Mit dem ESC auf Reisen
10. Juni 2011Neulich ließ ein Freund eine superfeinfühlige Bemerkung vom Stapel: „Okay, der Eurovision Song Contest ist eine Show, die man gesehen haben muss“, sagte er. „Sonst kann man einfach nicht mitreden.“ Ich hatte mich nicht unter Kontrolle, blieb nicht kühl, sondern schlaumeierte zurück: „Na klar, jetzt folgst du bloß einer Herde, du Schaf! Jetzt hast du plötzlich deine Meinung geändert. Wer wirklich in Sachen ESC auf sich halten möchte, findet auch die Acts der Achtziger und Neunziger gut, und zwar auch die jugoslawischen.“ Ich konnte natürlich nicht verraten, dass mich das bedauernswerte Jugoslawien immer so Mitleid erregend mitzittern ließ: Kriegen die einen Punkt? Natürlich, Tereza war 1972 mit “Musika i ti” eine formidable Ausnahme.
Jedenfalls: Nach Düsseldorf wissen wir, dass der ESC jene Show ist, über die man nicht schweigen möchte, im Guten nicht, im Bösen ebenfalls nicht.
Der Freund ätzte im Übrigen zurück, er wollte nicht klein beigeben. So murmelte er hörbar: “Aber der ESC bringt nach wie vor keine Stars hervor.” Ich daraufhin: “Das sagt einer, für den R.E.M. oder Massive Attack oder Seeed! Offenbarungen sind – aber das ist doch der pure Mainstream.” Tatsache ist auf alle Fälle, dass, wer beim ESC eine prima Show hinlegt, hinterher karrieretechnisch nix zu meckern hat. In Deutschland kann hiervon Mary Roos Zeugnis ablegen. Also: “Wer beim ESC performt, kann selbstverständlich ein Star werden!” Und dann fiel mir wieder Jugoslawien ein…

Doch jetzt mal Schluss mit dem Gelästere über Jugoslawien. Erstens gibt es das nicht mehr - es ist jetzt ein zerbröselter Staat, der eine Vielzahl kleinerer Staaten hinterlassen hat. Und zweitens ist das ehemalige Jugoslawien mein Urlaubsziel in den nächsten Tagen. Einfach mal hinfahren in eine Gegend, die uns wunderbare Lieder, Sänger und Sängerinnen geschenkt hat – von Marija Serifovic abgesehen.
Wir fahren in die Nähe von Split, also ins Land von Danijela, Doris Dragovic und Riva. Man sollte Reisen sowieso dazu nutzen, sich fortzubilden. Sonst wird man irre im Kopf – ja, wird wie mein Kumpel, der so weltläufig tut und doch immer nur deutsch bleibt. Nein, der ESC lässt uns Reiseziele aussuchen. Kroatien soll es sein – das Land, das es dieses Jahr nicht ins Finale geschafft hat, verdienterweise, muss man sagen.
Wir freuen uns. Hiermit ist dieser Blog für eine Woche Ferien in der Pause – ich gehe auf Hochzeitsreise, jawoll. Meine erste und einzige. Es wird sich gut anfühlen. Nächstes Jahr, nur mein Gefühl, gewinnt ein Act aus dem ex-jugoslawischen Territorium. Ein schönes Wochenende, eine schöne Woche Euch und Ihnen!











Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.