Eine Zwischenbilanz

5. März 2012

Ein paar Tage nach der Bekanntgabe der BBC, Engelbert Humperdinck erfolgreich aus dem ohnehin rührigen Ruhestand gebeten zu haben, ist es Zeit für ein Fazit, da inzwischen fast zwei Drittel aller Baku-Songs bekannt sind.

So viel lässt sich über das Outing der BBC, wen sie da aufgrund von akuter Ratlosigkeit über ein geeignetes Vorentscheidungsverfahren aus dem Hut gezaubert hat, sagen: Es herrscht eine irritierende Begeisterung. Einer schrieb mir, Axel aus Düsseldorf: “Ich bin, muss ich sagen, angenehm geschockt.” Und Steffi aus Berlin suchte sich gleich einen Reim auf das Geschehen zu machen – die Renaissance der Alten und Abgerüsteten. Sie fragte, womöglich nur rhetorisch: “Greift das Altersphänomen auch schon nach UK? Rehagel, Gauck, Humperdinck – who’s next?” Vor sehr vielen Jahren gab es im Fernsehen die Sage vom “Bellheim”, gedreht von Dieter Wedel mit Mario Adorf. Schon dieses Stück handelte von Alten, die ein von jungen Managern zum Schlingern gebrachtes Kaufhaus wieder in Schwung bringen – ein Märchen, so hieß es.

Nun kommt in die gern abfällig als Nachwuchsshow bezeichnete Grand Prix Eurovision-Chose der Geist des Guten – weil Alten. Ich schätze: Ehe wir auch nur einen Ton des Liedes von Engelbert hören werden, wird sich Lys Assia öffentlich schwerst ärgern, dass sie es nicht zum Titel der allerältesten Teilnehmerin aller Zeit schaffen wird.

Aber wie sehen wir die anderen – vor dem Wochenende, da Schweden sein Melodifestival abschließen wird? Und Griechenland noch nicht gewählt hat, ebenso wenig Russland, Belgien oder Portugal?

Ich habe am Wochenende einen sogenannten Hausfrauentest durchgeführt, also jenes Verfahren, bei dem man sich nicht jedes Lied dreißig Mal anhört – schön hört! -, um dann zu Prognosen zu kommen. Nein, ich kannte die meisten Lieder nur vom flüchtigen Zuhören. Jetzt aber: 26 Lieder mit je 30 Sekunden.

Auffällig ist, dass viele wieder die schnellen, hektischen, nervösen Nummern bevorzugen, etwa Norwegen, Georgien, auch Israel und die Türkei. Letztere immerhin klingt orientalisch-fremd, was günstig sein kann. Dieser Sänger ragt deutlich über alle hinaus, sehr exotisch, dieser Can Bonomo. Spaniens Pastora Soler ist von klassischem Schneidemuster, eher sachte im Tempo, infernalisch gut ihre Stimme – und toll der Schluss. Hat was von der guten alten hispanischen Divenschule wie Paloma San Basilio.

Am auffälligsten aber fräste sich die Niederländerin Joan Franka in mein Ohr, die neulich beim Sieg in ihrem Land durch ein Indianerkostüm auffiel – was zunächst von der Güte ihres Lieds ablenkte. Güte?, werden jetzt manche fragen. Ist das nicht zu simpel? Ich finde, es ist so simpel und gut, so auf das Beiläufigste intensiv wie einst die Olsen Brothers. Immer unterschätzt, die Wochen vorher – und dann doch ziemlich oben, nicht wahr?

Wir erinnern uns: Bei der Jury lag diese Holländerin nur auf dem dritten Platz, ehe sie durch das Televoting, das sie haushoch für sich entschied, noch zum Sieg kam. Sie sollte man wetten, noch stehen die Quoten prima, niemand hat sie so recht auf dem Zettel.

P.S.: Dass Finnland und Estland eher altmodische Lieder nach Aserbaidschan schicken, bestärkt mich in meiner These: Das Unübliche, das Unkonventionelle hat bei allen Vorentscheidungen eine Chance, wenn es gut dargereicht wird. In beiden Fällen: So war es!

Würzarmes Allerlei vom Mittelmeer

15. April 2010

Malta leidet ja seit 1999 unter dem Manko, nicht mehr neben dem Vereinigten Königreich und Irland einzig Englisch singen zu dürfen – seither hat die Insel, die ihren Namen an eine Schnapssorte verhökerte, abgesehen von einem zweiten Platz von Chiara, kaum Erfolg. Thea Garretts in lupenreinem Schulenglisch gesungenes Liedlein “My Dream” (Video) atmet die Phantasterei, eigentlich eine Möwe zu sein. Es plätschert und dümpelt in gefühlt zwölf Minuten so vor sich hin. Dieser Act kommt aus Gründen der Überhörbarkeit schätzungsweise nicht ins Finale.

Giorgos Alkaios und seine Freunde müssen so tun, als seien sie Sakis Rouvas und sind es doch nicht. Dem Sänger fehlt ein wenig die Luft zum Turnen und überhaupt zum Tanzen – das erledigen dann um ihn herum fünf Herren, die dauernd “Buh” ausstoßen. Sein Lied (Video) ist eine Verhöhnung der in jüngster Zeit starken griechischen Mühen, beim ESC mehr als Bouzouki- und Sirtakimixturen abzuliefern. Hätte das Land nicht so viele Migrierte in allen Teilen Europas, müsste es um die Finalteilnahme bangen. Das perfekte Lied zur Finanzkrise des Landes: arm an Charme!

Harel Skaat, der Israeli, der über eine Castingvariante in seinem Land sehr bekannt wurde, bringt eine Ballade (Video), die in drei Minuten erledigt ist: Sie ist so schleppend wie nix in diesem zweiten Halbfinale, so lahm und seltsam frei von irgendeinem ästhetischen Höhepunkt. Okay, das Lächeln des Sängers mag ihm in einigen Ländern Sympathien eintragen: Aber kann es darüber hinweg täuschen, dass stille Wasser auch flach sein können?

Jon Lilygreen singt das, gemessen an den Klischees, unzypriotischste Lied aller Zeiten. Kein Wunder, der Mann klingt wie Jack Johnson oder der Belgier Tom Dice, wenn der seine Wandergitarre schrubbt – aber der Waliser hat ein wirklich hübsches Lied zu bieten: Das Leben, so glaubt er, schaue im Frühling schöner aus (Video). Na, wer hätte das gedacht! Er darf nicht einmal auf griechische Punkte bauen, denn die werden im ersten Halbfinale ausgelobt, nicht im zweiten, wo Jon Lilygreen sein Glück sucht. Ich schätze: Das wird eng mit seinen Wünschen, im Finale sich zeigen zu dürfen.

Manga, das ist die türkische Band, die auch dann weiterkommen würde, wenn ihr Lied einfach blöde und bescheuert wäre. Die Türkei hat einfach genügend migrierte Menschen im restlichen Europa, das reicht für das Finale immer. Aber Mangas Act klingt modern, frisch, lebendig, unbeliebig (Video) und sticht als letzter des zweiten Halbfinales ohnehin hervor. Man sagt sich womöglich hinterher: Endlich haben wir das auch geschafft! Ich tippe die Jungs sicher fürs Finale: Verdientermaßen, denn diesen Elektroheavyhalfmetalsound braucht man als hübsche Farbe einfach auch beim Showdown um den Sieg.

Die östlicheren mediterranen Gefilde – Spanien, Portugal, Frankreich und der Balkan werden später gewürdigt – bieten dieses Jahr, abgesehen von der Türkei viel konventionelles Zeug. Alles schmeckt, als seien da feine Speisen zubereitet, an denen allerdings jegliches Gewürz vermisst werden muss. Ist das nicht schade?

In der nächsten Folge: Das Baltikum und Finnland.

Jury und Publikum stimmten ähnlich ab

25. Juni 2009

Endlich hat man mal aus deutscher Sicht eine klare Ansage: Nach den allermeisten ESC-Ländern hat nun auch die ARD bekannt gebeben, wie deutsche Jury beim Finale am 16. Mai abgestimmt hat. Und, welche Überraschung, die Türkei erhielt nur einen Punkt, Island derer zwölf und Portugal gleich zwei.

Das ist nur mager different zum deutschen Puntkeergebnis überhaupt: Davon abgesehen, dass das Televoting Alexander Rybak doch auf Platz eins setzte, also Thomas Anders für den Norweger zwölf Punkte nach Moskau schicken konnte. Die Isländerin hingegen muss beim Publikum eher überhört worden sein, sonst wäre sie wenigstens mit zehn Punkten bedacht worden. Dass Malta gleich zehn Zähler aus der Jury erhielt, muss mit Guildo Horns Verführungskünsten zu tun haben: Ich erinnere mich noch gut, dass er Chiara, als er selbst in Birmingham auf die Bühne ging, schon damals toll fand. Alte Kumpelinnen vergisst man offenbar nicht! Schön, dass Israel der Jury drei Punkte wert war.

Ingesamt muss man aber sagen, dass die ExpertInnen kaum spektakulär unterschiedliche Wahrnehmungen hatten. Mit zwei Ausnahmen: Griechenland, von der Jury krass ignoriert, erntete beim Televoting viel Zuspruch, die Türkei schaffte es sogar auf die zweithöchste Punktezahl. Und das ist ein Zeichen, dass die ARD während des ESC bei unseren migrantische BürgerInnen der liebste Sender war. Ist das nicht auch ein Integrationszeichen, ein sehr schönes?

Sicherheit wie in einem Reservat

12. Mai 2009

Wohin man blickt in diesen Tagen von Moskau – an Sicherheitssymbolen ist offenbar nicht gespart worden. In der U-Bahn, auf der Straße, in den Unterführungen, auf dem Roten Platz wie überhaupt an allen Stellen, die öffentlich begehbar scheinen, steht Sicherheitspersonal. Kein ziviles, sondern uniformiertes.

Das soll zwar alles typisch für dieses Land sein, diese allumfassende Sicherheit, die auch als Kontrolle fast aller Lebensbewegungen wahrgenommen werden kann. Das Wetter ist mittlerweile auf eine kühlere Art heruntertemperiert, es regnet leicht, aber die Sicherheit steht an oberster Stelle. Ehe man in die Halle gelangt, vorbei an einer Moschee im Rohbauzustand, muss man sieben bis acht Kontrollpunkte durchlaufen. Und zwar nicht allein, um Taschen und Textilien zu observieren, sondern mitsamt Dokumentation, dass man anwesend ist. Man zeigt seinen Akkreditierungspass ja nicht allein, um hineinzukommen in die Olympia-Halle, sondern man speist sein Gehen auch ein, sobald man die Arena wieder verlässt .

Panzer in Moskau. Foto: NDR.de, Rolf Klatt

Es liegt irgendeine seltsame Atmosphäre von Bedrohung über dem Ganzen – und ein Schweizer Journalist sagte mir heute früh, diese Stimmung des Verdachts könne nur wenig die gigantische Freundlichkeit der Moskowiter ankratzen, aber spürbar bleibe es doch, dass die Welt immer genauestens im Blick behalten werden muss.

Ich weiss noch genau, in welchem Land man die schärfsten Sicherheitsvorkehrungen vermutete, das war 1999 in Israel: Einige ESC-Fans hatten die Reise nach Jerusalem sogar gemieden, weil man nicht erschossen werden wolle. Nachträglich blieb doch der Eindruck haften, dass kein ESC so cool und freundlich organisiert wurde. Aber Moskau? Nicht minder freundlich, aber es ist eben die Metropole, in der Liberales und Freiatmendes einen Rang hat, der Kriminalisiertem gleicht.

Der Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja war ja nur ein besonders erschütterndes Beispiel für die Gedungenheit des innenpolitischen Klimas, so sagen es russische Bekannte von mir. Wovon die westliche Öffentlichkeit viel zu wenig wisse, klagen sie, ist, dass Tag für Tag Ausstellungen, Konzerte, Diskussionen und Aufführungen ohne Begründung abgesagt werden müssen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung, auf Achtung vor dem Abweichenden ist in Russland vielleicht überhaupt ein fehlendes. Doch auch in Moskau denkt man nicht an Bürgerrecht, sondern auf das Recht der Mehrheit, Dissidenten nicht ertragen zu müssen.

Und das scheint nicht allein politisch grundiert, etwa im Verbot, einen CSD in Moskau durchzuführen – am Samstag wird es freilich dennoch eine Kundgebung von Homosexuellen und ihren Freunden geben. Aber selbst die kleinen Szenen, die man beobachtet, wenn Milizionäre die sogenannten “Gastarbeiter” – in der wirtschaftlichen Krise aktuell nicht benötigt – an Busbahnhöfen und auf Straßen schikanieren. Sie sehen kaukasisch aus, dunkelhäutiger, ärmer und weniger smart als die Moskowiter selbst: Das sind Augenblicke des Schreckens, die man als Beobachter aus dem Westen erleben muss.

Der ESC 2009 in Moskau ist in diesem Sinne eine Art von 30 Millionen Euro teurer Augenwischerei. Man behelligt nicht die Gäste aus 41 Ländern, aber man läßt sie auch nicht aus den Augen. Der ESC hier hat etwas von Schönwetterei wie einst die Olympischen Spielen 1980 in Moskau – in einer der architektonischen Hinterlassenschaften der ESC ja zelebriert wird. Man feiert, man spielt Normalität, man trifft wunderbare Menschen, aber man vernimmt auch Angst und Furcht und so etwas wie eine stete Wachsamkeit, ob erlaubt ist, was man sich erlaubt.

Der ESC 2009 mag in Moskau etwas dazu beitragen, dass hier das Klima etwas freisinniger wird. Aber Illusionen sind nicht statthaft. Die Eurovision ist das eine, Gazprom und die russischen Ansprüche auf Geltung, scheindemokratisch unterstrichen, ist das andere. Der ESC macht mal wieder Spaß, die Halbfinale beginnen in Bälde, doch man sollte wissen: In einem Land, das die europäischen Standards der Liberalität eigentlich nicht schätzt, bleibt immer ein nervös stimmender Beigeschmack.

Wo sind bloß die Kulturen geblieben?

8. April 2009

Vorgestern saßen wir ein kleiner Runde zusammen, um mal in der richtigen Reihenfolge – Halbfinale für Halbfinale, am Ende dann in der richtigen Sortierung die für das Finale gesetzten Länder – alle ESC-Angebote dieser Saison zu hören und zu gucken. Es stellte sich ein seltsamer Effekt gerade bei jenen ein, die nicht so im Thema stecken: Wie kann man erkennen, dass ein bestimmtes Lied aus einem bestimmten Land kommt? Eine Bekannte aus der Runde rief überrascht: Sagt man mir nicht, dass dieses Lied aus Finnland kommt, könnte es ebenso aus Belgien, Irland oder Tschechien kommen.

Dschinghis Khan sangen 1979 für Deutschland. Foto: dpa, Istvan Bajzat

Und hat sie nicht recht? Was mir auffiel, ist dies: Früher war man sicher, dass eine gewisse Arien- und Pomphaftigkeit nur aus Italien oder Frankreich kommen konnte. Aus Finnland wurde uns Folkloristisches mit Humtatafutter geschickt, Holland klang immer überfröhlich. Und aus Israel hörten wir Songs, zu denen man Bilder von Kibbuzim phantasieren konnte. Das hat sich über die Jahre tatsächlich geändert. Es ist nur noch Zufall, wenn man die eigenen liebgewonnenen Klischees bedient findet. Kroatien etwa hat dieses Jahr ein Lied, das in Kroatien bestimmt populär ist, aber das so kroatisch klingt, dass es in Europa eher als zu kroatisch wahrgenommen wird.

Offenbar ist es so, dass besonders landestypische Muster, wenn sie denn zu einem ESC geschickt werden, Ausdruck einer gewissen nationalen Borniertheit im Ästhetischen sind. Aber was – nur dieses Jahr genommen – ist am Rocker aus Belgien belgisch, was an der Ukrainerin ukrainisch oder an der Russin russisch? Letztere hätte auch, wenngleich auf mazedonisch, vor zehn Jahren aus Skopje kommen können.

Die ästhetischen Grenzen verwischen – ausgesucht wird, was europäisch gefallen kann. Polens Balladeuse dieses Jahr … ich bitte Sie: Könnte man auf Anhieb ahnen, dass sie aus dem gleichen Land kommt wie 1995 Justyna Steczkowska und ihr “Sama”, diese Björk des Ostens? Nein, sie hört sich an wie aalglattester Pop nach Gusto einer Mariah Carey. Und sie wird extrem gut abschneiden, da war sich unsere Runde einig.

Manche meinen, der ESC sei zu beliebig. Finde ich manchmal auch. Aber: Die Länder, die ambitioniert sind und nicht nur teilnehmen wollen, um dabei zu sein, sondern auch um vielleicht zu gewinnen, sind ja gezwungen, sich zu internationalisieren. Wer dies nicht tut, wird als bizarr und seltsam wahrgenommen. Oder hat jemand einen Modus parat, wie man das Landestypische rettet? Oder ist schon die Frage zeitlos doof? Weil: Alles verändert sich, auch jede Folklore?

Stellt sich Israel als zu nett dar?

23. März 2009

Ich finde das Lied, das dieses Jahr aus Israel kommt, ziemlich öde. Es birgt ja eine Friedenssehnsucht, aber Friedenslieder kommen fast immer aus Israel, öfter als aus anderen Ländern. Der Clou ist dieses Jahr: Interpretiert wird es von zwei Sängerinnen, was wiederum auch nix besonderes ist, aber die eine ist eine arabische, die andere eine
jüdische Israelin. Dass es um sie nun Ärger gibt in Israel selbst, überrascht. Früher hat sie die Linke, die friedensbewegte, nie so recht für den ESC interessiert – wie überall schwört sie auch dort hochnäsig auf ihren besseren Geschmack. Aber die beiden Israelinnen sollen nicht
nach Moskau fahren, weil ihr jüdisch-arabisches Sangesbündnis von Israel ein Bild spiegele, das so nicht der Realität entspreche.

Ich finde: Wenn die linke Szene Israels ein anderes Lied nach Moskau hätte schicken wollen, hätten ihre Anhänger sich an der Vorentscheidung beteiligen sollen. Aber, nun ja, das war schwer, denn das Paar war ja alternativlos. Andererseits hätte es aus ihrer Szene ein aus ihrer Sicht besseres Lied präsentieren können. Wäre das so schwer gewesen? Offenbar. Jetzt ist das Gemecker da – sowohl die Jüdin Noa als auch die Araberin Mira werden heftig angefeindet. Die Frage, die ich mir stelle, lautet vor allem: Warum fragt man Mira Awad nicht selbst, ob ihr Auftritt zusammen mit der jüdischen Israelin nicht einem Verrat an der palästinensischen Sache vorkomme? In der Süddeutschen Zeitung stand jüngst zu lesen, was sie davon hält – nichts. Sie freut sich, wie sich auch Noa auf den Ausflug freut.

Mein Resümee: Wenn Linke im Sinne ihrer politischen Phantasien den Mantel lüften, riecht es spießig und politisch überkorrekt. Das Lied Israels soll in Moskau bestehen – verlieren oder gewinnen: Aber es ist ein Zeugnis Israels, und so sehen es die Interpretinnen. Und nur darauf kommt es an.

Wochen vor der Bescherung!

5. März 2009

Momentan hat man ja ohnehin nicht so recht was um die Ohren: Echte Kenner haben sich an den vergangenen Wochenenden via Eurovisions-TV mit einer Fülle von Vorentscheidungen beschäftigt, und das – manche sagen: skurrilerweise – sogar gern.

Man geht einfach nicht mehr aus, um nichts zu verpassen. Mein Freund Stefan aus Bonn, der vor zwei Jahren die Tragödie durchleben musste, für die Kommunion des eigenen Sohnes ein ESC-Finale zu verpassen, beliefert mich aus offiziellen wie wahrscheinlich auch kruden Quellen. Sein Stolz vor kurzem: “Fünf Minuten nach dem Finale hast du es schon.” Es war Israel, und ich war echt von den Socken. Sowohl von der Pünktlichkeit, wie von dem Umstand, dass das früher alles nicht möglich gewesen wäre. Gute neue Zeiten! Das will ich mal loben. Aber das israelische Lied ist es in Sachen Moskau nicht, weder ein Burner noch ein Abturner, sondern der übliche israelische Friedenskram.

Alexander Rybak 

Ich will natürlich nicht jemanden beleidigen, aber mein Eindruck deckt sich mit dem vieler ESC-Freunde. Die allermeisten haben Norwegen auf dem Zettel, und zwar sehr weit vorn. Ich teile diese Einschätzung. Der als Kind aus Osteuropa nach Norwegen migrierte Sänger ist wirklich bestrickend, und wer jetzt glaubt, ich fände ihn auch äußerlich gut und hätte da Interessen, dem sei gesagt: Irrtum, Marija Serifovic war bei meinen FavoritInnen vor zwei Jahren, aber heiraten hätte ich sie nicht wollen.

So geht es also in den Foren zu: Norwegen, immer wieder Norwegen. “Werden die das in Oslo machen? Oder Stavanger oder mal ganz exotisch in Hammerfest?” Das sind die echten Optimisten, die sich von keiner noch drohenden Wirklichkeit aus der Bahn werfen lassen. Denn der schmale Norweger muss ja erst mal durchs Halbfinale – und ob ihm da die Jurys nicht den Song übel nehmen, weil er sich ein wenig sehr an die russische Klangart anschmeichelt?

In Wahrheit hat der Norweger ebenso wenig schon gewonnen wie all die anderen FavoritInnen, die die Fans so ausriefen. Belgien, all die Kate Ryans, die schon im Halbfinale abschmierten; oder Charlotte Perrelli aus Schweden – ein Mahnmal wider die Plastikchirurgie – ist auch verendet. Nicht zu schweigen von Max Mutzke vor fünf Jahren in Istanbul – ein Debakel auf Platz acht. Favoriten sind solche, die es hinterher nicht werden.

Das gilt auch für Patricia Kaas, die ihren fünften Frühling nun auf der ESC-Bühne ausleben wird. Als sie noch eine frische Berühmtheit war, wäre sie nie zum ESC gegangen, das weiß man doch. Was sie aber nach Moskau bringt, ist ein Chanson, das alte ESC-Chansonfreunde an sehr alte Tage erinnern lässt. Ach, wie schön wäre 2010 ein Tripp nach Paris! Jungs & Mädchen: Das wird nix. Rien ne vas plus! Chanson der altmodischen Seufzersorte, jede Geste ein Drama, jede Handbewegung voller Bedeutung, alle Augenaufschläge aufgeladen mit Geschmack und Hingabe – das alles ist vorbei. Das Alte wird alt genannt, weil es alt ist – und das Junge, weil es neu ist und Neues ist immer interessanter als das Alte, selbst bei den Alten. Ich glaube: Der Norweger hat Lust, am Mikro zu stehen. Er steht in seinem ersten Frühling. Er hat alle Chancen – falls er nicht jetzt schon glaubt, gewonnen zu haben. Sieger in der Prognose sind meist keine echten geworden. Aber er könnte es schaffen: Sicherer jedenfalls als die Konfektionsware aus Griechenland oder der Türkei.

Patricia Kaas à Moscou?

20. Januar 2009

Diese Dame kennt man einfach. Sie geht unentwegt auf Tournee, sie ist der Kritiker Liebling, sie heißt Patricia Kaas und das ist nicht einmal ein Künstlerinnenname. Aufgewachsen ist sie an der saarländisch-französischen Grenze.

Patricia Kaas

Ihr Management ließ nun verlauten, dass es sehr wohl denkbar sei, dass sie, 42 Jahre alt, in Moskau für Frankreich an den Start gehen können. Lediglich einige Kleinigkeiten (Gage?, Musikstil?, Promoverpflichtungen?) seien noch zu klären. Die Verlautbarung klingt windelweich, aber die Pointe ist doch: Es gibt kein Dementi. Kein schroffes Nein, wie man es von arrivierten KünstlerInnen so kennt. Madame Kaas wäre eine Bereicherung des Moskauer Finales. Sie wäre neben der Israelin Noa der zweite über die eigenen Landesgrenzen hinaus bekannte Start, der das Teilnehmerfeld sehr stark aufrüschen würde. Wie hübsch!

Es wäre aber zugleich seitens der französischen ESC-Verantwortlichen ein offenbar gewollter ästhetischer Rückschritt: Nach all den Acts der vergangenen Jahre, die ebenso gut in stylishen Clubs hätten performen können, würde Patricia Kaas die gute alte Grand-Prix-Schule reanimieren. Eine aus der Liga, in der auch Lara Fabian oder Céline Dion zu verorten sind. Viel Stimme, dramatische Gesten, ein voluminöses Charisma, Fähigkeiten zur Bühnenpräsenz noch und noch. Obendrein: eine garantierte Lust, das Mikro in Dienst zu nehmen, nicht vom Mikro versklavt zu werden. Es wäre schön, wenn Frankreich mal wieder etwas altmodisch daher kommt.

Es ist ein Trost für Nostalgiker, für Freunde der stilistisch gediegenen Kunst – und uns doch bitte eine Freude, dass mal wieder ein arrivierter Star kein Feigling sein möchte. Denn das bleibt ja auch wahr: Die Karriere der Kaas erlitte einen Knick, würde sie schlechter als Platz zehn abschneiden.

Öffentlich-rechtlich-Private Allianz?

28. Juli 2008

Von einer Allianz zwischen der ersten Reihe des Fernsehens, der ARD, und einem privaten TV-Kanal träumen beide Beteiligte. Die ARD erhofft sich eine größere Akzeptanz unter Jugendlichen. Denn diese betreten die weite Fernsehwelt am ehesten über Sender wie Pro7, RTL, MTV oder Viva. Insofern war die Entscheidung der öffentlich-rechtlichen TV-Station in Israel, die ESC-Vorentscheidung mit dem marktstärksten Privatsender zu veranstalten, nicht ohne Logik: Die IBA gilt als verschnarcht, wenig cool, gar nicht hipp – aber der Privatsender in Israel dagegen schon.

Also organisierte man diese Vorentscheidung, bei der der fünfte Sieger der Pop-Idol-Serie, Boaz Mauda, als Belgrader Sänger feststand, nur der Titel musste noch ausgesucht werden. Das Experiment ging gut – zumal (oder weil?) Boaz Mauda  in Israel beliebt ist und er außerdem in Belgrad auf einem guten Platz landete.

Boaz Mauda

In Deutschland hatten wir diese Allianz zwischen Öffentlich-rechtlichen und Privaten bereits – wenn auch etwas versteckt. 2004 stand für den NDR ein ziemlich prominentes Vorentscheidungsfeld bereit, u.a. mit Scooter, Westbam und Mia. Aber Stefan Raab konnte Max Mutzke über seine Castingshow zusätzlich ins Rennen schicken. Und der gewann dank des nachgerade infernalischen Promotionsvorlaufs gegen die Konkurrenz in der Berliner Straßenbahnarena haushoch. Er wurde in Istanbul Achter – aus Raabs Sicht: nur Achter. Die Folge war der Bundesvision Song Contest, bei dem, so Raab, auf jeden Fall ein Deutscher gewinnt.

Ich könnte mich für diese Form der Vorentscheidung erwärmen. Max Mutzke war ein klasse Sänger. Andererseits: Die ARD hat ja dieses Jahr bei der Übertragung aus Belgrad fast 50 Prozent der Zuschauer zwischen 14 und 29 auf ihrer Seite gehabt – auch ohne offizielle Unterstützung privater Sender. Mein Plädoyer: Ein Sänger, der bei den Privaten prominent sein könnte, aber dies eben über die ARD wird.

Dass die ARD ein gewöhnlich überwiegend älteres Publikum hat, muss nicht irritieren. Macht man den jüngeren Zuschauern Programmangebote, die diesen gefallen, gucken sie auch ARD. Will sagen: Die Vorentscheidung zu gestalten, als wäre man ein jugendlicher Sender, ist richtig. Und kann auch ohne die privaten TV-Sender gelingen.