Eine Zwischenbilanz
5. März 2012Ein paar Tage nach der Bekanntgabe der BBC, Engelbert Humperdinck erfolgreich aus dem ohnehin rührigen Ruhestand gebeten zu haben, ist es Zeit für ein Fazit, da inzwischen fast zwei Drittel aller Baku-Songs bekannt sind.

So viel lässt sich über das Outing der BBC, wen sie da aufgrund von akuter Ratlosigkeit über ein geeignetes Vorentscheidungsverfahren aus dem Hut gezaubert hat, sagen: Es herrscht eine irritierende Begeisterung. Einer schrieb mir, Axel aus Düsseldorf: “Ich bin, muss ich sagen, angenehm geschockt.” Und Steffi aus Berlin suchte sich gleich einen Reim auf das Geschehen zu machen – die Renaissance der Alten und Abgerüsteten. Sie fragte, womöglich nur rhetorisch: “Greift das Altersphänomen auch schon nach UK? Rehagel, Gauck, Humperdinck – who’s next?” Vor sehr vielen Jahren gab es im Fernsehen die Sage vom “Bellheim”, gedreht von Dieter Wedel mit Mario Adorf. Schon dieses Stück handelte von Alten, die ein von jungen Managern zum Schlingern gebrachtes Kaufhaus wieder in Schwung bringen – ein Märchen, so hieß es.
Nun kommt in die gern abfällig als Nachwuchsshow bezeichnete Grand Prix Eurovision-Chose der Geist des Guten – weil Alten. Ich schätze: Ehe wir auch nur einen Ton des Liedes von Engelbert hören werden, wird sich Lys Assia öffentlich schwerst ärgern, dass sie es nicht zum Titel der allerältesten Teilnehmerin aller Zeit schaffen wird.
Aber wie sehen wir die anderen – vor dem Wochenende, da Schweden sein Melodifestival abschließen wird? Und Griechenland noch nicht gewählt hat, ebenso wenig Russland, Belgien oder Portugal?
Ich habe am Wochenende einen sogenannten Hausfrauentest durchgeführt, also jenes Verfahren, bei dem man sich nicht jedes Lied dreißig Mal anhört – schön hört! -, um dann zu Prognosen zu kommen. Nein, ich kannte die meisten Lieder nur vom flüchtigen Zuhören. Jetzt aber: 26 Lieder mit je 30 Sekunden.
Auffällig ist, dass viele wieder die schnellen, hektischen, nervösen Nummern bevorzugen, etwa Norwegen, Georgien, auch Israel und die Türkei. Letztere immerhin klingt orientalisch-fremd, was günstig sein kann. Dieser Sänger ragt deutlich über alle hinaus, sehr exotisch, dieser Can Bonomo. Spaniens Pastora Soler ist von klassischem Schneidemuster, eher sachte im Tempo, infernalisch gut ihre Stimme – und toll der Schluss. Hat was von der guten alten hispanischen Divenschule wie Paloma San Basilio.
Am auffälligsten aber fräste sich die Niederländerin Joan Franka in mein Ohr, die neulich beim Sieg in ihrem Land durch ein Indianerkostüm auffiel – was zunächst von der Güte ihres Lieds ablenkte. Güte?, werden jetzt manche fragen. Ist das nicht zu simpel? Ich finde, es ist so simpel und gut, so auf das Beiläufigste intensiv wie einst die Olsen Brothers. Immer unterschätzt, die Wochen vorher – und dann doch ziemlich oben, nicht wahr?
Wir erinnern uns: Bei der Jury lag diese Holländerin nur auf dem dritten Platz, ehe sie durch das Televoting, das sie haushoch für sich entschied, noch zum Sieg kam. Sie sollte man wetten, noch stehen die Quoten prima, niemand hat sie so recht auf dem Zettel.
P.S.: Dass Finnland und Estland eher altmodische Lieder nach Aserbaidschan schicken, bestärkt mich in meiner These: Das Unübliche, das Unkonventionelle hat bei allen Vorentscheidungen eine Chance, wenn es gut dargereicht wird. In beiden Fällen: So war es!









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.