Amnesty macht mobil

3. April 2012

Das schrieb die renommierte Menschenrechtsorganisation Amnesty International über ihren Pressedienst in alle Welt: “Genau vor einem Jahr nahm die Polizei in Baku Dutzende friedliche Demonstranten fest, die sich über Facebook zu Protesten verabredet hatten. Bis heute sind 14 von ihnen in Haft. Deshalb startet Amnesty über Facebook und Twitter eine Kampagne, um ihre Freilassung zu erreichen und sich für Meinungsfreiheit in Aserbaidschan einzusetzen.” Das finde ich gut. Aber dass ich das ziemlich verdienstvoll finde, menschenrechtlich Kritik zu üben – gerade weil Aserbaidschan sonst nicht so im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit steht: Nützt das irgendwem?

Ich schätze nicht. So wie Stimmen, die in der Öffentlichkeit nicht mindestens das Gewicht von Popstars haben, eben eher verrauschen als dass sie einen tieferen Eindruck hinterlassen könnten, selbst wenn sie wollten. Aber Amnesty International hat eine Menge geeignete Supporter für die Kampagne gefunden, und die prominenteste in Großbritannien, wo die Zentrale der Organisation sitzt, ist eindeutig Sandie Shaw. Sie, die legendäre “Puppet On A String”-Chanteuse und ESC-Siegerin von 1967 in Wien, erklärte nun, dass sie die Inhaftierung von Demonstranten, die nichts als ihr Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit in Anspruch genommen haben, verurteile. Auch Thomas D ist im Reigen der Stimmen, die protestieren – er sagte schon vor längerem: “Vom Recht, seine Meinung zu sagen, können leider nicht alle Menschen so einfach Gebrauch machen wie wir. In manchen Ländern kann man dafür ins Gefängnis kommen.” Das ist mit diplomatischem Feingefühl formuliert – Thomas D wird in seiner Kritik nicht allzu krass. Mit seinem Aufruf „Jeder soll sagen und singen können, was er will. Gebt Baku eine Stimme!” bewegt er sich immer noch in seinem musikalischen Referenzrahmen. Thomas D will nämlich noch unbehelligt in Baku zwei Wochen arbeiten, am ESC nämlich, da verbietet es auch die Kunst des Zu-Gast-Seins, mehr als konfrontativ zu sein.

Weitere Unterstützer der Amnesty-Kampagne sind Didrik Solli-Tangen (ESC-Kandidat Norwegen 2010), A Friend in London (Dänemark 2011) und die Ukrainerin Aljosha (2010). Sie alle machen mit – und das ist, bei aller Kritik an der wohlfeilen Geste, ziemlich gut und ermutigend und freundlich und echt europäisch. Diese Künstler und Künstlerinnen haben mehr vom Geist des ESC begriffen als viele Fans, denen das Politische zu grell, zu riskant, zu uncool ist.

Marie von Möllendorff, in Deutschland bei Amnesty International zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, sagte gestern zurecht: „Der Veranstalter, die European Broadcasting Union, hat die einmalige Gelegenheit von der Regierung zu fordern, die Meinungsfreiheit zu respektieren – und zwar auch nach dem Wettbewerb, wenn die europäische Öffentlichkeit sich nicht mehr auf Aserbaidschan konzentriert. Oppositionelle in Aserbaidschan leben seit zwanzig Jahren in einer Atmosphäre der Angst. Wenn sie sich nach dem 26. Mai endlich frei äußern könnten, dann wäre das ein echter Erfolg für den Song Contest.“

Ich will nicht naiv sein, niemand sollte Illusionen anhängen – aber Aserbaidschan wird, falls es nicht nochmals gewänne, mit Ablauf der Pfingsttage aus dem öffentlichen Blickfeld geraten – dann werden alle Teilnehmenden von Baku wieder zuhause sein. Aber das steht doch jetzt schon fest: Soviel internationale Solidarität hat die aserbaidschanische Demokratiebewegung (in- und außerhalb der staatlichen Apparate) nie ernten können. Das ist Eurovision im besten Sinne.

Minsk? Auf keinen Fall!

16. Februar 2012

Es gab bislang viele Berichte über die tatsächlich katastrophale Menschenrechtssituation in Baku – und das interessierte bisher wenige bei uns. Nun rückt es in die allgemeine Aufmerksamkeit, denn in der aserbaidschanischen Hauptstadt findet Ende Mai der ESC statt. Insofern: Gut, dass es so kommt, denn ein kleines, durch Rohstoffe wie Öl und Gas potentiell sehr wohlhabendes Land gelangt so auf die politische Agenda.

Flagge Aserbaidschans in einer Landkarte. Foto: ANP

Der beste Report lief gestern abend beim NDR im Dritten, bei “Zapp”. Nicht wohlfeile Empörung und politisch kostenloser Eifer stand dort im Mittelpunkt, wie etwa neulich in der “Berliner Zeitung”. Wir konnten vielmehr sehen, was momentan der Sachstand ist. Die Autoren des Beitrags ließen uns wissen, dass Menschenrechtsaktivisten in Baku keineswegs möchten, dass der ESC in Aserbaidschan nicht stattfindet – aber die Fans und Journalisten mögen bitte immer die politische und gesellschaftliche Situation mit bedenken, mögen sehen, dass der ESC eben keineswegs eine unpolitische Veranstaltung ist.

Was ist er dann? Im Falle Aserbaidschans – und Spaniens 1969 – auch eine Propagandashow der in Baku herrschenden Elite. Medienjournalist Stefan Niggemeier erklärte das Problem: Nicht, dass der ESC in Baku präsentiert wird, sei schlechthin problematisch, sondern dass die European Broadcasting Union so tut, als seien für das Festival im Mai keine menschenrechtlichen (das heißt: polizeistaatlich angeheizten) Kosten zu tragen. Dass sie also weiterhin die Rolle des Vogel Strauß bevorzugt – weggucken und so tun, als sei nix.

Okay, die aserbaidschanische Regierung hat der EBU schriftlich versichert, man garantiere dem ESC-Tross, sich unbehelligt und frei im Lande bewegen zu können. Da möchte man ironisch ausrufen: Danke, Aserbaidschan! Aber immerhin.

Ich sehe es im Grundsätzlichen so, ich schrieb es hier häufiger: In Baku erwartet der demokratische Untergrund des Landes unsere Unterstützung. Dass wir nicht achtlos an ihnen vorbei gehen, dass wir sie wahrnehmen, dass wir, so sagte es eine Menschenrechtlerin, mit den Menschen in Baku sprechen. Und wenn das so wäre, könnte der ESC für die Menschenrechtsaktivisten in Aserbaidschan immerhin diesen Effekt bewirken: Dass die Situation im Lande sich im Sinne der Maßstäbe unseres Grundgesetzes oder der Menschenrechtscharta Europas bessert.

Die Nachricht des Tages aber erfuhren wir am Ende des Beitrags: Thomas Schreiber, bei uns der Chef des ESC in der ARD, wird, falls Weißrussland gewänne, unmittelbar nach einem solchen Sieg für die ARD die Frage aufwerfen, ob Deutschland dann an diesem ESC teilnehmen könne – in einem Land, wo eine “lupenreine Diktatur” herrsche.

Das finde ich richtig bemerkt. Ein Aspekt aber müsste noch erörtert werden: Müsste man undemokratischen, viertel- oder halbtotaliären Systemen nicht generell die Teilnahme am ESC verweigern? Und wenn nein, wenn also ein Fernsehprojekt, und sei es das populärste, so etwas wie demokratischen Geist in ein Land hineinträgt: Müsste man dann nicht die Regel formulieren, dass in einem Land wie Weißrussland kein ESC stattfinden dürfte?

Eine verzwickte Situation – das gebe ich zu. Aber es ist beruhigend zu wissen, dass Minsk für die ARD offenbar keine Option ist. Wobei man sagen muss: Die weißrussische Chanteuse, die in Baku antreten soll, hat ein so grottiges Lied anzubieten, dass sie es noch nicht einmal bis ins Finale von Baku schaffen wird. Die Notwendigkeit, sich mit “Minsk 2013″ auseinanderzusetzen, wird 2012 sicher nicht kommen.

P.S.: Und jetzt noch zu “Unser Star für Baku” direkt, also zum heutigen Finale. Ornella? Ihre größte Leistung ist, dass sie den Sprung ins Finale geschafft hat. Und böse Zungen sagen auch, sie habe uns Yana im Finale erspart, denn deren Tränen konnte man ja nicht immer so ganz und gar glauben. Dass Roman gewinnt, klingt fast trivial. Aber: Wer sollte es denn sonst werden?

Übrigens diskutiere ich im Anschluss an die Sendung wieder live das Ergebnis und die Frage, wie es mit der Berichterstattung über Baku nun weiter geht mit Zapp-Redakteurin Annette Leiterer. Ihr könnt, Sie können, live eure/Ihre Fragen stellen oder sie hier schon vorher an uns schicken.

Kann ein Lied eine Brücke sein?

8. Februar 2012

Ich war noch nie in der aserbaidschanischen Hauptstadt. Nach allem, was ich höre, muss es dort zwiespältig sein. Sehr arm auf der einen Seite, funkelnde Glaspaläste auf der anderen. Eine Demokratie ist das Land nicht, es gibt Berichte von Menschenrechtsverletzungen der üblen Sorte.

Ich persönlich bin trotzdem neugierig auf den Eurovision Song Contest in Baku. Und ich hätte gern, dass dieses Land, jedenfalls die Bevölkerung von Baku, viel von dem freien Spirit mitbekommt, der einen ESC – schon in queerer Hinsicht - umweht. Von Boykottforderungen halte ich nichts.

Ich bin beeindruckt von Beiträgen, die Länder wie Aserbaidschan anlässlich der Eurovision in den Fokus rücken, weil der ESC eben nicht unpolitisch ist. Egal ob die European Broadcasting Union, die Oberaufsicht über das Spektakel, dies seit Jahrzehnten so behauptet. So ein Beitrag lief vorigen Sonntag im ARD-Kulturmagazin titel thesen temperamemente - kurz ttt. Was ich diesem Film unter anderem entnahm, waren die verzweifelten Worte einer Bürgerrechtlerin, die keineswegs wünscht, dass der ESC in ihrem Land unbesucht bleibt. Ähnliches sagte sie auch einem Autor von eurovision.de, der sie bereits im November in Aserbaidschan traf. Im Gegenteil: Sie wünscht sich, dass alle kommen.  Aber, so lautet ihre Pointe, die Gäste sollen mit den Menschen sprechen, nicht nur mit den ESC-Menschen, sondern mit gewöhnlichen Bakuern oder Aseris überhaupt.

Es sind, auch das hörte ich, wahnsinnig freundliche Leute.

Das könnte die Parole für den ESC in diesem schwierigen Land sein: Sich nicht von der Politik überwältigen zu lassen.

Aber politisch bleibt die Chose dennoch, wie auch heute in der Süddeutschen Zeitung zu lesen stand, wo wir erfahren, dass Markus Löning, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung heftig in einer Zeitung Aserbaidschans angekoffert wurde. Davon kündete auch die spannende Spiegel-Reportage von Stefan Niggemeier vom Montag (Nr. 6). Die autokratischen Regenten in Baku müssen damit leben: Mit dem ESC kommt eine Form von Buntheit und Vielfalt ins Land, die man dort vielleicht kennen möchte, die aber nicht erwünscht ist.

Was aber nicht geht, finde ich, ist die Haltung von Lukas Heinser, Oslog- und Duslog-Videoblog-Kollege von Stefan Niggemeier, der im Fachmagazin “Journalist” bekannte, dass die Politik nur eine Nebenrolle spielen könne, jedenfalls sieht er im ESC ein “glitzerndes Raumschiff”.

Wichtig scheint mir die Idee der Entspannungspolitik in der Bundesrepublik der sechziger Jahre: Kontakte zu pflegen in die Regime des realen Sozialismus, auf dass sie sich im Konkret-Menschlichen bewegten. Der berühmte “Wandel durch Annäherung”. Und am Ende? Glasnost und Perestroika. Das in Aserbaidschan, und sei es anlässlich des ESC, zu schaffen, wäre doch ein gutes Ziel, oder?

Herr Rubinowitz aus Wien war übrigens voriges Jahr in Baku – er hatte den richtigen Riecher, im Land der künftigen Sieger die Übertragung aus Düsseldorf zu verfolgen. Wie er Baku fand? Nicht die Hölle. Aber langweilig. Aber das, nun ja, ist ein anderes Problem.

P.S.: Für die erste ARD-Übertragung von “Unser Star für Baku”, treffe ich folgende Prognose. Erstens wird alles jenseits von Roman Lob entschieden, denn er scheint ohnehin fürs Finale gesetzt. Und: Es könnte Ornella treffen. Okay, Katja scheint ja immer fällig, aber sie rettete sich auch immer in die nächste Runde. Und: Wie es dann gewesen sein wird, seht ihr, sehen Sie im Livestream und anschließenden Video-Gespräch auf eurovision.de. Fragen an mich und den Kollegen Christian Buß können schon jetzt per Mail oder live im Chat während der Sendung gestellt werden.

Und das garantieren mein Spiegel-Online-Kollege Christian Buß und ich: Wir werden uns nie einig sein.

And the Winner is not …

26. Oktober 2011

… Dana! Die Iren haben ihre Stimmen bei der Präsidentschaftswahl abgegeben, heute beginnt die Auszählung, mit einem ersten Ergebnis wird frühestens am Samstag gerechnet. Und sehr, sehr vermutlich bleibt uns die – mit gewissem ESC-Blick versehen! – bizarrste Anekdote erspart: Rosemary Scallon, uns besser bekannt als Dana, erste irische ESC-Siegerin 1970, ist als Einzelkandidatin angetreten, nachdem alle großen Parteien sie nicht zu ihrer Lieblingsaspirantin ausrufen wollten. Es läge jetzt nahe, ihr viel Glück zu wünschen, und das gälte uneingeschränkt für das Showgeschäft, aber in politischer Hinsicht, nun ja, wäre eine Mehrheit für diese Politikerin gleichbedeutend mit einem katholisch-fundamentalistischen Erdrutschsieg. Denn Scallon mag zwar auf den ersten Blick damals süß und zart und irisch gewirkt haben, ja, man möchte ihr inzwischen sogar diese gewisse Adrettheit amerikanischer Vorstadthausfrauen attestieren, aber sie ist eine Wölfin im Schafspelz.

Dana gewann 1970 als erste irische Sängerin den Grand Prix.

Dana gewann 1970 als erste irische Sängerin den Grand Prix.

Sie vertritt absolut illiberale Auffassungungen, ist gegen die Gleichberechtigung von Homosexuellen und dafür, dass Frauen, die abgetrieben haben, bestraft werden. Verhütungsmittel wie Kondome lehnt sie als antichristlich ab – und das alles zusammen genommen mit einem gehörigen Schuss Blindheit in sonstig politischer Hinsicht lässt mich nur sagen: Da kann sie noch so viel “All kinds of everything” in ihrem Wahlkampf versprechen, also etwas von allem, ein Sammelsurium mithin, nein, wählbar ist sie für ESC-Fans nicht. Mein Freund Paddy aus Cork lacht ebenso über sie wie eine Freundin aus Galway, die wiederum das Gesicht von Dana im Stile von Andy Warhol im Kunstunterricht ihrer örtlichen Volkshochschule gefertigt hat. Aber, nein, politisch sei sie nicht ganz bei Trost – und obendrein hat sie im kurzen Wahlkampf heftig und öfter gepatzt.

Mal musste sie sich gegen Vorwürfe verteidigen, sie habe einen Fall von Kindesmissbrauch im US-amerikanischen Zweig ihrer weitläufigen Familie vertuschen wollen; mal glaubte sie versprechen zu können, als Präsidentin von Irland würde sie ein Veto einlegen im Falle von missliebigen Entscheidungen auf EU-Ebene. Das aber stünde ihr als Oberhaupt des Landes nicht zu. Kurzum: Dana wird heute in Irland eine weitere politische Niederlage kassieren – und wir raten ihr somit: Kopf hoch, du legendäre ESC-Siegerin, aber wärst du doch bei deinen Leisten geblieben, hätten wir dich noch lieber in Erinnerung behalten.

Samisdat – heimliche Botschaften

16. Mai 2009

Angst! Das erste Mal seit 30 Jahren habe ich so etwas wie Angst vor rechtsradikalen, klerikalistischen oder nationalistischen Schlägern gehabt. Moskau am Vormittag des ESC-Finales. Das heißt: Der Kreml ist abgesperrt, die Einkaufsstraße Twerskaja ist gesäumt von zweitausend Polizisten und Milizen. Ohne andere Wirklichkeiten missdeuten zu können, aber sie sehen wie Brutalos aus. Als wir, eine kleine Gruppe, Karen aus Dublin, Stavros aus Rhodos, Bent aus Arnhem, Matti aus Hamburg, Ivor aus Bremen, Iris aus Hamburg und ich endlich am Novopuschkin Skwer ankommen, ist dieser Platz noch stärker militarisiert.

Schwulenparade

Man sieht, wie die Polizei Männer verhaftet und abführt, sie in Einsatzwagen sperrt. Zu hören sind Krankenwagen mit heulendem Einsatzton. Als wir auf dem Platz stehen bleiben und nur miteinander plaudern, werden wir harsch aufgefordert, weiter zu gehen. Ein Polizist, des Englischen mächtig, sagt mir, ich solle nur meine Zigarette auf dem Boden ausdrücken, was ja verboten ist, dann würde ich schon sehen, was ich davon habe. Es liegt ein unfassliches Klima der Bedrohung über der Szene – ein journalistischer Kollege flüstert mir zu, der Kern der Parade sei schon zerbröselt worden. Nikolai Alexeew, der Kopf der russischen Homobürgerrechtler sei verhaftet und abgeführt worden. Wir haben unsere Pässe in den Taschen, wir sind Journalisten, wir fürchten, jeden Moment verprügelt zu werden.

Eine Moskauerin sagt uns, wir sollen jetzt wieder gehen, wir als Ausländer könnten mit der Situation nicht gut umgehen, aber wir müssten in der Gruppe laufen, sonst liefen wir Gefahr, von rechten Schlägern verfolgt und geschlagen zu werden. Das ist Europa, denke ich, Europa in Russland ist eine einzige Behauptung, mit keinem Leben gefüllt. Ich beginne die Homos zu verachten, die einen CSD für unpolitisch halten und die glauben, in ihren privaten Nischen es gemütlich zu haben. Andererseits kann ich jeden ESC-Fan verstehen, der nicht bei der CSD-Parade, die keine sein durfte, dabei sein mochte. Man muss sich ja nicht willkürlich in schlimme Gefahr bringen. Moskau glänzt, dieser Glanz hat etwas Bedrohliches.

Gestern erhielt ich eine Mail von meinem Wiener Freund Kurt Krickler. Er liebt Moskau, er hat hier Freunde und schrieb mir, wo die Demo nun stattfindet. Demo? Ist der ESC nicht selbst eine Demonstration des Europäischen unter sportlichen Vorzeichen? Er meint natürlich den Versuch von Moskauer Homosexuellen, am Samstag, dem Tag des ESC selbst, einen russischen Christopher Street Day zu veranstalten. Diese Information korrespondiert mit einem Anruf gestern auf meinem Handy, am anderen, norwegischen Ende, Georg Uecker. Er würde mit Thomas Herrmanns gern in Moskau dabei sein, der Lieder wegen, natürlich. Aber er sei nun in seiner zweiten Heimat Norwegen und wenn etwas passiere, dann möge man ihn und Thomas Herrmanns anrufen. Und passieren kann am Nowopuschkinskij Skwer in der Nähe der dortigen McDonald’s-Filiale, eine Menge.

Beim Versuch Moskauer Bürgerrechtler, vor drei Jahren einen CSD zu feiern, schlugen Milizen und nationalistische Mobs zu. Solidarische westliche Politiker wurden davon damals in Mitleidenschaft gezogen, blutig. Jetzt dachten sich die Moskauer CSD-Initiatoren, wenn schon dreitausend Homosexuelle aus 41 Ländern in Moskau zum ESC zu Gast sind, was wäre da naheliegender, als es abermals mit einer Parade zu probieren? Die Moskauer Polizei traue sich dann nicht zuzuschlagen. Nun ja, zunächst hat Bürgermeister Luschkow eine solche Demonstration verboten. Jetzt aber ist die Demo doch wieder anberaunt, ob verboten oder nicht. Dass ich überhaupt von dieser vermutlichen Mikroparade weiß, ist eben Kurt Krickler aus Wien geschuldet, der Mann von der Homosexuellen Initiative Wien. Das nenne ich “Samisdat” – Samisdat-Literatur war im zaristischen Russland eine Form des Untergrundschrifttums, das an der Zensur vorbei nach Öffentlichkeit suchte.

So fühle ich mich in Moskau: Wie zurückgebeamt in die frühen Siebziger, als Homosexuelles nur in pornografischer Form als Bückware erhältlich war. Politische, gesellschaftliche Informationen über Nicht-Heterosexuelles gab es nicht – und das ist eben auch das Russland von heute. Neulich sagten mir einige schwule Deutsche, die nicht zum ESC-Tross gehören, dass sie nicht zur Demo gingen. Man dürfe die Russen nicht stören, lieber treffe man sich am Strand der Moskwa und genieße das Leben. Nun, solche Statements kenne ich von früher: Schwule, die alle sexuellen Freiheiten in Nischen finden wollen, aber partout keine Courage haben, für das Recht auf Selbstbestimmung auch in der Öffentlichkeit einzutreten. Viele ESC-Fans denken ähnlich: Nein, der ESC sei nicht politisch, und man könne nicht riskieren, dorthin zu gehen. Auch dieses Argument ist mir geläufig: Sich bloß nicht zeigen, sich lieber in Fanclubs oder Kellerkneipen treffen, aber jene, die das Recht auf Meinungsfreiheit in Anspruch nehmen, auch noch als Krawallsucher abtun.

Ich würde sagen, dass der ESC seit den frühen Neunzigern nur so groß werden konnte, weil in den wohlhabenden liberalen Ländern Schwule und Lesben sich nicht darum scherten, ob sie einige Menschen verschrecken könnten. Sie machten CSDs einfach – und davon profitieren heute auch jene, die so tun, als sei ein schwulenfreundlicher ESC nicht auch ein Resultat des politischen Aufbruchs. Es gibt, zugegeben, unter deutschen ESC-Fans eine Menge Leute, die noch dem Schlagersumpf der Siebziger nachhängen und am liebsten Ireen Sheer abermals aus der Versenkung holen würden. Das sind nach meiner Beobachtung die gleichen, die heute einen CSD so scheuen wie der Teufels das prosecco-getränkte Weihwasser. Schade, dass es so viele Angsthasen gibt. Dass Oscar Loya nun erklärt, er wolle zu diesen Fragen keine Stellung beziehen, ist hingegen völlig okay: Er soll singen. Schlimm genug, dass russische Medien ihn verspöttelt haben als schwulen Mann. Aber die anderen? Die könnten wenigstens am Rande stehen morgen am Novopuschkinskij Skwer und den Moskauern CSD-Leuten das Gefühl geben, nicht allein gelassen worden zu sein.

Mutige Moskauer!

6. Mai 2009

Das muss mit dem Tapferkeitsorden prämiert werden: Die Moskauer Homosexuellen trauen sich etwas, woran aus Gründen des Hasses, dem sie sich nicht aussetzen wollten, die Belgrader Lesben und Schwulen nicht einmal zu denken wagten. Sie veranstalten einen CSD! Nicht irgendeinen, nicht irgendwann – sondern am Tag des ESC-Finales am 16. Mai. Das verdient deshalb Würdigung, weil die Moskauer Stadtverwaltung bis heute Stunde um Stunde damit droht, eine solche Demonstration nicht zuzulassen. Schwule dürften existieren, so argumentieren die Stadtoberen, aber sie seien krank, dürften sich nicht zeigen, schlimm genug, wenn sie überhaupt miteinander ins Benehmen kommen – jedenfalls dürfe das öffentlich nicht stattfinden.

CSD. Foto: dpa / picture-alliance

Und was tun die Organisatoren? Lassen sich nicht einschüchtern. Machen es trotzdem. Denken sich: Moskau will in Europa unbedingt als tolerant wahrgenommen werden, will mit viel Geld einen ESC der Luxusklasse organisieren – und kann nicht riskieren, dass die angeblich aufregendste Metropole der östlichen Welt mit Polizeigewalt, mit Tränengas, mit Knüppeln und mit dem aufgehetzten Mob im Hintergrund gegen den CSD vorgeht. “Das wagen die sich nicht!”, hat mir heute vormittag noch Kurt Krickler von der Homosexuellen Initiative Wien erzählt. Er ist seit 30 Jahren einer der wichtigsten Kundschafter aus dem Europa ohne Eisernen Vorhang, ein Mann, der Russland kennt – Moskau sowieso und die Verhältnisse ganz präzise.

Krickler sagt: “Dieser CSD ist der wichtigste seit den Stonewall-Unruhen 1969 in New York. Es ist wichtig, ihn nicht zu ignorieren, weil die russischen Homosexuellen die Unterstützung dringend nötig haben”. Präsident Medwedjew soll, so heißt es ebenfalls aus meinen Quellen, intern formuliert haben, dass man nichts unternehmen werde. Er will sich als Mann des politischen Frühlings weltweit zeigen. Ich finde das alles gut und prächtig – und alles vor allem im Einklang mit den Regeln der UNO, der Menschenrechts-Charta, den Gedanken der Europäischen Räte, welche auch Russland mit unterzeichnet haben.

Und wer aus Deutschland meint, ein Fan des ESC sei unpolitisch, der signalisiert nur, in den Siebzigern zu Schlagerzeiten eingefroren zu sein. Ich finde, in Moskau geht es hauptsächlich um die Krone der europäischen Popmusik. Norwegen ist nach wie vor Favorit. Mein politischer Favorit ist aber das Komitee, das sich diesen CSD vorzubereiten traut – und das darf auf Solidarität hoffen. Oder?

P.S.: Und es ist ja nicht so, dass die Moskauer CSD-Organisatoren nicht wüssten, dass sie am 16. Mai in ihrer Stadt 4.000 Männer und Frauen aus 45 Ländern zu Gast haben, welche zunächst Musik, dann vielleicht Politik machen. Deshalb ist doch dieser Termin gewählt worden. Wichtiger aber noch ist, so wurde mir mitgeteilt: Die Deutsche Bundesregierung hat auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke unter dem Titel “Menschenrechte für Lesben und Schwule während des Eurovision Song Contest in Moskau” geantwortet.

Und zwar: “Die Bundesregierung beobachtet die Situation der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit in Russland mit Sorge. (…) Die Bundesregierung hebt regelmäßig die Wichtigkeit der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit in Russland gegenüber der russischen Regierung hervor. Dies schließt Versammlungen und Demonstrationen von Lesben und Schwulen ein.” Schließlich der wichtigste Satz: “Das Auswärtige Amt steht auch in Kontakt mit russischen Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Belange von Lesben und Schwulen in Russland einsetzen, wie z.B. die Organisation “Projekt Gay Russia” (Veranstalter der “Gay Pride” in Moskau).”

Ist das nicht ein Wink mit dem Zaunpfahl? So gemeint als: Schlagt nicht zu – wir gucken nämlich ganz genau hin!

Dabeisein ist alles!

27. August 2008

Der Rundfunkchef des estnischen Fernsehens ERR wollte es nur als Impuls zu einer Debatte verstanden wissen, aber im Baltikum selbst ist die Diskussion längst entbrannt: Sollte, wie es die estnische Kulturministerin Laine Janes formulierte, der ESC in Moskau als “Geste der Solidarität” mit Georgien boykottiert werden? Und diese Debatte läuft nicht einfarbig. Die meisten Musiker und Künstler Lettlands, Litauens und Estlands haben sich dagegen ausgesprochen. Raimond Pauls, legendärer Komponist aus Riga, meinte, die kleinen Länder bräuchten das Festival als Plattform, um selbst über ihre Kulturen hinaus bekannter zu werden. Andere gaben zu bedenken, dass ein Boykott gerade kleiner Länder in den großen Nationen keinen Widerhall finden würde.

Meine Meinung ist klar: Der Konflikt im Kaukasus ist keineswegs eindeutig dem großen Russland anzulasten. Wer hier mit welchen Streichhölzern zündelt, ist in den politischen Eliten Europas wie Nordamerikas durchaus umstritten. Ein Boykott des ESC wäre insofern eine einseitige Privilegierung der georgischen Sicht – zumal das Land selbst noch mit keinem Wort erwähnt hat, dass es nächstes Jahr im Mai nicht teilnehmen wolle. Ein Boykott interessiert letztlich niemanden. “Dann fehlen eben zwei bis vier Länder …”, wird sich das gesamteuropäische Publikum sagen: Na und?

Und was in einem Dreivierteljahr los sein wird, welcher Konflikt wo lodert oder ausgetragen wird, ist offen. Gut möglich, dass dann die Konfliktlinien im Kaukausus ruhig wirken. Wichtiger aber noch ist, dass ein Boykott immer dem Boykottierer schadet, nie dem Objekt des Boykotts. Das ist bei Olympischen Spielen auch schon immer so gewesen. Die westlichen Länder, die die Spiele von Moskau sabotierten, haben ihre besten Athleten untröstlich gemacht; ebenso die moskautreuen Länder ihre Sportler, die 1984 nicht nach Los Angeles fahren durften.

1969 sollte, so ging die Diskussion in den Niederlanden, Schweden und Norwegen, der ESC von Madrid boykottiert werden – so könne man ein Zeichen gegen Francos Diktatur setzen. In Wahrheit hätte es nichts genutzt: Francos Regime implodierte auch ohne Solidaritätsgesten aus der ESC-Community 1975. Und in Madrid 1969 hätte man die niederländische KandidatinLenny Kuhr um ihren Triumph gebracht.

Aber, so denke ich, wer im Spiel bleiben will, muss eben im Spiel bleiben. Wer kein Spiel will, wird nicht gezählt. Das Baltikum mag Angst vor dem Land haben, das den Kern der Sowjetunion ausgemacht hat: Für Estland, Lettland und Litauen wäre es am besten, würde eines ihrer Lieder so gut sein, dass es am 16. Mai in Moskau gewinnt. Die estnische Diskussion erweckt nämlich den Anschein, dass sich da ein Land aus dem Wettbewerb schummeln will. Seit 2004 ist Estland
nicht mehr gut genug für ein Finale gewesen. Die Debatte um den Boykott macht den Eindruck, als wollte sich ein Verliererland eine weitere Niederlage politisch wohlfeil ersparen.

Putins Diktat: Moskau

5. August 2008

Dass der russische TV-Kanal Ch1 sich schließlich für Moskau als Ort des 54. ESC entschied, ist keine Überraschung. St. Petersberg hätten die meisten Fans zwar lieber gewesen, weil es einfach nicht so teuer ist wie die Hauptstadt des Landes. Zwei Wochen Proben möchten bezahlt sein: Hotel, Flug, Essen, Getränke und ein wenig Nachtleben – das zehrt in Moskau garantiert mehr. Aber was kann schon ernsthaft gegen Moskau sprechen, nachdem selbst der “Spiegel” es neulich zur coolsten zeitgenössischen Stadt des Kontinents erklärt hat. Moskau ist eine Prestigefrage gewesen, hieß es aus Kreisen von russischen ESC-Fans wie aus dem Umfeld der Regierungsopposition.

Blick auf den Kreml. Foto: dpa

Nebenbei: Nur selten hat ein Land einen ESC nicht in seiner Hauptstadt ausgerichtet, schon gar nicht beim Debüt. Schweden entschied sich 1975 auch für seine Hauptstadt, als es erstmals einen ESC ausrichtete, danach erst kamen Göteborg und Malmö dran; Norwegen hingegen ließ das Festival 1986 in Bergen ausrichten, nicht in Oslo, der Hauptstadt.

Jedenfalls: Wladimir Putin, Ministerpräsident und Expräsident, wollte Moskau als Austragungsort – und mit der Sponsorenkraft von Oligarchen soll aus dem nächsten ESC der größte und prächtigste seiner Geschichte werden. Die Halle steht noch nicht fest, die bestimmt die ESC-Geschäftsführung mit, weil von ihr auch die Hälfte des Geldes stammt, das in dieses Event fließt. Aber Experten aus Russland sagen, dass es die Halle des Olympiakomplexes sein wird, eine Monsterbehausung mit 46.000 Zuschauern Fassungsvermögen. Es wäre die zweitgrößte ESC-Halle aller Zeiten – die publikumsstärkste Bühne gab es 2001 in Kopenhagen, als eigens für das Festival ein Fußballstadion überdacht wurde und hernach 50.000 Männer und Frauen Platz fanden.

Echter Internationalismus!

8. Mai 2008

Die im westlich-liberalen Ausland geäußerten Sorgen über die Sicherheit von Eurovisionsfans in Belgrad haben gefruchtet – und das ist möglicherweise der wichtigste Sieg in diesen zwei Wochen bis zum 24. Mai in Serbien. Die Bürgerrechtsgruppe Gej Strejt Alijansa (esc2008@gsa.org.rs) wird einen Flyer mit speziellen Tipps für den Aufenthalt in Belgrad veröffentlichen. Und zwar mit finanzieller Unterstützung der britischen Botschaft – United Kingdom: Twelve Points!, möchte man da sagen -, die den pekuniär klammen Bürgerrechtlern mal kurz unter die Arme greift.

Vorangegangen waren Gespräche auf höchster Ebene, an der Eurovisionsvertreter beteiligt waren, Sprecher von Gej Alijansa sowie der höchsten Polizeiorgane des Landes. Und dies mit ausdrücklicher Billigung von Präsident Boris Tadic, dessen europäisch orientierte Partei am Wochenende in die Parlamentswahl geht und fürchtet, gegen die Nationalisten zu unterliegen. Aber der ESC wird stattfinden, und die Sicherheitsbehörden haben zugesagt, dass alle Schwulen, Lesben, Transgender und Bisexuellen (so der Fachausdruck) sich vertrauensvoll an alle Belgrader Polizisten und Polizistinnen wenden können, wenn sie sich unsicher fühlen.

Alle Gäste in Belgrad werden dringend gebeten, sich bei der Einreise diesen Flyer mit allen nützlichen Telefonnummern zu besorgen: Er könnte wichtiger als ein Reisepass sein! Die oben angegebene E-Mail-Adresse soll angeschrieben werden, falls irgendetwas prekär wirkt: Sie wird sekündlich auf Posteingänge kontrolliert.

Ich finde: Der politische Protest – von Skandinavien über Spanien, Deutschland bis nach Israel – hat gefruchtet. Wir freuen uns auf Serbien! Jetzt erst recht!

Heißes Pflaster Serbien

24. April 2008

DQ beim ESC 2007. Foto: Rolf Klatt/NDR

Vorwarnung, liebe Leser, auf den folgenden Zeilen verlassen wir die heile Welt der Eurovision, es wird nur eingeschränkt von Glitter und Flitter die Rede sein, von Armbewegungen, Schuhen und T-Shirts, sondern vom wahren Leben jenseits aller Idyllen.

Ich sag es mal so: Alle ESC-Fans wissen es. Die Szene bei der Eurovision vor und hinter Bühne – und manchmal auch auf ihr – ist mehrheitlich schwul. Selbst die britische Jungmännergruppe Take That sah dies so, als sie gefragt wurde, für Großbritannien in Belgrad an den Start zu gehen. Nein, man habe andere Ziele, aber man möchte vor allem nicht riskieren, als homosexuell zu gelten. Nun denn: So nahmen sie sich selbst die letzte Chance, aus einem Comebackversuch ein echtes Revival zu machen – weil sie nicht für schwul gehalten werden wollten.

Selbst schuld, aber wie dem auch sei: Früher war das alles ein offenes Geheimnis, aber es ist längst gelüftet. Ein Eurovision Song Contest ist bei Fans und Journalisten, die tagelang sich jede Probe anschauen, aber auch bei Touristen, die einfach nur zum Event selbst fahren eine Art Woodstock des CSD-Zeitalters. Für Menschen, die nicht eingeweiht sind: CSD ist eine Abkürzung für Christopher-Street-Day und in sehr vielen, vor allem west- und nordeuropäischen Städten, einmal im Jahr der politische Karneval von Schwulen und Lesben.

Beim ESC wiederum hat man das längst erkannt. Die Organisatoren des vorjährigen Festivals in Helsinki haben sich sogar das Verdienst erworben, einen eigenen Regenbogenstadtplan zu entwickeln – und die 20.000 Menschen, die in die finnische Hauptstadt angereist kamen, dankten frenetisch – die Stadt war quasi eine gute Woche lang überflutet mit Fans, die es sich im Frühlingsklima Nordeuropas gut gehen ließen: eine Fiesta im Zeichen der Völkerverständigung unter der Regenbogenflagge.

Und Belgrad? Hier fangen die Probleme an – und hören einfach nicht auf. Besorgt erkundigte sich vor Wochen die EPOA, die Union aller europäischen CSDs, bei Svante Stockselius, ob in Belgrad an die Sicherheit der schwulen Fans gedacht sei. Der Generalsekretär des ESC antwortete, wie wir hier auch im Blog nachlesen konnten, dass die sexuelle Orientierung keine Rolle spiele, aber generell für die Sicherheit durch die serbische Polizei gesorgt werde – das habe ihm der serbische Präsident und auch die Belgrader Kommunalbehörden versichert. Allein: Auf die Polizei war vor sieben Jahren kein Verlass, als eine queere Christopher-Street-Parade in Belgrad veranstaltet wurde – und diese unter tätigem Wegsehen der Ordnungshüter vom nationalistischen Mob schlicht blutig zusammengeprügelt wurde.

Nun: Es sind sieben Jahre vergangen, Serbien will in die Europäische Union – und allein deshalb kann sich dieses Land nicht erlauben, dass es zu Gewalt gegen eine fröhliche Eurovisionsgemeinde kommt. Man weiß ja, dass in Belgrad im Mai unvorstellbar viele Kameras und Mikrofone aufgebaut sind – da kann man schlechte Resonanz nicht gebrauchen.

Andererseits warnen serbische Bürgerrechtler dringend davor, aus dem Eurovisionsfestival einen queeren Event zu machen. Das sind Warnungen, die inzwischen in der skandinavischen Presse besorgt erörtert werden. Insbesondere eine klerikalfaschistische Gruppe namens Obraz steht im Mittelpunkt der Furcht: Predrag Azdejkoviv, Sprecher der schwullesbischen Gruppe Queeria, sagte, diese Schläger und Politkriminellen, die Homosexuelle für krank halten, die dringend Prügel verdienten, fackelten nicht lange – die würden nicht nur kläffen, sondern auch beißen.

Vor allem, so Azdejkovic, solle man darauf verzichten, Hand in Hand zu gehen, falls die gesuchten Hände männliche seien; auch sollten die Belgrader ESC-Touristen darauf achten, nicht allzu feminin aufzutreten – denn die Obraz-Leute glaubten, dass Homosexuelles sich im Weiblichen ausdrücke. Heißt: Bitte keine Glitterkostüme jenseits straßenlaternenbeleuchteter Gegenden in der Innenstadt – die Vororte möge man bitte ohnehin meiden.

Das ist natürlich eine bizarre Geschichte: Die Eurovision lebt von all den Fans, die aus einer Fülle von Ländern kommen, in welchen Homosexuelles verpönt ist – und diese Fans finden es ja gerade gut, sich in der familiären Atmosphäre einer Eurovisionswoche einmal auszuleben. Das hat selbst in postsowjetischen Ländern wie der Ukraine, Lettland oder Estland geklappt. Aus Tallinn ist mir nur überliefert, dass zwei Journalisten im historischen Holzhäuserviertel ausgeraubt wurde – der Grund war aber nicht Homophobie, sondern eben Lust auf Warentransfer ohne Geld.

Svante Stockselius weiß natürlich trotzdem, was er sagt, wenn er meint, für Sicherheit sei gesorgt. Serbiens Polizei wird aufräumen in unserem Sinne, wie es nötig ist. Aber ein unguter Geschmack bleibt: Eine Lesbe wie Marija Serifovic gewinnt, holt den ESC in ihre Heimat, schwenkt politisch aus möglicherweise verständlichen Gründen auf extreme nationalistische Positionen um, weil sie bangt, sonst karrieretechnisch keinen Fuß mehr auf den Boden zu kriegen … und wir, als Journalisten wie Fans, baden quasi nun die Suppe aus. Oder?

Ich plädiere dennoch für Gelassenheit. Freunde von mir sagen, dass die Altstadt von Belgrad und die Viertel um die Halle absolut europäisch sind. Da traue sich keine Schlägertruppen hin, zumal der Polizei wegen. Schade nur, dass wir nicht so selbstverständlich offen sein können wie ein jeder es sich selbst wünschen könnte. Fahren wir trotzdem hin, genießen wir eine ESC-Woche – und nehmen uns vor, besonders achtsam durch die serbische Hauptstadt zu gehen. Nur: eine CSD-Manifestation ist nicht drin, wie es sich Aktivisten bereits im Vorjahr überlegt haben. Bürgerrechtler aus dem Queeria-Spektrum sagen bedauernd: Eine Demonstration würde uns nichts nützen. Denn ihr fahrt wieder weg in eure Länder – und wir kriegen hinterher die Strafe und werden übel verfolgt.

Und was das heißt? Es gibt, so hänge ich mich aus dem Fenster, vielerlei politische Gründe, niemals für osteuropäische Länder zu votieren, in denen das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung wie bei uns missachtet wird. Und wo man auf Klamotten zu achten hat, um nicht Opfer von Gewalt zu werden. Anders formuliert: Russland geht aktuell gar nicht. Da mag das Lied noch so eingängig sein – ein ESC in Moskau darf nach Lage der Menschenrechtsdinge nicht sein!

P.S.: In einer Anfrage der Bundestagsabgeordneten Barbara Höll (Linkspartei) an die Bundesregierung, ob diese wüsste, dass das “Woodstock der Schwulen”, nämlich der ESC, in einem riskanten Land stattfinde, antwortete der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler, die Regierung wisse um diese Umstände, vertraue aber voll und ganz auf die schriftliche Zusage des serbischen Präsidenten Boris Tadic, derzufolge die Sicherheitsbehörden besonders auf diese Probleme hingewiesen wurden. Wörtlich sagte er der Parlamentskollegin: “Ich wüsste nicht, wie solche ausdrücklichen Sicherheitsgarantien, die gegenüber dem Veranstalter ausgesprochen worden sind, noch zu steigern wären. Welche höhere Autorität als den Staatspräsidenten, der diese
öffentlich zugängliche Erklärung abgegeben hat, sollten wir denn noch bemühen?”

Nachtrag (28.04. 2008)

1. Ein Missverständnis gilt es auszuräumen, vielleicht ist diese kleine Erläuterung behilflich. Wenn ich über die grassierende Homophobie in Serbien schreibe, und das gerade am Beispiel des friedlichen Events namens Eurovision Song Contest, dann meint dies in erster Linie eine Angst von Konservativen, Nationalisten und anderen Verlierern einer Modernisierung eines Landes, und zwar eine Angst vor quirligem Leben in Buntheit. Und aus Furcht, Homosexuelle könnte bald als normal genommen werden – jedenfalls nicht mehr als Objekt von Hass und Verfolgung. In Serbien ist die Situation speziell – das Land ist das Zentrum des früheren Jugoslawien gewesen, also ein Verliererland des Falls des Eisernen Vorhang. Der Hass lädt sich deshalb oft gegen Homosexuelle ab – vor allem in der Phantasie -, weil sie als schwächlich gelten, unmännlich, aber dennoch als erfolgreich in den neuen Zeiten nach dem Einsturz des Sozialismus.

2. Wenn ich vom ESC als schwulem Event spreche, dann heißt das nicht, dass heterosexuelle Menschen daran nicht beteiligt sind. Im Gegenteil! Aber die glühendsten Fans waren und sind nun einmal jene, die in Serbien als “Kinderschänder” gegeißelt werden. Und zwar seit den Achtzigerjahren sind es hinter den Kulissen schwule Männer, die dieses “Woodstock des Europop” gegen allen Schmäh verteidigt haben. Gut so!

3. Anders verstanden: Auch schwule Männer gucken Fußball und spielen dieses Spiel. Aber sie sind in der Fußballszene eher versteckt – Homosexualität gilt in diesem Paradesport europäischer Männlichkeit als verpönt. Die Fans und ihre Vereine zelebrieren quasi offen bekannte Heterosexualität. Immer geht es um Männer, die um Frauen buhlen, um Spieler, die Spielerfrauen haben. Homosexualität ist dort ein Tabu.

4. Das ist beim ESC umgekehrt: 100 Millionen Zuschauer gucken Jahr für Jahr – Tendenz: wachsend! – dieses Festival. Selbstverständlich sind es überwiegend heterosexuelle Menschen, die zuschauen an diesem Abend aller Abende in einem Jahr. Aber, darauf kommt es an: Das Gros der Fans und Helfer und Journalisten sind eben anders als die meisten anderen Männer. Unter Schwulen selbst durfte es in der ESC-Community viele Jahre nicht gesagt werden: Manche meinten gar, das dürfe nicht ausgesprochen werden, weil es darauf nicht ankomme. Ja, das könnte sein. Aber wenn dem so ist, dann muss man ja auch nicht schweigen, oder?

5. Serbien wird eine wunderbare Festivalzeit erleben. Die Polizei ist von Präsident Tadic so geimpft worden, jede Form von nationalistischer Gewalt einzudämmen – wie eine glimmende Zigarettenkippe in einem Wald, auf dass er nicht anbrenne.

6. Wenn in der ESC-Community über die gesellschaftlichen Bedingungen eines ESC debattiert wird, ist das ein gutes Zeichen. Früher glaubten alle, der ESC sei doch nur Musik, blöde Musik, albern, kindisch, blöde. Ja, dann scheinen wohl 100 Milllionen Zuschauer so abgewertet zu sein: Und die werden sich bedanken.

7. Will sagen: Der ESC war immer auch in einem symbolischen Sinne politisch. Er hat viel Frieden gestiftet. Europa wäre ärmer, hätte es den ESC nicht gegeben. Demokratische, lebenslustige, die Vielfalt mögende Serben werden das noch erleben: In Belgrad wird eine Armada an guter Laune einfallen. Klasse, das!