
Es ist ja schon so lange her – dieses Ereignis, dass aus dem Grand Prix ein Event machte. Ein Mann, der quasi als Monsterstaubwedel des vermehlten Schlagers die Bude aufräumte, und die nach dieser
Säuberungsaktion nie mehr so aussehen sollte wie einst. Guildo Horn heißt der Held.
Seine Geschichte begann, als er, der mit Schlagermusik aus Mamas Kofferradio sozialisiert wurde, keine Lust mehr hatte, Sozialpädagoge zu sein und sich statt Horst Köhler Guildo Horn nannte – um seiner Verehrung von Rex Gildo Ausdruck zu verleihen. Mit krassen Kostümen zog er mit seinen “Orthopädischen Strümpfen” durch die Lande und schaffte es in der ZDF-Hitparade sogar 1994 auf einen dritten Platz.
Aber das war erst der Anfang. Davon ahnte wohl der NDR nichts, als er Ende 1995 das Dirigat für die ARD in Sachen Grand Prix übernahm. Ende 1997 kam auf den NDR die Idee zugeflogen, ob einer wie Guildo Horn nicht für Deutschland in Birmingham an den Start gehen könnte. So schlecht waren die Bedingungen nicht, der Grand Prix des Jahres 1997 hatte mit Ala Pugatschowa und dem Isländer Pal Oscar ja glamouröse Figuren hervorgebracht – fern vom Schlager, ganz auf der Höhe der Zeit. Und dann nahm die Bild-Zeitung – durchaus im Sinne einer abgesprochenen Kampagne – die Idee des Managements von Guildo Horn auf und fragte: Darf so einer für Deutschland singen? Natürlich hätte einer so gedurft, aber das Schlagerstablishment kreischte bang und bänger um seine Daseinsberechtigung.
Schließlich gewann “Guildo hat euch lieb”, geschrieben von keinem geringeren als Stefan Raab, die deutsche Vorentscheidung in Bremen – haushoch vor den seither auch prominent gewordenen “Rosenstolz”. Und was man nicht ahnte, brach los: Eine landesweite Begeisterung landesweit für den Grand Prix Eurovision. Tausende von Fans kamen in Fanbussen, -zügen und -flugzeugen nach Birmingham und machten aus der mittelenglischen Metropole das friedlichste deutsche Heerlager seit Anbruch des modernen Fantums.
Mit dieser Performance, die Horn übrigens völlig verdient auf einem respektablen siebten Platz abschloss, hatte der Trierer das Fundament seiner weiteren Karriere gelegt. Aus dem Scheinironiker des Schlagergewerbes war ein ernsthafter Künstler geworden. Und wir lernten: Wer sich beim Grand Prix anstrengt, wer nicht nur sein Bestes, sondern sein Allerbestes gibt und jede Blamage verhindern will, hat hinterher alle Liebe der Leute. Horn hat damals zwar karrieretechnisch seinen Zenit erreicht, höher sollte es nicht mehr gehen, zumal er nach Birmingham die Verbindungen zu den “Orthopädischen Strümpfen” mehr oder weniger rigoros kappte: Sie hatten ihre gemeinsame Musikantenzeit hinter sich.
Aber: Trotz aller Lous und Corinna Mays, die in der deutschen ESC-Geschichte noch kommen sollten, hatte der NDR mit Guildo Horn als monströs populäre Gallionsfigur den Grand Prix Eurovision modernisiert. Die vertorfte Schlagerelite lernte: Mit seichtem Schlager ist kein Grand Prix mehr zu gewinnen.
Im Zuge von Horns “Kreuzzug der Liebe” war es nur zu konsequent, dass eine Fülle weiterer typischer ESC-Zöpfe gekappt wurden. Schon in Birmingham gab es nur noch ausnahmsweise was zu dirigieren am Grand-Prix-Orchestergraben – und Birmingham war der letzte Grand Prix, bei dem in der Landessprache gesungen werden musste. Schon in Jerusalem waren die Juries abgeschafft und es galt das viel demokratischere Televotingverfahren: Die Macht der Männer und Frauen im Juryhintergrund war endgültig gebrochen. Gut so!
Mit Guildo Horn kam auch ein Mann ins ESC-Spiel, der momentan pausiert: Stefan Raab, leider immer noch in Sachen Bundesvision tätig. Aber Guildo Horns Furor, motivierte ihn, 2000 selbst mitmachen zu wollen und 2004 mit Max Mutzke abermals in den kompositorischen Ring zu steigen. Ein fünfter und ein achter Platz: Respekt dafür noch heute. Aus dem Grand Prix Eurovision ist das größte Popfestival der Welt geworden – mit heute 43 Ländern (und, zählt man Österreich, Monaco, die Slowakei und andere hinzu, bald vier Dutzend Ländern). Das wäre mit der Schlagermasche wirklich nicht gegangen.
Pointe: Die Rockästhetik, der sich Guildo Horn und sein Produzent Michael Horn (“Ein Lied kann eine Brücke sein”) bediente, die wiederum sich der alten Schlager wie “Wunder gibt es immer wieder” bemächtigte, hat in Deutschland allen gut getan. Schlager ist, wie Guildo Horn sagte, Popmusik, die früher nur anders hieß. Was wir vor allem erinnern an diesem Superstar, der er vor zehn Jahren war: Er performte, dass es eine Freude war. Sprang in Birmingham auf die Kulissenbrüstung, trug Klamotten, wie sie schriller nicht gingen, röhrte ins Mikro, als sei er Joe Cocker und Ricky Shayne in einem und liebte die Bühne. So wie es sein muss, will man Punkte ernte als Dank für die Liebe.
Wir erinnern Guildo Horn gern: Er hat den Grand Prix Eurovision quasi gerettet. Wir haben Guildo lieb!