
Vorwarnung, liebe Leser, auf den folgenden Zeilen verlassen wir die heile Welt der Eurovision, es wird nur eingeschränkt von Glitter und Flitter die Rede sein, von Armbewegungen, Schuhen und T-Shirts, sondern vom wahren Leben jenseits aller Idyllen.
Ich sag es mal so: Alle ESC-Fans wissen es. Die Szene bei der Eurovision vor und hinter Bühne – und manchmal auch auf ihr – ist mehrheitlich schwul. Selbst die britische Jungmännergruppe Take That sah dies so, als sie gefragt wurde, für Großbritannien in Belgrad an den Start zu gehen. Nein, man habe andere Ziele, aber man möchte vor allem nicht riskieren, als homosexuell zu gelten. Nun denn: So nahmen sie sich selbst die letzte Chance, aus einem Comebackversuch ein echtes Revival zu machen – weil sie nicht für schwul gehalten werden wollten.
Selbst schuld, aber wie dem auch sei: Früher war das alles ein offenes Geheimnis, aber es ist längst gelüftet. Ein Eurovision Song Contest ist bei Fans und Journalisten, die tagelang sich jede Probe anschauen, aber auch bei Touristen, die einfach nur zum Event selbst fahren eine Art Woodstock des CSD-Zeitalters. Für Menschen, die nicht eingeweiht sind: CSD ist eine Abkürzung für Christopher-Street-Day und in sehr vielen, vor allem west- und nordeuropäischen Städten, einmal im Jahr der politische Karneval von Schwulen und Lesben.
Beim ESC wiederum hat man das längst erkannt. Die Organisatoren des vorjährigen Festivals in Helsinki haben sich sogar das Verdienst erworben, einen eigenen Regenbogenstadtplan zu entwickeln – und die 20.000 Menschen, die in die finnische Hauptstadt angereist kamen, dankten frenetisch – die Stadt war quasi eine gute Woche lang überflutet mit Fans, die es sich im Frühlingsklima Nordeuropas gut gehen ließen: eine Fiesta im Zeichen der Völkerverständigung unter der Regenbogenflagge.
Und Belgrad? Hier fangen die Probleme an – und hören einfach nicht auf. Besorgt erkundigte sich vor Wochen die EPOA, die Union aller europäischen CSDs, bei Svante Stockselius, ob in Belgrad an die Sicherheit der schwulen Fans gedacht sei. Der Generalsekretär des ESC antwortete, wie wir hier auch im Blog nachlesen konnten, dass die sexuelle Orientierung keine Rolle spiele, aber generell für die Sicherheit durch die serbische Polizei gesorgt werde – das habe ihm der serbische Präsident und auch die Belgrader Kommunalbehörden versichert. Allein: Auf die Polizei war vor sieben Jahren kein Verlass, als eine queere Christopher-Street-Parade in Belgrad veranstaltet wurde – und diese unter tätigem Wegsehen der Ordnungshüter vom nationalistischen Mob schlicht blutig zusammengeprügelt wurde.
Nun: Es sind sieben Jahre vergangen, Serbien will in die Europäische Union – und allein deshalb kann sich dieses Land nicht erlauben, dass es zu Gewalt gegen eine fröhliche Eurovisionsgemeinde kommt. Man weiß ja, dass in Belgrad im Mai unvorstellbar viele Kameras und Mikrofone aufgebaut sind – da kann man schlechte Resonanz nicht gebrauchen.
Andererseits warnen serbische Bürgerrechtler dringend davor, aus dem Eurovisionsfestival einen queeren Event zu machen. Das sind Warnungen, die inzwischen in der skandinavischen Presse besorgt erörtert werden. Insbesondere eine klerikalfaschistische Gruppe namens Obraz steht im Mittelpunkt der Furcht: Predrag Azdejkoviv, Sprecher der schwullesbischen Gruppe Queeria, sagte, diese Schläger und Politkriminellen, die Homosexuelle für krank halten, die dringend Prügel verdienten, fackelten nicht lange – die würden nicht nur kläffen, sondern auch beißen.
Vor allem, so Azdejkovic, solle man darauf verzichten, Hand in Hand zu gehen, falls die gesuchten Hände männliche seien; auch sollten die Belgrader ESC-Touristen darauf achten, nicht allzu feminin aufzutreten – denn die Obraz-Leute glaubten, dass Homosexuelles sich im Weiblichen ausdrücke. Heißt: Bitte keine Glitterkostüme jenseits straßenlaternenbeleuchteter Gegenden in der Innenstadt – die Vororte möge man bitte ohnehin meiden.
Das ist natürlich eine bizarre Geschichte: Die Eurovision lebt von all den Fans, die aus einer Fülle von Ländern kommen, in welchen Homosexuelles verpönt ist – und diese Fans finden es ja gerade gut, sich in der familiären Atmosphäre einer Eurovisionswoche einmal auszuleben. Das hat selbst in postsowjetischen Ländern wie der Ukraine, Lettland oder Estland geklappt. Aus Tallinn ist mir nur überliefert, dass zwei Journalisten im historischen Holzhäuserviertel ausgeraubt wurde – der Grund war aber nicht Homophobie, sondern eben Lust auf Warentransfer ohne Geld.
Svante Stockselius weiß natürlich trotzdem, was er sagt, wenn er meint, für Sicherheit sei gesorgt. Serbiens Polizei wird aufräumen in unserem Sinne, wie es nötig ist. Aber ein unguter Geschmack bleibt: Eine Lesbe wie Marija Serifovic gewinnt, holt den ESC in ihre Heimat, schwenkt politisch aus möglicherweise verständlichen Gründen auf extreme nationalistische Positionen um, weil sie bangt, sonst karrieretechnisch keinen Fuß mehr auf den Boden zu kriegen … und wir, als Journalisten wie Fans, baden quasi nun die Suppe aus. Oder?
Ich plädiere dennoch für Gelassenheit. Freunde von mir sagen, dass die Altstadt von Belgrad und die Viertel um die Halle absolut europäisch sind. Da traue sich keine Schlägertruppen hin, zumal der Polizei wegen. Schade nur, dass wir nicht so selbstverständlich offen sein können wie ein jeder es sich selbst wünschen könnte. Fahren wir trotzdem hin, genießen wir eine ESC-Woche – und nehmen uns vor, besonders achtsam durch die serbische Hauptstadt zu gehen. Nur: eine CSD-Manifestation ist nicht drin, wie es sich Aktivisten bereits im Vorjahr überlegt haben. Bürgerrechtler aus dem Queeria-Spektrum sagen bedauernd: Eine Demonstration würde uns nichts nützen. Denn ihr fahrt wieder weg in eure Länder – und wir kriegen hinterher die Strafe und werden übel verfolgt.
Und was das heißt? Es gibt, so hänge ich mich aus dem Fenster, vielerlei politische Gründe, niemals für osteuropäische Länder zu votieren, in denen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wie bei uns missachtet wird. Und wo man auf Klamotten zu achten hat, um nicht Opfer von Gewalt zu werden. Anders formuliert: Russland geht aktuell gar nicht. Da mag das Lied noch so eingängig sein – ein ESC in Moskau darf nach Lage der Menschenrechtsdinge nicht sein!
P.S.: In einer Anfrage der Bundestagsabgeordneten Barbara Höll (Linkspartei) an die Bundesregierung, ob diese wüsste, dass das “Woodstock der Schwulen”, nämlich der ESC, in einem riskanten Land stattfinde, antwortete der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler, die Regierung wisse um diese Umstände, vertraue aber voll und ganz auf die schriftliche Zusage des serbischen Präsidenten Boris Tadic, derzufolge die Sicherheitsbehörden besonders auf diese Probleme hingewiesen wurden. Wörtlich sagte er der Parlamentskollegin: “Ich wüsste nicht, wie solche ausdrücklichen Sicherheitsgarantien, die gegenüber dem Veranstalter ausgesprochen worden sind, noch zu steigern wären. Welche höhere Autorität als den Staatspräsidenten, der diese
öffentlich zugängliche Erklärung abgegeben hat, sollten wir denn noch bemühen?”
Nachtrag (28.04. 2008)
1. Ein Missverständnis gilt es auszuräumen, vielleicht ist diese kleine Erläuterung behilflich. Wenn ich über die grassierende Homophobie in Serbien schreibe, und das gerade am Beispiel des friedlichen Events namens Eurovision Song Contest, dann meint dies in erster Linie eine Angst von Konservativen, Nationalisten und anderen Verlierern einer Modernisierung eines Landes, und zwar eine Angst vor quirligem Leben in Buntheit. Und aus Furcht, Homosexuelle könnte bald als normal genommen werden – jedenfalls nicht mehr als Objekt von Hass und Verfolgung. In Serbien ist die Situation speziell – das Land ist das Zentrum des früheren Jugoslawien gewesen, also ein Verliererland des Falls des Eisernen Vorhang. Der Hass lädt sich deshalb oft gegen Homosexuelle ab – vor allem in der Phantasie -, weil sie als schwächlich gelten, unmännlich, aber dennoch als erfolgreich in den neuen Zeiten nach dem Einsturz des Sozialismus.
2. Wenn ich vom ESC als schwulem Event spreche, dann heißt das nicht, dass heterosexuelle Menschen daran nicht beteiligt sind. Im Gegenteil! Aber die glühendsten Fans waren und sind nun einmal jene, die in Serbien als “Kinderschänder” gegeißelt werden. Und zwar seit den Achtzigerjahren sind es hinter den Kulissen schwule Männer, die dieses “Woodstock des Europop” gegen allen Schmäh verteidigt haben. Gut so!
3. Anders verstanden: Auch schwule Männer gucken Fußball und spielen dieses Spiel. Aber sie sind in der Fußballszene eher versteckt – Homosexualität gilt in diesem Paradesport europäischer Männlichkeit als verpönt. Die Fans und ihre Vereine zelebrieren quasi offen bekannte Heterosexualität. Immer geht es um Männer, die um Frauen buhlen, um Spieler, die Spielerfrauen haben. Homosexualität ist dort ein Tabu.
4. Das ist beim ESC umgekehrt: 100 Millionen Zuschauer gucken Jahr für Jahr – Tendenz: wachsend! – dieses Festival. Selbstverständlich sind es überwiegend heterosexuelle Menschen, die zuschauen an diesem Abend aller Abende in einem Jahr. Aber, darauf kommt es an: Das Gros der Fans und Helfer und Journalisten sind eben anders als die meisten anderen Männer. Unter Schwulen selbst durfte es in der ESC-Community viele Jahre nicht gesagt werden: Manche meinten gar, das dürfe nicht ausgesprochen werden, weil es darauf nicht ankomme. Ja, das könnte sein. Aber wenn dem so ist, dann muss man ja auch nicht schweigen, oder?
5. Serbien wird eine wunderbare Festivalzeit erleben. Die Polizei ist von Präsident Tadic so geimpft worden, jede Form von nationalistischer Gewalt einzudämmen – wie eine glimmende Zigarettenkippe in einem Wald, auf dass er nicht anbrenne.
6. Wenn in der ESC-Community über die gesellschaftlichen Bedingungen eines ESC debattiert wird, ist das ein gutes Zeichen. Früher glaubten alle, der ESC sei doch nur Musik, blöde Musik, albern, kindisch, blöde. Ja, dann scheinen wohl 100 Milllionen Zuschauer so abgewertet zu sein: Und die werden sich bedanken.
7. Will sagen: Der ESC war immer auch in einem symbolischen Sinne politisch. Er hat viel Frieden gestiftet. Europa wäre ärmer, hätte es den ESC nicht gegeben. Demokratische, lebenslustige, die Vielfalt mögende Serben werden das noch erleben: In Belgrad wird eine Armada an guter Laune einfallen. Klasse, das!