Bloß nicht den Siegel geben!

20. Mai 2011

Hätte man das nicht ahnen können – bereits in der Nacht, die dem Fest von Düsseldorf folgte? Dass Stefan Raab irgendwann im Laufe der Woche nach dem ESC sagen würde: Es reicht, ich mache in meinen Funktionen als Oberqualitätscaster, als Jurypräsident, Moderator und Intro-Performer nicht weiter? Nicht nächstes Jahr jedenfalls.
Ja, das hätte man.

Stefan Raab und Lena (Foto: dpa/Bildfunk/Julian Stratenschulte)

Bei Lichte besehen hat er wirklich alles beim Eurovision Song Contest gemacht, was es dort zu tun gibt. Ich erinnere mich an eine Busfahrt zu einer der Proben von Max Mutzke in Istanbul im Jahre 2004. Wir kamen ins Gespräch, was nicht so schwer war. Bloß blöd durfte man ihm nicht kommen, hieß es, denn das hätte bedeutet, von ihm, womöglich mit der Ukulele, verspottet zu werden. Und wer will das schon? Jedenfalls sprachen wir also über den ESC. Irre, aber wahr: Er kannte monströs viele Titel und Sieger wie Brotherhood of Man, Izhar Cohen und natürlich Nicole.  Sondern er überraschte auch mit profundem Wissen über mazedonisch Abseitiges und dass Finnland ja wirklich bedauernswürdig sei: nie gewonnen, immer abgemüht. Okay, er konnte damals  nicht damit rechnen, dass am Horizont längst Lordi … Das ist wiederum eine andere Geschichte.

Neben vielem war er vor allem Fan. Einer, hätte es ihn nicht ins Fernsehen getrieben, der sich auch um CDs geprügelt hätte, um Rederecht auf Pressekonferenzen und sei es mit Musikinstrumenten wie 2000, als er bei der Vorentscheidung in Bremen alle dümmlichen und dümmstlichen Reporterfragen vergrölte – mit Antworten zur Ukulele-Begleitung. Ja, das waren Höhepunkte. Vor allem solche, die den Mief des Grand Prix Eurovision vor allem in jene Nasen zurücktrieb, die ihn verbreiteten. All die ehrpusseligen Schlagerspießer, die auf einen wie ihn nicht gewartet hatten.

Kurzum: Raab war Fan. Dann Produzent von Guildo Horn. In Birmingham gar Dirigent (wenn auch nur zum dirigistischen Schein, kam ja alles aus der Konserve – aber er wollte in die Fußstapfen all der Ossi Runnes und Noel Kelehans treten, so sagte er mir). Dann kam er als Performer – Komponist und Texter war er ja ohnehin.

In Sachen Max Mutzke ging es um mehr: Um sich als Mentor zu platzieren, auf dass aus Deutschland wirklich gute Musik komme. Mit Lena hatte er sein Meisterstück entdeckt, und dass es eines war, mag daran erkennbar sein, dass sie ihn selbst vernehmlich bewunderte, er wiederum sie nicht knetete und zur Marionette machte. Von ihr – der Castingentdeckung und späteren ESC-Gewinnerin – bekam er 2010 den deutschen Fernsehpreis in der Kategorie “Besondere Leistung Unterhaltung” überreicht. Dieses Jahr schließlich seine Krönungsmesse, wenn man so will. Lenas Titelverteidigung war seine Idee, auch, dass er moderieren möchte.

In der Rolle des Jurypräsidenten schien er manchmal allzu parteiisch – aber gemessen an Lahmheiten von Kollegen, die man sich lieber nicht vorstellen will, war das immer noch okay. Der Rest mag Geschichte sein: Intro-Performer, Sänger, Moderator. Und alles in allem: auch noch Fan.

Er wird, dem Vernehmen nach, sich nicht ganz und gar zurückziehen. Seine Kollegen und Kolleginnen aus dem Popgeschäft, ob nun Lindenberg, Kloß, Müller-Westernhagen oder Nena, wird er zur Mitarbeit anregen. Würde seine Hintergrundkompetenz nicht in die Waagschale geworfen, hätte die Aufbauarbeit der vergangenen zwei Jahren, so gesehen, keinen Sinn. Das wäre ein unsoziales Tun – eines, das einem Kind geziemt: Ich bau was auf, um es hinterher mit Lust zu zerstören. Erwachsene tun sowas nicht!

Stefan Raab, zu dessen nicht geringsten Verdiensten es zählt, seit Stockholm im Jahre 2000 nie mit der “Bild-Zeitung” kooperiert zu haben, wollte höchstwahrscheinlich nicht den Siegel geben. Der hätte nach “Ein bisschen Frieden” Frieden geben sollen – was er leider nicht tat. Er wurde manisch, eifernd, unwürdig. Nein, der Kölner Raab wird in die Rolle des Elder Statesman des ESC hineinwachsen wollen, nicht in die des Alternden in der Rolle des Ewigjugendlichen.

Der Rest, jenseits von ihm, möchte Zukunft sein. Etwa in Form von “Ein Lied für Baku“.

Rückblicke und Ausblicke

18. Mai 2011

Ehe wir auf die übelnehmerischen Aspekte des diesjährigen ESC zu sprechen kommen, ein paar Sätze, für die ich um Beachtung bitte.

Die Arena in Düsseldorf wird momentan immer noch abgerüstet – die Kollegen und Kolleginnen der unterschiedlichen Produktionsfirmen tun das. Vor allem aber sind es die Frauen und Männer des NDR, die hinter den Kulissen das gemacht haben, was medialerweise in Europa als TV-Show des Jahres gelobt wird. Einer wie Thomas Kutsche, der bei diesem Sender seit vielen Jahren mit dem ESC beschäftigt ist, antwortete mir auf die Frage, ob er mir die zehn umsichtigsten seiner Kollegen nennen könne, freundlich: Niemand sei herauszuheben – alle tun das, was sie zu tun haben. Und hatten!

Was im April in der Arena in Düsseldorf aufgebaut wurde, muss nun wieder abgebaut werden. (Foto: NDR/Rolf Klatt)

Ich selbst kenne das von kleineren Produktionen aus dem Zeitungsgewerbe, in der taz, wo ich gewöhnlich arbeite: Man sieht auf Podien journalistische Menschen, aber jene, die in technischer und gastgeberischer Hinsicht deren Auftritte ermöglicht haben, werden am Ende meist nicht erwähnt. Immerhin: Beim Abspann der Sendung in der Nacht zum Sonntag tauchten, so mein Eindruck, fast alle Namen auf. Das war womöglich die beste Gratulation. Dass gerade die ausländischen Gäste mit guten Gefühlen in ihre Heimaten zurückkehrten, hat womöglich am meisten mit den Machern und Macherinnen im Hintergrund zu tun. Musste das nicht mal besonders erwähnt werden?

Jetzt zu den unangenehmen Aspekten.

Gestern und heute erhielt ich Anrufe – genauer gesagt: aus drei Zeitungs- und TV-Redaktionen, die herausfinden wollten, warum ich Ungarns Ehre beschmutzt hatte (so sagten es zwei Anrufende), einer wollte von mir wissen, von wem ich die Information hatte, dass Kati Wolf eine Sängerin von Viktor Orbans Gnaden sei. Meine Rückfrage: Glaube er im Ernst, ich würde ihm gegenüber meine Quellen offenlegen? Zum Hintergrund: Die Mediengesetze in Ungarn sind von der rechtspopulistischen Regierung so verschärft worden, dass alles unter Verdacht gestellt werden kann, nicht pro-ungarisch zu sein. Wer sich an dieses Gebot nicht hält, muss in diesem Land selbst mit unflätigen Beschimpfungen und sogar mit Strafverfahren rechnen. In diesem Land muss man sehr enttäuscht gewesen sein, dass die von Fans hochgelobte Chanteuse so wenige Punkte erhielt. Ich würde sagen: Der Stil, Kritiker des Liedes – der ungarischen Performance überhaupt – fast zu verhören, spricht für die dortige Kultur des Misstrauens gegen alle Opposition.

Kati Wolf beim Eurovision Song Contest 2011 (Foto: NDR/Andrej Isakovic)

Aber wollen Sie, Fans und Interessierte, das überhaupt hören? Ist es außer für mich für irgendjemanden wichtig, dass Weißrussland schon deshalb ein seltsames Land ist, weil es autokratisch regiert wird – und die ESC-Dame zu einer Propagandaschluse in Sachen Lukaschenka gemacht wurde? Ich würde sagen: Das sollte uns beschäftigen. Es ist problematisch, ein Land ohne inneren Zwiespalt zu betrachten, wenn es ein mindestens schillerndes Verhältnis zu Rechtsstaat und Menschenrechten hat. Das gilt erst recht für Aserbaidschan – die nächsten Gastgeber des ESC, das es in puncto Demokratie selbst mit Ungarn nicht aufnehmen kann.

In Vorbereitung auf dieses Event sollten wir sehr präzise prüfen und verfolgen was dort geschieht, damit auch vom freiheitlichen Klima her am Kaspischen Meer ein ähnlich schöner ESC zelebriert werden kann wie in Düsseldorf.

Man könnte jetzt sagen: Durch die Fans und Journalisten, die Gäste aus den traditionell demokratischen Ländern, werde das illiberale Klima aufgeweicht. Dieser Auffassung neige ich selbst zu.
Immerhin: 1964 protestierten beim ESC in Dänemark Gewerkschafter gegen die Auftritte der Portugiesen und Spanier, damals noch regiert von rechtsgerichteten Diktaturen. Man sollte an diese Geste erinnern. Man könnte sagen, der Tourismus, gerade in Spanien, hat das Land verändert ehe es demokratisch wurde. In diesem Sinne schlage ich vor, Aserbaidschan zu nehmen: Auch als freundlichen Besuch, auf dass der ESC eine Idee von Diversität dort hineinträgt. Und: Auf dass die armenische Delegation sich dort frei bewegen kann.

Oder?

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

14. Mai 2011

Okay, ich fand Paradise Oskar schon vor Wochen gut, als in den Wetten noch niemand auch nur eine Öre auf ihn setzte. Habe ich ihn mir nur schön gehört inzwischen? So wie Albanien, das ich nun im Finale irgendwie vermisse, wie auch die anderen 17 der auf der Strecke Gebliebenen. Aber jetzt zu den Tatsachen.

Paradise Oskar auf der ESC-Bühne in Düsseldorf. Foto: eurovision.tv/Pieter Van den Berghe (EBU)

Ginge es nur nach mir persönlich, was Gott sei Dank nie und nimmer der Fall ist, würde ich mir wünschen: Österreich gewinnt vor Aserbaidschan, Island, Deutschland, Finnland und der Schweiz. Dahinter komplettieren Bosnien-Herzegowina, Dänemark, die Ukraine (auch hübsch gehört, ich gebe es zu) und Italien die Top 10.

Das wäre ein Resultat, das moderne Popeinflüsse hinreichend zur Geltung brächte – und zugleich, mit Nadine Beiler als Siegerin, die gute alte Powerballade mit Whitney-Houston-Touch wieder ins Licht rückte. Ja, das wäre es. Aber so wird es nicht kommen.

Als Favorit auf den letzten Platz gilt mir im Übrigen Russland, um mal etwas ziemlich Bizarres zu tippen. Da sieben Finalisten Länder sind, die einst zur Sowjetunion gehörten, ist das ganz unwahrscheinlich – aber freuen würde mich das doch. So ein wirr gefönter Rotzkopf ohne künstlerische Aura, det jeht ja jar nich’!

Nimmt man aber die Balance aus Nachbarschaften, Ost-West-Aspekten und anderen Verschwörungstheorien zur Grundlage, würde ich sagen: Die Ungarin könnte die Horrorüberraschungssiegerin der Nacht werden, vor Österreich, Slowenien, Serbien und dem Mann aus Sarajewo. Das wäre ein habsburgisches Traumergebnis, mit dem alle Wiener Bezirke gut leben könnten.

Das wird aber leider auch nicht wahr.

Mein Tipp, wie das 43-ländrige Europa abstimmen wird: Bosnien! Dann kommen Irland, Finnland und Aserbaidschan, dahinter Moldau, Russland, Schweden und Deutschland. Im Mittelfeld tummeln sich weiter: die Ukraine, Estland, Österreich, Griechenland.

Die letzten drei? Litauen, Italien und Slowenien!

P.S. Frankreich, UK und Rumänien regen mich weder auf noch törnen sie mich an. Ich möchte mir kein Urteil erlauben. Wienerisch formuliert: nett mol ignorier’n. Das Gleiche gilt für Spanien und Georgien.

Dana International gestrauchelt

13. Mai 2011

Zu den Zahlen, in aller Kühle sollen sie hier genannt werden: Von 25 Ländern im Finale stammen 15 aus dem Bereich des klassischen ESC, zehn aus dem einstigen Ostblock. Fünf von diesen Ländern sind als Big Five ohnehin gesetzt gewesen. Das heißt: Durch die Halbfinals kam jeweils die Hälfte aus beiden Blöcken. Soviel zum Klischee, dass Osteuropa alles dominiere.

Dana International ist im zweiten ESC-Halbfinale ausgeschieden. (Foto: NDR)

Jetzt zur wichtigsten Tragödie: Dana International aus Israel konnte nicht über den Eindruck hinwegtäuschen, dass “Diva” ein wesentlich besseres Lied war. “Ding Dong” ist nicht im Finale, nun muss Dana nach Tel Aviv zurückfliegen. Ich finde das bedauerlich!

Schweden, die Ukraine, Slowenien, Dänemark, Irland, Bosnien-Herzegowina, Moldau, Estland, Rumänien und Österreich haben es geschafft. Für die seit der ersten Probe immer besser in Form gekommene Dame aus dem Exhabsburgischen war das gewiss ein Triumph – und ich war sehr zufrieden mit ihr. Toll, dass Estland, Dänemark und die enthemmten Iren Gnade fanden, Rumänien geht auch in Ordnung.

Schade, dass die Letten, die Bulgarin und die Zyprioten ausgeschieden sind. Andererseits war das zu erwarten. Gut, um nicht zu sagen, gerecht fand ich, dass Weißrussland mit einer Hymne, die klingt als würde ein stalinistischer Parteitag mit musikalischer Gräuelpropaganda eröffnet, nach Minsk zurück muss – und zwar sofort.

Ich würde sagen: Da kommt ein erheblich spannendes Finale am Samstag auf uns zu, und die Schweden, insbesondere der nicht gerade erfolgsverwöhnte Komponist Fredrik Kempe, dürften froh sein, dass das Publikum eine eher blutleere Nummer, vorgetragen mit Gymnastik und Stimmchen, sympathisierend in die Endrunde schickte. Schweden hat sich somit ein wenig vom Trauma des Vorjahres erholt, als man bereits im Semi ausscheiden musste.

Das zweite Halbfinale war dennoch schwächer als das erste: Meine Favoriten bleiben Finnland, die Schweiz - und hinzu kommen nun Dänemark, Bosnien- Herzegowina und das Frollein Nadine aus Tirol.

Meine Weissagung zum 1. Halbfinale

9. Mai 2011

Ginge es nach meinem Geschmack, würde ich folgende zehn Länder ins Finale wünschen: Norwegen, Armenien, Türkei, Schweiz, Finnland, San Marino, Island, Portugal, Aserbaidschan und zur Not auch noch Ungarn.

(Foto: Andrej Isakovic/NDR)

Nun zu den Einzelnen nach den Proben.

  1. Polen: kreischendes Lied ohne besondere Qualitäten. Die Dame möchte wie ein Vamp wirken und hinterlässt lichtschluckende Eindrücke.
  2. Norwegen: So stellt man sich ein modernes skandinavisches Land vor – präsentiert durch einen Frauentrupp mit afrikanischstämmiger Solistin an der Spitze. Sommerlich weltmusikalisch!
  3. Albanien: Die roten Haare können nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Land offenbar in einer eurovisionären Krise steckt. Laut und grässlich dieses Lied.
  4. Armenien: Der Refrain des Abends. Eine Art Ententanz des Jahres 2011. Gut für jede Dorfdisko.
  5. Türkei: In Anatolien wird gerockt, mal wieder - aber nicht so verschärft wie 2004 in Istanbul im Ska-Stil. Schade, sehr bedauerlich.
  6. Serbien: Lena gefällt dieses Lied, hörte man, und mir nicht. Ein nettes Frauenstimmchen, das ein wenig von Bühneneffekthascherei lebt. Sie werden es erleben!
  7. Russland: Dieser Sänger hat von Dima Bilan nichts, kein bisschen Verführungskraft, keinen Schimmer Eleganz, nicht einmal eine schmale Dame steigt aus dem Flügel. Ödes Lied.
  8. Schweiz: Netteste Überraschung des ersten Halbfinales. Ein Kontrapunkt zu all dem gröligen Einheitsbrei zuvor. Dieses Eidgenössische hat das Potenzial, als Lied anerkannt zu werden.
  9. Georgien: Das Lied das Abends, das am eiligsten wieder vergessen wird. Verdächtig, den letzten Platz zu belegen.
  10. Finnland: Die männliche Nicole des Jahres 2011, Jack Johnson und James Blunt nach Art des Bottnischen Meerbusens. Unschuldige Miene - das klappte schon bei Lordi, nur ohne Maske.
  11. Malta: Was ist bloß aus diesem Land geworden, das uns in den Neunzigern so verlässlich schöne Lieder zum ESC mitbrachte? Dieser Sänger sieht nicht mal aus wie ein Mann - sondern wie eine Karikatur eines Kaufhauscafé-Sängers.
  12. San Marino: Eine schöne Sängerin mit einem eher wenig magischem Lied. Und dann singt sie auch noch als stünde sie unter schweren Beruhigungsmitteln. Aber es müsste doch reichen!
  13. Kroatien: Frau Daria, die so schön deutsch sprechen kann, kann nicht so recht den Eindruck verwischen, dass sie eventuell eine Transe ist, die auf sehr natürliche Weise doch eine Frau spielen kann. Das Lied ist ohnehin uninteressant.
  14. Island: Jungs, die Country auf Geysirart spielen können und ihrem verstorbenen Freund Sjonni die Referenz erweisen. Mir gefällt sowohl die altmodische Darbietung als auch das eher wenig grelle Arrangement. Prima!
  15. Ungarn: Frau Kati machte es ihrer Kollegin aus Kroatien nach - auch sie trägt einen Look, der unabweisbar eine gewisse künstliche Weiblichkeit erzeugt. Disco im Pusztastil - man weiß schon nach wenigen Sekunden, wie der Refrain geht. Bitte nicht erschrecken!
  16. Portugal: Eine Komödiantentruppe, die, nach mehrmaligem Hören, das Beste in lusitanischer Hinsicht bietet, was es in den vergangenen vielen Jahren so gab. Politisch mit Pfiff, performativ mit allem, was andere nicht machen. Sehr gelungen.
  17. Litauen: Die Dame singt lyrisch, als wäre sie eine  Wiedergängerin Darja Svajgers aus Slowenien des Jahres 1999. Sehr getragen, fast zu sehr geeignet, die Friedhofsmusik des Jahres zu werden.
  18. Aserbaidschan: Ein nur mäßig harmonierendes Paar, der Junge und die Ältere. Sphärisch ist alles vorhanden, konkret aber verfehlen sie dauernd die Töne, wie sie zu singen geplant waren.
  19. Griechenland: Ein Alexis Zorbas zur Krisenzeit. Etwas Bouzoukiklang, viel Dramatik in der männlichen Stimme - das müsste, das sollte bestraft werden.

Weiterkommen werden: Norwegen, Armenien, Türkei, Serbien, Russland, Schweiz, Finnland, Ungarn, Aserschaidschan und Griechenland. In manchen Fällen, siehe oben, aus meiner Sicht - zu meinem Missvergnügen.

Frauen im Sammelpaket

9. Mai 2011

Das weibliche Geschlecht und der ESC: Das ist eine lange, dauerhafte Geschichte. Erstens begann ja alles mit einer Dame, die hieß Lys Assia. Später pflasterten andere Frauen den Weg der Triumphierenden, etwa Lulu, Corinne Hermès oder Céline Dion. Nicht zu vergessen andere Damen, etwa Vicky Leandros, Katrina Leskanich (“Katrina and The Waves”) und Linda Martin. Irgendwie ist der Grand Prix Eurovision auch stets eine Erfolgsgeschichte für Frauen gewesen.

Aber ist sie das noch? Schließlich, genau genommen, kann man ja in die Riege klassisch-tragödischer Weiblichkeit schon Marija Serifovic nicht dazu zählen – eher schon Lena, die ästhetisch mehr oder weniger in die Tradition der selbstbewussten Post-Teenager gehört, die Sandie Shaw begründet hat.

In Düsseldorf stehen 43 Acts zur Auswahl: zehn davon im ersten, acht im zweiten und zwei der Big-5-Kandidaten sind weiblich. Und viele von ihnen von der allerlangweiligsten Sorte. Die Vertreterinnen Polens, Litauens, Estlands, der Ukraine und von Weißrussland, auch die der Slowakei (gleich im Doppelpack), der Schweiz oder die besonders kreischige Österreicherin – sie alle folgen einem ähnlichen Muster: Sie treten in knöchellangem Kleid oder in Textilien auf, die mehr nichts als irgendetwas sind, singen um ihre Herzen, die Liebe, eine Sehnsucht oder irgendetwas anderes, das man als Stoff aus Soaps so kennt.

Montage: Nadine Beiler und Mireille Mathieu. Fotos: Rolf Klatt/Pieter Van den Berghe

Ich schätze, all diese Kandidatinnen kommen für einen Sieg nicht so recht in Betracht. Sie gleichen sich, sie sind verwechselbar, sie haben allesamt nicht ein besonderes Etwas, sondern nur den Traum, Scheinwerfer mögen auf ihnen zur Ruhe kommen. Das ist, finde ich, zu wenig. Hinter diesen Frauen verbergen sich keine Geschichten, die über sie selbst hinaus etwas Allgemeingültiges aussagen. Sie glauben, gertendürre Schönheit reiche aus, um den Faktor Glamour zu locken, und zwar zu ihren eigenen Gunsten.

Die Rate der Begehrlichkeitsdarstellerinnen ist dieses Jahr, beim 56. Eurovision Song Contest, besonders hoch. Man darf sich zwar trösten, dass ja auch andere Stile im Angebot sind. Gleichwohl: Die Frauenrollenmodelle, entweder Tragödin oder die Neckische, verdienen Erweiterung. Wie die Garconne in Person der Serbin vor vier Jahren.

Da helfen auch die “Pulp Fiction”-Frisuren der Österreicherin oder der Serbin nichts: Im Zweifelsfall könnte man sie für Haarwiedergängerinnen von Mireille Mathieu halten – was auch kein gutes Zeugnis über diese Chanteusen ausstellt.

Man möchte, kurz gesagt, verzweifeln, dass niemand von diesen Damen den Zauber der Arroganz einer Vicky Leandros verströmt, auch nicht diese enthemmte Glut einer Anne-Marie David. Sie wirken durch die Bank wie Kopistinnen einer Frauengeschichte, die ihnen doch keinen Ausweg aus dem ästhetischem Einerlei weisen kann.

Star-Wars-Sound statt ESC-Hymne

8. Mai 2011

Es war ein würdiges Fest in der Tonhalle. 43 Länder wurden über einen roten Teppich geschickt – an dessen Ende, in der Halle, Stefan Raab und Anke Engelke standen und die einzelnen ESC-Sänger und -Sängerinnen empfingen. Raab hatte sogar seine Ukulele dabei und ließ alle ein deutsches Volkslied nachsingen. Auch das Essen, Häppchen und Küchlein, war reichlich vorhanden. Prima war auch, dass, als der Bürgermeister sprechen sollte, ein Getränkestopp verhängt wurde. So fanden sich alle im Saal zusammen.

Die ESC-Delegationen auf dem roten Teppich beim Bürgermeisterempfang in Düsseldorf. (Foto: Stadt Düsseldorf)

Was dann geschah, war dem Ereignis angemessen. Eine Art halbgebügeltes Monsterbettlaken verhüllte die Bühne, dahinter, angekündigt mit einem Tusch, sinfonische Musiker. Dann kam Dirk “Dörk” Elbers mit Bürgermeisterkette und teilte in einem von Hochmütigen belächeltem Englisch mit, wie sehr er sich glücklich schätze … und so weiter und so fort.

Jon Ola Sand gab auch noch ein paar Takte von sich, alles war gut. Dann kamen die Musiker abermals zum Einsatz. Es gab wahrscheinlich nicht nur mich, der in dieser Minute erwartet hätte, dass nun Marc-Antoine Charpentiers “Te deum” gespielt würde, also die Eurovisionshymne, in der frühen Moderne vom französischen Hofdichter komponiert. Das hätte alle gewiss zum Weinen gebracht, zumal doch viele wussten, dass es solch einen Empfang noch nie gab.

Düsseldorfs Bürgermeister Dirk Elbers und der Executive Supervisor des Eurovision Song Contest Jon Ola Sand beim Empfang in der Tonhalle. (Foto: Stadt Düsseldorf)

Aber was soll ich sagen? Gespielt wurde der Soundtrack zu “Star Wars” – und das war dann doch Hollywood. Man möchte sich die Agentur, die diesen Patzer verbockt hat, gar nicht genau vorstellen: Viel Geld für diesen Festorganisationsauftrag eingesackt – und dann haben sie nicht einmal recherchiert, was einen ESC-Empfang wirklich schmücken könnte.

Mir fielen da ein, neben dem “Te deum”: orchestrale Fassungen von “Satellite”, “Congratulations” und “Ein Lied kann eine Brücke sein”. Meinetwegen auch noch “Hard Rock Hallelujah” mit schweren Bläsereinstäzen oder “Molitva” auf die Gustav-Mahler-Art. Das hätte was gehabt – aber offenbar war man so ahnungslos, dass man um diese Kenntnisarmut nicht einmal wusste.

Aber soll man derlei Tradition überhaupt wahren? Wäre es nicht Zeit, alte Zöpfe abzuschneiden, also auch von “Te deum” zu lassen? Aus der Betriebswirtschaft, Abteilung Marketing, weiß man doch aber, dass die Moderne, wie sie der ESC inzwischen verkörpert, nur konsumierbar bleibt, wenn man die Tradition, die Geschichtlichkeit nicht vergessen macht. Ein Unternehmen muss seinen, wie Magie sich anfühlenden, Kern pflegen – so in etwa auch das “Te deum”. Man könnte sagen: ein Jingle, der alle Generationen verbindet.

Und so fragt sich weiter: Warum hat Katja Ebstein keine Einladung zum Finale erhalten, wie sie in einer Zeitung beklagte? Weshalb wird Ralph Siegel nicht erwartet, der ja der zweite Deutsche war, nach Klaus Munro (“Après toi”), der einen ESC-Siegestitel komponierte? Der NDR verlautbart hierzu nichts Offizielles, aber hinter den Kulissen höre ich als Antwort: Warum sollen wir Leute einladen, die das ganze Jahr den ESC, wie wir ihn verstehen, schlecht reden?

Da kann ich nur zustimmen: Die sollen dann Zuhause bleiben. Um die Ebstein ist es dann schade, aber wie mir der Düsseldorfer Musikproduzent Dieter Falk erzählte, wird sie in der Halle sein – mitgenommen von ihm und seiner Frau. Und ist das nicht auch eine gute Nachricht? Die modernste ESC-Chanteuse des Jahres 1970 mitten im Publikum? Das nenne ich basisnah – und das ist sehr erfrischend.

Ein Hoch auf Bosniens Dino!

7. Mai 2011

Wer vor 15 Jahren in Oslo dabei war, in dieser klimatisch frösteligen ESC-Woche, an deren Ende eine dauerfiepende Irin gewann, erinnert sich an die Norwegerin Elisabeth Andreassen. Okay, sie wurde ohnehin mit “I evighet” weit vorne gesehen, aber was ihre Klasse ausmachte, was sie erinnerlich hält, ist ihr Livekonzert in der Probenwoche. In einem kleinen Club Oslos gab sie eine Vorstellung mit sämtlichen Evergreens ihres damaligen Repertoires – und das unplugged. Kleine Band, aber am stärksten präsent ist sie selbst mit ihrer Stimme und ihrer Wandergitarre. Das sind die Ereignisse, die man in einer ESC-Festivalzeit erhofft und doch nur zu selten geboten bekommt.

Elisabeth Andreassen (Foto: Eva Braend)

Hier in Düsseldorf schleicht sich bei Journalisten und Fans ein gewisser Nerv ein. Okay, es ist nobel und nicht zu verachten, wenn sich in die Schlange vor dem Euroclub, im Quartier Bohème, auch die albanische oder weißrussische Delegation einfädelt. Am Ende, gestern Abend beispielsweise, performen auf der Bühne gefühlt zwei Dutzend Acts aus dem aktuellen ESC-Fundus – und zwar zum immergleichen Playback (Halb- oder Vollplayback). Sie singen nur das, womit sie auch in den Vorrunden oder gegebenenfalls im Finale reüssieren wollen, aber sie haben nicht mehr auf der Pfanne. Im Grunde bewegen sie ihre Lippen zu fertigen Tonspuren, und im Endeffekt liefern sie den Inhalt zu Karikaturen dessen, was eigentlich mal Liveauftritt genannt wurde. Alles Konserve, nichts sonst! Und zwar eine mit weitgehend kurzer Halbwertzeit und eingeschränktem Verfallsdatum.

Man zeigt sich also gelangweilt im Publikum – und das ist auch das, was in Düsseldorf eine leichte Atmosphäre ausmacht, wenigstens einen Aspekt: Der Euroclub ist wenig stimmungsvoll. Es ist ein Kommen und Gehen und alle hoffen, dass etwas passiert. Im Sinne von: aus der Routine heraus ragend. Aber bei Leuten, die irgendwie alles kennen, die alles schon mal gesehen haben, ist es nicht leicht, Eindruck zu schinden. Dass die Partystruktur – wenn man so will – dazu angetan ist, diese Unüberraschbarkeit zu befördern, kommt hinzu.

Dino Merlin während der Proben für den ESC 2011 in Düsseldorf (NDR/Rolf Klatt)

Stella Mwangi aus Norwegen, die mit ihrem “Haba Haba” afrikanische Ästhetik in den eurovisionären Bilderbogen einfügt, ist auch im Euroclub präsent, gleichwohl zog sie gestern mit den Ihren durch die Altstadt und machte Stimmung. Prima, das! Noch besser der Bosnier Dino Merlin, der in einem Club an der Kö ein Konzert gab – so mit echten bosnischen Türstehern und vielen bosnischstämmigen Menschen im Publikum. Das war ziemlich gut, das war in etwa so, wie das Elisabeth-Andreassen-Konzert erinnert werden muss: authentisch und die Horizonte des ESC mehr als nur einen Fußbreit überschreitend. Ein großes Kompliment an den Geheimfavoriten dieses Jahres.

Schweden oder: Wenn Träume Schäume sind

4. Mai 2011

Es ist eine Krux mit diesem Land: Seit Abba glaubt Schweden, dass es eigentlich immer gewinnen müsse. Zunächst - nach dem Melodifestivalen, der Vorentscheidung - werden die Siegenden imagemäßig hochgejazzt. So scheint auch Eric Saade in diesem Jahr von Stockholm gen Düsseldorf gejettet zu sein. Und so sagte er auf der Pressekonferenz: Ohne Zweifel sei er gekommen, um zu gewinnen. Das hörten die Journalisten und Fans sehr gern, wobei Komponist und Texter Fredrik Kempe besonders honigkuchenpferdmäßig schmunzelte. Das darf man selbstbewusst nennen!

Eric Saade bei den Proben in Düsseldorf (Foto: eurovision.tv/Elke Roels)

Andererseits beteuert er, keinen Druck zu spüren, wiederum im Halbfinale auszuscheiden, so wie voriges Jahr Kollegin Anna Bergendahl. Nein, viel schlimmer wäre es, würde Schweden 2010 gewonnen haben. Aber dass er diese Frage allein ohne Zickerei von sich wies, deutet auf ein sattelfestes Selbstvertrauen.

Genau besehen ist es aber so: “Popular” ist in meinen Ohren ein eher nerviges Lied, das, leicht anders arrangiert, gut als Dumpfbackenschlager durchgehen könnte. Okay, was soll man auch von Kempe, dem zum vierten Mal in Folge antretenden Komponisten, erwarten? Wo Traditionsmitklatschschlager draufsteht, ist auch welcher drin. Aber will Europa das hören? Anders gefragt: Wann ist Europa endgültig diese fast hochmütige Art der Schweden leid? Wann wird es sein, dass, wie im Vorjahr, die ESC-Televoter sagen: Wir waren schon mit Charlotte Perrelli unzufrieden, wir fanden keinen Gefallen an The Ark, und die Bergendahl mochten wir auch nicht.

Schweden leidet am Post-Abba-Carola-Nilsson-Herrey’s-Syndrom! Wer viermal gewonnen hat, glaubt wohl auf Sieg abonniert sein zu müssen, also Demut vor der Aufgabe vergessen zu können.

Seit Christer Björkman, Vorletzter des Jahres 1992 mit “I morgon är en annan dag” die Geschicke des Melodifestivalens übernommen hat, klingt Schweden im ESC-Konzert wie mulschiger Brei. “Nix Cooles unter der Sonne Königin Silvias!” möchte man kalauern. Nie geht aus diesem Contest stilistisch etwas hervor, das in den Clubs Stockholms, Växjös, Kalmars, Malmös oder Göteborgs gängig ist. Kein Elektrosound, kein modernes Liedermachertum – irgendwie hat alles etwas Pompöses.

Fredrik Kempe – ausgebildeter Musicalsänger, wenn ich recht informiert bin – ist, bekannte er, ein Fan von Frank Farian und Boney M. Das ist kein gutes Zeichen für dieses Land, das offenbar auf eingängige, hochrepititive, refrainlastige, gleichwohl gesichtslose Schlager festgetackert bleiben will. Keine Tradition, die an Carl Michael Bellman, Cornelis Vreeswijk oder Bertil Taube orientiert ist, keine Eleganz, die sich an Lill Lindfors oder Tommy Körberg orientiert.

Schade, das!

Erik Saade soll nicht leiden. Ich respektiere, dass mit ihm ein Schwede libanesischer Herkunft, dass mit ihm also ein Migrant den Aufstieg in den wenigstens einheimischen Pophimmel schafft. Sein Lied aber, nun ja, ist so öde wie die Chartkultur in Schweden selbst. Ihm ist momentan der Größenwahn erfolgreicher junger Menschen eigen. Er ist so selbstgewiss, wie das nur irgend geht. Er wird nicht gewinnen, das Publikum liebt keine Protze, die “Popular” behaupten, ehe es in ihren Herzen in Erfüllung geht. Alles sehr bedauerlicherweise!

“Kämpft, Kameraden!” – Wie bitte?

3. Mai 2011

Ja, das war mal ein Ereignis bei den Pressekonferenzen: Erzählten bis dahin andere Sänger und Sängerinnen, wie sehr sie sich freuen, beim Eurovision Song Contest dabei zu sein und wie toll es sei, das eigene Land zu repräsentieren, wurde die Equipe aus Portugal politisch. Zumindest irgendwie. Fünf Menschen standen vor den Medienmenschen und jede Antwort, die der Kopf von Homens da Luta (“Menschen des Kampfes”), “Jel” Duarte, gab, wurde von seinen vier Mitkombattanten mit leichtem Gesang und den Worten “Kämpft, Genossen” begleitet. Im Laufe der Pressekonferenz erfuhren wir außerdem, dass diese Comediantruppe sich auf das Erbe der portugiesischen Revolution von 1974 beziehe, der Nelkenrevolution, mit der die Rechtsdiktatur gestürzt werden konnte. Dennoch war nicht auf Anhieb erkennbar, dass diese “Menschen des Kampfes” (so der Bandname übersetzt), die von Portugals ESC-Publikum gewählt wurde, aber nicht von den Juroren, es ernst meint – politisch, musikalisch oder wie auch immer.

Irgendwie, so lässt sich sagen, klingt deren Lied wie alle portugiesischen Lieder der vergangenen Jahrzehnte. Melancholisch, aber heiter abgerundet: Würde dieses Quintett als lusitanische Variante Guildo Horns oder Alf Poiers verkauft werden – man glaubte es auch. Womöglich muss diese Zwiespältigkeit bewahrt werden, denn Politisches direkt zu entertainen ist ja beim ESC verboten – aber subtil war Politisches immer im Spiel, von deutscher Seite am krassesten bei Katja Ebstein 1971 mit “Diese Welt”.

Nun ja, die Portugiesen erhielten denn auch Applaus - wobei aus meinem Blickwinkel offen blieb, ob für den Mut zur historischen Kostümparty, die sie zu sozialistisch anmutenden Village People machen, oder für den politischen Gehalt. Nötig hat das Land Protest ja: Wirtschaftskrise noch und noch, verarmende Menschen, unsichere Perspektiven. “Homens de Luta”, wie nobel, führten als Komödiantentruppe einige Demonstrationen gegen die Wirtschaftskrise an. Toll, meinetwegen. Aber erschließt sich dieser innerportugiesische Kontext auch Europa? Ist es zieldienlich – “Kämpft, Genossen!” hieß es ja wohl nicht zufällig auf der Pressekonferenz -, in einem Sound zu performen, der auf Anhieb als portugiesisch, also viel zu exotisch hörbar ist?

Ich bin unsicher. Weltverbesserungs- und Protestlieder hat es ja beim ESC immer gegeben. Aber stets, wenn sie explizit wurden, wirkten sie verstörend – etwa 1982 beim Song “Nuku pommiin” (übersetzt: “Atombombe”) des Finnen Kojo oder bei der österreichischen Gruppe Schmetterlinge 1977, deren eigentlich mitreißender Song sich viel zu oberflächlich mit der Kommerzialität von Musik auseinandersetzte: Wir als Hörende und Sehende wollen doch nicht beschlaumeiert und beklugscheißert werden.

Besser macht es dieses Jahr der zart aussehende, vermutlich mit eisernem Kampfeswillen ausgerüstete Finne Paradise Oskar: Er will, dass die Erde grüner wird, die Menschen sich verstehen, dass keine Kriege geführt werden und überhaupt alles ins Lot kommt. Das tut er, damit die Botschaft persönlich unterstrichen wird, mit dem unschuldigsten Augenaufschlag, den man sich nur denken kann. Ein blonder Verführer für eine gute Welt. Na, das loben wir doch bitte, oder?

Die Portugiesen werden aller Wahrscheinlichkeit nach, darauf lässt die muntere Pressekonferenz schließen, wieder mit dem Gefühl nach Hause fahren, von Europa nicht verstanden worden zu sein. “Homens da Luta” und “Luta È Alegria” – zu deutsch: “Kampf ist Freude” – gefallen mir sehr. Und zwar weil es so schön portugiesisch klingt. Das allerdings könnte ihnen zum Verhängnis werden. Eine schöne Pressekonferenz war es dennoch!