San Marino: Ein Altherrenwitz?

23. März 2012

Und dafür dieser ganze Zirkus? Das sanmarineser Fernsehen stellte nun gestern Abend den textlich umgedichteten Schlager für den ESC vor: Statt “Facebook” heißt es nun “The Social Network Song” – aber soweit ich es hören konnte, unterscheidet sich der Beitrag in so gut wie nichts. Außer, dass nun nicht mehr der Markenname dieser sogenannten Freundschaftsbörse offen genannt wird.

Doch schätzungsweise ist durch das ganze Skandälchen, die Mikropanne, dieser von Mark Zuckerberg vor acht Jahren erfundene Internetdienst bekannter geworden als hätte man das Lied einfach so belassen. Schlicht und einfach: Weil der Text eine unfassbare Anwanzerei an das Populäre war (und bleibt). Wobei ich einräumen muss, dass “The Social Network Song” nach etwa fünfmaligem Hören gar nicht mehr so übel ist – das Schönhören funktioniert wie immer als Gehirnwäsche.

Ralph Siegel selbst erklärte Donnerstag in einem instruktiven Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er habe alles “saulustig” gefunden, sei selbst auf Facebook präsent (Mensch, Herr Siegel, ist doch nur was für echt junge Menschen), und berichtet, er “bekomme Avancen”. Aha, dann ist er der erste, der, verschwiemelt “Avancen” genannt, über diese Plattform anzügliche Angebote bekommt. Jedenfalls beteuert er: “Wir wollen uns die Freude an dem Lied trotzdem nicht verderben lassen. Die neue Lösung ist ganz süß.” Süß? Wie bitte? Was soll das bedeuten? Kann das jemand mal begründen – oder müssen wir erst einen linguistischen Forschungsauftrag formulieren?

P.S.: Was noch passierte an diesem Donnerstag, ist ein wenig traurig: Lena Meyer-Landrut hat weder den Echo in der Kategorie Rock/Pop National noch in der Kategorie Bestes Video national bekommen. Tröstlich, ein wenig: Den Rock/Pop National bekam Ina Müller zugesprochen – und die hat neben Barbara Schöneberger eine prima Show moderiert. Etwas fiel noch auf: Beide Conferencieusen küssten sich, als habe es gezählt, Britney Spears und Madonna von MTV Video Award Show 2003 nachzuahmen. Sonderlich neu oder aufregend war das jedenfalls nicht.

Ein Echo als Reifezeugnis

22. März 2012

Lena Meyer-Landrut hat ein bemerkenswertes Interview gegeben, kürzlich im Magazin der Süddeutschen Zeitung.

Ohne hier abermals die Details zu zitieren, lässt sich sagen: Die ESC-Siegerin räumt beinahe erschöpft ein, dass die zwei Jahre Superruhm sie oft überfordert haben, an den Rand des Machbaren trieben und ihr außerdem erst jetzt die Luft gegeben ist, mal darüber nachzudenken, was war, was ist und was in Zukunft sein könnte. Lena Meyer-Landrut steht jedenfalls nicht mehr ganz so eng unter der Betreuung rund um Stefan Raab, sie geht ihre eigenen Wege.

Lena trat beim Echo 2011 mit "Taken By A Stranger" auf - nun ist das Video zum Song für einen Echo 2012 nominiert.

Lena trat beim Echo 2011 mit "Taken By A Stranger" auf - nun ist das Video zum Song für einen Echo 2012 nominiert.

Und sie hat noch nicht die Schnauze voll. Nein, sie muss noch weiter Geld verdienen, hat keine Sponsorenkarre vor der Tür und ernährt sich von Bionahrung. Ja, sie wird weiter Musik machen, und das ist eine gute Botschaft. Sie wird wieder aufstehen und immer wieder probieren, an den Erfolg von “Satellite” anzuknüpfen. Denn: Warum sollte sie nicht immer und immer wieder “Satellite” singen, denn ein Architekt, den man einmal für ein von ihm konzipiertes Haus ausgezeichnet hat, wird auch immer wieder die Anfrage erhalten, ein eben solches Gehäuse zu planen. Und das könnte sich auch Lena Meyer-Landrut vorstellen – denn warum sollte sie plötzlich die Nummer kultivieren: Hey, das war doch von gestern, jetzt nur noch die neuesten Nummern von heute.

Das würde denn ohnehin nur werden wie die neue CD der reanimierten Les Humphries Singers, die niemand kauft, weil die alten Songs nicht mehr enthalten sind – und das, was die Truppe aufgenommen hat, eben nicht wie die guten alten Zeiten klingt. Lena Meyer-Landrut hat also ein realistisches Verhältnis zu dem, was sie über Nacht groß machte. Ich finde das beruhigend, dass sie keine künstleristischen Flausen im Kopf hat. Nein, sie weiß, worin ihr Kapital besteht – und das sind alle unsere Erinnerungen an die Zeit von Unser Star für Oslo und an ihre Aufritte in Oslo, alte Finnin!

Lena Meyer-Landrut befindet sich mithin auf dem Pfad des Erwachsenwerdens, und sie wird als Reifezeugnis eventuell am Donnerstag bei der Echo-Verleihung gleich zweifach ausgezeichnet werden: Mit einem Echo für die Nationale Künstlerin Pop und einem weiteren für das beste Video National. Ich würde eine Trophäe für das Video für “Taken By A Stranger” für fast noch logischer halten – aber bekäme sie gleich beide, wäre es auch nur gerecht. Denn “Good News” als Album hat sich so gut wie kein anderes ihrer deutschen Kolleginnen verkauft. Lena ist ein Star – der erste seit vielen Jahren, der aus dem ESC in Deutschland hervorging.

Singen wird bei der Show auch Roman Lob. Sein “Standing Still”, natürlich. Ich wünsche ihm Glück und dass er nicht allzu penetrant an Lena Meyer-Landrut gemessen wird.

Gewinnen ist schwer!

7. November 2011

Nein, sie hat sie nicht errungen – die Trophäe der MTV-World-Performing-Künstlerinnen. Lena Meyer-Landrut hat gestern Abend in Belfast, bei der Verleihung der Preise dieses Jugendmusikfernsehsenders, zum zweiten Mal in diesem Jahr erfahren, wie sich das anfühlt: nicht zu gewinnen.

Lena sorgte bei den MTV EMAs mit ihrem Outfit für Aufsehen: Mit roten Haaren und gepunktetem Kleid schritt sie über den roten Teppich. Fotos: dpa

Lena sorgte bei den MTV EMAs mit ihrem Outfit für Aufsehen: Mit roten Haaren und gepunktetem Kleid schritt sie über den roten Teppich. Fotos: dpa

Okay, Britney Spears war eine ihrer Konkurrentinnen, aber nicht gegen sie, sondern gegen die Kandidaten aus Asien, aus Südkorea nämlich, musste sie sich geschlagen geben.

Die in Seoul beheimatete Boyband Big Bang erhielt den Preis für die angesagteste Performance – und das fand ich schon deshalb gut, weil mir die Show, die Viva gestern Abend übertrug, sonst arg amerikanisch vorgekommen wäre. Lady Gaga allein räumte vier Preise ab – und sie hatte und hat sie ja auch alle verdient. Allein ihr wagenradgroßer Hut, in dessen Krempe zwei Augenschlitze geschnitten waren – das hatte große Klasse.

Auch Justin Bieber ging nicht leer aus, der junge Mann, von dem das Dasein als testosterondampfender Pubertärling immer nur behauptet wird, so kindlich-bübisch wie er aussieht, ging nicht leer aus.

Aber Lena, um zu unserem Thema zurückzukehren, wurde nicht global zur Königin gewählt. Big Bang konnte offenkundig mehr Internetvoter mobilisieren. Immerhin jedoch war Lena nicht nur jene, die in Deutschland den MTV-Preis gewann, sie obsiegte auch in der europäischen Konkurrenz. Nur eben weltweit war es etwas kurz gesprungen: Noch scheint die universale Popgemeinde nicht reif sein zu wollen für einen Act, der den ESC gewann. Auch Dima Bilan schaffte es immerhin von 2005 bis 2010 jedes Jahr auf den Titel “Best Russian Act” und scheiterte am Weltmaßstab.

Lena aber kann cool bleiben, und nach allem, was man in der jüngsten Zeit von ihr gelesen und gehört hat, wird sie dies auch bleiben. Sie hatte bislang zwei Jahre heftige Aufregung inklusive des Klimax in Oslo – und nun klingt alles ein bisschen aus.

Nächstes Jahr in Aserbaischan wird sie als Touristin einreisen, wie sie sagt, das heißt, für deutsche Medien als ewige Expertin in Sachen ESC-Sieg. Darauf freue ich mich mehr als auf eine junge Frau, die via MTV womöglich endgültig in den Bereich des globalen Größenwahns gehoben worden ist. Dass sie in Belfast überhaupt im Reigen der Aspirantinnen war: ein Extraglückwunsch, bitte!

P.S.: Jedward sind im Gegensatz zu Udo Jürgens, um mal einen Blogeintrag von voriger Woche aufzugreifen, nach meiner Einschätzung nicht gerade mit dem Potential ausgerüstet, tolle Songs selbst schreiben zu können. Ich würde sagen: Sie lebten dieses Jahr von ihren gymnastischen Tanzeinlagungen – Udo Jürgens jedoch immer von seinem Können als Liedschreiber.

MTV Award oder: Die Kanonisierung der Lena M.-L.

21. Oktober 2011

Das ist nur gerecht: Lena Meyer-Landrut hat beim Popkanal MTV einen Preis gewonnen, einen gewichtigen: Die zweite deutsche ESC-Siegerin bekommt nun den Best MTV 2011 German Act zuerkannt. Jene, die mit ihr konkurrierten, waren Clueso, Beatsteaks, Frida Gold und Culcha Candela – und das waren durchaus gewichtige Rivalen. Allerdings war Lena ihnen einen Schritt voraus, denn sie war ja nicht nur im Deutschland des Jahres 2010, sondern auch bis Ende Juni 2011 irgendwie überall und immer zu sehen und zu hören.

Lenas Auftritt bei der Verleihung des Echo 2011. Foto: dpa

Was soll man dazu sagen? Zunächst: die allerherzlichsten Glückwünsche! Vom Spielfeldrand möchte man hoffen: Lena möge sich drüber freuen, obwohl es nicht ihr erster und vermutlich nicht ihr letzter Preis ist und sein wird. Sie sagte zur Auszeichnung wörtlich: “Was für eine Ehre, sensationell, ich freu’ mich wahnsinnig! Vielen Dank an meine Fans.” Das klingt zwar nicht sehr lenaesk, aber man möchte es ihr dennoch glauben.

Man könnte allerdings auch sagen: Wer mit Preisen so überschüttet wird wie sie, ist auf dem besten Wege, kanonisiert und zugleich historisiert zu werden. Sie ist eine Chanteuse, die momentan auf dem Weg ist, auf individueller Spur größer als der ESC zu werden. Sie ist längst Gegenstand von kulturwissenschaftlichen und historischen Erörterungen – und kanonisiert bedeutet: Lena ist eine eigene Liga, Zweifel an ihr zerschellen am Prinzip. Erfolg legitimiert letztlich alles.

Und doch müssen auch leise Meckereien erlaubt sein: War es ernsthaft klug, Lena M.-L. aus dem Green Room beim Bundesvision Song Contest moderieren zu lassen? Ist es bald ein Naturgesetz, dass sie in allem, was Stefan Raab (herzlichen Glückwunsch zum 45. nachträglich!) TV-mäßig so macht, auch dabei ist, so wie Herr Elton? War neulich die Pokerpartie nötig? Und wird Lena Meyer-Landrut nicht irgendwann so nervig wie jeder omnipräsente Star, der sich kaum rar zu machen versteht? Ich frage ja nur …

Am 6. November entscheidet sich bei der Preisverleihung in Belfast, Nordirland, United Kingdom, ob Lena sogar noch ein Trophäenniveau höher rückt. Die deutsche Bestenkünstlerin ist sie ja jetzt – aber wird sie auch die globale Krone bekommen? Man möchte es ihr wünschen. Andererseits: Gibt es über den absoluten Zenit hinaus dann noch Ziele im künstlerischen Bereich?

Nachtrag am 24.10.: Inzwischen geht Lena als Europa-Siegerin ins Rennen um den “Best Worldwide Act 2011″. Sie tritt gegen Britney Spears für Nordamerika, Bigbang für Asien, Restart aus Südamerika und Afrika-Sieger Abdelfattah Grini an. Nun heißt es Daumen drücken und online mitvoten!

Lena ist aus den Ferien zurück

8. September 2011

In mehreren Interviews hat Lena Meyer-Landrut kürzlich vor allem diese Botschaft mitgeteilt: Sie lebt noch, ihr geht es gut, sie hat gechillt und Abstand gewonnen. Sie war auf Ibiza und lebte zurückgezogen in der Heimat, in Köln. Allerlei wusste sie zu berichten: Ja, der ESC war prima. “Satellite” singe sie noch, aber sie würde dieses Lied wie auch “Taken By A Stranger” nicht mehr hören; sie werde studieren, etwas, das kulturell im Afrikanischen zu Hause ist. In meinem U-Bahn-Fernsehen stand zu lesen, sie werde sogar Kisuaheli für diesen Zweck lernen, denn Kulturelles aus dieser Gegend fände sie interessant – und bei dieser Gelegenheit werden die meisten Berliner wohl das Wort “Kisuaheli” zum ersten Mal gehört haben. Lena weiß zum Weltläufigen anzuregen.

Ja, und außerdem hat sie zu Matthias Schweighöfers Film die Titelmelodie singend beigesteuert: “What A Man”- eine Coverversion des Klassikers von 1968, den meisten wohl eher in der Version von Salt-n-Pepa bekannt. Der Song klingt nun erstens sehr nach Lena, und zweitens hübsch und rund. Obendrein wissen wir seit Neuestem, dass Lena nun nicht mehr Reklame für ein bestimmtes Automobil macht, und der Konzern, der mit ihr für eines seiner besonderen Gefährte trommeln ging, war’s zufrieden – und findet, dass man Lena nun fürs Auto nicht mehr brauche.

Lena ist, das geht aus allen Interviews hervor, unbeschädigt aus der öffentlichen Nummer namens Lena hervorgegangen. Sie ist noch ganz bei sich, was in diesem Zusammenhang bedeutet: Jede Theorie, die da besagt, die Musikindustrie mache alle ihre Stars kaputt, ist zu eng gehalten, wenn nicht gleichzeitig die Möglichkeit mit gedacht wird, dass diese Stars womöglich auch selbst Schuld haben, wenn sie Schein und Sein nicht auseinander halten können. Lena jedenfalls kann und konnte.

Und, auch das erfahren wir sowohl aus der “Welt” wie aus dem “Südkurier”, Lena wird dem ESC nicht ganz verloren gehen. Sie könne sich nämlich vorstellen, in Baku zu sein, auch als Ehrenbotschafterin oder Ehrenjurorin, und auch vorher wäre sie gern schon als Gastjurorin bei der deutschen Vorauswahl dabei. Darüber hat sie zwar nicht mit dem neuen Unser-Star-für-Baku-Präsidenten Thomas D direkt gesprochen, aber weil der ja auch die Medien konsumiert, wird er es nun wissen.

Was Lena eventuell jedoch nicht wissen konnte, ist: Als Jurymitglied fürs Finale im kommenden Jahr müsste sie sich strikt zurückhalten. So stellen wir uns vor, sie könnte mit dem Gedanken gespielt haben, in Baku während der ESC zu fotografieren oder sich Proben anzuschauen. Soweit ich weiß, ist das jedoch als Jurorin regelwidrig. Aber es wird Wege geben, dass Lena zufrieden ist, der ESC und auch wir.

Ihr Resümee nach knapp anderthalb Jahren Dasein als Star ist ein lakonisches: “Ich bin unfassbar stolz.” Ob sie empfehlen könne, sich diesem Regime im Showbusiness zu unterwerfen, darüber hielt sie sich bedeckt: Für jede Single Teil der Promomaschine zu werden, das sei auch nicht jedermanns Sache. Echt nervig, so lesen wird sinngemäß, könne das sein.

Lena, so lernten wir also zum Ende der Sommerpause hatte bislang eine echt prima Zeit. Sie wird sie, dem Klang ihrer entspannten Worte nach zu urteilen, weiter haben.

Herzlichen Glückwunsch, Lena!

23. Mai 2011

Kaum war die letzte Straßenbahn aus dem Arena-Banhof gerollt, es war die Nacht zum Sonntag nach dem ESC, hörte ich es fragen: Was wird jetzt aus Lena? Sie hatte gerade den zehnten Platz erreicht. Sabine Heinrich hatte es schon in ihrem Interview unmittelbar nach dem Ende der Show herausgespürt: Diese Lena war erleichtert, sich weder blamiert noch abermals gewonnen zu haben. Aber was heißt schon blamieren? Wär’ doch gar nicht möglich gewesen. Gewonnen war und ist gewonnen – alles weitere, siehe ihre famose Performance von “Taken By A Stranger”, war nur noch Zugabe. Aber dann diese Fragen … irgendwie hatten die auch diesen Unterton: Na, jetzt muss sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Lassen wir mal die Neider und Missgünstlinge beiseite, diese dauergehässigen Mäkler, diese Spielverderber, die sich durch das Pressezentrum schleppten und doch nichts fanden an Kritikablem.

Also: Was passiert mit Lena?, fragte einer.
Ich antwortete: Die wird zunächst einmal 20.

Und das ist heute der Fall. Herzlichsten Glückwunsch!

Dass dieses eine, dieses lange Karrierejahr nun vorbei ist, weiß sie ja selbst.  Sie war eine angehende Abiturienten mit mäßiger Schullust, die irgendwas mit Medien machen wollte, vor die Kamera, sich ausprobieren. Und so kam sie am 14. Oktober 2009 in die Box von TV Total in Köln und empfahl sich für den Castingwettbewerb Unser Star für Oslo. Der fette Rest ist bekannt. Sie kam in die Vorrunden, machte keine künstlerischen Konzessionen – und gewann schließlich in Oslo 2010 den Eurovision Song Contest.

Prima war das, aber sie schenkte uns dazu noch eine Idee von deutscher Mädchenhaftigkeit, die absolut erfrischend und unverstellt war. Sie war keine Ich-will-ein-Star-sein-lasst-mich-rein-Person, sie nahm die Dinge, wie sie kamen. Innerhalb ihres 20. Lebensjahres hat sie im Grunde alle Höhepunkte eines gewöhnlichen Lebens mal so eben mitgenommen. Sie war, recht besehen, eine Popversion von Steffi Graf: Man wird erst Jahre nach dem Abschied von der Wettbewerbsbühne erleben, wie gut sie eigentlich war und wie schwer das gewesen sein muss, irgendwie immer Lena zu bleiben.

Aber mal so weiterspekuliert: Lena Meyer-Landrut, die jetzt wieder das Dasein jenseits chronischer öffentlicher Anteilnahme genießen darf, wird ohnehin was im Fernsehen oder im Popgeschäft machen. Sie könnte, weil sie Sprache so mag, Texterin werden, Komponistin. Sie hat die deutsche Sprache um Superlative und andere Wortkonstruktionen bereichert, etwa “dankeschönst” oder “Danke, Handwerker” – und das Wort “Axt” ist jetzt im Goldenen Buch der Stadt Hannover verewigt: bemerkenswert, mindestens.

Sie muss sich aber, das ist der Unterschied zu den meisten anderen Menschen zwischen Schule und Beruf, materiell keine Sorgen mehr machen. Also zurück zur Frage: Was wird aus Lena? War sie eine Einjahresfliege, falls es das gibt? Abwarten. Zunächst feiert sie Geburtstag, wahrscheinlich wieder mit lustigen Hütchen, so wie voriges Jahr in Oslo. Wir gratulieren einer Sängerin, von der es hoffentlich bald ein drittes und viertes Album geben wird.

Es hat viel Spaß gemacht, dankeschönst Lena!

Freundliche Resonanz, sehr sogar!

16. Mai 2011

1. Das erste Lob verdienen immer die Sieger. Aserbaidschan hat so viel Geld, dass es sich unbedingt einen Sieg ermöglichen wollte. Ell / Nikki waren die Interpreten, die wahr machten, was eigentlich Safura schon in Oslo gelingen sollte: einen ESC-Sieg. Ein skandinavisches Komponisten & Texter-Trio plus Bühnenshowhilfe aus Nordeuropa – das klappte nun. Glückwunsch.

Ell/Nikki gewinnen den ESC 2011. Foto:  Rolf Klatt, NDR

2. Erstmals seit etlichen Jahren waren Österreich, Schweiz und Deutschland gemeinsam im Finale. Schön, dass Nadine Beiler die zwölf Punkte von Ina Müller zuerkannt bekam, Lena aus Wien derer zehn erhielt. Das nenne ich, ehe wir wieder über osteuropäische Verschwörungstheorien zu labern beginnen, Nachbarschaft der freundlichen Sorte.

3. Anke Engelke ist nun ein europäischer Schwarm. Das ist nur gerecht. Ihre Dreisprachigkeit überwölbt nun selig die Moderation von Marlène Charell, die 1983 aber nix dafür konnte, es waren einfach andere Zeiten. Deutschland, in seiner Präsentation zumindest, ist so modern wie andere Länder eben auch.

4. Die mediale Resonanz fällt gut bis sehr gut aus. Die meisten Zeitungen haben gute Reporter auf das Thema und das Ereignis angesetzt. Dass manche immer noch den Klischees aufsitzen und von Schlagern sprachen, möchte ich verzeihlich nennen. Mancher Zeitgeist kommt in manchen Redaktionen eben erst spät an.

5. Das Intro durch Stefan Raab war heftig und gut. Lena war überraschend auch dort auf der Bühne.

6. Der ESC ist, zum Medialen nochmals zurückgekommen, nun nachrichtenfähig geworden. Das ist nur gerecht, denn Börse, Bundesliga & anderer Sport sind es ja auch. Schön, dass die aserbaidschanischen Sieger im Fokus der Berichte standen, nicht allein Lena. Mir gefiel, dass die Beiträge von Journalismus lebten, nicht nur von der eigenen Hingerissenheit in Sachen Glitter & Flitter.

7. Düsseldorf ist eine gute ESC-Stadt gewesen und könnte es wieder sein.

8. Schätzungsweise war es eine gute Entscheidung, die guten alten Grand-Prix-Zeiten nicht in Form von Ehrengästen einzuladen. Ich finde, Legenden wie Katja Ebstein (“Alles nur noch Geschäftemacherei”) könnte man mehr ehren, würden sie sich selbst historisieren. Schade, aber das kommt bestimmt noch.

9. Wer heute in den Medien schrieb, auf der Siegespressekonferenz in der Nacht auf Sonntag sei nichts Politisches erörtert worden, muss im Koma gelegen haben oder aus lauter Aversion bewusst Falsches geschrieben haben. Die Frage, ob Baku auch seine ESC-Gäste, auch die schwulen, willkommen heißen werde, wurde von aserbaidschanischen Delegierten wie auch von Ell / Nikki sehr bejaht.

10. Nach der Saison ist vor der Saison, das ist beim ESC wie beim Fußball so. Freuen wir uns auf Baku. Die Schweiz hat bereits ihre Teilnahme dortselbst bestätigt. Noble Eidgenossen!

P.S.: Wie es Lena geht? Darf es ihr gut gehen? Muss man sich Sorgen machen? In Kürze mehr!

Lena – der erste Auftritt

7. Mai 2011

Das war der entscheidende Satz auf ihrer ersten Pressekonferenz in Düsseldorf, und er er fiel etwa gegen kurz vor halb sieben: Es komme ihr nicht darauf an, andere niederzukonkurrieren. Täte sie das, so sagte sie, würde ihr “schlecht werden”. Vielmehr sei sie ausschließlich auf der Bühne, um zu gucken, ob sie “sich selbst überraschen” könne. Sie tritt also nur gegen und mit sich selbst an: Kann sie auch als erwachsene Frau einem Wettbewerb standhalten, der vor allem den eigenen Erwartungen gilt?

Lena verteilt Apfelkuchen an Journalisten. Foto: Rolf Klatt / NDR

Das fand ich wahnsinnig klug – denn, ohne es ausdrücklich zu formulieren, dieses Statement nahm auf, was an seltsamer Atmosphäre medialerseits gegen sie in Deutschland in der Luft liegt und in diese hineingepustet worden ist. Lena – eine Figur aus der Vergangenheit, die nur noch nervt? Irrtum.

In Wahrheit, sagen die allermeisten Medienmenschen hier in Düsseldorf beim ESC, ist Lena nur in Deutschland mehr als präsent, im Ausland hingegen, ob in Norwegen oder in Slowenien, sei es als mutige Entscheidung registriert worden, dass sie abermals antritt. Und das als Siegerin des Jahres zuvor!

Lena hat, um es offen zu sagen, eine prima erste Probe auf der Arenabühne absolviert. Von Durchgang zu Durchgang – es gab deren vier – ließ sie sich stärker ins Geschehen fallen. Sie ist extrem sicher geworden, scheint mir, sie macht einen Job (Entertainerin!) als, wenn man so will, Auszubildende des Showgewerbes. Eine, die ihre Lehre unter besonders geglückten Umständen absolvieren kann. Sie wird diese Jahre der beruflichen Entwicklung mit Verve hinter sich bringen.

Ins Gutherzige formuliert: Diese Chanteuse kann nur an sich selbst scheitern. Wird sie aber nicht. Wäre sie sich der Gefahr der Routine nicht bewusst, hätte sie bereits jetzt verloren. Aber, deshalb war ihr Statement so besonders für mich, weil sie genau weiß, was ihr gefährlich werden kann, kann sie direkte Rivalität nicht anerkennen. Einleuchtend!

Lena verteilte im Übrigen anfänglich Apfelkuchen, der, so sagte sie, von ihr selbst des Nachts gebacken worden sei. Selbst wenn es nicht wahr wäre: eine hübsche Flunkerei. Lena könnte ihr Meisterinnenstück backen, indem sie aus “Taken By A Stranger” alles herausholt, was dieses ohnehin schummerige Lied an Möglichkeiten bietet.

Lena bleibt ein Geheimnis, gerade weil sie die Erwartungen nicht erfüllt: Sie ist weit davon entfernt, die Wünsche von bösen Kritikern zu bedienen. Die Frage meiner Interpretation könnte sein: Ist das alles glaubhaft? Oder spielt sie nur die Coole?

Ich glaube: Sie kann gar nicht spielen, schon gar nicht schauspielern. Sie weiß sich im Kreis ihrer Betreuer sicher – und wird am 14. Mai sich selbst überraschen!

Aserbaidschanische Indizien

25. März 2011

Die Prognosen in den britischen Wettbüros sind – was die Erfolgsaussichten der ESC-Teilnehmer in Düsseldorf betrifft – das Eine. Da geht es um die wahrsten Werte unter den Werten, nämlich um Geld. Ein Anderes sind die Hinweise, die uns die Klickzahlen der ESC-Videos geben. Für Menschen, die nicht dauernd im Netz das Immergleiche hören wollen: Auf den Seiten von eurovision.de findet man alle Videos des Jahrgangs. Man kann sich die Acts natürlich auch via YouTube oder anderer Clipanbieter ansehen – dann muss man manchmal nur ein wenig suchen. Generell gilt: Mit Ton und im Bild, so sind die modernen Zeiten, kann man sich am besten einen Eindruck verschaffen.

Wir haben uns umgehört, international. Über YouTube, über Google, über diverse nationale Plattformen – und ultrapräzise Zahlen können wir hier keine bieten. Nur dies: Auf nationalen Plattformen genießen durch die Bank weg die einheimischen ESC-Acts die höchsten Zusprüche, was die Klicks anbetrifft. Sortiert man diese Sympathiewerte einmal zur Seite – zumal man ja für den Beitrag des eigenen Landes sowieso nicht anrufen darf -, ergibt sich eine andere Perspektive.

Und so kommen wir zu den Charts: Aserbaidschan liegt bei den Clips haushoch vorne. Frankreich liegt auf Platz zwei, aber schon deutlich dahinter. Ungarn – seit Neuestem auf dem ersten Rang der Wetten, bei denen es um Geld geht – liegt, unserer groben Übersicht zufolge, auf dem dritten Rang. Dahinter rangieren Estland, Weißrussland, die Türkei, die Niederlande und auf dem achten Platz Lena. Schweden und Israel lassen sich knapp hinter diesen eingruppieren.

Ell/Nikki aus Aserbaidschan. Foto: eurovision.tv

Wie gesagt: Das sind Momentaufnahmen, das sind quasi Blitzlichter eines Bildes, dessen Konturen noch nicht hinreichend klar sind. Aber die Clips und ihre Sympathisanten sind ernstzunehmen.

Man muss dazu wissen, dass diese Klickzustimmungen – oder Nichtzustimmungen – in den vergangenen Jahren einen gewissen Aufschluss über das zu erwartende Resultat gaben. Alexander Rybak und Lena waren klicktechnisch gesprochen die stärksten Hingucker in ihren Jahrgängen – und Lena sogar lange, ehe sie auch in den Wetten vorne lag.

Aber muss das dieses Jahr auch stimmen? Könnten Aserbaidschan (und Weißrussland, dieses gruselige Ding) nicht das Internet durch Tricks überlistet haben – etwa mit ölgesättigten oder überhaupt mafiotisch grundierten Geldern? Verschwörungstheorien, ich weiß. Wahr ist für mich aktuell, dass der Act aus Baku so sehr nichtaserbaidschanisch klingt – was die übliche Landesfolklore betrifft -, dass man davon ausgehen kann: Hier will ein Land unbedingt gewinnen. So wie Russland es wollte, ehe es dies mit Dima Bilan schaffte.

Das Internet ist ernst zu nehmen, würde ich also meinen – und Aserbaidschan hochgarantiert erst recht. Dass unsere Kandidatin nicht in Pole Position hockt, ist, alles in allem, gut: So wird man in der Konzentration auf das Wesentliche nicht nachlässig. Das Wesentliche? Na, ist doch klar: Das ist das Finale und der dortige Liveauftritt. Der Erwartungsdruck ist bis dahin nicht allzu gewaltig.

P.S.: Nun hat sie gestern in Berlin zwei “Echo”-Trophäen eingesammelt, “lovely Lena”. Sie sagte, wie sie die Dinge immer sagt, irgendwie spontan und leicht ungelenk: “Ich hab’ so Herzklopfen und meine Hände zittern.” Dieser Preis sei “so was tierisch Großes”, fand sie. Eine Auszeichnung als Nachwuchskünstlerin, die andere als beste nationale Chanteuse. Um mal die Latte leicht hochzulegen: Jetzt kann sie den “Grammy” ins Auge nehmen, die US-amerikanische Variante des “Echo”. “Taken By A Stranger” ist kein schlechtes Bewerbungslied.

Lena und Guttenberg

25. Februar 2011

Zuerst wäre das Nötigste zu sagen zur aktuellen popkulturellen Entwicklung in Deutschland: Gestern Abend, die Premiere des “Taken By A Stranger”-Clip in der ARD kurz vor der “Tagesschau” war ein gutes Ding. Exzellente Produktion – zumal der Titel mit Lena so inszeniert ist, als würde sie in sich selbst die Fremde, das Fremde entdecken. Genial! Es war offenkundig eine gute Wahl, dieses Lied – mit Lust scheint die ESC-Neu-und-Wiederanwärterin bei der Sache gewesen zu sein.

In anderer Hinsicht sind momentan einige Medien unterwegs, Lena Meyer-Landrut zur Bagatelle zu erklären. In einer Presseagenturmeldung hieß es jüngst, die Aktuelle Stunde im Bundestag, in der Minister Karl-Theodor von und zu Guttenberg seiner akademischen Betrügereien wegen einvernommen wurde, erzielte über den öffentlich-rechtlichen Kanal Phoenix Einschaltquoten, so wurde gehässig notiert, die höher waren als die der Lena-Vorentscheidungsrunden auf Pro7 und in der ARD.

Nun, in der Philosophie wird seit Menschengedenken darüber spekuliert, was das Sein und das Sollen sein könnten – allein in einer Hinsicht ist sich diese Disziplin ziemlich einig: Vergleiche hinken immer. Und Jene, die Vergleiche anstellen, tun dies nicht neutral, sondern absichtsvoll. Der Journalist, der diese Agenturmeldung fabriziert, musste in etwa so getickt haben: Guttenberg spannend, Lena doof. Oder so ähnlich.

Dabei sind beide ausstrahlungsfähige Personen. So lasen wir bereits vor den Enthüllungen zu Guttenberg, in der Wochenzeitung “Die Zeit” ein Interview mit Finanzminister Wolfgang Schäuble, einem der honorigsten Politiker überhaupt.  Er sagte: “Gucken sie sich nur den Zirkus mit Lena auf der einen Seite oder das Phänomen Karl-Theodor zu Guttenberg auf der anderen Seite an. Da gibt es Parallelen. Aber die haben weniger mit den Personen zu tun als vielmehr mit den Medien. Guttenberg habe zwar etwas, das die Leute fasziniert, aber ich finde nicht, dass er ein außer- oder überirdisches Phänomen ist.” Man lese darin den Spott und liegt damit nicht falsch!

Jedenfalls: Guttenberg hat natürlich auch deshalb so verhältnismäßig großes Interesse geweckt, weil in allem, was über ihn herausgefunden wurde, auch Negatives steckte. Und steckt: Er könnte zurücktreten. Diesen Moment will jeder am liebste live. Bei Lena hingegen gab es keine Personalisierung. Sie sang zwölf Lieder – sie hatte außer in sich selbst keine Konkurrenz.

Insofern ist der Vergleich zwischen Lena und Guttenberg auf der Ebene des Glamours und der Oberfläche zutreffend. Aber ansonsten einer zwischen reifen Pfirsichen und Schrottkühlschränken, um es mal besonders krass zu benennen.

Lena ist keine Überirdische, sie ist ein Star, sonst nix. Göttliches an ihr haftet nicht. Gut, das! An Guttenberg nun auch nicht mehr. Auch das ist – gut so!

Deutschlandradio spielte neulich den Lena-ESC-Song in der “Ortszeit” am Morgen. Wenn sie schon bei den geschmäcklerischen Kollegen dieses wunderbaren Senders reüssiert – was kann da in Düsseldorf, unabhängig von der Platzierung, noch schief gehen?

P.S.: Freuen wir uns jetzt auf Irdisches. Auf die Entscheidungen des Wochenendes. Die in Österreich zum Beispiel. Ich freue mich auf diese!