Auffälligkeiten Osloer Art
30. Dezember 2010Ein aus deutscher Sicht wunderbares ESC-Jahr neigt sich dem Ende zu. Zeit für eine Bilanz des Ereignisses in Oslo zu ziehen – mit ein wenig Abstand und vielleicht einigen Lehren für Düsseldorf 2011:
1. Kommentierte ein Freund im Pressezentrum von Baerum, als aus allen Zeltlautsprechern Alexander Rybaks “Fairytale” schepperte: “Das Lied nervt inzwischen genauso wie ‘Wild Dances’. ‘Hard Rock Hallelujah’ ist dagegen ja inzwischen der reine Wohlklang.” Der Überflieger des Jahres 2009 – ein abdankender König. Was hat er in der Osloer ESC-Woche nicht alles unternommen, um ins Gespräch zu kommen. Sogar eine gewisse Verliebtheit in Lena hat er Journalisten zu Protokoll gegeben. Inzwischen gab er bekannt, sich vorstellen zu können, bei der weißrussischen Vorentscheidung rührig zu werden. Ich würde sagen: Das ist die Bankrotterklärung des Jahres – Minsk ist nun wirklich die allerletzte Adresse, die sich zu nennen geziemt.

2. Es war eine bezaubernde Woche in diesem Land, das uns vor 50 Jahren popmusikalisch mit Wencke Myhre mit das beste Geschenk machte. Zweckmäßig die Halle, meistens perfekt im Shuttle-Service, angenehmes Wetter – und vor allem keine polizeistaatliche Aura für Fans und Journalisten wie in Moskau. Das Eurovisionsdorf unterhalb des Rathauses am Fjordufer war ein wenig lausig besucht, dafür war der ESC-Club einmal mehr “the place to be”. Alles unaufdringlich und gut organisiert. Ein klasse Beispiel für Gastgeberschaft in Sachen Eurovision.
3. Das Immergrün des Jahres war einmal mehr die allererste ESC-Siegerin Lys Assia. Wünschte ihrem Schweizer Kollegen Michael von der Heide viel Glück – und verfiel in hässliche Formulierungen, als er es über das Halbfinale hinaus nicht packte. Sie aber, böse Königin, stand im Foyer des ESC-Hotels und sagte: “Vielleicht war er ein wenig zu alt, um glaubwürdig zu wirken.” Sie selbst ist, dem Vernehmen nach, innerlich ja immer 19 geblieben. Lys Assia – ich finde, die Schweiz sollte sich für 2012 unbedingt überlegen, ihr carte blanche zu geben. Sonst ist sie bald, wie Johannes Heesters, wirklich nur noch ein Zitat in eigener Sache.
4. Politikverschwörerisch fiel beim Osloer ESC auf, dass alle Theorien, denen zufolge Osteuropa alles dominiere, falsch waren, wir hatten es ohnehin nicht anders erwartet. Aus den Platzierungen ließen sich keine politischen Kungeleien ablesen. Vielmehr aber dies: Wenn kulturelle Nachbarschaften, wie die kaukasischen oder die exjugoslawischen, geballt im Finale vertreten sind, nehmen sie sich gegenseitig Punkte weg. Aserbaidschan, Armenien und Georgien landeten allesamt im vorderen Mittelfeld – mehr ist zu den drei Damen nicht zu sagen.
5. Signifikant auch, dass Länder, die einmal gewannen, irgendwie danach an Lust und Ehrgeiz einbüßten. Russland ist das Beispiel für diese These schlechthin: Dima Bilan war einmal – und was da jetzt delegiert wird, ist grauenvoll medioker. Norwegens Didrik Solli-Tangen litt unter diesem Phänomen besonders heftig. Alles nach Rybak musste abfallen – ihm aber wurde eingeflüstert, er könne einen Sieg schaffen. Er ist in seiner Heimat inzwischen wieder ein C-Promi. Beileid!
6. Deutsche Kommentatoren, von Zeitungen oder von Illustrierten, mussten sich plötzlich mit dem Eurovision Song Contest auseinandersetzen. Die “Bild-Zeitung” musste draußen vor bleiben, Raab wünscht seit leidvollen Erfahrungen mit den Reportern dieses Mediums im Jahre 2000 keine Zusammenarbeit mit diesem. Haben wir aber deshalb etwas vermissen müssen? Fragen Sie sich selbst – ich würde sagen: nein. Es fiel auch kaum auf, dass diese Kollegen fehlten. Die Berichte, die vor und nach dem ESC erschienen, waren von anderen genommen – auch die Entdeckung des Vaters der Lena. Geschichten, die die Welt nicht braucht.
7. Die Rede war auch in manchen unserer Medien davon, dass der ESC nun immer mehr zum Popfestival werde. Irrtum. Pop war der ESC schon immer – nur konnte und kann er nicht ein Forum lediglich jugendlicher Geschmäcker sein. Sonst wäre alles ja nur MTV oder Viva. Das aber wäre nur eine Show, die das kleine Karo bevorzugte. Der ESC ist immer so modern oder altmodisch, wie es das übergenerationelle Publikum zulässt.
8. Am meisten Freude machte mir, dass die türkischen Musiker von maNga Zweite wurden. Das ist der Beweis, dass dieses ambitionierte Land mehr Muckis in Sachen Kunst und Kultur dieser Tage hat als Frankreich, Spanien oder Großbritannien etwa.
9. Es war ein sensationelles Jahr, vor allem Lenas wegen.
10. Hiermit sei allen leidenschaftlichen, freudigen wie gelegentlich mäkeligen Mitbloggern in diesem Forum gedankt. Ich finde, die Debatte wäre ohne Streit, ohne Passion, ohne kräftige Widerreden keine gute. So wünsche ich allen einen prima Jahreswechsel – und mir selbst, dass die Diskussionen hier auf eurovision.de weitergehen. Mit gleicher Hingabe. Was sonst könnte dem ehrwürdigen ESC Respekt zollen?

















Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.