Gronauer Ikonen

11. April 2011

Fast ein wenig bescheiden nimmt sich im Gronauer Rock’n'Popmuseum die aktuelle Ausstellung zum Eurovision Song Contest aus. Bitte? ESC als museales Unterfangen? Ja, warum nicht? Ist doch der Rock auch, der Pop, der Schlager – alle Formen der klangteppichhaften Unterhaltung seit dem Kriegsende. Und dass der Eurovision Song Contest nun von den Museumsaufbereitern des Pops und des Rocks wahrgenommen wird, spricht einerseits für verspätete Reaktion, andererseits für Realitätssinn: Dass Lena für Deutschland mit einem Poplied gewinnen konnte, hat eben auch den geschmackspolizeilich orientierten Rockisten und Popisten Beine gemacht.

Der ESC-Videoblog besucht das Rock'n'Popmuseum.

Will sagen: Es ist gut, dass an der deutsch-niederländischen Grenze endlich auch das erfolgreichste und europäischste Festivalformat des Pops zur Kenntnis genommen wird. Bis zum 29. Mai läuft die Schau in Gronau, die Fahrt ins nordwestliche Eck Nordrhein-Westfalens lohnt, zumal dort alles obwaltet – viele Kühe, etwas Technik, sehr viele propere Einfamilienhäuser, fleißige Kinder, stabile Ehen (hat mir ein Freund berichtet, er weiß es vom dortigen Hörensagen) – aber eigentlich kein Glamour. Diese Lücke wetzt das Rock’n'Popmuseum aus – jetzt eben auch mit dem ESC.

Nicole in ihrem legendären Grand-Prix-Kleid (Foto: Bayerischer Rundfunk)

Und wie schön, dass Nicoles Harrogate-Kleid und Guildo Horns Birmingham-Fummel zu sehen sind. Zu jeder guten Ausstellung gehören Textilien, die man wiedererkennt. Zumal zu viel Text auch abstößt: 80 Audiobeiträge rufen Erinnerungen wach. Meine These ist: Lena ist längst angekommen in der Hall of Fame – Nicole und Guildo Horn gleichwohl. Nur die beiden letzteren allerdings sind auch reif fürs Museum. Denn ihre Stile, ihre ästhetischen Ausdrucksformen sind von gestern. Aber sie sind nach wie vor Juwelen, sie gehören zum Kulturwissen unseres Landes, zu den Merkposten gemeinsamer Erinnerung. (Was man von Atlantis 2000 oder Chris Kempers und Daniel Kovacs nicht sagen kann – die kennen auch unter ESC-Aficionados nur Experten.)

Jedenfalls: In Düsseldorf selbst wird Ende April eine Ausstellung mit ESC-Plattencovern eröffnet, gleich bei der Tonhalle, in der nobelsten Kunsthalle der Stadt. In Gronau gibt es einen guten Vorgeschmack. Ein Lob den Kuratoren!

Ein Glanzpunkt der klassischen Art

4. April 2011

Das haben Fans wie Jan Zwinkmann aus Berlin und Fanclubmeister Michael Sonneck angeregt – und nun wird wenigstens ein Teil ihres Begehrens in Erfüllung gehen. Wörtlich heißt es in der Pressemeldung der in Sachen Düsseldorf rührigen Marketingagentur: “Am 11. Mai gibt es ein Wiedersehen mit Stars und ihren besten Hits. Unter anderem mit Johnny Logan und Katja Ebstein.” Wir erinnern uns: Bei etlichen Eurovision Song Contests gab es während der Festivalwoche selbst ein Stelldichein ehemaliger ESC-Teilnehmer. So war es in Norwegen 1996 und 2010, so war es in Helsinki und Moskau. Fans wünschten nun, dass während der Grand-Prix-Tage am Rhein deutsche ESC-Veteranen – falls man das so sagen darf, ohne despektierlich zu scheinen - auftreten.


 
Nun, das wird jetzt wahr, wenn auch in einer kleinen, engen Art, die glamourös scheinen mag. Denn am 11. Mai, das ist der Mittwoch zwischen den beiden Halbfinals, finden in der Tonhalle just in Wurfnähe zum Rhein die “Grand Prix Classics” mit Katja Ebstein, Mary Roos, Nino de Angelo, Ingrid Peters und Guildo Horn (jawoll, der wird inwischen historisiert, obwohl er doch den Auftakt zur Modernisierung des deutschen ESC-Wesens symbolisiert) statt. Sie singen Altbekanntes, hauptsächlich Eigenes, wobei die Peters auch “Waterloo” und “Hallelujah” geben wird. Sie performen nicht zum Soundtrack aus dem Cassettenrecorder, sondern live zu den Klängen des WDR-Rundfunkorchesters – und das verspricht mehr als eine lieblose Nummernfolge von Traditionellem.
 
Ich würde sagen, dass das eine okaye Geste ist – allerdings mehr nicht. Das Konzert wird erwartbar gut, das Publikum wird jubeln – es besteht ja en gros und en detail aus akkreditierten Fans und Journalisten. Aber: Wenn schon hinreichend Leute in Düsseldorf präsent sind, die eine Halle füllen, dann hätte man doch zumindest viel mehr ESC-Veteranen laden müssen. Und: Warum schon wieder Johnny Logan? Wer hat sich bloß dieses Programm ausgedacht? Es wirkt ein wenig gedankenlos – denn weshalb müssen wir Joy Fleming, Lou, Lena Valaitis, Michelle oder Stefan Raab missen? Eventuell hat Letzterer nicht gewollt – aber es hätte doch nichts dagegen gesprochen, Max Mutzkes “Can’t Wait Until Tonight” mit souligem Chor aus der Fleming, der Ebstein und Siw Malmkvist anstimmen zu lassen?
 
Oder habe ich etwas überlesen – nämlich, dass alle noch lebenden ESC-Performer mit deutschem Ticket gefragt worden waren und kommen, wenngleich nicht singen? Aber warum? Weshalb nicht so viele wie möglich einladen und die Chose nötigenfalls bis nachts um vier Uhr laufen lassen?
 
Schade, trotz der Geste schlechthin. Aber diese Kollektion scheint wie altbekanntes Konfekt ohne Überraschungsmoment. Wobei, ausdrücklich sei dies erwähnt, nichts gegen die Konzertteilnehmer gesagt sein soll: Allein, es hätten viel mehr sein können!

Jury und Publikum stimmten ähnlich ab

25. Juni 2009

Endlich hat man mal aus deutscher Sicht eine klare Ansage: Nach den allermeisten ESC-Ländern hat nun auch die ARD bekannt gebeben, wie deutsche Jury beim Finale am 16. Mai abgestimmt hat. Und, welche Überraschung, die Türkei erhielt nur einen Punkt, Island derer zwölf und Portugal gleich zwei.

Das ist nur mager different zum deutschen Puntkeergebnis überhaupt: Davon abgesehen, dass das Televoting Alexander Rybak doch auf Platz eins setzte, also Thomas Anders für den Norweger zwölf Punkte nach Moskau schicken konnte. Die Isländerin hingegen muss beim Publikum eher überhört worden sein, sonst wäre sie wenigstens mit zehn Punkten bedacht worden. Dass Malta gleich zehn Zähler aus der Jury erhielt, muss mit Guildo Horns Verführungskünsten zu tun haben: Ich erinnere mich noch gut, dass er Chiara, als er selbst in Birmingham auf die Bühne ging, schon damals toll fand. Alte Kumpelinnen vergisst man offenbar nicht! Schön, dass Israel der Jury drei Punkte wert war.

Ingesamt muss man aber sagen, dass die ExpertInnen kaum spektakulär unterschiedliche Wahrnehmungen hatten. Mit zwei Ausnahmen: Griechenland, von der Jury krass ignoriert, erntete beim Televoting viel Zuspruch, die Türkei schaffte es sogar auf die zweithöchste Punktezahl. Und das ist ein Zeichen, dass die ARD während des ESC bei unseren migrantische BürgerInnen der liebste Sender war. Ist das nicht auch ein Integrationszeichen, ein sehr schönes?

55. ESC ohne Raab

25. Mai 2009

Dass die Vorentscheidung für den 55. ESC ohne die Allianz mit Stefan Raab (“Bundesvision Song Contest”, BSC) über die ARD-Bühne gehen soll, ist nun offiziell. In einem Interview mit dem Spiegel hat Raab gesagt, die ARD habe sich, so dürfen seine Worte gebündelt werden, in ihrer Entscheidungsfindung verzettelt. So ineffizient zu arbeiten, so ließ sich der dreimalige ESC-Teilnehmer (1998 als Produzent und Dirigent von Guildo Horn, 2000 auf der Bühne selbst, 2004 als Macher und Gitarrist von Max Mutzke) vernehmen, sei nicht die Art, mit der bei seinem Sender gewirkt werde.

 

Dass der NDR das bedauert, versteht sich von allein – er hatte immerhin die Initiative für diese Allianz ergriffen. Das Kalkül: Raab und seinem BSC sei für das nächste Jahr tatsächlich ein Act für Norwegen herauszusuchen möglich, wie es der ARD allein nicht gelingen kann. Denn die Musikwirtschaft schickt ihre wichtigsten zeitgenössischen Sänger und Sängerinnen wie Bands nicht zum ESC, sondern lieber zum BSC, des größeren Promotionsgehalts wegen.

Ich bedaure das. Ein Mann wie Peter Fox, Gewinner des BSC dieses Jahr, hätte beim ESC mit seinem “Haus am See” eine gute Chance. Oder auch andere, alle aus den Newcomerstuben der Branche, aus den Fohlenställen – aber mit Gewächsen, die hungrig sind und alle Chancen der Welt, mindestens in Europa haben und wollen.

Schade ist es auch deshalb, weil die ARD ja nicht umsonst behaupten will, dass sie die erste Reihe der TV-Landschaft verkörpere. Aber im Entertainmentbereich – den ESC sahen dieses Jahr europaweit die Rekordmenge von 122 Millionen Zuschauern – ist die ARD leider eher eine Senderkette, in der ich selbst als Mann des Jahrgangs 1957 das Babysegment abgebe. Ob, wie er nun herauströtete, Dieter Bohlen ein Ersatzhelfer sein kann, ist schwer zu entscheiden. Der Mann hat drei Mal an der Eurovision teilgenommen, er hat niemals gut abgeschnitten. Seine Acts wirken, siehe DSDS, kalt und kalkuliert – was allein schon der Unterschied zu Raab und den Seinen umreißt.

Möglicherweise kann es doch noch eine Kooperation geben. Es sind, bis zu konkreten Sendeplänen, noch einige Monate hin. Vielleicht lassen sich die IntendantInnen auch noch hinreißen und wünschen sich gemeinsam eine Kooperation mit Raab: Ein günstigeres Entree in die Herzen jugendlicher und junger Zuschauer aller Schichten kann es doch echt nicht geben!

Unkaputtbar

18. Mai 2009

Wie es um den VfL Bochum genau steht, weiß man ja nie so genau: Wahrscheinlich steigen sie diese Saison nicht ab weil sie, “unkaputtbar” sind, wie es im Ruhrpott heißt. Sicher ist allerdings, dass der Sonnabend mit dem ESC einmal mehr für die ARD das wichtigste Showformat jenseits der Volksmusik war. Die Quoten - nicht so klasse wie einst bei Michelle oder Texas Lightning. Aber dafür, dass es keinen Vorentscheid gab, konnten Alex Christensen und Oscar Loya ziemlich gut mobilisieren.

 
Die Medien am Tag oder zwei Tage danach klingen fast durchweg hämisch. Leider. Die Tagesschau zeigte abermals Alexander Rybak als Sieger von Moskau, aber die papiernen Medien waren einmal mehr en gros wie meist auch en detail kenntnisfrei berichterstattend. Immerhin, die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” hatte so opulent wie kein anderes Blatt berichtet, die “Frankfuter Rundschau” immerhin mokierte sich, ich finde zutreffend, über die Äußerung des deutschrussischen Schriftstellers Wladimir Kaminer, die dieser in der ARD-Grand-Prix-Party mitteilte. Dass es mit der Homophobie, angesprochen auf den zerschlagenen CSD am Vormittag vor dem abendlichen ESC-Finales, nicht weit her sei, das werde sich wohl bald ändern. Nun, das hört man von einem, der in dieser Hinsicht noch nie fürchten musste, von Miliz wie Polizei behelligt zu werden, doch ungern. Keine echte Ahnung von der Atmosphäre an Ort und Stelle, aber aus der ganz gemütlichen Sofaecke, einer deutschen, liberal gesinnten zumal, mal kurz das Weltgeschehen analytisch auf den Kopf stellen. Man wird seine Moskauer Geschichten wohl künftig mit leichten inneren Blessuren lesen müssen. Das Berliner Boulevardblatt “B.Z.” schrieb: “Außer Teese alles Käse”. Man wüsste gern, ob es für diese Herrenwitzstabreimerei redaktionsintern einen Schnaps gab oder gleich zwei. Als ob alle Welt auf die Burlesktänzerin stierte – wenigstens hätte man sich von dieser Zeitung einen Reim gewünscht, weshalb Dita von Teese doch nicht so zog. Weil sie sich fast auszog?

Der Gewinner der Woche, besser: die Gewinner, sind Alex Christensen und Oscar Loya. Sie wollten gewinnen, sie gaben alles, sie hatten keine Chance. Na und? Das hatte Leidenschaft, und sie wurde nicht anerkannt. Ein Ehrenplatz für beide in der Hall of Fame des deutschen ESC, bitte!

Ich finde, dies vor meinen Bemerkungen zur heute deutlicher gewordenen deutschen ESC-Zukunft, sollte doch allen Rezensenten zu denken geben: 7,3 Millionen Zuschauer waren dabei. Vermutlich waren es sogar viel mehr, denn es werden immer nur Einzel-TV-Geräte gezählt – also nicht jene, die zu Parties kamen, beispielsweise in Hamburg St. Pauli vor der Großbildleinwand des NDR.

Und jetzt, so sickerte es durch durch die Süddeutsche Zeitung, will die ARD in Sachen ESC mit Stefan Raab alliieren? Warum nicht. Sein Bundesvision Song Contest, den er ohnehin nur ins Leben rief, weil er, beleidigt nach Max Mutzkes achtem Platz in Istanbul, war ja ohnehin längst ersehnt worden als eigentlicher Vorentscheid. Nur ein Bedenken habe ich: Haben bei einem solchen Castingwettbewerb um den glühendsten Hunger nach internationalem Erfolg auch bislang unbekannte Performer eine Chance? Kriegen jene mal eine Chance, die wie Alexander Rybak oder die Isländerin Yohanna nicht schon durch die Bohlen- oder Klum-Schreddermaschine gegangen sind? Die Idee, die bald spruchreif sein soll, als solche klingt gut. Schon weil Raab einer der besten ESC-Kenner ist – und weil er schon hinter Guildo Horn und selbst auf der Bühne 2000 in Stockholm und 2004 in Istanbul als Musiker auf der Akustikgitarre bei Max Mutze.

Ein monochromer Jahrgang?

24. April 2009

Wikipedia klärt uns auf: Monochrom ist etwas dann, wenn es als geringfarbig wahrgenommen wird. Ein Bild, ein Gegenstand, ein Objekt – fast einfarbig, und der Betrachter vermisst nicht einmal mehr Farben, aber das, was ihm monochrom scheint, hinterlässt ein leises, oft unbewusstes Unbehagen. So geht es mir dieses Jahr beim ESC. Jeder Fan beurteilt einen ESC nicht nach einzelnen Liedern, sondern komplexer. Die echten, die erfahrenen Freunde dieses Events beurteilen einen Jahrgang, keinen Sieger, keinen Letztplatzierten. Wie Fußballfans zur aktuellen Lage der Bundesliga sagen: Ist ja gut, dass Bayern München nicht mehr automatisch Meister wird und Mannschaften wie der HSV, Wolfsburg eine Chance haben. Man erfreut sich an differenten Charakteren.

Dustin the Turkey

So geht es mir dieses Jahr beim ESC: Auch nach mehrmaliger Durchschau der 42 Lieder stelle ich eine leicht erschreckende Seriosität fest. Und zwar aller Acts. Es ist nichts falsch an diesem Jahrgang. Wie alle Jahre zuvor dachte ich zunächst auch, na, fast alles unhörbar. Klar, das ändert sich, zumal, wie es in den Tagen von Moskau live an Ort und Stelle sein wird, einem am Ende alle Songs, gehirngewaschen durch Dauerberieselung, irgendwie okay bis klasse vorkommen. Aber wo sind die Grellen, die Verstörenden, die in einem guten Sinne Aussätzigen, die sich einem Mainstream zu verweigern scheinen?

Erinnern wir uns: Dustin der Truthahn, Rodolfo aus Spanien, die Drama Queen aus Dänemark, Alf Poier, Guildo Horn oder, in früheren Zeiten gegraben, die norwegischen Folkloresänger aus lappländischen Gegenden? Wo ist der Schottenrock eines Briten, die Alphörner aus der Schweiz? Gerade dieses Land hat uns manch Bizarrerie vorgestellt, aber die Lovebugs, so sehr ich dieses Lied mag, sind doch irgendwie ziemlich konventionell, oder? Und dann vermisse ich dieses Mikis-Theodorakishafte Griechenlands. Früher klang von denen alles nach Bouzouki und Souvlaki und eingelegten Weinblättern: Nichts gegen Sakis Rouvas – aber der ist doch echt von der Stange, ein Dauerton in Konfektion.

Natürlich, Hervorstechendes birgt die Gefahr, keine Punkte zu ernten – aber das Allzugefällige doch auch. Ich wünsche mir mehr Außergewöhnliches. Dass man mit ihr auch gewinnen kann, weiß doch jedes ESC-Kind: Dana International – das war der Versuch, die Grenzen des ESC-Genres zu sprengen, vor allem mit den Mitteln der Überraschung, der entertainenden Magie. Man darf nicht nur, man muss auf Überraschungen gefasst sein, wie gern würde mir das passieren. Marija Serifovic fand ich auch eher öde – in Helsinki, mit einer ganz anderen Performance als beim Vorentscheid in Belgrad, fegte sie alle weg. Ich wünschte, es könnte in Moskau auch so geschehen: Monochromes ermüdet nämlich.

Okay Jury!

24. Februar 2009

Okay, wenn man schon ein offizielles Gremium hat – ja, ich wäre nach wie vor am liebsten für die Volltelevotinglösung – dann sollte es auch so besetzt sein, dass es den Geschmack zeitgenössischer Musik wenigstens nicht vollkommen ignoriert. Die deutsche Jury, die immerhin über 50 Prozent der Kraft der deutschen Punkte in den Händen hält, entspricht diesem Anforderungsprofil korrekt. Anders gesagt: Ginge es nach klassischen Schlagerfreunden, wäre die Jury mit den Flippers, mit Stefanie Hertel, Gaby Albrecht, einem Mitglied der Gruppe Wind sowie Lena Valaitis besetzt worden. Und falls es Ihnen wie mir geht beim Lesen dieser gewiss renommierten Namen: Das hat schon etwas
Vorgestrig-Alptraumhaftes.

Jan Feddersen. Foto: Privat / NDR

Jeanette Biedermann, H.P. Baxxter, Guildo Horn, Sylvia Kollek und Tobias Künzel hingegen bilden ein Quintett, das eine gewisse Neigung zur Lebenslust im Nichtdepressiven hat, will sagen: klassische Schlagerfreunde haben ja allesamt eine leichten Hau ins depressive, das ins übergutgelaunte, Manische schwappt. Ich bin der Jury zufrieden. Wenn also am Abend des 16. Mai aus Moskau die Kunde kommt, dass Deutschland der Türkei wieder zwölf Punkte gibt, dann kann es, bitte sehr, nicht mehr am Handywahn von türkischdeutschen Migranten
liegen. Sondern einfach nur daran, dass das Lied vom Bosporus gut ist.

Provokationen? Her damit!

1. Juli 2008

Die Debatte geht weiter: Wie eine perfekte Vorentscheidungsshow auszusehen hätte, damit Deutschland mal nicht unter “ferner sangen” landet. Alle bisherigen Vorschläge haben Argumente auf ihrer Seite – alle werden gewogen. Nur: Wie wäre es denn, würden wir eine perfekte Vorentscheidung habe? Ein Moderator, der das Traditionelle ebenso glaubwürdig verkörpern kann wie das Neue? Einen Act oder gleich mehrere, aus dem das Publikum einen Titel für Moskau wählte? Eine Show, blank gesprochen, die alle glücklich macht?

Ich schätze: Das wäre die pure Langeweile. Das hinterließe ein irgendwie ausgetrocknetes Gemüt. Ich plädiere also für ein Element der Provokation. So wie Guildo Horn 1998 eine halbbeleidigte Nation hinterließ und die andere Hälfte selig machte. So wie Stefan Raab 2000, als er mit “Wadde hadde dudde da?” eine auf Nostalgie gestimmte Grand-Prix-Gemeinde schwer enttäuschte. Meinem Eindruck nach ist jeder Sieg nur halb so schön, wenn er nicht auch noch Luft ließe für böse Gefühle.

Oliver Pocher. Foto: ARD/Marco Grob

Um es frei heraus zu sagen: So wie dieses Jahr Oliver Pocher. Nicht gerade der Liebling von allen, kein Showmaster Heinz Schenk aus der Musiksendung “Zum Blauen Bock”, nicht Thomas Gottschalk: Einer, der zur offenen Beleidigung neigt – und das muss er auch, denn das kann er brillant, dafür brauchen wir ihn. Ich plädiere also auch für das kommende Jahr für einen Störfaktor, der alle aufregt oder beruhigt, mit den Finger schnippen lässt oder gar wütend stimmt. Nur das eine dürfte er nicht: zu allen lieb sein.

Denn: Allen wohl und niemand weh ist das Todesrezept allen Entertainments. Erinnern wir uns nicht gern an die Frechheiten Pochers in der Rolle des gemeinen Fieslings nach dem hauchdünnen Sieg der No Angels?

Er hatte uns wirklich lieb!

10. April 2008

Guildo Horn beim ESC 1998. Foto: Katja Lenz / Picture Alliance

Es ist ja schon so lange her – dieses Ereignis, dass aus dem Grand Prix ein Event machte. Ein Mann, der quasi als Monsterstaubwedel des vermehlten Schlagers die Bude aufräumte, und die nach dieser
Säuberungsaktion nie mehr so aussehen sollte wie einst. Guildo Horn heißt der Held.
Seine Geschichte begann, als er, der mit Schlagermusik aus Mamas Kofferradio sozialisiert wurde, keine Lust mehr hatte, Sozialpädagoge zu sein und sich statt Horst Köhler Guildo Horn nannte – um seiner Verehrung von Rex Gildo Ausdruck zu verleihen. Mit krassen Kostümen zog er mit seinen “Orthopädischen Strümpfen” durch die Lande und schaffte es in der ZDF-Hitparade sogar 1994 auf einen dritten Platz.

Aber das war erst der Anfang. Davon ahnte wohl der NDR nichts, als er Ende 1995 das Dirigat für die ARD in Sachen Grand Prix übernahm. Ende 1997 kam auf den NDR die Idee zugeflogen, ob einer wie Guildo Horn nicht für Deutschland in Birmingham an den Start gehen könnte. So schlecht waren die Bedingungen nicht, der Grand Prix des Jahres 1997 hatte mit Ala Pugatschowa und dem Isländer Pal Oscar ja glamouröse Figuren hervorgebracht – fern vom Schlager, ganz auf der Höhe der Zeit. Und dann nahm die Bild-Zeitung – durchaus im Sinne einer abgesprochenen Kampagne – die Idee des Managements von Guildo Horn auf und fragte: Darf so einer für Deutschland singen? Natürlich hätte einer so gedurft, aber das Schlagerstablishment kreischte bang und bänger um seine Daseinsberechtigung.

Schließlich gewann “Guildo hat euch lieb”, geschrieben von keinem geringeren als Stefan Raab, die deutsche Vorentscheidung in Bremen – haushoch vor den seither auch prominent gewordenen “Rosenstolz”. Und was man nicht ahnte, brach los: Eine landesweite Begeisterung landesweit für den Grand Prix Eurovision. Tausende von Fans kamen in Fanbussen, -zügen und -flugzeugen nach Birmingham und machten aus der mittelenglischen Metropole das friedlichste deutsche Heerlager seit Anbruch des modernen Fantums.

Mit dieser Performance, die Horn übrigens völlig verdient auf einem respektablen siebten Platz abschloss, hatte der Trierer das Fundament seiner weiteren Karriere gelegt. Aus dem Scheinironiker des Schlagergewerbes war ein ernsthafter Künstler geworden. Und wir lernten: Wer sich beim Grand Prix anstrengt, wer nicht nur sein Bestes, sondern sein Allerbestes gibt und jede Blamage verhindern will, hat hinterher alle Liebe der Leute. Horn hat damals zwar karrieretechnisch seinen Zenit erreicht, höher sollte es nicht mehr gehen, zumal er nach Birmingham die Verbindungen zu den “Orthopädischen Strümpfen” mehr oder weniger rigoros kappte: Sie hatten ihre gemeinsame Musikantenzeit hinter sich.

Aber: Trotz aller Lous und Corinna Mays, die in der deutschen ESC-Geschichte noch kommen sollten, hatte der NDR mit Guildo Horn als monströs populäre Gallionsfigur den Grand Prix Eurovision modernisiert. Die vertorfte Schlagerelite lernte: Mit seichtem Schlager ist kein Grand Prix mehr zu gewinnen.

Im Zuge von Horns “Kreuzzug der Liebe” war es nur zu konsequent, dass eine Fülle weiterer typischer ESC-Zöpfe gekappt wurden. Schon in Birmingham gab es nur noch ausnahmsweise was zu dirigieren am Grand-Prix-Orchestergraben – und Birmingham war der letzte Grand Prix, bei dem in der Landessprache gesungen werden musste. Schon in Jerusalem waren die Juries abgeschafft und es galt das viel demokratischere Televotingverfahren: Die Macht der Männer und Frauen im Juryhintergrund war endgültig gebrochen. Gut so!

Mit Guildo Horn kam auch ein Mann ins ESC-Spiel, der momentan pausiert: Stefan Raab, leider immer noch in Sachen Bundesvision tätig. Aber Guildo Horns Furor, motivierte ihn, 2000 selbst mitmachen zu wollen und 2004 mit Max Mutzke abermals in den kompositorischen Ring zu steigen. Ein fünfter und ein achter Platz: Respekt dafür noch heute. Aus dem Grand Prix Eurovision ist das größte Popfestival der Welt geworden – mit heute 43 Ländern (und, zählt man Österreich, Monaco, die Slowakei und andere hinzu, bald vier Dutzend Ländern). Das wäre mit der Schlagermasche wirklich nicht gegangen.

Pointe: Die Rockästhetik, der sich Guildo Horn und sein Produzent Michael Horn (“Ein Lied kann eine Brücke sein”) bediente, die wiederum sich der alten Schlager wie “Wunder gibt es immer wieder” bemächtigte, hat in Deutschland allen gut getan. Schlager ist, wie Guildo Horn sagte, Popmusik, die früher nur anders hieß. Was wir vor allem erinnern an diesem Superstar, der er vor zehn Jahren war: Er performte, dass es eine Freude war. Sprang in Birmingham auf die Kulissenbrüstung, trug Klamotten, wie sie schriller nicht gingen, röhrte ins Mikro, als sei er Joe Cocker und Ricky Shayne in einem und liebte die Bühne. So wie es sein muss, will man Punkte ernte als Dank für die Liebe.

Wir erinnern Guildo Horn gern: Er hat den Grand Prix Eurovision quasi gerettet. Wir haben Guildo lieb!

Achtung Kuriosa!

1. April 2008

Seit einiger Zeit kursiert nun die offizielle Previewliste der Eurovision mit allen 43 Acts, die dieses Jahr in Belgrad die Krone des Grand Prix erringen wollen. Der allgemeine Eindruck: kein schlechter Jahrgang. Was aber moniert wird, ist die Häufung an Kuriositäten, an Skurrilem und Auffälligem. Manche sagen gar, die, an denen sie sich stören, versuchen gar nicht erst, durch eine Komposition samt Text plus Anmut zu überzeugen, sondern durch schiere Unernsthaftigkeit.

Besonders in die Augen und Ohren fallen vier Beiträge: Spanien mit einem lärmenden Lied über ein Stück Gefieder; außerdem Estland mit einem sprachenkunterbunten Stück, welches mit serbischen wie deutschen Schnipseln die Zeremonie des ESC auf die Schippe zu nehmen scheint; Belgien wartet mit dem zweiten Lied innerhalb von fünf Jahren auf, das sich einer Kunstsprache bedient und außerdem wie eine Kreuzung aus dem Sechzigerjahrehit “Dominique” der singenden Nonnen von “Soeurs Sourire” und Flughafenmusik der Fünfziger sich anhört. Und den Vogel, den truthahnigen Vogel buchstäblich, schießt Irland ab – ein Komödiant in der Rolle des Truthahns bemächtigt sich der Eurovisionsbühne. Bis auf die Belgier kommen sie alle mehr oder weniger laut daher – und das deutet auf den Grund der Auswahl dieser Lieder in ihren Ländern hin. Es geht um pure Aufmerksamkeit, ums Auffallen und ums Bemerktwerden.

Weitere Kuriose verdienen ebenfalls Beachtung: Bosnien & Herzegowina zum Beispiel. Sonst ein sicherer Lieferant von schwermütig balkanesischer Kost oder aufgetriedelter Discomunterkeit nach Art des optimistischen Vorkriegssarajewo, kommen sie auch verspaßt daher.

Zunächst sind – bis auf das exjugoslawische Land – alle Länder wie Irland und Spanien auffällig, weil sie in den vergangenen Jahren nicht nur keinen Erfolg hatten, sondern sogar mit krassen Misserfolgen nach Hause fahren mussten. Spanien? Ein Witz, wenn man sich der Zeiten erinnert, als noch die Mocedades die Richtschnur absteckten oder Anabel Conde. Oder Belgien: ein einziges Suchen und Rätseln um das, was europäisch Punkte verspricht. Mit anderen Worten: Diese Beiträge gibt es nur, weil diese Länder offenbar die Hoffnung aufgeben haben, mit einst sicherem Gespür die europäischen Juroren- oder Anrufergemüter zu berühren.

All dieser Krawall ist ja in Deutschland nicht unbekannt. Als Dschinghis Khan 1979 vom damals genialen Ralph Siegel in die Spur geschickt wurden, ja schließlich gewannen, war das Gekreisch groß: Hat denn das alles noch Geschmack und Schlager zu tun? Hatte es. Siegel ahnte, dass die Ästhetik der Village People (“YMCA”) gängig ist – und seine Retortengruppe war eine kluge, zeitgenössische Reaktion auf diesen Sound, der aus Amerika zu uns kam. Und außerdem: Dass der ESC Geschmack und Schlager zu verkörpern hat, stand auch nie in den Regeln – das dachten sich die Puristen und Eiferer immer nur.

Auch Guildo Horn galt bei uns immer als unernstes Veräppeln der hehren Idee der Eurovision. In Wahrheit hat er seine Performance sehr ernst genommen – und zum Dank gab es ja den siebten Platz. Ebenso Verka Serduchka – voriges Jahr auch nicht gerade die Verkörperung der ESC-Klassik. Und das Ende von ihrem Auftritt? Kommerziell der stärkste Act bis hin zu Plattenverkäufen im United Kingdom.

Da mag sich schließlich Dana (nicht International, sondern die von “All Kinds Of Everything”) noch so schämen für ihren Eurovisionstruthahn, noch so fordern, dass Irland auf einen Start verzichtet: Er wird ins Rennen gehen – und nur Gott allein weiß, ob das gut geht. Das Publikum will es: In allen Ländern, die vermeintliche Kuriosa nach Belgrad schicken, war die Anteilnahme an der Vorentscheidung größer denn je. Es ist ja ohnehin nicht ausgemacht, dass diese Lieder baden gehen. Die Serduchka wurde Zweite, Horn wie erwähnt Siebter, Alf Poier für Österreich landete 2003 in Riga auch extrem weit vorne – und die belgische Kunstsprache fand sich in Riga gar auf dem zweiten Platz wieder.

Will sagen: Mancher Act kam als Scherz zum ESC-Finale – und verließ es als Sieger. Hätte denn wirklich irgendeiner mit Lordi, den singenden Spielzeugen nach liebster Kinderart, gerechnet? Eben. Helsinki und ganz Finnland haben sich gefreut. Und wir auch. Oder?