“Kämpft, Kameraden!” – Wie bitte?
3. Mai 2011Ja, das war mal ein Ereignis bei den Pressekonferenzen: Erzählten bis dahin andere Sänger und Sängerinnen, wie sehr sie sich freuen, beim Eurovision Song Contest dabei zu sein und wie toll es sei, das eigene Land zu repräsentieren, wurde die Equipe aus Portugal politisch. Zumindest irgendwie. Fünf Menschen standen vor den Medienmenschen und jede Antwort, die der Kopf von Homens da Luta (“Menschen des Kampfes”), “Jel” Duarte, gab, wurde von seinen vier Mitkombattanten mit leichtem Gesang und den Worten “Kämpft, Genossen” begleitet. Im Laufe der Pressekonferenz erfuhren wir außerdem, dass diese Comediantruppe sich auf das Erbe der portugiesischen Revolution von 1974 beziehe, der Nelkenrevolution, mit der die Rechtsdiktatur gestürzt werden konnte. Dennoch war nicht auf Anhieb erkennbar, dass diese “Menschen des Kampfes” (so der Bandname übersetzt), die von Portugals ESC-Publikum gewählt wurde, aber nicht von den Juroren, es ernst meint – politisch, musikalisch oder wie auch immer.

Irgendwie, so lässt sich sagen, klingt deren Lied wie alle portugiesischen Lieder der vergangenen Jahrzehnte. Melancholisch, aber heiter abgerundet: Würde dieses Quintett als lusitanische Variante Guildo Horns oder Alf Poiers verkauft werden – man glaubte es auch. Womöglich muss diese Zwiespältigkeit bewahrt werden, denn Politisches direkt zu entertainen ist ja beim ESC verboten – aber subtil war Politisches immer im Spiel, von deutscher Seite am krassesten bei Katja Ebstein 1971 mit “Diese Welt”.
Nun ja, die Portugiesen erhielten denn auch Applaus - wobei aus meinem Blickwinkel offen blieb, ob für den Mut zur historischen Kostümparty, die sie zu sozialistisch anmutenden Village People machen, oder für den politischen Gehalt. Nötig hat das Land Protest ja: Wirtschaftskrise noch und noch, verarmende Menschen, unsichere Perspektiven. “Homens de Luta”, wie nobel, führten als Komödiantentruppe einige Demonstrationen gegen die Wirtschaftskrise an. Toll, meinetwegen. Aber erschließt sich dieser innerportugiesische Kontext auch Europa? Ist es zieldienlich – “Kämpft, Genossen!” hieß es ja wohl nicht zufällig auf der Pressekonferenz -, in einem Sound zu performen, der auf Anhieb als portugiesisch, also viel zu exotisch hörbar ist?

Ich bin unsicher. Weltverbesserungs- und Protestlieder hat es ja beim ESC immer gegeben. Aber stets, wenn sie explizit wurden, wirkten sie verstörend – etwa 1982 beim Song “Nuku pommiin” (übersetzt: “Atombombe”) des Finnen Kojo oder bei der österreichischen Gruppe Schmetterlinge 1977, deren eigentlich mitreißender Song sich viel zu oberflächlich mit der Kommerzialität von Musik auseinandersetzte: Wir als Hörende und Sehende wollen doch nicht beschlaumeiert und beklugscheißert werden.
Besser macht es dieses Jahr der zart aussehende, vermutlich mit eisernem Kampfeswillen ausgerüstete Finne Paradise Oskar: Er will, dass die Erde grüner wird, die Menschen sich verstehen, dass keine Kriege geführt werden und überhaupt alles ins Lot kommt. Das tut er, damit die Botschaft persönlich unterstrichen wird, mit dem unschuldigsten Augenaufschlag, den man sich nur denken kann. Ein blonder Verführer für eine gute Welt. Na, das loben wir doch bitte, oder?
Die Portugiesen werden aller Wahrscheinlichkeit nach, darauf lässt die muntere Pressekonferenz schließen, wieder mit dem Gefühl nach Hause fahren, von Europa nicht verstanden worden zu sein. “Homens da Luta” und “Luta È Alegria” – zu deutsch: “Kampf ist Freude” – gefallen mir sehr. Und zwar weil es so schön portugiesisch klingt. Das allerdings könnte ihnen zum Verhängnis werden. Eine schöne Pressekonferenz war es dennoch!









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.