Eine Zwischenbilanz

5. März 2012

Ein paar Tage nach der Bekanntgabe der BBC, Engelbert Humperdinck erfolgreich aus dem ohnehin rührigen Ruhestand gebeten zu haben, ist es Zeit für ein Fazit, da inzwischen fast zwei Drittel aller Baku-Songs bekannt sind.

So viel lässt sich über das Outing der BBC, wen sie da aufgrund von akuter Ratlosigkeit über ein geeignetes Vorentscheidungsverfahren aus dem Hut gezaubert hat, sagen: Es herrscht eine irritierende Begeisterung. Einer schrieb mir, Axel aus Düsseldorf: “Ich bin, muss ich sagen, angenehm geschockt.” Und Steffi aus Berlin suchte sich gleich einen Reim auf das Geschehen zu machen – die Renaissance der Alten und Abgerüsteten. Sie fragte, womöglich nur rhetorisch: “Greift das Altersphänomen auch schon nach UK? Rehagel, Gauck, Humperdinck – who’s next?” Vor sehr vielen Jahren gab es im Fernsehen die Sage vom “Bellheim”, gedreht von Dieter Wedel mit Mario Adorf. Schon dieses Stück handelte von Alten, die ein von jungen Managern zum Schlingern gebrachtes Kaufhaus wieder in Schwung bringen – ein Märchen, so hieß es.

Nun kommt in die gern abfällig als Nachwuchsshow bezeichnete Grand Prix Eurovision-Chose der Geist des Guten – weil Alten. Ich schätze: Ehe wir auch nur einen Ton des Liedes von Engelbert hören werden, wird sich Lys Assia öffentlich schwerst ärgern, dass sie es nicht zum Titel der allerältesten Teilnehmerin aller Zeit schaffen wird.

Aber wie sehen wir die anderen – vor dem Wochenende, da Schweden sein Melodifestival abschließen wird? Und Griechenland noch nicht gewählt hat, ebenso wenig Russland, Belgien oder Portugal?

Ich habe am Wochenende einen sogenannten Hausfrauentest durchgeführt, also jenes Verfahren, bei dem man sich nicht jedes Lied dreißig Mal anhört – schön hört! -, um dann zu Prognosen zu kommen. Nein, ich kannte die meisten Lieder nur vom flüchtigen Zuhören. Jetzt aber: 26 Lieder mit je 30 Sekunden.

Auffällig ist, dass viele wieder die schnellen, hektischen, nervösen Nummern bevorzugen, etwa Norwegen, Georgien, auch Israel und die Türkei. Letztere immerhin klingt orientalisch-fremd, was günstig sein kann. Dieser Sänger ragt deutlich über alle hinaus, sehr exotisch, dieser Can Bonomo. Spaniens Pastora Soler ist von klassischem Schneidemuster, eher sachte im Tempo, infernalisch gut ihre Stimme – und toll der Schluss. Hat was von der guten alten hispanischen Divenschule wie Paloma San Basilio.

Am auffälligsten aber fräste sich die Niederländerin Joan Franka in mein Ohr, die neulich beim Sieg in ihrem Land durch ein Indianerkostüm auffiel – was zunächst von der Güte ihres Lieds ablenkte. Güte?, werden jetzt manche fragen. Ist das nicht zu simpel? Ich finde, es ist so simpel und gut, so auf das Beiläufigste intensiv wie einst die Olsen Brothers. Immer unterschätzt, die Wochen vorher – und dann doch ziemlich oben, nicht wahr?

Wir erinnern uns: Bei der Jury lag diese Holländerin nur auf dem dritten Platz, ehe sie durch das Televoting, das sie haushoch für sich entschied, noch zum Sieg kam. Sie sollte man wetten, noch stehen die Quoten prima, niemand hat sie so recht auf dem Zettel.

P.S.: Dass Finnland und Estland eher altmodische Lieder nach Aserbaidschan schicken, bestärkt mich in meiner These: Das Unübliche, das Unkonventionelle hat bei allen Vorentscheidungen eine Chance, wenn es gut dargereicht wird. In beiden Fällen: So war es!

Wir trauern mit Norwegen

27. Juli 2011

Es ist unfassbar und nicht in Worte zu fassen, das, was am vergangenen Freitag in Norwegen geschehen ist. Norwegen, ein Land das sich selbstverständlich als multikulturell verstand, wurde in seinen Grundfesten erschüttert.

Ohne die Idee des ESC instrumentalisieren zu wollen, aber: Das, was der mörderische Attentäter zu zerstören beabsichtigt, jene, die er umbrachte, standen auch für ein modernes Europa, das sich nicht monokulturell oder nationalkulturell verstehen will, sondern als lebendige Mischung aus Einflüssen, vor allem kultureller Art.

Dafür, mit anderen Worten, steht auch der ESC. Dass Norwegen dieses Jahr durch eine Bürgerin afrikanischer Herkunft repräsentiert wurde, ist hierfür bezeichnend. Stella Mwangi wurde in ihrer Heimat haushoch zur Kandidatin für Düsseldorf gekürt – dass das möglich war und ist, verstehen wir als gutes Zeichen.

In der Süddeutschen Zeitung findet sich ein Text, der sich einmal mehr des 1516 Seiten starken “Bekennerschreibers” des Attentäters annimmt. So lesen wir: “In den 1516 Seiten finden sich auch Schilderungen, wie er (der Attentäter Breivik, JaF) am 14. Mai den Eurovision Song Contest verfolgt: ‘I just love Eurovision…!:-)’. Der Wettbewerb, der dieses Jahr in Düsseldorf stattfindet, biete zwar “eine Menge Scheißmusik, aber alles in allem ist es eine gute Show.”

Weiter heißt es in dem Text, dass er sich ein gutes Abschneiden Norwegens nicht wünscht. Für die Skandinavier singt Stella Nyambura Mwangi. Sie wurde in Kenia geboren und kam 1991, noch als Kind mit ihrer Familie nach Norwegen. Breivik schreibt enttäuscht: “Mein Land schickt wie immer einen beschissenen, politisch korrekten Teilnehmer.’ Der Beitrag (in der Interneterklärung, JaF) endet mit dem Satz: ‘In any case, I hope Germany wins.’”

Breivik, der in Einträgen auf norwegischen Blogs wahlweise als “Monster” oder “Zombie” bezeichnet wird, äußert freilich ein Unbehagen, das viele der traditionell orientierten Europäer mit ihm teilen – und damit will ich nicht sagen, dass diese insgeheim die gleichen mörderischen Phantasien (gar Taten) wie der Attentäter hegen. Nur: In vielen Statements gerade zu Stella Mwangi las man, nicht nur in Norwegen, auch bei uns, viel Schmäh, die sich stets um das Gleiche dreht: So eine könne doch nicht ihr Land repräsentieren, denn Afrika sei ja nicht dabei.

Nun, es sind oft die Gleichen, die in dieser Hinsicht meckern, mosern oder gar giften, welche beim ESC den guten alten Schlager vermissen. Und manche argumentieren, Entertainerinnen wie Mwangi oder Dave Benton (neben Tanel Padar Teil der estnischen Sieger 2001, aus Aruba stammend) verwässerten die nationalen Kulturen und machten den ESC zum Einerlei.

Ich würde sagen: Das ist gerade der Irrtum. Europas kulturelle Einflüsse haben sich niemals, zu keinem Zeitpunkt, an sich herauskristallisiert – sie waren immer Mixturen aus Nebenflüssen diversester Art. Der ESC bringt dieses feine Kuddelmuddel Jahr für Jahr zusammen: Wer gewinnen will, wenigstens nicht letzter werden möchte, muss sich aus Stilen bedienen, die in anderen Ländern verstanden werden. Man muss, um zu gefallen, verführen. Das gilt für das richtige Leben, das trifft ebenso auf den ESC zu. Ein Popfestival als Wettbewerb, der in sich prinzipiell die Idee der Vermischung trägt.

Das hat mir immer gefallen – und das ist genau das, was Attentäter wie diesen selbstgewiss mörderischen Norweger so gefährlich macht. Sie glauben an eine kulturelle Wahrheit, sie sind gegen Multikulti – und im Falle des Attentäters missfiel ihm die Kandidatin des eigenen Landes, die sehr deutlich die nationale Vorentscheidung gewinnen konnte.

Der kaltblütige Amoklauf vom Wochenende war auch ein Angriff gegen ein multikulturelles Europa. Wir trauern mit den Opfern.

Kann ein Koffer helfen?

11. Juli 2011

Es tröpfeln momentan nur wenige Nachrichten aus der Welt des Eurovision Song Contest – es ist ja überall irgendwie Sommer -, aber so viel steht fest: Zum nächsten Jahr in Aserbaidschan haben schon anderthalb Dutzend Länder zugesagt. Und einige haben schon erste Skizzen ihrer Vorentscheidungsmühen öffentlich unterbreitet.

Schweden wird künftig von Christer Björkman produziert – er ist der starke Mann beim Sender SVT für dieses Programmformat. Man darf seinen neuen Job als Belohnung für Eric Saades dritten Platz werten. Norwegen hat auch schon erste Linien seines Engagements für Baku bekannt gegeben.

Der niederländiche Fernsehsender TROS hat einen ESC-Koffer aufgestellt. Foto: TROS.

Am originellsten fand ich aber das, was aus den Niederlanden zu hören ist. Dieses Land ist ja insgesamt in den vergangenen Jahren von einem zum nächsten Alptraum geschüttelt worden – auch die holländische Band, die es in Düsseldorf probierte, musste im eigenen Land schön gehört werden, ehe man daran glaubte, es bis ins Finale zu schaffen. Nix da!

Man hat so vieles probiert: Glamourdisco, Heterojungshalbrock, Perkussionsorgien … aber nie nützte etwas, immer wurde das einst doch ziemlich erfolgreiche ESC-Land als viel zu fadenscheinig ambitioniert zurückgewiesen.

Der Sender TROS gab nun bekannt, für die nächsten drei Monate auf seinem Sendergelände in Hilversum einen Riesenkoffer geöffnet zu halten – am 30. September wird er geschlossen. Hineinpacken darf man alles, was für einen Act in “Bakoe” (niederländisch für Baku) wichtig ist. Texte, Kompositionen, eigene Liedbeiträge … also eine Mixtur aus allem. Dort soll landen, was ein jeder an Kreativität einzubringen hat.

Klingt das wie eine Notlösung? Eine Mobilisierung, die auf Sammelsurisches verweist? Oder ist es eine phantasievolle Geste, auf die das Publikum nur gewartet haben mag?

Ich finde die Idee prima. Der Sender lernt kennen, was dem Volk auf den Herzen liegt. So heißt es nicht: “Alles Walzer!”, wie bei irgendeinem Opernball, sondern “Alles Eurovisie!”. Sehr gefällig, sehr verzweifelt. Aber wie wir bei dieser Fußball-WM der Frauen erleben konnten, erwächst, wie am Wochenende durch die Amerikanerinnen, aus verzweifelten Angriffen hin und wieder ein Treffer.

TROS will es wissen. Ich finde, wir sollten diesem Verfahren mit gebotener Neugier Respekt zollen!

Skandinavischer Block?

12. April 2010

Kümmern wir uns heute um Skandinavien. Dieser nördliche Teil, der Finnland außer Acht lässt, weil es sich selbst zu diesem politgeographischen Block nicht gezählt wissen will, hat in der ESC-Geschichte einen berüchtigten Ruf. Im Sinne Konrad Adenauers gesprochen: Man kennt sisch, man hilft sisch. In den trüben Sechzigern bekamen Skandinavier oft nur Punkte von ihren Nachbarn.

Seit zwei Jahren sind jeweils Island, Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland ins Finale gelangt. Ob es dieses Jahr auch dazu kommt, ist nicht ganz so eindeutig.

Der Norweger steht ohnehin bereits in der Endrunde. Didrik Solli-Tangen ist ein idealer Interpret von soundkräftigen Musicals. Er ist der Schnulzier dieses Jahr, er gilt in seiner Heimat als Erbe Alexander Rybaks. Wuchtig und schwer ist sein Lied (Video), sentimental und kitschig, wie es sich für eine Ballade gehört. Er wird allerdings nicht gewinnen – dieses Saccharin tropft doch zu stark ins Gemüt. Ein Zuckerschock in drei Minuten!

Das dänische Mann-Frau-Duo hingegen, Chanée & N’evergreen, die als Außenseiter die Vorentscheidung in Alborg gewinnen konnten, verkörpern die Klassik des modernen ESC: ein Lied mit bewegendem Refrain (Video), dessen letzter zu einer hymnischen Rückung sich emporschwingt; zwei Interpreten, die gesanglich stehen, was sie zu singen beabsichtigen; außerdem werden sie sich wieder in einen gigantischen Windstrom stellen. Ich schätze, die kommen nicht nur ins Finale, sondern dortselbst auch in die Top 5.

Islands Hera Björk ist der Liebling homosexueller ESC-Fans. Sie ist klein, knuddelig, munter, eine Stimmungskanone – eine Freundin, mit der man gern um die Häuser zieht. Ihr Lied fängt bedachtsam an, um in klassischen Eurodancepop zu münden (Video). Sie kommt natürlich ins Finale, auch wenn sie im ersten Halbfinale auf keine skandinavische Punktesolidarität bauen darf; Dänemark und Schweden sind nämlich im zweiten Semifinale am Start.

Anna Bergendahl aus Schweden repräsentiert eine ehemalige Großmacht des ESC. Aber in den vergangenen Jahren, aller Popularität der Vorentscheidung namens Melodifestivalen zum Trotz, hat das Land Abbas eher geröchelt und gestottert als dass es ernsthaft versucht hätte, Europa ein verführerisches Angebot zu machen. Die Bergendahl muss bangen, ins Finale zu kommen – ihr Lied leidet ein wenig an schwerfälliger Wiedererkennbarkeit (Video). Es ist nett und niedlich, aber kein Song, der einen sagen lässt: Mann, die verdient jetzt einen Anruf! Eher denkt man: Es war einmal ein Land, das instinktiv ahnte, was Europa gern hat – und dieses Talent nun heftig eingebüßt hat.

Ich würde sagen: Skandinavien wird dieses Jahr nicht im Block im Finale stehen.

In der nächsten Folge: die mediterranen Acts.

P.S.: Eine Anmerkung in eigener Sache sei mir vorweg gestattet: Es erschließt sich mir so gar nicht, warum manche Forumsteilnehmende, die meine Wahrnehmung nicht teilen, so beleidigend werden. Ich muss mal fragen: Hilft das, die innere Charakterbildung zu festigen? Nützt das wem sonst? Wie wäre es mit einer Diskussion unterschiedlicher Meinungen und Ansichten ohne persönliche Beleidigungen der Diskutanten?

55. ESC ohne Raab

25. Mai 2009

Dass die Vorentscheidung für den 55. ESC ohne die Allianz mit Stefan Raab (“Bundesvision Song Contest”, BSC) über die ARD-Bühne gehen soll, ist nun offiziell. In einem Interview mit dem Spiegel hat Raab gesagt, die ARD habe sich, so dürfen seine Worte gebündelt werden, in ihrer Entscheidungsfindung verzettelt. So ineffizient zu arbeiten, so ließ sich der dreimalige ESC-Teilnehmer (1998 als Produzent und Dirigent von Guildo Horn, 2000 auf der Bühne selbst, 2004 als Macher und Gitarrist von Max Mutzke) vernehmen, sei nicht die Art, mit der bei seinem Sender gewirkt werde.

 

Dass der NDR das bedauert, versteht sich von allein – er hatte immerhin die Initiative für diese Allianz ergriffen. Das Kalkül: Raab und seinem BSC sei für das nächste Jahr tatsächlich ein Act für Norwegen herauszusuchen möglich, wie es der ARD allein nicht gelingen kann. Denn die Musikwirtschaft schickt ihre wichtigsten zeitgenössischen Sänger und Sängerinnen wie Bands nicht zum ESC, sondern lieber zum BSC, des größeren Promotionsgehalts wegen.

Ich bedaure das. Ein Mann wie Peter Fox, Gewinner des BSC dieses Jahr, hätte beim ESC mit seinem “Haus am See” eine gute Chance. Oder auch andere, alle aus den Newcomerstuben der Branche, aus den Fohlenställen – aber mit Gewächsen, die hungrig sind und alle Chancen der Welt, mindestens in Europa haben und wollen.

Schade ist es auch deshalb, weil die ARD ja nicht umsonst behaupten will, dass sie die erste Reihe der TV-Landschaft verkörpere. Aber im Entertainmentbereich – den ESC sahen dieses Jahr europaweit die Rekordmenge von 122 Millionen Zuschauern – ist die ARD leider eher eine Senderkette, in der ich selbst als Mann des Jahrgangs 1957 das Babysegment abgebe. Ob, wie er nun herauströtete, Dieter Bohlen ein Ersatzhelfer sein kann, ist schwer zu entscheiden. Der Mann hat drei Mal an der Eurovision teilgenommen, er hat niemals gut abgeschnitten. Seine Acts wirken, siehe DSDS, kalt und kalkuliert – was allein schon der Unterschied zu Raab und den Seinen umreißt.

Möglicherweise kann es doch noch eine Kooperation geben. Es sind, bis zu konkreten Sendeplänen, noch einige Monate hin. Vielleicht lassen sich die IntendantInnen auch noch hinreißen und wünschen sich gemeinsam eine Kooperation mit Raab: Ein günstigeres Entree in die Herzen jugendlicher und junger Zuschauer aller Schichten kann es doch echt nicht geben!

Das Generalsekretariat klärt auf?

20. Mai 2009

Die Reference Group des ESC und ihr Generalsekretär Svante Stockselius – das ist der Mann, der unmittelbar vor den Votings in der Übertragung eingeblendet wurde – haben ausgeschlafen und auf unsere Fragen geantwortet.

 

1. Welche Folgen wird es – wenn überhaupt – für Spanien haben, dass es gegen die Regeln das zweite Halbfinale nicht übertrug und nur ein Juryvotum durchgab? Auf der nächsten Sitzung, so übermittelte Stockselius in einer Mail, der Reference Group. Der Termin stehe nicht fest, aber er werde bis Juni stattfinden.

2. Kann er erklären, weshalb Norwegen als letztes Land seine Wertung durchgab – gegen die ausgeloste Reihenfolge, derzufolge Norwegen gleich nach der Schweiz dran gewesen wäre, als 17. Land vor Bulgarien? Stockselius nüchtern: Da gab es technische Probleme. Welche, wollte er nicht mitteilen. Ein Geschmäckle haben diese echten oder vermeintlichen technischen Probleme aber dennoch. Es könnte ja sein, dass das Telefonnetz überlastet war – aber das würde man eher als Problem in Moldawien vermuten, doch nicht im High-Tech-Norwegen, wo die Verbreitungsrate von Handys mit allem Schnickschnack 100 Prozent beträgt. Ein Geschmäckle deshalb, weil die karge Antwort von Stockselius die Vermutung nährt, dass Norwegen als Gewinnerland quasi das letzte Wort haben sollte. Denn: Das Resultat wusste Stockselius bereits eine Minute nach dem Schließen der Televotingleitungen. Die Show der Wertung, das Herzstück dieses Events, ist eine pure Inszenierung. Nicht die Punktzahlen, aber anders als früher wissen die Schiedsgewaltigen am Veranstaltungsort viel früher als das Publikum über die Punkte Bescheid. Und: Obendrein hatten die Jurys ihre Stimmen bereits am Freitagabend nach der zweiten Generalprobe abgeben müssen. Wir werden es im nächsten Jahr sehen: Wer in der ausgelosten Wertungsreihenfolge ausgelassen wird, könnte der Sieger des Abends sein.

P.S. zu diesem Punkt. Für Chronisten soll gesagt sein, dass Norwegens Votum am Ende keine Rolle mehr spielte. Mit der estnischen Wertung, der 31. von 42, war für die anderen Länder das ohnehin nur noch theoretische Spiel um ein offenes Rennen mit Norwegen vorbei. Da Aserbaidschan schon aus dem nördlichsten baltischen Land nur sieben Punkte erhielt, war der Vorsprung für Alexander Rybak uneinholbar geworden. So sehr hatte selbst Nicole 1982 nicht gewonnen, auch nicht die Iren Paul Harrington & Charlie McGettigan 1994.

3. Werden denn bald die Jurywertungen veröffentlicht, so die nächste Frage an den Generalsekretär. Stockselius, Europäer aus Schweden durch und durch, bestätigte die Möglichkeit. Jedes Land könne selbst entscheiden, ob es das wolle. Wäre das für Fans in den 42 Ländern eine gute Möglichkeit, die eigenen Sender auf ihre Fähigkeit zur Transparenz hin zu befragen? Die Wertung aller Jurys jedenfalls sind nun bekannt. Norwegen lag da ebenso vorne, Island auf dem zweiten Rang, aber die Britin wurde Dritte, Patricia Kaas Vierte, Estland wurde Fünfter, Dänemark Sechster und die Türkei Siebter. Sakis Rouvas war hauptsächlich beim Publikum gelitten, bei den Jurys landete er auf dem zehnten Rang. Und Deutschland? Wäre nicht 20. geworden, sondern mit 73 Punkten auf dem 14. Platz gelandet.

4. Ebenfalls wird sich die Reference Group, so bestätigte es Stockselius, mit einem Skandal beschäftigen. Der trug sich in Aserbaidschan zu – und dass wir von ihm wissen können, liegt an der tagesschau.de-Kollegin Silvia Stöber, die hat ihn uns erzählt. Dass nämlich der Blogger Onnik Krikorian via Twitter und Mail am Samstag während des Finales davon Kunde bekam, Aserbaidschan habe während des armenischen Beitrags Störsignale über den Sender geschickt. Auch seien die Telefonnummern, mit denen Aserbaidschaner für den armenischen Act hätten abstimmen können, gesperrt gewesen. Später, während der Abstimmung, habe das aserbaidschanische Fernsehen in Baku den halben Bildschirm verdunkelt, um das – gute – Resultat Armeniens nicht zur Kenntnis geben zu müssen.

 

Zum Hintergrund: Beide Länder, das eine wie das andere aus der Sowjetunion hervorgegangen und heute nur dem Namen nach Demokratien, streiten sich um die in Aserbaidschan gelegene Gegend Berg-Karabach. Sie hat sich für unabhängig erklärt, wird aber von niemanden anerkannt, nicht einmal von Armenien. Die Menschen in Karabach verstehen sich als Bergarmenier und sprechen Armenisch. Ein Krieg um das Gebiet Anfang der neunziger Jahre wurde lediglich von einem brüchigen Waffenstillstand abgelöst. Das Thema Karabach ist für die aserbaidschane Nomenklatur ein äußerst sensibles Thema – dennoch hat Armeniens Punktemitteilerin während der Wertungszeremonie plötzlich einen Zettel hochgehoben – man kann es auf Videos deutlich sehen. Auf dem seltsamen Bild ist eine Skulptur zu sehen, die in Stepanakert, der Haupstadt Berg-Karabachs, steht. Die “Tatik & Papik” – Großmutter und Großvater – genannte Figur gilt als Symbol der Unabhängigkeit der Karabach-Armenier.
Aserbaidschan muss sich provoziert gefühlt haben – und das restliche Europa verstand die Geste zunächst nicht. Punkte? Aus Aserbaidsdchan gab es nix für Armenien, von den Armeniern für Aserbaidschan immerhin einen Punkt.

Wie dem auch sei: Ein Land unkenntlich zu machen, ist allen Staaten verboten. Die Türkei musste in den Siebzigern lernen, Griechenlands Songs nicht auszublenden, und der Libanon wollte vor einigen Jahren teilnehmen, aber nur unter der Bedingung, dass man nicht Israels Lied zeigen müsse. Die Eurovision lehnte ab. Ob Aserbaidschan nun eine Sanktion verpasst bekommt, ob Armenien für die unfeine Geste gen Aserbaidschan ebenfalls mehr als nur gerügt wird, wollte Stockselius nicht sagen. Im Juni werde beraten! Wir kommen darauf zurück.

5. Noch ein Nachtrag zur kulturellen Umkämpftheit des Siegers. Russische und weißrussische Medien reklamierten nach Rybaks Sieg den Norweger für sich. Norweger? Nein, weit gefehlt. Sie aberkannten ihm quasi die norwegische Kultur – erkannten in seinem breiten Mund slawische Züge, in seinem Lachen das Lachen des fröhlichen Russen und in dessen Lied ein typisch russisches Lied. Davon abgesehen, dass mich diese kulturellen Zuordnungen angeblich sichtbarer körperlicher Attribute wegen heftig stört: Auf diese Art von Repatriierung muss man erstmal kommen! Davon abgesehen, dass jede kulturelle Identität immer die Gefahr in sich trägt, anderen Kulturen gegenüber totalitär zu sein, ließe sich wenn schon, über Rybak und sein Lied nur dies sagen: Er spricht Norwegisch, er sieht wie ein Norweger aus – wer schon mal da war, weiß das natürlich -, und das Lied, sehr akkurat genommen, erinnert in seiner Tanzhaftigkeit an jüdische Weisen, die in den osteuropäischen Communities der jüdischen Minderheiten gern angestimmt wurden. Es ist Musik, die so gutgelaunt wirkt, weil sie die Niederungen des Alltags zu überwölben sucht. Darüber hinaus klingt “Fairytale” wie eine europäische Hymne, ähnlich wie “Waterloo”, “Diva”, “Congratulations”, “Hallelujah” oder “Fly On The Wings Of Love”. Nur dass Rybaks Liedharmonien an eine verdammt gute norwegische Folkloreschule erinnern. So vermischt sich Europa. Gut so. Am Ende sind Kulturen nur so viel wert, wie sie zu einem Sieg reichen. Norwegen weiss das zu schätzen. Rybak steht, nebenbei, in den Downloadcharts Europas fast überall weit vorne – bei iTunes zum Beispiel. Er scheint ein europäischer Popstar zu werden.

6. Ihre, Eure Reaktion ergewogen, die von Freunden aufgenommen, wird der deutsche Act von Christensen & Loya auch so gesehen: Mag sein, dass sie professionell waren, aber in Moskau wirkten sie so artifiziell und unauthentisch wie kaum ein anderes Lied. Es wärmte nicht, so heißt es, es kam dem neuen Zeitgeist nach Echtheit und Ernsthaftigkeit nicht entgegen, im Gegenteil. Die Ästhetik von Las Vegas ist out, in ist in diesem Sinne eine, die auf unironische Unmittelbarkeit setzt. Man muss diese Beobachtungen ernsthaft erwägen – sie zeigen, was im nächsten Jahr nicht der Fall sein sollte.

7. Offen ist plötzlich wieder das Datum des ESC 2010. Der ursprünglich anvisierte 22. Mai als Finale ist fraglich, weil das Fußball-Champions-League-Endspiel am gleichen Tag stattfinden soll. Die UEFA – die Eurovision des Fußballs quasi - lässt sein wichtigsten Vereinsfinale erstmals an einem Samstag austragen. Es könnte also der 15. Mai werden oder der 29. Mai – am gleichen Tag, an dem 1999 in Jerusalem das Finale zelebriert wurde.

Der Blick zurück auf Moskau

18. Mai 2009

1. Freunde aus Norwegen wussten von meiner Handynummer. Alle berichteten aus der Nacht der Nächte: Ja, wir haben gewonnen. Und: Hier in Oslo, hier in Röros, hier an der Südküste, hier auf den Lofoten (arschkalt dort) feiern die Leute, als wollten sie Karneval in Rio übertrumpfen.

2. Alexander Rybak aus Norwegen hat zurecht gewonnen. Er bestätigt allen TV-Machern, was man richtig machen muss, um beim Eurovision Song Contest zu gewinnen. Einfach ein mitreißendes Lied zu singen, sich nicht um geschmäcklerische Aspekte zu scheren (ist es ein Chanson?, ein Rap?, ist es politisch wichtig?, ist es kunstvoll arrangiert?), sondern einfach sein Ding zu machen. So wie Marie Myriam, Dana International, Lys Assia, Abba, Nicole, Ruslana und Johnny Logan. Er flirtete mit den Kameras, er ließ sich von Moskau nicht einschüchtern, er, das Migrantenkind aus Weissrussland, war selbstbewusst und deshalb exzellent.

3. Mit Alexander Rybak ist in Norwegen das Thema Migration aufs Neue auf die Agenda gehoben worden. Dieser Sänger, der als Junge die Bobbysocks mit der Haarbürste seiner Mutter nachspielte, der am liebsten 1995 die rare Stimme bei “Nocturne” gegeben hätte, zeigte, was ein Einwandererkind drauf hat. Klasse, nichts als Klasse! Er hat für die Integration der Einwanderer bereits jetzt viel getan. Mit ihm ist Norwegen kein Land der lotrechten Depressionsanfälligkeit mehr.

4. Beim ESC vorne lagen durch die Bank Acts, die mein Freund erkannte als Reigen einer “Anmutung von Unschuld”. Die Isländerin, die Aserbaidschaner, die Britin, auch die legendäre Patricia Kaas – sie verkörperten auf je eigene Art Solitäres. Sie zeigten einem Europa im Selbstgefühl der Wirtschaftskrise (im Gefühl einer mangelnden Identität überhaupt?), wie sehr man darauf vertrauen kann, sich selbst treu zu bleiben. Ein Dima Bilan hätte dieses Jahr nicht gewonnen – er wirkt heute wie ein Relikt aus einer Zeit, als Geld noch jeden Wunsch zu erfüllen schien. Nur nicht den nach Eigenheit. Die in Moskau vorne lagen und mit reichlich Punkten honoriert wurden, bedienten unsere Phantasien nach Authentizität und Echtheit. Auch die schönen Portugiesen, die magischen Israelinnen, die feinen Estinnen.

5. Alexander Rybak, der so einen feinen ländlichen Akzent im Norwegischen spricht. Der bezaubernde Sohn einer selbstbewussten Familie ohne viel Schnickschnack ist kein Feigling. Er, der gebürtige Weißrusse, zeigte sich befremdet über den Milizen- und Polizeihorror beim CSD in Moskau. Er wisse gar nicht, warum man diese Parade hat auflösen lassen – und die Eurovision nicht. Wenn Russland schwule Männer nicht wolle, dann hätte es den ESC nicht veranstalten sollen. Respekt für diese Aussage!

6. Körpersportorientierte Acts, Pseudogefühligkeit, wie sie gerade in deutschen Schlagerkreisen hochgeschätzt werden sind out. Sie waren Teil der neoliberalen Welt, sie verströmen die künstliche Wärme von Zentralheizungen. Sakis Rouvas aus Griechenland und Chiara aus Malta hatten ihren Zenit überschritten, sie mussten hoffnungserbleicht nach Hause fahren. Gut, das!

7. Alex Swings Oscar Sings! waren würdige, gute coole Deutsche in Moskau. So locker, so partybereit, so höflich und zuvorkommen war kein deutscher Act. Sie hatten bloß für dieses Jahr ein guten, aber keinen passenden Act. Der Zauber einer Dita von Teese erschloss sich nicht, weil die Zeiten der offen dargestellten Erotikfähigkeit ebenso passé sind wie dröhnige Nummern wie wir sie mit Ruslana oder Helena Paparizou kennen lernen mussten.

8. Trostpflaster: Ihr 20. Rang ist, gemessen am gewandelten Eurovisionszeitgeist, ein guter. Hätte die Nummer von Ralph Siegel, nun ja, erlitten werden müssen, wären es allenfalls null Punkte gewesen. “Miss Kiss Kiss Bang” hatte Sound, war ein Ohrwurm – und ist es noch. Der Münchner, der in Diensten Montenegros wie vor vier Jahren in Athen mit der Schweiz bitter scheiterte, hätte aus dem Act ein fahles, steriles Pseudoschmuddelmärchen gewirkt. Vielen Dank, es blieb uns erspart. Lang lebe “Miss Kiss Kiss Bang”!

9. Die Einführung der Juries war prinzipiell eine gute Idee, vorbehaltlich weiterer Auswertungen der Punktetableaus. Einen Ost-West-Gegensatz gab es nicht, vielmehr lagen sechs Länder der klassischen ESC-Welt in den Top Ten, vier aus der Ex-Intervision. Doof nur, dass die beiden Jurysonderwertungen mit den Freitickets ins Finale zugunsten von Finnland und Kroatien und zulasten von Mazedonien und Serbien ausfielen. Das war ungerecht!

10. Oslo (oder Lillehammer, Trondheim, Stavanger oder Kristiansand) 2010 also. Der “Harry Potter des ESC” (Alex Christensen) hat das Ding an die atlantische Küste Europas geholt. Ein Fest wird das.

11. Dass die ARD eine hübsche Quote wie einen sehr erhebenden Marktanteil erreichte, spricht für den ESC. Wer ihn schlecht redet, wird sich der Kritik aussetzen müssen, grundsätzlich mit Entertainment ein Problem zu haben. Nach dem ESC ist vor dem ESC.

12. Einmütig sagten Fans, Journalisten, Künstler und Funktionäre: Moskau war okay, aber diese Atmosphäre dort der Militarisierung, der monsterpolizeilichen Überpräsenz – die müsse man so schnell nicht wieder haben. So sehe ich das auch. Ein Land, das protzt und doch kein Gefühl für die liberale Art des Lebens aufbringen möchte. Den Kreml zu sehen, war eine schöne Erfahrung. Norwegen ist, klimatisch gesehen, was Politik und Gesellschaft anbetrifft, eindeutig ein sonnigerer Flecken Erde.

Wetten dass… nicht?

2. April 2009

Der Russe voriges Jahr lag nie ganz vorne, die Serbin 2007 auch nicht und von den Finnen in Athen 2006 ganz zu schweigen: Lordi wurde von der ESC-Wettgemeinschaft glatt übersehen. Und am Ende haben sich alle gewundert, dass die Horrorpuppenrocker gewinnen konnten.

Die finnischen Monsterrocker von Lordi. Foto: dpa

Schaue ich also auf die Polls dieses Jahr, ist alles schon wieder sehr wunderlich. Neuerdings liegt Bosnien & Herzegowina sehr weit vorne, auf Platz 1 ist das exjugoslawische Land gewettet. Dahinter die Schweiz, dann - stetig vorn - Norwegen. Deutschland, im Übrigen, ist auf den 17. Rang gerutscht (wo in den Wetten des Jahres 2001 auch Tanel Padar & Dave Benton aus Estland dümpelten, ehe sie im Parkenstadion zu Kopenhagen recht überzeugend siegten).

Auf den Plätzen vier und fünf der aktuellen Prognosen stehen Estland und Frankreich. Ich interpretiere das so: Einerseits haben sich viele Wetter beteiligt, die auf ihr eigenes Land setzten – die also mehr Hoffnung aufs Spiel setzen als realistische Einsicht in das echte Geschehen am Abend, wenn die Punkte ausgezählt werden. Ich lege mich fest: In Sarajewo wird der ESC nächstes Jahr jedenfalls nicht ausgetragen. Die Schweiz liegt nur vorne, weil die Eidgenossen wahrscheinlich heftig mitgetippt haben und es weiterhin tun.

Estland und Frankreich sind zwei typische Acts, die von Menschen geliebt werden mit Sinn für Dramatik oder eine gewisse Schläfrigkeit. Dass die Türkei (11.) und Griechenland (18.) unter ferner sangen geweissagt werden, ist auch nur ein Zeichen von Realitätsverlust. Beide Länder haben starke Lobbies in anderen Ländern - die landen vorn. Zumal es echte Mediterranpop-Schlager sind, die sie bringen werden.

Andererseits, weiter gedeutet, kennt noch niemand die Formkurven der Kandidaten – und nichts über die Fähigkeit zum Liveauftritt dann, wenn es darauf ankommt. Ich schätze, Dänemark wird weiter vorn als auf Platz 19 landen – ich mag das Lied. Aber was heißt das schon?

Im Finale gegen halb elf

16. März 2009

So rein kaffeesatzlesetechnisch gesehen: Es ist ein gutes Los, das heute unter Aufsicht des Generalsekretariats des ESC gezogen wurde. Alex Swings Oscar Sings! müssen am 16. Mai auf dem 17. Startplatz ins Rennen. Nun ist völlig ungewiss, wer vor und wer nach Deutschland performt, aber aller Erfahrung nach – nicht wahr, auch unserer Erfahrung als ESC-Freunde – ist man noch nicht völlig erschöpft, wenn das 17. Lied kommt, nicht wie bei Startplatz 24., dem vorletzten Act, wenn selbst Hartgesottenste denken: Man, was für ein Gesamtklangbrei!

Dima Bilan

Eine hübsche Pointe ist der Auftakt Montenegros im ersten Halbfinale, nämlich Andrea Demirovic als Sängerin, was aber nicht nur ein Entree ist unter vielen, sondern eines aus der Komponistenfeder Ralph Siegels. Wie man weiß, war der Münchner immer schon ein europäischer Patriot, der in Grand-Prix-Diensten für andere Länder besonders immer dann gerne war, wenn er in Deutschland nicht zum Zuge kam. Was da also vom Balkon kommt, ist purer Siegelklang, eine Mischung aus Lou und six4One. Und das heißt: Das landet womöglich nicht einmal im Finale. Das zweite Halbfinale beginnt ebenfalls mit einem Lied vomn Balkan: Kroatien – ein schleppendes Teil, wie man von Youtube weiß. Norwegen ist gut eingebettet zwischen dem polnischen Fade-Angebot und dem zypriotischen Act, das einmal mehr sich anhört, als käme es aus einer Bouzouki-Dauerfabrik.

Anyway: Die deutsche Jury, die bekannt gemacht wurde, ist an Bord, wird nicht disqualifiziert – und steht für eine Expertise, die nicht auf Dumpfbackenschlager getrimmt ist. Mit andere Worten: Wir dürfen das Fieber im Hinblick auf Moskau ein wenig höher schalten!

Wochen vor der Bescherung!

5. März 2009

Momentan hat man ja ohnehin nicht so recht was um die Ohren: Echte Kenner haben sich an den vergangenen Wochenenden via Eurovisions-TV mit einer Fülle von Vorentscheidungen beschäftigt, und das – manche sagen: skurrilerweise – sogar gern.

Man geht einfach nicht mehr aus, um nichts zu verpassen. Mein Freund Stefan aus Bonn, der vor zwei Jahren die Tragödie durchleben musste, für die Kommunion des eigenen Sohnes ein ESC-Finale zu verpassen, beliefert mich aus offiziellen wie wahrscheinlich auch kruden Quellen. Sein Stolz vor kurzem: “Fünf Minuten nach dem Finale hast du es schon.” Es war Israel, und ich war echt von den Socken. Sowohl von der Pünktlichkeit, wie von dem Umstand, dass das früher alles nicht möglich gewesen wäre. Gute neue Zeiten! Das will ich mal loben. Aber das israelische Lied ist es in Sachen Moskau nicht, weder ein Burner noch ein Abturner, sondern der übliche israelische Friedenskram.

Alexander Rybak 

Ich will natürlich nicht jemanden beleidigen, aber mein Eindruck deckt sich mit dem vieler ESC-Freunde. Die allermeisten haben Norwegen auf dem Zettel, und zwar sehr weit vorn. Ich teile diese Einschätzung. Der als Kind aus Osteuropa nach Norwegen migrierte Sänger ist wirklich bestrickend, und wer jetzt glaubt, ich fände ihn auch äußerlich gut und hätte da Interessen, dem sei gesagt: Irrtum, Marija Serifovic war bei meinen FavoritInnen vor zwei Jahren, aber heiraten hätte ich sie nicht wollen.

So geht es also in den Foren zu: Norwegen, immer wieder Norwegen. “Werden die das in Oslo machen? Oder Stavanger oder mal ganz exotisch in Hammerfest?” Das sind die echten Optimisten, die sich von keiner noch drohenden Wirklichkeit aus der Bahn werfen lassen. Denn der schmale Norweger muss ja erst mal durchs Halbfinale – und ob ihm da die Jurys nicht den Song übel nehmen, weil er sich ein wenig sehr an die russische Klangart anschmeichelt?

In Wahrheit hat der Norweger ebenso wenig schon gewonnen wie all die anderen FavoritInnen, die die Fans so ausriefen. Belgien, all die Kate Ryans, die schon im Halbfinale abschmierten; oder Charlotte Perrelli aus Schweden – ein Mahnmal wider die Plastikchirurgie – ist auch verendet. Nicht zu schweigen von Max Mutzke vor fünf Jahren in Istanbul – ein Debakel auf Platz acht. Favoriten sind solche, die es hinterher nicht werden.

Das gilt auch für Patricia Kaas, die ihren fünften Frühling nun auf der ESC-Bühne ausleben wird. Als sie noch eine frische Berühmtheit war, wäre sie nie zum ESC gegangen, das weiß man doch. Was sie aber nach Moskau bringt, ist ein Chanson, das alte ESC-Chansonfreunde an sehr alte Tage erinnern lässt. Ach, wie schön wäre 2010 ein Tripp nach Paris! Jungs & Mädchen: Das wird nix. Rien ne vas plus! Chanson der altmodischen Seufzersorte, jede Geste ein Drama, jede Handbewegung voller Bedeutung, alle Augenaufschläge aufgeladen mit Geschmack und Hingabe – das alles ist vorbei. Das Alte wird alt genannt, weil es alt ist – und das Junge, weil es neu ist und Neues ist immer interessanter als das Alte, selbst bei den Alten. Ich glaube: Der Norweger hat Lust, am Mikro zu stehen. Er steht in seinem ersten Frühling. Er hat alle Chancen – falls er nicht jetzt schon glaubt, gewonnen zu haben. Sieger in der Prognose sind meist keine echten geworden. Aber er könnte es schaffen: Sicherer jedenfalls als die Konfektionsware aus Griechenland oder der Türkei.