Schweden oder: Wenn Träume Schäume sind

4. Mai 2011

Es ist eine Krux mit diesem Land: Seit Abba glaubt Schweden, dass es eigentlich immer gewinnen müsse. Zunächst - nach dem Melodifestivalen, der Vorentscheidung - werden die Siegenden imagemäßig hochgejazzt. So scheint auch Eric Saade in diesem Jahr von Stockholm gen Düsseldorf gejettet zu sein. Und so sagte er auf der Pressekonferenz: Ohne Zweifel sei er gekommen, um zu gewinnen. Das hörten die Journalisten und Fans sehr gern, wobei Komponist und Texter Fredrik Kempe besonders honigkuchenpferdmäßig schmunzelte. Das darf man selbstbewusst nennen!

Eric Saade bei den Proben in Düsseldorf (Foto: eurovision.tv/Elke Roels)

Andererseits beteuert er, keinen Druck zu spüren, wiederum im Halbfinale auszuscheiden, so wie voriges Jahr Kollegin Anna Bergendahl. Nein, viel schlimmer wäre es, würde Schweden 2010 gewonnen haben. Aber dass er diese Frage allein ohne Zickerei von sich wies, deutet auf ein sattelfestes Selbstvertrauen.

Genau besehen ist es aber so: “Popular” ist in meinen Ohren ein eher nerviges Lied, das, leicht anders arrangiert, gut als Dumpfbackenschlager durchgehen könnte. Okay, was soll man auch von Kempe, dem zum vierten Mal in Folge antretenden Komponisten, erwarten? Wo Traditionsmitklatschschlager draufsteht, ist auch welcher drin. Aber will Europa das hören? Anders gefragt: Wann ist Europa endgültig diese fast hochmütige Art der Schweden leid? Wann wird es sein, dass, wie im Vorjahr, die ESC-Televoter sagen: Wir waren schon mit Charlotte Perrelli unzufrieden, wir fanden keinen Gefallen an The Ark, und die Bergendahl mochten wir auch nicht.

Schweden leidet am Post-Abba-Carola-Nilsson-Herrey’s-Syndrom! Wer viermal gewonnen hat, glaubt wohl auf Sieg abonniert sein zu müssen, also Demut vor der Aufgabe vergessen zu können.

Seit Christer Björkman, Vorletzter des Jahres 1992 mit “I morgon är en annan dag” die Geschicke des Melodifestivalens übernommen hat, klingt Schweden im ESC-Konzert wie mulschiger Brei. “Nix Cooles unter der Sonne Königin Silvias!” möchte man kalauern. Nie geht aus diesem Contest stilistisch etwas hervor, das in den Clubs Stockholms, Växjös, Kalmars, Malmös oder Göteborgs gängig ist. Kein Elektrosound, kein modernes Liedermachertum – irgendwie hat alles etwas Pompöses.

Fredrik Kempe – ausgebildeter Musicalsänger, wenn ich recht informiert bin – ist, bekannte er, ein Fan von Frank Farian und Boney M. Das ist kein gutes Zeichen für dieses Land, das offenbar auf eingängige, hochrepititive, refrainlastige, gleichwohl gesichtslose Schlager festgetackert bleiben will. Keine Tradition, die an Carl Michael Bellman, Cornelis Vreeswijk oder Bertil Taube orientiert ist, keine Eleganz, die sich an Lill Lindfors oder Tommy Körberg orientiert.

Schade, das!

Erik Saade soll nicht leiden. Ich respektiere, dass mit ihm ein Schwede libanesischer Herkunft, dass mit ihm also ein Migrant den Aufstieg in den wenigstens einheimischen Pophimmel schafft. Sein Lied aber, nun ja, ist so öde wie die Chartkultur in Schweden selbst. Ihm ist momentan der Größenwahn erfolgreicher junger Menschen eigen. Er ist so selbstgewiss, wie das nur irgend geht. Er wird nicht gewinnen, das Publikum liebt keine Protze, die “Popular” behaupten, ehe es in ihren Herzen in Erfüllung geht. Alles sehr bedauerlicherweise!

“Kämpft, Kameraden!” – Wie bitte?

3. Mai 2011

Ja, das war mal ein Ereignis bei den Pressekonferenzen: Erzählten bis dahin andere Sänger und Sängerinnen, wie sehr sie sich freuen, beim Eurovision Song Contest dabei zu sein und wie toll es sei, das eigene Land zu repräsentieren, wurde die Equipe aus Portugal politisch. Zumindest irgendwie. Fünf Menschen standen vor den Medienmenschen und jede Antwort, die der Kopf von Homens da Luta (“Menschen des Kampfes”), “Jel” Duarte, gab, wurde von seinen vier Mitkombattanten mit leichtem Gesang und den Worten “Kämpft, Genossen” begleitet. Im Laufe der Pressekonferenz erfuhren wir außerdem, dass diese Comediantruppe sich auf das Erbe der portugiesischen Revolution von 1974 beziehe, der Nelkenrevolution, mit der die Rechtsdiktatur gestürzt werden konnte. Dennoch war nicht auf Anhieb erkennbar, dass diese “Menschen des Kampfes” (so der Bandname übersetzt), die von Portugals ESC-Publikum gewählt wurde, aber nicht von den Juroren, es ernst meint – politisch, musikalisch oder wie auch immer.

Irgendwie, so lässt sich sagen, klingt deren Lied wie alle portugiesischen Lieder der vergangenen Jahrzehnte. Melancholisch, aber heiter abgerundet: Würde dieses Quintett als lusitanische Variante Guildo Horns oder Alf Poiers verkauft werden – man glaubte es auch. Womöglich muss diese Zwiespältigkeit bewahrt werden, denn Politisches direkt zu entertainen ist ja beim ESC verboten – aber subtil war Politisches immer im Spiel, von deutscher Seite am krassesten bei Katja Ebstein 1971 mit “Diese Welt”.

Nun ja, die Portugiesen erhielten denn auch Applaus - wobei aus meinem Blickwinkel offen blieb, ob für den Mut zur historischen Kostümparty, die sie zu sozialistisch anmutenden Village People machen, oder für den politischen Gehalt. Nötig hat das Land Protest ja: Wirtschaftskrise noch und noch, verarmende Menschen, unsichere Perspektiven. “Homens de Luta”, wie nobel, führten als Komödiantentruppe einige Demonstrationen gegen die Wirtschaftskrise an. Toll, meinetwegen. Aber erschließt sich dieser innerportugiesische Kontext auch Europa? Ist es zieldienlich – “Kämpft, Genossen!” hieß es ja wohl nicht zufällig auf der Pressekonferenz -, in einem Sound zu performen, der auf Anhieb als portugiesisch, also viel zu exotisch hörbar ist?

Ich bin unsicher. Weltverbesserungs- und Protestlieder hat es ja beim ESC immer gegeben. Aber stets, wenn sie explizit wurden, wirkten sie verstörend – etwa 1982 beim Song “Nuku pommiin” (übersetzt: “Atombombe”) des Finnen Kojo oder bei der österreichischen Gruppe Schmetterlinge 1977, deren eigentlich mitreißender Song sich viel zu oberflächlich mit der Kommerzialität von Musik auseinandersetzte: Wir als Hörende und Sehende wollen doch nicht beschlaumeiert und beklugscheißert werden.

Besser macht es dieses Jahr der zart aussehende, vermutlich mit eisernem Kampfeswillen ausgerüstete Finne Paradise Oskar: Er will, dass die Erde grüner wird, die Menschen sich verstehen, dass keine Kriege geführt werden und überhaupt alles ins Lot kommt. Das tut er, damit die Botschaft persönlich unterstrichen wird, mit dem unschuldigsten Augenaufschlag, den man sich nur denken kann. Ein blonder Verführer für eine gute Welt. Na, das loben wir doch bitte, oder?

Die Portugiesen werden aller Wahrscheinlichkeit nach, darauf lässt die muntere Pressekonferenz schließen, wieder mit dem Gefühl nach Hause fahren, von Europa nicht verstanden worden zu sein. “Homens da Luta” und “Luta È Alegria” – zu deutsch: “Kampf ist Freude” – gefallen mir sehr. Und zwar weil es so schön portugiesisch klingt. Das allerdings könnte ihnen zum Verhängnis werden. Eine schöne Pressekonferenz war es dennoch!

Wielcome … Düsseldorf ist großartig!

28. April 2011

Häme und republikweite Lacher hat diese Meldung produziert: Dass in dem Stadtführer zum ESC ein “Aktionstag der Schwulen” annonciert wurde – aber doch ein “Aktionstag der Schulen” gemeint war. Man möchte, ginge das, Düsseldorf und seine Marketingleute ganz lieb in den Arm nehmen für diesen freudschen Verschreiber. Da rackern die sich monatelang ab – um dann über Boulevardzeitungen und Nachrichtenagenturen vorgeführt zu werden. In Wahrheit war es doch vermutlich so: Das ganze Marketing war und ist darauf ausgerichtet, dass im Mai 2011 Tausende von schwulen Männern aus allen möglichen europäischen Ländern an den Düsseldorfer Rhein gepilgert kommen wegen eines Popfestivals – und dass man diese Kundengruppe herzlich willkommen heißen möchte.

Britische Fans beim OGAE-Treffen in München (Foto: Patricia Batlle/NDR)

Obendrein gab es in der englischen Übersetzung der Broschüre auch noch das Wörtchen “Wielcome” statt “Welcome”. Mit schwarzem Filzschreiber müssen jetzt alle überflüssigen “i” in mühe- aber wahrscheinlich nicht weniger liebevollen Handarbeit übermalt werden.
Schwul und Schule – man möchte kreischen: So unterschiedlich sind doch beide Vokabeln nicht. Das eine ist ein Zustand der sexuellen Selbstbestimmung, das andere im besten Fall eine Anstalt, in der diese gelehrt wird. Brücken der Verständigung zwischen missverständlichen Worten, zumal falsch getippten, gibt es doch immer. Warum also diese Auslacher? Weil man sich immer ausschüttet, wenn Perfektionisten bei Pannen erwischt werden. Und das darf man schon noch sagen: Düsseldorf und seine Vermarkter haben bislang einen verdammt perfekten Job gemacht!

Jedenfalls: Tippfehler gehören zum Leben wie das Versprechen und Verschreiben selbst. Nur weil der Verlobungsfinger der linken Hand versehentlich auf der oberen Reihe der Tastatur zwischen “sch” und “ul” noch ein “w” berührte. Habt Erbarmen, habt Sonne im Herzen!

Der Druckfehler ist inzwischen wohl behoben – die fragliche Passage in dem Heftchen ist berichtigt.

P.S.: Wer noch ein Originalheft inklusive Tippfehler hat und es nicht braucht: Ich nähme es gern. Wenn Düsseldorf sich weiter derart bewirbt, hat es Köln als Homometropole des Rheinlands bald locker den Rang abgelaufen.

P.P.S.: Über diese Panne ist es nun doch Thema: Der ESC ist, was die Fanbase betrifft, ein schwules Ereignis. Wer das leugnet, war noch nie dabei.

Gewinnen? Nur Ungern!

26. April 2011

Die ersten Delegationen packen bereits ihre Koffer. Polen, Norwegen, Albanien und die Türkei: Sie fahren bald zur ersten Probe in die Düsseldorf Arena. Sie oder die anderen 39 Länder werden unterschiedlich realistisch über ihre jeweiligen Gewinnchancen sprechen – je nach Grad des Vertrauens. Würde ein Reporter zu ihnen sagen: “Ich zitiere Sie auch nicht!”, bekäme er vermutlich drastische Wahrheiten zu hören. Die wichtigste wäre: Nein, gewinnen wollen wir nicht. Das ist zwar gegen die Spielregeln, denn einen Wettkampf beginnt man nicht, weil man unter ferner sangen abschneiden möchte.

Homens da Luta vertreten Portugal beim ESC 2011 (Foto: RTP)

Aber auch der ein oder andere TV-Hierarch würde sicher sagen: Nein, das schaffen wir nicht, das liegt nicht in unseren Möglichkeiten; zumal mit Blick auf die imponierende ESC-Stadt Düsseldorf, auf die Arena und die offenkundig jetzt schon perfekte Organisation.

Voriges Jahr in Norwegen, beim vipsten Empfang aller V.I.P.-Empfänge, konnte man eine solche Umfrage machen – und eben dieses Resultat erzielen, das allerdings nicht persönlich zitierfähig sein soll: Wir haben nicht das Geld, um einen ESC auszurichten, wir haben nicht die entsprechende Halle, wir haben nicht das Publikum, das uns binnen Stunden alle Tickets abkauft.

Das ist, so gesehen, die kleine Flunkerei, die auch diesem ESC inne wohnt: Zwar verpflichten sich mit der Teilnahme alle Länder, im Falle des Sieges im Folgejahr das Finale auszurichten. Das war schon immer so, außer 1957, als Frankfurt am Main gastgebende Stadt war, weil sich damals noch die beteiligten Sender melden konnten – und der Hessische Rundfunk sich so freundlich zeigte. Aber organisatorische wie finanzielle Erschöpftheit gab es zuletzt vor sehr vielen Jahren: nach dem Sieg von Séverine in Dublin 1971 sah sich Monaco nicht in der Lage, den Grand Prix im Folgejahr auszurichten (die BBC sprang ein und Edinburgh wurde der Austragungsort); 1980 verzichtete Israel auf die Gastgeberrolle – aber seither läuft alles nach Plan.

Dass die Ukraine Gastgeber sein konnte, dass Russland dies ebenfalls tat, lag am jeweiligen Prestige, welches diese Länder dem Event beimaßen und entsprechende Subventionsbeträge einfließen ließen. Estland und Lettland waren sich, zumal im damals noch kleineren Maßstab, sicher, die Chose wuppen zu können. Aber Moldau? Oder San Marino, Mazedonien (FYR), Litauen, Portugal, Island - das sind doch höchst klamme Länder, obendrein in Zeiten der Finanzkrise.

Ich bin gespannt, ob es zu diesem Punkt in der European Broadcasting Union (EBU) ein Treffen gibt mit der Frage: Soll die EBU stärker in die ökonomische Verantwortung genommen werden, wenn kleine oder finanziell schwache Länder gewinnen? Oder sollte man den Modus ändern? Veranstalter müssen sich bewerben – Länder als Veranstaltende sind nicht mehr automatisch in der Pflicht? Ich plädiere für Letzteres. Das wäre wie beim Fußball: Nicht ein Titelverteidiger muss die nächste Endrunde austragen, sondern ein Land, das sich bewirbt. So wie Düsseldorf in der deutschlandinternen Konkurrenz um die Herbergsstadt des ESC. Würde das vielen Ländern nicht viel Druck nehmen?

Eine Geste europäischer Gastfreundschaft

22. April 2011

“Tafel”, was ist das? Das sind Orte, an denen es kostenlos Speisen gibt: eine warme Mahlzeit für Menschen, die sonst kein oder nur wenig Geld dafür haben. Die Idee, dies auch während des Eurovision Song Contest anzubieten, kam der Kommunikationsexpertin Alexandra Iwan neulich – und sie hat sie gleich realisiert: Das Franziskanerkloster in der Immermannstraße 20, nahe der U-Bahn-Station Oststraße, serviert vom 6. bis 13. Mai täglich von 14.00 bis 17.00 Uhr eine warme Mahlzeit. Tobias Ewald, der sogenannte Guardian, der Leiter der Firminus-Klause, steht dieser Initaitive vor.

Nun fragt man sich: Weshalb könnte diese “Tafel” nützlich sein? Haben ESC-Fans nicht meist sehr viel Geld? Denn hätten sie es nicht, könnten sie sich nicht die Reise an den Rhein, Hotel und Hallentickets erlauben. Das freilich ist ein Klischee. Ich habe über die Jahre viele Fans kennengelernt, die sich tatsächlich den Trip an einen ESC-Ort vom Munde abgespart haben – dort aber dann weder ein gutes Hotel buchen noch Tickets für das Finale erwerben konnten. Das sind die eigentlich nobelsten Fans – die Mühseligen und Beladenen, falls man das zu Ostern so formulieren darf.

Besteck. Foto: picture alliance/dpa.

In den vergangenen zehn Jahren kamen nach meiner Beobachtung mehr und mehr Fans zum ESC, die sich im Euroclub an einem wärmer werdenden Mineralwasser festhielten oder auf Ausgeberei angewiesen waren. Sie wohnten in Kaschemmen und Pensionen weit vor den Toren der Stadt. Das war auch ihr Lifestyle-Unterschied zu beispielsweise schweizerischen Fans, die, so durfte ich das beschämenderweise einmal erleben, zu einer Kellnerin in Tallinn sagten, der Kaffee kostete ja nur so viel wie Ramsch.

Ärmeren ESC-Fans könnte die “Tafel” der Franziskaner helfen, eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen. Wer das zynisch für pure Caritas hält, verkennt, dass Europa in arme und reiche Länder geteilt ist. Und dass Fans, für die der ESC ein Herzensding ist und kein CSD mit angehängter Dauerdisco, unseren Respekt verdienen.

Diese “Tafel” in Düsseldorf gehört mit zu den schönsten Programmideen all dieser ESC-Tage: Ich nenne das eine Geste europäischer Gastfreundschaft.

Heulen mit den Wölfen

18. April 2011

Elisabeth Noelle-Neumann hat mit ihren sozialwissenschaftlichen Methoden ein seltsames Phänomen schon in den fünfziger Jahren herausgefunden: Die inzwischen verstorbene Gründerin des Instituts für Demoskopie in Allensbach am Bodensee erkannte nach einer Vielzahl an Umfragen, dass eine Masse sich zur erwarteten Mehrheit hin bewegt. Man ist gerne bei den Siegern, sollte das heißen, im Normbereich sowieso. Niemand, so ihr Fazit, findet sich am Ende gerne bei den Verlierern wieder.

Kati Wolf tritt für Ungarn an. (Foto: MTVA)

Das lässt sich tatsächlich an Beispielen politischer Wahlen illustrieren – aber offenbar gilt das auch für das Phänomen Eurovision Song Contest. Der lebt auch von Mutmaßungen, die sich in Geldwetten spiegeln und in Wettspielen.

Und die Tendenz ist eindeutig: Frankreich, Ungarn, Schweden, Estland und Großbritannien bekommen von allen Fanclubs in Europa Höchstwertungen zugesprochen. Und das, so wiederum meine Vermutung, umso mehr, als diese Fanclubs, die ihre Wetten nicht an einem Abend stattfinden lassen, sondern, je nach Terminlage, an verschiedenen Tagen. Und so lesen wir, dass ein OGAE-Fanclub (Organisation générale des Amateurs de l’Eurovision) nach dem anderen diese eben genannten Länder an die Spitze werten. Ich schätze, das tun sie auch deshalb, weil sie bewusst oder halbbewusst von den ersten Wettergebnissen erfahren haben – und sich nun an diesen orientieren.

Es gibt vorläufig, so sehe ich das, gar keinen Grund, Schweden dauernd ganz oben zu platzieren. Es reicht, siehe Noelle-Neumanns Gesetz von der magnetischen Kraft des erwarteten Siegers, wenn man glaubt, das sei ein gutes Lied. Und dass “Popular” nun das viel bessere Lied ist als das dänische oder das griechische ist vor den Düsseldorfer Abenden nicht erwiesen. Irgendwie sind doch, immer noch beispielhaft an diesen drei Acts phantasiert, alle gleich flott und mitreißend, oder?

Auch dass Frankreichs Halboperballade weit oben gesehen wird, hat mit Gefühlen zu tun – nicht mit dem Lied selbst, schätze ich.

Diverse Buchmacher sehen die Sache inzwischen sehr ähnlich. Auch bei denen – und da geht es ums Geld, nicht um Geschmäcker – tauchen Frankreich, Estland, Ungarn, Schweden und Aserbaidschan auf. “Taken By A Stranger” findet sich bei denen auf dem siebten Platz wieder, bei den Fanclubs zwischenständlich auf dem zwölften Rang. Das könnte so kommen, das sehe ich auch so.

Allein: Garantiert ist das noch nicht. Die Stimmung kann ja noch umkippen. Plötzlich wird ein Act als nervig empfunden. Und wenn sich diese Meinung erstmal in Gang gesetzt hat, sind alle Vorabprognosen hinfällig. 2002, in Tallinn, hatte Marie N und ihr “I Wanna” niemand auf der Rechnung. Sie gewann als Außenseiterin. Auch Lena Meyer-Landrut war im Vorjahr nicht höchstgewettet.

Momentan ist die Tendenz klar gen Ungarn gerichtet. Deren Chanteuse Kati Wolf findet immer mehr Fürsprecher. Das deutet auf Budapest 2012 hin.

Schulunterricht mit dem ESC

15. April 2011

Das ist für mich die netteste Nachricht, die das Düsseldorfer Büro für die städtische Organisation des Eurovision Song Contest in den vergangenen Monaten versandt hat: Dass einige Düsseldorfer Pädagogen und Pädagoginnen den ESC in ihre Lehrpläne integriert haben. So lese ich und so erfahren wir, dass die Gerhard-Tersteegen-Gemeinschaftsgrundschule eine Projektwoche “Wir sind Europa” veranstaltet; dass die Förderschule Erfurter Weg das
Leben speziell in der Türkei ausleuchtet – und man hofft, dass besonders Rockmusik eine Würdigung erfährt, denn dieses Land voller ESC-Ruhm hat uns ja in den vergangenen Jahren häufiger Melodeien jenseits der Serailästhetik geschenkt. Auch erfahren wir, und auch das gefällt mir sehr, dass die Jugendfreizeiteinrichtungen des Jugendamtes ein Magazin zum ESC herausgeben – das wir als Düsseldorfer Gäste demnächst auch noch überreicht bekommen. Mann, das übertrifft sogar das Niveau von Helsinki, was diese Stadt so anstellt.


Grundschüler im Unterricht. (Foto: Frank Hoermann, Picture Alliance, Sven Simon)

Den Stoff in den Musik- und Sozialkundeunterricht zu integrieren, ist ohnehin famos und bislang nicht aus anderen ESC-Ländern überliefert. Zumal ja die meisten Musiklehrenden auf Hochkultur abonniert sind – und wenn sie, wie es in meiner Schulzeit üblich war, die Beatles zu kanonisieren versuchen, wollen die einem doch nur erzählen, dass diese Musik eigentlich recht okay sei, weil nicht billig und nicht Pop. Das empfand nicht nur ich allein als Versuch, die Popmusik vom Schmuddelimage zu befreien – und damit vom Besten, was diese Musik so hat.

Auf den ESC bezogen, für den Schulunterricht, empfehle ich eine noch gründlichere Unterrichtseinheit: Gespielt werden kann dieses Spiel ab Klasse 6. Wenn beispielsweise 32 Schüler und Schülerinnen mit von der Partie sind, suchen diese sich ein Lieblingslied aus – und spielen es den anderen vor. Alle spielen also ihre Songs vor. Und dann wird nach dem ESC-Modus drüber abgestimmt. Das kann man mit chartüblicher Musik machen, aber, darauf käme es an, mit ESC-Stoff. Mit Neuem, dem von diesem Jahr, oder mit altem. Es läge an den Lehrenden, ihren Schülern diese Lieder per mp3-Datei zur Verfügung zu stellen oder per CD.

Es ergäbe sich für jeden, der mitmacht, eine gigantische Identifikation mit den Liedern. Vielleicht reichert man es an: Wenn einer zum Beispiel ein niederländisches Lied zur Geltung bringen will, muss er gleichzeitig das Land und seine Kulturströmungen vorstellen. Und man wird hernach feststellen: Man lernt nicht nur andere Lieder, andere Kulturen, andere Prägungen kennen – man fühlt auch nach, wie es ist, keine oder nur mäßig viele Punkte zu bekommen. Oder zu gewinnen. Und man lernt, wie jeder beim wirklichen ESC sich empfindet – irgendwie immer am Rande der Nervenerschütterung, gerade weil es um Punkte und Platzierungen geht.

Wetten, dass die Wetten …

21. März 2011

… noch nicht der Weisheit letzter Schluss sind? Im vorigen Jahr lag erst im Mai Lena Meyer-Landrut in den britischen Wettbüros ziemlich vorne. In diesen Agenturen wird das Realistische prophezeit, nicht das Wünschbare, wie das unter Fans oft der Fall ist. Ist doch klar: Da vermischt sich Passion mit dem Desinteresse an der eingesetzten Geldmenge. Einem Fan ist die Kohle vielleicht nicht egal, aber zweitrangig oft. Die in London beheimatete Wettagentur William Hill hat aktuell bekannt gegeben, dass es für Frankreichs Stück bei einem Wetteinsatz von einem Pfund lediglich fünf Pfund als Gewinn zurück gibt. Das bedeutet: Amaury Vassilis “Sognu” genießt unter Wettern der Stunde von allen 43 Düsseldorfer Acts die höchste Wertschätzung – und entsprechend wenig riskant ist ein Wetteinsatz, entsprechend gering ist das Geld, das man einheimsen kann. 

Der ESC-Kandidat für Frankreich: Amaury Vassili (Foto: Greg Alexander)

Hinter Frankreich folgen mit ähnlich langweilend geizigen Quoten Großbritannien und Estland. Auf dem vierten Rang versammeln sich Norwegen, Aserbaidschan, Bosnien-Herzegowina, Schweden und Deutschland. Wer für diese einen Euro setzt, erhält bereits den zehnfachen Einsatz zurück. Malta und Portugal gelten offenbar als die unwahrscheinlichsten Gewinner. Tippt man auf diese, erhielte man auf einen Euro 250 Euronen zurück.

Irgendwie dazwischen liegen alle anderen Einschätzungen. Wetten sind nämlich solche. Wer in Großbritannien Kohle einsetzt, will es möglichst mehren. Das macht dieses von seriösen Büros organisierte Unterfangen so verlässlich.
Andererseits: Die Olsen Brothers, vor elf Jahren, wurden bis zur Generalprobe am Tag vor dem Stockholmer Finale stets unter ferner sangen gewettet; weder auf der britischen noch der irischen Insel glaubte man an die Siegchance der Dänen.

Damit will ich sagen: Dass die Knödelmusicalballade über allem thront, ist eine Momentaufnahme, die sich in den nächsten Wochen bestätigen könnte. Nicht mehr, nicht weniger.
Aber insgesamt, auch das besagt die Wettgeschichte von William Hill in Sachen ESC, sind jene Acts, die besser als andere prophezeit und eingestuft werden, auch später vorne. Wenngleich, das muss gesagt werden, die Sieger nicht unbedingt zutreffend geweissagt worden sind.

Außer, nun ja, im vorigen Jahr Lena. Als die deutschen Fans noch bangten und doch nicht an den Sieg von “Satellite” glaubten, sagten Fans und Journalisten aus London, Manchester, Bristol oder Newcastle längst: Europa glaube an Lena – das wird sich in den Televotings niederschlagen, das spiegele sich in den Wetten. Wie wir wissen, geschah es genau so.

Aber Frankreich? Mir fehlt einfach der Glaube, noch.

Eurovisions-Fanfare in der Nische

17. März 2011

Bin in Leipzig. Hier okkupiert alles die Buchmesse. Vor allem auf dem Messegelände. Macht man die Ohren zu, schließt man leicht die Augen, ohne sie ganz zu verdunkeln, könnte dies hier auch ein Eurovision Song Contest sein. Irgendwie Tausende, die sich nur um ein Thema scheren. In diesem Fall: Bücher. Es laufen hier viele jugendliche Menschen herum. Auch sie sprechen über Bücher. Aber es könnte auch ein ESC sein, beispielsweise der in Oslo im vorigen Jahr. Eine Mischung aus Nerds, Experten, Zufallsbesuchern und Funktionären. Oder eine Mixtur aus allem. Auch hier werden Treffer, Sieger und Verlierer erörtert. Wer schafft den Sprung auf die Bestsellerliste, wer wird reüssieren? Wird ein kleiner Verlag ein Buch im Angebot halten, das in den Charts alle schlagen kann? Niemand – auch das ähnlich wie beim ESC – flaniert. Keiner hat den Ausdruck echter Muße im Gesicht, alles wirkt leicht fahrig und zeitnötig. Schon wieder die nächste Lesung (die nächste Probe); gleich der nächste Partytermin (der nächste Partytermin); was zieh’ ich für die Performance der Freejazz-Literatin an? (Was zieh’ ich an?).

Irgendwie sind diese Ein-Thema-Mega-Events austauschbar.

Leipziger Buchmesse 2011. Foto: Hendrik Schmidt / picture-alliance / dpa

Hat denn diese Buchmesse so gar nichts zu tun mit dem ESC? In einer kleinen Nische doch. Der Antje-Kunstmann-Verlag hat ein wirklich kompaktes Buch herausgeben, und zwar von Clemens Dreyer, Claas Triebel und dem Graphiker Urban Lübbeke. Der Titel: “Ein bisschen Wahnsinn. Wirklich alles zum Eurovision Song Contest”. Die Autoren sind extrem nett, beide in den mittleren Siebzigern geboren, der eine im Jahr von Brighton – und sie sind echt begeisterte Fans, die einmal alles Wissenswerte über den ESC in eine handliche Form bringen wollten. Das ist ihnen gelungen.

Ich durfte sie kennenlernen, bei einer Lesung am taz-Stand. Es war mir eine Freude. Heute Abend, in einem Café am Rande der Leipziger Innenstadt, werden sie eine Performance geben, Clemens Dreyer wird körperintensiv die Vorstellung von Domenico Modugnos “Volare” nachmachen – auf dass wir erkennen, wie Fernsehen, wie der ESC damals funktionierte. Ich freu’ mich drauf.

Warum es nicht mehr Bücher im Jahr der Lena Meyer-Landrut gibt? Weil, so sagen die meisten Verlage, Bücher zu Musik, zu Popmusik, nicht gehen. Weil Keith Richards für interessant gehalten wird, Marianne Faithful dagegen weniger. Beide haben nie am ESC teilgenommen, das spricht meiner Ansicht nach gegen sie, aber der ESC hat viele nicht angezogen, und das hat vielen nicht genützt.

Bei der Lesung von Triebel und Dreyer waren auch Schüler und Schülerinnen dabei. Ich dachte, na, die finden nur die modernen ESC-Sachen gut. Aber der eine Schüler, vielleicht 15 Jahre alt, kriegte leuchtende Äuglein, als aus der mitgebrachten Computermusikbox satt und schön Vicky Leandros’ “Après toi” quoll. Und ich dachte: Na, das wird ein Fan, den sehe ich bald bei einem ESC wieder, der weiß die guten alten Zeiten noch zu würdigen.

Eine Buchmesse sei wie ein ESC? Klar, die Lektoren, Autoren und Literaturfreunde würden diese These bestreiten. Sie würden schimpfen, dass man es doch bei ihnen mit Bildung und Schönheit zu tun hat. Antwortete man, das sei doch beim ESC auch so, nur europäischer, guckten sie vermutlich unverständig. Ja, eine Buchmesse ist schön – aber auf ihre Art lebt sie von einer eigenen Welt, von ihrer nämlich.

P.S.  Wie ich heute erfahren haben, lädt die Stadt Düsseldorf am Freitag zu einer Pressekonferenz ein – mit dabei: Lys Assia. Wie schön, dass sie auch in diesem Jahr dabei ist.

Lena, 14. Mai, etwa um viertel nach zehn

15. März 2011

Das wusste Spaniens Head of Delegation doch zügig zu beantworten: Sein Land loste Sabine Heinrich als jenes der Big-Five-Teilnehmer aus, das sich im Finale den Startplatz aussuchen darf. Und was tat der selbstbewusste Spanier? Er sagte: “22!” Das ist der Platz, von dem aus Lena Meyer-Landrut in Oslo ihren “Satelliten” aufsteigen ließ, das war der Platz im Tableau, von dem zu triumphieren möglich war. Nun ja, wer abergläubisch ist oder zur Zahlenmagie neigt, mag das für aussagekräftig halten: Vielleicht ist es im kommenden Jahr der Platz Nummer 16, der besonders gern zugelost würde. Denn die Losfee zog für Lenas “Taken By A Stranger” den Platz Nummer 16 – und also wird sie am 14. Mai in der Arena etwa um viertel nach zehn Uhr auf die Bühne schreiten.

Sabine Heinrich als Glücksfee. Foto: Willi Weber / NDR

Überhaupt wurden alle Big-Five-Länder eher in das hintere Starterfeld gelost: Frankreich beginnt an elfter, Italien an zwölfter Stelle, Blue für Großbritannien gehen als Vierzehnte ins Rennen. Hübsch ist, dass niemand von ihnen den zweiten Platz des Abends erhielten: Von dieser Stelle aus ist kein Blumentopf zu gewinnen, jedenfalls nicht der, der einem Sieger überreicht wird. Zahlenmystik? Natürlich. Aber woran soll man sich sonst halten?

Jetzt zu den Halbfinals. Bosnien eröffnet den 12. Mai, Irland wird von allen Halbfinalisten an letzter, an 19. Stelle des zweiten, auch von der ARD übertragenen Semifinals performen. Schweden, Israel, Lettland und Dänemark sind irgendwo dazwischen. Österreich an zweiter Stelle des Halbfinals vom Donnerstag ist nix Halbes und nix Ganzes. Ich würde sagen: Hängt bei unseren südlichen Nachbarn von der Tagesform ab, ob sie weiterkommen. Sonst ist es doch so: Wer an zweiter Stelle auf die Bühne muss, hat damit zu rechnen, dass das TV-Publikum gerade erstmals neues Bier aus der Küche holen muss oder sonstwie Aufmerksamkeitsschwächen hat.

Dass Polen den Act an allererster Stelle gibt, freut mich auch. Ein eher sachter Auftakt, gefolgt von den Knallern aus Norwegen, die aber, siehe Österreich, auch an der verflixten zweiten Startposition. Das kaukasische Trio – Armenien, Georgien und Aserbaidschan -, nun wahrlich kein einander heiter gesinntes Bündnis, muss sich nicht begegnen auf dem Catwalk zwischen Garderoben und Bühne: Sie singen an vierter, neunter und 18. Stelle.

Gut für Finnland ist, dass es zwischen eher nervöse Nummern gepackt ist: Vor Paradise Oskar treten Georgien und nach ihm Malta auf. Das passt stilistisch, um nicht in einem Rudel an wimmernden Liedermachereien unterzugehen.

Ich bin, kurzum, geneigt, dies zu resümieren: Dana International an zwölfter Position des zweiten Halbfinals kann auf das Finale hoffen – sie wird flankiert von Mazedonien und Slowenien. Der Korridor zwischen beiden exjugoslawischen Teilen kann von ihr heftig zu eigenen Gunsten ausgestrahlt werden.

P.S. Judith Rakers spricht ein prima Englisch, Sabine Heinrich ist eine zauberhafte Ausloserin.