Baku – keine Reise wert?
28. November 2011Ein Freund schrieb mir kürzliche eine Mail aus Baku. Wenn ich von ihm berichte, möge ich seinen Namen nicht nennen, bat er mich: Er mag Baku sehr, er liebt dort die Menschen, die Landschaft, außerdem, teilte er in den trüben Novembertag in Berlin hinein mir mit, es seien nun 20 Grad in Aserbaidschan am Kaspischen Meer, mild und gar nicht herbstlich für unsere deutschen Verhältnisse. Gelegentlich schreibt er mir auch, über Besorgnisse von aserbaidschanischen Menschenrechtsgruppen, denen zufolge die regierenden Clans des Landes den ESC benutzen könnten, um sich als extrafreundlich zu profilieren. Klar: Auch wer dieses Forum liest, wer die Seiten von eurovision.de (und damit die von tagesschau.de) studiert, kann wissen: In Aserbaidschan ist es mit der freiheitlichen Demokratie, wie wir sie aus Mitteleuropa nicht weit her.

Die Frage ist nur: Noch nicht weit her? Oder nicht mehr weit hin?
Die weitere Frage also ist: Wird der nächstjährige ESC eine Propagandaveranstaltung des dortigen Regimes, die nur durch die Fans geadelt würde?
Viele Fans bleiben skeptisch. Nun fand ich in meiner Zeitung, der taz aus Berlin, einen Kommentar auf der Satireseite “Wahrheit”, den man vielleicht doch ein wenig genauer sich angucken könnte. Dort findet sich im Übrigen auch ein klares Gegenstatement von Ivor Lyttle, Herausgeber der EuroSong News.
Wörtlich heißt es dort, mit Blick auf die wenig gemütlichen Verhältnisse in Baku: “Wäre es jetzt für die Tausenden schwulen Anhänger nicht endlich an der Zeit, im Mai 2012 zu Hause zu bleiben und den ESC-Zirkus allein zu lassen in diesem zutiefst schwulenfeindlichen Land? Schluss mit dem enthusiastischen Fahnenmeer für die Kameras, stattdessen Solidarität mit denen, die noch immer Angst haben müssen vor Verfolgung und Unterdrückung? Der Boykott einer Veranstaltung, die längst kein Hort mehr ist für unschuldiges Entertainment? Doch die Erinnerung an den ESC 2009 macht keine Hoffnung: Damals suchten Moskaus Schwule die Unterstützung der ESC-Fans und luden zum CSD am Finaltag. Die Demonstration fand nicht statt, russische Aktivisten wurden stattdessen verhaftet und die ausländischen Fans blieben im sicheren Saal.”
Was dieser Kommentator schreibt, denunziert zunächst die meisten Fans des ESC, vor allem die homosexuellen, als feige und blöde – und das ist schon deshalb unverdient, weil jener, der dies schreibt, es nicht aus eigener Anschauung beweisen kann. Denn, soweit ich mich erinnere, war er in Moskau nicht dabei – was da also in der russischen Hauptstadt vor zweieinhalb Jahren passierte, entzieht sich seiner näheren Kenntnis.
Tatsächlich hat es während des ESC-Finaltages einen Versuch gegeben, eine Christopher-Street-Parade durchzuführen – was die moskowiter Milizen weitgehend zu verhindern wussten. Aber: Ihnen standen akkreditierte Journalisten des ESC zur Seite, die dies beobachteten, darüber in ihren Heimatländern berichteten, was wiederum russische Homosexuelle noch Wochen später dankend mailten (was nicht nötig war, denn Solidarität praktischer Art ist doch Ehrensache), außerdem war von diesem CSD in der “Tagesschau” am Abend die Rede – im Zusammenhang mit dem ESC: Mehr Öffentlichkeit gegen die Garden des damals regierenden Moskauer Bürgermeisters Luschkow ging nicht. Aber es waren gut zwei Dutzend ESC-Aktivisten dabei, Frauen wie Männer, und sie alle riskierten ihre Akkreditierungen zum ESC. Jene, die in der Halle blieben, mögen vielleicht im Einzelfall mutlos gewesen sein – aber lässt man sich das von einem attestieren, der nicht dabei war?
Okay, man muss eine Satire (ernst gemeint oder nicht) nicht für bare Münze nehmen, aber Diffamierungen, die faktenfrei daherkommen, sind nicht okay.
Für Baku bedeutet dies: Die aserbaidschanische Szene, welche auf Freiheit, also auf mitteleuropäische Luft zum Atmen hofft, ersehnt sich in großen Teilen die Zeit des ESC in ihrem Land. Alle Fans sind ihnen willkommen – es sind für sie Botschafter aus einer Welt, die sie ähnlich, auf ihre Verhältnisse bezogen, auch wollen. Ich würde sagen: Baku ist jede Reise wert – vor allem im nächsten Jahr. Es ist ein schönes Land, und wie man Brieffreund zurecht anfügt, eines mit echt vielen netten Menschen.
P.S.: In der Schweiz sind Berichte von Amnesty International über die Menschenrechtslage in Aserbaidschan zurückgewiesen worden. Ein ESC habe mit Politik nichts zu tun, hieß es. Okay, so kann man eidgenössisch denken. Aber: Wir werden sehen!









Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.