Das Gespür der Fanclubs

20. April 2012

Aus verschiedenen Quellen kommen jetzt Einschätzungen des möglichen Ergebnisses von Baku: Freundeszirkel haben Spaß beim Gucken der Previews, auch eher private, eher nicht als Verein organisierte Runden tippen und nähern sich dem Verlauf des diesjährigen ESC an. Aber haben sie alle Recht? Die ESC-Fanclubs, organisiert unter dem Vierbuchstabenkürzel OGAE (“Organisation Générale des Amateurs de l’Eurovision”), taten und tun sich zusammen und wählen (Einen Überblick über die bisherigen Votings bietet z.B. die Seite esctoday.com).

Die ersten vier Clubs haben abgestimmt. Wir erfahren: Schweden liegt vorne, gefolgt von Island, Spanien, Zypern und Serbien. Roman Lob hat bislang keinen einzigen Punkt erhalten, lediglich beim französischen Flügel dieser OGAE hätte es fast wenigstens zu einem einzigen Zähler gereicht. Mit anderen Worten: Wie auch in vielen anderen Foren liegt Loreen beinah haushoch vorne.

Das ändert aber nichts an meiner zweifelnden Frage: Können diese mit Lust angestellten Prognosen Anspruch auf Realitätstauglichkeit haben? Ist es nicht vielmehr so, dass die meisten Fans, ehe sie ihre Wertungen abgeben, die Lieder schon dutzende Male gehört haben – womit sie sich von 98 Prozent aller Zuschauer am 26. Mai selbst unterscheiden. Die entscheiden nämlich aus dem Ärmel heraus, spontan und ohne fanwissenschaftlichen Hintergrund.

Insofern glaube ich: Schweden soll sich bloß nicht in vorauseilenden Siegestaumeleien ergehen. Die Dreikronenmenschen beim ESC neigen, meiner Erfahrung nach, stets vor dem Festival zu mehr oder minder krasser Selbstüberschätzung. Und wenn sie so heftig trommeln für ihren Act, färbt das auf die Fans über Schweden hinaus ab.

Ein Blick auf die OGAE-Resultate der vergangenen Jahre nämlich besagt – für das echte Ergebnis gar nichts. 2007 lag man richtig mit Marija Serifovic, aber gleich dahinter votete man für die Schweiz, die es nicht einmal ins Finale schaffte. Die Schar der gusseisernen ESC-Fans ließ sich von DJ Bobos Vorabprominenz blenden. 2008 müssen die Fans vom Ergebnis enttäuscht gewesen sein: Charlotte Perrelli, Mahnmal der Schönheitsindustrie, Exsiegerin von 1999, wurde als Siegerin geweissagt, landete aber im Finale sehr weit hinten, ja, in dieses kam sie sogar nur durch Juryentscheid hinein. 2009 war alles klar: Alexander Rybak war so eindeutig und alle überwältigend, dass keine Kaffeesatzleserei schief gehen konnte – aber auch im Jahr von Moskau hatten die Fan-Votings so ihre Irrtümer fabriziert. Schwedens Malena Ernman wurde als Dritte gesehen, tatsächlich belegte sie den 21. Rang.

Mit Dänemarks Chanée & N’evergreen lag der OGAE 2010 nicht so ganz falsch – man wertete sie vorab zwar als Siegende, gleichwohl wurden sie immerhin Vierte. Israel, getippt auf den zweiten Platz, belegte nur den 14. Rang, aber die Siegerin Lena fand sich beim Voting der Fans auf dem dritten Rang.

Und voriges Jahr? Ungarns Kati Wolf und Frankreichs Amaury Vassili sollten laut Fanvorhersage die Siegenden sein – und als Düsseldorfs ESC eben gerade Geschichte war, fanden sie sich, aufgeputscht durch die Fans, auf den Plätzen 22. bzw. 15 wieder. Aserbaidschan hingegen war den Fans ein mittleren Plätzchen wert.

Für mich das schlagendste Beispiel für die Lust am Untergang in Sachen Fanexpertenvoting ist übrigens das Jahr 2000. Zwei dänische mittelalte Säcke, gut gelaunt, nicht besonders ehrgeizig wirkend – kamen, sahen und siegten. In den Prognosen waren sie ins Mittelfeld gewertet worden.

Was das für Roman Lob heißt? Er wird prima abschneiden. Loreen wird sich noch wundern.

Auf nach Baku!

15. Mai 2011

Einiges vorweg: Die Show hatte extreme Klasse. Anke Engelke und ihre KollegInnen Judith Rakers und Stefan Raab haben prima moderiert. Das Eröffnungsintro hatte Format – inklusive aller Länderflaggen, die die Signaturen des Abends antizipierten. Jan Delay, sonst nicht mein Fall, ließ die Halle beben – großes Kino. In der Arena war eine Stimmung wie bei einem Pokalendspiel im Fußball, allerdings ohne aggressive Rivalitäten zwischen den Fangruppen. Die Effekte der Show waren nicht so übertrieben pyrotechnisch gehalten, wie man es hätte erwarten müssen.

Jetzt zur sportlichen Substanz: Ich habe mich übel geirrt. Das war zu erwarten, jedenfalls was meine eigenen Erwartungen anbetrifft. Gespielt wird eben auf’m Platz. Lena war toll, muss ich sagen. Ihr “Taken By A Stranger” verbreitete allerdings nicht diese gewisse Atmosphäre warmen Einverständnisses: Sie war mehr eine ”A Dark Lady” als eine “Lovely Lena”. Das war beeindruckend, reichte gleichwohl am Ende lediglich für einen zehnten Platz mit 107 Punkten.

Und Finnlands Oskar Paradise: Landete mit der Startnummer 1 irgendwo im Mittelfeld. Schade. Im ersten Semifinale war er noch Dritter geworden – er wird sich weiterentwickeln und muss nicht traurig sein.

Dass die Aserbaidschaner Ell / Nikki gewannen, the Beauty & the Beast, wobei offen blieb, wer welche Rolle übernimmt, da beide gleich lieb wirkten, kristallisierte sich im Laufe des Votums heraus: Das Rennen war aber so knapp, dass erst nach der 39. Wertung feststand, dass der nächste ESC, der 57., am Kaspischen Meer stattfinden wird.

Dass sie mit ihrer sphärischen Geschichte namens “Running Scared” siegen würden, lag wohl auf der Hand – sie waren ohnehin favorisiert. Doch die Sensation war Italien: Raphael Gualazzi kam mit seiner Jazzswingnummer “Madness Of Love” mit 189 Zählern auf den zweiten Rang – so gut war dieser ESC-Comebacker seit 1990, als Toto Cutugno siegte, nicht mehr. Eine echte Motivation, nicht schon wieder 14 Jahren verschmollt dieses Festival zu ignorieren. Hinter beiden Ländern schafften es Schweden, die Ukraine, Dänemark, Bosnien-Herzegowina, Griechenland (was für ein Graus!) und Irland (sympathisch, aber vor 21 Uhr überschätzt) auf die weiteren Ränge.

Leider jetzt zu den schmutzigen Nachrichten. Wie traurig, dass Nadine Beiler sich nach ihrer schönen, kraftvollen Performance nur im Mittelfeld einordnen konnte bzw. dort eingeordnet wurde. Und Anna Rossinelli leider Letzte wurde – sie wird sehr erschüttert sein. Doch gelungen war ihr Vortrag dennoch.

Also: Wir freuen uns für die Sieger, die erst seit 2008 in der ESC-Community sind und immer viel Geld in das Projekt ESC-Sieg gesteckt haben. Immer in den Top 10 – und beim vierten Anlauf, wiederum mit Hilfe eines skandinavischen Trios, gewannen. Das Komponisten-Texter-Trio hatte im vergangenen Jahr auch schon Safura unter die Arme gegriffen – mit Ell / Nikki hatten sie kongeniale Interpreten.

Ende Mai 2012 in Baku. Ich bin gespannt. Und von unserem Freund Tex Rubinowitz möchten wir dann erfahren, wie der Sieg in Aserbaidschan verarbeitet wurde – er weilte nämlich während dieser Tage dort selbst. Im Hot Spot des Eurovision Song Contest.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

14. Mai 2011

Okay, ich fand Paradise Oskar schon vor Wochen gut, als in den Wetten noch niemand auch nur eine Öre auf ihn setzte. Habe ich ihn mir nur schön gehört inzwischen? So wie Albanien, das ich nun im Finale irgendwie vermisse, wie auch die anderen 17 der auf der Strecke Gebliebenen. Aber jetzt zu den Tatsachen.

Paradise Oskar auf der ESC-Bühne in Düsseldorf. Foto: eurovision.tv/Pieter Van den Berghe (EBU)

Ginge es nur nach mir persönlich, was Gott sei Dank nie und nimmer der Fall ist, würde ich mir wünschen: Österreich gewinnt vor Aserbaidschan, Island, Deutschland, Finnland und der Schweiz. Dahinter komplettieren Bosnien-Herzegowina, Dänemark, die Ukraine (auch hübsch gehört, ich gebe es zu) und Italien die Top 10.

Das wäre ein Resultat, das moderne Popeinflüsse hinreichend zur Geltung brächte – und zugleich, mit Nadine Beiler als Siegerin, die gute alte Powerballade mit Whitney-Houston-Touch wieder ins Licht rückte. Ja, das wäre es. Aber so wird es nicht kommen.

Als Favorit auf den letzten Platz gilt mir im Übrigen Russland, um mal etwas ziemlich Bizarres zu tippen. Da sieben Finalisten Länder sind, die einst zur Sowjetunion gehörten, ist das ganz unwahrscheinlich – aber freuen würde mich das doch. So ein wirr gefönter Rotzkopf ohne künstlerische Aura, det jeht ja jar nich’!

Nimmt man aber die Balance aus Nachbarschaften, Ost-West-Aspekten und anderen Verschwörungstheorien zur Grundlage, würde ich sagen: Die Ungarin könnte die Horrorüberraschungssiegerin der Nacht werden, vor Österreich, Slowenien, Serbien und dem Mann aus Sarajewo. Das wäre ein habsburgisches Traumergebnis, mit dem alle Wiener Bezirke gut leben könnten.

Das wird aber leider auch nicht wahr.

Mein Tipp, wie das 43-ländrige Europa abstimmen wird: Bosnien! Dann kommen Irland, Finnland und Aserbaidschan, dahinter Moldau, Russland, Schweden und Deutschland. Im Mittelfeld tummeln sich weiter: die Ukraine, Estland, Österreich, Griechenland.

Die letzten drei? Litauen, Italien und Slowenien!

P.S. Frankreich, UK und Rumänien regen mich weder auf noch törnen sie mich an. Ich möchte mir kein Urteil erlauben. Wienerisch formuliert: nett mol ignorier’n. Das Gleiche gilt für Spanien und Georgien.

Ein schüchternes Lob

13. Mai 2011

Man soll den Samstag nicht vor dem Sonntag preisen, aber ich sage jetzt schon mal, nach zwei Halbfinals und vor dem bevorstehenden Finale, so als auffrischende Worte, ehe sich alles in den Debatten um Zahlen und Platzierungen verliert: Meine Angst, mein Land – erstmals seit 1983 wieder Ausrichter des ESC – könnte hernach als fremdschämverdächtig und doof und überperfekt und monsterkalt erinnert werden, ist verflogen.

Das hat, meinetwegen, auch mit dem vielkritisierten Stefan Raab als Moderator zu tun – er spricht ein angemessenes, irgendwie auch liebevolles Englisch. Und Judith Rakers hat ohnehin dieses matt-funkelnde Charisma einer Grace Kelly.

Die ESC-Moderatoren. Foto: Rolf Klatt/NDR

Es muss sie nicht beleidigen, wenn ich finde, dass Anke Engelke die Herzen der Fans und Journalisten erobert hat. Sie hat einfach diese robuste Schönheit einer Person, deren Zauber nicht zerbröselt, wenn sie plötzlich einen Topf Kartoffeln schälen muss. Nur meckern könnte man, dass sie auf der Bühne, wenn wirklich Millionen und nicht allein Journalisten und Fans zuschauen, nicht ihre krasse schwarze Hornbrille trägt. Nein, Engelke hat Witz und Esprit – sie liebt diese Veranstaltung wahrhaftig, sie ist verrückt, sie hat die Albernheit von echten Damen.

Daran sollte man sich erinnern, da wir doch zuletzt die tapfere Marlène Charell als Moderatorin aufgeboten hatten – eine gestandene, weltläufige Frau aus Winsen an der Luhe bei Hamburg, die 1983 den Münchner Contest nach Nicole durch permanente Dreisprachigkeit fast in Grund und Boden moderierte. Nein, eine Körperingenieurin, eine Leistungsfremdsprachlerin muss man nicht mehr wählen, um sich Europa moderativ als angenehm und ironiefähig zu empfehlen. Engelke, geboren in der Gegend, in der auch Céline Dion zur Welt kam, spricht das kanadischste Französisch aller ESC-Zeiten.

Ein Kompliment ihnen allen drei – auch wenn sie sich manchmal verhaspelten. Für die Version von “Ein bisschen Frieden” von Engelke und Raab haben sie den nächsten “Echo” verdient: Sie singen es unpluggiger, besser und authentischer als es Nicole machte – und Inga & Wolf es vermocht hätten.

Kurzum: Die Rakers war die elegante Dame, Raab eben Raab – und Engelke die, nun ja, lieblichste Einpeitscherin der Düsseldorfer Arena. Und das mit Anmut. Man mag mir diesen Kalauer durchgehen lassen: Danke, Anke – und Judith wie auch Herrn Raab!

Gewinnen? Nur Ungern!

26. April 2011

Die ersten Delegationen packen bereits ihre Koffer. Polen, Norwegen, Albanien und die Türkei: Sie fahren bald zur ersten Probe in die Düsseldorf Arena. Sie oder die anderen 39 Länder werden unterschiedlich realistisch über ihre jeweiligen Gewinnchancen sprechen – je nach Grad des Vertrauens. Würde ein Reporter zu ihnen sagen: “Ich zitiere Sie auch nicht!”, bekäme er vermutlich drastische Wahrheiten zu hören. Die wichtigste wäre: Nein, gewinnen wollen wir nicht. Das ist zwar gegen die Spielregeln, denn einen Wettkampf beginnt man nicht, weil man unter ferner sangen abschneiden möchte.

Homens da Luta vertreten Portugal beim ESC 2011 (Foto: RTP)

Aber auch der ein oder andere TV-Hierarch würde sicher sagen: Nein, das schaffen wir nicht, das liegt nicht in unseren Möglichkeiten; zumal mit Blick auf die imponierende ESC-Stadt Düsseldorf, auf die Arena und die offenkundig jetzt schon perfekte Organisation.

Voriges Jahr in Norwegen, beim vipsten Empfang aller V.I.P.-Empfänge, konnte man eine solche Umfrage machen – und eben dieses Resultat erzielen, das allerdings nicht persönlich zitierfähig sein soll: Wir haben nicht das Geld, um einen ESC auszurichten, wir haben nicht die entsprechende Halle, wir haben nicht das Publikum, das uns binnen Stunden alle Tickets abkauft.

Das ist, so gesehen, die kleine Flunkerei, die auch diesem ESC inne wohnt: Zwar verpflichten sich mit der Teilnahme alle Länder, im Falle des Sieges im Folgejahr das Finale auszurichten. Das war schon immer so, außer 1957, als Frankfurt am Main gastgebende Stadt war, weil sich damals noch die beteiligten Sender melden konnten – und der Hessische Rundfunk sich so freundlich zeigte. Aber organisatorische wie finanzielle Erschöpftheit gab es zuletzt vor sehr vielen Jahren: nach dem Sieg von Séverine in Dublin 1971 sah sich Monaco nicht in der Lage, den Grand Prix im Folgejahr auszurichten (die BBC sprang ein und Edinburgh wurde der Austragungsort); 1980 verzichtete Israel auf die Gastgeberrolle – aber seither läuft alles nach Plan.

Dass die Ukraine Gastgeber sein konnte, dass Russland dies ebenfalls tat, lag am jeweiligen Prestige, welches diese Länder dem Event beimaßen und entsprechende Subventionsbeträge einfließen ließen. Estland und Lettland waren sich, zumal im damals noch kleineren Maßstab, sicher, die Chose wuppen zu können. Aber Moldau? Oder San Marino, Mazedonien (FYR), Litauen, Portugal, Island - das sind doch höchst klamme Länder, obendrein in Zeiten der Finanzkrise.

Ich bin gespannt, ob es zu diesem Punkt in der European Broadcasting Union (EBU) ein Treffen gibt mit der Frage: Soll die EBU stärker in die ökonomische Verantwortung genommen werden, wenn kleine oder finanziell schwache Länder gewinnen? Oder sollte man den Modus ändern? Veranstalter müssen sich bewerben – Länder als Veranstaltende sind nicht mehr automatisch in der Pflicht? Ich plädiere für Letzteres. Das wäre wie beim Fußball: Nicht ein Titelverteidiger muss die nächste Endrunde austragen, sondern ein Land, das sich bewirbt. So wie Düsseldorf in der deutschlandinternen Konkurrenz um die Herbergsstadt des ESC. Würde das vielen Ländern nicht viel Druck nehmen?

“The conductor, le chef d’orchestre, es dirigiert …”

28. März 2011

Das war die Zauberformel der Marlene Charell 1983 in München, als sie, die Pariser Revuetänzerin mit den Wurzeln im schönen Winsen an der Luhe bei Hamburg, den ESC moderierte – und dem Abend durch durchgängige Dreisprachigkeit eine gewisse längliche Note gab. Waren das noch Zeiten, als jedes Land einen eigenen Dirigenten hatte. Dirigentinnen, nebenbei, gab es nur wenige, erstmals 1973, als Monica Dominique für Schweden und Nurit Hirsh für Israel das Orchester koordinierten. Jedenfalls: die Dirigenten. Sie gehörten so zum Grand Prix Eurovision wie alles. Bekannteste Namen waren darunter Robert Stolz, auch Waldo de los Rios, Horst Jankowski, Franck Pourcel oder, 1985, Anita Kerr (für die Schweiz). Dirigenten waren die Meister der Aufführung, an ihnen hing es, ob ein Act gelingt oder nicht. Sie hatten ein Orchester auf Takt und Ton zu bringen – und sie konnten scheitern, wie 1984, als Mary Roos vom Orchester am Anfang des Liedes durch verpatzte Orchestereinsätze zersägt wurde, so schien es mir jedenfalls.

Mary Roos beim 1984 Grand-Prix-Finale in Luxemburg (Foto: Picture Alliance/Istvan Bajzat)

1998 war das letzte Jahr der Dirigate. In Birmingham gab es letztmals ein Orchester, das der BBC. Stefan Raab wollte partout einmal als Orchesterleiter ins Bild – und er tat das, obwohl Guildo Horns “Guildo hat euch lieb” komplett, ohne einen Ton der Musikerformation im Orchestergraben, vom Band kam. Es war unvermeidlich, das belehrt der Blick auf die Kosten, die die veranstaltenden Sender hatten, dass das Orchester eingespart werden musste. Außerdem: Die meisten der modernen Produzenten des Pops arbeiteten so filigran mit Tönen und Tonspuren, dass sie sich durch kein Orchester gut reproduziert fühlten.

Ach, aber schön war es doch. Ossi Runne, Noel Kelehan, Ronnie Hazlehurst, Dolf van der Linden … unvergessliche Namen in der Hall of Fame des ESC.
Schön aber ist, dass die website andtheconductoris.eu all diesen Männern und Frauen ein lexikalisch angeordnetes Erbe setzt. Allen 346 Dirigenten und Dirigentinnen ist hier ein Eintrag gewidmet – man erfährt viel bis alles über deren Karrieren, Höhepunkte und was aus ihnen bis heute geworden ist.

Ich finde, das ist eine Historisierung, die über allem Aktuellen nicht verloren gehen darf. Ein Aspekt des Märchens namens ESC, das ungefähr so beginnen könnte: “Es war einmal ein Festival, das nur Menschen mit gewisser Magie zu gewinnen vermochten. Manchmal wurden sie durch Juries zu höheren, ja, bis in höchste Ränge geschummelt – und es waren stets, bis 1998, Dirigenten dabei. Sie waren die Ruhepole meist, gelegentlich Aufpeitscher. Sie sind nicht mehr dabei, wir gedenken ihrer würdig.”

Aserbaidschanische Indizien

25. März 2011

Die Prognosen in den britischen Wettbüros sind – was die Erfolgsaussichten der ESC-Teilnehmer in Düsseldorf betrifft – das Eine. Da geht es um die wahrsten Werte unter den Werten, nämlich um Geld. Ein Anderes sind die Hinweise, die uns die Klickzahlen der ESC-Videos geben. Für Menschen, die nicht dauernd im Netz das Immergleiche hören wollen: Auf den Seiten von eurovision.de findet man alle Videos des Jahrgangs. Man kann sich die Acts natürlich auch via YouTube oder anderer Clipanbieter ansehen – dann muss man manchmal nur ein wenig suchen. Generell gilt: Mit Ton und im Bild, so sind die modernen Zeiten, kann man sich am besten einen Eindruck verschaffen.

Wir haben uns umgehört, international. Über YouTube, über Google, über diverse nationale Plattformen – und ultrapräzise Zahlen können wir hier keine bieten. Nur dies: Auf nationalen Plattformen genießen durch die Bank weg die einheimischen ESC-Acts die höchsten Zusprüche, was die Klicks anbetrifft. Sortiert man diese Sympathiewerte einmal zur Seite – zumal man ja für den Beitrag des eigenen Landes sowieso nicht anrufen darf -, ergibt sich eine andere Perspektive.

Und so kommen wir zu den Charts: Aserbaidschan liegt bei den Clips haushoch vorne. Frankreich liegt auf Platz zwei, aber schon deutlich dahinter. Ungarn – seit Neuestem auf dem ersten Rang der Wetten, bei denen es um Geld geht – liegt, unserer groben Übersicht zufolge, auf dem dritten Rang. Dahinter rangieren Estland, Weißrussland, die Türkei, die Niederlande und auf dem achten Platz Lena. Schweden und Israel lassen sich knapp hinter diesen eingruppieren.

Ell/Nikki aus Aserbaidschan. Foto: eurovision.tv

Wie gesagt: Das sind Momentaufnahmen, das sind quasi Blitzlichter eines Bildes, dessen Konturen noch nicht hinreichend klar sind. Aber die Clips und ihre Sympathisanten sind ernstzunehmen.

Man muss dazu wissen, dass diese Klickzustimmungen – oder Nichtzustimmungen – in den vergangenen Jahren einen gewissen Aufschluss über das zu erwartende Resultat gaben. Alexander Rybak und Lena waren klicktechnisch gesprochen die stärksten Hingucker in ihren Jahrgängen – und Lena sogar lange, ehe sie auch in den Wetten vorne lag.

Aber muss das dieses Jahr auch stimmen? Könnten Aserbaidschan (und Weißrussland, dieses gruselige Ding) nicht das Internet durch Tricks überlistet haben – etwa mit ölgesättigten oder überhaupt mafiotisch grundierten Geldern? Verschwörungstheorien, ich weiß. Wahr ist für mich aktuell, dass der Act aus Baku so sehr nichtaserbaidschanisch klingt – was die übliche Landesfolklore betrifft -, dass man davon ausgehen kann: Hier will ein Land unbedingt gewinnen. So wie Russland es wollte, ehe es dies mit Dima Bilan schaffte.

Das Internet ist ernst zu nehmen, würde ich also meinen – und Aserbaidschan hochgarantiert erst recht. Dass unsere Kandidatin nicht in Pole Position hockt, ist, alles in allem, gut: So wird man in der Konzentration auf das Wesentliche nicht nachlässig. Das Wesentliche? Na, ist doch klar: Das ist das Finale und der dortige Liveauftritt. Der Erwartungsdruck ist bis dahin nicht allzu gewaltig.

P.S.: Nun hat sie gestern in Berlin zwei “Echo”-Trophäen eingesammelt, “lovely Lena”. Sie sagte, wie sie die Dinge immer sagt, irgendwie spontan und leicht ungelenk: “Ich hab’ so Herzklopfen und meine Hände zittern.” Dieser Preis sei “so was tierisch Großes”, fand sie. Eine Auszeichnung als Nachwuchskünstlerin, die andere als beste nationale Chanteuse. Um mal die Latte leicht hochzulegen: Jetzt kann sie den “Grammy” ins Auge nehmen, die US-amerikanische Variante des “Echo”. “Taken By A Stranger” ist kein schlechtes Bewerbungslied.

Hat Lena echte Chancen?

28. Mai 2010

Die Frage, die alle Norweger ernsthaft beschäftigt: Hat “Satellite” im Konzert kaukasischen und postsowjetischen Leistungssingens eine Chance? Die Klatschblätter sind prall gefüllt mit Geschichten über Didrik Solli-Tangen, Alexander Rybak - und Lena. In “Se og hör” stand doch zum Beispiel zu lesen, dass der norwegische ESC-Aspirant mit seiner voluminösen Musicalstimme für Lena sogar Kuchen gebacken hat. Die Worte waren mit Bildern illustriert, auf denen Lenas Ausflug in das Daily-Soap-Gewerbe zu sehen ist, entblößt natürlich, und auch Schnappschüsse aus den Tagen in Oslo.

Auf einem Bild sieht man die Deutsche mit Norwegerpulli und Mütze – und sie sieht der sehr jungen Wencke Myhre, möchte ich anfügen, sehr ähnlich. Aber: Alexander Rybak, auch dies lesen wir mit Erstaunen, mochte die Kuchenofferte des Solli-Tangen nicht auf sich beruhen lassen und beteuerte: Ich werde ihr dann sogar mit einer Kuh kommen! Ja, liebes Publikum, so ist Norwegen – ein Land, in dem das Konditorische nur noch vom Agrarischen getoppt wird

 

Diese Schnurre ließe sich auch anders erzählen: Norwegen hat Lena Meyer-Landrut zur Kenntnis genommen, und das ist auch angemessen, denn sie wird ja ernsthaft als Favoritin gehandelt. Und dies immer noch von britischen Wettbüros, diese haben sie nach wie vor auf der Rechnung wie auch Aserbaidschan. Unverständlicherweise, möchte ich anfügen

Am Tag vor dem Finale jedenfalls hat Lena zwei Generalproben hinter sich zu bringen, sie wird vor Portugal und nach Eva Rivas Ode auf Aprikosensteine performen. Auf Youtube, diesen Tipp habe ich von meinem Mail-Freund Maximilian Dietz, wird gar diskutiert. Man finde zwar ihr Lied toll und sie selbst natürlich auch – aber man dürfe doch die Big Four, die Großmächte des ESC, schon aus Gründen der Gerechtigkeit nicht wählen. Ein anderer fügte an, dass man als Israeli schon deshalb nicht für Deutschland anrufen dürfe, weil das zentrale Land Mitteleuropas doch eine untilgbare Nazi-Vergangenheit habe.

Ja, so wird international diskutiert – und das ist auch gut für Lena Meyer-Landrut, denn jener, über den gesprochen wird, der hat Aufmerksamkeit – und das ist ein kostbares Gut beim Finale in Oslo. Ein Lied, das überhört wird, kann nicht mit Anrufen zugeknallt werden

In etlichen Interviews wurde ich gefragt, welchen Platz Lena denn belegen werde? Ich denke, dass sie Neunte wird. Das ist ein würdiger Platz, das ist ein Platz in den Top 10, in die auch Stefan Raab möchte – und ein neunter Platz ist besser als alles, was von deutscher Seite seit Max Mutzke erreicht wurde. Der neunte Rang bewahrt mich außerdem selbst vor Enttäuschung. Würde sie Siebte, tät’ ich mich freuen. 

Lena ist, man lese es in ihren letzten Interviews nach, gut drauf. Sie schläft tief und fest. Sie genießt sich und ihre Zeit nach der Schule, die ja eben erst angebrochen ist. Siegte sie, was leider alle deutsche Welt von ihr erwartet, hätte sie eventuell schon den Zenit ihres Lebens hinter sich. Das wäre schade, ja wirklich.

Gigantomanie in Oslo

7. Juli 2009

Eine wirklich gute Nachricht ist, dass nächstes Jahr der ESC am Rand des ehemaligen Hauptstadtflughafens in Oslo stattfindet. Bis zur Mitte der Neunzigerjahre wurden über dieses Gelände alle Flüge aus der norwegischen Kapitale abgewickelt – seither findet der Flugverkehr überwiegend von einem Areal aus statt, das fast bei Lillehammer liegt.

Die Arena ist für eine Fernsehproduktion perfekt geeignet – und bietet viel mehr Publikum Platz als das Spektrum in der Osloer Innenstadt. Die Arena bietet Fußballfans die wichtige Kuscheligkeit und Popkonzerten die nötige Innengigantomanie – wie neulich beim Farewell-Konzert von Tina Turner oder dem Europa-Tourstart von AC/DC. Drei Mal 23.000 Menschen finden bei den zwei Halbfinals und dem großen Finale Platz. Das werden mehr Männer und Frauen und Fans sein als im Mai in Moskau. Man darf sich darauf verlassen, dass die gesamte Location eine Art High-Tech-Woodstock des ESC wird.

Dass man von den Hotels in innerstädtischer Lage eine knappe halbe Stunde zur Halle braucht, kann verknust werden. Zur Athener Olympiahalle brauchte es schließlich fast eine Viertelstunde mehr.

Ich finde, das ist eine gute Wahl, eine mit vernünftigen Refinanzierungsmöglichkeiten. Oslo wird sich 2010 wie eine hochtechnisierte Location anfühlen. Es ist – alles in allem – absolut ESC-gemäß. Zeit, die nötigen Flüge zu buchen!

Jury und Publikum stimmten ähnlich ab

25. Juni 2009

Endlich hat man mal aus deutscher Sicht eine klare Ansage: Nach den allermeisten ESC-Ländern hat nun auch die ARD bekannt gebeben, wie deutsche Jury beim Finale am 16. Mai abgestimmt hat. Und, welche Überraschung, die Türkei erhielt nur einen Punkt, Island derer zwölf und Portugal gleich zwei.

Das ist nur mager different zum deutschen Puntkeergebnis überhaupt: Davon abgesehen, dass das Televoting Alexander Rybak doch auf Platz eins setzte, also Thomas Anders für den Norweger zwölf Punkte nach Moskau schicken konnte. Die Isländerin hingegen muss beim Publikum eher überhört worden sein, sonst wäre sie wenigstens mit zehn Punkten bedacht worden. Dass Malta gleich zehn Zähler aus der Jury erhielt, muss mit Guildo Horns Verführungskünsten zu tun haben: Ich erinnere mich noch gut, dass er Chiara, als er selbst in Birmingham auf die Bühne ging, schon damals toll fand. Alte Kumpelinnen vergisst man offenbar nicht! Schön, dass Israel der Jury drei Punkte wert war.

Ingesamt muss man aber sagen, dass die ExpertInnen kaum spektakulär unterschiedliche Wahrnehmungen hatten. Mit zwei Ausnahmen: Griechenland, von der Jury krass ignoriert, erntete beim Televoting viel Zuspruch, die Türkei schaffte es sogar auf die zweithöchste Punktezahl. Und das ist ein Zeichen, dass die ARD während des ESC bei unseren migrantische BürgerInnen der liebste Sender war. Ist das nicht auch ein Integrationszeichen, ein sehr schönes?