Unter allen Umständen Loreen
19. Juni 2012Gut, dass die EBU drei Wochen nach dem Finale eine genauere Wertungsübersicht veröffentlicht hat - nämlich die Ranglisten der Länder, hätten nur die Jurys oder nur das Publikum allein abgestimmt. Alle Details kennen wir noch nicht, nicht mal ein Dutzend Länder hat auf unsere Anfrage über die getrennten Ergebnisse zum Televoting wie zu den Juryabstimmungen reagiert. Aber das zusammenaddierte ESC-Resultat ist nun schwarz auf weiß vorhanden.

Kommen wir zu den Auffälligkeiten: Schwedens Loreen hätte unter allen Umständen gewonnen; sowohl bei den Jurys als auch bei den Televtotern lag sie vorn. Das heißt, dass sich Eurovisions-Europa - allen Nachbarschaftshilfsanrufen zum Trotz - einvernehmlich auf einen Act zu einigen weiß. Das war voriges Jahr bei Aserbaidschan nicht der Fall, die Jurys favorisierten ganz deutlich den Italiener Raphael Gualazzi vor Ell und Nikki. Aber bei Lena in Oslo einigten sich Jurys und Televoter klar auf die Deutsche und natürlich auch beim haushohen Sieger von Moskau, Alexander Rybak, war das Votum eindeutig.
Ins Auge sticht allerdings, dass die russischen Großmütter beim Televoting des Finales sehr knapp an Loreen herankamen, bis auf neun Punkte – aber den deutlichen Schlussabstand zu “Euphoria” in der Gesamtrangliste aufwiesen, weil die Jurys den Scherzauftritt der Rumpeldiscodamen so zwiespältig sahen, dass sie ihn gemeinsam auf den elften Platz packten.
Die Idee, sagen wir besser: Phantasie, dass Albaniens Schmerzensdiseuse vor allem ein Liebling der fachkundigen Jurys sein würde, stimmte nicht. Bei den Experten landete sie gar auf dem dritten Platz, beim Publikum jedoch immerhin auf dem achten Rang.
Die Türkei war beim (vermutlich migrantischen) Publikum eine starke Nummer: Platz vier bei den Televotern, bei den Fachleuten jedoch nur auf Rang 22 – was die irritierte Frage aufwirft, was an diesem Act von Can Bonomo so grottig für sie war.
Dass Spanien und Italien schließlich unter den Top 10 landeten haben sie den Juroren zu verdanken – Nina Zilli sahen diese auf dem vierten, Pastora Soler auf dem fünften Platz. Beim “Volk” fiel für beide Damen die Bilanz karger aus, die Plätze 17 und 18 belegten sie dort.
Mit grotesk ignoranten 0 (!) Punkten war Anggun die absolute Verliererin bei den Televotern, aber ihr 23. Platz kam dadurch zustande, dass die Juries sie, offenbar Freunde komplizierter Tonartwechsel, auf dem 13. Platz sahen.
Engelbert Humperdinck hingegen war kein Darling der Experten, bei denen holte er nur elf Zähler (und wurde damit Jury-Letzter), die gewöhnlichen Zuhörer hingegen wählten ihn auf den (auch kaum tröstlicheren) 21. Platz.
Roman Lob, das noch zum Finale, hatte bei den Juries weniger Anhängerschaft als bei den Anrufern und SMS-Wählern – bei ihnen allein wäre er Sechster geworden, die Experten sahen ihn mit 98 Punkten noch hinter der Ukraine und Moldau nur auf dem zehnten Rang.
Eine Debatte um die Mixtur des Wertungssystems lohnt nicht – es geht am Ende ja überwiegend um den Sieg. Und den, das ist nun schon Geschichte, hatte Loreen sicher. Aber manchmal schlägt mein Herz dann doch für die rein demokratische Art – dann wären nicht die Niederlande nach dem Halbfinale ausgeschieden, und Norwegen hätte nicht im Finale den letzten Platz verkraften müssen. Auch die Schweiz wäre in der Endrunde gewesen, aber die Jurys sahen sie nur als 13. Israel wäre im Finale gewesen, wenn das Publikum nicht mitgestimmt hätte, aber da es das sollte, landete der erfrischende Beitrag aus Tel Aviv nur auf Rang 13. Österreich hingegen darf sich ein wenig beruhigen: Nicht Letzter im ersten Halbfinale wären die Trackshittaz geworden, sondern lediglich Vorletzter. Bei den Jurys wie bei den Normalzuschauern.
Ich würde sagen: Ein Zahlentableau, mit dem man erstmal neuerliches Grübelmaterial hat, um etwa zu prüfen, wie sehr Nachbarschaften und ästhetische Verwandtschaften (“Der Ostblock”, “Der Balkan”, “Griechenlandzypern”) den Ausschlag gaben. Mehr Details, falls eintreffen, die nächsten Tage!
Anmerkung der Redaktion:
Nachdem uns einige Fragen erreicht haben, wie denn diese Ergebnisse sich eigentlich zum Gesamtergebnis zusammensetzen können, hier der Versuch einer Erklärung:
Uns haben diese Zahlen auch einiges Kopfzerbrechen bereitet und deswegen haben wir uns bei der European Broadcasting Union (EBU) und Digame (die Firma, über die das Televoting für den ESC läuft) erkundigt: Für jedes Land werden die Top Ten der Jurys und die Top Ten des Publikums ermittelt. Diese beiden Ergebnisse werden kombiniert und daraus ergibt sich die Top Ten eines Landes, die dann anschließend in ESC-Punkte umgerechnet wird. Nun kann es passieren, dass ein Act vom Publikum ein paar Punkte bekommt, aber von der Jury keine (oder umgekehrt) und so in der Kombination nicht mehr in den Top Ten des Landes auftaucht. So weit, so einleuchtend für jedes einzelne Land.
Das Ergebnis, das nun gestern veröffentlicht wurde, berücksichtigt aber die Publikumspunkte bzw. Jurypunkte jeweils separat. D.h., diese Zahlen zeigen das Ergebnis, wenn NUR das Publikum oder NUR die Jurys wählen dürften. Damit können plötzlich für jedes einzelne Land ganz andere Punkte zusammenkommen als in der Kombination beider Ergebnisse.
Es ist als nicht so, dass die EBU erst alle Televoter zusammenrechnet, dann alle Jurys zusammenrechnet und am Ende das Ganze durch zwei teilt. Die Differenz entsteht dadurch, dass erst pro Land Jury und Televote kombiniert werden, dann ein Ergebnis fürs jedes Land entsteht und dies dann zur Gesamtpunktzahl addiert wird.
Wir finden das immer noch kompliziert, aber vielleicht lässt es sich so nachvollziehen?
Die Redaktion









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.