Das Gespür der Fanclubs
20. April 2012Aus verschiedenen Quellen kommen jetzt Einschätzungen des möglichen Ergebnisses von Baku: Freundeszirkel haben Spaß beim Gucken der Previews, auch eher private, eher nicht als Verein organisierte Runden tippen und nähern sich dem Verlauf des diesjährigen ESC an. Aber haben sie alle Recht? Die ESC-Fanclubs, organisiert unter dem Vierbuchstabenkürzel OGAE (“Organisation Générale des Amateurs de l’Eurovision”), taten und tun sich zusammen und wählen (Einen Überblick über die bisherigen Votings bietet z.B. die Seite esctoday.com).

Die ersten vier Clubs haben abgestimmt. Wir erfahren: Schweden liegt vorne, gefolgt von Island, Spanien, Zypern und Serbien. Roman Lob hat bislang keinen einzigen Punkt erhalten, lediglich beim französischen Flügel dieser OGAE hätte es fast wenigstens zu einem einzigen Zähler gereicht. Mit anderen Worten: Wie auch in vielen anderen Foren liegt Loreen beinah haushoch vorne.
Das ändert aber nichts an meiner zweifelnden Frage: Können diese mit Lust angestellten Prognosen Anspruch auf Realitätstauglichkeit haben? Ist es nicht vielmehr so, dass die meisten Fans, ehe sie ihre Wertungen abgeben, die Lieder schon dutzende Male gehört haben – womit sie sich von 98 Prozent aller Zuschauer am 26. Mai selbst unterscheiden. Die entscheiden nämlich aus dem Ärmel heraus, spontan und ohne fanwissenschaftlichen Hintergrund.
Insofern glaube ich: Schweden soll sich bloß nicht in vorauseilenden Siegestaumeleien ergehen. Die Dreikronenmenschen beim ESC neigen, meiner Erfahrung nach, stets vor dem Festival zu mehr oder minder krasser Selbstüberschätzung. Und wenn sie so heftig trommeln für ihren Act, färbt das auf die Fans über Schweden hinaus ab.
Ein Blick auf die OGAE-Resultate der vergangenen Jahre nämlich besagt – für das echte Ergebnis gar nichts. 2007 lag man richtig mit Marija Serifovic, aber gleich dahinter votete man für die Schweiz, die es nicht einmal ins Finale schaffte. Die Schar der gusseisernen ESC-Fans ließ sich von DJ Bobos Vorabprominenz blenden. 2008 müssen die Fans vom Ergebnis enttäuscht gewesen sein: Charlotte Perrelli, Mahnmal der Schönheitsindustrie, Exsiegerin von 1999, wurde als Siegerin geweissagt, landete aber im Finale sehr weit hinten, ja, in dieses kam sie sogar nur durch Juryentscheid hinein. 2009 war alles klar: Alexander Rybak war so eindeutig und alle überwältigend, dass keine Kaffeesatzleserei schief gehen konnte – aber auch im Jahr von Moskau hatten die Fan-Votings so ihre Irrtümer fabriziert. Schwedens Malena Ernman wurde als Dritte gesehen, tatsächlich belegte sie den 21. Rang.
Mit Dänemarks Chanée & N’evergreen lag der OGAE 2010 nicht so ganz falsch – man wertete sie vorab zwar als Siegende, gleichwohl wurden sie immerhin Vierte. Israel, getippt auf den zweiten Platz, belegte nur den 14. Rang, aber die Siegerin Lena fand sich beim Voting der Fans auf dem dritten Rang.
Und voriges Jahr? Ungarns Kati Wolf und Frankreichs Amaury Vassili sollten laut Fanvorhersage die Siegenden sein – und als Düsseldorfs ESC eben gerade Geschichte war, fanden sie sich, aufgeputscht durch die Fans, auf den Plätzen 22. bzw. 15 wieder. Aserbaidschan hingegen war den Fans ein mittleren Plätzchen wert.
Für mich das schlagendste Beispiel für die Lust am Untergang in Sachen Fanexpertenvoting ist übrigens das Jahr 2000. Zwei dänische mittelalte Säcke, gut gelaunt, nicht besonders ehrgeizig wirkend – kamen, sahen und siegten. In den Prognosen waren sie ins Mittelfeld gewertet worden.
Was das für Roman Lob heißt? Er wird prima abschneiden. Loreen wird sich noch wundern.









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.