Viel zu grelle Lichter auf einen tragischen Fall?
14. April 20091. Dass die No-Angels-Sängerin Nadja von der Polizei in Frankfurt am Main festgenommen wurde, erstaunt ohnehin. Was soll dieser Teil der relaunchten Keine-Engel-Formation schon Kriminelles gemacht haben? Den Finanzcrash mitverursacht?, eine Bank gestürmt?, ihr Kind misshandelt? Nein, sie wurde festgenommen und in Untersuchungshaft verfrachtet, weil sie, so die Staatsanwaltschaft Darmstadt, in den Jahren 2004 und 2006 kondomlosen (“ungeschützten”) Sex gehabt haben soll.

2. Fest steht, dass die Popchanteuse mit dieser Meldung für alle Zeiten mit einem sozial und künstlerische ruinierten Ruf herumlaufen muss. Denn nachgerade alle Medien, die auf Grelles abonniert sind, werden dieses jetzt herauströten: Nadja von den No Angels verhaftet wegen ungeschützten Sexes. Und in diesem bei Erwähnung des Wortes Aids furchterregend prüden Lande heißt das: Im Zusammenhang mit dem Sexuellen wird die Sängerin besonders stigmatisiert.
3. Dabei ist der bekannt gewordene Grund ihrer Verhaftung schon fragwürdig genug. Ist es nicht – auch rechtlich gesehen – noch immer die Pflicht jedes Einzelnen, sich nicht nur gegen unerwünschte Schwangerschaften (Vater- wie Mutterschaften) zu verwahren, sondern auch gegen unerwünschte Infektionen und Geschlechtskrankheiten, beispielsweise mit dem HI-Virus?
4. Ist es nicht weithin bekannt – und nicht nur in der Schwulenszene – , dass ein jeder sich selbstverantwortlich zu schützen hat? Und hieße das nicht für den Fall der Nadja, dass sie – falls sie überhaupt über ihre HIV-Infektion gewusst haben sollte – sich auf die Selbstverantwortung ihrer Sexpartner hat verlassen müssen?
5. Vor vier Jahren wollten Politiker alle HIV-Infizierten vor den Kadi bringen, die ihre Sexpartner nicht über ihre Infektion ins Bild setzten. Aus gutem Grund ist dieser Vorschlag nie zum Gesetz geworden. Denn das würde in der Praxis bedeuten, dass immer weniger Menschen sich testen lassen – denn wer nicht weiß, dass er oder sie positiv ist, kann auch bei ungeschütztem Verkehr nicht angeklagt werden. Derjenige gälte als nicht-infiziert und müsste auch nicht seine Geschlechtspartner informieren, weder moralisch noch überhaupt. Aber ein möglicher positiver Test bedeutet, dass einer oder eine sich medikamentös behandeln lassen kann – und dies wiederum würde die Infektiosität der Infizierten entscheidend senken.
6. Wer will, dass HIV-Infizierte nicht infektiös sind, muss daran interessiert sein, dass überhaupt die Betreffenden von ihrer Infektion Kenntnis haben. Wenn diese Kenntnis aber dazu führt, dass man fürchtet, möglicherweise bei ungeschütztem Sex verhaftet zu werden, wird man sich nicht testen lassen.
7. Nadja ist nun einem grotesken Medieninteresse ausgesetzt. Sie ist es nur deshalb, weil sie eine Sängerin ist, der man – zumal im leichtbekleideten No-Angels-Zusammenhang – sexuelle Leichtlebigkeit unterstellt. Ihr Anwalt hält die Umstände der Inhaftierung für rechtswidrig. Seine Mandantin sei keine Person der Zeitgeschichte, und es handele sich auch nicht um eine spektakuläre Straftat. Das Erste scheint mir halbwahr, denn sie ist als No-Angels-Mitglied ein Promi, und eine Aidsinfektion ist für den Betreffenden sehr wohl spektakulär. In Wahrheit wollte der Advokat wohl sagen, dass die junge Frau einem Feuer an lüsternen Vermutungen und schlüpfrigen Unterstellungen ausgesetzt sein wird.
8. Das ist eine berechtigte Empörung – und ich bedaure das öffentliche Interesse an dem vermuteten Delikt sehr. Hinter den von der Staatsanwaltschaft Darmstadt unterstellten Taten stecken aller Vermutung nach Tragödien der beziehungshaftesten Art.
9. Der Haftbefehl lautet auf gefährliche Körperverletzung. Darauf stehen Haftstraßen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.
10. Das ist alles in allem, auch im Sinne einer klugen, antiepidemischen Aidspolitik, die auf Aufklärung, Prävention und medizinische Versorgung setzt, ein Horrorszenarium und ein Alptraum in einem.


Aktuell sieht die Lage so aus: Russland, Serbien, Armenien und Schweden liegen bei allen Wettbüros im Vereinigten Königreich vorne. Immer wieder Russland, der Mann, der schon mal Zweiter wurde – und möglicherweise den gefälligsten Pop abliefern wird am 24. Mai, falls er ins Finale kommt. Damit ist aber zu rechnen, denn das Gefällige plus jungmännerhafte Ausstrahlung darf auf das Finale hoffen. Doch zur Erinnerung: Kein Wettbüro hatte 2001 die 
Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.