Macht RTL der ARD und Pro7 Konkurrenz?

3. September 2009

Es ist eine gute Nachricht, die vorläufig offiziell weder seitens der EBU noch aus diesem Land selbst bestätigt wurde: Dass Luxemburg wieder beim ESC dabei sein wird. Für die Jüngeren sei gesagt: Bis 1993 nahm dieses Urmitglied der Europäischen Union wie des ESC am Popfestival teil – und wir glaubten früher alle, dass es doch ein tolles Land sein muss, wenn es Künstler wie France Gall, Camillo Felgen, Jean-Claude Pascal, Nana Mouskouri, Vicky Leandros, Anne-Marie David und Ireen Sheer hervorbringt.

 

Ein Großherzogtum, das sich auf die Produktion von echten Juwelen des Entertainment versteht. Die Wahrheit war desillusionierend: Luxemburg kannte kein öffentlich-rechtliches Medienwesen, strahlte weit nach Deutschland, Belgien, Frankreich und die Niederlande Radiowellen mit Werbung aus - und spielte, um junges Publikum zu binden, sehr früh moderne Musik aus. Radio Luxemburg, über das auch Frank Elstner bekannt wurde, war so cool, wie man einst unter Jugendlichen nur sein konnte. Die genannten Stars waren eingekauft, importiert – man kaufte Komponisten und Texter und bestückte so den ESC.

Die französische Musikindustrie hatte über Luxemburg quasi einen Startplatz beim ESC mehr: Denn es durfte ja nur in der Landessprache gesungen werden. Französisches war absolut dominant, neben diesem Land waren es eben auch die Schweiz, Belgien, Frankreich und Monaco, die Frankophones zum Wettbewerb schicken konnten. Luxemburg gewann, lange vor dem Televoting, fünf Mal: mit Pascal, der Leandros, der Gall, der David und zuletzt 1983 mit der bis heute unübertroffenen Hysterieperformance von Corinne Hermès. Luxemburg war, so gesehen, Weltklasse. Das Französische verlor aber an Einfluss – und das Fernsehen an Wichtigkeit. Als Luxemburg anfing, auch Letzeburgisches zu singen, sanken die Quoten, das Interesse – und für die Musikindustrie war auch nix mehr zu gewinnen. Privatsender mit aktueller Popmusik gab es überall, nicht nur in diesem Land, das etwa so groß ist wie Hessen.

Pikant an der Nachricht, dass nach 17 Jahren Luxemburg mit dabei sein könnte, ist, dass das Land nach wie vor nur einen Marktführer im TV-Bereich hat – und das ist CLT Multi Media, das Mitglied der EBU ist, und unter dessen Dach sich RTL Luxemburg sich befindet. Das heißt: RTL, in Deutschland während der nächsten ESC-Saison gewiss abermals mit DSDS beschäftigt, könnte dem Gewinner des Castingverfahrens verheißen, für Luxemburg an den Start gehen zu können. Voraussetzung für eine Teilnahme beim ESC ist ja nicht mehr, dass Komponist und Texter aus dem Land des Starter kommen muss.

Das wäre eine interessante Rivalität mit dem ARD-Pro7-Projekt, das nächste Woche auf einer Pressekonferenz vorgestellt wird. Ich finde: Konkurrenz belebt das Geschäft auf alle Fälle. Bienvenue, Luxembourg!?

Sonnenklar!

21. Juli 2009

Na, war das nicht sonnenklar? So scheint es zu sein, wenn zwei Partner, die in Liebe entbrennen möchten, einander, bei allem Begehren, vor Schreck anstarren – und dann auseinanderlaufen. Bis zum besseren Ende.

Es war, wir hatten es ja hier im Blog prophezeit, Fernsehsoapfreunde, die wir sind, dass die ARD sich doch noch zur Kooperation mit Stefan Raab durchringen würde – und ähnlich sicher durfte man sein, dass Raab mitmachen würde. Alles, was er im “Spiegel” eine Woche nach Moskau bitter zu Protokoll gab, war nur der ersten Enttäuschung geschuldet, dass seine Liebesofferte (zum ESC, vermutlich auch zur ARD) nicht auf Anhieb erwidert wurde von allen ARD-Teilen.

Das nun öffentlich gewordene Vorentscheidungsformat ist, offen gesagt, das allerbeste, das aktuell zu haben ist. Vorrunden, Viertelfinals, Halbfinals und ein Finale: Mehr an Mobilisierung des Publikums, an Spannung, an wahrscheinlicher Enttäuschung über einzelne Resultate ist nicht drin. Selbst DSDS wird da nicht mithalten können – und das wird ein Novum sein.

Früher hatten einzelne Vorentscheidungen des NDR es mit dem RTL-Format aufnehmen können, aber nicht in der Reihung und nicht im Hinblick auf die popkommerzielle Vermarktung. Wir erwarten also mit Fug und Recht, unter dem Dirigat Stefan Raabs, ein wochen- bis monatelanges Melodram, das seinen Höhepunkt tatsächlich erst Ende Mai in Oslo haben wird. Dann muss sich erweisen, ob deutsche Popmusik der zeitgenössischen Sorte international konkurrenzfähig ist, ob der Siegestitel also nicht nur von Flensburg bis Passau und Görlitz mit Neunkirchen ankommt, sondern auch europäisch.

Ich finde: Das ist alles eine Supernachricht. Raab nämlich muss auch erst mal den Beleg erbringen, dass er mehr kann als ein fünfter Platz (selbst ersungen, vor neun Jahren). Bei dem Tamtam darf man doch die Trauben etwas höher hängen: Der deutsche Song für Oslo muss mindestens Dritter werden!

Gigantomanie in Oslo

7. Juli 2009

Eine wirklich gute Nachricht ist, dass nächstes Jahr der ESC am Rand des ehemaligen Hauptstadtflughafens in Oslo stattfindet. Bis zur Mitte der Neunzigerjahre wurden über dieses Gelände alle Flüge aus der norwegischen Kapitale abgewickelt – seither findet der Flugverkehr überwiegend von einem Areal aus statt, das fast bei Lillehammer liegt.

Die Arena ist für eine Fernsehproduktion perfekt geeignet – und bietet viel mehr Publikum Platz als das Spektrum in der Osloer Innenstadt. Die Arena bietet Fußballfans die wichtige Kuscheligkeit und Popkonzerten die nötige Innengigantomanie – wie neulich beim Farewell-Konzert von Tina Turner oder dem Europa-Tourstart von AC/DC. Drei Mal 23.000 Menschen finden bei den zwei Halbfinals und dem großen Finale Platz. Das werden mehr Männer und Frauen und Fans sein als im Mai in Moskau. Man darf sich darauf verlassen, dass die gesamte Location eine Art High-Tech-Woodstock des ESC wird.

Dass man von den Hotels in innerstädtischer Lage eine knappe halbe Stunde zur Halle braucht, kann verknust werden. Zur Athener Olympiahalle brauchte es schließlich fast eine Viertelstunde mehr.

Ich finde, das ist eine gute Wahl, eine mit vernünftigen Refinanzierungsmöglichkeiten. Oslo wird sich 2010 wie eine hochtechnisierte Location anfühlen. Es ist – alles in allem – absolut ESC-gemäß. Zeit, die nötigen Flüge zu buchen!

Scherze um Scherzinger?

3. Juli 2009

Kürzlich erreichte mich ein delikater Anruf. Nachdem er dies und das erzählte, begann ein Freund am Hörer deutlich zu flüstern. Ob ich denn schon wüsste, dass Nicole Scherzinger längst als deutsche Norwegenfahrerin ausgesucht sei. Ich hüstelte und fragte: Scherzinger, bitte? Ja! Und so bekam ich eine Wikipediaseite zugemailt, aus der hervorging, dass sie in etwa wie Dita von Teese aussieht, sehr jung ist, vermutlich sehr, sehr durchsetzungsstark und auch bei uns, gleichwohl eine Amerikanerin mit deutschem Namen, einige Charteinträge als Sängerin der Pussycat Dolls hat verbuchen dürfen.

Davon abgesehen, dass nach meiner Kenntnis der NDR noch keine Verhandlungen mit irgendwem aufgenommen hat, schon gar nicht mit Künstlern, glaube ich, dass dieses Raunen und Räuspern über das nächste Jahr zum Spiel des ESC selbst gehört. Und dass fast alles, was da so hin und her zwitschert, aus dünnster Luft gegriffen ist. Und das muss und darf ich so sagen, weil ich mich an diesem Spiel schon mal selbst beteiligt habe.

Neulich in Moskau sagte mir ein ESC-Freund aus Porto in Portugal – worüber ja die leider auch nie ESC-geadelte Caterina Valente ein wunderbares Lied mal gemacht hat -, er fände schade, dass Nina Hagen nie für Deutschland sang, obwohl sie ja schon nominiert gewesen sei. Nach kurzer Nachfrage sagte er, er habe dies 1991 gehört. Ich musste ein spontanes russisches Lachen ausbringen, ja fast ins Gelächter ausbrechen. Das war ich selbst, ich bekenne es, der einem Hamburger Freund 1990, kurz nach der deutschen Wende, einem ESC-Freund “absolut im Vertrauen” berichtete, ich hätte vom Bayerischen Rundfunk gehört, man sei an Nina Hagen dran, und die würde ein Lied von Ralph Siegel bringen – später ergänzte ich die blank erfundene Geschichte um den Zusatz, dass es eigentlich Nina Hagen hätte sein sollen, die mit Cindy Berger und Lena Valaitis als Siegels Mädchentrio Mekado dabei sein sollten, aber “das nur im Vertrauen”.

Unglaublich aber wahr: Dieses pure Gerücht machte daraufhin in Europa eine steile Karriere. Die Story mit Nina Hagen hörte ich dann aus Norwegen, schließlich wurde sie mir auch aus Malta kolportiert. Ein Spanier erwähnte es mir gegenüber auch (“Nina Hagen ist doch eigentlich aus Barcelona, die hätte für uns singen sollen”), aber unterm Strich hieß das doch: In dürren Zeiten nach der Bescherung glaubt man alles, weil man alles hofft. Das ist der Trick aller Verschwörungs- und Hoffnungstheorien: Dass sich erfülle, was man ersehnt oder fürchtet. Nina Hagen, nur nebenbei, wäre meine Traumkandidatin gewesen.

Sie wurde freilich nie gefragt, aber das lag nicht an Siegel. Obwohl der immer nur Künstler anheuert, die ihren Zenit schon hinter sich hatten, der Kosten wegen. Aber Nina Hagen, die hat jetzt immerhin auch eine schöne Flüsterkarriere hinter sich. Das wiederum wird man von Lou oder Corinna May nie sagen können. Um zum Punkt zurück zu kommen: Dass die Scherzinger für Deutschland ins Rennen geht ist ungefähr so wahrscheinlich wie nichts anderes.

Schade eigentlich. Aber schön, dass wir mal drüber geflüstert haben!

José Calvário tot!

1. Juli 2009

Es gibt nicht viele ESC-Lieder, die in einer Revolution eine tragende, ja, sie direkt anstiftende Rolle spielten. Eines ist der portugiesische ESC-Cancao E depois do adeus. Am 6. April 1974 belegte es, Portugal einmal mehr in tiefe Depression stürzend, in Brighton den letzten Platz. Drei Punkte erhielt es, einen aus Spanien, zwei aus der Schweiz.

Das Cover der ESC-Single E depois do adeus von 1974

Aber Portugal hatte, als Abba von der englischen Kanalküste aus ihren Siegeszug durch die halbe Welt anzutreten begannen, ganz andere Sorgen. Eine rechte Obristendiktatur, ein Regime mit Todesstrafe und fehlender Meinungsfreiheit, ein System mit Geheimpolizei und Gefängnissen, in denen Demokraten eingesperrt saßen. Dieses System musste beseitigt werden – und es waren demokratisch gesinnte Militärs, die die sogenannte Nelkenrevolution mit Macht begannen.

Auf Wikipedia heißt es korrekt: “Am 24. April 1974 um 22:50 Uhr spielte der portugiesische Rundfunk das Liebeslied E depois do adeus (Nach dem Abschied) von Paulo de Carvalho. Dies war das verschlüsselte Signal an die aufständischen Truppen. Als Revolutionslied berühmt wurde aber ein anderes Lied, Grandola, vila morena (Grandola, braungebrannte Stadt). Gegen 0:30 Uhr am 25. April las der Sprecher des katholischen Rundfunks Rádio Renascenca die erste Strophe des von der Diktatur verbotenen Liedes, danach erklang das Lied selbst, gesungen von dem antifaschistischen Protestsänger Zeca Afonso.”

Der Mann, der das Lied des Revolutionsvorabends komponiert hat, heißt José Calvário, und er ist nun, am 17. Juni an den Folgen eines Schlaganfalls in Lissabon gestorben. Calvário hat sich um den ESC verdient gemacht. Er hat 1972 “A festa da vida” komponiert und 1988 “Voltarei”. Er stand schließlich als Dirgent jeweils am Pult für “Portugal no coracao” (1977) und das berückend schöne Lied “Penso em ti, eu sei”, mit dem Adelaide sich in die Herzen der ESC-Fans sang – und deren Ohrgeschmeide fast so sehr sensationell kunstvoll war, wie ihr zart leidenschaftlicher Gesang.

Calvário wurde nur 58 Jahre. Dass er 1974 der Komponist des Signals des portugiesischen Revolutionssignales wurde, hat, so berichteten es mir portugiesische Freunde jüngst in Moskau, ihn stolz gemacht. Musik, so soll er gesagt haben, ist nichts für Gefängnisse, Musik soll die Menschen frei machen, ihre Herzen berühren und ihre Sinne froh. “E depois do adeus” ist für mich das Lied eines Trauermoments: Mit dem ESC hat Portugal, so gesehen, Anschluss an ein freies Europa gefunden. Wir trauern um einen großen Komponisten.

“War es nur?”

15. Juni 2009

Als ob diese Zeiten nicht längst begraben wären: Dass da ein ESC-Lied in anderer als der Originalsprache dargebracht wird. Dass, wie 1973 etwa, ein ursprünglich hebräisches Lied auf Deutsch veröffentlicht wird, als Single. Damals war es Ilanit, bei der aus “Ey sham” ein gewaltiges “Weit so weit der Regenbogen reicht” wird. War eben das Übliche auf einem Kontinent, bei dem der Durchschnitt der popmusikalisch interessierten Bevölkerung kein Englisch sprach – oder glaubte, nur Musik dann genießen zu können, wenn sie in der eigenen Muttersprache daherkam. Corry Brokken, Sandie Shaw, Sandra & Andres, Vicky Leandros – aus deren “Après toi” ein englisches “Come what may” wurde und in dieser Variante
ziemlich lange in den britischen Top 10 lag.

Aber diese Traditionen sind vorbei. Inzwischen gibt es nur noch für Liebhaber anderssprachige Fassungen, Louisas “Monts et merveilles” habe ich zuhause in einer italienischen Fassung, das polnische “To nie ja” ist mir mal auf bulgarisch zugespielt worden. Neulich schenkte ich, was für eine schöne Erinnerung, einem Freund in einer Art Verführungsgeste, jetzt schon in Vorfreude auf Oslo einzusteigen, eine Doppel-CD mit allen norwegischen ESC-Liedern. Davon abgesehen, dass sich – wie in jeder Sammlung – da auch sehr, sehr bedenkliche Lieder drunter befinden (“Mata Hari”, Anne-Karine Ström, gibt es, nebenbei, auch auf Finnisch), war es ein besonderes Juwel, nun ja, ein Strasssteinchen, eine neunorwegische Fassung von “Un banc, un arbre, une rue” (“Gammel Bank”) zu finden. Und hier das Lob dieser Saison. Unsere Yohanna, die isländische Sängerin, die die Wirtschaftskrise ihres Landes in balladeske Worte packte (“Is it true?”) hat eine deutsche Fassung ihres zweitplatzierten Liedes veröffentlicht: “War es nur?” Hört es selbst – es liegt zur Kostprobe auf Youtube zu hören. Ist das nicht fein? Man hört nur einen klitzekleinen Akzent, der irgendwie ausländisch klingt, aber gerade das macht das Liedlein so anmutig, ja, zerbrechlich. Und weil sie, ein Ausnahmetalent aus Reykjavik, uns Deutschsprachige so bedenkt, ja, beschenkt, verdient sie das Lob des Jahres: Sie weiß über den nordatlantischen Sprachhorizont hinaus zu fühlen. Lediglich dass sie keine armenische oder hebräische Fassung mit eingesungen hat, mag als Makel notiert bleiben. Trotzdem: War es nur … ? Nein … es ist nur eine Perle im nun über 50 Jahre währenden schimmernden ESC-Diadem der sprachlichen Babylonisierung. Glückwunsch uns allen, danke Yohanna!

Ist Erfolg garantiert?

10. Juni 2009

Hans R. Beierlein hat die kühlsten und klügsten Worte zum Eurovision Song Contest schon vor zehn Jahren formuliert: Wer glaube, ein Sieg sei so, als habe man im Showbusiness bereits einen Fuß in der Tür, irre. In Wahrheit sei ein Sieg nichts als die Chance, mehr als eine Zehe in die Pforte zu bekommen. Er konnte das aus eigener Erfahrung formulieren: Udo Jürgens war von 1963 an sein Schützling, er hat den berühmten Mann, nach eigener Aussage in Schwabing aufgelesen, vom Dasein als gehobener Hotel- und Barpianist befreit, aber zur Bedingung gemacht, dass er sich seinem Regime unterwerfe. Und das hatte folgendes Gesetz: Kein Schlager, alle Orientierung nur noch international, keine Billigware – und höchste Disziplin. Über Österreich verschaffte sich der Münchner Musikmanager das Entree zur Eurovision. Nach “Warum nur, warum?”. “Sag ihr, ich lass sie grüßen” und “Merci Cherie” war es geschafft: Udo Jürgens stand vor der Pforte – und Beierlein trieb ihn dazu, den Zeh nun nicht vor lauter Selbstbesoffenheit wegzuziehen. Kalkuliert wurde die Karriere von Udo Jürgens weiter gedacht – aus Udo Jürgens, dem ESC-Gewinner von 1966, wurde ein Popstar im deutschsprachigen, bisweilen auch im romanischen Bereich. Mehr aber sei nicht drin bei einem ESC-Sieg: Dann beginne, so Beierlein, erst die Arbeit.

Ich stelle mir das so vor: Eine brillante wissenschaftliche Arbeit macht noch keine intellektuelle Exzellenz, ein gutes Essen trägt noch nicht zum Ruf bei, gut kochen zu können – und eine freundliche Geste ist noch kein Billett zum Leumund, ein umgänglicher Mensch zu sein.

Jahr für Jahr, so will ich sagen, wird Eurovisionsgewinnern nachgesagt, sie seien Eintagsmotten. So sagte man über Abba, über Gigliola Cinquetti oder über Celine Dion. Zugegeben, manche pulverisierten ihre Energie mit dem Vortrag ihres Siegestitels am Ende eines ESC, Corinne Hermès, Tanel Padar & Dave Benton, Teddy Scholten oder Ruslana. Aber sie hatten wenigstens ihren goldenen Moment, was sie schon mal, um mal nach Deutschland zu blicken, von Maxi & Chris Garden, die Sangesdarsteller von Atlantis 2000 oder Leon unterschied.

Was aber wird nun aus Alexander Rybak? Sein “Fairytale” ist das kommerziell erfolgreichste ESC-Produkt seit “Save Your Kisses For Me”. In den Downloadcharts steht es in einer Fülle von Ländern ganz weit vorn, in einigen auf Platz 1. Und das Album? Ist jetzt auf dem Markt, und ich finde es hörbar. Es eignet sich prima für Zeltplatzbeschallung, Grillabende und Bootstörns von Gibraltar nach Bornholm, wenn man Anker gelegt hat. Es ist frische Musik, leicht skandinavisch, aber nicht allzu folkloristisch. Musik, die nicht stört, sozusagen, im Gegenteil.

Das ist, finde ich, die gute Botschaft aus diesem Jahrgang. Ob es eine schlechte ist, ob also Alexander Rybak in einem Jahr in der Abba-Liga spielen kann oder eher ästhetisch verraucht wie weiland Sandra Kim und womöglich als Kirmeseröffnungsnummer  endet, ist offen. Ich schätze aber: Der wird was!

Sportsmann H.P. Baxxter – klasse!

28. Mai 2009

Allmählich verebben die aufwühlenden Statements zur Moskauer ESC-Woche wie auch zum 20. Platz für Alex Christensen und Oscar Loya. Mein Held aber all dieser Erörterungen nach dem Finale ist ohne Fragen H.P. Baxxter. Für Menschen, die auf Humtatamucke und veilchenrosa Schlagerlein eher abonniert sind: Das ist der Frontmann von Scooter. Der war schon, als er als Teil der Jury in Moskau für drei Tage aufkreuzte, klasse. Sagte, dass er gerne mal bei der Vorentscheidung mitgemacht habe, dass er den Event hochschätze, schon immer verfolgt habe und mitfiebere.

 

Ein Pflichttermin, so lässt er sich zitieren; auf der Terrasse des Ritz Carlton, von der ein echt gigantischer Höhenblick auf den Kreml möglich ist, zeigte er sich sogar fit, was den ESC und seine Acts anbetrifft. Konnte “Save Your Kisses For Me” summen und erinnerte die Show der Serbin Marija Serifovic “den Hammer”. Lordi hat er auch noch in guter Erinnerung, sagte, dass Scooter 2004 womöglich, wo seine Band von Max Mutzke (also Stefan Raabs Castingsieger) geschlagen wurde, zu früh gekommen wäre, die Finnen also zur rechten Zeit, 2006, am rechten Ort, Athen.

Dieser H.P. Baxxter kommentierte nun, ebenfalls via “Lübecker Nachrichten”, den Kummer von Alex Christensen: “Ich kann gut verstehen, dass Alex enttäuscht ist, denn er hat alles gegeben und einen tollen Auftritt abgeliefert.” Das “Desaster vom letzten Jahr” – er meint die No Angels – sei eben immer noch “in den Köpfen”, was “hierzulande zu einer ESC-Verdrossenheit geführt” habe. Nun, in Wahrheit gibt es jedes Jahr Verdrossenheit in Deutschland, wenn man nicht gewonnen hat, es verhält sich in unserem Land eben so, wie es Kurt Tucholsky einmal skizziert hat: Deutschland ist immer beleidigt, wenn es nicht über allen und allem stehe.

Er selbst, so H.P. Baxxter, wäre ja gern beim ESC aufgetreten, aber seine Plattenfirma habe ihm abgeraten, weil er sonst, vor allem im Kernland der Scooter-Begeisterung, im United Kingdom, schweren Leumundsschaden hätte hinnehmen müssen. Generell empfiehlt er: “Man sollte wieder etwas entspannter an die Sache rangehen und nicht gleich in Depression verfallen, wenn es mal nicht so läuft.” Die Frage, was er denn empfehle, um die deutschen Chancen beim ESC zu verbessern oder ob Deutschland vom ESC ich zurückziehen solle, beantwortet der Mann knapp. “Keine Ahnung, aber kneifen gilt nicht.”

Und das ist doch eine schöne Antwort. Wer verloren hat, soll sich überlegen, wie es besser ginge. So wie Norwegen, das vor zwei Jahren noch mit Guri Schanke schwer strauchelte, voriges Jahr sich besserte und dieses Jahr einem Mann wie Alexander Rybak das Vertrauen schenkte. H.P. Baxxter jedenfalls heult offenbar nicht gleich in Strömen, wenn es mal mistig lief. Na und?, sagt er uns, dann eben nächstes Mal. Schön an dieser Resonanz wie vom Scooter-Mann ist ohnehin, dass einer wie er gefragt ist, die Misere zu kommentieren – nicht wie all die Jahre zuvor all die Nicoles und Leandros und Siegels, Ewiggestrige, die keinen blassen Schimmer haben, dass Schlager wie in ihrer Zeit nur hysterisches Entsetzen provozierten.

Im Übrigen hat das norwegische Fernsehen NRK den Termin der nächsten Festwoche bekannt gegeben. Das Finale – in Oslo! – wird am 29. Mai ausgetragen, das ist der Sonnabend nach Pfingsten, das erste Semifinale steigt am 25. Mai, das zweite am 27. Mai. Die Kollision mit dem Champions League-Finale im Fußball am 22. Mai ist somit keine mehr. Der Mai in Norwegen, soviel lässt sich sagen, ist an dessen Ende immer besser. Ende April liegt ja gern auf dem Holmenkollen, dem Hausberg der norwegischen Hauptstadt,  noch ein Meter Schnee. Für ein Frühlingsfest der europäischen Popmusik wie den ESC wäre das definitiv unpassend.

Christensen macht sich Luft!

27. Mai 2009

Das war schon sehr cool, was Alex Christensen unmittelbar nach dem Moskauer Finale in die Kameras der ARD-Grand-Prix-Party sagte: Dass er dem Norweger den Sieg gönne – und selbst nicht sonderlich enttäuscht schien über den 20. Platz, auf dem er und Oscar Loya endeten. Und es scheint doch nur eine heiter drapierte Schockreaktion gewesen zu sein. In den Lübecker Nachrichten teilte er mit: “Mit dem schlechten Abschneiden habe ich nicht gerechnet.” Denn, allgemeiner gesprochen, es sei doch klar: “Uns Deutsche kann niemand leiden.” Es sei “ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn man als Künstler im Ausland Erfolg haben will, darf man nicht die deutsche Flagge rauskehren.”

 

In diesen Statement steckt mehr bitter gestimmte Enttäuschung als ein Kern von Realismus: Von europäischer Aversion gegen Deutschland als solchem kann irgendwie keine Rede sein. Guildo Horn, Michelle, Stefan Raab, Max Mutze, einst Mary Roos, Katja Ebstein, die Siegeltruppe mit Lena Valaitis, Nicole und Dschinghis Khan – sie alle landeten unter den Top 10 des ESC. Und sie hätten, betrachtet man die Acts, die jeweils vor ihnen lagen, nicht besser abgeschnitten, wären sie, mal so spekuliert, für Dänemark, die Schweiz oder Belgien an den Start gegangen. Was Christensen möglicherweise übersieht, ist, dass in Moskau allzu offen sexualisierte Acts keine Chance hatten. Gefragt waren Auftritte, die als echt und authentisch inszeniert waren und irgendwie mit dieser Aura auch für glaubwürdig gehalten wurden.

Die Kritik an “Miss Kiss Kiss Bang” ärgere ihn ebenfalls – und in diesem Zusammenhang die mangelnde Rückendeckung durch den NDR. Soweit ich das einsehen kann, ist das eine fehlerhafte Beurteilung. In Interviews mit Thomas Schreiber und Manfred Witt, in den Engagements, die in der Countdown-Show vor dem und der Grand-Prix-Party nach dem Finale lagen, mangelnden Support zu entdecken, ist nur erklärlich mit der persönlichen Kränkung, als extrem erfolgreicher Produzent von zeitgenössischer Unterhaltungsmusik nicht den wichtigsten Nerv des Publikums zwischen Ural und Atlantik getroffen zu haben.

Er darf sich trösten, dass sein Lied in den Downloadcharts, beispielsweise in Großbritannien, ziemlich gut rangiert. Und: In der Tageszeitung “Die Welt” hat mein Kollege Richard Herzinger über ihn und – vor allem – Dita von Teese eine nachgerade begeisternde Hymne auf den Mut zur erotischen Transzendenz der “Miss Kiss Kiss Bang” verfasst. Ein vielleicht nicht von allen geteiltes Urteil, aber immerhin mal eine Stimme, die vom üblichen Gezeter (recherchefrei, klischeegesättigt, extrakompatibel mit allen Stammtischen bildungsbürgerlicher Provenienz) abweicht.

In Sachen Nachwehen zu Moskau lässt sich noch zufrieden im Sinne guter Chronistenpflicht mtiteilen, dass vor allem Alexander Rybak ein unruhiges Leben aktuell hat. Beinahe überall steht sein Song in den Charts ganz weit oben, ebenso die Isländerin Yohanna, auch die Aserbaidschaner, die Ukrainerin und der Däne haben nix zu meckern: Sie werden europäisch wahrgenommen – was der Theorie entspricht, dass, wenn die westlichen Länder sich Mühe geben, sie sowohl im Hinblick auf die Punkteausschüttung als auch später in den realen Charts heftig mitmischen. Es ist ein wenig wie früher: Der ESC als Popmarkt, als trendscoutendes Unterfangen, als Bühne, die es lohnt, ausprobiert zu werden. Dass da einer wie Alex Christensen auf der Strecke blieb, ist schade.

Er hat angekündigt, unter wie auch immer anderen Bedingungen wieder mitmachen zu wollen. Das klingt gut. Dass einer wie er mal seinen Frust abladen wollte, war doch klar. Dass die öffentlich-rechtlichen Radiostationen seinen Titel fast boykottierten, ist doch auch echt misslich, wie auch Thomas Schreiber heftig im Interview auf unseren Seiten monierte. Warum nur sitzen bei den meisten Popwellen Redakteure, die auf den ESC nur mit Widerwillen reagieren. Mögen die ihren Job nicht, das Publikum mit moderner Popmusik zu versorgen?

55. ESC ohne Raab

25. Mai 2009

Dass die Vorentscheidung für den 55. ESC ohne die Allianz mit Stefan Raab (“Bundesvision Song Contest”, BSC) über die ARD-Bühne gehen soll, ist nun offiziell. In einem Interview mit dem Spiegel hat Raab gesagt, die ARD habe sich, so dürfen seine Worte gebündelt werden, in ihrer Entscheidungsfindung verzettelt. So ineffizient zu arbeiten, so ließ sich der dreimalige ESC-Teilnehmer (1998 als Produzent und Dirigent von Guildo Horn, 2000 auf der Bühne selbst, 2004 als Macher und Gitarrist von Max Mutzke) vernehmen, sei nicht die Art, mit der bei seinem Sender gewirkt werde.

 

Dass der NDR das bedauert, versteht sich von allein – er hatte immerhin die Initiative für diese Allianz ergriffen. Das Kalkül: Raab und seinem BSC sei für das nächste Jahr tatsächlich ein Act für Norwegen herauszusuchen möglich, wie es der ARD allein nicht gelingen kann. Denn die Musikwirtschaft schickt ihre wichtigsten zeitgenössischen Sänger und Sängerinnen wie Bands nicht zum ESC, sondern lieber zum BSC, des größeren Promotionsgehalts wegen.

Ich bedaure das. Ein Mann wie Peter Fox, Gewinner des BSC dieses Jahr, hätte beim ESC mit seinem “Haus am See” eine gute Chance. Oder auch andere, alle aus den Newcomerstuben der Branche, aus den Fohlenställen – aber mit Gewächsen, die hungrig sind und alle Chancen der Welt, mindestens in Europa haben und wollen.

Schade ist es auch deshalb, weil die ARD ja nicht umsonst behaupten will, dass sie die erste Reihe der TV-Landschaft verkörpere. Aber im Entertainmentbereich – den ESC sahen dieses Jahr europaweit die Rekordmenge von 122 Millionen Zuschauern – ist die ARD leider eher eine Senderkette, in der ich selbst als Mann des Jahrgangs 1957 das Babysegment abgebe. Ob, wie er nun herauströtete, Dieter Bohlen ein Ersatzhelfer sein kann, ist schwer zu entscheiden. Der Mann hat drei Mal an der Eurovision teilgenommen, er hat niemals gut abgeschnitten. Seine Acts wirken, siehe DSDS, kalt und kalkuliert – was allein schon der Unterschied zu Raab und den Seinen umreißt.

Möglicherweise kann es doch noch eine Kooperation geben. Es sind, bis zu konkreten Sendeplänen, noch einige Monate hin. Vielleicht lassen sich die IntendantInnen auch noch hinreißen und wünschen sich gemeinsam eine Kooperation mit Raab: Ein günstigeres Entree in die Herzen jugendlicher und junger Zuschauer aller Schichten kann es doch echt nicht geben!