Bitte nicht diese!

23. August 2011

Eben gerade aus den Ferien zurück. Aus den USA, Westcoast. Küsten, Nebelwände, Schleierwolken, Seelöwen – und ein Freund, der bekannte, dass er aus Europa, dortselbst studierend, als liebstes den Eurovision Song Contest mitgebracht habe. Ja, so war das mit dem Urlaub. Gleichwohl spricht natürlich auch die halbe Castro-Street in San Francisco über Aserbaidschan. Na, sagen wir: Ein Achtel Castro-Street. “Why is Azerbaidshan belonging to this event – it is not Europe?” Ist eben so: Eurovision ist nicht gleich geografisches Europa – Hawaii ist ja auch eigentlich Polynesien und doch Teil der Vereinigten Staaten.

Die Spice Girls zu ihren besten Zeiten, 1997: Mel B, Mel C, Gerri Halliwell, Emma Bunton und Victoria Adams (heute Beckham).

Die Spice Girls zu ihren besten Zeiten, 1997: Mel B, Mel C, Gerri Halliwell, Emma Bunton und Victoria Adams (heute Beckham).

Und dann dieser Schock. Erste U-Bahn-Fahrt in Berlin, morgens, sehr früh an diesem Teil des Tages. Und was lese ich: “David Hasselhoff zum Eurovision Song Contest?” Ich will nicht verhehlen: Diese Meldung musste ich genauer klären und erfuhr, dass der dünnbeinige Ex-Rettungsschwimmer tatsächlich dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat – nur um es kurze Zeit später zu dementieren. Und im Netz las ich: “Spice Girls reunite for Eurovision?” So eurovision.tv, die offizielle Webseite des ESC.

Um es unverschämt zu sagen: Inzwischen ist der ESC offenbar so attraktiv, dass alle möglichen Popleichen versuchen, über diesen wiederaufzuerstehen. Ob es nun Sternchen aus irgendwelchen Castingshows sind, die, nachdem man sie auspresste wie blasse Zitronen, noch einmal ins Scheinwerferlicht streben, oder echte Poplegenden, die – ob nach Alkohol- oder Bulimietherapie – sich nach Bühne und Glanz zurücksehnen: Das darf doch nicht wahr sein!

Hasselhoff kann ja nicht mal singen. Er ist so faltig und leicht gefeistet wie Johnny Logan, der allerdings seine Meriten gesammelt hat, im Gegensatz zum “I’ve Been Looking For Freedom”-Sänger. Hasselhoff, das wäre für unsere Nachbarn die sichere Garantie, dass man gar und überhaupt keine Punkte bekommen wird. Der könnte vermutlich selbst eine geniale Folgekomposition von “Waterloo” singen und wirkte immer noch nur viertelsympathisch.

Und die Spice Girls? Das Gerücht kam durch Gerri Halliwell auf, ein Teil dieser Nicht-mehr-ganz-jung-Frauencombo. Möglicherweise neidet sie Victoria Beckham die Karriere als Frau an der Seite von David Beckham, mitsamt Kind und Kegel. Das durfte man einen guten Übergang ins bürgerliche Leben nennen – aber der Halliwell gelang er nicht so reibungslos. Nun will sie den ESC als Therapie nutzen – und ich finde: Das geht zu weit. Auch das Vereinigte Königreich sollte – zumal nach Blue und deren gutem Resultat – nicht wieder in Bedeutungslosigkeit zurückfallen.

Eine richtige, echte und bestätigte Nachtricht gibt es jedoch aus Holland: John de Mol, legendärer niederländischer Fernsehproduzent, wird den niederländischen Vorentscheid produzieren. John de Mol und seine Firma Endemol stehen für Formate wie “Wer wird Millionär?”, “Nur die Liebe zählt” oder “Big Brother” – um nur einige der bekanntesten zu nennen. Spätestens damit ist klar: In den Niederlanden können die Popleichen in ihren Kellern bleiben, denn was ein John de Mol anfasst, das wird ein gutes Unterhaltungsformat ohne ewiggestrige Pseudo-Stars aus der Mottenkiste. Hoffentlich ist die britische BBC ähnlich gut beraten …

Nichtiges und Kostbares

10. Mai 2010

Spanien ist ja gebeutelt: Nicht, dass man sich mit Vorentscheidungen keine Mühe gäbe, aber irgendwie kommen doch immer nur miese Plätze dabei heraus. In diesem Jahr versucht es Daniel Diges, ein freundlich, Gott sei Dank nicht allzu torrerohaft aussehender Künstler.  Massiel, die Göttin von 1968, wünscht ihm alles Glück für den Trip nach Oslo. Ich will mich hier nicht verstecken: Das ist das wunderbarste spanische Lied (Video) seit Anabel Condes Act 1995. Ein Walzer zum Verlieben!

Man möchte in Bälde aufwachen und Josh Dubovie für einen wirklich nicht besonders guten Scherz der BBC halten: Der Mann hat das Casting für den ESC gewonnen. Im Finale tritt er an mit einem Titel von Pete Waterman und Mike Stock, auf deren Konto ein guter Teil des Erfolgs von Bananarama, Rick Astley und Kylie Minogue geht. “That Sounds Good To Me!” (Video) klingt hässlich, der Sänger sieht fade aus, allein schon seiner Frisur wegen, er singt, als betriebe er Karaoke mit der Haarbürste auf der Kaufhausrolltreppe, und das talentlos. Schade, Vereinigtes Königreich, das wird dieses Jahr – ein Jahr nach Jades verdientem fünften Platz  – wieder nix mit einer wenigstens mittelmäßigen Platzierung.

Jessy Matador ist ein in Kinshasa, Kongo, geborener Franzose, der dummerweise ein sehr nerviges, halbwegs fußballstadientaugliches Lied (Video) singt. Man wünscht, dass die ESC-Verantwortlichen in Paris mal wieder so etwas Geniales  ‘erfinden’ wie vor 20 (!!) Jahren Joelle Ursull: Weltmusik, die hübsch und mitreißend klingt. Hektisch, aufgeblasen und unverführerisch dagegen Jessy Matador – er wird Patricia Kaas noch stärker vermissen lassen, als man das vom Jahr nach der Lothringerin ohnehin erwarten musste.

Es ist gut, dass Deutschland Lena Meyer-Landrut als ideale Gesamttochter adoptiert hat. Ihr “Satellite” (Video) rotiert auch in anderen Ländern dauerhaft im Radio. Man hofft, dass es dem Publikum nicht Ende Mai bereits auf den Wecker geht. Und dass sie etwas von der Livequalität einer Niamh Kavanagh mitbringt. Bei den Fanclubs rangiert sie weit oben – das sollte ihr Auftrieb geben. Eine Hoffnung noch: Dass sie ihren Auftritt in Norwegen nicht als Nebenprodukt ihres Siegs bei USFO nimmt – das Osloer Finale ist der Zweck von USFO gewesen.

Last but not least: Schade, dass alle vier Großmächte des ESC – aktuell was ihre Zahlkraft anbetrifft – erst im Finale performen. Wäre nicht besser, sie würden in einem der Semifinals wenigstens außer Konkurrenz ihre Titel vorstellen?

In der nächsten Folge: Trends, Tendenzen & Tipps vor dem Abflug gen Norwegen.

Strafe für Spanien? Oder ignorieren?

15. Mai 2009

Ein Blick in die aktuellen Sportnachrichten belehrt: In Madrid findet gerade ein sehr hoch dotiertes Tennisturnier statt. Und Spanien hat aktuell sehr viele Spieler unter den Weltbesten. Das hatte Folgen. Der spanische TV-Sender TVE, der sowohl die Tennisübertragungsrechte innehat wie die des ESC, stornierte offenbar Donnerstag kurzerhand die Liveübertragung des zweiten Halbfinales – das Spanien verpflichtet war zu senden -, weil der Tennistag aus Madrid noch lief.

 

Aus der Logik des Senders lag die Priorität eindeutig: Tennis bringt Quote, der ESC, zumal ohne spanische Beteiligung, keine, die einem öffentlich-rechtlichen Sender geziemt. Das Problem: Spanien stimmte somit nur über seine Jury ab. Und das ist regelwidrig. Die EBU denkt bereits über Sanktionen nach. Nur welche? Würde der ESC riskieren, eine Strafe zu verhängen, würde sich Spanien womöglich ebenso vom Event zurückziehen wie es Italien vor zwölf Jahren tat.

Das weitere Problem: Würde man keine Sanktion verhängen, glauben die großen Länder wie eben Spanien, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland, dem ESC alles diktieren zu können. Und die Quoten in diesen Ländern sind allesamt nicht so, dass man unbedingt und zwingend das ESC-Showformat halten muss. Der Fall, alles in allem, deprimiert: Spanien gibt sich als Provinznation zu erkennen, mehr verliebt ins Tun der eigenen Tennissternchen als in den möglichen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Ich plädiere für Gelassenheit – und dass der spanische Sender TVE nächstes Jahr das Halbfinale, das ja auch in Deutschland nur eine Viertelmillion Zuschauer interessierte, in einem Nebenkanal des Senders zu überträgt. Dann kann kein Tennis mehr stören!

Alex und Oscar fiebern Moskau entgegen

23. April 2009

Alex Christensen schwärmt. Morgens um 7:15 Uhr, “der frühe Vogel fängt den Wurm”, sagt der Erfinder des deutschen ESC-Acts “Miss Kiss Kiss Bang”. Er spricht über einen Ausflug in zwei Länder, die im Mai auch in Moskau am ESC teilnehmen. In Spanien und den Niederlanden waren sie präsent, zeigten sich dem Publikum, traten auf – und, so Alex Christensen, “da ist schon eine Begeisterung, die einen völlig mitreißt”.

Alex C. in Den Haag

Deutsche Acts haben in den vergangenen Jahren – anders als die anderer Länder – ja eher darum gerungen, ihr eigenes, heimisches Publikum zu gewinnen. Zuhörer, die man aber ohnehin hat, wenn die halbe Nation mitfiebert. Alex Christensen flogen zunächst vorige Woche nach Spanien. Zusammen mit der Spanierin Soraya gastierten sie in einer TV-Show, gaben Interviews und, so Christensen, hatten “Riesenvergnügen” daran, dass die Herzen der Spanier ihnen zuflogen – der Song, der sowieso, aber auch Oscar Loya, für den der Ausflug auf die iberische Halbinsel ein Heimspiel war – Oscar spricht fließend spanisch.

Kurz darauf ging es in die Niederlande. Deren Act, “De Toppers”, lernten sie kennen, in Hilversum, in Amsterdam – vor allem aber auf dem Rathausmarktplatz von Den Haag. Neben dem Empfang beim Bürgermeister der Stadt – Christensen: “Was für eine Geste!” – performten sie mit anderen ESC-Teilnehmenden, Jade aus Großbritannien unter anderem, auf der Freiluftbühne. “Das war wie eine Mini-Love-Parade, klasse. Der Beifall war großartig. Ich kenne ja aus früheren Jahren die Niederlande gut, aber diese Eurovision, die ist dort etwas besonderes. Man feiert, man fiebert, man geht mit. Toll! Große Erfahrung für uns.” Der Beifall fiel frenetisch aus.

Nur eines gab Alex Christensen zu denken: “Viele Presseleute haben uns gesagt, dass es schade ist, dass wir nur im Finale auftreten.” Deutschland muss sich ja nicht erst qualifizieren. “Für die ist das Halbfinale wichtig, das ist die Show, durch die sie müssen, um ins Finale überhaupt zu kommen.” Ja, und da denke er, dass eine Performance in der Qualifikationsrunde des Moskauer Festivals eine gute Werbung auch für die Endrunde sei: “Es ist wahrscheinlich immer gut, wenn man dann auf die Bühne geht und die Leute einen schon aus einem der Halbfinals kennt.” Klar, die Regeln sagen, dass große Länder wie Deutschland nicht die Schmach erleiden sollen, im Halbfinale auf der Strecke zu bleiben, das lässt die Finalquote extrem in den Keller sinken, aber, so Christensen, “uns wäre das recht gewesen. Ich habe keine Angst vor dem Vergleich. Ist aber auch okay, aber für die meisten Länder ist das Halbfinale der Höhepunkt, da gucken dann schon alle zu.” Christensen findet, dass auch für die Acts der großen Länder sich Sympathietourneen in den ESC-Ländern vor der Festivalwoche stark lohnen. “Das gibt einem ein deutliches Gefühl dafür, wie die dort ticken, welche Stimmung da ist, was ankommt und was nicht. Uns hat es Sicherheit gegeben für Moskau.”

Aber war das nicht auch aufreibend, stressig, die ewige Fliegerei, die Hotels, die engen Zeitpläne? Er antwortet ohne Zögern: “Ich hätte noch viel mehr Ausflüge gemacht, viel mehr. Ich weiß, das kostet viel Geld, die Budgets sind auch nicht mehr so üppig. Aber das bringt Bekanntheit vor dem Event – die Menschen, die später per Televoting abstimmen haben dann keine völlig Unbekannten mehr zu sehen bekommen. Uns wäre das recht gewesen, uns in noch viel mehr Ländern vorzustellen.” Fazit? “Ich habe mich auf Moskau, ich sage das auch für Oscar, sowieso gefreut. Jetzt noch mehr.” Offenbar ein Trip, der süchtig macht!

Endlich: The Empire strikes back!

23. Oktober 2008

 Flagge von Großbritannien. Bild: Fotolia

Dass es mit dem Vereinigten Königreich so nicht weitergehen könnte, wusste man ja zwischen Bristol und Newcastle, Cornwall und Inverness selbst. Dauernd unter ferner sangen, wie ausgelöscht die guten Zeiten, als man noch Plätze unter den Top drei gebucht hatte. Das United Kingdom war, wäre es ein Mensch, eine beklagenswerte Witzfigur. Beleidigt hatte man reagiert, seit es schlechte Plätze nur so hagelte. Das war seit 1999, als die Sprache des Gesangs freigegeben wurde, England also nicht mehr neben Irland und Malta allein die Macht über die Popsprache der Welt hatte. Obendrein war die jahrzehntelange Dominanz von Moderator Terry Wogan möglicherweise ein weiterer Grund, dass Großbritannien am Boden liegen blieb: Man glaubte, sich einen Ulk auf den ESC machen zu können.

Nun schlägt das Empire aber zurück – und zwar mit seiner vielleicht nicht frischesten, aber doch noch mächtigsten Waffe. Und die heißt Andrew Lloyd Webber, Musicalkönig der Welt. Ein Mann, der das Phantom der Oper ebenso erfand wie Cats oder Starlight Express. Dieser Komponist weiß, wie Millionen melodiös zu verführen sind. Manche mögen sich über die Klangbreis Webbers beschweren. Aber der ESC ist ja keine Filiale der Donaueschinger Tage der Neuen Musik, sondern ein Popfestival – und für ein solches wird Webber wissen, was er zu tun hat. Sein Engagement kommt zur rechten Zeit. Sein Credo für die BBC: Frage dich nicht, was der ESC für dich tut, sondern was du für eine bessere Platzierung des UK beim ESC machen könntest. Webber wird uns eine grandiose Performance, also ein Paket aus Musik, Text und Darbietung, schnüren. Wer übrigens jetzt denkt, wenn Webber antritt, dann sollte dies doch auch Ralph Siegel tun, irrt. Siegel gilt zwar einerseits als Musicalist, aber sein Stück “Clowntown” kam meinen Recherchen zufolge nie über einen Flop in Wilhelsmhaven hinweg. Außerdem: Webber ist, was seinen popmusikalischen Wert anbetrifft, in etwa mit Herbert Grönemeyer oder Udo Lindenberg oder Annette Humpe zu vergleichen. Um diese Liga geht es also.

Das Vereinigte Königreich geht zum Gegenangriff über, Deutschland überlegt noch. In den nächsten Tagen also mehr über Bushido, Sido, Naidoo oder Ralph Siegel. Jetzt sagen wir Großbritannien nur: Gut gewagt, Großmacht des Pop!

Ein alternder Star

21. August 2008

Als die klassische ESC-Welt noch heil war, galt Jahr für Jahr: Anderthalb Dutzend Länder Europas singen an einem Abend im Frühling – und am Ende hat Großbritannien gewonnen oder wenigstens einen der ganz vorderen Plätze belegt. Trotz der sechs irischen Siege bis 1996 ist das Vereinigte Königreich die erfolgreichste ESC-Nation, rechnet man alle Top-Five-Platzierungen hinzu und zählt nicht allein die ersten Ränge.

Mary Hopkin, britische ESC-Teilnehmerin von 1970 - sie wurde Zweite. Foto: Central Press

Dass Großbritannien seit 1997, dem Jahr, als Katrina mit ihren Waves siegte, keinen Blumenpott mehr gewann, kein ESC-Kandidat aus diesem Land den Sprung in die erste Pop-Liga geschafft hat, liegt zunächst an einem Verlust: Dem, neben Irland und Malta einzig auf Englisch singen zu dürfen. Vom Jahr 2000 an konnten alle Länder die Kernsprache der Popmusik nutzen – und das Vereinigten Königreich schnitt nur noch einmal, mit Jessica Garlick, passabel ab. Ein 26. Platz, 2003 in Riga, war der Tiefpunkt der ESC-Geschichte Großbritanniens.

Und das war kein Wunder: Die Songs von der Insel waren durch die Bank schlecht. Nichts erinnert mehr an die Popfabrik namens Großbritannien, die Cliff Richard, Olivia Newton-John, Sandie Shaw, Mary Hopkin, Brotherhood of Man oder Bucks Fizz hervorgebracht hat. Acts, die den ESC benutzten, um über das Heimatland hinaus berühmt zu werden.

Heute ist das nicht mehr nötig. Erstens ist Musik generell nicht mehr so wichtig wie früher – wo überall Sound ist, nimmt der Rang eines Liedes, selbst wenn es eine Perle ist, im Klangbrei insgesamt ab. Zweitens aber ist durch Internet und den internationalen Handel überhaupt die Vernetzung der Welt intensiver geworden. Der ESC als Popexportschau hat an Rang verloren.

So ist es keine Überraschung, dass man in Großbritannien vor sich hin nostalgisiert. Man erinnert sich an früher und missachtet, dass die jüngeren Teilnehmerländer kein Interesse am Gestern des ESC haben. Russland und all die anderen Länder sind ja erst seit den mittleren Neunzigern dabei – deshalb rührt sich bei denen nichts, wenn das halbe ESC-Europa mit Blick auf Bucks Fizz oder Lulu in “Schön war’s”-Stimmung gerät.

Und Terry Wogan, der legendäre Radiomoderator, erst neulich, wir würdigten es mit einem Blogglückwunsch, 70 Jahre alt geworden, war bislang der Garant, dass es so nostalgisch blieb. Das Vereinigte Königreich interessiert sich nur noch marginal für den ESC – und Wogan war der perfekte Ausdruck dieser Situation. Nun hat der Mann, der wie kein anderer den ESC in Großbritannien verkörpert, seinen Rückzug angekündigt. Auch die Insel steht jetzt vor einem Neuanfang beim Vorentscheid – zumindest was den Moderator, vielleicht auch was die Show betrifft.

Ob es Hoffnung gibt, dass aus Großbritannien wieder konkurrenzfähige Interpreten zum ESC reisen? Ich fürchte nein. Paul Potts, der Ariensänger, wäre so ein Magic-Moment-Mann gewesen, aber der Rest des britischen Pop-Nachwuchs ist entweder satt oder unfähig. Beim ESC anzutreten, ist rufschädigend: Etwas Schlimmeres kann einem Event nicht passieren. Oder regt sich da Widerspruch?

Ein Urgestein des ESC

13. August 2008

Das kann kein anderer Moderator des ESC für sich beanspruchen: Die Queen adelte ihn mit dem Hosenbandorden, er darf sich jetzt mit “Sir” anreden lassen. Honoriger kann niemand aus der Chose namens Grand Prix Eurovision hervorgehen: Terry Wogan, gebürtiger Ire, ist die Kultfigur des ESC schlechthin auf der Insel. Wir wollen ihm hier gratulieren. Am 3. August ist er erstaunliche 70 Jahre jung geworden – jung bedeutet, dass sich Sir Terry Wogan nach wie vor bester Gesundheit erfreut, vor allem, nimmt man seine Kommentare unter die Lupe. Sie haben nichts Ranziges, nichts Abgestandenes, keine Spur von nostalgischem Gerede.

Terry Wogan. Foto: Sven Arnstein/picture alliance

Die deutschen Zuschauer kennen Wogan als Bühnenmoderator beim ESC 1998 in Birmingham. Doch sein Kultstatus ist aus kontinentaler Perspektive nicht zu ermessen. Der irische Truthahn besang ihn in seinem Lied; in der Begrüßungsmoderation dieses Jahr wurde er namentlich erwähnt; in Großbritannien selbst ist sein Name identisch mit den glorreichen wie weniger brillanten Zeiten des ESC.

Seit Anfang der Siebziger moderiert das Urgestein live am Mikrophon. Einige seiner Sprüche sind in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. “Null points” – die es ja nicht gibt – ist eine Wendung aus Wogans Sprachschatz. 1998 kommentierte er Dana International mit den Worten: “Da ist sie, halb Mann, halb Frau, halb Papagei”; zu einem französischen Lied der jüngsten Zeit bemerkte er: “Das ist die gleiche Chose wie eh und je, irgendein Lied, gut abgehangen an der Maginotlinie”; Alf Poier aus Österreich im Jahre 2003 umriss er mit den Worten: “Das ist deutscher Humor aus Österreich, wir können nur staunen”; über die dänischen Moderatoren 2001 in Kopenhagen ätze er mit dem Satz “Hier kommen sie wieder, Dr. Tod und die Zahnfee”.

Wogan, stets von ausnehmender Freundlichkeit, ist sich im übrigen seines Marktwerts bewusst. Sein Engagement soll die BBC 250.000 Pfund pro Jahr kosten – kein schlechter Preis, um das Publikum, das lange keine gute britische Platzierung mehr erleben durfte, bei Laune zu halten. Der Mann ist unbezahlbar – er ist das, was in Deutschland eine Mixtur aus Thomas Gottschalk, Stefan Raab und Peter Urban wäre. Voll bösartiger Sentenzen, die er freundlich verpackt. Er ist eine Institution – man sollte ihn ewig weiter moderieren lassen. Oder ehren: Mit dem ersten ESC-Preis für ein Lebenswerk, das ohne den ESC nicht begreifbar wäre. Herzlichen Glückwunsch!

Massiel bleibt die einzige Siegerin von 1968

13. Mai 2008

Cliff Richard gratuliert der Siegerin Massiel

Sie bleibt die einzige Siegerin des Eurovision Song Contest – und sie wird sich auch den Titel nicht nachträglich mit Cliff Richard teilen müssen: Auch wird “Congratulations” nicht noch kultiger, nur weil “La La La” möglicherweise durch spanische Betrugsabsichten, vollendet oder nicht, die Krone jenes Jahres errungen hat. Das hat, in der ihm eigenen Deutlichkeit, Svante Stockselius auf Nachfrage des NDR mitgeteilt.
Zu den Indizien um die von Diktator Franco damals inspirierten Punkteschiebereien zugunsten Massiels sagte der Generalsekretär des Eurovision Song Contest: “Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte. Wenn wir ernsthaft allen Gerüchten nachgingen, von denen wir so hörten, hätten wir nichts anderes mehr zu tun.” Und: “Nein, wir werden dieser alten Geschichte nicht mehr nachgehen – und wir werden die Geschichte nicht umdrehen.”
Vorige Woche scheuchte eine Meldung aus Spanien die europäischen Pop- und Grand-Prix-Historiker auf: Massiels Sieg soll erschummelt worden sein, damit das rechtsdiktatorische Spanien an Prestige gewinne. Nun ist die Sache geklärt. Cliff Richard, der neulich anmerkte, sollte er zum Sieger nachträglich erklärt werden, er wäre dann der glücklichste Mensch, den man sich vorstellen kann, wird weiter sich grämen müssen.
Ihm geht es dann wie deutschen Fußballanhängern, die auch keine Annullierung des WM-Endspiels von 1966 versprochen bekamen, nachdem TV-Videoaufnahmen weitgehend zweifelsfrei bewiesen, dass das dritte Tor der Engländer keines war. Tatsachenentscheidung! hieß es seitens des Fußballverbandes Fifa, eine eben solche wie vor einigen Tagen bei der Eishockey-WM in Kanada, als Finnland ein Tor anerkannt bekam, das erwiesenermaßen nicht über die Torlinie, sondern über ein zu großlöchriges Netz ins Torfeld schlüpfte. Tatsachenentscheidungen, finde ich, müssen eben genommen werden, wie sie fallen.

Stockselius kommentierte unsere Anfragen im Übrigen lapidar mit diesem Satz: “Seit es unser System des Televotings gibt, sind Fälle wie die aus dem Jahre 1968 unmöglich.” Damals gaben Juries Stimmen ab, heute sind es, Gott sei Dank, nur Zuschauer, und zwar alle Zuschauer, die dies wollen. Ich finde: Eine weise Entscheidung der Eurovision. Geschichte lässt sich eben nicht einfach zurechtbiegen!

Massiel nur durch Betrug Siegerin?

7. Mai 2008

Man fasst es nicht. Und in der Eurovisionscommunity schlägt die Nachricht, von Tromsö bis Haifa, von Porto bis Zwiesel im Bayerischen Wald, wie eine Bombe ein: Massiel, 1968 spektakuläre Bezwingerin von Cliff Richard und seinem “Congratulations”, habe ihren Sieg nur den betrügerischen Aktivitäten des diktatorischen Franco-Regimes und seiner Handlanger beim spanischen Staatsfernsehen zu verdanken. In Wahrheit also wäre Cliff Richard der Sieger.

Cliff Richard

Was soll passiert also sein? Soweit jetzt schon bekannt ist, hat das TVE, das spanische Fernsehen, auf Geheiß des klerikalfaschistischen Diktators Franco in den europäischen Ländern, welche beim ESC in der Londoner Royal Albert Hall, mitmachen würden, Punkte organisiert. Und zwar, so heißt es, indem den besuchten Sendern versprochen wurde, Shows und andere Sendungen zu kaufen; oder dass bestimmte Musikformate auf dem spanischen Markt veröffentlicht würden.

Hintergrund: Spanien war seit Ende der Dreißigerjahre ein totalitäres Regimes – keine Meinungsfreiheit, moralisch galten die Dogmen der katholischen Kirche als strikt verbindlich für alle, Folter und Todesstrafen waren im Justizalltag notorisch. Es galt, weil all dies in den demokratischen Öffentlichkeiten des anderen Europa längst bekannt war, diesem Imageschaden zu beheben. Zunächst verhinderte Franco mit seinen Gehilfen, dass Manuel Serrat für Spanien antritt. Der Katalane, der sein Lied auch selbst komponiert hatte, hätte eben die Sprache seiner Heimat gesungen, Katalanisch. Aber die galt den spanischen Obristen als gefährlich, denn das Gebiet rund um Barcelona galt als widerständig im Gegensatz zum franquistischen Madrid. Inthronisiert wurde Massiel, für die eigens ein Arrangeur angeheuert wurde, welcher ihr “La La La” mit internationalem Sound ausrüstete: Bert Kaempfert, der berühmte deutsche Liedausschmücker.

1968 selbst war vor dem Abend in der Royal Albert Hall Cliff Richard so favorisiert wie vorher und auch nach ihm kein anderer ESC-Interpret. Er musste gewinnen: “Congratulations” war ein solch bombastisch perfektes Lied, dargeboten von einem Entertainer, der damals in Europa ein Star war wie es heute nur Robbie Williams ist.

Aber dann … bekam Massiel viele Punkte. Bei der vorletzten Wertung, der aus Frankfurt am Main, bekam das Publikum in der ehrwürdigen Royal Albert Hall einen Schock. Massiel erhielt sechs Punkte, Cliff Richard nur zwei. Seltsam! Mit einem Punkt lag die unbekannte Spanierin nun vorne. Noch sollte die jugoslawische Wertung kommen. Aber aus Belgrad gab es für die führenden drei Länder, Spanien, Großbritannien und Frankreich (mit Isabelle Ausbret und ihrem “La Source”) keinen einzigen Zähler mehr.

Die gesamte Nation, die Cliff Richard vertreten hatten, ja, das Publikum in der Royal Albert Hall war einem spektakulären Trauma ausgesetzt: Wie konnte das passieren?

Die Dinge harren der weiteren Aufklärung, noch sind keine Belege beigebracht. Aber: Es ist wohl so wie beim Sport. Nichts ersetzt den Liveaugenblick. Beim 100-Meter-Finale von Seoul gewann Florence Griffith-Joyner mit einer wohl dopingunterstützten Zeit von sonderbaren Klasse. Die hinter ihr liegende Zweite hätte, selbst wenn das Doping je bewiesen worden wäre, niemals den Sieg auskosten können.

Cliff Richard bekundete nun, er wäre glücklich, würde er, doch noch zum Sieger erklärt werden. Denn: “Ich laufe immer als Zweiter herum. Aber ich wäre der Glücklichste, könnte ich sagen, ich habe doch gewonnen.”

Meine Meinung? Massiel hat gewonnen, und das möge auch so bleiben. Denn der Betrug, wenn es denn einer war, ist verjährt, und zwar nach allen Strafgesetzbüchern der Welt. Massiel hat außerdem kein schlechtes Lied gesungen. Es war modern, es wirkte sehr modisch, sehr Dusty-Springfield-haft. Massiel war auch klamottenmäßig auf der Höhe der Zeit. Fragwürdig nur, dass Spanien mit diesem möglicherweise erkauften Sieg Prestige gewann. Ist die spanische Diktatur zu beseitigen, wie es erst 1975 gelang, ein paar Jahre gerade deshalb verschleppt worden?

Cliff Richard aber sollte im Nachhinein zum Mitsieger erklärt werden. Es wäre eine Genugtuung für alle, die den neben Abbas “Waterloo” und Domenico Modugnos “Volare” wichtigsten und populärsten ESC-Song aller Zeiten gern hätten triumphieren sehen. Betrug ist Betrug: Verjährt – aber moralisch hätte Cliff Richard die Krone verdient. Und, da bin ich für keinen Kompromiss zu haben, die Gerüchte um die spanischen Manipulationen, von denen es nach Aussage der Schweizer Sängerin Sandra Simo auch 1990 Versuche gab, beweisen nur, dass Juries nie wieder das Sagen haben sollen. Juries sind korruptionsanfällig und grundsätzlich käuflich. Besser ist das Televoting.

Lang lebe Massiel! Länger lebe “Congratulation” und sein furioser Interpret: Cliff Richard. Glückwunsch ihm – leider offenbar nur nachträglich!

Svante Stockselius von der Eurovision war bislang zu keiner Stellungnahme zu haben. Wir tragen das nach.