Eine Zwischenbilanz

5. März 2012

Ein paar Tage nach der Bekanntgabe der BBC, Engelbert Humperdinck erfolgreich aus dem ohnehin rührigen Ruhestand gebeten zu haben, ist es Zeit für ein Fazit, da inzwischen fast zwei Drittel aller Baku-Songs bekannt sind.

So viel lässt sich über das Outing der BBC, wen sie da aufgrund von akuter Ratlosigkeit über ein geeignetes Vorentscheidungsverfahren aus dem Hut gezaubert hat, sagen: Es herrscht eine irritierende Begeisterung. Einer schrieb mir, Axel aus Düsseldorf: “Ich bin, muss ich sagen, angenehm geschockt.” Und Steffi aus Berlin suchte sich gleich einen Reim auf das Geschehen zu machen – die Renaissance der Alten und Abgerüsteten. Sie fragte, womöglich nur rhetorisch: “Greift das Altersphänomen auch schon nach UK? Rehagel, Gauck, Humperdinck – who’s next?” Vor sehr vielen Jahren gab es im Fernsehen die Sage vom “Bellheim”, gedreht von Dieter Wedel mit Mario Adorf. Schon dieses Stück handelte von Alten, die ein von jungen Managern zum Schlingern gebrachtes Kaufhaus wieder in Schwung bringen – ein Märchen, so hieß es.

Nun kommt in die gern abfällig als Nachwuchsshow bezeichnete Grand Prix Eurovision-Chose der Geist des Guten – weil Alten. Ich schätze: Ehe wir auch nur einen Ton des Liedes von Engelbert hören werden, wird sich Lys Assia öffentlich schwerst ärgern, dass sie es nicht zum Titel der allerältesten Teilnehmerin aller Zeit schaffen wird.

Aber wie sehen wir die anderen – vor dem Wochenende, da Schweden sein Melodifestival abschließen wird? Und Griechenland noch nicht gewählt hat, ebenso wenig Russland, Belgien oder Portugal?

Ich habe am Wochenende einen sogenannten Hausfrauentest durchgeführt, also jenes Verfahren, bei dem man sich nicht jedes Lied dreißig Mal anhört – schön hört! -, um dann zu Prognosen zu kommen. Nein, ich kannte die meisten Lieder nur vom flüchtigen Zuhören. Jetzt aber: 26 Lieder mit je 30 Sekunden.

Auffällig ist, dass viele wieder die schnellen, hektischen, nervösen Nummern bevorzugen, etwa Norwegen, Georgien, auch Israel und die Türkei. Letztere immerhin klingt orientalisch-fremd, was günstig sein kann. Dieser Sänger ragt deutlich über alle hinaus, sehr exotisch, dieser Can Bonomo. Spaniens Pastora Soler ist von klassischem Schneidemuster, eher sachte im Tempo, infernalisch gut ihre Stimme – und toll der Schluss. Hat was von der guten alten hispanischen Divenschule wie Paloma San Basilio.

Am auffälligsten aber fräste sich die Niederländerin Joan Franka in mein Ohr, die neulich beim Sieg in ihrem Land durch ein Indianerkostüm auffiel – was zunächst von der Güte ihres Lieds ablenkte. Güte?, werden jetzt manche fragen. Ist das nicht zu simpel? Ich finde, es ist so simpel und gut, so auf das Beiläufigste intensiv wie einst die Olsen Brothers. Immer unterschätzt, die Wochen vorher – und dann doch ziemlich oben, nicht wahr?

Wir erinnern uns: Bei der Jury lag diese Holländerin nur auf dem dritten Platz, ehe sie durch das Televoting, das sie haushoch für sich entschied, noch zum Sieg kam. Sie sollte man wetten, noch stehen die Quoten prima, niemand hat sie so recht auf dem Zettel.

P.S.: Dass Finnland und Estland eher altmodische Lieder nach Aserbaidschan schicken, bestärkt mich in meiner These: Das Unübliche, das Unkonventionelle hat bei allen Vorentscheidungen eine Chance, wenn es gut dargereicht wird. In beiden Fällen: So war es!

Ein Jahrgang der Wiederholungstäter?

22. November 2011

Ob das denn nächstes Jahr in Baku eine Oldieshow wird?, fragte mich ein Freund mit Blick auf die neuesten Meldungen aus den ESC-Ländern. Er spricht, auf meine Nachfrage, was er denn meine, von Wiederholungstätern. Man könnte sagen: Straffällig gewordene, die nach der Zeit in Haft wieder rückfällig werden und es einfach nicht lassen mögen.

Um im Bild zu bleiben: Das Delikt besteht in der Teilnahme an einem ESC, die Zeit des Eingekerkertseins in den Tagen des Grand Prix Eurovision selbst – und die Rückfälligkeit ergibt sich aus dem Aktuellen: Zeljko Joksimovic wird für Serbien in Aserbaidschan an den Start gehen, Kaliopi fürf Mazedonien. Beides bekannte Namen – der Mann aus Belgrad nahm immerhin schon drei Mal teil, 2004 in Istanbul, wo er mit “Lane moje” den zweiten Rang schaffte, 2006 in Athen, als er, stilistisch ähnlich, für Bosnien und Herzegowina das Stück besorgte und Platz drei abräumte, schließlich auch noch 2008 in Belgrad, da war er der Mann hinter Jelena Tomasevic. Kaliopi ist eigentlich nur absoluten Experten als Oldie bekannt, sie zählte nämlich 1996 zu den Tragischen, welche, wie ja auch Leon aus Deutschland, zwar qualifiziert waren, aber nicht nach Oslo durften.

Und zähle ich nun auch noch Lys Assia hinzu, deren Präsenz oldiehafter ja nicht geht, dann droht womöglich wirklich eine Art Vertriebenentreffen: Alle schon mal dagewesen.

Nun, aber das ist kein neues Phänomen. Es hat immer Newcomer gegeben, aber eine Neulingsleistungsschau war der ESC gleichwohl nie. Jonny Logan, Udo Jürgens, Corry Brokken - um nur die bekanntesten internationaler Provenienz zu nennen: Sie hatten an der Droge ESC geschnuppert und wollten es mehr als einmal wissen. Das war aus deren Sicht auch nur zu verstehbar: International aufzutreten, ja, über die eigenen Landesgrenzen hinaus bekannt zu werden, ging früher nur über den ESC. Wer aus kleineren Staaten kommt, ist darauf angewiesen, will er heimatliche Horizonte überschreiten, beim ESC auf die Galeere zu gehen.

Aus Deutschland sind in dieser Riege auch einige dabei – von Ralph Siegel, nie singend, immer komponierend, mal abgesehen. Margot Hielscher gleich zwei Mal, 1957 und 1958, dann Katja Ebstein. Vorher Siw Malmkvist, zunächst für Schweden, 1969 für Deutschland, 1989 war sie in Schweden wenigstens in der Vorentscheidung dabei, dann Mary Roos oder Ireen Sheer (Luxemburg 1974, Deutschland 1978, Luxemburg 1984, schließlich sogar noch in einer deutschen Vorentscheidung der frühen nuller Jahre).

Ich weiß es von Mary Roos. Die erzählte mir mal, der Grand Prix Eurovision sei wie eine Droge, besser als Adrenalin und Gras zusammen – es hebt die Stimmung, macht das Gemüt wach, und man sei absolut ehrgeizig. Sie habe es immer als eine internationale, aber vor allem nationale Chance gesehen, europäisch bemerkt und in Deutschland anerkannt zu werden.

Anders hingegen Gitte Haenning, die ja fast mal für Dänemark dabei war, aber dann ihr ESC-Debüt für Deutschland gab, 1973 mit “Junger Tag”. Sie hatte keine internationalen Ambitionen, aber sie meinte mir gegenüber, ihr fehlte in jener Zeit ein Hit, sozusagen ein nächstes Comeback, da habe ihr die Plattenfirma neben einem neuen Vertrag als Wunsch die Teilnahme an der deutschen Vorentscheidung unterbreitet.

Ja, so verschieden können die Motive sein. Noller Olsen, der bartlose unter den Olsen-Brüdern, meinte in Stockholm 2000 zu mir, er würde den Melodi Grand Prix als Ausflug aus dem Alltag nehmen – dass er diesen Ausflug auch noch triumphal gewinnen sollte, konnte er vorher nicht wissen.

Was Joksimovic anbetrifft: Ich freue mich auf ihn – seine Lieder haben so etwas Hymnisch-Geheimnisvolles. Für ihn gilt, was für andere auch gegolten: Wiederholungstäter beim ESC zu sein, berauscht. Einmal vom Stoff genascht, immer wieder in Rückfallgefahr. Udo Jürgens und Johnny Logan wissen das am allerbesten: Sogar ein Sieg, wie bei dem Iren, macht wohl nicht satt!

Long live Lys!

18. November 2011

In den Blogs, auch dem des schweizerischen Fernsehens, klingen ESC-Interessierte recht skeptisch: Was, die soll die Eidgenossen in Baku vertreten?

Nein, Lys Assia ist keineswegs die Göttin, auf deren erlösenden Gesang alle gewartet haben. In Wahrheit – nach meiner Wahrheit! – war allein schon ihre Kandidatur für das Finale in der Schweiz im Dezember eine Sensation. Man stelle sich vor: Sie wäre, gewänne sie die Fahrkarte nach Baku, beim Finale 88 Jahre alt. Mit Abstand die Älteste unter allen, die es je beim ESC versucht haben.

Okay, sie ist, in gewisser Weise, nicht die bescheidene alte Dame, die schüchtern, ja in geziemend höflicher Weise sich geehrt fühlt, an dieser Konkurrenz teilnehmen zu dürfen. Nein, Lys Assia ist von erfrischendem Selbstbewusstsein – als wäre sie immer noch kampfeslustig und rivalitätssensibel mitten in den Teenagerjahren. Das glauben Sie nicht?

Na, das belege ich doch gern. Neulich ließ sie in die Presse mitteilen, sie werde am 10. Dezember das gleiche Kleid tragen, das sie in Lugano 1956 bei ihrem Sieg mit “Refrain” schon auf den Leib geschneidert bekam. Wir wissen zwar nicht, wie es farblich genau aussieht, denn alle Aufnahmen von damals sind in Schwarzweiß. Aber: Allein diese löwinnenhafte Attitüde, allen anderen zu sagen, dass sie nicht nur das Gemüt, sondern auch die Figur für Elegantes und Schlankes hat, ist von frappierender Grandezza. Natürlich, sie schränkte in der gleichen Meldung ein: “Ich hoffe, es passt mir noch.” Das ist selbstverständlich nur kokett gemeint, so mit ganz fettem Augenaufschlag, denn das wird sie längst geprüft haben: Ob sie in den Fummel wie eine würdige Chanteuse oder wie Mortadella der Tessiner Art aussieht. Sie wird es doch wissen: Es passt. Und zwar, weil sie ihr Leben auf dieses Kleidermaß immer ausgerichtet hat, denn keine wie sie, auch nicht Johnny Logan, war so versessen darauf, nach dem einen und ersten Mal ein weiteres Mal zu gewinnen.

Ich erinnere mich an das Jahr 2010, an den Platz vor dem Osloer Hotel, in dem die allermeisten Delegationen wohnten. Lys Assia stand nach dem Halbfinale, in dem ihr Landsmann Michael von der Heide gerade erfahren musste, dass es kein Gold für ihn im Finale regnen würde, im Foyer, formvollendet, absolut ungebeugt, klaren Blickes – und kondolierte mit nur halbwarmer Geste dem Sänger. Neigte ihren Kopf zur Seite, ohne ihren Rumpf zu beugen, der auf wirklich hohen Pumps festen Halt fand, und sagte nicht einmal flüsternd: Nun ja, es war ein Auftritt – aber für die Welt, da müsse es eben mehr sein.

Damit wollte sie wohl sagen: Das hätte ich besser geschafft. Und: Ja, das genau wünschte sie sich – noch einmal teilzunehmen. Okay, 1997 erzählte sie bei der deutschen Vorentscheidung in Lübeck - und ich habe es gehört – schimpfend, wie verludert dieses Event doch geworden sei, so billig, denn zu ihrer Zeit habe man echten Schmuck auf der Bühne getragen, jedenfalls sie.

Ihre Meinung über den ESC hat sie dann geändert, weil sie sich doch noch erinnerte, ihren Traum vom zweiten Sieg niemals preisgeben zu wollen. Dieses Jahr ist es soweit. Und ich gehe davon aus, dass sie in das Schweizer Finale mit dem eisig-ehrgeizigen Willen zu gewinnen gehen wird - nicht nur aus purer Lust am Kamerarotlicht, das auf sie scheint, zu singen.

Wenigstens, sollte man denken, wird sie die Konkurrenz nicht mit ihren typischen Tadeleien bedenken. Doch weit gefehlt. Jüngst erklärte sie, mit Blick auf die Atomic Angels, die ebenfalls nach Baku wollen, dass diese keine “echte” Konkurrenz für sie seien. “Ich mache richtig schöne Musik ohne viel Gefummel und Gehopse”, gab sie Medienmenschen zu Protokoll, außerdem fehle den atomaren Engeln “die Erfahrung”. Nun, die hat keine so gesammelt wie sie.

Was ich aber sagen will: Diese krude Unbescheidenheit der Lys Assia – und das bitte ich nicht ironisch zu sehen – gefällt mir am besten. Sie mag alt sein, sie kann Falten haben, ihre Haare könnten ein Mahnmal der Färbeindustrie sein, egal … Lys Assia ist schon jetzt das ESC-Ereignis des Jahres. Sie sollte unbedingt gewählt werden, ohne sie wäre Baku ein Wettbewerb ohne historischen und zeitgenössischen Glanz. Sie lebt eine Art von Alter in Würde, sie ist fern aller Töpfergruppen und Batikrunden, wie man sie aus Rentnerheimen kennt, um die Insassen zu beruhigen und irgendwie zu beschäftigen. Nein, diese Dame ist die graueste Pantherin der ESC-Kämpferinnen: Man gebe ihr eine Chance und feiere sie inständig.

Mit einem Freund aus London erfanden wir schon vor sechs Jahren, in Kopenhagen, beim 50. Geburtstag des ESC, einen Trinkspruch: Nicht Prost, möge es heißen, sondern ein zünftiges “Lys Assia”. Das geht sogar in allen Sprachen. Long live Lys!

P.S.: Sie hat, als sie zu den Atomic Angels gefragt wurde, sogar gesagt, sie plädiere für eine ESC-Teilnahmegrenze von 18 Jahren. Das ist auch eine Art, sich diese sehr junge Konkurrenz vom Hals zu wünschen. Aber wie sie das sagte, so nebenbei, so wie eine Bösartigkeit im Abendkleid, auch das hatte Klasse.

Schweiz: Der lange Weg nach Baku

17. Oktober 2011

Gemessen an dem, was unsere südlichen Nachbarn momentan anstellen, um 2012 wenigstens wieder ins ESC-Finale zu kommen, läuft es bei uns – nun ja, sagen wir: schleppend. Aber das täuscht nur, natürlich, denn zwischen Basel und Bellinzona, Genf und Chur, hat eine wahnsinnig komplizierte Prozedur begonnen, den Act für Aserbaidschan zu bestimmen. Ich muss gestehen: Es kostete mich den ganzen Sonntag, um mich in alle Lieder zu vertiefen, ja, in alle Details des Reglements.

Wer tritt in die Fußstapfen von Anna Rossinelli? Foto: Rolf Klatt/NDR

Resümieren möchte ich das so: Am 10. Dezember findet am Rande des Bodensees eine öffentliche Vorentscheidungsshow statt, und 14 Lieder werden an dieser teilnehmen können. Zwei Canzone werden in einem eigenen Verfahren vom Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz bestimmt, drei Chansons vom französischsprachigen Flügel des Landes - und drei Lieder durch den Radiosender DRS3. Diese drei Sender dürfen aus allen Vorschlägen, die eingereicht wurden, vorab ihre Kandidaten herausfischen. Sechs weitere Lieder rekrutiert zu diesem Event die deutschsprachige Schweiz, das Publikum soll die sechs Kandidaten per Voting bestimmen.

Da es mir nicht gelungen ist, mich in die Plattform einzuloggen, gehe ich davon aus, dass manipulatives Werten aus dem Ausland heraus schwierig ist. Die sechs Publikumskandidaten jedenfalls – unter ihnen Lys Assia! – können mit 0 bis 4 Punkten versehen werden. Und jene sechs Songs, die die meisten Stimmen haben, gehen ins Finale.

Es kostet, falls ich mal so blank stoßseufzen darf, irre Mühe, alle, buchstäblich alle Beiträge wenigstens eine halbe Minute lang ins Ohr träufeln zu lassen.

Und es ist, das liegt in der Natur der Sache, auch echt viel Plunder und Müll dabei. Aber: In der Schweiz herrscht Aufruhr, denn fast kein Song hat gar keinen Fanclub, keine Postille, die sich keinen eigenen Kandidaten auserwählt hat. Kurzum: Alle können – und sollen! – sich mit irgendeinem Lied identifzieren und für dieses Werbung machen.

Die Abstimmung jedenfalls hat gestern begonnen. Ich schätze: Da freut sich die TV-Anstalt, dass jetzt alle Internetleitungen glühen.

Einen kleinen Skandal gab es im Vorfeld gleichwohl: Es gibt ja offiziell nicht nur drei, sondern vier Landessprachen – das Rätoromanische wurde vergessen. Anders als im Tessin in der Suisse Romande ist kein Act aus den geröllhaft sortierten Bergwelten des Rätoromanmischen gesetzt. Schade, denn Furbaz hat ja 1989 in Lausanne als Erben von Céline Dion eine zwar leicht unglamouröse Variante des schweizerischen ESC-Tuns abgegeben – aber es war doch sehr hübsch, was die Marie-Louise Werth und ihre Folklorejungs da so rätoromanisch sangen. Auch dies aber, dass dieser Sprachteil unglaublicherweise ausgegrenzt wurde, macht Stimmung – gut, das!

Jetzt zu meinen ersten Eindrücken: Lys Assia hat den Vorteil, dass man sie seit 60 Jahren in aller Alt-ESC-Welt kennt. Ihre Ralph-Siegel-Komposition ist nicht übel, sie selbst rüstig wie seit gleichfalls 60 Jahren – und sie ist auf der Seite mit dem Buchstaben L gut zu finden. Aber sonst? Kein Act ragt ernsthaft heraus.

Auf ehesten fiel mir auf, was im Tessin angeboten wird. Nicht nur, dass Barbara Berta, ESC-Veteranin des Jahres 1997, mit von der Partie ist. Hübsch war eine Formation, die sich Hirion nennt und sich mit einem Titel namens “Tu sei qui con me” einschmust: Es klingt, als hätte man sich an den aserbaidschanischen Gewinnern zu orientierten gewusst.

Es ist, mit anderen Worten, ein Wust an Angeboten. Das ist prima – und doch stört mich, dass das Publikumsvoting noch korrigiert werden kann durch eine Jury, die in dieser Runde ebenfalls Stimmgewicht hat, und zwar ganze 50 Prozent. Und wir kennen nicht mal die Mitglieder der Jury, jedenfalls habe ich keine offen genannten Namen gefunden.

Es bleibt also kompliziert bis rätselhaft. Andererseits: Die Schweiz macht vor, dass die ESC-Saison längst im Herbst vor dem Finale beginnen kann. Das nenne ich eine begrüßenswerte Tendenz zum Ganzjahresevent!

P.S.: Die einen suchen nach der glamourösen Formel, die anderen können auf die ihre erfolgreiche Realisation zurückblicken: Zivka Pick beispielsweise, offen schwuler Pop-Mogul aus Israel. Er hat nicht nur Danas Siegertitel “Diva” geschrieben, aus seiner Feder stammt auch ein Musical, das ehrlich gesagt an schriller Delikatesse auch “Priscilla” haushoch überlegen ist. Titel: “Mary Lou”. Dieser israelische Streifen ist für mich der Höhepunkt des  lesbisch-schwulen Filmfestivals in Hamburg. Und der Film, eine Art nahöstliche Antwort auf “Mamma Mia”, läuft am Sonnabend um 14 Uhr im Hamburger Passagekino. Ich würde sagen: Wir treffen uns dort!

Lys und Ralph – Traumpaar für die Schweiz

29. September 2011

Das ist die Sensation wenigstens des Monats: Lys Assia bewirbt sich wirklich um die Teilnahme am ESC in Baku. Einerlei, dass sie sich zunächst für die schweizerische Vorentscheidung qualifizieren muss, aber: Sie könnte. Denn sie hat einen Texter und einen Komponisten gefunden – und beide passen sie zu ihr kongenial: Jean-Paul Cara (“Un, deux, troi”, 2. Platz 1976 für Frankreich mit Cathérine Ferry sowie Sophie & Magaly mit “Papa Pingouin” für Luxemburg, 9. Platz 1980) und – bitte einen Tusch! – Ralph Siegel.

Lys Assia meldet sich zurück auf die Eurovisions-Bühne

Lys Assia meldet sich zurück auf die Eurovisions-Bühne

Das sind drei Musketiere des ESC-Geschäfts – und ihr Lied heißt “C’était ma vie”, eine quasi imperfekte Version von Sinatras “My Way”, ein Beitrag aus der Abteilung Testament-Pop: Ein alter Mensch guckt zurück auf das, was war. Und die Assia kann das prima: Als Rosa Schärer 1924 geboren, wäre sie in Kreuzlingen, beim eidgenössischen Vorentscheid, 87 Jahre alt. Ist das nicht spektakulär? Im Clip, der über die Internetseite des schweizerischen Fernsehen zu sehen ist, wirkt sie frisch und wach. Und sie bewies ja in den vergangenen Jahren, als sie mehrmals bei ESCs live und in Farbe zu Gast war, wie juvenil sie doch wirkt, gerade im Vergleich mit so vielen der Möchtegern-Aspiranten. Nein, die Assia, eine Legende seit ihrem ESC-Triumph in Lugano 1956, hat das Feuer des persönlichen Ehrgeizes nie eingebüßt. Sie muss sich gesagt haben – und das hat sie auch mir gegenüber einmal bestätigt -, dass das, was die ja auch verhältnismäßig alten Olsen Brothers aus Dänemark 2000 konnten, sie auch drauf habe: noch zu gewinnen.

Okay, man wird feststellen, dass ihr Lied, typisch Siegel, eine Spur zu hymnisch, zu sämig und zu tragend klingt, aber soll die Assia wie Shirley Bassey mit Propellerhead etwa grooven? Nein, das war nie ihr Stil, die gebürtige Oerlikonerin liebte es immer mehr, damen- als teenagerhaft zu wirken.

Am 10. Dezember, einem Samstag, findet in Kreuzlingen (das ist genau im Anschluss ans deutsche Konstanz am Bodensee) das schweizerische Finale für Baku statt. Die Assia müsste noch aus der Internet-Abstimmung in dieses gelangen – was gewiss dank der vielen Siegel- und Assia-Fans nicht schwer sein dürfte.

Aber dass die erste ESC-Siegerin aller Zeiten nun bei dessen 57. Auflage dabei sein will, ist weniger bemerkenswert als der Umstand: Da hat eine, womöglich 88-jährig in Aserbaidschan im Mai 2012, noch die innere Glut, alters-un-milde das Unmögliche in Angriff zu nehmen.

Glückwunsch allen Beteiligten zu diesem Coup, der von Mut kündet!

P.S.: Freddy Quinn wurde im Laufe der Woche 80 Jahre. Er ist vergrämt, scheut die Öffentlichkeit und war auch 1956 in Lugano, für Deutschland, dabei. Er ist, alles in allem, das Gegenteil der Assia: unkämpferisch, immer irgendwie missgelaunt und längst jenseits des Rampenlichts. Alle Kränze seien ihm, der Schlagerlegende der fünfziger und sechziger Jahre, dennoch geflochten. Alles Gute zum neuen Lebensjahr ihm von Herzen!

Warum fahren die Fans auf Opernhaftes ab?

20. April 2011

Die eigentlich Zäsur der ESC-Geschichte fand 1967 statt. Da gewann in der Wiener Hofburg – die verstaubteste, ehrwürdigste, habsburgischste und wunderbarste Kulisse dieses Festival überhaupt – die Britin Sandie Shaw mit “Puppet On A String”. Sie tat dies barfuß, sie tat dies fast ein wenig frivol, jedenfalls war sie die Alternative schlechthin zum brokatigen Abendkleidwesen, das uns en gros wie en détail vor allem die französischsprachigen Länder anboten.

Sandie Shaw müsste uns doch heute mahnen: Getragenes, Musicaleskes, Knödeliges ist nur selten für höhere Platzierungen gut. In Wahrheit, so meine These, steckt hinter den hohen Wertungen, die der Franzose in diesem Jahr vorab genießt, der nostalgische, ja, reaktionäre Wunsch, dass aus dem ESC wieder ein orchestrales und samt-pompöses Unterfangen werde. So von wegen: Das Hymnische für einen hymnischen Abend.

Denn, so ist es um mein Empfinden bestellt, was an diesem Franzosen charismatisch sein soll, der nach dem 14. Mai keinem Radiomoderator, der auf sich hält, über den Plattenteller kommt, erschließt sich nicht. Tatsächlich geht es Fans – und diese stimmen über die Fanclubs ihre Weissagungen ab – um den hohen, den chansonhaften Ton. Da ist es egal, ob jemand wahrhaftig in Bayreuth singen könnte oder an der Met: Hauptsache, es klingt grotesk-breittonig. ESC in Cinemascope quasi!

Aber die Liste der Desaster ist lang. Die Türkei 1983, Norwegen 2001 und 2010, etliches aus Skandinavien der Sechziger, die französischen Chansons wie “N’avoue jamais” oder auch “Refrain” unserer aller Lys Assia: Langgezogene Töne allerdings werden durch stetes Liebkosen zu Soundquark. Will sagen: Opern, Musicalhaftes und Dramatisches im Belcanto ist von gestern, war seit 1967 von gestern und wird es immer sein. Für deutsche Fans ließe sich sagen: Die größte Missverständnis der Popgeschichte war das Album des einstigen Bayreuth-Sänger Peter Hoffmann, auf dem er sogenannte Rockklassiker sang. Als ich diese Scheibe hörte, war mir die Bedeutung des Wortes Fremdschämen erstmals klar und deutlich im Gemüt verankert.

Moderne Popmusik ist eine Mixtur aus angenehm Gesprochenen, melodisch Gezogenem und vokalen Mühen, die das Singen als bürgerliche Kunstübung schlechthin beiseite geschoben hat. Das ist so – dieser Trend ist unumkehrbar.

Anders formuliert: Ich bin der erste, der Abbitte leisten würde, gewänne der Franzose. Schätzungsweise werde ich in diese Not nicht kommen. La France? Jamais!

Ein Glückwunsch an unsere Lys!

3. März 2011

Wird sie nun 87, wie einige Lexika es behaupten? Oder 93, wie andere Nachschlagewerke nahelegen? Oder hat sie sich immer etwas älter geflunkert und wird erst 81 Jahre? Lys Assia, so steht zu vermuten, weiß es eventuell auch nicht genau. Sie zählt zur Liga jener Frauenlegenden, deren Alter irgendwie im Dunkeln bleibt. So wie Marlene Dietrich, die Knef oder, auf eine andere Art, Paola Felix, ihre eidgenössische Landsfrau. In gewisser Weise war die Assia immer die Assia – alterslos. 1956, als sie im inzwischen zum Casino umgewidmeten Kurhaus von Lugano mit “Refrain” die erste ESC-Siegende aller Zeiten war, sah sie aus wie heute – und heutzutage wie einst. Es lohnt sich kaum noch, ihr Kränze zu flechten, denn sie ist ja längst Teil unseres Alltagsbewusstseins. In Oslo sah man bei einem deutsch-britisch-türkischen ESC-Fan-Essen die Runde einander zutoasten . Und man grölte nicht “Cheers” oder “Protest”, sondern – jawoll:  “Lys Assia”. Das nämlich kannten alle und außerdem im gleichen Akzent.

Sie hatte zu ihren - hüstel - besten Zeiten eine klare, nicht besonders liedermacherinnenhafte Stimme; ihr Timbre hatte etwas von Stahlwolle – klar und deutlich, ihre Aura bewegte sich zwischen dem Schimmer eines hübschen Schwans und einer fahlen Taube. Nun, derlei Lob ficht sie nicht an. Sie betont, dass es echter Schmuck gewesen sei, den sie damals, in Lugano selig, auf der Bühne trug. Ende der Neunziger hatte sie übrigens den ESC in einem ausführlichen Gespräch mit mir für tot erklärt – es sei kein Lied, das dort interpretiert würde, welches lohnt, erinnert zu werden. Ja, sie sagte sogar, dass der ESC seit ihren Performances doch sehr an Niveau verloren habe.

Dann wurde der ESC, wir wissen es, allmählich so, wie wir ihn heute kennen: das fetteste Pop-Festival des Kontinents, ein Fantreffen der besonderen Art, ein europäisches Woodstock – und das mit Teilnehmenden aus vier Dutzend Ländern von West bis Ost, Nord nach Süd. Plötzlich wurde der ESC in den Ländern nicht wie ein Platzhalter der Sendestrecken behandelt, sondern wie ein Programmformat, das es zu pflegen lohnt. Der NDR hat hier in Deutschland Umfängliches in dieser Hinsicht geleistet. Und Lys Assia begriff, dass es nicht klug ist, den ESC gerade dann totzuquatschen, wenn er quäkt und quietscht, als sei er das pure Leben.

So wechselte die Assia die Zungenart – und gab, etwa seit 2003, die Ikone des ESC schlechthin. Sie ließ sich in Zypern anheuern, nach Moskau und Oslo einladen, um dort eine Art Übermutter des Festivals zu geben: eine Geschichtsmeisterin sondergleichen. In Oslo wusste sie als Dame in Kleidern zu überzeugen, ihre saßen wie Brokatrüstungen. Hinreißend!

Kurzum: Die Assia, die ja nie verwand, heute nicht mehr für einen Weltstar gehalten zu werden, hat begriffen, dass man mit dem ESC sich den Ruf nicht verdirbt. Hübsch auch, dass sie Jahr für Jahr, nach schweizerischen Punktepleiten, betont, dass es mit ihr als Performerin anders gekommen wäre – und wir stellen uns dann vor: Ja, was die Kaas konnte, kann doch die Assia allenthalben, oder?

Herzlichen Glückwunsch – möge ihr noch ein langes Leben beschieden sein. Ohne sie wäre alles vielleicht nicht nichts, aber doch viel weniger bizarr und schön!

Auf ewig Lys Assia?

18. Juni 2010

Niemand hätte eleganter, damenhafter in diesem rummeligen Foyer stehen können, aber sie wusste den Raum auszufüllen: Lys Assia, erste ESC-Gewinnerin, 86 Jahre alt, geschmackvoll gekleidet und zu jedem Geplauder bereit. So sagte sie wenige Stunden vor dem Finale in Oslo, als der eidgenössische Kandidat Michael von der Heide längst im Halbfinale hängen geblieben war: “Das ist ein hartes Rennen, dieser Concours, da muss man geschmackvoll auftreten, mit Anmut und Würde.” Sie hätte, so entnahm ich ihren Worten, niemals den tapferen Chanteur von “Il pleut de l’or” direkt kritisiert, aber es war doch sonnenklar: Die Assia, ohnehin nicht als uneitel bekannt, sah ihre Stunde gekommen, sich selbst ins Spiel zu bringen.

Und zwar einmal mehr!

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit ihr, das vor zehn Jahren stattfand – in dem sie dezent, aber nicht überhörbar betonte, wie sehr sie sich selbst als den Standard allen schweizerischen ESC-Mühens sieht. Davon abgesehen, dass sie damals den ESC dem Untergang geweiht sah, und ebenso davon abgesehen, dass sie dieser irrige Prognose in just jenem Moment widersprach, als sie von Ländern wie Zypern zu Vorentscheidungen, von den ESC-Gewaltigen selbst zu den Finals eingeladen und im Fernsehen präsentiert wurde, hat die Assia ja recht.

Wahrlich nur selten sind in der Schweiz Künstler und Künstlerinnen mit der gleichen Ernsthaftigkeit und Professionaliltät beim ESC zu Werke gegangen wie sie. Die Assia wollte immer gewinnen, immer gut aussehen, immer als Königin behandelt werden.

Woran liegt es, dass der Schweiz beim ESC in jüngster Zeit nie etwas gelingt, kein gutes Lied, kein Einzug ins Finale – von Kiew 2005 abgesehen, als man die des Eidgenössischen unvertrauten Damen von Vanilla Ninja anheuerte und sie auf einem achten Platz landeten?

Was mögen die Gründe für ästhetische Halbheiten (von der Heide, DJ Bobo, Lovebugs), schmalzige Grotesken (Paolo Meneguzzi, Francine Jordi) oder Albernheiten in genereller Hinsicht (Piero Esteriore, Six4One) sein? Schon in den Neunzigern wirkte dieses ESC-Land erschöpft, von Annie Cotton abgesehen: Barbara Berta, Kathy Leander, Gunvor (bedauernswerte) und Jane Bogaert – Musikantinnen, die nicht einmal im eigenen Land zur populäreren Liga zählen. Nur die Jordi hielt und hält sich – im Schlagersektor, der außer unter Ultrakonservativen in Deutschland, Schweiz und Österreich gemieden wird wird, wie eine Leichenhalle von gesunden, bei Trost seienden Menschen.

Ich denke, die Schweiz leidet unter der gleichen Macke wie Deutschland, ehe sich Stefan Raab der ESC-Chose annahm: Künstler, die moderne, zeitgenössische Unterhaltusgmusik machen (etwa: Yello, Stéphane Eicher oder andere), wollen mit dem ESC nix zu schaffen haben. In der Schweiz gilt dieses Festival als gestrig, erfolgskillend und vermoost. Wer cool sein will, bleibt diesem Wettbewerb fern.

Es kursieren Gerüchte, in der Schweiz plane die TV-Anstalt SRG – die seit 1989 darauf hofft, mal wieder eine Céline Dion engagieren zu können und insofern Schuld ist an der heutigen Misere, denn warum präsentiert man von der Heide und promotet ihn nicht auf seinen Kanälen? – ein ähnliches Castingformat wie USFO. Ich hoffe, das könnte was werden.

Sonst, nun ja, müssen die Eidgenossen wirklich auf Lys Assia zurückgreifen, denn Peter, Sue & Marc können wohl kaum bequatscht werden, zum fünften Mal für die Schweiz anzutreten. Aber die Assia, die will unbedingt. Ihr Telefon ist fast nie besetzt. Die Schweizer haben die Wahl: Entweder die Moderne wenigstens mal auszuprobieren, eine hungrige Performerin irgendwo in den Bergen aufzulesen – oder sich auf die siegeswilligste, nimmersatteste Künstlerin der ESC-Geschichte zu verlassen. So aber geht das nicht weiter!

P.S. Man stelle sich vor, in Detuschland würde sich Margot Hielscher ins Spiel bringen. Aber die Hielscher hat eben ein feines Gespür für das Gestern und Heute.

Reise in die Vergangenheit

12. Juni 2008

Nur eine halbe Stunde mit der Eisenbahn vom Trainingslager der DFB-Mannschaft bei der Fußballeuropameisterschaft entfernt liegt Lugano. Man fährt von Ascona am Lago Maggiore an den Lago di Lugano. Am Bahnhof besteigt man eine Bergbahn, mit der man auf Seehöhe gelangt – und dann erkennt man das paradiesische Panorama dieses legendären Orts. Ja, hier hat der erste Grand Prix Eurovision stattgefunden, am 24. Mai 1956, ein Donnerstag. Sieben Länder nahmen teil, es waren die sechs Gründungsländer der heutigen Europäischen Union plus die Schweiz – und je Nation durften zwei Lieder präsentiert werden.

Lys Assia beim ersten Grand Prix Eurovision 1956 in Lugano.

Die für mich wichtigste Aussage machte Lys Assia, eine damals sehr populäre Sängerin aus der Schweiz – und mit “Refrain” die erste ESC-Gewinnerin. “Es war echter Schmuck, den ich auf der Bühne trug.” Es war auch ein echter Revuepalast, in dem das Festival ausgetragen wurde, er nannte sich Teatro Kursaal. Als ich den Bergbahnfahrer frage, ob er dieses Theater kenne, antwortet er, das sei früher ein gutes Haus gewesen, nun aber ein Casino. Dieses finde ich tatsächlich: Ein moderner Palast, in dem spielwütige Menschen ihr Glück bei Roulette und Baccara und an Daddelautomaten suchen.

Das Spielcasino in Lugano bei Nacht. Foto: Florian Werner

Seit fünf Jahren ist das Casino hier am Platze. Das alte Teatro Kursaal, erinnert sich die Empfangschefin, musste abgerissen werden, sie kannte es noch, ihr Vater war Croupier, erzählt sie. Eine Art Spielbank gab es im Teatro Kursaal – und sie war ein kleines Mädchen, als ihr Vater sie in diese glamouröse Welt mitnahm. Es war passend, dass der ESC an diesem Ort stattfand. Die Fünfziger – das war die Welt des beginnenden Jetsets, man spielte in Casinos an edlen Roulettetischen, die Damen trugen wunderschöne Kleider, die Herren wären niemals auf die Idee gekommen, ohne Krawatte auch nur an die Tür des Casinos zu klopfen.

Hier also hat Lys Assia die legendäre Premiere gewonnen – es war so passend, dass sie betonen musste, es sei echtes Geschmeide gewesen, dass um ihren Hals hing. Dieses Lugano sieht an diesem See bestürzend schön aus. Abends, in der Dämmerung beginnen auf den anderen Seeseiten die Lichter der Häuser zu glänzen, sie wirken wie Glühwürmchen. Am Ufer selbst, viel hübscher als ein roter Teppich sein könnte, Palmen … Lys Assia erinnerte sich auch daran: “Die Palmen raschelten im Wind, als ich nach dem Sieg aus dem Saal kam und der Wind schmeichelte meiner Haut.” So fühlen sich Siegerinnen – für sie ist alles wie Champagner auf dem Gemüt.

 

Aber so sehr man dieses Lugano preisen kann, diese halbedle Welt zwischen großbürgerlichen Wohnhäusern am Ufer der Stadt und versunkener Jetsetherrlichkeit früherer Jahre: Diese Welt ist ebenso aus der Mode wie ein ESC jener Jahre kein Vorbild für heutige Festivals unter der ESC-Überschrift sein kann. Heute geht es um die beste Show – aber Entertainment, Inszenierung war auch damals alles. Die Assia wusste sehr gut, dass es für die Juroren auf das Äußere ankam, wollte sie Punkte bekommen.

Luganos Teatro Kursaal ist also zu einem Casino umgebaut worden, das ein wenig an einen monströsen Kühlschrank mit blankpolierter Fassade erinnert. Die Welt der Revuetheater ist vorbei – und der Preis für die gewachsene Europameisterschaft der Popmusik ist, dass er sich nicht mehr elitär halten lässt. In Lugano erkennt man, was passiert, wenn man zu lange an der Erinnerung hängt: Wenn dann plötzlich alles altmodisch, einsturzgefährdet aussieht, wird viel zu hastig renoviert. Dann sieht es aus wie dieses Casino – zweckmäßig und glanzlos.

Die Ästhetik der Lys Assia ist vorbei, sie lebe lang und hoch – aber der ESC kann niemals mehr eine quasiadlige Veranstaltung, snobistisch und eitel, sein, sondern er ist ein Popfestival, das eben wie in Belgrad in einer Sportarena stattfindet. Das fühlt sich nicht mehr sehr distinguiert an – aber es ist zeitgemäß und demokratisch. Denn von demokratischen Zuständen konnte ja bei Lys Assia keine Rede sein. Bis heute ist ungeklärt, wer für sie gestimmt hat. Die Punktzettel sind vernichtet worden. Solche Zeiten möchten wir doch nicht mehr zurück: Dass ein Geheimgremium bestimmt, was uns zu gefallen hat.

Lugano lohnt jede Reise. Es ist schöner Flecken. Sehr ältlich – die Stadt bringt es in diesen Tagen nicht einmal zum Public Viewing bei den Fußballspielen des EM-Turniers. Es hat einen sehr schläfrigen Beiklang, streunert man durch diese Stadt.

Doch heute ist heute. Der alte Grand Prix Eurovision ist tot. Der Beweis ist – Lugano!