Streit ums Politische
16. April 2012Es gibt Autoren, die gern zur Lektüre nehmen, was und wie über sie an Schmäh verbreitet wurde und wird. Meine Laune ist in dieser Hinsicht eher gemischter Art. Ich lasse mir gern Ahnungslosigkeit vorwerfen, wenn es um die richtige Einschätzung von ESC-Liedern geht, denn da weiß doch jeder (von uns): Wie alle Prognostiker gehen wir alle, die in der Übung der Vorhersage eines mutmaßlichen Ergebnisses trainiert sind, einem kaffeesatzleserischem Handwerk nach. Es gehörte zu meinen Glücksfällen der Vorhersagekunst, im vorigen Jahr früh ein Siegesgefühl für Aserbaidschan auch öffentlich – hier im Blog – mitgeteilt zu haben.

Was den Vorwurf der Ahnungslosigkeit aber ins Unverschämte treibt, sind all die Gerüchte, die man in meiner Hinsicht in Sachen Menschenrechte und Aserbaidschan verbreitet. Einige Damen und Herren sagen, der ESC müsse boykottiert werden – und dass ich sie dafür kritisiere, weil die Menschenrechtsgruppen selbst an einem Festival in Baku interessiert sind. Allermeist sind diese Kritiker gutherzig im Grunde, aber vom Verlauf politischer Entwicklung sind sie weder historisch noch politologisch irgendwie beleckt. Macht ihnen das was? Nein, natürlich nicht! Sie wissen, dass besonders radikale Forderungen und grell klingende Befunde (“Baku darf nicht ESC-Ort sein!”, “ESC – ein schwules Tingeltangel, das sich von Diktatoren benutzen lässt” oder “Homo-Pop-Olympia im Schatten der aserbaidschanischen Folterknechte”) beim deutschen Publikum den eigenen moralischen Dispositionskredit in höchste Höhen zu schrauben weiß. Obendrein ist es auch noch so: In Moskau, als es wirklich darum ging, eine Christopher-Street-Parade zu schützen, waren diese Kritiker nicht – sie werfen sich ohnehin nie ins Getümmel, wo es was aufs Maul geben könnte.
Einen aber muss man von dieser Kritik ausnehmen: Das ist Volker Beck, der, gern mit der von mir überaus gemochten und geschätzten Claudia Roth, in ferne Länder fährt, um CSDs zu schützen. Allein: Dieses Jahr, was Baku anbetrifft, hat er einen Konkurrenten, der sich noch lauter in Menschenrechtsfragen stark macht. Das ist ein FDP-Mann, also einen, den ein Grüner schon prinzipiell nicht mag, und er heißt Markus Löning. Er hat auf vielfältige Art die politische Lage in Aserbaidschan zum Gegenstand öffentlicher Äußerungen gemacht – und das hat mich sehr gefreut.
Er ist Beauftragter für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe der Bundesregierung, aber hätte das nicht tun müssen. Er tat es trotzdem, was er jedoch unterließ, und auch das finde ich klug, ist, einen Boykott des ESC in Baku zu fordern oder gar, dass die ARD einvernommen werden muss, weil sie nicht genügend Hintergrundpolitisches aus dem Kaukasus, aus Aserbaidschan liefert.
Ich wiederhole mich, und ich weiß mittlerweile, dass man das offenbar nicht tun darf: Die ARD, Fernsehen wie Radio und auch das Internet, eurovision.de wie tagesschau.de, bringt so viel Material zum ESC außerhalb des direkten Entertainments, dass es einen freuen kann. Es dürfte mehr sein, ja. Aber muss man ernsthaft erwarten, dass Peter Urban sich in eine Art Tom Buhrow verwandelt – so von wegen: Ich sitze hier, gleich kommt Aserbaidschan, aber alles ist politisch so trist hier? Geht’s nicht noch alberner? Oder unpolitischer? Oder selbstgerechter?
Aber so geht’s: Dienstag findet in Berlin eine Pressekonferenz von Reporter ohne Grenzen zusammen mit Human Rights Watch statt; Markus Löning will auch dabei sein. Wir werden dann in diesem Blog wieder mehr über Baku erfahren, die Lage und die Perspektiven. Also: Das Nötige! Was ich übrigens direkt aus Baku höre, ist folgender Satz: Wir dachten voriges Jahr nicht, dass ihr in Deutschland so ausführlich über unsere Anliegen berichten werdet. Ich nenne das: Entspannungspolitik!












Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.