Ihr Comeback!
19. November 2008Sie muss es in Kopenhagen gespürt haben: Es hat sich gelohnt, man hat mich nicht vergessen. Vor drei Jahren wurde in der dänischen Hauptstadt die Show zum 50. Geburtstag des Eurovision Song Contest gegeben – und sie, die jahrelang wie vom Erdboden verschluckt war, avancierte an diesem Abend zum Star: Anne-Marie David, mit “Tu te reconnaîtras” (Du wirst dich wieder erkennen) Siegerin für Luxemburg, erhielt Szenenapplaus. Sie trug nicht mehr diese langen, mittelgescheitelten dunklen Haare, aber an ihrer Stimme war sie wieder zu erkennen, ohne zu zögern: kristallklar, kraftvoll, durchdringend, bezwingend, zwingend – schön!

1973 war sie, als Nachfolgerin von Vicky Leandros von Luxemburgs RTL-Managern ausgesucht, als Außenseiterin angetreten. Ihre Konkurrenz war stark, nicht allein die spanischen Mocedades hatte sie als Rivalen, sondern auch die für Deutschland singende Dänin Gitte, vor allem den Engländer Cliff Richard. Mit einer Performance, die beispielhaft war für Mut zur Ekstase, gewann sie deutlich vor den Spaniern und dem Briten. Madame David, die in Paris in der Rolle der Maria Magdalena in dem Lloyd-Webber-Musical “Jesus Christ Superstar” entdeckt wurde, hatte im Grunde keine Chance – aber ihre Präsenz, ihre wie glühend scheinenden Augen, ihr blutrotes Kleid – das machte sie so unwiderstehlich. Gegen sie wirkten alle bieder und eher wenig am Sieg interessiert.
Die David aber zeigte ihren KollegInnen, wie man auf die Sekunde konzentriert zu Werke geht. Im Interview erzählt sie es ja auch: Wenn das Orchester beginnt, hat man alle Nervosität vergessen. Das ist zwar simpel gesagt – man muss auch können, was man können soll, sonst ist alle Konzentration ja wohlfeil -, aber zutreffend: Anne-Marie David gewann, weil sie es unbedingt wollte. Und gegen sie hatten Gitte, Marion Rung oder auch Cliff Richard etwas Beliebiges, ja Albernes. Dass ihr keine Weltkarriere beschieden war, mag daran gelegen haben, dass es nicht jedem Eurovisionsgewinner beschieden ist, aus dem Sieg Gold zu machen – wie im Jahr darauf der schwedischen Band Abba. Aber ihr beim Singen zuzuschauen, berührt mehr als es dies bei Vicky Leandros vermochte.
1979 sang sie für Frankreich und behauptete, ein Sonnenkind zu sein: Sie hat das, was man nicht trainieren kann: Magie. Elisabeth Andreassen, Norwegens Entertainerin und häufig selbst im ESC-Einsatz (für Norwegen wie für Schweden), nennt Anne-Marie David als ihre Lieblingssängerin: “Damals”, sagte sie im Interview viele Jahre später, “war ich jung – ein Mädchen. Als ich diese Luxemburgerin sah, war ich verloren. Ich wollte auch so ein schönes Lied und beim Eurovision Song Contest singen. Sie war mein Vorbild, sie ist die Frau, die mir auf der Bühne zeigte, wie es gehen konnte. Ich musste ihren Weg gehen.” Ein schöneres Lob kann die David nicht ernten; es mag ihr eine Befreiung gewesen sein, all ihre Bühnenklamotten zu verbrennen – sie wird sie wieder brauchen, möglicherweise auch in Moskau. Wie dürfen uns auf sie freuen.










Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.