“Kämpft, Kameraden!” – Wie bitte?

3. Mai 2011

Ja, das war mal ein Ereignis bei den Pressekonferenzen: Erzählten bis dahin andere Sänger und Sängerinnen, wie sehr sie sich freuen, beim Eurovision Song Contest dabei zu sein und wie toll es sei, das eigene Land zu repräsentieren, wurde die Equipe aus Portugal politisch. Zumindest irgendwie. Fünf Menschen standen vor den Medienmenschen und jede Antwort, die der Kopf von Homens da Luta (“Menschen des Kampfes”), “Jel” Duarte, gab, wurde von seinen vier Mitkombattanten mit leichtem Gesang und den Worten “Kämpft, Genossen” begleitet. Im Laufe der Pressekonferenz erfuhren wir außerdem, dass diese Comediantruppe sich auf das Erbe der portugiesischen Revolution von 1974 beziehe, der Nelkenrevolution, mit der die Rechtsdiktatur gestürzt werden konnte. Dennoch war nicht auf Anhieb erkennbar, dass diese “Menschen des Kampfes” (so der Bandname übersetzt), die von Portugals ESC-Publikum gewählt wurde, aber nicht von den Juroren, es ernst meint – politisch, musikalisch oder wie auch immer.

Irgendwie, so lässt sich sagen, klingt deren Lied wie alle portugiesischen Lieder der vergangenen Jahrzehnte. Melancholisch, aber heiter abgerundet: Würde dieses Quintett als lusitanische Variante Guildo Horns oder Alf Poiers verkauft werden – man glaubte es auch. Womöglich muss diese Zwiespältigkeit bewahrt werden, denn Politisches direkt zu entertainen ist ja beim ESC verboten – aber subtil war Politisches immer im Spiel, von deutscher Seite am krassesten bei Katja Ebstein 1971 mit “Diese Welt”.

Nun ja, die Portugiesen erhielten denn auch Applaus - wobei aus meinem Blickwinkel offen blieb, ob für den Mut zur historischen Kostümparty, die sie zu sozialistisch anmutenden Village People machen, oder für den politischen Gehalt. Nötig hat das Land Protest ja: Wirtschaftskrise noch und noch, verarmende Menschen, unsichere Perspektiven. “Homens de Luta”, wie nobel, führten als Komödiantentruppe einige Demonstrationen gegen die Wirtschaftskrise an. Toll, meinetwegen. Aber erschließt sich dieser innerportugiesische Kontext auch Europa? Ist es zieldienlich – “Kämpft, Genossen!” hieß es ja wohl nicht zufällig auf der Pressekonferenz -, in einem Sound zu performen, der auf Anhieb als portugiesisch, also viel zu exotisch hörbar ist?

Ich bin unsicher. Weltverbesserungs- und Protestlieder hat es ja beim ESC immer gegeben. Aber stets, wenn sie explizit wurden, wirkten sie verstörend – etwa 1982 beim Song “Nuku pommiin” (übersetzt: “Atombombe”) des Finnen Kojo oder bei der österreichischen Gruppe Schmetterlinge 1977, deren eigentlich mitreißender Song sich viel zu oberflächlich mit der Kommerzialität von Musik auseinandersetzte: Wir als Hörende und Sehende wollen doch nicht beschlaumeiert und beklugscheißert werden.

Besser macht es dieses Jahr der zart aussehende, vermutlich mit eisernem Kampfeswillen ausgerüstete Finne Paradise Oskar: Er will, dass die Erde grüner wird, die Menschen sich verstehen, dass keine Kriege geführt werden und überhaupt alles ins Lot kommt. Das tut er, damit die Botschaft persönlich unterstrichen wird, mit dem unschuldigsten Augenaufschlag, den man sich nur denken kann. Ein blonder Verführer für eine gute Welt. Na, das loben wir doch bitte, oder?

Die Portugiesen werden aller Wahrscheinlichkeit nach, darauf lässt die muntere Pressekonferenz schließen, wieder mit dem Gefühl nach Hause fahren, von Europa nicht verstanden worden zu sein. “Homens da Luta” und “Luta È Alegria” – zu deutsch: “Kampf ist Freude” – gefallen mir sehr. Und zwar weil es so schön portugiesisch klingt. Das allerdings könnte ihnen zum Verhängnis werden. Eine schöne Pressekonferenz war es dennoch!

Wielcome … Düsseldorf ist großartig!

28. April 2011

Häme und republikweite Lacher hat diese Meldung produziert: Dass in dem Stadtführer zum ESC ein “Aktionstag der Schwulen” annonciert wurde – aber doch ein “Aktionstag der Schulen” gemeint war. Man möchte, ginge das, Düsseldorf und seine Marketingleute ganz lieb in den Arm nehmen für diesen freudschen Verschreiber. Da rackern die sich monatelang ab – um dann über Boulevardzeitungen und Nachrichtenagenturen vorgeführt zu werden. In Wahrheit war es doch vermutlich so: Das ganze Marketing war und ist darauf ausgerichtet, dass im Mai 2011 Tausende von schwulen Männern aus allen möglichen europäischen Ländern an den Düsseldorfer Rhein gepilgert kommen wegen eines Popfestivals – und dass man diese Kundengruppe herzlich willkommen heißen möchte.

Britische Fans beim OGAE-Treffen in München (Foto: Patricia Batlle/NDR)

Obendrein gab es in der englischen Übersetzung der Broschüre auch noch das Wörtchen “Wielcome” statt “Welcome”. Mit schwarzem Filzschreiber müssen jetzt alle überflüssigen “i” in mühe- aber wahrscheinlich nicht weniger liebevollen Handarbeit übermalt werden.
Schwul und Schule – man möchte kreischen: So unterschiedlich sind doch beide Vokabeln nicht. Das eine ist ein Zustand der sexuellen Selbstbestimmung, das andere im besten Fall eine Anstalt, in der diese gelehrt wird. Brücken der Verständigung zwischen missverständlichen Worten, zumal falsch getippten, gibt es doch immer. Warum also diese Auslacher? Weil man sich immer ausschüttet, wenn Perfektionisten bei Pannen erwischt werden. Und das darf man schon noch sagen: Düsseldorf und seine Vermarkter haben bislang einen verdammt perfekten Job gemacht!

Jedenfalls: Tippfehler gehören zum Leben wie das Versprechen und Verschreiben selbst. Nur weil der Verlobungsfinger der linken Hand versehentlich auf der oberen Reihe der Tastatur zwischen “sch” und “ul” noch ein “w” berührte. Habt Erbarmen, habt Sonne im Herzen!

Der Druckfehler ist inzwischen wohl behoben – die fragliche Passage in dem Heftchen ist berichtigt.

P.S.: Wer noch ein Originalheft inklusive Tippfehler hat und es nicht braucht: Ich nähme es gern. Wenn Düsseldorf sich weiter derart bewirbt, hat es Köln als Homometropole des Rheinlands bald locker den Rang abgelaufen.

P.P.S.: Über diese Panne ist es nun doch Thema: Der ESC ist, was die Fanbase betrifft, ein schwules Ereignis. Wer das leugnet, war noch nie dabei.

Gewinnen? Nur Ungern!

26. April 2011

Die ersten Delegationen packen bereits ihre Koffer. Polen, Norwegen, Albanien und die Türkei: Sie fahren bald zur ersten Probe in die Düsseldorf Arena. Sie oder die anderen 39 Länder werden unterschiedlich realistisch über ihre jeweiligen Gewinnchancen sprechen – je nach Grad des Vertrauens. Würde ein Reporter zu ihnen sagen: “Ich zitiere Sie auch nicht!”, bekäme er vermutlich drastische Wahrheiten zu hören. Die wichtigste wäre: Nein, gewinnen wollen wir nicht. Das ist zwar gegen die Spielregeln, denn einen Wettkampf beginnt man nicht, weil man unter ferner sangen abschneiden möchte.

Homens da Luta vertreten Portugal beim ESC 2011 (Foto: RTP)

Aber auch der ein oder andere TV-Hierarch würde sicher sagen: Nein, das schaffen wir nicht, das liegt nicht in unseren Möglichkeiten; zumal mit Blick auf die imponierende ESC-Stadt Düsseldorf, auf die Arena und die offenkundig jetzt schon perfekte Organisation.

Voriges Jahr in Norwegen, beim vipsten Empfang aller V.I.P.-Empfänge, konnte man eine solche Umfrage machen – und eben dieses Resultat erzielen, das allerdings nicht persönlich zitierfähig sein soll: Wir haben nicht das Geld, um einen ESC auszurichten, wir haben nicht die entsprechende Halle, wir haben nicht das Publikum, das uns binnen Stunden alle Tickets abkauft.

Das ist, so gesehen, die kleine Flunkerei, die auch diesem ESC inne wohnt: Zwar verpflichten sich mit der Teilnahme alle Länder, im Falle des Sieges im Folgejahr das Finale auszurichten. Das war schon immer so, außer 1957, als Frankfurt am Main gastgebende Stadt war, weil sich damals noch die beteiligten Sender melden konnten – und der Hessische Rundfunk sich so freundlich zeigte. Aber organisatorische wie finanzielle Erschöpftheit gab es zuletzt vor sehr vielen Jahren: nach dem Sieg von Séverine in Dublin 1971 sah sich Monaco nicht in der Lage, den Grand Prix im Folgejahr auszurichten (die BBC sprang ein und Edinburgh wurde der Austragungsort); 1980 verzichtete Israel auf die Gastgeberrolle – aber seither läuft alles nach Plan.

Dass die Ukraine Gastgeber sein konnte, dass Russland dies ebenfalls tat, lag am jeweiligen Prestige, welches diese Länder dem Event beimaßen und entsprechende Subventionsbeträge einfließen ließen. Estland und Lettland waren sich, zumal im damals noch kleineren Maßstab, sicher, die Chose wuppen zu können. Aber Moldau? Oder San Marino, Mazedonien (FYR), Litauen, Portugal, Island - das sind doch höchst klamme Länder, obendrein in Zeiten der Finanzkrise.

Ich bin gespannt, ob es zu diesem Punkt in der European Broadcasting Union (EBU) ein Treffen gibt mit der Frage: Soll die EBU stärker in die ökonomische Verantwortung genommen werden, wenn kleine oder finanziell schwache Länder gewinnen? Oder sollte man den Modus ändern? Veranstalter müssen sich bewerben – Länder als Veranstaltende sind nicht mehr automatisch in der Pflicht? Ich plädiere für Letzteres. Das wäre wie beim Fußball: Nicht ein Titelverteidiger muss die nächste Endrunde austragen, sondern ein Land, das sich bewirbt. So wie Düsseldorf in der deutschlandinternen Konkurrenz um die Herbergsstadt des ESC. Würde das vielen Ländern nicht viel Druck nehmen?

Eine Geste europäischer Gastfreundschaft

22. April 2011

“Tafel”, was ist das? Das sind Orte, an denen es kostenlos Speisen gibt: eine warme Mahlzeit für Menschen, die sonst kein oder nur wenig Geld dafür haben. Die Idee, dies auch während des Eurovision Song Contest anzubieten, kam der Kommunikationsexpertin Alexandra Iwan neulich – und sie hat sie gleich realisiert: Das Franziskanerkloster in der Immermannstraße 20, nahe der U-Bahn-Station Oststraße, serviert vom 6. bis 13. Mai täglich von 14.00 bis 17.00 Uhr eine warme Mahlzeit. Tobias Ewald, der sogenannte Guardian, der Leiter der Firminus-Klause, steht dieser Initaitive vor.

Nun fragt man sich: Weshalb könnte diese “Tafel” nützlich sein? Haben ESC-Fans nicht meist sehr viel Geld? Denn hätten sie es nicht, könnten sie sich nicht die Reise an den Rhein, Hotel und Hallentickets erlauben. Das freilich ist ein Klischee. Ich habe über die Jahre viele Fans kennengelernt, die sich tatsächlich den Trip an einen ESC-Ort vom Munde abgespart haben – dort aber dann weder ein gutes Hotel buchen noch Tickets für das Finale erwerben konnten. Das sind die eigentlich nobelsten Fans – die Mühseligen und Beladenen, falls man das zu Ostern so formulieren darf.

Besteck. Foto: picture alliance/dpa.

In den vergangenen zehn Jahren kamen nach meiner Beobachtung mehr und mehr Fans zum ESC, die sich im Euroclub an einem wärmer werdenden Mineralwasser festhielten oder auf Ausgeberei angewiesen waren. Sie wohnten in Kaschemmen und Pensionen weit vor den Toren der Stadt. Das war auch ihr Lifestyle-Unterschied zu beispielsweise schweizerischen Fans, die, so durfte ich das beschämenderweise einmal erleben, zu einer Kellnerin in Tallinn sagten, der Kaffee kostete ja nur so viel wie Ramsch.

Ärmeren ESC-Fans könnte die “Tafel” der Franziskaner helfen, eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen. Wer das zynisch für pure Caritas hält, verkennt, dass Europa in arme und reiche Länder geteilt ist. Und dass Fans, für die der ESC ein Herzensding ist und kein CSD mit angehängter Dauerdisco, unseren Respekt verdienen.

Diese “Tafel” in Düsseldorf gehört mit zu den schönsten Programmideen all dieser ESC-Tage: Ich nenne das eine Geste europäischer Gastfreundschaft.

Heulen mit den Wölfen

18. April 2011

Elisabeth Noelle-Neumann hat mit ihren sozialwissenschaftlichen Methoden ein seltsames Phänomen schon in den fünfziger Jahren herausgefunden: Die inzwischen verstorbene Gründerin des Instituts für Demoskopie in Allensbach am Bodensee erkannte nach einer Vielzahl an Umfragen, dass eine Masse sich zur erwarteten Mehrheit hin bewegt. Man ist gerne bei den Siegern, sollte das heißen, im Normbereich sowieso. Niemand, so ihr Fazit, findet sich am Ende gerne bei den Verlierern wieder.

Kati Wolf tritt für Ungarn an. (Foto: MTVA)

Das lässt sich tatsächlich an Beispielen politischer Wahlen illustrieren – aber offenbar gilt das auch für das Phänomen Eurovision Song Contest. Der lebt auch von Mutmaßungen, die sich in Geldwetten spiegeln und in Wettspielen.

Und die Tendenz ist eindeutig: Frankreich, Ungarn, Schweden, Estland und Großbritannien bekommen von allen Fanclubs in Europa Höchstwertungen zugesprochen. Und das, so wiederum meine Vermutung, umso mehr, als diese Fanclubs, die ihre Wetten nicht an einem Abend stattfinden lassen, sondern, je nach Terminlage, an verschiedenen Tagen. Und so lesen wir, dass ein OGAE-Fanclub (Organisation générale des Amateurs de l’Eurovision) nach dem anderen diese eben genannten Länder an die Spitze werten. Ich schätze, das tun sie auch deshalb, weil sie bewusst oder halbbewusst von den ersten Wettergebnissen erfahren haben – und sich nun an diesen orientieren.

Es gibt vorläufig, so sehe ich das, gar keinen Grund, Schweden dauernd ganz oben zu platzieren. Es reicht, siehe Noelle-Neumanns Gesetz von der magnetischen Kraft des erwarteten Siegers, wenn man glaubt, das sei ein gutes Lied. Und dass “Popular” nun das viel bessere Lied ist als das dänische oder das griechische ist vor den Düsseldorfer Abenden nicht erwiesen. Irgendwie sind doch, immer noch beispielhaft an diesen drei Acts phantasiert, alle gleich flott und mitreißend, oder?

Auch dass Frankreichs Halboperballade weit oben gesehen wird, hat mit Gefühlen zu tun – nicht mit dem Lied selbst, schätze ich.

Diverse Buchmacher sehen die Sache inzwischen sehr ähnlich. Auch bei denen – und da geht es ums Geld, nicht um Geschmäcker – tauchen Frankreich, Estland, Ungarn, Schweden und Aserbaidschan auf. “Taken By A Stranger” findet sich bei denen auf dem siebten Platz wieder, bei den Fanclubs zwischenständlich auf dem zwölften Rang. Das könnte so kommen, das sehe ich auch so.

Allein: Garantiert ist das noch nicht. Die Stimmung kann ja noch umkippen. Plötzlich wird ein Act als nervig empfunden. Und wenn sich diese Meinung erstmal in Gang gesetzt hat, sind alle Vorabprognosen hinfällig. 2002, in Tallinn, hatte Marie N und ihr “I Wanna” niemand auf der Rechnung. Sie gewann als Außenseiterin. Auch Lena Meyer-Landrut war im Vorjahr nicht höchstgewettet.

Momentan ist die Tendenz klar gen Ungarn gerichtet. Deren Chanteuse Kati Wolf findet immer mehr Fürsprecher. Das deutet auf Budapest 2012 hin.

Schulunterricht mit dem ESC

15. April 2011

Das ist für mich die netteste Nachricht, die das Düsseldorfer Büro für die städtische Organisation des Eurovision Song Contest in den vergangenen Monaten versandt hat: Dass einige Düsseldorfer Pädagogen und Pädagoginnen den ESC in ihre Lehrpläne integriert haben. So lese ich und so erfahren wir, dass die Gerhard-Tersteegen-Gemeinschaftsgrundschule eine Projektwoche “Wir sind Europa” veranstaltet; dass die Förderschule Erfurter Weg das
Leben speziell in der Türkei ausleuchtet – und man hofft, dass besonders Rockmusik eine Würdigung erfährt, denn dieses Land voller ESC-Ruhm hat uns ja in den vergangenen Jahren häufiger Melodeien jenseits der Serailästhetik geschenkt. Auch erfahren wir, und auch das gefällt mir sehr, dass die Jugendfreizeiteinrichtungen des Jugendamtes ein Magazin zum ESC herausgeben – das wir als Düsseldorfer Gäste demnächst auch noch überreicht bekommen. Mann, das übertrifft sogar das Niveau von Helsinki, was diese Stadt so anstellt.


Grundschüler im Unterricht. (Foto: Frank Hoermann, Picture Alliance, Sven Simon)

Den Stoff in den Musik- und Sozialkundeunterricht zu integrieren, ist ohnehin famos und bislang nicht aus anderen ESC-Ländern überliefert. Zumal ja die meisten Musiklehrenden auf Hochkultur abonniert sind – und wenn sie, wie es in meiner Schulzeit üblich war, die Beatles zu kanonisieren versuchen, wollen die einem doch nur erzählen, dass diese Musik eigentlich recht okay sei, weil nicht billig und nicht Pop. Das empfand nicht nur ich allein als Versuch, die Popmusik vom Schmuddelimage zu befreien – und damit vom Besten, was diese Musik so hat.

Auf den ESC bezogen, für den Schulunterricht, empfehle ich eine noch gründlichere Unterrichtseinheit: Gespielt werden kann dieses Spiel ab Klasse 6. Wenn beispielsweise 32 Schüler und Schülerinnen mit von der Partie sind, suchen diese sich ein Lieblingslied aus – und spielen es den anderen vor. Alle spielen also ihre Songs vor. Und dann wird nach dem ESC-Modus drüber abgestimmt. Das kann man mit chartüblicher Musik machen, aber, darauf käme es an, mit ESC-Stoff. Mit Neuem, dem von diesem Jahr, oder mit altem. Es läge an den Lehrenden, ihren Schülern diese Lieder per mp3-Datei zur Verfügung zu stellen oder per CD.

Es ergäbe sich für jeden, der mitmacht, eine gigantische Identifikation mit den Liedern. Vielleicht reichert man es an: Wenn einer zum Beispiel ein niederländisches Lied zur Geltung bringen will, muss er gleichzeitig das Land und seine Kulturströmungen vorstellen. Und man wird hernach feststellen: Man lernt nicht nur andere Lieder, andere Kulturen, andere Prägungen kennen – man fühlt auch nach, wie es ist, keine oder nur mäßig viele Punkte zu bekommen. Oder zu gewinnen. Und man lernt, wie jeder beim wirklichen ESC sich empfindet – irgendwie immer am Rande der Nervenerschütterung, gerade weil es um Punkte und Platzierungen geht.

Gronauer Ikonen

11. April 2011

Fast ein wenig bescheiden nimmt sich im Gronauer Rock’n'Popmuseum die aktuelle Ausstellung zum Eurovision Song Contest aus. Bitte? ESC als museales Unterfangen? Ja, warum nicht? Ist doch der Rock auch, der Pop, der Schlager – alle Formen der klangteppichhaften Unterhaltung seit dem Kriegsende. Und dass der Eurovision Song Contest nun von den Museumsaufbereitern des Pops und des Rocks wahrgenommen wird, spricht einerseits für verspätete Reaktion, andererseits für Realitätssinn: Dass Lena für Deutschland mit einem Poplied gewinnen konnte, hat eben auch den geschmackspolizeilich orientierten Rockisten und Popisten Beine gemacht.

Der ESC-Videoblog besucht das Rock'n'Popmuseum.

Will sagen: Es ist gut, dass an der deutsch-niederländischen Grenze endlich auch das erfolgreichste und europäischste Festivalformat des Pops zur Kenntnis genommen wird. Bis zum 29. Mai läuft die Schau in Gronau, die Fahrt ins nordwestliche Eck Nordrhein-Westfalens lohnt, zumal dort alles obwaltet – viele Kühe, etwas Technik, sehr viele propere Einfamilienhäuser, fleißige Kinder, stabile Ehen (hat mir ein Freund berichtet, er weiß es vom dortigen Hörensagen) – aber eigentlich kein Glamour. Diese Lücke wetzt das Rock’n'Popmuseum aus – jetzt eben auch mit dem ESC.

Nicole in ihrem legendären Grand-Prix-Kleid (Foto: Bayerischer Rundfunk)

Und wie schön, dass Nicoles Harrogate-Kleid und Guildo Horns Birmingham-Fummel zu sehen sind. Zu jeder guten Ausstellung gehören Textilien, die man wiedererkennt. Zumal zu viel Text auch abstößt: 80 Audiobeiträge rufen Erinnerungen wach. Meine These ist: Lena ist längst angekommen in der Hall of Fame – Nicole und Guildo Horn gleichwohl. Nur die beiden letzteren allerdings sind auch reif fürs Museum. Denn ihre Stile, ihre ästhetischen Ausdrucksformen sind von gestern. Aber sie sind nach wie vor Juwelen, sie gehören zum Kulturwissen unseres Landes, zu den Merkposten gemeinsamer Erinnerung. (Was man von Atlantis 2000 oder Chris Kempers und Daniel Kovacs nicht sagen kann – die kennen auch unter ESC-Aficionados nur Experten.)

Jedenfalls: In Düsseldorf selbst wird Ende April eine Ausstellung mit ESC-Plattencovern eröffnet, gleich bei der Tonhalle, in der nobelsten Kunsthalle der Stadt. In Gronau gibt es einen guten Vorgeschmack. Ein Lob den Kuratoren!

Ein Glanzpunkt der klassischen Art

4. April 2011

Das haben Fans wie Jan Zwinkmann aus Berlin und Fanclubmeister Michael Sonneck angeregt – und nun wird wenigstens ein Teil ihres Begehrens in Erfüllung gehen. Wörtlich heißt es in der Pressemeldung der in Sachen Düsseldorf rührigen Marketingagentur: “Am 11. Mai gibt es ein Wiedersehen mit Stars und ihren besten Hits. Unter anderem mit Johnny Logan und Katja Ebstein.” Wir erinnern uns: Bei etlichen Eurovision Song Contests gab es während der Festivalwoche selbst ein Stelldichein ehemaliger ESC-Teilnehmer. So war es in Norwegen 1996 und 2010, so war es in Helsinki und Moskau. Fans wünschten nun, dass während der Grand-Prix-Tage am Rhein deutsche ESC-Veteranen – falls man das so sagen darf, ohne despektierlich zu scheinen - auftreten.


 
Nun, das wird jetzt wahr, wenn auch in einer kleinen, engen Art, die glamourös scheinen mag. Denn am 11. Mai, das ist der Mittwoch zwischen den beiden Halbfinals, finden in der Tonhalle just in Wurfnähe zum Rhein die “Grand Prix Classics” mit Katja Ebstein, Mary Roos, Nino de Angelo, Ingrid Peters und Guildo Horn (jawoll, der wird inwischen historisiert, obwohl er doch den Auftakt zur Modernisierung des deutschen ESC-Wesens symbolisiert) statt. Sie singen Altbekanntes, hauptsächlich Eigenes, wobei die Peters auch “Waterloo” und “Hallelujah” geben wird. Sie performen nicht zum Soundtrack aus dem Cassettenrecorder, sondern live zu den Klängen des WDR-Rundfunkorchesters – und das verspricht mehr als eine lieblose Nummernfolge von Traditionellem.
 
Ich würde sagen, dass das eine okaye Geste ist – allerdings mehr nicht. Das Konzert wird erwartbar gut, das Publikum wird jubeln – es besteht ja en gros und en detail aus akkreditierten Fans und Journalisten. Aber: Wenn schon hinreichend Leute in Düsseldorf präsent sind, die eine Halle füllen, dann hätte man doch zumindest viel mehr ESC-Veteranen laden müssen. Und: Warum schon wieder Johnny Logan? Wer hat sich bloß dieses Programm ausgedacht? Es wirkt ein wenig gedankenlos – denn weshalb müssen wir Joy Fleming, Lou, Lena Valaitis, Michelle oder Stefan Raab missen? Eventuell hat Letzterer nicht gewollt – aber es hätte doch nichts dagegen gesprochen, Max Mutzkes “Can’t Wait Until Tonight” mit souligem Chor aus der Fleming, der Ebstein und Siw Malmkvist anstimmen zu lassen?
 
Oder habe ich etwas überlesen – nämlich, dass alle noch lebenden ESC-Performer mit deutschem Ticket gefragt worden waren und kommen, wenngleich nicht singen? Aber warum? Weshalb nicht so viele wie möglich einladen und die Chose nötigenfalls bis nachts um vier Uhr laufen lassen?
 
Schade, trotz der Geste schlechthin. Aber diese Kollektion scheint wie altbekanntes Konfekt ohne Überraschungsmoment. Wobei, ausdrücklich sei dies erwähnt, nichts gegen die Konzertteilnehmer gesagt sein soll: Allein, es hätten viel mehr sein können!

Gibt es einen Zwang zur Bekanntheit?

29. März 2011

Stefan Raab antwortete, kurz nachdem “Taken By A Stranger” für Düsseldorf ausgewählt wurde, auf die Frage, ob Lena nun durch Europa touren würde, um sich und ihr Lied bekannt zu machen, eher knapp: “Nein, das haben wir ja auch letztes Jahr nicht gemacht.” Er wollte sagen: Das sei nicht nötig. Lena wird, das ist Teil des Gesamtpromotionprogramms für sie und das Düsseldorfer Finale, von Anfang April an auf  Tournee gehen, und zwar ausschließlich in Deutschland, nur in großen Hallen. Das reicht offenbar. Raab konnte so cool antworten, weil der Zusammenhang – er weiß das als Experte auf klarste Weise natürlich – nicht erwiesen ist, dass man sich als ESC-Act über die eigenen Grenzen hinweg präsentieren müsse, um in die Nähe von Punkten am Abend aller Abende selbst zu kommen.

Lena perfomt "Taken By A Stranger" auf der Echo-Verleihung 2011. (Foto: Soeren Stache/dpa)
 
Nun, die Erfahrung lehrt, dass solche öffentlichen Bekanntmachungs-Events eher unnötig sind. Am 9. April beispielsweise findet im Amsterdamer Konzerthaus “Air” zum dritten Mal in dieser Stadt die Mega-Vor-ESC-Party “Eurovision in Concert” statt. Teilnehmen werden daran viele jener, die im Mai in Düsseldorf auch aufschlagen müssen. Etwa die Künstler und Künstlerinnen aus Großbritannien, Griechenland, Kroatien, der Ukraine, Malta, Österreich, Slowenien, Polen, der Türkei, Serbien, Bulgarien, Lettland, Finnland, die Schweiz, Albanien, Zypern, San Marino, Armenien, Mazedonien und Weißrussland. Aber bringt das irgendeinen Punkt mehr? Ist dieses Konzert, erklärtermaßen eine Generalprobe vor allen Düsseldorfer Proben, irgendwie nützlich?
 
Ich schätze nein. Es ist gut für die Fans, die wie in einer anschwellenden Reise zu einem Höhepunkt, immer mehr Stoff wollen – das ist legitim. Aber sich von Auslandseinsätzen eine Bekanntheit zu erhoffen, unterschätzt das ESC-Publikum selbst sträflich. Denn, mal theoretisch, ein Künstler aus Rumänien mag in Bulgarien, bei einem Gastauftritt dortselbst, Sympathien wecken. Aber was zählt ist der Abend selbst, dann erst schalten Millionen ein, dann erst wird auch in Bulgarien die Chose ernstgenommen.
 
Kurzum: Ich nehme diese Gastspiele als öffentliche Trainingseinsätze wahr. Mehr sind diese nicht.
 
Insofern wäre Lenas Teilnahme an promotionellen Geschichten im Ausland eine Angelegenheit reiner Zeitverschwendung. Nicole, Cliff Richard, Dana, Dima Bilan, Marie N, die Olsen Brothers oder Marija Serifovic - sie alle tingelten vorher nicht gezielt jenseits ihrer Landesgrenzen. Sie gewannen, weil das Gros des Publikums (oder der Juroren) sie am Abend des Finales selbst wertschätzten – und deshalb ist Lenas Tournee durch deutsche Landen nur zu logisch.
 
Auftritte in der Schweiz, Österreich oder in Belgien braucht sie ohnehin keine speziellen. Sie ist dort bekannt, außerdem guckt man in unseren Nachbarländern die Shows, die es hier gibt.
 
Für Amsterdam, für den 9. April, sind noch Restkarten vorhanden. Gut, dass die Halle mit 1.200 Plätzen gefüllt sein wird. Für die meisten Künstler des ESC kann das in einer Hinsicht nämlich doch hilfreich sein: Sie überbrücken die elend lange Zeit bis zu den Contestwochen. Und sie gewöhnen sich an Liveauftritte. Allerdings: Eine Performance vor 38.000 Zuschauern wie in Düsseldorf ist nicht simulierbar – aber zu trainieren, sich an das Wagnis ESC heranzutasten, schadet nie!

“The conductor, le chef d’orchestre, es dirigiert …”

28. März 2011

Das war die Zauberformel der Marlene Charell 1983 in München, als sie, die Pariser Revuetänzerin mit den Wurzeln im schönen Winsen an der Luhe bei Hamburg, den ESC moderierte – und dem Abend durch durchgängige Dreisprachigkeit eine gewisse längliche Note gab. Waren das noch Zeiten, als jedes Land einen eigenen Dirigenten hatte. Dirigentinnen, nebenbei, gab es nur wenige, erstmals 1973, als Monica Dominique für Schweden und Nurit Hirsh für Israel das Orchester koordinierten. Jedenfalls: die Dirigenten. Sie gehörten so zum Grand Prix Eurovision wie alles. Bekannteste Namen waren darunter Robert Stolz, auch Waldo de los Rios, Horst Jankowski, Franck Pourcel oder, 1985, Anita Kerr (für die Schweiz). Dirigenten waren die Meister der Aufführung, an ihnen hing es, ob ein Act gelingt oder nicht. Sie hatten ein Orchester auf Takt und Ton zu bringen – und sie konnten scheitern, wie 1984, als Mary Roos vom Orchester am Anfang des Liedes durch verpatzte Orchestereinsätze zersägt wurde, so schien es mir jedenfalls.

Mary Roos beim 1984 Grand-Prix-Finale in Luxemburg (Foto: Picture Alliance/Istvan Bajzat)

1998 war das letzte Jahr der Dirigate. In Birmingham gab es letztmals ein Orchester, das der BBC. Stefan Raab wollte partout einmal als Orchesterleiter ins Bild – und er tat das, obwohl Guildo Horns “Guildo hat euch lieb” komplett, ohne einen Ton der Musikerformation im Orchestergraben, vom Band kam. Es war unvermeidlich, das belehrt der Blick auf die Kosten, die die veranstaltenden Sender hatten, dass das Orchester eingespart werden musste. Außerdem: Die meisten der modernen Produzenten des Pops arbeiteten so filigran mit Tönen und Tonspuren, dass sie sich durch kein Orchester gut reproduziert fühlten.

Ach, aber schön war es doch. Ossi Runne, Noel Kelehan, Ronnie Hazlehurst, Dolf van der Linden … unvergessliche Namen in der Hall of Fame des ESC.
Schön aber ist, dass die website andtheconductoris.eu all diesen Männern und Frauen ein lexikalisch angeordnetes Erbe setzt. Allen 346 Dirigenten und Dirigentinnen ist hier ein Eintrag gewidmet – man erfährt viel bis alles über deren Karrieren, Höhepunkte und was aus ihnen bis heute geworden ist.

Ich finde, das ist eine Historisierung, die über allem Aktuellen nicht verloren gehen darf. Ein Aspekt des Märchens namens ESC, das ungefähr so beginnen könnte: “Es war einmal ein Festival, das nur Menschen mit gewisser Magie zu gewinnen vermochten. Manchmal wurden sie durch Juries zu höheren, ja, bis in höchste Ränge geschummelt – und es waren stets, bis 1998, Dirigenten dabei. Sie waren die Ruhepole meist, gelegentlich Aufpeitscher. Sie sind nicht mehr dabei, wir gedenken ihrer würdig.”