Auffälligkeiten Osloer Art

30. Dezember 2010

Ein aus deutscher Sicht wunderbares ESC-Jahr neigt sich dem Ende zu. Zeit für eine Bilanz des Ereignisses in Oslo zu ziehen – mit ein wenig Abstand und vielleicht einigen Lehren für Düsseldorf 2011:

1. Kommentierte ein Freund im Pressezentrum von Baerum, als aus allen Zeltlautsprechern Alexander Rybaks “Fairytale” schepperte: “Das Lied nervt inzwischen genauso wie ‘Wild Dances’. ‘Hard Rock Hallelujah’ ist dagegen ja inzwischen der reine Wohlklang.” Der Überflieger des Jahres 2009 – ein abdankender König. Was hat er in der Osloer ESC-Woche nicht alles unternommen, um ins Gespräch zu kommen. Sogar eine gewisse Verliebtheit in Lena hat er Journalisten zu Protokoll gegeben. Inzwischen gab er bekannt, sich vorstellen zu können, bei der weißrussischen Vorentscheidung rührig zu werden. Ich würde sagen: Das ist die Bankrotterklärung des Jahres – Minsk ist nun wirklich die allerletzte Adresse, die sich zu nennen geziemt.

2. Es war eine bezaubernde Woche in diesem Land, das uns vor 50 Jahren popmusikalisch mit Wencke Myhre mit das beste Geschenk machte. Zweckmäßig die Halle, meistens perfekt im Shuttle-Service, angenehmes Wetter – und vor allem keine polizeistaatliche Aura für Fans und Journalisten wie in Moskau. Das Eurovisionsdorf unterhalb des Rathauses am Fjordufer war ein wenig lausig besucht, dafür war der ESC-Club einmal mehr “the place to be”. Alles unaufdringlich und gut organisiert. Ein klasse Beispiel für Gastgeberschaft in Sachen Eurovision.

3. Das Immergrün des Jahres war einmal mehr die allererste ESC-Siegerin Lys Assia. Wünschte ihrem Schweizer Kollegen Michael von der Heide viel Glück – und verfiel in hässliche Formulierungen, als er es über das Halbfinale hinaus nicht packte. Sie aber, böse Königin, stand im Foyer des ESC-Hotels und sagte: “Vielleicht war er ein wenig zu alt, um glaubwürdig zu wirken.” Sie selbst ist, dem Vernehmen nach, innerlich ja immer 19 geblieben. Lys Assia – ich finde, die Schweiz sollte sich für 2012 unbedingt überlegen, ihr carte blanche zu geben. Sonst ist sie bald, wie Johannes Heesters, wirklich nur noch ein Zitat in eigener Sache.

4. Politikverschwörerisch fiel beim Osloer ESC auf, dass alle Theorien, denen zufolge Osteuropa alles dominiere, falsch waren, wir hatten es ohnehin nicht anders erwartet. Aus den Platzierungen ließen sich keine politischen Kungeleien ablesen. Vielmehr aber dies: Wenn kulturelle Nachbarschaften, wie die kaukasischen oder die exjugoslawischen, geballt im Finale vertreten sind, nehmen sie sich gegenseitig Punkte weg. Aserbaidschan, Armenien und Georgien landeten allesamt im vorderen Mittelfeld – mehr ist zu den drei Damen nicht zu sagen.

5. Signifikant auch, dass Länder, die einmal gewannen, irgendwie danach an Lust und Ehrgeiz einbüßten. Russland ist das Beispiel für diese These schlechthin: Dima Bilan war einmal – und was da jetzt delegiert wird, ist grauenvoll medioker. Norwegens Didrik Solli-Tangen litt unter diesem Phänomen besonders heftig. Alles nach Rybak musste abfallen – ihm aber wurde eingeflüstert, er könne einen Sieg schaffen. Er ist in seiner Heimat inzwischen wieder ein C-Promi. Beileid!

6. Deutsche Kommentatoren, von Zeitungen oder von Illustrierten, mussten sich plötzlich mit dem Eurovision Song Contest auseinandersetzen. Die “Bild-Zeitung” musste draußen vor bleiben, Raab wünscht seit leidvollen Erfahrungen mit den Reportern dieses Mediums im Jahre 2000 keine Zusammenarbeit mit diesem. Haben wir aber deshalb etwas vermissen müssen? Fragen Sie sich selbst – ich würde sagen: nein. Es fiel auch kaum auf, dass diese Kollegen fehlten. Die Berichte, die vor und nach dem ESC erschienen, waren von anderen genommen – auch die Entdeckung des Vaters der Lena. Geschichten, die die Welt nicht braucht.

7. Die Rede war auch in manchen unserer Medien davon, dass der ESC nun immer mehr zum Popfestival werde. Irrtum. Pop war der ESC schon immer – nur konnte und kann er nicht ein Forum lediglich jugendlicher Geschmäcker sein. Sonst wäre alles ja nur MTV oder Viva. Das aber wäre nur eine Show, die das kleine Karo bevorzugte. Der ESC ist immer so modern oder altmodisch, wie es das übergenerationelle Publikum zulässt.

8. Am meisten Freude machte mir, dass die türkischen Musiker von maNga Zweite wurden. Das ist der Beweis, dass dieses ambitionierte Land mehr Muckis in Sachen Kunst und Kultur dieser Tage hat als Frankreich, Spanien oder Großbritannien etwa.

9. Es war ein sensationelles Jahr, vor allem Lenas wegen.

10. Hiermit sei allen leidenschaftlichen, freudigen wie gelegentlich mäkeligen Mitbloggern in diesem Forum gedankt. Ich finde, die Debatte wäre ohne Streit, ohne Passion, ohne kräftige Widerreden keine gute. So wünsche ich allen einen prima Jahreswechsel – und mir selbst, dass die Diskussionen hier auf eurovision.de weitergehen. Mit gleicher Hingabe. Was sonst könnte dem ehrwürdigen ESC Respekt zollen?

Hat Lena echte Chancen?

28. Mai 2010

Die Frage, die alle Norweger ernsthaft beschäftigt: Hat “Satellite” im Konzert kaukasischen und postsowjetischen Leistungssingens eine Chance? Die Klatschblätter sind prall gefüllt mit Geschichten über Didrik Solli-Tangen, Alexander Rybak - und Lena. In “Se og hör” stand doch zum Beispiel zu lesen, dass der norwegische ESC-Aspirant mit seiner voluminösen Musicalstimme für Lena sogar Kuchen gebacken hat. Die Worte waren mit Bildern illustriert, auf denen Lenas Ausflug in das Daily-Soap-Gewerbe zu sehen ist, entblößt natürlich, und auch Schnappschüsse aus den Tagen in Oslo.

Auf einem Bild sieht man die Deutsche mit Norwegerpulli und Mütze – und sie sieht der sehr jungen Wencke Myhre, möchte ich anfügen, sehr ähnlich. Aber: Alexander Rybak, auch dies lesen wir mit Erstaunen, mochte die Kuchenofferte des Solli-Tangen nicht auf sich beruhen lassen und beteuerte: Ich werde ihr dann sogar mit einer Kuh kommen! Ja, liebes Publikum, so ist Norwegen – ein Land, in dem das Konditorische nur noch vom Agrarischen getoppt wird

 

Diese Schnurre ließe sich auch anders erzählen: Norwegen hat Lena Meyer-Landrut zur Kenntnis genommen, und das ist auch angemessen, denn sie wird ja ernsthaft als Favoritin gehandelt. Und dies immer noch von britischen Wettbüros, diese haben sie nach wie vor auf der Rechnung wie auch Aserbaidschan. Unverständlicherweise, möchte ich anfügen

Am Tag vor dem Finale jedenfalls hat Lena zwei Generalproben hinter sich zu bringen, sie wird vor Portugal und nach Eva Rivas Ode auf Aprikosensteine performen. Auf Youtube, diesen Tipp habe ich von meinem Mail-Freund Maximilian Dietz, wird gar diskutiert. Man finde zwar ihr Lied toll und sie selbst natürlich auch – aber man dürfe doch die Big Four, die Großmächte des ESC, schon aus Gründen der Gerechtigkeit nicht wählen. Ein anderer fügte an, dass man als Israeli schon deshalb nicht für Deutschland anrufen dürfe, weil das zentrale Land Mitteleuropas doch eine untilgbare Nazi-Vergangenheit habe.

Ja, so wird international diskutiert – und das ist auch gut für Lena Meyer-Landrut, denn jener, über den gesprochen wird, der hat Aufmerksamkeit – und das ist ein kostbares Gut beim Finale in Oslo. Ein Lied, das überhört wird, kann nicht mit Anrufen zugeknallt werden

In etlichen Interviews wurde ich gefragt, welchen Platz Lena denn belegen werde? Ich denke, dass sie Neunte wird. Das ist ein würdiger Platz, das ist ein Platz in den Top 10, in die auch Stefan Raab möchte – und ein neunter Platz ist besser als alles, was von deutscher Seite seit Max Mutzke erreicht wurde. Der neunte Rang bewahrt mich außerdem selbst vor Enttäuschung. Würde sie Siebte, tät’ ich mich freuen. 

Lena ist, man lese es in ihren letzten Interviews nach, gut drauf. Sie schläft tief und fest. Sie genießt sich und ihre Zeit nach der Schule, die ja eben erst angebrochen ist. Siegte sie, was leider alle deutsche Welt von ihr erwartet, hätte sie eventuell schon den Zenit ihres Lebens hinter sich. Das wäre schade, ja wirklich.

Favoritenstürze und Überraschungssieger

27. Mai 2010

Was für ein überraschendes Resultat des zweiten Halbfinales von Oslo. Eine Show, an deren Ende fünf klassische und fünf neue, osteuropäische ESC-Länder ins Finale rückten, ein Event, bei dem ein Übermaß an Pyrosperenzchen und tänzerischen Hopsereien gezeigt wurde – und, wie schon im ersten Halbfinale, viele Damen (und manche Herren) ihre Textilien mit Strass verziert hatten.

 

Als letzter Act schaffte es noch Dänemark, in allen Fan-Foren, bei den Wettbüros im Vereinigten Königreich und in Irland am heißesten gehandelt und auch unter Experten am ehesten für einen Rang in den sehr prominenten Regionen gewogen. Geschafft haben es noch die Ukraine, Armenien, Aserbaidschan, Georgien – sie alle mit divenmäßigen, frauenlastigen Nummern, alle prima singend, performend und verdient ‘gewonnen’ -, aber auch, leider, Rumänien, Irland – sängerischer Schwächelei zum Trotz -, die Türkei, die Lordis dieser Saison, Israel für eine, nun ja, enervierend verheulte Arie sowie – Zypern, das in Jon Lilygreen eine eigentlich walisische Combo geschickt hatte und nun im Finale mindestens auf die volle Punktzahl aus dem dauersolidarischen Athen rechnen darf.

Aber das spektakulärste Resultat ist für mich: Dass Schwedens Anna Bergendahl, obgleich sie für meinen Geschmack wunderbar sang und sich von der Windmaschine anfönen ließ, ausschied. Erstmals überhaupt in der ESC-Geschichte ist Schweden, abgesehen von den freiwilligen Rückzügen 1970 und 1976, nicht im Finale vertreten. Das Land der Abbas und der Carola hat stets alle Semifinals überstanden, hat in den Jahren, als für das Finale der Punktedurchschnitt vergangener Jahre herangezogen wurde, nie Probleme gehabt, den Abend aller Abende mitzumachen – und muss Samstag nun zugucken.

Das sei mir erlaubt: Ich bin enttäuscht und finde das krass schade!

Dass der Schweizer Michael von der Heide auf der Strecke blieb, wundert nicht: eine Performance, die mit Handbewegungen aus der Evergreenschublade über melodische Schieflagen ablenken wollte, konnte nicht belohnt werden. Bedauerlich jedoch, dass die Niederlande rausflogen – es wäre besonders schön gewesen, wäre Sieneke, obwohl sie doch einmal während ihrer drei Minuten den Einsatz ‘vergaß’, im Finale gewesen.

Mit anderen Worten: Überraschungen gab es in Fülle, aber auch Favoritenbestätigungen. Litauen soll nicht auf seine 16 Konkurrenten böse sein: Die Hot Glitter Pants sollen angeblich nicht übel genommen worden sein.

Lena orientiert sich

22. Mai 2010

Wann hat es das zuletzt gegeben – dass eine deutsche Popsängerin auch im Ausland mit Jubel empfangen wird? Hier in Oslo war dies zu sehen am Bühneneingang der Arena des FC Storbaek, dort, wo in einer Woche das Finale des 55. Eurovision Song Contest stattfindet.

Lena Meyer-Landrut, inzwischen nur noch als Lena bekannt gemacht, hatte heute ihre erste von zwei Proben. Die Übung: mit der Bühne vertraut werden, die Kameras feinjustiert in Position bringen, die Background-Sängerinnen ebenfalls mit festen Marken auf dem Bühnenboden platzieren. Der Anspruch: Auf dass Lena - die vor fünf Monaten nichts anderes war als eine moderne, gerade volljährige Schülerin, die es in die Medien bringen wollte - möglichst gut rüberkommt, und zwar in Ton und Bild.

Und wie diese erste Probe war? Fans urteilten: Lena sei ausbaufähig. Ein Videoblogger äffte ihre Bewegungen nach, und es sah nach einer Mischung aus Joe Cocker und Selbstentblößung aus, aber nicht nach der Lena Meyer-Landrut, die oben auf der Bühne um Orientierung rang.

Aber sie war gut. Vier Durchläufe “Satellite” machen das Lied gewiss vertraut, aber andererseits verleidet dies einem das Ganze ja auch. Beim letzten Mal jedoch wirkte sie wie ein Profi, der nur ein wenig Stellprobe brauchte, um zur gewohnten Form zu finden.

Was dem Act noch fehlt – mindestens bis morgen zur zweiten Probe? Dass Lena Meyer-Landrut mehr lächelt. Oder wie eine frühere Kollegin von RTL sagte: Lächeln – das muss sie noch stärker abrufen. Stefan Raab jedenfalls und auch Thomas Schreiber von der ARD werden der Regie gewiss auch das mitteilen können: Dass ihre Kandidatin gleich zum Auftakt ins Bild genommen gehört, dass nicht die Bühne, das blaue Licht, die herabhängenden Perlenketten das Kamerafutter abzugeben haben, sondern eben die Sängerin.

Nun ist es ja immer bei einem ESC so: Der natürliche Feind eines Sängers, einer Sängerin ist immer der Regisseur, der das Bühnenbild so liebt, als wolle er es mit allen Kameras genussvoll ablecken. Dabei geht es um die Künstler, nicht um dessen Accessoires. Tatsache ist, nach meinem Eindruck: Lena Meyer-Landrut wird nicht gebührend nah ins Visier genommen. Das ist schade, aber das kann geändert werden.

Und gleich die Pressekonferenz. Es wird die erste sein in diesen Tagen in Oslo, bei der alle Plätze fett besetzt sein werden. Lena Meyer-Landrut scheint die einzige sympathische Deutsche zu sein, auf die die ESC-Journalisten sich einigen können. Oder wie es ein griechischer Journalist ausdrückte: Wir wünschten, eure Angela Merkel hätte mehr von eurer Lena.

Spart eure Kondition auf!

18. Mai 2010

Sie proben und sie verausgaben sich und allen möchte man derzeit in Oslo zurufen: Spart eure Kondition auf! Die Tage werden noch sehr lang! Zwei Wochen Höchstspannung kann innerlich niemand halten, auch der auf der Bühne herumturnende Serbe nicht. Alle Stressfaktoren sollten gelindert werden, aber – um es mit der albanischen Kandidatin zu sagen -  wie soll man cool bleiben, wenn man gerade das Gefühl hat, im Schlaraffenland der Aufmerksamkeiten zu schwimmen?

Eva Rivas aus Armenien

Eva Rivas aus Armenien

Auch auf den Briten Josh Dubovie wartet das Bad in der Menge, vorausgesetzt er überwindet seine meteorologischen Probleme. Der BBC-Kandidat muss erst Sonnabend auf die Probebühne, aber seine Anreise wird sich ächzend-übler ausnehmen als von ihm selbst wohl gedacht. Islands Vulkan Eyjafjallajökull, dessen Name klingt wie ein Vorentscheidungsbeitrag von dieser Insel aus dem Jahre 1988, spuckt wieder Aschewolken. Es ist alles andere als sicher, ob von der britischen Insel pünktlich Flüge gen Norwegen abheben dürfen. Dubovie bekam von der BBC nun einen Plan B für seine Anreise verpasst: Mit der Fähre von Harwich bis Esbjerg, von dort mit dem Auto in den jütländischen Norden, wo von Hirtshals aus (ein grässlicher Ort) eine Fähre nach Larvik geht. An Norwegens Südküste schließlich wartet ein Zug auf den Sänger. Oslo ist dann nicht mehr fern, aber irgendwie scheint mir, dass das nicht die Anreise eines Stars ist, sondern eines Fans, und nicht eines glamourös gestimmten.
 
Die ESC-Verantwortlichen jedenfalls weisen alle noch anreisenden Delegationen darauf hin, dass kein Probentermin verschoben wird, nur weil ein Berg hoch in Europas Norden gerade Asche ausbläst und den Flugverkehr lähmt. Wie auch immer sie anreisen, hieß es gestern, sie müssen pünktlich sein, sonst droht Strafe.

Keine Probleme bei der Anreise wünsche ich zwei Männern, Lukas heißt der eine, Stefan der andere. Letzterer ist der Grimme-Preis-gekrönte Stefan Niggemeier, Ex-Bildblog-Mitmacher und immer schon leidenschaftlicher Grand-Prix-Gucker. Niggemeier und Lukas Heinser veröffentlichen ihren Videoblog unter http://oslog.tv/ – und es ist witzig, wie beide ziemlich aufgeregt von ihren bevorstehenden Osloereien berichten. Authentisch jungshaft und zugleich irgendwie ironisch. Ein unbedingt empfehlenswertes Werk in Arbeit.
 
Für Oslo werden nicht viele Österreicher anreisen und er ist auch keiner, obwohl er seit langem in Wien lebt: Tex Rubinowitz, berühmter Karikaturist, Autor, Performer, Schwimmer, Wienschmäher und Liebhaber sowie bekennender Vorsitzender der International Appreciation Society zu Ehren der dänischen Sängerin Aud Wilken. Er liebt nicht allein “Fra Mols til Skagen”, sondern auch ihren eleganten Vorentscheidungstitel “Husker du”. Kurz: Der Mann hat Geschmack und wird aus Oslo gewiss auch für den “Falter”, ein wunderbares Magazin aus Wien, berichten. Und natürlich bloggen. Auf Facebook schreibt er schön und das soll hier ein Ansporn sein, ihm zu folgen. Außerdem empfehlenswert ist sein Buch “Der Bremsenflüsterer”, in dem er seine Zeit beim ESC 2007 in Helsinki verarbeitet. Ich würde sagen, der Mann ist ein wunderbarer Zausling, der ernstzunehmendste unter allen Fans. Er hat die untrivialsten Beobachtungen notiert und er ist musikalisch klug – über alle ESC-Grenzen hinweg.
 
P.S. Heute wird Thomas Gottschalk 60 Jahre alt. Wir gratulieren. Warum? Nicht wegen “Wetten dass …?”, sondern weil er 1989 den ESC aus Lausanne kommentiert hat. Er war, ehe Peter Urban kam, der Beste, der je für die ARD kommentierte. Es war seinerseits ein Festival liebevoll-spöttischer Sottisen. Etwa nach dem Auftritt der Belgierin Ingeborg: “Wir wollen mal hoffen, dass die Jurys ihr nicht die Hosenkleider übel nehmen.”

Zwischenstand in Sachen Lena

12. Mai 2010

Es ist ja nicht so, dass nichts passiert. Okay, natürlich finden die meisten Fans, dass das Festival jetzt beginnen soll, wenigstens dessen Proben. Sonntag ist es so weit. Dann trudeln in Oslo die Länder des ersten Halbfinals ein: Was für eine zeitliche Strecke! 13 Tage vor dem Finale müssen die ersten Acts sich fragen: Stehe ich richtig im Kamerawald?

Lena hat noch Zeit. Lena? Genau. Seit Freitag, seit ihre erste CD, Titel: “My Cassette Player”, auf dem Markt ist, heißt Lena Meyer-Landrut nur noch Lena. Der internationaler Sache wegen. Lena lässt sich von aserbaidschanischen Fans, von portugiesischen Televotern und von kroatischen Männern und Frauen leichter aussprechen. Nicht auszudenken, dass sie sagen, nee, die kann ich nicht wählen, Meyer-Landrut geht einfach nicht flüssig durch meinen Gaumen! Nichts soll dem außerdeutschen Zuspruch für die 55. deutsche ESC-Aspirantin im Wege stehen – jetzt muss es auf Details ankommen, und sei es, dass der Familienname für manchen unaussprechlich sein könnte.

Wie die CD ist? 13 Lieder, viele von Stefan Raab mit der Chanteuse selbst komponiert, sind auf dem Album. Aus USFO kennen wir natürlich “Satellite”, auch Jason Mraz’ “Mr. Curiosity”, was mir damals sehr gefiel. Lena Meyer-Landrut hat nicht die Stimme von Joy Fleming und trägt auf dem Cover auch nicht das Zauberkleid von Michelle: Aber die waren ja auch nicht die Nummer eins in den Charts, nicht in Deutschland der Liebling aller, nicht die Siegkandidatin, nicht die modernste Abiturientin aller Zeiten auf deutschem Boden. Wie sich die CD anhört? Habe ich am Wochenende ausprobiert. Zu einem gediegenen Spargelessen hörte es sich megaprima an. In einigen Rezensionen – im Hamburger Abendblatt wie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung - wird das Allzugefällige moniert. Kurz: Dass es dem Tonträger an Kunstwillen fehle. Ich finde, das wäre zu viel. Sich beim ESC nicht zu blamieren und gleichzeitig den Willen zum allzeit gültigen Album beweisen, das ist einfach zu viel Stoff in einem zu kleinen Gefäß. Nein, Lena ist gut: Moderne Musik für junge Menschen, eingespielt von der deutschen Hoffnungsträgerin dieses Frühjahrs schlechthin.

Ein Freund von mir sah neulich die Doku über Lena, die im NDR-Fernsehens lief. Sein Urteil: Erst sei er skeptisch gewesen, aber hinterher verliebt – und dazu muss man sagen, dass eine Lena gewöhnlich nicht in seinem Schema möglicher Verliebtheiten vorhanden ist. Ja, sie ist gut. Sie ist beängstigend normal und gut. Sie ist the girl next door und zugleich eine, der Glamour nicht fremd ist. Der Hype, so meine Prognose, wird noch wachsen.
Sie hat ja schon jetzt Stürme überstanden. Nicht den, dass sie nun verschnupft war, dass ihre Stimme heiserte, dass sie nicht in Form war. Besser jetzt als Ende des Monats. Nein, das Sturmlein in Sachen Fotos, die Lena Meyer-Landrut barbusig in einer RTL-Doku zeigen. Sie hat einfach gesagt, dass sie nichts fände, was daran nun falsch sei. Sie wollte eigentlich sagen: Ich habe doch niemandem geschadet, ich habe keinen Hardcoreporno gedreht und auch keine gebrechlichen Omas bei Rot über die sechsspurige Straße geschickt. Lena hat offenbar die nötige, erfrischende Modernität, die Spießbürger wie verklemmte Idioten aussehen lässt. Erstaunlich. Und: prima!

Ein Haar in der Suppe will ich doch noch fischen. Kürzlich rief mich eine Journalistin an. Sie fragte, was die Kirchen wohl noch für Lena Meyer-Landrut tun könnten. Zunächst sprachlos, nach einigen der Verblüffung geschuldeten Sekunden antwortete ich: “Nach allem was man weiß, empfiehlt doch die Glaubensgemeinschaft der Christen immer das Beten. Und das möchte ich auch vorschlagen. Betet für Lena!” Und zwar, ernst gemeint, für den Fall, dass sie nicht gut punktet in Oslo. Man will ihn sich gar nicht ausmalen diesen Chor an Besserwissern, der hernach sagt, na, das habe man ja gleich gewusst. Insofern stimmt immer noch, was Stefan Raab vor vielen Wochen sagte: Ein Platz unter den ersten zehn wäre schön.

Alles andere, nun ja, wäre Zugabe. Oder?

Nichtiges und Kostbares

10. Mai 2010

Spanien ist ja gebeutelt: Nicht, dass man sich mit Vorentscheidungen keine Mühe gäbe, aber irgendwie kommen doch immer nur miese Plätze dabei heraus. In diesem Jahr versucht es Daniel Diges, ein freundlich, Gott sei Dank nicht allzu torrerohaft aussehender Künstler.  Massiel, die Göttin von 1968, wünscht ihm alles Glück für den Trip nach Oslo. Ich will mich hier nicht verstecken: Das ist das wunderbarste spanische Lied (Video) seit Anabel Condes Act 1995. Ein Walzer zum Verlieben!

Man möchte in Bälde aufwachen und Josh Dubovie für einen wirklich nicht besonders guten Scherz der BBC halten: Der Mann hat das Casting für den ESC gewonnen. Im Finale tritt er an mit einem Titel von Pete Waterman und Mike Stock, auf deren Konto ein guter Teil des Erfolgs von Bananarama, Rick Astley und Kylie Minogue geht. “That Sounds Good To Me!” (Video) klingt hässlich, der Sänger sieht fade aus, allein schon seiner Frisur wegen, er singt, als betriebe er Karaoke mit der Haarbürste auf der Kaufhausrolltreppe, und das talentlos. Schade, Vereinigtes Königreich, das wird dieses Jahr – ein Jahr nach Jades verdientem fünften Platz  – wieder nix mit einer wenigstens mittelmäßigen Platzierung.

Jessy Matador ist ein in Kinshasa, Kongo, geborener Franzose, der dummerweise ein sehr nerviges, halbwegs fußballstadientaugliches Lied (Video) singt. Man wünscht, dass die ESC-Verantwortlichen in Paris mal wieder so etwas Geniales  ‘erfinden’ wie vor 20 (!!) Jahren Joelle Ursull: Weltmusik, die hübsch und mitreißend klingt. Hektisch, aufgeblasen und unverführerisch dagegen Jessy Matador – er wird Patricia Kaas noch stärker vermissen lassen, als man das vom Jahr nach der Lothringerin ohnehin erwarten musste.

Es ist gut, dass Deutschland Lena Meyer-Landrut als ideale Gesamttochter adoptiert hat. Ihr “Satellite” (Video) rotiert auch in anderen Ländern dauerhaft im Radio. Man hofft, dass es dem Publikum nicht Ende Mai bereits auf den Wecker geht. Und dass sie etwas von der Livequalität einer Niamh Kavanagh mitbringt. Bei den Fanclubs rangiert sie weit oben – das sollte ihr Auftrieb geben. Eine Hoffnung noch: Dass sie ihren Auftritt in Norwegen nicht als Nebenprodukt ihres Siegs bei USFO nimmt – das Osloer Finale ist der Zweck von USFO gewesen.

Last but not least: Schade, dass alle vier Großmächte des ESC – aktuell was ihre Zahlkraft anbetrifft – erst im Finale performen. Wäre nicht besser, sie würden in einem der Semifinals wenigstens außer Konkurrenz ihre Titel vorstellen?

In der nächsten Folge: Trends, Tendenzen & Tipps vor dem Abflug gen Norwegen.

Große Stimmen, große Gefühle

7. Mai 2010

 

Ich bin in Sachen Portugal parteiisch, ja, beinahe von religiöser Zuwendung. Es ist das Land, das, gemessen an seiner Präsenz beim ESC, den allergeringsten Erfolg hatte. Nie kam Lusitanien unter die besten fünf! Muss man mehr sagen? Dauernd hat es irgendwie schöne Lieder entsandt, aber das restliche eurovisionäre Europa fand nie so recht Gefallen an dieser Dauertonspur aus depressivem Fado und stark maskierten Uptemponummern. Immerhin: Portugal ist während der vergangenen zwei Jahre ins Finale gepunktet worden. Zu Recht! Filipa Azevedo hat eine Ballade zu bieten (Video), die, recht besehen, erst durch ihre Interpretation gut werden kann. Sie klingt wie eine Divenhymne aus den Achtzigern oder Neunzigern. In Lissabon hatte die gute Filippa das Licht einer Kerze auf dem Flügel ausgehaucht – sehr poetisch. Ein ”Tag wie dieser”, wie wir uns den Titel übersetzen, möge für sie das erste Halbfinale sein: Sie hat’s drauf, aus dieser Allerweltsballade ein hörbares Stück zu stricken – möge es das Finale erreichen.

 

Als die Portugiesin noch ein – vermutlich schreiendes – Kind war, hatte sie just den ESC gewonnen: Niamh Kavanagh 1993 in Millstreet. Ihr Titel (Video), mit dem sie, mittlerweile 42jährig, nun abermals ins Rennen geht, ist, so sagen jazzorientierte Menschen, schwächer als “In Your Eyes” und zugleich viel besser. Weil “It’s For You” wie eine Parodie auf alle Klischees klingt, die man zum Gälischen haben kann. Es nimmt sich aus wie ein unbekanntes Stück Soundtrack von “Titanic”und lebt außerdem von der absolut königinnenhaften Darbietung durch die inzwischen durch zweifache Mutterschaft ruhig und gestählt gewordene Legende und Ex-Bankangestellte Ms. Kavanagh. Sie hat jene Livequalitäten, von denen man hofft, dass auch Lena Meyer-Landrut sie mobilisieren kann. Irland im Finale? Sowieso! Und dort? Für mich eine Siegkandidatin!

In der nächsten Folge: Die bereits Finalqualifizierten, die Großen Vier.

100 Prozent im Finale

26. April 2010

Eva Rivas dürfte keine Problem bekommen, das Halbfinale zu überstehen: Armenien hat offenbar genug Freunde in allen Teilen Europas, um stets unter die besten zehn Acts in der Vorrunde zu kommen. Diese Nummer (Video) ist freilich auf etwas zu gepflegte, konventionelle Weise als Ethnopopstück angelegt, ein “Aprikosenstein” ist das Objekt der Sehnsucht. Nicht sehr schnell, nicht zu lahm die Musik dazu: Unmöglich, mit so einem Lied zu gewinnen – einschläfernd, aber die perfekte Hintergrundmusik für Möbelgeschäfte und Gartencenter.

Auch das Nachbarland Aserbaidschan hat am Donnerstag der Festivalwoche im zweiten Halbfinale seine Performance – kein Freund Armeniens nach den Querelen in den vergangenen Jahren. Aber das Lied vom äußersten östlichen Ende Europas wird der Ohrenfräser von Oslo: “Drip Drop” (Video) hat alles, was ESC-Fans ersehnen – eine kurze, schnell nachsingbare Kernzeile, eben dieses Tränengetröpfel, außerdem lange, dramatische Passagen zum Nachsingen inklusive Vicky-Leandros-Handbewegungen. Es würde mich nicht wundern, wenn die Aserbaidschaner den dritten Platz wie im Vorjahr wiederholen. Safura hat alles, was man für einen Platz vielleicht nicht in der Hall of Fame des ESC, aber doch für eine Nische in den Herzen der Fans nötig hat. Lediglich an ihrem Englisch muss sie noch feilen: Noch klingt der Titel hauptsächlich wie “Drieb Drobb”.

Die Georgierin Sofia Nizharadze weiß vokal zu überzeugen – ihr Lied “Shine” (Video) entstammt dem Ideenpool der Norwegerin Hanne Sörvaag, die ja auch das Didrik Solli-Tangen ein passendes Musikkleid verpasst hat. Ein eher überhörbares Lied, das aber durch die Stimmkraft seiner Interpretin günstig aufpoliert wird: Aus diesem Teil des Kaukasus also auch keine Folklore, sondern zeitgenössischer Kaufhausfahrstuhlpop. Finalteilnahme nicht ausgeschlossen!

Mit anderen Worten: Das kaukasische ESC-Engagement kann sich einmal mehr als lohnend erweisen. Gut, dass sie dabei sind!

In der nächsten Folge: Russland, die Ukraine, Weißrussland und Moldawien.

Mittendrin und doch draußen?

23. April 2010

Deutschland hat ja oft gejammert: Oh, wir kriegen keine Punkte – kein Wunder, wir haben keine wohlmeinenden Nachbarn. In Österreich ist das ungefähr das herrschende Muster gewesen, um sich dauerhafte Erfolgsarmut selbst zu erklären. 

Bei der Slowakei kann diese Theorie jetzt wirklich anschlagen: Tschechien hat sich zurückgezogen, Ungarn auch, Österreich ja schon seit 2008. Kristína Peláková macht in ihrem Lied (Video) sehr massiv Werbung für die slowakische Region “Horehronie” – und man möchte hoffen, dass die Kommentatoren im ersten Halbfinale, Peter Urban inklusive, nicht darüber hinweg gehen: Ein schöner Landstrich! Andererseits ist dieses Lied von erschütternder Konfektion – irgendwie Ethno, irgendwie Pop, irgendwie hastig, irgendwie süß, dieser Act. Aber ich mag ihn, ich wünschte, er werde ins Finale gepunktet: Die Slowakei sollte Freunde in vielen Teilen Europas finden.

Marcin Mrozinski singt von einer “Legenda” (Video), die ebenfalls mit Ethnotönen angefüttert ist. Klingt slawisch – und doch kann es nicht darüber hinweg täuschen, dass dieses Lied mehr ein Musicalzwischenstück ist als ein fetter Hammer, der uns ins Gemüt schlägt. Ein wenig sind auch Anklänge an Anna Maria Jopek im Spiel, und gewiss ist der junge Mann mit dem pürzelig aufgetürmten Haaransatz oberhalb seiner Stirn, mühselig dabei, das Beste aus diesem Ding herauszuholen: Ich fürchte, das wird – allen wohl, niemand weh – nicht reichen.

 

So lautet das alte Showgesetz: Wenn dein Lied über viele Untiefen des Unentschiedenen hinwegtäuschen soll, inszenier es auf der Bühne mit Pyroeffekten. Das ist Rumänien dieses Jahr – und für dieses Land, das 1994 mit “Dincolo de nori” ein unvergessenes Debüt beim ESC gab, ist das kein gutes Omen. Paula & Ovi singen “Playing With Fire” (Video): Wohlmeinende geben zu bedenken, es sei eine Wiedergeburt von Lynsey de Paul & Mike Moran, also dass zwei am Klavier sitzen und einander vorklimpern. Aber die Briten saßen Rücken und Rücken, das ist schon mal der wichtigste Unterschied. Mit anderen Worten: Leider ist dieses Lied derartig obskur, dass man zweifeln müsste am Verstand von Millionen, käme es ins Finale. Denn dort hat es, musikalisch nicht einmal ein Etwas, nichts verloren.

Bulgarien war es ja nur in Helsinki gegeben, ins Finale gelobt zu werden. Ich schätze: Bei dieser Bilanz wird es bleiben. Miros Titel “Angel si ti” (Video) dauert gefühlte elf Minuten, hat nichts als gewisse Beats zu bieten – man möge mir den Kalauer verzeihen -, und sonst eher wenig. Es gibt im zweiten Halbfinale zehn andere Lieder, die dringender zur entscheidenden Show drängen – Bulgarien scheint popästhetisch eher ein Flecken Erde, der beim ESC unter den Nichtigkeiten singt. Wie schade!

Mit anderen Worten: Jene Länder, die weder zum Balkan zählen noch zur geographischen Hinterlassenschaft der Sowjetunion haben es nicht leicht in Oslo. Am ehesten überzeugt mich die Slowakei – dieser Act hat etwas Besonderes. Die anderen: pure Konfektion.

In der nächsten Folge: der Kaukasus.