Baku – keine Reise wert?

28. November 2011

Ein Freund schrieb mir kürzliche eine Mail aus Baku. Wenn ich von ihm berichte, möge ich seinen Namen nicht nennen, bat er mich: Er mag Baku sehr, er liebt dort die Menschen, die Landschaft, außerdem, teilte er in den trüben Novembertag in Berlin hinein mir mit, es seien nun 20 Grad in Aserbaidschan am Kaspischen Meer, mild und gar nicht herbstlich für unsere deutschen Verhältnisse. Gelegentlich schreibt er mir auch, über Besorgnisse von aserbaidschanischen Menschenrechtsgruppen, denen zufolge die regierenden Clans des Landes den ESC benutzen könnten, um sich als extrafreundlich zu profilieren. Klar: Auch wer dieses Forum liest, wer die Seiten von eurovision.de (und damit die von tagesschau.de) studiert, kann wissen: In Aserbaidschan ist es mit der freiheitlichen Demokratie, wie wir sie aus Mitteleuropa nicht weit her.

Die Frage ist nur: Noch nicht weit her? Oder nicht mehr weit hin?

Die weitere Frage also ist: Wird der nächstjährige ESC eine Propagandaveranstaltung des dortigen Regimes, die nur durch die Fans geadelt würde?

Viele Fans bleiben skeptisch. Nun fand ich in meiner Zeitung, der taz aus Berlin, einen Kommentar auf der Satireseite “Wahrheit”, den man vielleicht doch ein wenig genauer sich angucken könnte. Dort findet sich im  Übrigen auch ein klares Gegenstatement von Ivor Lyttle, Herausgeber der EuroSong News.

Wörtlich heißt es dort, mit Blick auf die wenig gemütlichen Verhältnisse in Baku: “Wäre es jetzt für die Tausenden schwulen Anhänger nicht endlich an der Zeit, im Mai 2012 zu Hause zu bleiben und den ESC-Zirkus allein zu lassen in diesem zutiefst schwulenfeindlichen Land? Schluss mit dem enthusiastischen Fahnenmeer für die Kameras, stattdessen Solidarität mit denen, die noch immer Angst haben müssen vor Verfolgung und Unterdrückung? Der Boykott einer Veranstaltung, die längst kein Hort mehr ist für unschuldiges Entertainment? Doch die Erinnerung an den ESC 2009 macht keine Hoffnung: Damals suchten Moskaus Schwule die Unterstützung der ESC-Fans und luden zum CSD am Finaltag. Die Demonstration fand nicht statt, russische Aktivisten wurden stattdessen verhaftet und die ausländischen Fans blieben im sicheren Saal.”

Was dieser Kommentator schreibt, denunziert zunächst die meisten Fans des ESC, vor allem die homosexuellen, als feige und blöde – und das ist schon deshalb unverdient, weil jener, der dies schreibt, es nicht aus eigener Anschauung beweisen kann. Denn, soweit ich mich erinnere, war er in Moskau nicht dabei – was da also in der russischen Hauptstadt vor zweieinhalb Jahren passierte, entzieht sich seiner näheren Kenntnis.

Tatsächlich hat es während des ESC-Finaltages einen Versuch gegeben, eine Christopher-Street-Parade durchzuführen – was die moskowiter Milizen weitgehend zu verhindern wussten. Aber: Ihnen standen akkreditierte Journalisten des ESC zur Seite, die dies beobachteten, darüber in ihren Heimatländern berichteten, was wiederum russische Homosexuelle noch Wochen später dankend mailten (was nicht nötig war, denn Solidarität praktischer Art ist doch Ehrensache), außerdem war von diesem CSD in der “Tagesschau” am Abend die Rede – im Zusammenhang mit dem ESC: Mehr Öffentlichkeit gegen die Garden des damals regierenden Moskauer Bürgermeisters Luschkow ging nicht. Aber es waren gut zwei Dutzend ESC-Aktivisten dabei, Frauen wie Männer, und sie alle riskierten ihre Akkreditierungen zum ESC.  Jene, die in der Halle blieben, mögen vielleicht im Einzelfall mutlos gewesen sein – aber lässt man sich das von einem attestieren, der nicht dabei war?

Okay, man muss eine Satire (ernst gemeint oder nicht) nicht für bare Münze nehmen, aber Diffamierungen, die faktenfrei daherkommen, sind nicht okay.

Für Baku bedeutet dies: Die aserbaidschanische Szene, welche auf Freiheit, also auf mitteleuropäische Luft zum Atmen hofft, ersehnt sich in großen Teilen die Zeit des ESC in ihrem Land. Alle Fans sind ihnen willkommen – es sind für sie Botschafter aus einer Welt, die sie ähnlich, auf ihre Verhältnisse bezogen, auch wollen. Ich würde sagen: Baku ist jede Reise wert – vor allem im nächsten Jahr. Es ist ein schönes Land, und wie man Brieffreund zurecht anfügt, eines mit echt vielen netten Menschen.

P.S.: In der Schweiz sind Berichte von Amnesty International über die Menschenrechtslage in Aserbaidschan zurückgewiesen worden. Ein ESC habe mit Politik nichts zu tun, hieß es. Okay, so kann man eidgenössisch denken. Aber: Wir werden sehen!

Ein guter Jahrgang

23. Dezember 2009

1. Es war ein guter Jahrgang. Mit Alexander Rybak hat der favorisierteste Favorit aller Zeiten beim ESC gewonnen. Er hat immer noch viel zu tun, viel Tingel in seinem Land, jede Menge Tangel außerhalb dessen. Er wird Ende Mai in Oslo als König abgelöst. Er weiß noch nicht, wie leer sich das für ihn anfühlen könnte.

2. Das Ergebnis für “Alex Swings Oscar Sings Dita Moves” war nicht schlimm. Das Lied wird eines Tages, sagen manche, zu den Evergreens zählen. Trotzdem gut, dass sich der NDR nun die Kooperation mit Stefan Raab organisiert hat.

3. Ob Raab der Heilsbringer sein kann, ist offen. Bestes Ergebnis für ihn bislang: sein eigener fünfter Platz in Stockholm. Andererseits: Ralph Siegel hat zwischen der ersten ESC-Partizipation und einem Sieg nur acht Jahre benötigt.

4. Schönste Szene in Moskau: der bürgermeisterliche Empfang am Montag vor dem Finale. Während viele ESC-Künstler hektisch über den roten Teppich vor dem Kreml stöckeln, wandelt Patricia Kaas auf ihm wie auf einer Wolke. Auf ihrem Gesicht: eine mokkafarbene venezianische Augenmaske. Sie spricht, raunt geheimnisvoll – göttlich!

5. In Moskau lagen durchweg Lieder vorn, denen eine gewisse Anmutung von Unschuld eigen war. Gute Entwicklung, das!

6. Islands Yohanna wurde Zweite mit einem bestürzend schleppenden Lied. Ja, es war wahr!

7. Dass Georgien sich aus dem Contest in Moskau zurückzog, nur weil es Wladimir Putin nicht beleidigen durfte, mag fundamentale Freunde der Meinungsfreiheit ärgern. Ich würde sagen: Eine Spur subtiler hätte die Kritik am neuen Zaren schon ausfallen dürfen. So schmeckte dieser Konflikt – irgendwie substanzlos.

8. Erfolg für die Moskauer CSD-Organisatoren: Sie schafften es in die öffentlichen-rechtlichen Nachrichten, sogar bis in die “Tagesschau”.

9. Deprimierend das Ende dieses Jahres: Die Niederlande wagen die ästhetische Konterrevolution, indem sie sich Vader Abraham anvertrauen. Andererseits: mutig ist das auch.

10. Oslo wird wunderbar. Nicht nur, weil es Wunder immer wieder gibt - die natürlich auch – sondern weil es das Jahr nach Alexander Rybak wird. Teach-In konnten in der Saison nach Abba auch nur einen Abglanz von echtem Ruhm ernten.

Euch und Ihnen allen frohe Festtage, einen bezaubernden Jahreswechsel – und herzlichen Dank für all die Statements, Kommentare, Diskussionen und Dispute. Ich finde, so leidenschaftlich machen wir weiter!

Transparenz, endlich!

31. Juli 2009

Man soll ja nicht meckern: Dass es zweieinhalb Monate gedauert hat, ehe die EBU eine Tabelle veröffentlicht, aus der die Jury- wie Publikumswertung getrennt gelistet werden. Das ist nun seit heute passiert. Und die Zahlen überraschen. Nicht, dass Alexander Rybak sowohl gewonnen hätte mit dem Publikum allein als auch mit den Juries. Auffällig ist, dass beim Televoting Aserbaidschan auf den zweiten, die Türkei auf den dritten, Island (erst) auf dem vierten Platz – und Griechenland auf dem fünften Rang gelandet wären. Island hat also heftig profitiert vom neuen Wertungssystem. Boshaft formuliert könnte man sagen: Die Juries glichen aus, das in ganz Europa BürgerInnen beheimatet sind, die selbst oder deren Vorfahren aus der Türkei, aus Griechenland oder dem einst sowjetischen Reich stammten. Sie alle schienen unabhängig vom Lied angerufen und gesmst zu haben.

Noa und Mia Awad auf der Bühne in Moskau

Noa und Mia Awad auf der Bühne in Moskau

Die Juries wiederum, die nur mäßigen Geschmack an jenen Turkfolktanzliedern fanden (Griechenland 11., Türkei 7., Aserbaidschan 8.), hievten die Britin Jade Ewen auf den dritten Platz und Patricia Kaas auf den vierten Platz. Das allein lässt das Urteil zu, dass das neue System sich zu bewähren begonnen hat. Die Juries haben nämlich die Russin auf den 17. Platz gepackt, was mit dem achten Televotingrang trotzdem nur für Rang 11 langte. Die starke Migrationslastigkeit des Televotings belegt auch der Umstand, dass Albanien bei der Jury (persönlich gesprochen: zurecht) nur auf dem 23. Rang sich wiederfand, per Televoting auf dem elften: In allen wohlhabenden Ländern unseres Kontinents leben Exilalbaner – und sie stimmen für ihre ehemaligen Landsleute ab, offenbar unabhängig davon, ob es Mist ist oder nicht.
Hübsch, dass die Deutschen im Televoting zwar auf dem 23. Rang landeten, durch die Juries,die Christensen und Loya auf den 14. Platz landen ließen, aber insgesamt einen 20. Rang einheimsten. Erschreckend aber, und jetzt komme ich zur höchsten Jury-Publikums-Differenz, ist, die Wertung für Noa & Mira Awad aus Israel. Wäre es nach den Juries gegangen, wären sie auf dem neunten Platz gelandet. Das Publikum aber sahr sie auf dem allerletzten Rang. Ist das zuviel gedeutet oder handelt es sich dabei um einen Aspekt grassierender Israelaversion? Fast eine ebensolche Schere ergibt der Blick auf Dänemark: Bei den Juries krass vorne (6.), beim Publikum außerhalb Skandinaviens ein Flop (19.).

Profitierten die Schweden durch Charlotte Perelli voriges Jahr von der Jury, um überhaupt ins Finale zu kommen, schaffte Malena Ernman es, die Juries haben Schuld, nur auf den 21. Platz. Die Juries missachteten sie als 22. beinah ganz, das Publikum hätte die sägende Kreische gern auf dem 15. Platz gesehen.

Fazit: Es ist schön, dass beide Wertungssysteme vermengt werden. Die Juries lindern die Inkorrektheiten durch nationalistische oder nachbarschaftliche Wertungsvorteile, das Publikum schleift dafür die Neigung der Juries zu allzu Kunstsinnigem und Unverkäuflichem ab. Ist das nicht irgendwie auch gerecht? Und im nächsten Jahr hätten wir gerne diese Auffächerung aller Wertungen nach Experten und Volk etwas früher, um nicht zu sagen: viel früher. Europa ist doch eine transparente Angelegenheit, nicht wahr?

Gigantomanie in Oslo

7. Juli 2009

Eine wirklich gute Nachricht ist, dass nächstes Jahr der ESC am Rand des ehemaligen Hauptstadtflughafens in Oslo stattfindet. Bis zur Mitte der Neunzigerjahre wurden über dieses Gelände alle Flüge aus der norwegischen Kapitale abgewickelt – seither findet der Flugverkehr überwiegend von einem Areal aus statt, das fast bei Lillehammer liegt.

Die Arena ist für eine Fernsehproduktion perfekt geeignet – und bietet viel mehr Publikum Platz als das Spektrum in der Osloer Innenstadt. Die Arena bietet Fußballfans die wichtige Kuscheligkeit und Popkonzerten die nötige Innengigantomanie – wie neulich beim Farewell-Konzert von Tina Turner oder dem Europa-Tourstart von AC/DC. Drei Mal 23.000 Menschen finden bei den zwei Halbfinals und dem großen Finale Platz. Das werden mehr Männer und Frauen und Fans sein als im Mai in Moskau. Man darf sich darauf verlassen, dass die gesamte Location eine Art High-Tech-Woodstock des ESC wird.

Dass man von den Hotels in innerstädtischer Lage eine knappe halbe Stunde zur Halle braucht, kann verknust werden. Zur Athener Olympiahalle brauchte es schließlich fast eine Viertelstunde mehr.

Ich finde, das ist eine gute Wahl, eine mit vernünftigen Refinanzierungsmöglichkeiten. Oslo wird sich 2010 wie eine hochtechnisierte Location anfühlen. Es ist – alles in allem – absolut ESC-gemäß. Zeit, die nötigen Flüge zu buchen!

José Calvário tot!

1. Juli 2009

Es gibt nicht viele ESC-Lieder, die in einer Revolution eine tragende, ja, sie direkt anstiftende Rolle spielten. Eines ist der portugiesische ESC-Cancao E depois do adeus. Am 6. April 1974 belegte es, Portugal einmal mehr in tiefe Depression stürzend, in Brighton den letzten Platz. Drei Punkte erhielt es, einen aus Spanien, zwei aus der Schweiz.

Das Cover der ESC-Single E depois do adeus von 1974

Aber Portugal hatte, als Abba von der englischen Kanalküste aus ihren Siegeszug durch die halbe Welt anzutreten begannen, ganz andere Sorgen. Eine rechte Obristendiktatur, ein Regime mit Todesstrafe und fehlender Meinungsfreiheit, ein System mit Geheimpolizei und Gefängnissen, in denen Demokraten eingesperrt saßen. Dieses System musste beseitigt werden – und es waren demokratisch gesinnte Militärs, die die sogenannte Nelkenrevolution mit Macht begannen.

Auf Wikipedia heißt es korrekt: “Am 24. April 1974 um 22:50 Uhr spielte der portugiesische Rundfunk das Liebeslied E depois do adeus (Nach dem Abschied) von Paulo de Carvalho. Dies war das verschlüsselte Signal an die aufständischen Truppen. Als Revolutionslied berühmt wurde aber ein anderes Lied, Grandola, vila morena (Grandola, braungebrannte Stadt). Gegen 0:30 Uhr am 25. April las der Sprecher des katholischen Rundfunks Rádio Renascenca die erste Strophe des von der Diktatur verbotenen Liedes, danach erklang das Lied selbst, gesungen von dem antifaschistischen Protestsänger Zeca Afonso.”

Der Mann, der das Lied des Revolutionsvorabends komponiert hat, heißt José Calvário, und er ist nun, am 17. Juni an den Folgen eines Schlaganfalls in Lissabon gestorben. Calvário hat sich um den ESC verdient gemacht. Er hat 1972 “A festa da vida” komponiert und 1988 “Voltarei”. Er stand schließlich als Dirgent jeweils am Pult für “Portugal no coracao” (1977) und das berückend schöne Lied “Penso em ti, eu sei”, mit dem Adelaide sich in die Herzen der ESC-Fans sang – und deren Ohrgeschmeide fast so sehr sensationell kunstvoll war, wie ihr zart leidenschaftlicher Gesang.

Calvário wurde nur 58 Jahre. Dass er 1974 der Komponist des Signals des portugiesischen Revolutionssignales wurde, hat, so berichteten es mir portugiesische Freunde jüngst in Moskau, ihn stolz gemacht. Musik, so soll er gesagt haben, ist nichts für Gefängnisse, Musik soll die Menschen frei machen, ihre Herzen berühren und ihre Sinne froh. “E depois do adeus” ist für mich das Lied eines Trauermoments: Mit dem ESC hat Portugal, so gesehen, Anschluss an ein freies Europa gefunden. Wir trauern um einen großen Komponisten.

Jury und Publikum stimmten ähnlich ab

25. Juni 2009

Endlich hat man mal aus deutscher Sicht eine klare Ansage: Nach den allermeisten ESC-Ländern hat nun auch die ARD bekannt gebeben, wie deutsche Jury beim Finale am 16. Mai abgestimmt hat. Und, welche Überraschung, die Türkei erhielt nur einen Punkt, Island derer zwölf und Portugal gleich zwei.

Das ist nur mager different zum deutschen Puntkeergebnis überhaupt: Davon abgesehen, dass das Televoting Alexander Rybak doch auf Platz eins setzte, also Thomas Anders für den Norweger zwölf Punkte nach Moskau schicken konnte. Die Isländerin hingegen muss beim Publikum eher überhört worden sein, sonst wäre sie wenigstens mit zehn Punkten bedacht worden. Dass Malta gleich zehn Zähler aus der Jury erhielt, muss mit Guildo Horns Verführungskünsten zu tun haben: Ich erinnere mich noch gut, dass er Chiara, als er selbst in Birmingham auf die Bühne ging, schon damals toll fand. Alte Kumpelinnen vergisst man offenbar nicht! Schön, dass Israel der Jury drei Punkte wert war.

Ingesamt muss man aber sagen, dass die ExpertInnen kaum spektakulär unterschiedliche Wahrnehmungen hatten. Mit zwei Ausnahmen: Griechenland, von der Jury krass ignoriert, erntete beim Televoting viel Zuspruch, die Türkei schaffte es sogar auf die zweithöchste Punktezahl. Und das ist ein Zeichen, dass die ARD während des ESC bei unseren migrantische BürgerInnen der liebste Sender war. Ist das nicht auch ein Integrationszeichen, ein sehr schönes?

Sportsmann H.P. Baxxter – klasse!

28. Mai 2009

Allmählich verebben die aufwühlenden Statements zur Moskauer ESC-Woche wie auch zum 20. Platz für Alex Christensen und Oscar Loya. Mein Held aber all dieser Erörterungen nach dem Finale ist ohne Fragen H.P. Baxxter. Für Menschen, die auf Humtatamucke und veilchenrosa Schlagerlein eher abonniert sind: Das ist der Frontmann von Scooter. Der war schon, als er als Teil der Jury in Moskau für drei Tage aufkreuzte, klasse. Sagte, dass er gerne mal bei der Vorentscheidung mitgemacht habe, dass er den Event hochschätze, schon immer verfolgt habe und mitfiebere.

 

Ein Pflichttermin, so lässt er sich zitieren; auf der Terrasse des Ritz Carlton, von der ein echt gigantischer Höhenblick auf den Kreml möglich ist, zeigte er sich sogar fit, was den ESC und seine Acts anbetrifft. Konnte “Save Your Kisses For Me” summen und erinnerte die Show der Serbin Marija Serifovic “den Hammer”. Lordi hat er auch noch in guter Erinnerung, sagte, dass Scooter 2004 womöglich, wo seine Band von Max Mutzke (also Stefan Raabs Castingsieger) geschlagen wurde, zu früh gekommen wäre, die Finnen also zur rechten Zeit, 2006, am rechten Ort, Athen.

Dieser H.P. Baxxter kommentierte nun, ebenfalls via “Lübecker Nachrichten”, den Kummer von Alex Christensen: “Ich kann gut verstehen, dass Alex enttäuscht ist, denn er hat alles gegeben und einen tollen Auftritt abgeliefert.” Das “Desaster vom letzten Jahr” – er meint die No Angels – sei eben immer noch “in den Köpfen”, was “hierzulande zu einer ESC-Verdrossenheit geführt” habe. Nun, in Wahrheit gibt es jedes Jahr Verdrossenheit in Deutschland, wenn man nicht gewonnen hat, es verhält sich in unserem Land eben so, wie es Kurt Tucholsky einmal skizziert hat: Deutschland ist immer beleidigt, wenn es nicht über allen und allem stehe.

Er selbst, so H.P. Baxxter, wäre ja gern beim ESC aufgetreten, aber seine Plattenfirma habe ihm abgeraten, weil er sonst, vor allem im Kernland der Scooter-Begeisterung, im United Kingdom, schweren Leumundsschaden hätte hinnehmen müssen. Generell empfiehlt er: “Man sollte wieder etwas entspannter an die Sache rangehen und nicht gleich in Depression verfallen, wenn es mal nicht so läuft.” Die Frage, was er denn empfehle, um die deutschen Chancen beim ESC zu verbessern oder ob Deutschland vom ESC ich zurückziehen solle, beantwortet der Mann knapp. “Keine Ahnung, aber kneifen gilt nicht.”

Und das ist doch eine schöne Antwort. Wer verloren hat, soll sich überlegen, wie es besser ginge. So wie Norwegen, das vor zwei Jahren noch mit Guri Schanke schwer strauchelte, voriges Jahr sich besserte und dieses Jahr einem Mann wie Alexander Rybak das Vertrauen schenkte. H.P. Baxxter jedenfalls heult offenbar nicht gleich in Strömen, wenn es mal mistig lief. Na und?, sagt er uns, dann eben nächstes Mal. Schön an dieser Resonanz wie vom Scooter-Mann ist ohnehin, dass einer wie er gefragt ist, die Misere zu kommentieren – nicht wie all die Jahre zuvor all die Nicoles und Leandros und Siegels, Ewiggestrige, die keinen blassen Schimmer haben, dass Schlager wie in ihrer Zeit nur hysterisches Entsetzen provozierten.

Im Übrigen hat das norwegische Fernsehen NRK den Termin der nächsten Festwoche bekannt gegeben. Das Finale – in Oslo! – wird am 29. Mai ausgetragen, das ist der Sonnabend nach Pfingsten, das erste Semifinale steigt am 25. Mai, das zweite am 27. Mai. Die Kollision mit dem Champions League-Finale im Fußball am 22. Mai ist somit keine mehr. Der Mai in Norwegen, soviel lässt sich sagen, ist an dessen Ende immer besser. Ende April liegt ja gern auf dem Holmenkollen, dem Hausberg der norwegischen Hauptstadt,  noch ein Meter Schnee. Für ein Frühlingsfest der europäischen Popmusik wie den ESC wäre das definitiv unpassend.

Christensen macht sich Luft!

27. Mai 2009

Das war schon sehr cool, was Alex Christensen unmittelbar nach dem Moskauer Finale in die Kameras der ARD-Grand-Prix-Party sagte: Dass er dem Norweger den Sieg gönne – und selbst nicht sonderlich enttäuscht schien über den 20. Platz, auf dem er und Oscar Loya endeten. Und es scheint doch nur eine heiter drapierte Schockreaktion gewesen zu sein. In den Lübecker Nachrichten teilte er mit: “Mit dem schlechten Abschneiden habe ich nicht gerechnet.” Denn, allgemeiner gesprochen, es sei doch klar: “Uns Deutsche kann niemand leiden.” Es sei “ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn man als Künstler im Ausland Erfolg haben will, darf man nicht die deutsche Flagge rauskehren.”

 

In diesen Statement steckt mehr bitter gestimmte Enttäuschung als ein Kern von Realismus: Von europäischer Aversion gegen Deutschland als solchem kann irgendwie keine Rede sein. Guildo Horn, Michelle, Stefan Raab, Max Mutze, einst Mary Roos, Katja Ebstein, die Siegeltruppe mit Lena Valaitis, Nicole und Dschinghis Khan – sie alle landeten unter den Top 10 des ESC. Und sie hätten, betrachtet man die Acts, die jeweils vor ihnen lagen, nicht besser abgeschnitten, wären sie, mal so spekuliert, für Dänemark, die Schweiz oder Belgien an den Start gegangen. Was Christensen möglicherweise übersieht, ist, dass in Moskau allzu offen sexualisierte Acts keine Chance hatten. Gefragt waren Auftritte, die als echt und authentisch inszeniert waren und irgendwie mit dieser Aura auch für glaubwürdig gehalten wurden.

Die Kritik an “Miss Kiss Kiss Bang” ärgere ihn ebenfalls – und in diesem Zusammenhang die mangelnde Rückendeckung durch den NDR. Soweit ich das einsehen kann, ist das eine fehlerhafte Beurteilung. In Interviews mit Thomas Schreiber und Manfred Witt, in den Engagements, die in der Countdown-Show vor dem und der Grand-Prix-Party nach dem Finale lagen, mangelnden Support zu entdecken, ist nur erklärlich mit der persönlichen Kränkung, als extrem erfolgreicher Produzent von zeitgenössischer Unterhaltungsmusik nicht den wichtigsten Nerv des Publikums zwischen Ural und Atlantik getroffen zu haben.

Er darf sich trösten, dass sein Lied in den Downloadcharts, beispielsweise in Großbritannien, ziemlich gut rangiert. Und: In der Tageszeitung “Die Welt” hat mein Kollege Richard Herzinger über ihn und – vor allem – Dita von Teese eine nachgerade begeisternde Hymne auf den Mut zur erotischen Transzendenz der “Miss Kiss Kiss Bang” verfasst. Ein vielleicht nicht von allen geteiltes Urteil, aber immerhin mal eine Stimme, die vom üblichen Gezeter (recherchefrei, klischeegesättigt, extrakompatibel mit allen Stammtischen bildungsbürgerlicher Provenienz) abweicht.

In Sachen Nachwehen zu Moskau lässt sich noch zufrieden im Sinne guter Chronistenpflicht mtiteilen, dass vor allem Alexander Rybak ein unruhiges Leben aktuell hat. Beinahe überall steht sein Song in den Charts ganz weit oben, ebenso die Isländerin Yohanna, auch die Aserbaidschaner, die Ukrainerin und der Däne haben nix zu meckern: Sie werden europäisch wahrgenommen – was der Theorie entspricht, dass, wenn die westlichen Länder sich Mühe geben, sie sowohl im Hinblick auf die Punkteausschüttung als auch später in den realen Charts heftig mitmischen. Es ist ein wenig wie früher: Der ESC als Popmarkt, als trendscoutendes Unterfangen, als Bühne, die es lohnt, ausprobiert zu werden. Dass da einer wie Alex Christensen auf der Strecke blieb, ist schade.

Er hat angekündigt, unter wie auch immer anderen Bedingungen wieder mitmachen zu wollen. Das klingt gut. Dass einer wie er mal seinen Frust abladen wollte, war doch klar. Dass die öffentlich-rechtlichen Radiostationen seinen Titel fast boykottierten, ist doch auch echt misslich, wie auch Thomas Schreiber heftig im Interview auf unseren Seiten monierte. Warum nur sitzen bei den meisten Popwellen Redakteure, die auf den ESC nur mit Widerwillen reagieren. Mögen die ihren Job nicht, das Publikum mit moderner Popmusik zu versorgen?

Das Generalsekretariat klärt auf?

20. Mai 2009

Die Reference Group des ESC und ihr Generalsekretär Svante Stockselius – das ist der Mann, der unmittelbar vor den Votings in der Übertragung eingeblendet wurde – haben ausgeschlafen und auf unsere Fragen geantwortet.

 

1. Welche Folgen wird es – wenn überhaupt – für Spanien haben, dass es gegen die Regeln das zweite Halbfinale nicht übertrug und nur ein Juryvotum durchgab? Auf der nächsten Sitzung, so übermittelte Stockselius in einer Mail, der Reference Group. Der Termin stehe nicht fest, aber er werde bis Juni stattfinden.

2. Kann er erklären, weshalb Norwegen als letztes Land seine Wertung durchgab – gegen die ausgeloste Reihenfolge, derzufolge Norwegen gleich nach der Schweiz dran gewesen wäre, als 17. Land vor Bulgarien? Stockselius nüchtern: Da gab es technische Probleme. Welche, wollte er nicht mitteilen. Ein Geschmäckle haben diese echten oder vermeintlichen technischen Probleme aber dennoch. Es könnte ja sein, dass das Telefonnetz überlastet war – aber das würde man eher als Problem in Moldawien vermuten, doch nicht im High-Tech-Norwegen, wo die Verbreitungsrate von Handys mit allem Schnickschnack 100 Prozent beträgt. Ein Geschmäckle deshalb, weil die karge Antwort von Stockselius die Vermutung nährt, dass Norwegen als Gewinnerland quasi das letzte Wort haben sollte. Denn: Das Resultat wusste Stockselius bereits eine Minute nach dem Schließen der Televotingleitungen. Die Show der Wertung, das Herzstück dieses Events, ist eine pure Inszenierung. Nicht die Punktzahlen, aber anders als früher wissen die Schiedsgewaltigen am Veranstaltungsort viel früher als das Publikum über die Punkte Bescheid. Und: Obendrein hatten die Jurys ihre Stimmen bereits am Freitagabend nach der zweiten Generalprobe abgeben müssen. Wir werden es im nächsten Jahr sehen: Wer in der ausgelosten Wertungsreihenfolge ausgelassen wird, könnte der Sieger des Abends sein.

P.S. zu diesem Punkt. Für Chronisten soll gesagt sein, dass Norwegens Votum am Ende keine Rolle mehr spielte. Mit der estnischen Wertung, der 31. von 42, war für die anderen Länder das ohnehin nur noch theoretische Spiel um ein offenes Rennen mit Norwegen vorbei. Da Aserbaidschan schon aus dem nördlichsten baltischen Land nur sieben Punkte erhielt, war der Vorsprung für Alexander Rybak uneinholbar geworden. So sehr hatte selbst Nicole 1982 nicht gewonnen, auch nicht die Iren Paul Harrington & Charlie McGettigan 1994.

3. Werden denn bald die Jurywertungen veröffentlicht, so die nächste Frage an den Generalsekretär. Stockselius, Europäer aus Schweden durch und durch, bestätigte die Möglichkeit. Jedes Land könne selbst entscheiden, ob es das wolle. Wäre das für Fans in den 42 Ländern eine gute Möglichkeit, die eigenen Sender auf ihre Fähigkeit zur Transparenz hin zu befragen? Die Wertung aller Jurys jedenfalls sind nun bekannt. Norwegen lag da ebenso vorne, Island auf dem zweiten Rang, aber die Britin wurde Dritte, Patricia Kaas Vierte, Estland wurde Fünfter, Dänemark Sechster und die Türkei Siebter. Sakis Rouvas war hauptsächlich beim Publikum gelitten, bei den Jurys landete er auf dem zehnten Rang. Und Deutschland? Wäre nicht 20. geworden, sondern mit 73 Punkten auf dem 14. Platz gelandet.

4. Ebenfalls wird sich die Reference Group, so bestätigte es Stockselius, mit einem Skandal beschäftigen. Der trug sich in Aserbaidschan zu – und dass wir von ihm wissen können, liegt an der tagesschau.de-Kollegin Silvia Stöber, die hat ihn uns erzählt. Dass nämlich der Blogger Onnik Krikorian via Twitter und Mail am Samstag während des Finales davon Kunde bekam, Aserbaidschan habe während des armenischen Beitrags Störsignale über den Sender geschickt. Auch seien die Telefonnummern, mit denen Aserbaidschaner für den armenischen Act hätten abstimmen können, gesperrt gewesen. Später, während der Abstimmung, habe das aserbaidschanische Fernsehen in Baku den halben Bildschirm verdunkelt, um das – gute – Resultat Armeniens nicht zur Kenntnis geben zu müssen.

 

Zum Hintergrund: Beide Länder, das eine wie das andere aus der Sowjetunion hervorgegangen und heute nur dem Namen nach Demokratien, streiten sich um die in Aserbaidschan gelegene Gegend Berg-Karabach. Sie hat sich für unabhängig erklärt, wird aber von niemanden anerkannt, nicht einmal von Armenien. Die Menschen in Karabach verstehen sich als Bergarmenier und sprechen Armenisch. Ein Krieg um das Gebiet Anfang der neunziger Jahre wurde lediglich von einem brüchigen Waffenstillstand abgelöst. Das Thema Karabach ist für die aserbaidschane Nomenklatur ein äußerst sensibles Thema – dennoch hat Armeniens Punktemitteilerin während der Wertungszeremonie plötzlich einen Zettel hochgehoben – man kann es auf Videos deutlich sehen. Auf dem seltsamen Bild ist eine Skulptur zu sehen, die in Stepanakert, der Haupstadt Berg-Karabachs, steht. Die “Tatik & Papik” – Großmutter und Großvater – genannte Figur gilt als Symbol der Unabhängigkeit der Karabach-Armenier.
Aserbaidschan muss sich provoziert gefühlt haben – und das restliche Europa verstand die Geste zunächst nicht. Punkte? Aus Aserbaidsdchan gab es nix für Armenien, von den Armeniern für Aserbaidschan immerhin einen Punkt.

Wie dem auch sei: Ein Land unkenntlich zu machen, ist allen Staaten verboten. Die Türkei musste in den Siebzigern lernen, Griechenlands Songs nicht auszublenden, und der Libanon wollte vor einigen Jahren teilnehmen, aber nur unter der Bedingung, dass man nicht Israels Lied zeigen müsse. Die Eurovision lehnte ab. Ob Aserbaidschan nun eine Sanktion verpasst bekommt, ob Armenien für die unfeine Geste gen Aserbaidschan ebenfalls mehr als nur gerügt wird, wollte Stockselius nicht sagen. Im Juni werde beraten! Wir kommen darauf zurück.

5. Noch ein Nachtrag zur kulturellen Umkämpftheit des Siegers. Russische und weißrussische Medien reklamierten nach Rybaks Sieg den Norweger für sich. Norweger? Nein, weit gefehlt. Sie aberkannten ihm quasi die norwegische Kultur – erkannten in seinem breiten Mund slawische Züge, in seinem Lachen das Lachen des fröhlichen Russen und in dessen Lied ein typisch russisches Lied. Davon abgesehen, dass mich diese kulturellen Zuordnungen angeblich sichtbarer körperlicher Attribute wegen heftig stört: Auf diese Art von Repatriierung muss man erstmal kommen! Davon abgesehen, dass jede kulturelle Identität immer die Gefahr in sich trägt, anderen Kulturen gegenüber totalitär zu sein, ließe sich wenn schon, über Rybak und sein Lied nur dies sagen: Er spricht Norwegisch, er sieht wie ein Norweger aus – wer schon mal da war, weiß das natürlich -, und das Lied, sehr akkurat genommen, erinnert in seiner Tanzhaftigkeit an jüdische Weisen, die in den osteuropäischen Communities der jüdischen Minderheiten gern angestimmt wurden. Es ist Musik, die so gutgelaunt wirkt, weil sie die Niederungen des Alltags zu überwölben sucht. Darüber hinaus klingt “Fairytale” wie eine europäische Hymne, ähnlich wie “Waterloo”, “Diva”, “Congratulations”, “Hallelujah” oder “Fly On The Wings Of Love”. Nur dass Rybaks Liedharmonien an eine verdammt gute norwegische Folkloreschule erinnern. So vermischt sich Europa. Gut so. Am Ende sind Kulturen nur so viel wert, wie sie zu einem Sieg reichen. Norwegen weiss das zu schätzen. Rybak steht, nebenbei, in den Downloadcharts Europas fast überall weit vorne – bei iTunes zum Beispiel. Er scheint ein europäischer Popstar zu werden.

6. Ihre, Eure Reaktion ergewogen, die von Freunden aufgenommen, wird der deutsche Act von Christensen & Loya auch so gesehen: Mag sein, dass sie professionell waren, aber in Moskau wirkten sie so artifiziell und unauthentisch wie kaum ein anderes Lied. Es wärmte nicht, so heißt es, es kam dem neuen Zeitgeist nach Echtheit und Ernsthaftigkeit nicht entgegen, im Gegenteil. Die Ästhetik von Las Vegas ist out, in ist in diesem Sinne eine, die auf unironische Unmittelbarkeit setzt. Man muss diese Beobachtungen ernsthaft erwägen – sie zeigen, was im nächsten Jahr nicht der Fall sein sollte.

7. Offen ist plötzlich wieder das Datum des ESC 2010. Der ursprünglich anvisierte 22. Mai als Finale ist fraglich, weil das Fußball-Champions-League-Endspiel am gleichen Tag stattfinden soll. Die UEFA – die Eurovision des Fußballs quasi - lässt sein wichtigsten Vereinsfinale erstmals an einem Samstag austragen. Es könnte also der 15. Mai werden oder der 29. Mai – am gleichen Tag, an dem 1999 in Jerusalem das Finale zelebriert wurde.

Unkaputtbar

18. Mai 2009

Wie es um den VfL Bochum genau steht, weiß man ja nie so genau: Wahrscheinlich steigen sie diese Saison nicht ab weil sie, “unkaputtbar” sind, wie es im Ruhrpott heißt. Sicher ist allerdings, dass der Sonnabend mit dem ESC einmal mehr für die ARD das wichtigste Showformat jenseits der Volksmusik war. Die Quoten - nicht so klasse wie einst bei Michelle oder Texas Lightning. Aber dafür, dass es keinen Vorentscheid gab, konnten Alex Christensen und Oscar Loya ziemlich gut mobilisieren.

 
Die Medien am Tag oder zwei Tage danach klingen fast durchweg hämisch. Leider. Die Tagesschau zeigte abermals Alexander Rybak als Sieger von Moskau, aber die papiernen Medien waren einmal mehr en gros wie meist auch en detail kenntnisfrei berichterstattend. Immerhin, die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” hatte so opulent wie kein anderes Blatt berichtet, die “Frankfuter Rundschau” immerhin mokierte sich, ich finde zutreffend, über die Äußerung des deutschrussischen Schriftstellers Wladimir Kaminer, die dieser in der ARD-Grand-Prix-Party mitteilte. Dass es mit der Homophobie, angesprochen auf den zerschlagenen CSD am Vormittag vor dem abendlichen ESC-Finales, nicht weit her sei, das werde sich wohl bald ändern. Nun, das hört man von einem, der in dieser Hinsicht noch nie fürchten musste, von Miliz wie Polizei behelligt zu werden, doch ungern. Keine echte Ahnung von der Atmosphäre an Ort und Stelle, aber aus der ganz gemütlichen Sofaecke, einer deutschen, liberal gesinnten zumal, mal kurz das Weltgeschehen analytisch auf den Kopf stellen. Man wird seine Moskauer Geschichten wohl künftig mit leichten inneren Blessuren lesen müssen. Das Berliner Boulevardblatt “B.Z.” schrieb: “Außer Teese alles Käse”. Man wüsste gern, ob es für diese Herrenwitzstabreimerei redaktionsintern einen Schnaps gab oder gleich zwei. Als ob alle Welt auf die Burlesktänzerin stierte – wenigstens hätte man sich von dieser Zeitung einen Reim gewünscht, weshalb Dita von Teese doch nicht so zog. Weil sie sich fast auszog?

Der Gewinner der Woche, besser: die Gewinner, sind Alex Christensen und Oscar Loya. Sie wollten gewinnen, sie gaben alles, sie hatten keine Chance. Na und? Das hatte Leidenschaft, und sie wurde nicht anerkannt. Ein Ehrenplatz für beide in der Hall of Fame des deutschen ESC, bitte!

Ich finde, dies vor meinen Bemerkungen zur heute deutlicher gewordenen deutschen ESC-Zukunft, sollte doch allen Rezensenten zu denken geben: 7,3 Millionen Zuschauer waren dabei. Vermutlich waren es sogar viel mehr, denn es werden immer nur Einzel-TV-Geräte gezählt – also nicht jene, die zu Parties kamen, beispielsweise in Hamburg St. Pauli vor der Großbildleinwand des NDR.

Und jetzt, so sickerte es durch durch die Süddeutsche Zeitung, will die ARD in Sachen ESC mit Stefan Raab alliieren? Warum nicht. Sein Bundesvision Song Contest, den er ohnehin nur ins Leben rief, weil er, beleidigt nach Max Mutzkes achtem Platz in Istanbul, war ja ohnehin längst ersehnt worden als eigentlicher Vorentscheid. Nur ein Bedenken habe ich: Haben bei einem solchen Castingwettbewerb um den glühendsten Hunger nach internationalem Erfolg auch bislang unbekannte Performer eine Chance? Kriegen jene mal eine Chance, die wie Alexander Rybak oder die Isländerin Yohanna nicht schon durch die Bohlen- oder Klum-Schreddermaschine gegangen sind? Die Idee, die bald spruchreif sein soll, als solche klingt gut. Schon weil Raab einer der besten ESC-Kenner ist – und weil er schon hinter Guildo Horn und selbst auf der Bühne 2000 in Stockholm und 2004 in Istanbul als Musiker auf der Akustikgitarre bei Max Mutze.