Landwegs nach Baku
14. Mai 2012Sie haben sich das lange überlegt, die Berliner Schriftstellerin und Musikerin Christiane Rösinger mit ihrer Kompagneuse Claudia Fierke, beide in Berlins Bezirk Kreuzberg wohnend. Und vor knapp einem Jahr, kaum hatten Ell/Nikki den in ihrem Land ersehnten ESC gewonnen, da dachten beide: Da müssen wir hin. Und zwar als Frauen, die im Auto fahren. Kurz: Fierke und Rösinger haben nun also Anfang Mai ein Road Movie begonnen, eine Art “Thelma & Louise” ohne männliche Verderbnis im Hintergrund und hoffentlich auch ohne großen Absturz in der letzten Filmsequenz.

Christiane Rösinger und Claudia Fierke fahren nach Baku. Foto: Anja Weber
Fierke, die ich exakt in diesen Tagen 38 Jahre kenne, schrieb mir noch vor der Abreise: “Wir starten am 9. Mai morgens um 9 Uhr. Vielleicht auch 30 Minuten früher oder später. So ist der Plan … Der Bus ist ausgebaut, das Öl gewechselt und alles sollte gut gehen. Frau Rösinger will lieber in Hotels gehen und ich will am liebsten so oft wie möglich im Bus schlafen, gerne an Stränden in der Einsamkeit. Aber ich hab ja auch ein halbes Jahr Afrika mit dem Bus hinter mir, wenn auch schon sehr lange her. Und das Erbe meiner campenden Eltern. Jedenfalls wird es wohl an manchen Abenden Diskussionen über den Schlafplatz geben.”
Ich kann das verstehen: Lieber nicht so ganz erdig-jugendlich, sondern angemessen riskant, aber erwachsen und komfortabel. Frau Rösinger weiß das: Sie, die wunderbare Chanteuse der früheren Lassie-Singers, die beste Sängerin, die Kreuzbergs alternatives Milieu je hervorgebracht hat, die ergreifendste Vortragskünstlerin ohne jeden sentimentalen Schmus… Die weiß, dass man sich bei einem Road Movie kein Rückenleiden zuziehen muss.
Jedenfalls: Sie reisen zurzeit über Budapest, Belgrad, Sofia und Istanbul, “dann entlang des Schwarzen Meeres bis zur Grenze nach Georgien. Sowohl an der Küste als auch in Georgien wollen wir ein bisschen verharren und Land und Leute genießen. Ursprünglich war die Fahrt durch die Ukraine geplant und zwar bis Odessa, vielleicht mit ein paar Auftritten dazwischen (Lemberg, Kiew, Odessa waren angefragt). Da aber die Fähre übers Meer (übrigens die “Greifswald” aus der DDR!) dermaßen unzuverlässig ablegt und wir ja einen Termin in Tiflis haben, haben wir uns anders entscheiden und fahren über Istanbul hin.”
In Tiflis werden beide auf Einladung des Goethe-Instituts auftreten, die Rösinger auch mit Literarischem, beide zusammen muszierend. Fierke, Musikerin und einst Leiterin von Berliner Filmtheatern (auch der freiluftigen Sorte), hat zum ESC heftige Affinität. Sie ist keine Hipsterin, die erst seit Guildo Horns Tagen so tut, als hätte sie den Kult schon immer verstanden. Sie bevorzugt das gesamte Genre des ESC – und mag “Waterloo” ebenso sehr wie “Zeiger der Uhr” oder “Paradies, wo bist Du?”. Zu ihren Lieblingsstücken – weil sie sie selbst am Fernseher erlebt hat – zählen “Falter im Wind” von den Milestones, “Si” von Gigliola Cinquetti, “Dansevise” von Grethe und Jørgen Ingmann aber ganz besonders, weil es elegant und schön ist.
Was mich an deren Reise, ja Annäherung an Baku besonders angefixt hat, war der Satz, den Claudia Fierke äußerte, als ich sie nach dem Sinn ihres Trips fragte. Sie antwortete auf mein “Wozu?” aufrichtig: “Es ist alles recht sinnlos! Es dient allein der eigenen Reiselust! Es ist ein Abenteuer!” Und welche Bilder hat sie von Baku, ehe sie die aserbaidschanische Hauptstadt überhaupt mal zu Gesicht bekommen hat? “Natürlich haben wir, seit wir wissen, dass wir dort hinfahren, die aktuellen Artikel zu Baku und Aserbaidschan gelesen, dann das Ingo-Petz-Buch ‘Kuckucksuhren in Baku’, sehr amüsant. Meine Mutter sagt, dass mein seefahrender Opa schon mal dort war. Ob das so stimmt, weiß ich nicht, weil sie auch mal Geschichte und Geschichten erfindet. Aber die Vorstellung gefällt mir.”
Mit anderen Worten: Sie wissen, was sie tun, weil sie es nicht so genau wissen können. Es könnte sein, dass ihnen wirklich dieser ESC in Baku, für den sie auch ihres Schreibens wegen akkreditiert sind, so nah geht, dass sie ihn nie vergessen werden. Denn das ist ja ein tüchtiger Unterschied zu all denen, die hinfliegen, zum Akkreditierungscenter laufen und außer in der Halle oder im Euroclub sich um nichts dort gekümmert haben. Könnte sein, dass jene sich für Aserbaidschan eben nicht so besonders interessieren. Anders als diese beiden Damen.
Wir wünschen ihnen viel Abenteuer, keinen Achsenbruch und viele Geschichten, von denen wir am liebsten schon am 23. Mai erfahren würden. Dann nämlich lesen und musizieren sie in Baku, ebenfalls auf Einladung einer dem Goethe-Institut nahestehenden Organisation. Dass sie ESC-Lieder vortragen werden, haben sie versprochen. Ihnen und allen, die nicht auf das Schnellste zum Ziel kommen werden, viel Glück!








Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.