Mit dem ESC auf Reisen

10. Juni 2011

Neulich ließ ein Freund eine superfeinfühlige Bemerkung vom Stapel: „Okay, der Eurovision Song Contest ist eine Show, die man gesehen haben muss“, sagte er. „Sonst kann man einfach nicht mitreden.“ Ich hatte mich nicht unter Kontrolle, blieb nicht kühl, sondern schlaumeierte zurück: „Na klar, jetzt folgst du bloß einer Herde, du Schaf! Jetzt hast du plötzlich deine Meinung geändert. Wer wirklich in Sachen ESC auf sich halten möchte, findet auch die Acts der Achtziger und Neunziger gut, und zwar auch die jugoslawischen.“ Ich konnte natürlich nicht verraten, dass mich das bedauernswerte Jugoslawien immer so Mitleid erregend mitzittern ließ: Kriegen die einen Punkt? Natürlich, Tereza war 1972 mit “Musika i ti” eine formidable Ausnahme.

Jedenfalls: Nach Düsseldorf wissen wir, dass der ESC jene Show ist, über die man nicht schweigen möchte, im Guten nicht, im Bösen ebenfalls nicht.

Der Freund ätzte im Übrigen zurück, er wollte nicht klein beigeben. So murmelte er hörbar:  “Aber der ESC bringt nach wie vor keine Stars hervor.” Ich daraufhin: “Das sagt einer, für den R.E.M. oder Massive Attack oder Seeed! Offenbarungen sind – aber das ist doch der pure Mainstream.” Tatsache ist auf alle Fälle, dass, wer beim ESC eine prima Show hinlegt, hinterher karrieretechnisch nix zu meckern hat. In Deutschland kann hiervon Mary Roos Zeugnis ablegen. Also: “Wer beim ESC performt, kann selbstverständlich ein Star werden!” Und dann fiel mir wieder Jugoslawien ein…

Split, Kroatien

Doch jetzt mal Schluss mit dem Gelästere über Jugoslawien. Erstens gibt es das nicht mehr - es ist jetzt ein zerbröselter Staat, der eine Vielzahl kleinerer Staaten hinterlassen hat. Und zweitens ist das ehemalige Jugoslawien mein Urlaubsziel in den nächsten Tagen. Einfach mal hinfahren in eine Gegend, die uns wunderbare Lieder, Sänger und Sängerinnen geschenkt hat – von Marija Serifovic abgesehen.

Wir fahren in die Nähe von Split, also ins Land von Danijela, Doris Dragovic und Riva. Man sollte Reisen sowieso dazu nutzen, sich fortzubilden. Sonst wird man irre im Kopf – ja, wird wie mein Kumpel, der so weltläufig tut und doch immer nur deutsch bleibt. Nein, der ESC lässt uns Reiseziele aussuchen. Kroatien soll es sein – das Land, das es dieses Jahr nicht ins Finale geschafft hat, verdienterweise, muss man sagen.

Wir freuen uns. Hiermit ist dieser Blog für eine Woche Ferien in der Pause – ich gehe auf Hochzeitsreise, jawoll. Meine erste und einzige. Es wird sich gut anfühlen. Nächstes Jahr, nur mein Gefühl, gewinnt ein Act aus dem ex-jugoslawischen Territorium. Ein schönes Wochenende, eine schöne Woche Euch und Ihnen!

Ein schüchternes Lob

13. Mai 2011

Man soll den Samstag nicht vor dem Sonntag preisen, aber ich sage jetzt schon mal, nach zwei Halbfinals und vor dem bevorstehenden Finale, so als auffrischende Worte, ehe sich alles in den Debatten um Zahlen und Platzierungen verliert: Meine Angst, mein Land – erstmals seit 1983 wieder Ausrichter des ESC – könnte hernach als fremdschämverdächtig und doof und überperfekt und monsterkalt erinnert werden, ist verflogen.

Das hat, meinetwegen, auch mit dem vielkritisierten Stefan Raab als Moderator zu tun – er spricht ein angemessenes, irgendwie auch liebevolles Englisch. Und Judith Rakers hat ohnehin dieses matt-funkelnde Charisma einer Grace Kelly.

Die ESC-Moderatoren. Foto: Rolf Klatt/NDR

Es muss sie nicht beleidigen, wenn ich finde, dass Anke Engelke die Herzen der Fans und Journalisten erobert hat. Sie hat einfach diese robuste Schönheit einer Person, deren Zauber nicht zerbröselt, wenn sie plötzlich einen Topf Kartoffeln schälen muss. Nur meckern könnte man, dass sie auf der Bühne, wenn wirklich Millionen und nicht allein Journalisten und Fans zuschauen, nicht ihre krasse schwarze Hornbrille trägt. Nein, Engelke hat Witz und Esprit – sie liebt diese Veranstaltung wahrhaftig, sie ist verrückt, sie hat die Albernheit von echten Damen.

Daran sollte man sich erinnern, da wir doch zuletzt die tapfere Marlène Charell als Moderatorin aufgeboten hatten – eine gestandene, weltläufige Frau aus Winsen an der Luhe bei Hamburg, die 1983 den Münchner Contest nach Nicole durch permanente Dreisprachigkeit fast in Grund und Boden moderierte. Nein, eine Körperingenieurin, eine Leistungsfremdsprachlerin muss man nicht mehr wählen, um sich Europa moderativ als angenehm und ironiefähig zu empfehlen. Engelke, geboren in der Gegend, in der auch Céline Dion zur Welt kam, spricht das kanadischste Französisch aller ESC-Zeiten.

Ein Kompliment ihnen allen drei – auch wenn sie sich manchmal verhaspelten. Für die Version von “Ein bisschen Frieden” von Engelke und Raab haben sie den nächsten “Echo” verdient: Sie singen es unpluggiger, besser und authentischer als es Nicole machte – und Inga & Wolf es vermocht hätten.

Kurzum: Die Rakers war die elegante Dame, Raab eben Raab – und Engelke die, nun ja, lieblichste Einpeitscherin der Düsseldorfer Arena. Und das mit Anmut. Man mag mir diesen Kalauer durchgehen lassen: Danke, Anke – und Judith wie auch Herrn Raab!

Glamour? Mangelware!

6. Mai 2011

Journalisten finden nichts so unerhört und unprofessionell wie die Absage einer fest verabredeten Pressekonferenz. Aber genau das leistete sich ein Act in diesen Tagen von Düsseldorf, und für mich war es die wichtigste, die schönste, die ergreifendste Nachricht überhaupt: Dana International sagte unmittelbar nach ihrer Probe die Präsentation vor den ESC-Medienarbeitern ab – und was soll ich sagen? Niemand nahm es übel.

Dana International aus Israel. Foto: Rolf Klatt

Und das hat mit etwas zu tun, das man Glamourfaktor nennen könnte, mit dem Talent zur Diva-gemäßen Lebens- und Berufsausübung. Alle, buchstäblich alle, hier in Düsseldorf sind bislang so extrem bemüht. Tun, was die Journalisten wollen. Singen – nötigenfalls auch ihren eigenen Titel in Dialektfassung. Oder sagen freundliche Dinge – etwa, dass sie so glücklich seien, ihr eigenes Land repräsentieren zu dürfen. Das sind alles nur brave Mädchen, selbst wenn sie, wie hier in Düsseldorf, schon älteren Semesters sind, wie etwa Kati Wolf aus Ungarn. Aber auch Magdalena Tul aus Polen oder die Serbin Nina, alle anderen sowieso: Mann, sind die dankbar für alles. Viel zu sehr!

Nein, Diven sind es alle nicht – also ein Typus, den Vicky Leandros 1972 genial und in aller Huld verkörperte. Diven bedienen keine Publikumswünsche, sie erwägen sie allenfalls. Frauen wie Dana International gehen nicht auf Bedürfnisse ein, sie nehmen sie oft nicht einmal zur Kenntnis.

Es war ein Ereignis, wie sie auf der Bühne bei der Probe kaum einen geraden Ton rausbrachte, die Haare mäßig frisiert trug – und außerdem eine Sonnenbrille trug, gegen die sich die üblichen Modelle von Vicky “Posh” Beckham wie Nickelbrillenvarianten ausnehmen. Nein, an Dana International ist alles eine Spur zu übertrieben, zu krass, zu doll.

Wobei ich nicht sagen will, dass in Düsseldorf Glamour Mangelware sein muss. Die Isländer von Sjonni’s Friends sind so nett-lagerfeuerhaft, dass man glatt vergisst, dass zum ESC auch die Idee von Entrückung gehört. Die wirken nah und tun kumpelig auch alles, damit die Pressemeute – peinlich: klatschend! – nicht enttäuscht ist.

Es ließe sich resümieren: Es muss die bösen Königinnen ebenso geben wie die Aschenputtel – eine Rolle, in der dieses Jahr der Finne Paradise Oskar lebt, der, so hörten wir, erwähnte, dass sein Kunststoffhemd recycelbar sei. Nun, das musste er sagen, denn er tritt ja mit der Weltverbesserungsnummer des Jahres an, er nimmt die aktuelle Geistesmode des Ökologischen auf: Dieser Mann, der im Grunde die Nicole des Jahres ist, weiß, wie man mit Antiglamour auch Punkte sammeln könnte.

Paradise Oskar aus Finnland. Foto: Alain Douit/EBU

Dana International hingegen, Dauerskandalnudel aus Israel, nicht zu zähmende Kritikerin der rechtskonservativen Regierung ihres Landes, hat keine Botschaft der inhaltlichen Sorte, nur sich selbst. Eine Diva eben! “Ding Dong” aber, so sagte ein israelischer Kollege, sei ein nicht besonders siegesfähiges Lied, man könne “eine Flagge nur einmal hissen”. Soll das heißen: Dana International sollte für Israel nur performen, weil sie in Deutschland und in Europa bekannt ist und weil sie eben Charisma hat?

Zugleich ist sie älter geworden, ihre Allüren wirken wohl bald etwas zickig. Auch das geht als jedem Divenrepertoire zugehörig durch. Ich bange nur: Ist schon Düsseldorf ihr Ort, an dem sie merkt, dass ihre Zeit passé ist?

Anbetungshandlungen auf Pressekonferenzen

1. Mai 2011

Erinnert sich noch jemand? Bane Katic war 2008 in Belgrad der Talkmeister im Green Room. Der TV-Mann, dessen familiäre Wurzeln in Serbien liegen, kommt allerdings aus München, spricht ein bayerisch gefärbtes Deutsch und ist jetzt auf Englisch in Düsseldorf gefordert. Zusammen mit der bezaubernden Sonia Kennebeck aus Hamburg, dortselbst tätig im Team des ARD-Magazins “Panorama”, leitet Katic die Pressekonferenzen der Länder.

Diese finden stets nach den Proben statt, und sie sind von speziellster Natur. Wie gesagt, Kennebeck wie Katic machen ihre Sache in flüssigstem Englisch würdig bis ultraprima – aber auch sie wussten nicht, dass diese Pressekonferenzen eigentlich das erste Gebot des Journalismus dauernd und dauerhaft verletzen: das der Distanz dem Gegenstand der Berichterstattung gegenüber. Man stelle sich vor, auf der Bundespressekonferenz in Berlin spendete der Hauptstadttross der Parlamentsjournalisten Kanzlerin Angela Merkel Applaus, nachdem diese Ausführungen zu ihrer neuesten Regierungspolitik gemacht hat. Okay, das würden manche Kollegen gern tun, wenn sie dieser Politikerin nahestehen (und andere bei Vertretern der SPD, der Grünen, der FDP oder der Linkspartei). Aber es gehört zum Comment des politischen Medienbetriebs, sich persönlicher Sympathiebezeugungen strikt zu enthalten.

Hier beim ESC allerdings wird dieses Gebot stetig geschleift. Im Grunde sind es so etwas wie Anbetungshandlungen, die die Moderatoren zu strukturieren haben: Zunächst gibt es ein paar Fragen von Katic und Kennebeck selbst, so wie es in den vergangenen Jahren alle Moderatoren auch getan haben. Am Ende werden die Acts ermuntert, doch ihr Lied nochmal a cappella vorzutragen. Das tun sie auch meist, und wenn sich eine oder einer verweigert, nehmen die Zuhörenden das missbilligend, aber still zur Kenntnis. Dazwischen ein paar harmlose Fragen, am Ende ein wenig Gesang, auf dass alle gut gelaunt sind. Dann stellen die Journalisten Fragen.

Aber es sind meist keine echten Fragen. So stellte sich bei der ersten Pressekonferenz, der der Polin Magdalena Tul, einer als Angehöriger von Radio Luxemburg vor; der andere als Medienarbeiter der Universität von Oslo, schließlich ein Fan aus Südafrika, der Frau Tul eine selbstgebastelte CD mit einem Lied auf Afrikaans überreichte – wobei niemand der Fragenden oder ihre Statements Formulierenden zu erwähnen vergaß, dass man die Chanteuse ganz wunderbar findet. Nun, das ist ungewöhnlich für die journalistische Distanz, wie erwähnt.

Und man könnte sich über all diese Menschen (meist Männer) lustig machen. Es ließe sich sagen, dass diese gar nicht als Journalisten arbeiten, sondern in sonstigen Berufen, aber als Fans akkreditiert sind – und also die Distanzpflicht nicht kennen.

Jedoch hat das auch sein Gutes: Keine Pressekonferenz kommt wirklich schlecht gelaunt rüber, alle sind voller Gewogenheit und Fairness, niemand wird fertig gemacht, keine Fragen kommen zur Geltung, die die Befragten blamieren könnten – es sei denn, sie tun das selbst.

Aber Magdalena Tul umschiffte jede Falle, jede Chance auf Selbstbeschämung sicher. Eine einzige Frage hatte echte Brisanz: Was sie davon halte, dass just an diesem Sonntag in Rom der verstorbene Chef aller Katholiken, Johannes Paul II., selig gesprochen werde. Und die polnische ESC-Kandidatin erwiderte, das habe sie nicht weiter verfolgt, sie habe sich mit der ersten Probe beschäftigt – werde aber später am Telefon ihre Mutter fragen, wie es denn so war. Das nenne ich, einem innenpolitisch riskanten Thema gelungen aus dem Weg gegangen zu sein. Hätte sie gesagt, der Papst, selig oder nicht, sei ihr egal, wäre sie in Polen seitens der Konservativen zur persona non grata gemacht worden. Nein, niemand wird auf irgendeiner Pressekonferenz Kontroverses äußern.

Deshalb, finde ich, muss man diese bizarre Form der Pressearbeit respektieren: Beim ESC geht es immer um Lob – und die schärfste Kritik ist das allenfalls blasse Kompliment. Diese, wenn man so will, Spielart der Urteilskraft unterliegt eigenen Gesetzen. Mit Distanz und böser Kritik kommt man zu keiner Auskunft.

Irgendwie ist eine ESC-Pressearbeit etwa so wie die Talkshows von Alfred Biolek einst waren: Mit Freundlichkeiten bekam der Altmeister des Gesprächs alles aus seinen VIPs raus, mit Misstrauen und Absichten des In-die-Pfanne-Hauens hätte er nur Verdruss erzeugt.

Insofern: Diese Pressekonferenzen in Düsseldorf laufen, auch dank Katic und Kennebeck, sehr hübsch und alle Acts nahebringend. So kann es weitergehen!

Aserbaidschanische Indizien

25. März 2011

Die Prognosen in den britischen Wettbüros sind – was die Erfolgsaussichten der ESC-Teilnehmer in Düsseldorf betrifft – das Eine. Da geht es um die wahrsten Werte unter den Werten, nämlich um Geld. Ein Anderes sind die Hinweise, die uns die Klickzahlen der ESC-Videos geben. Für Menschen, die nicht dauernd im Netz das Immergleiche hören wollen: Auf den Seiten von eurovision.de findet man alle Videos des Jahrgangs. Man kann sich die Acts natürlich auch via YouTube oder anderer Clipanbieter ansehen – dann muss man manchmal nur ein wenig suchen. Generell gilt: Mit Ton und im Bild, so sind die modernen Zeiten, kann man sich am besten einen Eindruck verschaffen.

Wir haben uns umgehört, international. Über YouTube, über Google, über diverse nationale Plattformen – und ultrapräzise Zahlen können wir hier keine bieten. Nur dies: Auf nationalen Plattformen genießen durch die Bank weg die einheimischen ESC-Acts die höchsten Zusprüche, was die Klicks anbetrifft. Sortiert man diese Sympathiewerte einmal zur Seite – zumal man ja für den Beitrag des eigenen Landes sowieso nicht anrufen darf -, ergibt sich eine andere Perspektive.

Und so kommen wir zu den Charts: Aserbaidschan liegt bei den Clips haushoch vorne. Frankreich liegt auf Platz zwei, aber schon deutlich dahinter. Ungarn – seit Neuestem auf dem ersten Rang der Wetten, bei denen es um Geld geht – liegt, unserer groben Übersicht zufolge, auf dem dritten Rang. Dahinter rangieren Estland, Weißrussland, die Türkei, die Niederlande und auf dem achten Platz Lena. Schweden und Israel lassen sich knapp hinter diesen eingruppieren.

Ell/Nikki aus Aserbaidschan. Foto: eurovision.tv

Wie gesagt: Das sind Momentaufnahmen, das sind quasi Blitzlichter eines Bildes, dessen Konturen noch nicht hinreichend klar sind. Aber die Clips und ihre Sympathisanten sind ernstzunehmen.

Man muss dazu wissen, dass diese Klickzustimmungen – oder Nichtzustimmungen – in den vergangenen Jahren einen gewissen Aufschluss über das zu erwartende Resultat gaben. Alexander Rybak und Lena waren klicktechnisch gesprochen die stärksten Hingucker in ihren Jahrgängen – und Lena sogar lange, ehe sie auch in den Wetten vorne lag.

Aber muss das dieses Jahr auch stimmen? Könnten Aserbaidschan (und Weißrussland, dieses gruselige Ding) nicht das Internet durch Tricks überlistet haben – etwa mit ölgesättigten oder überhaupt mafiotisch grundierten Geldern? Verschwörungstheorien, ich weiß. Wahr ist für mich aktuell, dass der Act aus Baku so sehr nichtaserbaidschanisch klingt – was die übliche Landesfolklore betrifft -, dass man davon ausgehen kann: Hier will ein Land unbedingt gewinnen. So wie Russland es wollte, ehe es dies mit Dima Bilan schaffte.

Das Internet ist ernst zu nehmen, würde ich also meinen – und Aserbaidschan hochgarantiert erst recht. Dass unsere Kandidatin nicht in Pole Position hockt, ist, alles in allem, gut: So wird man in der Konzentration auf das Wesentliche nicht nachlässig. Das Wesentliche? Na, ist doch klar: Das ist das Finale und der dortige Liveauftritt. Der Erwartungsdruck ist bis dahin nicht allzu gewaltig.

P.S.: Nun hat sie gestern in Berlin zwei “Echo”-Trophäen eingesammelt, “lovely Lena”. Sie sagte, wie sie die Dinge immer sagt, irgendwie spontan und leicht ungelenk: “Ich hab’ so Herzklopfen und meine Hände zittern.” Dieser Preis sei “so was tierisch Großes”, fand sie. Eine Auszeichnung als Nachwuchskünstlerin, die andere als beste nationale Chanteuse. Um mal die Latte leicht hochzulegen: Jetzt kann sie den “Grammy” ins Auge nehmen, die US-amerikanische Variante des “Echo”. “Taken By A Stranger” ist kein schlechtes Bewerbungslied.

Eurovisions-Fanfare in der Nische

17. März 2011

Bin in Leipzig. Hier okkupiert alles die Buchmesse. Vor allem auf dem Messegelände. Macht man die Ohren zu, schließt man leicht die Augen, ohne sie ganz zu verdunkeln, könnte dies hier auch ein Eurovision Song Contest sein. Irgendwie Tausende, die sich nur um ein Thema scheren. In diesem Fall: Bücher. Es laufen hier viele jugendliche Menschen herum. Auch sie sprechen über Bücher. Aber es könnte auch ein ESC sein, beispielsweise der in Oslo im vorigen Jahr. Eine Mischung aus Nerds, Experten, Zufallsbesuchern und Funktionären. Oder eine Mixtur aus allem. Auch hier werden Treffer, Sieger und Verlierer erörtert. Wer schafft den Sprung auf die Bestsellerliste, wer wird reüssieren? Wird ein kleiner Verlag ein Buch im Angebot halten, das in den Charts alle schlagen kann? Niemand – auch das ähnlich wie beim ESC – flaniert. Keiner hat den Ausdruck echter Muße im Gesicht, alles wirkt leicht fahrig und zeitnötig. Schon wieder die nächste Lesung (die nächste Probe); gleich der nächste Partytermin (der nächste Partytermin); was zieh’ ich für die Performance der Freejazz-Literatin an? (Was zieh’ ich an?).

Irgendwie sind diese Ein-Thema-Mega-Events austauschbar.

Leipziger Buchmesse 2011. Foto: Hendrik Schmidt / picture-alliance / dpa

Hat denn diese Buchmesse so gar nichts zu tun mit dem ESC? In einer kleinen Nische doch. Der Antje-Kunstmann-Verlag hat ein wirklich kompaktes Buch herausgeben, und zwar von Clemens Dreyer, Claas Triebel und dem Graphiker Urban Lübbeke. Der Titel: “Ein bisschen Wahnsinn. Wirklich alles zum Eurovision Song Contest”. Die Autoren sind extrem nett, beide in den mittleren Siebzigern geboren, der eine im Jahr von Brighton – und sie sind echt begeisterte Fans, die einmal alles Wissenswerte über den ESC in eine handliche Form bringen wollten. Das ist ihnen gelungen.

Ich durfte sie kennenlernen, bei einer Lesung am taz-Stand. Es war mir eine Freude. Heute Abend, in einem Café am Rande der Leipziger Innenstadt, werden sie eine Performance geben, Clemens Dreyer wird körperintensiv die Vorstellung von Domenico Modugnos “Volare” nachmachen – auf dass wir erkennen, wie Fernsehen, wie der ESC damals funktionierte. Ich freu’ mich drauf.

Warum es nicht mehr Bücher im Jahr der Lena Meyer-Landrut gibt? Weil, so sagen die meisten Verlage, Bücher zu Musik, zu Popmusik, nicht gehen. Weil Keith Richards für interessant gehalten wird, Marianne Faithful dagegen weniger. Beide haben nie am ESC teilgenommen, das spricht meiner Ansicht nach gegen sie, aber der ESC hat viele nicht angezogen, und das hat vielen nicht genützt.

Bei der Lesung von Triebel und Dreyer waren auch Schüler und Schülerinnen dabei. Ich dachte, na, die finden nur die modernen ESC-Sachen gut. Aber der eine Schüler, vielleicht 15 Jahre alt, kriegte leuchtende Äuglein, als aus der mitgebrachten Computermusikbox satt und schön Vicky Leandros’ “Après toi” quoll. Und ich dachte: Na, das wird ein Fan, den sehe ich bald bei einem ESC wieder, der weiß die guten alten Zeiten noch zu würdigen.

Eine Buchmesse sei wie ein ESC? Klar, die Lektoren, Autoren und Literaturfreunde würden diese These bestreiten. Sie würden schimpfen, dass man es doch bei ihnen mit Bildung und Schönheit zu tun hat. Antwortete man, das sei doch beim ESC auch so, nur europäischer, guckten sie vermutlich unverständig. Ja, eine Buchmesse ist schön – aber auf ihre Art lebt sie von einer eigenen Welt, von ihrer nämlich.

P.S.  Wie ich heute erfahren haben, lädt die Stadt Düsseldorf am Freitag zu einer Pressekonferenz ein – mit dabei: Lys Assia. Wie schön, dass sie auch in diesem Jahr dabei ist.

Lena, 14. Mai, etwa um viertel nach zehn

15. März 2011

Das wusste Spaniens Head of Delegation doch zügig zu beantworten: Sein Land loste Sabine Heinrich als jenes der Big-Five-Teilnehmer aus, das sich im Finale den Startplatz aussuchen darf. Und was tat der selbstbewusste Spanier? Er sagte: “22!” Das ist der Platz, von dem aus Lena Meyer-Landrut in Oslo ihren “Satelliten” aufsteigen ließ, das war der Platz im Tableau, von dem zu triumphieren möglich war. Nun ja, wer abergläubisch ist oder zur Zahlenmagie neigt, mag das für aussagekräftig halten: Vielleicht ist es im kommenden Jahr der Platz Nummer 16, der besonders gern zugelost würde. Denn die Losfee zog für Lenas “Taken By A Stranger” den Platz Nummer 16 – und also wird sie am 14. Mai in der Arena etwa um viertel nach zehn Uhr auf die Bühne schreiten.

Sabine Heinrich als Glücksfee. Foto: Willi Weber / NDR

Überhaupt wurden alle Big-Five-Länder eher in das hintere Starterfeld gelost: Frankreich beginnt an elfter, Italien an zwölfter Stelle, Blue für Großbritannien gehen als Vierzehnte ins Rennen. Hübsch ist, dass niemand von ihnen den zweiten Platz des Abends erhielten: Von dieser Stelle aus ist kein Blumentopf zu gewinnen, jedenfalls nicht der, der einem Sieger überreicht wird. Zahlenmystik? Natürlich. Aber woran soll man sich sonst halten?

Jetzt zu den Halbfinals. Bosnien eröffnet den 12. Mai, Irland wird von allen Halbfinalisten an letzter, an 19. Stelle des zweiten, auch von der ARD übertragenen Semifinals performen. Schweden, Israel, Lettland und Dänemark sind irgendwo dazwischen. Österreich an zweiter Stelle des Halbfinals vom Donnerstag ist nix Halbes und nix Ganzes. Ich würde sagen: Hängt bei unseren südlichen Nachbarn von der Tagesform ab, ob sie weiterkommen. Sonst ist es doch so: Wer an zweiter Stelle auf die Bühne muss, hat damit zu rechnen, dass das TV-Publikum gerade erstmals neues Bier aus der Küche holen muss oder sonstwie Aufmerksamkeitsschwächen hat.

Dass Polen den Act an allererster Stelle gibt, freut mich auch. Ein eher sachter Auftakt, gefolgt von den Knallern aus Norwegen, die aber, siehe Österreich, auch an der verflixten zweiten Startposition. Das kaukasische Trio – Armenien, Georgien und Aserbaidschan -, nun wahrlich kein einander heiter gesinntes Bündnis, muss sich nicht begegnen auf dem Catwalk zwischen Garderoben und Bühne: Sie singen an vierter, neunter und 18. Stelle.

Gut für Finnland ist, dass es zwischen eher nervöse Nummern gepackt ist: Vor Paradise Oskar treten Georgien und nach ihm Malta auf. Das passt stilistisch, um nicht in einem Rudel an wimmernden Liedermachereien unterzugehen.

Ich bin, kurzum, geneigt, dies zu resümieren: Dana International an zwölfter Position des zweiten Halbfinals kann auf das Finale hoffen – sie wird flankiert von Mazedonien und Slowenien. Der Korridor zwischen beiden exjugoslawischen Teilen kann von ihr heftig zu eigenen Gunsten ausgestrahlt werden.

P.S. Judith Rakers spricht ein prima Englisch, Sabine Heinrich ist eine zauberhafte Ausloserin.

Mehr als ein Trostpreis

15. Dezember 2010

Meine persönliche Theorie zum ESC, was die Qualität der Bilder und der Umstände betrifft, ist simpel: Am besten guckt man alles vor dem Fernseher. Der Eurovision Song Contest hat ja ohnehin so gut wie alles mit dem Sport gemein. Der Kick ist nicht der Reigen der Lieder, sondern die Identifikation mit einem der Acts und die Spannung darüber, dass niemand weiß, wie dieser abschneiden wird. Auf die Kartenfrage bezogen heißt das: Echteste Spannung – falls es einen Superlativ überhaupt geben kann – kommt vor dem Fernseher auf. Wie beim Sport. Wer Fußball oder Biathlon schon mal im Stadion oder im Wald verfolgt hat, weiß, was ich meine. Man bekommt räumliche Gefühle des konkreten Dabeiseins – klappernd vor Kälte auf einer Tribüne, mit angefrorenen Extremitäten an den Loipen beispielsweise -, sieht aber nicht, worauf es ankommt: die Zeiten, die Punktestände, die Nahaufnahme, ja, die Zeitlupen. Das mag sich technisch derweil beim Sport geändert haben, im Prinzip ist es aber so wie eh und je – und beim ESC erst recht.

 

In der Halle bekommt man viel weniger mit von dem, was die Spannung ausmacht. Klar, auch in Oslos Vorort Baerum sah man die Punktetafel, wer aber unglücklich saß, konnte sie ohne Fernglas nicht entziffern.

Klar, ich finde es superkrass, dass das Finale im Grunde binnen kurzem ausverkauft war. Das spricht einmal mehr für die Location namens Düsseldorf. Es macht offenbar etwas aus, wenn der ESC-Ort nicht irgendwie in der ostdeutschen oder niedersächsischen Tundra liegt, wie Berlin oder Hannover, gar in der norddeutschen Tiefstebene wie Hamburg.

Aber hiermit will ich verraten, was mir in den vergangenen Jahren die bevorzugte Aufführung beim ESC war: die Generalprobe des Finales am Abend zuvor, die seit Moskau nämlich auch die Vorstellung der Jury beinhaltet. Diese hat zur Hälfte etwas bei den Punkten zu melden – und ihre Resultate stehen um 21 Uhr, wenn das eigentliche Finale beginnt, längst fest – notariell zur Kenntnis genommen.

Aber die Generalprobe, die nun mit dem Düsseldorfer ESC offiziell Juryprobe heißen wird, ist der eigentliche Leckerbissen. Alle müssen sich anstrengen, es ist eben keine wahrhaftige Probe, sondern fast die Hälfte des performativen Ernstfalls: Niemand kann auftreten in dem Gefühl, naja, es zählt ja nicht so richtig. Das ist etwa so, als würde ein olympisches Eiskunstlauf-Paarfinale zweifach aufgeführt, einmal für die Preisrichtenden und dann noch einmal für das Publikum, das sein Urteil via Telefon abgeben wird.

Insofern ist es nur konsequent, dass der Freitagabend, der 13. Mai, um 21 Uhr als Juryfinale gepriesen wird – und Eintrittskarten benötigt, wer es live sehen will. Damit ist dieser Event absolut keine Trostlösung. Als Fan sollte man sich nicht grämen und sagen: Oh, ich bin so betrübt, weil ich Sonntag nicht beim Ticketverkauf durchkam! Man sollte viel eher die Chance erkennen, die Show sehen zu können, ohne sich um den Charme der Punkteauswertung vor dem Fernseher betrogen fühlen zu müssen!

Also: Wer kein Billet für das Finale ergattert hat, könnte eines für das Juryfinale erwerben. Naheliegenderweise kann man dann am 14. Mai die Show in Düsseldorf als Public Viewing verfolgen, in der Stadt, wohl am Rande des Messegeländes. Oder auch sonst überall – etwa in Hamburg. Oder, und dafür will ich werben, vor dem Fernseher. Dort sieht man die entscheidenden Komponenten des Sports noch am besten.

Was erfahren wir am Donnerstag?

8. September 2009

Donnerstag ist der Tag, den sich Journalisten, die sich auf den ESC verstehen, im Kalender verhältnismäßig krassfett angestrichen haben: In Köln findet, mit Stefan Raab als Teilnehmender, die Pressekonferenz zur nächsten deutschen ESC-Saison statt.So früh hat noch nie eine ESC-Saison in Deutschland begonnen! Und das Beste: Die Pressekonferenz wird auf Phoenix übertagen und per livestream ist sie auch im Internet zu sehen.

Esther Ofarim

Esther Ofarim

Was wir bisher wissen, ist wenig. Nämlich: Es gibt fünf Vorrunden, ein Viertel- wie ein Halbfinale, schließlich The Big Show, das Finale nämlich. Viertelfinale und The Big Show überträgt die ARD, den Rest Pro7. Alles wird in Köln stattfinden, und zwar in den Studios des Senders, über den auch Max Mutzke in die ESC-Geschichte lanciert wurde.

Unbekannt ist: Wann genau beginnt das Casting? Wer darf sich bewerben? Mit eigenen Liedern? Oder nur solchen, die Raab vorgibt? Dürfen Menschen mit von der Partie sein, die einen gewissen Namen einst trugen oder noch tragen - etwa Tina York und Semino Rossi? Oder ist die Geschäftsgrundlage, dass alle Castingteilnehmende noch nie etwas mit dem musikwirtschaftlichen Gewerbe zu tun gehabt haben sollen?

Schließlich: Dass ein Künstler oder Künstlerin, dass eine Band gesucht wird, ist offenkundig. Aber gibt es auch einen Komponisten- und Texterwettbewerb? Oder ist für diese Funktionen Raab gesetzt? Sicher ist: Aus diesem Showformat wird die Chance geboren werden, eine Grand-Prix-Königin oder ein Grand-Prix-König zu gewinnen. Der Schmuck, in dieser Hinsicht, hängt hoch. Man braucht für diesen Posten, der eher einer Zuschreibung denn einem selbstverpassten Prädikat gleichkommt, so etwas wie Magie, eine Stimme, die nahe geht und eine Bühnenpräsenz, die nicht klotzt, sondern souverän scheint. International gesprochen: Man braucht so etwas wie Lenny Kuhr, Esther Ofarim, Anne-Marie David (Königin eines Abends), Elisabeth Andreassen, eine Ilanit (Königin im Folklorekleid), eine Vicky Leandros oder eine Maria Serifovic, auch zu dieser Riege zählt Johnny Logan, Cliff Richard oder Udo Jürgens (der ewige Königskönig). Was schlagen Sie vor: Kann man Raab vom Songmaterial her vertrauen?

EBU unterwift Aserbaidschan Sicherheitscheck!

19. August 2009

Wenn der Bericht der BBC stimmt, kommt auf eine spezifsich eurovisionsäre Art der Fall Aserbaidschans einem Skandal gleich. Offenbar haben die Sicherheitsbehörden des Landes am Kaspischen Meeres prüfen lassen, welche 43 Personen innerhalb seines Televotingbereichs für Armenien gestimmt haben. Und wir können dem Bericht der BBC glauben schenken, denn auch unsere Kollegin und Kaukasus-Expertin von tagesschau.de, Silvia Stöber, hörte von den Vorfällen und bestätigt, dass die Meldung – leider – glaubwürdig ist.

Blick auf Baku

Blick auf Baku

Schon im Mai hatten wir über die regelwidrige Aktion des aserbaidschanischen Fernsehens während des Moskauer Finales berichtet: Der armenische Beitrag wurde nicht gezeigt, berichteten damals verschiedene Blogger. Dass sich nun herausstellt, dass dennoch einige wenige in Aserbaidschan für das Nachbarland votiert haben, ist eine Binse: Jedes Lied bekommt in jedem Land wenigstens einige Anrufe. Dass aber diese Personen erstens herausgefiltert wurden, ja, ihre Daten offenkundig ausfindig gemacht werden konnten, heißt, dass das Fernsehen  mit den Sicherheitsbehörden in Baku zusammengearbeitet. Datenschutz? Keine Spur.
Immerhin hat die EBU nun in einer Mail mitgeteilt, dass man den Fall “investigativ” prüfen werde – also selbst Recherchen anstellen wird. Nach Aussage von Svante Stockselius sogar mit dem Interesse, Klarheit in die Sache zu bringen, nicht allein Frieden zu stiften. Ob es Sanktionen gegen Aserbaidschan geben wird, ist, so Stockselius, offen. Ich finde, dass dieses Land bis auf weiteres ausgeschlossen wird. Und zwar solange, bis es nicht garantieren kann, dass es während einer Eurovisionsveranstaltung – Halbfinale oder das Finale – alle Acts überträgt, auch die missliebiger Nachbarn.
Würde die EBU diesen Fall nicht eisig sanktionieren, könnte man gleich den Libanon einladen, bereits in Oslo dabei zu sein. Das nahöstliche Land möchte nämlich gerne – aber nur unter der Bedingung, dass es den israelischen Song nicht übertragen muss. Die EBU lehnte diese Bedingung bislang strikt ab – gut so. Würde sie am aserbaidschanischen Beispiel nicht konsequent bleiben, wäre der ESC selbst ein Event, der sich politischen Opportunitäten zu unterwerfen bereit ist. Und das wäre, alles in allem, der Tod dieses europäischen Kulturfestivals des größten Kalibers. Dass es eine Missachtung der Standards des Europarates wäre – die auch Aserbaidschan mit ratifiziert hat – soll nur nebenbei erwähnt werden.