Schweden oder: Wenn Träume Schäume sind
4. Mai 2011Es ist eine Krux mit diesem Land: Seit Abba glaubt Schweden, dass es eigentlich immer gewinnen müsse. Zunächst - nach dem Melodifestivalen, der Vorentscheidung - werden die Siegenden imagemäßig hochgejazzt. So scheint auch Eric Saade in diesem Jahr von Stockholm gen Düsseldorf gejettet zu sein. Und so sagte er auf der Pressekonferenz: Ohne Zweifel sei er gekommen, um zu gewinnen. Das hörten die Journalisten und Fans sehr gern, wobei Komponist und Texter Fredrik Kempe besonders honigkuchenpferdmäßig schmunzelte. Das darf man selbstbewusst nennen!

Andererseits beteuert er, keinen Druck zu spüren, wiederum im Halbfinale auszuscheiden, so wie voriges Jahr Kollegin Anna Bergendahl. Nein, viel schlimmer wäre es, würde Schweden 2010 gewonnen haben. Aber dass er diese Frage allein ohne Zickerei von sich wies, deutet auf ein sattelfestes Selbstvertrauen.
Genau besehen ist es aber so: “Popular” ist in meinen Ohren ein eher nerviges Lied, das, leicht anders arrangiert, gut als Dumpfbackenschlager durchgehen könnte. Okay, was soll man auch von Kempe, dem zum vierten Mal in Folge antretenden Komponisten, erwarten? Wo Traditionsmitklatschschlager draufsteht, ist auch welcher drin. Aber will Europa das hören? Anders gefragt: Wann ist Europa endgültig diese fast hochmütige Art der Schweden leid? Wann wird es sein, dass, wie im Vorjahr, die ESC-Televoter sagen: Wir waren schon mit Charlotte Perrelli unzufrieden, wir fanden keinen Gefallen an The Ark, und die Bergendahl mochten wir auch nicht.
Schweden leidet am Post-Abba-Carola-Nilsson-Herrey’s-Syndrom! Wer viermal gewonnen hat, glaubt wohl auf Sieg abonniert sein zu müssen, also Demut vor der Aufgabe vergessen zu können.
Seit Christer Björkman, Vorletzter des Jahres 1992 mit “I morgon är en annan dag” die Geschicke des Melodifestivalens übernommen hat, klingt Schweden im ESC-Konzert wie mulschiger Brei. “Nix Cooles unter der Sonne Königin Silvias!” möchte man kalauern. Nie geht aus diesem Contest stilistisch etwas hervor, das in den Clubs Stockholms, Växjös, Kalmars, Malmös oder Göteborgs gängig ist. Kein Elektrosound, kein modernes Liedermachertum – irgendwie hat alles etwas Pompöses.
Fredrik Kempe – ausgebildeter Musicalsänger, wenn ich recht informiert bin – ist, bekannte er, ein Fan von Frank Farian und Boney M. Das ist kein gutes Zeichen für dieses Land, das offenbar auf eingängige, hochrepititive, refrainlastige, gleichwohl gesichtslose Schlager festgetackert bleiben will. Keine Tradition, die an Carl Michael Bellman, Cornelis Vreeswijk oder Bertil Taube orientiert ist, keine Eleganz, die sich an Lill Lindfors oder Tommy Körberg orientiert.
Schade, das!
Erik Saade soll nicht leiden. Ich respektiere, dass mit ihm ein Schwede libanesischer Herkunft, dass mit ihm also ein Migrant den Aufstieg in den wenigstens einheimischen Pophimmel schafft. Sein Lied aber, nun ja, ist so öde wie die Chartkultur in Schweden selbst. Ihm ist momentan der Größenwahn erfolgreicher junger Menschen eigen. Er ist so selbstgewiss, wie das nur irgend geht. Er wird nicht gewinnen, das Publikum liebt keine Protze, die “Popular” behaupten, ehe es in ihren Herzen in Erfüllung geht. Alles sehr bedauerlicherweise!










Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.