet On A String”-Chanteuse und ESC-Siegerin von 1967 in Wien, erklärte nun, dass sie die Inhaftierung von Demonstranten, die nichts als ihr Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit in Anspruch genommen haben, verurteile. Auch Thomas D ist im Reigen der Stimmen, die protestieren – er sagte schon vor längerem: “Vom Recht, seine Meinung zu sagen, können leider nicht alle Menschen so einfach Gebrauch machen wie wir. In manchen Ländern kann man dafür ins Gefängnis kommen.” Das ist mit diplomatischem Feingefühl formuliert – Thomas D wird in seiner Kritik nicht allzu krass. Mit seinem Aufruf „Jeder soll sagen und singen können, was er will. Gebt Baku eine Stimme!” bewegt er sich immer noch in seinem musikalischen Referenzrahmen. Thomas D will nämlich noch unbehelligt in Baku zwei Wochen arbeiten, am ESC nämlich, da verbietet es auch die Kunst des Zu-Gast-Seins, mehr als konfrontativ zu sein.

Weitere Unterstützer der Amnesty-Kampagne sind Didrik Solli-Tangen (ESC-Kandidat Norwegen 2010), A Friend in London (Dänemark 2011) und die Ukrainerin Aljosha (2010). Sie alle machen mit – und das ist, bei aller Kritik an der wohlfeilen Geste, ziemlich gut und ermutigend und freundlich und echt europäisch. Diese Künstler und Künstlerinnen haben mehr vom Geist des ESC begriffen als viele Fans, denen das Politische zu grell, zu riskant, zu uncool ist.

Marie von Möllendorff, in Deutschland bei Amnesty International zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, sagte gestern zurecht: „Der Veranstalter, die European Broadcasting Union, hat die einmalige Gelegenheit von der Regierung zu fordern, die Meinungsfreiheit zu respektieren – und zwar auch nach dem Wettbewerb, wenn die europäische Öffentlichkeit sich nicht mehr auf Aserbaidschan konzentriert. Oppositionelle in Aserbaidschan leben seit zwanzig Jahren in einer Atmosphäre der Angst. Wenn sie sich nach dem 26. Mai endlich frei äußern könnten, dann wäre das ein echter Erfolg für den Song Contest.“

Ich will nicht naiv sein, niemand sollte Illusionen anhängen – aber Aserbaidschan wird, falls es nicht nochmals gewänne, mit Ablauf der Pfingsttage aus dem öffentlichen Blickfeld geraten – dann werden alle Teilnehmenden von Baku wieder zuhause sein. Aber das steht doch jetzt schon fest: Soviel internationale Solidarität hat die aserbaidschanische Demokratiebewegung (in- und außerhalb der staatlichen Apparate) nie ernten können. Das ist Eurovision im besten Sinne.

Baku – der 60. ESC-Sieger?

2. April 2012

Es erscheint wie eine Kleinigkeit, aber die Reference-Group des ESC, der Lenkungsausschuss dieser Show, hat sich darauf verständigt, dass ab jetzt und für alle Zeiten die vier Siegerinnen von Madrid 1969 als Siegerinnen an und für sich gelten. Das heißt: In Baku wird der 60. Siegesact des Eurovision Song Contest gesucht – nicht der 57.

Wobei dieser ESC in Aserbaidschan der 57. seit 1956 ist. Das klingt wie ein Moment von Detailverliebtheit, aber die Reference Group will sich, Gerüchten zufolge, zum Diamantenen Jubiläum 2015 eine europäisch-öffentliche Abstimmung überlegen, welche der vier Siegerinnen von 1969 als wahre gelten könnte: Lulu, Salomé, Frida Boccara oder Lenny Kuhr. Davon abgesehen, dass schätzungsweise die Niederländerin Lenny Kuhr nach dem aktuellen Verfahren – Jury und Televoting je zur Hälfte – gewonnen hätte, weil die Kuhr eben an der Liedermacherinnenkultur zeitgenössisch dran war, außerdem ihr Lied “De Troubadour” sehr populär zum Mitschunkeln sich eignet, finde ich diese ganze Art der – sagen wir: Vergangenheitsbewältigung – albern.

Wie könnte jetzt entschieden werden, welche aus dem Quartett die erste und einzige Krone verdient hat? Das Gros des Publikums jenes Jahres wird sich kaum noch erinnern oder lebt nicht mehr im zurechnungsfähigen Alter. Und außerdem: Wie sollten die Gefühle von damals ins Heute transportiert werden? Die ästhetischen Empfindungen haben sich gewandelt, was heißt, dass eine wie Frida Boccara sofort unter divenhaften Kunstverdacht gestellt würde und vermutlich außerhalb der Jurorenschaft kaum Fans hätte. (Ich finde die Dramatik von “Un Jour, Un Enfant” immer noch bedrückend gut, das nur mal zur Klarstellung.)

Aber mir scheint, als würden vor allem die Meldungen über die Reference Group, die da neulich in Baku tagte, in die Öffentlichkeit gestreut, die irrelevanter kaum sein könnten. Denn nach wie vor wissen wir nicht: Was ist mit Armenien? Wird die TV-Gesellschaft dieses Landes mit einer Strafe belegt? Und weiter: Die Reference Group hat ja beschlossen, so hörte ich, dass jedes teilnehmende Land im kommenden Jahr einen Vorentscheid veranstalten muss. Zustimmen muss nur noch das TV-Komitee der European Broadcasting Union, aber die Reference Group gibt nicht einmal einen einzigen Hinweis, wann dieses Gremium tagen wird.

Will sagen: Wir erfahren von den Offiziellen immer nur noch Puschelig-Unwichtige, aber das, was wirklich mit europäischer Diplomatiekunst, mit Transparenz und mit Öffentlichkeit zu tun hat, sollen wir nicht erfahren.

Wozu auch eine andere Nachricht zählt: Über den Internetdienst ESCtoday erfahren wir, dass das Kosovo mit seiner TV-Anstalt RTK nicht am ESC teilnehmen darf. Gründe wurden keine angeführt; dem Vernehmen nach sei es, so heißt es seitens der EBU, unmöglich, die von Serbien seit 2008 unabhängige Republik Kosovo aufzunehmen. Warum? Erfahren wir nicht. Okay, Serbien boykottiert diese abtrünnige Republik, aber woran liegt das Desinteresse? Weil das Kosovo ein politischer Funkenherd wäre? Weil Albanien dieses Land mehr als bekannt steuert? Weil die Nato das Land beschützt – und es nicht lebensfähig wäre, würden diese Militärs abziehen?

Kosovos Außenminister Petrit Selimi teilte der EBU-Generaldirektorin Ingrid Deltenre mit, “die EBU ist extrem wichtig für uns, nichts anderes als der ESC ist wichtiger für die Bildung unserer nationalen Identität”.

Woran auch immer es liegen mag, dass man über die vom Außenminister aus Pristina geäußerten Ansprüche einfach hinweggeht – wir würden es gern erfahren. So, bei dieser Informationspolitik, hat man das Gefühl, nur kremlartig gefilterte Nachrichten zu erhalten. Ist das aber ein Zeugnis für das moderne Europa?

Update:

Okay ein Aprilscherz? Ein Aprilscherz, fürwahr. Ich bin drauf reingefallen. Andererseits war das auch nicht so schwer: aus einer Mücke macht die EBU zumindest ein Elefantchen. So bleibt der Kern meiner Aussage: Viele Themen werden bei der EBU totgeschwiegen. Zu Kosovo, Armenien erfährt man leider nichts. Nicht zur Vorentscheidungspflicht und nicht zur Debatte um Menschenrechte in Aserbaidschan – dass etwa zeitgleich mit der Reference Group es eine Demonstration in Baku gab. Ein demokratieförderliches Ereignis!

Verfälschende Übersetzungen

29. März 2012

Ich mache mir Sorgen, und zwar um Italien. Nina Zilli, die italienische San-Remo-Königin und ESC-Repräsentantin ihres Landes in Baku, wird ihr Lied “L’amore è femmina” nicht gänzlich in ihrer Muttersprache zu Gehör bringen, sondern in einer sogenannten bilingualen Version, die offiziell “Out Of Love” betitelt ist. Konkret muss das so gelesen werden: In einer Sprache, die Frau Zilli nicht die Spur so gut wie kann wie die italienische, wird sie versuchen, ihrer Favoritinnenrolle gerecht zu werden. Auch sie – oder: ihr Team – glaubt, dass man mit dem Englischen einfach gefälliger zur Kenntnis genommen wird.

Aber davor sei gewarnt. Das beweisen die zahlreichen, vor allem osteuropäischen Versuche, aus schwer zu verstehenden Sprachen wie Rumänisch, Ukrainisch, Lettisch oder gar Ungarisch ins Englische auszuweichen – der Illusion anhängend, in dieser lingua franca des Pop liesse sich auch nur ein einziger Punkt mehr bekommen. Denn die englischen Fassungen klangen, ehrlich gesagt, durch die Bank erschütternd unbritisch, unenglisch, unernsthaft. Englisch, sagte mir ein Kollege der BBC aus Manchester, ist nicht so einfach, wie alle Welt ausserhalb des Vereinigten Königreichs glaubt.

Nun, von 1999 an war ja die Sprache der Lieder freigegeben, auch in kurzen Zeiten der Sechziger (als es noch keine strikten Regeln gab) oder in den Siebzigern (als diese aufgehoben wurden, wovon zweifellos die Schweden von Abba profitierten) war dies der Fall. Seit dem Jahr von Charlotte Nilsson (die heute Perrelli heißt), als ihr “Tusen och en natt” erst bei der Siegesvorstellung teilweise auf Schwedisch intonierte, ist Englisch die Sprache aller ESC-Sprachen. Französisches hat seit 1988 nicht mehr gewonnen, diese Ursprache der European Broadcasting Corporation ist inzwischen in ESC-Zirkeln so wichtig wie, sagen wir, Litauisch oder Finnisch – nämlich ein Idiom unter sehr vielen.

Erst 2007 wurde mit der Mär aufgeräumt, mit einheimischen Worten und Versen könne kein Blumenpott zu gewinnen sein. Marija Serifovic und ihr “Molitva” gewannen – und das auf Serbisch. Wobei man natuerlich einschränkend sagen muss: Molitva ist die serbische Vokabel für “Gebet”, freilich ist es diese auch auf Slowakisch oder Kroatisch oder Slowenisch oder Ukrainisch – nur stets leicht anders geschrieben.

Was ich aber sagen will: Nina Zilli auf Englisch wird nicht so gut klingen wie auf Italienisch. Das liegt nicht an ihren Worten, die sie hervorhaucht oder -bellt, sondern an der Atmosphäre des Verslichen, sozusagen. Auf Italienisch wird sie als gigantische Diva wahrgenommen, auf Englisch wird sie unsicherer, wenn vielleicht auch internationaler, aber auf jeden Fall weniger authentisch klingen. Das ist bei Roman Lob anders: Sein “Standing Still” ist bei ihm – hörbar, wie ich glaube – die Sprache, mit der er am liebsten zu tun hat. Plötzlich hat er diesen Schimmer Überregionalität, unter Verlust seiner rheinischen Grundklänge.

Aber ich plädiere dafür, dass die Länder sich mehr trauen, in ihren Sprachen zu singen – denn es ist kein Malus bei der Punkteauszählung, etwas fremd, etwas exotisch, etwas unverstanden das Publikum einzunehmen. Die Russinnen machen es vor: Nur ihr Refrain hat eine gewisse Qualität des Grölenden, Mitgrölenden, der Rest ihres Textes ist ohnehin einerlei, dafuer gleich in einem Dialekt, der entfernt an gar keine uns hierzulande bekannte Sprache erinnert.

Auf Texte hört, meine Erfahrung besagt dies, niemand richtig. Es kommt auf die Chiffren an, auf die Eingängigkeit von Worthülsen – und da war es gleichgültig, dass etwa “Congratulations” von Cliff Richard 1968 auch denen sympathisch schien, die noch kein Englisch in der Schule gelernt hatten. Denn trotzdem fuhr in jenem Jahr 1968 die Spanierin Massiel besser – ihr “La La La” suspendierte die spanische Sprache in der Überschrift gleich gänzlich.

Nina Zilli allerdings bleibt meine Liebste, was die Prognosen anbetrifft. Sie kann live performen wie vermutlich niemand sonst in diesem ESC-Jahrgang – und sie möge es durch die Bank auf Italinisch tun. Ihre Botschaft ist dann klarer und glaubwürdiger: Die Liebe ist weiblich.

San Marino: Ein Altherrenwitz?

23. März 2012

Und dafür dieser ganze Zirkus? Das sanmarineser Fernsehen stellte nun gestern Abend den textlich umgedichteten Schlager für den ESC vor: Statt “Facebook” heißt es nun “The Social Network Song” – aber soweit ich es hören konnte, unterscheidet sich der Beitrag in so gut wie nichts. Außer, dass nun nicht mehr der Markenname dieser sogenannten Freundschaftsbörse offen genannt wird.

Doch schätzungsweise ist durch das ganze Skandälchen, die Mikropanne, dieser von Mark Zuckerberg vor acht Jahren erfundene Internetdienst bekannter geworden als hätte man das Lied einfach so belassen. Schlicht und einfach: Weil der Text eine unfassbare Anwanzerei an das Populäre war (und bleibt). Wobei ich einräumen muss, dass “The Social Network Song” nach etwa fünfmaligem Hören gar nicht mehr so übel ist – das Schönhören funktioniert wie immer als Gehirnwäsche.

Ralph Siegel selbst erklärte Donnerstag in einem instruktiven Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er habe alles “saulustig” gefunden, sei selbst auf Facebook präsent (Mensch, Herr Siegel, ist doch nur was für echt junge Menschen), und berichtet, er “bekomme Avancen”. Aha, dann ist er der erste, der, verschwiemelt “Avancen” genannt, über diese Plattform anzügliche Angebote bekommt. Jedenfalls beteuert er: “Wir wollen uns die Freude an dem Lied trotzdem nicht verderben lassen. Die neue Lösung ist ganz süß.” Süß? Wie bitte? Was soll das bedeuten? Kann das jemand mal begründen – oder müssen wir erst einen linguistischen Forschungsauftrag formulieren?

P.S.: Was noch passierte an diesem Donnerstag, ist ein wenig traurig: Lena Meyer-Landrut hat weder den Echo in der Kategorie Rock/Pop National noch in der Kategorie Bestes Video national bekommen. Tröstlich, ein wenig: Den Rock/Pop National bekam Ina Müller zugesprochen – und die hat neben Barbara Schöneberger eine prima Show moderiert. Etwas fiel noch auf: Beide Conferencieusen küssten sich, als habe es gezählt, Britney Spears und Madonna von MTV Video Award Show 2003 nachzuahmen. Sonderlich neu oder aufregend war das jedenfalls nicht.