Ist der ESC cool geworden?
31. Mai 2011Vor zwei Wochen standen wir noch unter dem Einfluss der eben entschiedenen Ereignisse: Aserbaidschan, Lena, Österreich und die Schweiz, später die Differenzen zwischen Jurys und Televoting. Jedenfalls: Der Sommer wird keine Pause sein, das wissen wir, denn zwischen den Spielzeiten gibt es einander immer was zu erzählen.

Was mir nun durch den Kopf geht, ist jene Frage, die mir in Düsseldorf ziemlich oft gestellt wurde: Ist der ESC nicht viel moderner geworden? Ist der Grand Prix Eurovision tot – wohingegen der Eurovision Song Contest lebt?
Meist antwortete ich so: Nein, der ESC ist eine Chiffre für das, was der Grand Prix war. Aber er hat sich nicht wirklich geändert. Wie früher, zu allen Zeiten seit 1956, ist er eine Show, die alle Generationen einen muss, um nicht Underground zu sein, er muss unsere Omas und Opas ebenso interessieren wie unsere Geschwister, die womöglich diese Musik, die es beim ESC gibt, nicht so mögen. Der Grand Prix Eurovision – und darin ähnelte er den ESCs von heute stark – musste so tun, als ginge er alle an, obwohl doch alle ihre teils krass divergierenden Geschmäcker pflegten.
Kurzum: Der Grand Prix Eurovision war immer ein Projekt, das starkes Enttäuschungspotential in sich trug. Sagt heute einer: Mir gefiel aber damals immer nur ein Lied, dann wäre darauf zu antworten: Immerhin! Denn eines reichte ja. Objektiven Geschmack gibt es nicht, und wer ihn zu haben glaubt, sollte lieber Stilpolizist werden – aber dann wäre er ein Mensch, mit dem man nur ungern das Spiel namens ESC gemeinsam genießen möchte.
Aber der ESC litt, als er noch Grand Prix hieß, schwer unter Horden von Geschmackswächtern. Das hat zu dem Glauben geführt, der Grand Prix sei mal ziemlich uncool gewesen. Manche sprechen von den schwarzen Jahren der Achtziger und frühen Neunziger. Ich halte das für Quatsch: Für die meisten skandinavischen Länder waren das gute Jahre – nicht jedoch für Griechenland, die Türkei und Deutschland, Länder, die heutzutage okay bis exzellent abschneiden, aber einst missachtet wurden.
Was sich zu früher verändert hat, ist der erfolgreiche Relaunch der Marke ESC selbst. Die Musik sei, so hörte man im Düsseldorfer Publikum, hörbarer geworden. Das heißt, partyfähiger, weniger exotisch oder schlageresk. Ich würde meinen, sie war auch früher schon hörbar, aber es kommt auf den Ruf an, auf das Image – nicht auf
das, was wirklich Sache ist.
Meine 13-jährige Nichte, Gymnasiastin, erzählte mir am Wochenende, den ESC gucke man – die einen mit mehr, die anderen mit weniger starkem Interesse. Man kann sagen: Hey, heute guck’ ich das – und keiner rümpft sehr die Nase. Manche schon, gleichwohl nicht mehr die Mehrheit.
Meine Theorie ist, dass diese zarte, jetzt wirkmächtige Änderung im Imagewechsel mit Guildo Horn begonnen hat. Mit einer offensichtlich mitreißenden Performance, die sich popästhetisch zeitgenössisch zeigte, nicht verkrampft-doof und schlicht. Allerdings ist der Meister aus Trier auch schon 13 Jahre her – wer jetzt in der ESC-Community den Ton führt, ist jünger. Für jene sind Figuren wie Lenny Kuhr, Mary Roos oder David Alexandre Winter direkt im Antiken verankert. Alles gestrig. Die meisten der ESC-affinen Volunteers in Düsseldorf waren noch nicht geboren, als Abba in Brighton gewann. Abba – das ist für sie eventuell eine Gottheit, aber nichts selbst Erlebtes.
Insofern verdankt der ESC seine neu gefundene Modernität all den Raabs und Horns der jüngsten Geschichte: Der Nachwuchs des ESC im Fan- und Volunteerbereich ist frei von Klischees über Schlager und Chansons, sie genießen das Event und die europäisierende Komponente des Ganzen. Insofern muss ich auf entsprechende Frage, ob sich viel geändert habe, doch noch sagen: Es hat einen Generationswechsel gegeben. Den Grand Prix hatten einst schlagerselige Lifestyleverlierer fest im Griff – heute ist der ESC iTunes-fähig und insofern sehr cool.
Der Grand Prix starb einen sanften Tod – lang lebe der ESC!












Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.