Unter allen Umständen Loreen

19. Juni 2012

Gut, dass die EBU drei Wochen nach dem Finale eine genauere Wertungsübersicht veröffentlicht hat - nämlich die Ranglisten der Länder, hätten nur die Jurys oder nur das Publikum allein abgestimmt. Alle Details kennen wir noch nicht, nicht mal ein Dutzend Länder hat auf unsere Anfrage über die getrennten Ergebnisse zum Televoting wie zu den Juryabstimmungen reagiert. Aber das zusammenaddierte ESC-Resultat ist nun schwarz auf weiß vorhanden.

 

Kommen wir zu den Auffälligkeiten: Schwedens Loreen hätte unter allen Umständen gewonnen; sowohl bei den Jurys als auch bei den Televtotern lag sie vorn. Das heißt, dass sich Eurovisions-Europa - allen Nachbarschaftshilfsanrufen zum Trotz - einvernehmlich auf einen Act zu einigen weiß. Das war voriges Jahr bei Aserbaidschan nicht der Fall, die Jurys favorisierten ganz deutlich den Italiener Raphael Gualazzi vor Ell und Nikki. Aber bei Lena in Oslo einigten sich Jurys und Televoter klar auf die Deutsche und natürlich auch beim haushohen Sieger von Moskau, Alexander Rybak, war das Votum eindeutig.

Ins Auge sticht allerdings, dass die russischen Großmütter beim Televoting des Finales sehr knapp an Loreen herankamen, bis auf neun Punkte – aber den deutlichen Schlussabstand zu “Euphoria” in der Gesamtrangliste aufwiesen, weil die Jurys den Scherzauftritt der Rumpeldiscodamen so zwiespältig sahen, dass sie ihn gemeinsam auf den elften Platz packten.

Die Idee, sagen wir besser: Phantasie, dass Albaniens Schmerzensdiseuse vor allem ein Liebling der fachkundigen Jurys sein würde, stimmte nicht. Bei den Experten landete sie gar auf dem dritten Platz, beim Publikum jedoch immerhin auf dem achten Rang.

Die Türkei war beim (vermutlich migrantischen) Publikum eine starke Nummer: Platz vier bei den Televotern, bei den Fachleuten jedoch nur auf Rang 22 – was die irritierte Frage aufwirft, was an diesem Act von Can Bonomo so grottig für sie war.

Dass Spanien und Italien schließlich unter den Top 10 landeten haben sie den Juroren zu verdanken – Nina Zilli sahen diese auf dem vierten, Pastora Soler auf dem fünften Platz. Beim “Volk” fiel für beide Damen die Bilanz karger aus, die Plätze 17 und 18 belegten sie dort.

Mit grotesk ignoranten 0 (!) Punkten war Anggun die absolute Verliererin bei den Televotern, aber ihr 23. Platz kam dadurch zustande, dass die Juries sie, offenbar Freunde komplizierter Tonartwechsel, auf dem 13. Platz sahen.

Engelbert Humperdinck hingegen war kein Darling der Experten, bei denen holte er nur elf Zähler (und wurde damit Jury-Letzter), die gewöhnlichen Zuhörer hingegen wählten ihn auf den (auch kaum tröstlicheren) 21. Platz.

Roman Lob, das noch zum Finale, hatte bei den Juries weniger Anhängerschaft als bei den Anrufern und SMS-Wählern – bei ihnen allein wäre er Sechster geworden, die Experten sahen ihn mit 98 Punkten noch hinter der Ukraine und Moldau nur auf dem zehnten Rang.

Eine Debatte um die Mixtur des Wertungssystems lohnt nicht – es geht am Ende ja überwiegend um den Sieg. Und den, das ist nun schon Geschichte, hatte Loreen sicher. Aber manchmal schlägt mein Herz dann doch für die rein demokratische Art – dann wären nicht die Niederlande nach dem Halbfinale ausgeschieden, und Norwegen hätte nicht im Finale den letzten Platz verkraften müssen. Auch die Schweiz wäre in der Endrunde gewesen, aber die Jurys sahen sie nur als 13. Israel wäre im Finale gewesen, wenn das Publikum nicht mitgestimmt hätte, aber da es das sollte, landete der erfrischende Beitrag aus Tel Aviv nur auf Rang 13. Österreich hingegen darf sich ein wenig beruhigen: Nicht Letzter im ersten Halbfinale wären die Trackshittaz geworden, sondern lediglich Vorletzter. Bei den Jurys wie bei den Normalzuschauern.

Ich würde sagen: Ein Zahlentableau, mit dem man erstmal neuerliches Grübelmaterial hat, um etwa zu prüfen, wie sehr Nachbarschaften und ästhetische Verwandtschaften (“Der Ostblock”, “Der Balkan”, “Griechenlandzypern”) den Ausschlag gaben. Mehr Details, falls eintreffen, die nächsten Tage!

 

Anmerkung der Redaktion:

Nachdem uns einige Fragen erreicht haben, wie denn diese Ergebnisse sich eigentlich zum Gesamtergebnis zusammensetzen können, hier der Versuch einer Erklärung:

Uns haben diese Zahlen auch einiges Kopfzerbrechen bereitet und deswegen haben wir uns bei der European Broadcasting Union (EBU) und Digame (die Firma, über die das Televoting für den ESC läuft) erkundigt: Für jedes Land werden die Top Ten der Jurys und die Top Ten des Publikums ermittelt. Diese beiden Ergebnisse werden kombiniert und daraus ergibt sich die Top Ten eines Landes, die dann anschließend in ESC-Punkte umgerechnet wird. Nun kann es passieren, dass ein Act vom Publikum ein paar Punkte bekommt, aber von der Jury keine (oder umgekehrt) und so in der Kombination nicht mehr in den Top Ten des Landes auftaucht. So weit, so einleuchtend für jedes einzelne Land.

Das Ergebnis, das nun gestern veröffentlicht wurde, berücksichtigt aber die Publikumspunkte bzw. Jurypunkte jeweils separat. D.h., diese Zahlen zeigen das Ergebnis, wenn NUR das Publikum oder NUR die Jurys wählen dürften. Damit können plötzlich für jedes einzelne Land ganz andere Punkte zusammenkommen als in der Kombination beider Ergebnisse.

Es ist als nicht so, dass die EBU erst alle Televoter zusammenrechnet, dann alle Jurys zusammenrechnet und am Ende das Ganze durch zwei teilt. Die Differenz entsteht dadurch, dass erst pro Land Jury und Televote kombiniert werden, dann ein Ergebnis fürs jedes Land entsteht und dies dann zur Gesamtpunktzahl addiert wird.

Wir finden das immer noch kompliziert, aber vielleicht lässt es sich so nachvollziehen?

Die Redaktion

Transparenz jetzt!

7. Juni 2012

Die vielen Reaktionen in diesem Forum sind sich in einem Punkt einig: Warum ist es nicht möglich, in das ganze Gewirr an Zahlen, Punkten und Rängen beim Eurovision Song Contest Klarheit, ja, Transparenz zu bringen? Weshalb erfahren wir ungefähr so viel – besser: so wenig -, wie Mitglieder einer Partei, in deren Führungszirkel so gut wie alles dafür getan wird, die Basis im Unklaren zu lassen?

Bislang haben nur drei Länder ihre gesplitteten Wertungen beim Song Contest 2012 öffentlich mitgeteilt: Portugal, Deutschland und Finnland. Alle anderen schweigen. Auch die klassisch-erprobt demokratischen Länder. Etwa Spanien, Irland, die Skandinavier, Österreich oder schon gar die Schweiz. Auch wüssten wir gern, haben wir dann irgendwann endlich die Wertungen aufgefächert nach Jury- und Televotingresultaten, wer in den Jurys zu Gericht saß. Das heißt: Namen, Namen, Namen!

Ich finde, knapp zwei Wochen nach dem Finale wäre es an der Zeit, dass die verschwiegenen Gremien der Eurovision dem ersten Glaubensbekenntnis moderner Demokratie in Europa Futter geben: Transparenz. Nachvollziehbarkeit. Teilhabe! Vermutlich wird ein Feld ohnehin offen bleiben: Schon in den letzten Jahren publizierte die European Broadcasting Union (EBU) nicht, in welchen Ländern ein reines Juryergebnis – mangels messbarer oder grob verfälschter Televotingresultate – zur Geltung kam, und in welchen der in den ESC-Regeln verankerte 50:50-Mix in die Tabellen einfloss.

Und wo es schon um anspruchsvolle Wünsche geht: Auch wüsste man gern, wie hoch oder niedrig die Zuschauerzahlen in den Ländern ausfiel – daraus ließen sich nämlich Indizien ableiten, in welchen Gebieten mehr Stimmengewichte von Migranten bilanziert werden mussten und in welchen – etwa in Deutschland oder Schweden – die TV-Quote repräsentativ zur Bevölkerungsmischung ausfiel.

Und weil wir als eurovision.de nicht vor all den Wünschen stehen möchten, auf dass deren Erfüllung irgendwie passiert, haben wir uns entschlossen, einmal alle Sender der ESC-Teilnehmerländer von Baku zu kontaktieren. Mit entsprechenden Fragen: Werden Sie noch die Zahlen bekannt geben? Wie genau fielen sie aus?

Tatsache ist, dass jedes übernationale Projekt, sei es direkt politisch oder kulturell (und zugleich auch damit politisch gefärbt) wie der ESC, sich für seine eigene Legitimität transparent machen muss. Wer sich nicht in die Karten schauen lassen will, verliert das Interesse von Zuschauern und Televotern. Das, nehmen wir an, will die EBU natürlich nicht. In diesem Sinne hoffen wir auf viele Antworten aus jenen 39 Ländern, aus denen noch keine Zahlen übermittelt wurden.

Die Basis fordert – die Spitzen mögen sich erläutern.

Eine gute Regeländerung

30. Juni 2011

Skeptisch blieben wir ja alle, als diese kleine, nicht unwichtig scheinende Änderung des Regelwerks während des ESC 2010 eingeführt wurde: Seit Oslo nämlich konnte man vom ersten Lied an für sein jeweiliges Lieblingslied anrufen – also den seinigen Teil zum Ergebnis beitragen.

Das rief bei vielen Zuschauern Unmut hervor: Wie könne man für etwas abstimmen, was man noch nicht kennt?

Das Verfahren wurde auch in Düsseldorf zur Anwendung gebracht, aber nun kommt wieder alles zum Alten, Bewährten. So hat es die Reference Group, das Zentralkomitee des ESC nun auf ihrer Sitzung in Genf beschlossen. Und dieses gute, wahre Alte geht so: Abstimmen, also anrufen, darf man erst nach dem Gongschlag, und der ertönt nach dem letzten Lied.

Das gilt für das Finale wie für die Halbfinals. Der Zeitraum der Telefonabstimmung ist somit wieder erheblich kürzer, aber, so fanden Experten im Auftrag der Reference Group heraus, das werde am Resultat nichts ändern. Denn nach allen Auswertungen stand fest: Während der Lieder riefen nur wenige Menschen auf den freigegebenen Nummern an. Insofern könne man sich die Möglichkeit, während der Acts kurz nach 21 Uhr deutscher Zeit zu voten, gleich schenken: Das habe nur Verschwörungstheorien Auftrieb gegeben – und das wolle man nicht.

Näheres weiß man leider aus der Reference Group nicht.

Viel prekärer finde ich, dass man nicht erfährt, welche Länder wirklich in die Gesamtwertung Televoting-Ergebnisse eingebracht haben und bei welchen Ländern nur das Juryergebnis den Ausschlag gab. Die Regeln der EBU besagen nämlich, dass jedes Land beim Televoting ein bestimmtes Quorum erreichen muss (welches, teilt uns die ESC-Behörde nicht mit) , also eine bestimmte Anzahl an Telefonanrufen und SMS. Wenn das Quorum nicht erreicht wird, galt (und gilt auch in Baku) nur die Juryabstimmung.

Zur Erinnerung: Italien landete bei den Jurys haushoch auf dem ersten Platz; weil Aserbaidschan aber bei den Televotern vorne lag (vor Schweden) und bei den Jurys nicht allzu schlecht abschnitten, landete es im Durchschnitt eben an der Spitze.

Will sagen: Problematisch war und wäre nicht, dass man während der Acts bereits anrufen darf, sondern dass die Jurys faktisch ein Übergewicht bekommen haben. Ich vermute, dass ein Dutzend Länder es nicht schafften, genug Anrufer zur Wertung zu motivieren.

Damit möchte ich nicht sagen, dass das alles doof und übel ist. Aber ich hätte gern Transparenz – und öffentliche Nachprüfbarkeit.

Was nichts daran ändert, dass ich das Abstimmen nach den Liedern besser finde als eine einsetzende Telefonhysterie bereits nach wenigen Minuten des ESC selbst. Wohlan!

Und die Juroren spinnen doch!

26. Mai 2011

Wie schön, dass die EBU, die European Broadcasting Union, nun die differenzierten Resultate von Düsseldorf veröffentlicht hat. Zwar nicht Land für Land – aber im Großen und Ganzen. Und wir sehen: Italien hätte haushoch gewonnen, wäre es nur noch den Jurys gegangen – und diese hätten Russland auf dem allerletzten Finalplatz gehabt. Hinter Raphael Gualazzi wäre Aserbaidschan gesetzt worden, danach Dänemark, Slowenien, Österreich, Irland, die Ukraine, Serbien, Schweden und Deutschland. Nur den Televotern zufolge wäre es zu teilweise heftig anderen Ergebnissen gekommen: Da hätte nämlich Schweden in einem hauchzarten Rückstand von zwei Punkten hinter den siegenden Ell & Nikki sich eingefunden – gefolgt von Griechenland, der Ukraine, dem Vereinigten Königreich, Bosnien-Herzegowina, Georgien und Russland auf dem siebten Platz, dahinter Deutschland auf dem neunten, Irland dem zehnten und Italien auf dem elften Rang. Allerletzte wäre die Schweiz mit lediglich zwei Punkten geworden.

So sieht es aus, und so muss es akzeptiert werden, denn so sind die Regeln.

Aber ich bin zugleich empört. Dieses jetzt aufgedeckte Votum offenbart, welche verheerenden Wirkungen auf die Ergebnisse in all den Jahren die Jurys hatten. Italien, bei aller Liebe zum zeitgenössischen Jazz mit den Mitteln des Pop und Dreitagebart, ist doch kein Gewinner gewesen! Im Vergleich mit Aserbaidschan wäre der Act aus dem berlusconischen Beritt doch kunstreligiöses Zeug gewesen. Und auch dass die Österreicherin sehr weit vorne gelegen hätte,  muss man jetzt als ein Votum gegen das Publikum verstehen.

Würde wieder nur der Jury gefolgt, hätte man bald wieder den einst so niederschmetternden Befund: Der Eurovision Song Contest hat mit Charts und Beliebtheit und Popularität nix zu tun. Nun könnte man sagen: Aber die Jurys entscheiden doch auch nach Zuneigung. Ich würde sagen: Deren Zuspruch ist, was Magie und Charisma anbetrifft, nichtig. Die wählen nichts aus, was Zauber hat, sondern vor allem, was sie mit ihren expertistisch verbohrten Gemütern für kostbar und wertvoll halten.

Siegende von einst wie Jean-Claude Pascal, Corinne Hermès, auch Teddy Scholten oder Riva waren Juryprodukte und insofern Retortensieger. Wir brauchen aber keine Triumphe, die gegen die Liebe des Souveräns, des Zuschauers, errungen wurden. Sie sind wertlos. Es gab so viele ESC-Helden und -Heldinnen, die vermutlich nicht gewinnen konnten, weil sie den Juroren missliebig waren. Diese bevorzugten, wie man aus allen historischen Untersuchungen destillieren kann, immer Acts, die fast demütig daher kommen, nicht glamourös und mitreißend.

So heißen sie, die ich meine: Cliff Richard, Tommy Nilsson, Domenico Modugno, Carola Häggqvist mit “Främling” oder Daniel mit “Dzuli” – es gibt derer noch etliche mehr.

Der italienische Jurysieger ist famos mit dem zweiten Platz belohnt worden – wäre er noch höher gestiegen, hätte das abermals den beginnenden klinischen Tod des ESC bedeutet.

P.S.: Stella Mwangi aus Norwegen wäre, nur nach dem Televoting gerechnet, locker ins Finale gewandert. Dass sie es nicht schaffte, ja, von den Juries ihres offenbar afrikanischen Styles wegen abgelehnt wurde, spricht noch mehr gegen die musikgesinnungspolizeilich orientierten Experten.

Die Jury muss weg

5. Juli 2010

Im vorletzten Blog spülte sich, meines Erachtens auch zurecht, eine Empörung hoch, die sich an den vorläufig nur in der internationalen Summe veröffentlichten Liste mit den Jury- und Televoting-Wertungen entspann.

Um es gleich vorweg zu sagen: Wenn die Tendenz sich im kommenden Jahr fortsetzt, wäre ich entschieden für die Abschaffung der Jurys. Warum? Weil die professionellen Wertungsgerichte Acts aussiebten, die in der Publikumsgunst doch heftig vorne lagen. Ohne Jury wäre Israel im Finale weit abgestürzt im Finale,  und ich finde: zurecht. Bereits im Semifinale wäre dieser Song für unwürdig erklärt worden, ins Finale zu wandern.

Mehr noch: Im Televoting hätten Schweden knapp und Finnland locker die Halbfinalhürde nehmen können – wären da nicht die Jurys gewesen. Krasse Fehlentscheidungen! Und man stelle sich vor, das Publikum hätte nicht abstimmen dürfen – Manga aus der Türkei hätten nicht den verdienten zweiten Rang erobern können, sondern wären mit dem achten Platz abgestraft worden. Ein Act, der MTV-kredibel ist, dass es nur so kracht.

Wir erinnern uns: Die Jurys wurden zur 50-Prozent-Größe im Finale aufgejazzt, um nach dem ganzen antiosteuropäischen Gejammer den west- und nordeuropäischen Ländern ein Gefühl der Fairness zu geben. Jedes Recht baut auf diesen Gedanken auf und lebt jeweils aktuell von diesem: Dass insgesamt alle ein wenig zum Kompromiss bereit sein müssen. Aber jetzt, finde ich, sind die Verhältnisse wieder aus Balance geraten – es droht wie in früher unseligen Jahren der geschmacksdiktatorische Einfluss der Expertisten. Ungut, diese Entwicklung, oder?

P.S.: Und was für ein Sommer! Unsere Fußballjungs spielen ebenso modern wie Lena plötzlich eine moderne Deutsche war. Es sieht frisch aus, begeisternd, elegant, cool. Geil, hmmh? Und das verbindet Lena mit dieser Mannschaft: Beiden haben Hunger, wollen gewinnen, nach ganz oben. Lena hat es geschafft – folgt am 11. Juli der nächste Titel?

P.P.S.: Im April beginnt Lena ihre Tour. Das heißt: Pünktlich zur Titelverteidigung wird sie ihr Frühlingsmärchen zelebrieren. Oder ist das so sicher wie “Satellite” als Tonspur zu unser aller eurovisionären Abendgebet: “So gib’ uns morgen eine nächste, bezaubernde ESC-Saison”?

Die guten Bürgen

26. Mai 2010

Voriges Jahr wurde ja der russische Jurypräsident Philipe Kirkorow freundlichst zum Rückzug von seinem Posten gedrängt. Der Mann hatte sich, mit leicht großrussisch anmutendem Größenwahn, darauf versteift, jene auch persönlich zu treffen, über die er als Jurymitglied zu Gericht sitzt. Und das war und ist verboten – gut, das!

Dass ein Teil der deutschen Jury jetzt gerade in Oslo eingetroffen ist, ist regelkonform, denn als Juroren werten durften sie nur beim ersten Halbfinale und dann erst wieder in der Endrunde am Samstag. Dann werden Mary Roos und Hape Kerkeling wieder in der Heimat sein, in Hamburg. An Ort und Stelle dürfen sie nur dann nicht sein, wenn sie ihrem Rezensentenwerk nachgehen.

Und ihre Arbeit geht so: Die Juroren geben kurz nach Auftakt des Finales ihre Stimmen gemeinsam ab. Grundlage ihrer Wertungen ist die zweite Generalprobe, also jene, die am Freitagabend statfinden wird. Die bekommen sie in Deutschland per DVD-Mitschnitt zu sehen. Ihre Voten geben sie geheim ab, sie dürfen nicht über diese sprechen – und sie sind prinzipiell gleichrangig mit denen der Publikumswertung per SMS oder Telefon. Im Falle eines Punktgleichstands geht Zuschauervotum vor Jury.

Wie Deutschland gestern Abend im ersten Halbfinale abgestimmt hat, werden wir erst nach dem Finale erfahren, welche Favoriten jene der Jury waren und welche die des Publikums wird vermutlich erst in einiger Zeit veröffentlicht. Voriges Jahr hat dieser Akt der Transparenz fast vier Wochen gedauert.

In der Jury sitzen ausschließlich Menschen, die vom Fach sind, also in irgendeiner Weise intensiven Kontakt zum Popbusiness haben. Zugleich dürfen sie zu keinem der zu Begutachtenden ein professionelles, ein abhängiges Verhältnis haben – also werden keine Vertreter von Plattenfirmen in den Jurys sitzen.

Hape Kerkeling, Jurypräsident, ist ohnehin ein seriöser Mensch, er ist unkorrumpierbar – und das gilt auch für Jochen Rausch, Programmchef der Radiowelle 1Live, der Musiker Johannes Oerding steht für jugendliche Coolness, und die DJane Lady Klick Klack, besser bekannt unter ihrem Namen Hadnet Tesfai, eine Berliner Moderatorin mit Liebe zum HipHop. Und schließlich, ich bitte um eine Verneigung, die wunderbare Veteranin Mary Roos, auf besonderen Wunsch Kerkelings ins Gremium berufen. Wer wenn nicht sie sollte für den guten Blick auf klasse Entertainment stehen? Fünf Mal hat sie am ESC teilgenommen, zwei Mal davon kam sie international zum Einsatz, 1972 und 1984. Eine Legende, die sich ihren reiferen Jahren zum Trotz Frische und Optimismus bewahrt hat.

Ich finde, das ist eine würdige deutsche Jury: Geschmäcklertum und Pseudoherzenswärme ist mit denen nicht zu haben. Ich bin auf das Votum heftig gespannt.

Jurys überall!

13. Oktober 2009

Die Entscheidung muss als konsequent genommen werden: War der Moskauer ESC der erste, bei dem Juries und Publikum je zur Hälfte ein Ländervotum generieren, dies aber nur für das Finale galt, entschied das Generalsekretariat des ESC nun, diesen Modus auch für die beiden Semifinals anzuwenden. Also: Galt beim Moskauer Festival noch, dass die Jurys in den Ländern nur begrenztes Recht auf Mitsprache hatten, also nur einen der je zehn Finalisten mitbestimmen, so sind sie daran nun zur Hälfte beteiligt.

Man sollte nicht unerwähnt lassen, dass die Jury überhaupt nur ins Spiel kamen, weil das klassische ESC-Europa, der Norden, der Westen und das Gros der mediterranen Länder, sich durch Osteuropa übervorteilt fühlten. Moskau ergab, dass mit Hilfe der Experten dieser Ungleichbehandlungsfaktor – die Osteuropäer gucken nicht auf die Lieder, sondern wollen nur ihre Nachbarn bedienen – gelindert werden konnte.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass die Juryregelung auch für die Vorrunden gilt. Ich finde diese Neuerung, man darf es sich schon denken, ungerecht, weil Pop einzig aus Popularität sich begründet – und Jurys geben Expertenmeinungen wieder, also solche, die eher schwer mit Wünschen nach Eingängigkeit und einem irgendwie gearteten Hitfaktor in Einklang zu bringen sind. Andererseits wird diese neue Regel dazu beitragen, dass die gekränkten Gefühle der sich zurückgesetzt fühlenden Länder wie Schweden, Irland und Zypern gepflegt werden.

Und das ist fein und womöglich nötig – und erhöht den gewissen Unwahrscheinlichkeitsfaktor, der in jeder Juryentscheidung liegt. Immerhin: Israel kam in Moskau nur mit Jurywertungen im Finale nicht auf den letzten Platz. Und das war, für meinen Geschmack, ein astreines Lied.

Transparenz, endlich!

31. Juli 2009

Man soll ja nicht meckern: Dass es zweieinhalb Monate gedauert hat, ehe die EBU eine Tabelle veröffentlicht, aus der die Jury- wie Publikumswertung getrennt gelistet werden. Das ist nun seit heute passiert. Und die Zahlen überraschen. Nicht, dass Alexander Rybak sowohl gewonnen hätte mit dem Publikum allein als auch mit den Juries. Auffällig ist, dass beim Televoting Aserbaidschan auf den zweiten, die Türkei auf den dritten, Island (erst) auf dem vierten Platz – und Griechenland auf dem fünften Rang gelandet wären. Island hat also heftig profitiert vom neuen Wertungssystem. Boshaft formuliert könnte man sagen: Die Juries glichen aus, das in ganz Europa BürgerInnen beheimatet sind, die selbst oder deren Vorfahren aus der Türkei, aus Griechenland oder dem einst sowjetischen Reich stammten. Sie alle schienen unabhängig vom Lied angerufen und gesmst zu haben.

Noa und Mia Awad auf der Bühne in Moskau

Noa und Mia Awad auf der Bühne in Moskau

Die Juries wiederum, die nur mäßigen Geschmack an jenen Turkfolktanzliedern fanden (Griechenland 11., Türkei 7., Aserbaidschan 8.), hievten die Britin Jade Ewen auf den dritten Platz und Patricia Kaas auf den vierten Platz. Das allein lässt das Urteil zu, dass das neue System sich zu bewähren begonnen hat. Die Juries haben nämlich die Russin auf den 17. Platz gepackt, was mit dem achten Televotingrang trotzdem nur für Rang 11 langte. Die starke Migrationslastigkeit des Televotings belegt auch der Umstand, dass Albanien bei der Jury (persönlich gesprochen: zurecht) nur auf dem 23. Rang sich wiederfand, per Televoting auf dem elften: In allen wohlhabenden Ländern unseres Kontinents leben Exilalbaner – und sie stimmen für ihre ehemaligen Landsleute ab, offenbar unabhängig davon, ob es Mist ist oder nicht.
Hübsch, dass die Deutschen im Televoting zwar auf dem 23. Rang landeten, durch die Juries,die Christensen und Loya auf den 14. Platz landen ließen, aber insgesamt einen 20. Rang einheimsten. Erschreckend aber, und jetzt komme ich zur höchsten Jury-Publikums-Differenz, ist, die Wertung für Noa & Mira Awad aus Israel. Wäre es nach den Juries gegangen, wären sie auf dem neunten Platz gelandet. Das Publikum aber sahr sie auf dem allerletzten Rang. Ist das zuviel gedeutet oder handelt es sich dabei um einen Aspekt grassierender Israelaversion? Fast eine ebensolche Schere ergibt der Blick auf Dänemark: Bei den Juries krass vorne (6.), beim Publikum außerhalb Skandinaviens ein Flop (19.).

Profitierten die Schweden durch Charlotte Perelli voriges Jahr von der Jury, um überhaupt ins Finale zu kommen, schaffte Malena Ernman es, die Juries haben Schuld, nur auf den 21. Platz. Die Juries missachteten sie als 22. beinah ganz, das Publikum hätte die sägende Kreische gern auf dem 15. Platz gesehen.

Fazit: Es ist schön, dass beide Wertungssysteme vermengt werden. Die Juries lindern die Inkorrektheiten durch nationalistische oder nachbarschaftliche Wertungsvorteile, das Publikum schleift dafür die Neigung der Juries zu allzu Kunstsinnigem und Unverkäuflichem ab. Ist das nicht irgendwie auch gerecht? Und im nächsten Jahr hätten wir gerne diese Auffächerung aller Wertungen nach Experten und Volk etwas früher, um nicht zu sagen: viel früher. Europa ist doch eine transparente Angelegenheit, nicht wahr?

Jury und Publikum stimmten ähnlich ab

25. Juni 2009

Endlich hat man mal aus deutscher Sicht eine klare Ansage: Nach den allermeisten ESC-Ländern hat nun auch die ARD bekannt gebeben, wie deutsche Jury beim Finale am 16. Mai abgestimmt hat. Und, welche Überraschung, die Türkei erhielt nur einen Punkt, Island derer zwölf und Portugal gleich zwei.

Das ist nur mager different zum deutschen Puntkeergebnis überhaupt: Davon abgesehen, dass das Televoting Alexander Rybak doch auf Platz eins setzte, also Thomas Anders für den Norweger zwölf Punkte nach Moskau schicken konnte. Die Isländerin hingegen muss beim Publikum eher überhört worden sein, sonst wäre sie wenigstens mit zehn Punkten bedacht worden. Dass Malta gleich zehn Zähler aus der Jury erhielt, muss mit Guildo Horns Verführungskünsten zu tun haben: Ich erinnere mich noch gut, dass er Chiara, als er selbst in Birmingham auf die Bühne ging, schon damals toll fand. Alte Kumpelinnen vergisst man offenbar nicht! Schön, dass Israel der Jury drei Punkte wert war.

Ingesamt muss man aber sagen, dass die ExpertInnen kaum spektakulär unterschiedliche Wahrnehmungen hatten. Mit zwei Ausnahmen: Griechenland, von der Jury krass ignoriert, erntete beim Televoting viel Zuspruch, die Türkei schaffte es sogar auf die zweithöchste Punktezahl. Und das ist ein Zeichen, dass die ARD während des ESC bei unseren migrantische BürgerInnen der liebste Sender war. Ist das nicht auch ein Integrationszeichen, ein sehr schönes?

Finnland macht den Auftakt für 2010

19. Juni 2009

Man glaubt es nicht, ich muss mich wiederholen: Früher erfuhr man manchmal von den ESC-Kandidaten erst aus der HörZu oder aus dem Gong, also höchstens acht Tage vorher. Und jetzt muss man sagen: Nach dem ESC ist vor dem ESC – und wie! Finnland hat nun die Bedingungen für die Teilnahme an seiner Vorentscheidung bekannt gegeben, und schon das ist
ein öffentlich wahrnehmbarer Quantensprung im Hinblick auf ein Festival, das zum Ganzjahresereignis zu werden, ja: droht?

Eherne Freunde der Idee des Festivals, mein Quasipatenkind Björn aus Hamburg beispielsweise, nimmt sich an gewissen zwei Tagen im Herbst nichts vor, weil dann nämlich der Asia Song Contest steigt, außerdem kommt ja noch der Junior Eurovision Song Contest. Davon abgesehen, dass letzterer mir vorkommt wie früher das Paarlaufen beim Eiskunstlauf – Zwerginnenwerfen von erwachsenen Männern, jedenfalls alles sehr kindlich bis infantil -, ist es doch der ESC, das Original, das interessiert.
Und zu dieser Nachricht aus Helsinki zählt auch, dass die EBU, also die Zentrale der Eurovision in Genf, sich neulich in Oslo umgesehen hat. Das norwegische Fernsehen, so erfuhr man dort, hat längst alle Positionen für das Drei-Festivals-Event bestimmt. Jetzt geht es noch um die passende Halle: das Spektrum inmitten der Osloer Innenstadt – oder ein überdachtes Fußballstadion am Rande der norwegischen Hauptstadt. Ich plädiere für die metropole Kerngeschichte. 1996 war auch schon schön im Spektrum, da passen viele Menschen rein. Mit anderen Worten: Finnland hat seine Vorentscheidung beinahe schon in trockenen Tüchern, die Norweger scheinen auch alles im Griff zu haben, Alexander Rybak soll inzwischen an Dauer-Jet-Lag und Erschöpfungszuständen leiden, aber er weiß, dass er gerade die Zeit seines Lebens lebt. Will sagen: Wäre es nicht schön, wenn wir mal die Resultate unserer deutschen Jury erführen?