Werden die Ersten die Letzten sein?

10. April 2012

Man hat ja immer sein Tun, pflegte meine Oma zu sagen und nahm ihr Häkelzeug in die Hand. So war es bei ihr Ostern – unsereins hat in der Karwoche Post von Freunden und Bekannten erhalten. Mit dabei: eine DVD mit den Preview-Clips aller 41 42 Lieder von Baku. Manches war von den technisch versierten Freunden nachgebessert worden – der Ton etwa von Mono in Stereo transponiert, außerdem die sanmarinesische Geschichte ergänzt, weil die auf der ursprünglichen DVD nicht enthalten war, ebenso das israelische Lied, das bei vielen der digitalen Vorlagen fehlte. Außerdem waren alle 41 42 Acts in die richtige Reihenfolge gebracht, das heißt in jene, die nach der Auslosung der Halbfinals feststand – und darüber hinaus die fünf Beiträge der Big Five sowie der Versuch Aserbaidschans, nicht schon wieder zu gewinnen.

Warum die Mühe, mögen Unkundige jetzt fragen. Alle Kenner oder Halbkenner verweisen sofort auf das Jahr von Düsseldorf: Da hatte der Finne Paradise Oskar im Halbfinale sich faktisch in die Rolle des Mitfavoriten gewimmert,  aber weil er nach seiner ersten Show die Startnummer 1 für das Finale zog, kam, was kommen musste. Er bekam so wenig Punkte, dass sich einmal mehr bewahrheitete, dass sich ein Lied in seinem Umfeld bewähren muss.

Aber zurück zu meiner Post aus dem eurovisionären Europa und den darin kolportierten Meinungen: Einen Brief möchte ich, in originaler Schreibweise, zitierten: “also im ersten semi werden die omas aus russland so was von abräumen. ich finde das lied ja nicht besonders gut, aber es kommt im ablauf der lieder genau zur richtigen zeit. der vortrag wird aus dem einerleid der restlichen beiträge rausragen! das reißt einen mit, ob man will oder nicht…” Soviel zum ersten Halbfinale – und ich schließe mich dieser Auffassung an: Die Babuschkas kriegen schon deshalb Punkte, weil man gegen die eigene Oma ja auch nie aufmüpfig wird. “Alt und grau kannst du werden, aber nicht frech”, pflegte meine eigene Großmutter immer zu sagen.

Womit wir zum zweiten Halbfinale und seinem Liederfluss kommen. Freund Marcel aus Örlikon kommentiert das so, abermals in mailüblicher Kleinschrift: “im 2. semi geht’s von einer belanglosigkeit zur nächsten. ich habe bei den meisten titeln das ‘schon 100 mal gehört’-gefühl. der gute zeljko aus serbien wird natürlich von allen nachbarländern 12 punkte abkriegen, aber mal ehrlich, klingt doch wie die drei bisherigen beiträge von ihm, oder? mit den ‘favoriten’ aus schweden und norwegen kann ich mich schlecht anfreunden. beide songs überproduziertes einerlei, aber die elsen drehen durch wenn sie’s hören und prophezeien schweden einen sieg in rybak-ausmaßen. mein favorit ist hier estland … und dann habe ich ja eine schwäche für fado aus portugal. chancenlos auf den sieg aber wunderschön.”

Ein Befund, den ich ebenfalls unterschreibe: Portugal will schon wieder nicht gewinnen, Schweden wahrscheinlich allzu sehr. Schließlich sein fundiertes Urteil über die bereits feststehenden Finalisten: “finde, die haben das beste material dieses jahr. die italienerin muss unbedingt darauf verzichten englisch zu singen, sonst verkackt die das … habe einige titel ja schon vorher gehört, andere zum ersten mal auf dieser dvd. wenn wir davon ausgehen, dass der großteil der leute am finalabend die songs zum ersten mal hört, dann kann es meiner meinung nach nur einen sieger geben: engelbert! so was von geil das lied!”

Wobei ich deutlich sagen möchte: Freund Marcel – wie auch Sergej aus Lemberg, Kenneth aus Perstorp und Mary von Guernsey – wissen um die Fragwürdigkeit einer Flow-Analyse (der Fluss der Klänge in diesem Fall) des Finales. Dass vor Engelbert niemand performt, ist klar. Aber angenommen, Roman Lob bekommt nach seiner Vorstellung Russland zugelost: Wäre es dann nicht um seinen Beifall geschehen, weil alle Welt ohnehin sich auf die Großmütter freut? Aber alles in allem ist die ESC-Fan-Welt nur in einer Hinsicht gespalten: Schweden finden die einen das Tollste seit Ewigkeiten, die anderen lässt Loreen kalt. Ich schätze, hier muss abgewartet werden.

Dana International gestrauchelt

13. Mai 2011

Zu den Zahlen, in aller Kühle sollen sie hier genannt werden: Von 25 Ländern im Finale stammen 15 aus dem Bereich des klassischen ESC, zehn aus dem einstigen Ostblock. Fünf von diesen Ländern sind als Big Five ohnehin gesetzt gewesen. Das heißt: Durch die Halbfinals kam jeweils die Hälfte aus beiden Blöcken. Soviel zum Klischee, dass Osteuropa alles dominiere.

Dana International ist im zweiten ESC-Halbfinale ausgeschieden. (Foto: NDR)

Jetzt zur wichtigsten Tragödie: Dana International aus Israel konnte nicht über den Eindruck hinwegtäuschen, dass “Diva” ein wesentlich besseres Lied war. “Ding Dong” ist nicht im Finale, nun muss Dana nach Tel Aviv zurückfliegen. Ich finde das bedauerlich!

Schweden, die Ukraine, Slowenien, Dänemark, Irland, Bosnien-Herzegowina, Moldau, Estland, Rumänien und Österreich haben es geschafft. Für die seit der ersten Probe immer besser in Form gekommene Dame aus dem Exhabsburgischen war das gewiss ein Triumph – und ich war sehr zufrieden mit ihr. Toll, dass Estland, Dänemark und die enthemmten Iren Gnade fanden, Rumänien geht auch in Ordnung.

Schade, dass die Letten, die Bulgarin und die Zyprioten ausgeschieden sind. Andererseits war das zu erwarten. Gut, um nicht zu sagen, gerecht fand ich, dass Weißrussland mit einer Hymne, die klingt als würde ein stalinistischer Parteitag mit musikalischer Gräuelpropaganda eröffnet, nach Minsk zurück muss – und zwar sofort.

Ich würde sagen: Da kommt ein erheblich spannendes Finale am Samstag auf uns zu, und die Schweden, insbesondere der nicht gerade erfolgsverwöhnte Komponist Fredrik Kempe, dürften froh sein, dass das Publikum eine eher blutleere Nummer, vorgetragen mit Gymnastik und Stimmchen, sympathisierend in die Endrunde schickte. Schweden hat sich somit ein wenig vom Trauma des Vorjahres erholt, als man bereits im Semi ausscheiden musste.

Das zweite Halbfinale war dennoch schwächer als das erste: Meine Favoriten bleiben Finnland, die Schweiz - und hinzu kommen nun Dänemark, Bosnien- Herzegowina und das Frollein Nadine aus Tirol.

Ein fettes Lob den Red Angels

5. Mai 2011

Manche Journalisten laufen ja mit einem beruflichen Selbstverständnis durchs Leben, nachdem es ihre Aufgabe sei, irgendein Haar in der Suppe zu finden, am besten gleich derer zwei oder drei. Am liebsten enthüllten sie, sind aber, drastisch formuliert, selbst oft Feiglinge, die die größte Angst vor der persönlichen Wahrheit in eigener Sache haben – und deshalb am liebsten anderen nachstellen möchten. Ich bevorzuge diese Methode nicht, und deshalb sei es mir nachgesehen, dass ich schon wieder ein Lob ausbringen möchte. Und zwar das größte, das es eigentlich gibt.

Ich will also von den sogenannten Volunteers sprechen, den Helfern und Helferinnen hier beim ESC. Sie heißen Kai, Steffi, André, Stefan, Ceren, Can oder Rolf – oder wie auch immer Eltern ihre Kinder mal mit Namen ins Leben hievten. Sie sind zwischen 20 und 60 Jahre alt, 550 sind es insgesamt – und sie sind für alle Funktionäre, Journalisten und Fans auf Anhieb zu erkennen, denn sie tragen rote T-Shirts, rote Sportjacken – und sie zeichnen sich alle durch hohe Kompetenz in der Sache und durch noch größeres Vermögen im emotionalen und sozialen Bereich aus.

Sie bekommen für ihre mehrwöchigen Engagements nicht einmal Herberge oder die Reisekosten, nur Nahrung – und weil sie alle so fleißig und wahrscheinlich bald legendär sind als Team, werden sie nun die Halbfinals auch in der Halle sehen können, mit Freitickets.

Was machen sie eigentlich? Sie füllen Pressefächer und füllen sie mit Material; sie verteilen Äpfel gegen etwaigen Heißhunger, sie führen Delegationen durch die Stadt, sie sprechen mehrere Sprachen und helfen allen Gästen, sich in Düsseldorf behaglich und irgendwie wie zuhause zu fühlen. Sie tun das mit Leidenschaft. Sie sind eine Mannschaft, sie sind multikulturell gestrickt, sie leben innerlich wohl davon, dass sie “the time of my life” haben wollen, und alle diktieren mir in den Block, der hier zum Blog wird, dass das wirklich die beste Zeit ihres Lebens sei.

Sie haben, so phantasiere ich, diese geile Zeit deshalb, weil es ihnen gemeinsam Vergnügen macht, 10.000 Gästen eine gute Zeit bereitet zu haben. Insofern muss man diesen ESC auch als PfadfinderInnenlager begreifen: Jeden Tag nicht eine gute Tat, sondern tägliches Arbeiten als gute Tat selbst.

In anderen ESC-Jahren hat es auch Volunteertrupps gegeben, aber ich erinnere mich nicht, wann ich diese Teams in so aufgeräumter, ja auch etwas aufgeputschter Laune erlebt habe. Dass Düsseldorf hinter den Kulissen so cool und relaxed wirkt, liegt also an diesen. Wenn nach diesem ESC dereinst die Rede sein wird vom Event der ziemlich entspannten Art, hat das auch viel, sehr viel mit diesen Roten Engeln, den Red Angels zu tun. Ich finde, soviel Lob durfte mal sein!

Ein nie geahnter Hype

7. Januar 2011

Um es zu wiederholen: Mit vielem hatte ich im Hinblick auf den ESC in Deutschland gerechnet, nicht jedoch, dass das Finale in einem überdachten Fußballstadion binnen weniger Stunden ausverkauft sein würde. Ebensowenig, dass das bis dato eher nur als Generalprobe firmierende Juryfinale eine volle Hütte bringen würde. Und das ist jetzt der Fall: Wie die Kartenagentur meldet, sind für die Show des Freitag Abend keine Billetts mehr zu haben. Ausverkauft! Ich stelle mir diesen Abend vor dem eigentlichen Finale jetzt so vor: Vor der Halle ängstliche Menschen, auf deren selbstgemalten Schildern “Bitte, ich will auch ins Juryfinale!” zu lesen steht.

Nein, einen solchen Run, einen solchen Hype konnte ich nicht fantasieren. So nobilitiert sich Düsseldorf im Nachhinein als passender Ort des ESC-Finales: Wieviel Enttäuschung und Bitterkeit wäre in Berlin, Hannover oder Hamburg gestiftet – da die dortigen Locations allesamt wesentlich kleiner gewesen wären!

Und nun geht es an die wichtigen Restposten: Ab sofort kann sich jeder in Listen für Tickets eintragen, die für die Halbfinals am 10. und 12. Mai gültig sind. Welches Land in welcher Qualifikationsrunde performt, ist bis zum 17. Januar offen, dann erst wird in Düsseldorf ausgelost. Sicher ist nur, dass Freunde Israels auf jeden Fall sich für Eintrittskarten des 12. Mai bewerben sollten: Eines Staatstrauertags wegen ist Israel bereits für das zweite Halbfinale gesetzt. Der Rest ist offen: Wann beispielsweise die Niederlande, Belgien, die Türkei und Griechenland ins Rennen gehen.

Die speziellen Fantickets werden im Übrigen über die Fanklubs vergeben – so dass um die Bühne herum diese speziell-hysterische Ermunterungsmenschenmasse mit Fahnen und Tröten Platz nehmen kann.

Anstürme, anders gesagt, sind jetzt schon so gewiss wie ein Amen nach jedem Gebet: schöne Aufregung, oder?

Ein Chamäleon und ihre Herausforderin

9. März 2010

1. Bedauernswerte Kerstin Freking. Sie bekannte, gern Hippie zu sein, ja, gern in Woodstock dabei gewesen zu sein. Aber es nützte ihr nichts. Ihr Alanis-Morissette-Titel hörte sich irgendwie schön, aber doch fahl an.

2. Gute Jury. Barbara Schöneberger und Jan Delay hatten ernsthafte Dinge zu sagen. Delay lobte Lena, die anderen beiden auch – und fanden kein garstig Wort gegen irgendeine Person der Halbfinales. Delay gestand Jennifer Braun lediglich, dass ihm ihre Christina-Aguilera-Version von “Hurt” nicht so sehr gefallen habe wie das Original. Und die hochschwangere Schöneberger pries die Kandidatin eben dafür – dass dieses Lied über den Schmerz plötzlich gut klinge.

3. Lena Meyer-Landrut – ich oute mich hier als Fan nicht der ersten Stunde, aber der jüngsten - war in Hochform. Ihr “Lovecats” war gigantisch gut, aber überirdisch beinah ihre Fassung von “Mr. Curiosity” von Jason Mraz. Raab sagte zurecht, sie könne ja auch singen. Und wie! Das berührte heftig – und berührt zu werden sei doch, so Jan Delay, das Wichtigste überhaupt im Entertainmentgewerbe. Und erst recht beim ESC, nicht wahr?!

4. Die Hannoveranerin bekam von Stefan Raab gesagt, sie sei ein Chamäleon; sie könne offenbar einfach alles. Richtig, das!

5. Die Überraschung des Abends war weniger, dass Jennifer Braun es ins Finale schaffte, sondern dass Christian Durstewitz es nicht vermochte.

6. “Dörstewitz” (Raab) schien über seinen Zenit hinaus; er war in den Vorrunden großartig in Form, im Halbfinale schien er müde, ausgelaugt und nervös. Sein Songmaterial, um es mit der Schöneberger zu sagen, schien so gar nicht geeignet, dass man sich ihn in Oslo vorstellen kann. Das war eine Spur zuviel Junger-Mann-bricht-mit-Konventionen-und-grölt-in-die-Welt-Style. Obwohl, Kompliment, er seine Mähne vor dem Auftritt gebügelt hatte. Es nützte nix!

7. Kompliment an Raab. Stand aus seinem Sessel auf und tröstete Kerstin Freking – wie ein guter Vater, der seinen Sprössling versichert, nichts falsch gemacht zu haben. Ebenso kümmerte er sich um Christian Durstewitz.

8. Siegerin des Abends war, neben der haushohen Favoritin Lena, eindeutig Jennifer Braun. Sie lächelte nie, sie grimassierte allenfalls ihre Anspannung aus dem Gesicht, sie kämpfte um ihre Form und sie fand sie kongenial.

9. Raab und seine Mitjuroren sagten es trefflich in der anschließenden Show “TV total”: Man hatte nicht mit ihr gerechnet – aber sie, die von der ersten Runde immer zu den heimlichen Ausscheidkandidatinnen zählte, bewies einmal mehr, dass sie am stärksten performt, wenn sie mit dem Rücken zur Wand steht.

10. Das Finale ist noch längst nicht entschieden, auch wenn Lena, so Schöneberger, einem das Gefühl gibt, etwas Kultiviertem zuzuhören. Eine Musikerin, eine Performerin, die eher an Björk erinnert denn an Britney Spears. Jennifer Braun, das ist glockensicher, wird Lena im Finale alles schwer machen. Sie weiß sich zu wehren.

11. Ich freue mich wahnsinnig auf diesen Showdown!

Das Generalsekretariat klärt auf?

20. Mai 2009

Die Reference Group des ESC und ihr Generalsekretär Svante Stockselius – das ist der Mann, der unmittelbar vor den Votings in der Übertragung eingeblendet wurde – haben ausgeschlafen und auf unsere Fragen geantwortet.

 

1. Welche Folgen wird es – wenn überhaupt – für Spanien haben, dass es gegen die Regeln das zweite Halbfinale nicht übertrug und nur ein Juryvotum durchgab? Auf der nächsten Sitzung, so übermittelte Stockselius in einer Mail, der Reference Group. Der Termin stehe nicht fest, aber er werde bis Juni stattfinden.

2. Kann er erklären, weshalb Norwegen als letztes Land seine Wertung durchgab – gegen die ausgeloste Reihenfolge, derzufolge Norwegen gleich nach der Schweiz dran gewesen wäre, als 17. Land vor Bulgarien? Stockselius nüchtern: Da gab es technische Probleme. Welche, wollte er nicht mitteilen. Ein Geschmäckle haben diese echten oder vermeintlichen technischen Probleme aber dennoch. Es könnte ja sein, dass das Telefonnetz überlastet war – aber das würde man eher als Problem in Moldawien vermuten, doch nicht im High-Tech-Norwegen, wo die Verbreitungsrate von Handys mit allem Schnickschnack 100 Prozent beträgt. Ein Geschmäckle deshalb, weil die karge Antwort von Stockselius die Vermutung nährt, dass Norwegen als Gewinnerland quasi das letzte Wort haben sollte. Denn: Das Resultat wusste Stockselius bereits eine Minute nach dem Schließen der Televotingleitungen. Die Show der Wertung, das Herzstück dieses Events, ist eine pure Inszenierung. Nicht die Punktzahlen, aber anders als früher wissen die Schiedsgewaltigen am Veranstaltungsort viel früher als das Publikum über die Punkte Bescheid. Und: Obendrein hatten die Jurys ihre Stimmen bereits am Freitagabend nach der zweiten Generalprobe abgeben müssen. Wir werden es im nächsten Jahr sehen: Wer in der ausgelosten Wertungsreihenfolge ausgelassen wird, könnte der Sieger des Abends sein.

P.S. zu diesem Punkt. Für Chronisten soll gesagt sein, dass Norwegens Votum am Ende keine Rolle mehr spielte. Mit der estnischen Wertung, der 31. von 42, war für die anderen Länder das ohnehin nur noch theoretische Spiel um ein offenes Rennen mit Norwegen vorbei. Da Aserbaidschan schon aus dem nördlichsten baltischen Land nur sieben Punkte erhielt, war der Vorsprung für Alexander Rybak uneinholbar geworden. So sehr hatte selbst Nicole 1982 nicht gewonnen, auch nicht die Iren Paul Harrington & Charlie McGettigan 1994.

3. Werden denn bald die Jurywertungen veröffentlicht, so die nächste Frage an den Generalsekretär. Stockselius, Europäer aus Schweden durch und durch, bestätigte die Möglichkeit. Jedes Land könne selbst entscheiden, ob es das wolle. Wäre das für Fans in den 42 Ländern eine gute Möglichkeit, die eigenen Sender auf ihre Fähigkeit zur Transparenz hin zu befragen? Die Wertung aller Jurys jedenfalls sind nun bekannt. Norwegen lag da ebenso vorne, Island auf dem zweiten Rang, aber die Britin wurde Dritte, Patricia Kaas Vierte, Estland wurde Fünfter, Dänemark Sechster und die Türkei Siebter. Sakis Rouvas war hauptsächlich beim Publikum gelitten, bei den Jurys landete er auf dem zehnten Rang. Und Deutschland? Wäre nicht 20. geworden, sondern mit 73 Punkten auf dem 14. Platz gelandet.

4. Ebenfalls wird sich die Reference Group, so bestätigte es Stockselius, mit einem Skandal beschäftigen. Der trug sich in Aserbaidschan zu – und dass wir von ihm wissen können, liegt an der tagesschau.de-Kollegin Silvia Stöber, die hat ihn uns erzählt. Dass nämlich der Blogger Onnik Krikorian via Twitter und Mail am Samstag während des Finales davon Kunde bekam, Aserbaidschan habe während des armenischen Beitrags Störsignale über den Sender geschickt. Auch seien die Telefonnummern, mit denen Aserbaidschaner für den armenischen Act hätten abstimmen können, gesperrt gewesen. Später, während der Abstimmung, habe das aserbaidschanische Fernsehen in Baku den halben Bildschirm verdunkelt, um das – gute – Resultat Armeniens nicht zur Kenntnis geben zu müssen.

 

Zum Hintergrund: Beide Länder, das eine wie das andere aus der Sowjetunion hervorgegangen und heute nur dem Namen nach Demokratien, streiten sich um die in Aserbaidschan gelegene Gegend Berg-Karabach. Sie hat sich für unabhängig erklärt, wird aber von niemanden anerkannt, nicht einmal von Armenien. Die Menschen in Karabach verstehen sich als Bergarmenier und sprechen Armenisch. Ein Krieg um das Gebiet Anfang der neunziger Jahre wurde lediglich von einem brüchigen Waffenstillstand abgelöst. Das Thema Karabach ist für die aserbaidschane Nomenklatur ein äußerst sensibles Thema – dennoch hat Armeniens Punktemitteilerin während der Wertungszeremonie plötzlich einen Zettel hochgehoben – man kann es auf Videos deutlich sehen. Auf dem seltsamen Bild ist eine Skulptur zu sehen, die in Stepanakert, der Haupstadt Berg-Karabachs, steht. Die “Tatik & Papik” – Großmutter und Großvater – genannte Figur gilt als Symbol der Unabhängigkeit der Karabach-Armenier.
Aserbaidschan muss sich provoziert gefühlt haben – und das restliche Europa verstand die Geste zunächst nicht. Punkte? Aus Aserbaidsdchan gab es nix für Armenien, von den Armeniern für Aserbaidschan immerhin einen Punkt.

Wie dem auch sei: Ein Land unkenntlich zu machen, ist allen Staaten verboten. Die Türkei musste in den Siebzigern lernen, Griechenlands Songs nicht auszublenden, und der Libanon wollte vor einigen Jahren teilnehmen, aber nur unter der Bedingung, dass man nicht Israels Lied zeigen müsse. Die Eurovision lehnte ab. Ob Aserbaidschan nun eine Sanktion verpasst bekommt, ob Armenien für die unfeine Geste gen Aserbaidschan ebenfalls mehr als nur gerügt wird, wollte Stockselius nicht sagen. Im Juni werde beraten! Wir kommen darauf zurück.

5. Noch ein Nachtrag zur kulturellen Umkämpftheit des Siegers. Russische und weißrussische Medien reklamierten nach Rybaks Sieg den Norweger für sich. Norweger? Nein, weit gefehlt. Sie aberkannten ihm quasi die norwegische Kultur – erkannten in seinem breiten Mund slawische Züge, in seinem Lachen das Lachen des fröhlichen Russen und in dessen Lied ein typisch russisches Lied. Davon abgesehen, dass mich diese kulturellen Zuordnungen angeblich sichtbarer körperlicher Attribute wegen heftig stört: Auf diese Art von Repatriierung muss man erstmal kommen! Davon abgesehen, dass jede kulturelle Identität immer die Gefahr in sich trägt, anderen Kulturen gegenüber totalitär zu sein, ließe sich wenn schon, über Rybak und sein Lied nur dies sagen: Er spricht Norwegisch, er sieht wie ein Norweger aus – wer schon mal da war, weiß das natürlich -, und das Lied, sehr akkurat genommen, erinnert in seiner Tanzhaftigkeit an jüdische Weisen, die in den osteuropäischen Communities der jüdischen Minderheiten gern angestimmt wurden. Es ist Musik, die so gutgelaunt wirkt, weil sie die Niederungen des Alltags zu überwölben sucht. Darüber hinaus klingt “Fairytale” wie eine europäische Hymne, ähnlich wie “Waterloo”, “Diva”, “Congratulations”, “Hallelujah” oder “Fly On The Wings Of Love”. Nur dass Rybaks Liedharmonien an eine verdammt gute norwegische Folkloreschule erinnern. So vermischt sich Europa. Gut so. Am Ende sind Kulturen nur so viel wert, wie sie zu einem Sieg reichen. Norwegen weiss das zu schätzen. Rybak steht, nebenbei, in den Downloadcharts Europas fast überall weit vorne – bei iTunes zum Beispiel. Er scheint ein europäischer Popstar zu werden.

6. Ihre, Eure Reaktion ergewogen, die von Freunden aufgenommen, wird der deutsche Act von Christensen & Loya auch so gesehen: Mag sein, dass sie professionell waren, aber in Moskau wirkten sie so artifiziell und unauthentisch wie kaum ein anderes Lied. Es wärmte nicht, so heißt es, es kam dem neuen Zeitgeist nach Echtheit und Ernsthaftigkeit nicht entgegen, im Gegenteil. Die Ästhetik von Las Vegas ist out, in ist in diesem Sinne eine, die auf unironische Unmittelbarkeit setzt. Man muss diese Beobachtungen ernsthaft erwägen – sie zeigen, was im nächsten Jahr nicht der Fall sein sollte.

7. Offen ist plötzlich wieder das Datum des ESC 2010. Der ursprünglich anvisierte 22. Mai als Finale ist fraglich, weil das Fußball-Champions-League-Endspiel am gleichen Tag stattfinden soll. Die UEFA – die Eurovision des Fußballs quasi - lässt sein wichtigsten Vereinsfinale erstmals an einem Samstag austragen. Es könnte also der 15. Mai werden oder der 29. Mai – am gleichen Tag, an dem 1999 in Jerusalem das Finale zelebriert wurde.

Strafe für Spanien? Oder ignorieren?

15. Mai 2009

Ein Blick in die aktuellen Sportnachrichten belehrt: In Madrid findet gerade ein sehr hoch dotiertes Tennisturnier statt. Und Spanien hat aktuell sehr viele Spieler unter den Weltbesten. Das hatte Folgen. Der spanische TV-Sender TVE, der sowohl die Tennisübertragungsrechte innehat wie die des ESC, stornierte offenbar Donnerstag kurzerhand die Liveübertragung des zweiten Halbfinales – das Spanien verpflichtet war zu senden -, weil der Tennistag aus Madrid noch lief.

 

Aus der Logik des Senders lag die Priorität eindeutig: Tennis bringt Quote, der ESC, zumal ohne spanische Beteiligung, keine, die einem öffentlich-rechtlichen Sender geziemt. Das Problem: Spanien stimmte somit nur über seine Jury ab. Und das ist regelwidrig. Die EBU denkt bereits über Sanktionen nach. Nur welche? Würde der ESC riskieren, eine Strafe zu verhängen, würde sich Spanien womöglich ebenso vom Event zurückziehen wie es Italien vor zwölf Jahren tat.

Das weitere Problem: Würde man keine Sanktion verhängen, glauben die großen Länder wie eben Spanien, Großbritannien, Frankreich oder Deutschland, dem ESC alles diktieren zu können. Und die Quoten in diesen Ländern sind allesamt nicht so, dass man unbedingt und zwingend das ESC-Showformat halten muss. Der Fall, alles in allem, deprimiert: Spanien gibt sich als Provinznation zu erkennen, mehr verliebt ins Tun der eigenen Tennissternchen als in den möglichen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Ich plädiere für Gelassenheit – und dass der spanische Sender TVE nächstes Jahr das Halbfinale, das ja auch in Deutschland nur eine Viertelmillion Zuschauer interessierte, in einem Nebenkanal des Senders zu überträgt. Dann kann kein Tennis mehr stören!

Meine Halbfinalprognose – garantiert ungerecht!

14. Mai 2009

Recht gezählt gingen meine Wünsche beim ersten Halbfinale ja solide in Erfüllung. Kein Full Strike, aber die meisten fand ich in Ordnung, Israel vor allem, Portugal, auch Island oder Malta. Rumänien – das ist das Rätsel der ESC-Community hier in Moskau, wo es aus Kübeln schüttet – ist Gerüchten zufolge die Kandidatin der Jurys gewesen. Niemand kann sich sonst hier einen Reim darauf machen, was eine Sängerin mit sichtlicher Betonung der sogenannten weiblichen Reize, ohne erheblich weiteres Talent, ins Finale gebracht hat.

Igor Cukrov feat. Andrea

Meine Sicht auf die Dinge heute Abend sind insofern natürlich subjektiv:
1.   Kroatien: Ein Sänger, dem etliche stark geschminkte Jungdamen auf sehr hochhackigen Schuhen umgarnend zur Verfügung stehen. Sein Lied hat nichts von dem, was man braucht, um es als angenehm zu erinnern. Es klingt wie Karel Gott, aber ohne Biene Maja und dessen Charme.
2.   Irland: Junge Frauen, die den Beweis erbringen, dass man auf der grünen Insel nicht in der Tradition von Dana und Linda Martin verharren will, sondern rockt und rockt, dass es eine Freude ist. Okay, vielleicht etwas zu geleckt, aber es bleibt im Ohr hängen.
3.   Lettland: Der junge bärtige Mann guckt am Ende seines mehr geschrieenen denn gesungenen Vortrags sehr enttäuscht, ja, erbittert. Die Bilder der Bühnendeko mit gedacht, könnte er vom Elend der Welt singen oder von Liebeskummer oder jedenfalls etwas sehr traurigem. Schade für ihn!
4.   Serbien: Ein Mann, der rundlich aussieht, auf dem Kopf trägt er eine Art Fön-Minipli-Mob-Kreation – und dazu tanzt er eine Art Soft-Rap. Unterstützt wird er von drei Männern, die einem Homo-Style-Skinhead-Magazin entsprungen sein könnten. Irgendwie ohne viel Belang.
5.   Polen: Mariah Carey aus Tschenstochau? Eine Elfe aus Danzig, die diese Schmusehitballade mehr wimmert als singt? Polen hat einst (1995, 1996, 1997) sehr feine Stücke zum ESC entsandt  – dieses wirkt bei den Proben fadenscheinig-stimmlos.
6.   Norwegen: Über Alexander Rybak ist alles gesagt. Er ist favorisiert, er hat wunderbar sportliche Tänzer zur Seite, er lächelt und buhlt und lockt. Er wirkt schmissig. Gut – ein Weckruf für den ganzen Abend, der nötig war.
7.   Zypern: Noch eine Elfe, diesmal aber ohne rechte Melodie. Alles an dieser jungen Frau atmet den Geist von Tori Amos, aber sie traut sich nicht, das Mikro für sich in Anspruch zu nehmen – sie wirkt wie von der großen Bühne verschluckt.
8.   Slowakei: Eine hohe, heisere, dauertonhafte Stimme, hinter sich ein Cello. Dazu ein empört-erschreckender junger Mann … Ein Duett? Nie gucken sie sich an – wüsste gern warum. Armes Bratislava!
9.   Dänemark: Es ist nicht Ronan Keating, der da singt, sondern ein Herr Brinck, der aber klingt wie der Ire. Das wundert nicht, denn Brinck wurde ausgesucht, Keating zu ersetzen. Die Komposition ist nämlich von letzterem. Smörgasbord-Pop ohne Tiefsinn, aber unangestrengt und nett.
10.   Slowenien: 2.20 Minuten Intro, dann kommt hinter einer spanischen Wand eine Sängerin zum Vorschein. Bislang hatte sie sich versteckt. Sie wäre es besser geblieben.
11.   Ungarn: Dieses Shirt! Diese Muskeln! Dieses falsche Gelächel auf der Bühne! Diese Atemlosigkeit am Mikro – so sehr wird der Act zum stimmlosen Gulasch verrührt. Roh und nur im Notfall genießbar.
12.   Aserbaidschan: Eine folkloristisch anmutende Popnummer aus Baku, gesungen von einem Mann und einer Frau, die wirklich etwas Eingängiges bringen. Eine Art Supernummer vom Kaspischen Meer, vom Look her das Gegenteil der beiden schwer bemalten armenischen Schwestern im ersten Halbfinale.
13.   Griechenland: Wer in Moskau auf Hellenen trifft und nicht sofort diesen Sakis Rouvas anfeuert, riskiert eine ähnliche Strafe wie Irene Papas in „Alexis Zorbas“ – Steinigung wegen Hochverrat. Kurzum: Diese Nummer ist glatt und übermuskuliert, sie entzückt routiniert; dieser Mann will partout gewinnen – und hat seine Seele darüber verloren.
14.   Litauen: Fraglich, ob es nicht letztlich am Hut des Sängers scheitert. Soll die Kopfbedeckung ein verbeultes Gesicht verhüllen oder ein schönes Antlitz so verstecken, dass wir uns keinen Reim auf sein Lied machen können? Schade!
15.   Moldawien: Irgendwann hat man diesen Osteuropabauernethnofolkplunder satt. Immer für die Kleinen sind wir, klar, auch für die Schwachen in finanzieller Hinsicht. Aber dieses Lied geht über das Zumutbare hinaus. Alles zu laut und hoch!
16.   Albanien: Es wird genügend migrantische Albanier über Tirana und Umgebung hinaus geben, die allein deshalb für dieses Lied anrufen, weil die Sängerin so unbeholfen albanisch aussieht. Das ist bedauerlich, denn das Lied ist ja nicht so ganz schlecht, wenn auch Kneipenschrubberpop, der in einem würdigen Finale nichts  verloren haben sollte.
17.   Ukraine: Frau Loboda macht sich für die Sache missbrauchter und misshandelter Frauen stark – „Valentines“ können böse sein. Dafür lässt sie sich von drei muskelbepanzerten Männern tragen und herumwirbeln. Warum bloß? Eitel Haschen nach Wind?
18.   Estland: Flüchtiger Gesang einer schönen, dunkelhaarigen Frau, die sich dann selbst etwas fiedelt auf der Fiedel. Geschmackvolle, weiche Wellness-Harmonien. Stimme im Übermaß!
19.   Niederlande: Das Land der Corry Brokken, Teddy Scholten, Lenny Kuhr und Teach-In … im Jammertal? Ja. Und nein. Dieser Act ist wie Flippers auf Ecstasy plus Karnevalsfiguren auf ganz füllig. Außenseiter!

Tendenzen? Viele Geigen, etliche Trommeln, fast immer ist die Windmaschine im Einsatz, viele Balladen, in vokaler Hinsicht ist es das Jahr der lang ausgesungenen Töne, des Vibratos in höchsten Höhen.

Geht es nach den Wetten in Moskau, ginge es gerecht und gütig zu in den 19 Ländern, kämen folgende Länder ins Halbfinale: Irland, Polen, Norwegen, Dänemark, Aserbaidschan, Griechenland, Albanien, Ukraine, Estland und die Niederlande.  Slowenien ist in Gefahr, zum schlechtesten Lied des ESC-Jahrgangs erklärt zu werden.

Sicherheit wie in einem Reservat

12. Mai 2009

Wohin man blickt in diesen Tagen von Moskau – an Sicherheitssymbolen ist offenbar nicht gespart worden. In der U-Bahn, auf der Straße, in den Unterführungen, auf dem Roten Platz wie überhaupt an allen Stellen, die öffentlich begehbar scheinen, steht Sicherheitspersonal. Kein ziviles, sondern uniformiertes.

Das soll zwar alles typisch für dieses Land sein, diese allumfassende Sicherheit, die auch als Kontrolle fast aller Lebensbewegungen wahrgenommen werden kann. Das Wetter ist mittlerweile auf eine kühlere Art heruntertemperiert, es regnet leicht, aber die Sicherheit steht an oberster Stelle. Ehe man in die Halle gelangt, vorbei an einer Moschee im Rohbauzustand, muss man sieben bis acht Kontrollpunkte durchlaufen. Und zwar nicht allein, um Taschen und Textilien zu observieren, sondern mitsamt Dokumentation, dass man anwesend ist. Man zeigt seinen Akkreditierungspass ja nicht allein, um hineinzukommen in die Olympia-Halle, sondern man speist sein Gehen auch ein, sobald man die Arena wieder verlässt .

Panzer in Moskau. Foto: NDR.de, Rolf Klatt

Es liegt irgendeine seltsame Atmosphäre von Bedrohung über dem Ganzen – und ein Schweizer Journalist sagte mir heute früh, diese Stimmung des Verdachts könne nur wenig die gigantische Freundlichkeit der Moskowiter ankratzen, aber spürbar bleibe es doch, dass die Welt immer genauestens im Blick behalten werden muss.

Ich weiss noch genau, in welchem Land man die schärfsten Sicherheitsvorkehrungen vermutete, das war 1999 in Israel: Einige ESC-Fans hatten die Reise nach Jerusalem sogar gemieden, weil man nicht erschossen werden wolle. Nachträglich blieb doch der Eindruck haften, dass kein ESC so cool und freundlich organisiert wurde. Aber Moskau? Nicht minder freundlich, aber es ist eben die Metropole, in der Liberales und Freiatmendes einen Rang hat, der Kriminalisiertem gleicht.

Der Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja war ja nur ein besonders erschütterndes Beispiel für die Gedungenheit des innenpolitischen Klimas, so sagen es russische Bekannte von mir. Wovon die westliche Öffentlichkeit viel zu wenig wisse, klagen sie, ist, dass Tag für Tag Ausstellungen, Konzerte, Diskussionen und Aufführungen ohne Begründung abgesagt werden müssen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung, auf Achtung vor dem Abweichenden ist in Russland vielleicht überhaupt ein fehlendes. Doch auch in Moskau denkt man nicht an Bürgerrecht, sondern auf das Recht der Mehrheit, Dissidenten nicht ertragen zu müssen.

Und das scheint nicht allein politisch grundiert, etwa im Verbot, einen CSD in Moskau durchzuführen – am Samstag wird es freilich dennoch eine Kundgebung von Homosexuellen und ihren Freunden geben. Aber selbst die kleinen Szenen, die man beobachtet, wenn Milizionäre die sogenannten “Gastarbeiter” – in der wirtschaftlichen Krise aktuell nicht benötigt – an Busbahnhöfen und auf Straßen schikanieren. Sie sehen kaukasisch aus, dunkelhäutiger, ärmer und weniger smart als die Moskowiter selbst: Das sind Augenblicke des Schreckens, die man als Beobachter aus dem Westen erleben muss.

Der ESC 2009 in Moskau ist in diesem Sinne eine Art von 30 Millionen Euro teurer Augenwischerei. Man behelligt nicht die Gäste aus 41 Ländern, aber man läßt sie auch nicht aus den Augen. Der ESC hier hat etwas von Schönwetterei wie einst die Olympischen Spielen 1980 in Moskau – in einer der architektonischen Hinterlassenschaften der ESC ja zelebriert wird. Man feiert, man spielt Normalität, man trifft wunderbare Menschen, aber man vernimmt auch Angst und Furcht und so etwas wie eine stete Wachsamkeit, ob erlaubt ist, was man sich erlaubt.

Der ESC 2009 mag in Moskau etwas dazu beitragen, dass hier das Klima etwas freisinniger wird. Aber Illusionen sind nicht statthaft. Die Eurovision ist das eine, Gazprom und die russischen Ansprüche auf Geltung, scheindemokratisch unterstrichen, ist das andere. Der ESC macht mal wieder Spaß, die Halbfinale beginnen in Bälde, doch man sollte wissen: In einem Land, das die europäischen Standards der Liberalität eigentlich nicht schätzt, bleibt immer ein nervös stimmender Beigeschmack.

Siegel ist ein wahrer Europäer

11. Mai 2009

In der Lobby des Ritz Carlton steht eine kleine Traube von Menschen, viele Frauen in sehr hohen Schuhen, in ihrer Mitte ein älterer Mann mit graumeliertem Kinnbart. Er kommt auf uns zu und grüßt herzlich. Sagt, wie schön es sei, einander wiederzutreffen. Man wird einer Frau vorgestellt, die Andrea Demirovic heißt und für Montenegro an den Start geht. Sie ist die erste unter allen 42 Acts, die ihren Teil zur Show beizutragen hat und für sie ist es die Premiere.

Ralph Seigel. Foto: dpa / picture-alliance (Sven Simon)

Für den mächtigen Mann, der hin und wieder anruft und klagt, man solle mal Freundliches über ihn schreiben, ist dieser Ausflug nach Moskau Routine. Als ob er Europa nicht kennt, dieser, jawoll, Ralph Siegel! In Eurovisionskreisen ist er eine Berühmtheit, er hat in Deutschland einen Echo für sein Lebenswerk erhalten und er ist von Medienexzellenzen wie Maxim Biller porträtiert worden, einer der wenigen im deutschsprachigen Raum, der den Geheimnissen der Massenkultur überhaupt auf die Spur kommen will.

Die Frage aller Fragen seit 1974 aber blieb: Hat Ralph Siegel etwas Unergründliches in sich? Birgt er ein Geheimnis? Aber er muss, er sollte, er könnte. Wie sonst würde einer wie er immer noch wie ein Rocker im Frack aussehen, ein Unruhiger, der zwar an der Seite seiner Frau Krimhild etwas an Hektik verloren hat. Siegel jedenfalls wirkt im Vergleich mit Getty Kaspers wie ein ewig Junger. Kaspers? Das ist die Sängerin von Teach-In, die wie viele andere Veteranen gestern beim Opening der Moskauer Popfestivalwoche mitmachte. Teach-In umwehte eine leichte Seniorenheimtauglichkeit, nicht mehr ganz im Leben, aber auch noch nicht im Jenseits. Siegel hingegen wirkte heutig wie eh und je.

Moskau? Er sagt: “Eine wunderbare Stadt, nicht wahr?” Jede Stadt, in der ein ESC stattfindet und bei dem er mindestens einen Act im Rennen hat, ist wunderbar. 1992 sagte er zur Begrüßung: “Malmö – ist das nicht eine wunderbare Stadt?” Hinterher fand er diese schwedische Hafenstadt öde, weil seine Band Wind nur wenig Punkte erhielt – was Siegel – immun gegen Selbstkritik – nicht davon abhielt, die Bandmitglieder anzugiften, sie hätten sein künstlerisches Material versaut.

Seit 1974 ist er dabei: In Luxemburg als Premiere mit Ireen Sheer in Diensten Luxemburgs und eben dieses Jahr als Schlager- und Popsöldner für Montenegro unterwegs. Ganze 35 Jahre ist er bereits im ESC-Geschäft – von 1974 bis 2009. Hauptsächlich war er in Deutschland tätig, aber auch in Luxemburg, Österreich, Rumänien, Bosnien, der Schweiz und jetzt Montenegro. Deutschland beauftragte ihn zuletzt 2003 mit dem ESC-Ticket: Lou schaffte mit “Let’s Get Happy” in Riga den 11. Platz. Darüber hinaus hat Siegel in den Siebzigern eine Fülle von Schlagern geschrieben, die mit Goldenen Schallplatten ausgezeichnet wurden, u.a. “Fiesta Mexicana” für Rex Gildo.

Siegel ist ja noch jung, 63 Jahre zählt er, was soll er da nicht unterwegs sein? Wer von den heimischen Rekrutierungsbüros nicht mehr gewollt wird, zieht für andere Länder in die Schlacht. Siegel, der sich oft als Patrioten bezeichnet hat, ist in Wahrheit ein Europaer, wie es sie besonders gern in Deutschland gibt. So oft hat er für Deutschland seine Kompetenz unter Beweis gestellt, dass er den Sound der Zeit drauf hat, zuletzt 1982 mit Nicole und ihrem “Ein bisschen Frieden”. Alles in allem hat er beim ESC einen ersten, drei zweite, zwei dritte und etliche Plätze unter den Top Ten erreicht. Aber den letzten Hit hat er mit Nicole gehabt – und das ist auch schon 27 Jahre her.

Als bei der Opening Party Dschinghis Khan auftritt, 30 Jahre ist das her, lächelt er selig – man erkennt ihn, einige der Jungen wollen Autogramme, Dschinghis Khan ist ja kein Irgendpopstück. Manchmal hingegen scheint ihn eine Traurigkeit zu umwehen – war er es nicht, der mit den ästhetischen Mitteln des Musicals versuchte, beim ESC Erfolg zu haben? Hat er nicht viel Beglückung gewollt? Jetzt sagt er, dass man sich bei Montenegros Andrea Demirovic keine große Show erwarten dürfe. “Diesmal etwas kleiner”, heißt es, wobei unklar bleibt, ob er kein Geld investieren wollte, Montenegro keine Finanzen freigeben mochte – oder Frau Demirovic einfach das Minimale nur nötig hat.

Der Song klingt jedenfalls wie Siegel immer klang … wie eine Harmonie aus gutem Musicalhause, aber ohne die zwingende Emotionalität, die einem wie Andrew Lloyd Webber zu schreiben so leicht fällt. Siegel ist eben ein deutsches Kind, ein Deutscher: Pop, das Leichte, das so schwer zu machen ist, hört sich bei Germanen stets ein wenig zu brunhildig an – dräuend und fett, erstickt im Konzeptionellen. Das ist kein siegelsches Charakteristikum allein – Grönemeyer hat ja auch keine Auslandskarriere geschafft, auch nicht Xavier Naidoo oder Nena. Wenn schon, dann waren und sind es Rammstein, Scorpions oder Scooter, die im Ausland reüssierten. Echte Schwerlaster, so wie Siegel einer war, als er Dschingis Khan komponierte.

Ob er enttäuscht wäre, flöge sein montenegrinischer Beitrag im Halbfinale raus – wofür manches spricht: “Nein, ich bin schon so erfahren, ich war bei so vielen Grand Prix dabei, aber ich hoffe immer auf das Beste.” Man könnte fast Mitgefühl mit ihm bekommen. Sollte ihm etwa im Vorwinter seines Lebens doch noch der Respekt und, ja, die Liebe der Menschen zufliegen? Hier in Moskau, freundlich und mild, macht er nichts verkehrt. Ein guter Anfang!