Kein TV total aus Baku

7. Mai 2012

Die Meldung erreichte mich heute morgen in der Onlineausgabe der Süddeutschen Zeitung: “Stefan Raab sendet ‘TV total’ vor dem ESC nicht aus Baku” – das heißt, es wird keine vier Sonderausgaben dieser Shows geben.

Man wird mich für befangen erklären, weil ich dort mehrmals, in Oslo, in Düsseldorf, zu Gast war, aber: Das finde ich sehr schade. Das war die Expertensendung, in der Raab als Maestro alles im Griff hatte und auch seinen dauerhaften Unterschied zum anderen deutschen ESC-Popdirigenten, Ralph Siegel, glaubhaft unterstreichen konnte: Der hat echt Ahnung. Raabs Produktionsfirma Brainpool bestätigte mir später, was auch in der Meldung zu lesen war: Man habe alles versucht, um auch in Baku wieder in gewohnter Weise zu produzieren, aber es scheiterte daran, dass sich weder ein geeignetes Studio noch genügend qualifiziertes lokales Personal für die Fernsehsendung finden ließ. Nun wird Stefan Raab die Baku-Woche von Roman Lob und seinem musikalischen Mentor Thomas D vom Kölner TVtotal-Studio aus kommentieren.

Am bedauerlichsten ist jedoch, dass Raab offenbar selbst nicht in Baku zugegen sein wird – Thomas D wird die Proben von Roman Lob begleiten, er wird die Details der Performance im Viewing Room unter die Lupe nehmen: Raab, leider, werden wir in Aserbaidschan vermissen.

Man könnte jetzt sagen, Raab habe doch ohnehin vorgehabt, den ESC ganz aus der Verantwortung zu geben: Aber TV total war sozusagen seine kleine Notluke, aus deren Fenster heraus er noch am Geschehen teilhaben würde. Ich möchte hoffen, dass er wenigstens zum Finale den Sechsstundenflug in den Kaukasus auf sich nehmen wird.

Bloß nicht den Siegel geben!

20. Mai 2011

Hätte man das nicht ahnen können – bereits in der Nacht, die dem Fest von Düsseldorf folgte? Dass Stefan Raab irgendwann im Laufe der Woche nach dem ESC sagen würde: Es reicht, ich mache in meinen Funktionen als Oberqualitätscaster, als Jurypräsident, Moderator und Intro-Performer nicht weiter? Nicht nächstes Jahr jedenfalls.
Ja, das hätte man.

Stefan Raab und Lena (Foto: dpa/Bildfunk/Julian Stratenschulte)

Bei Lichte besehen hat er wirklich alles beim Eurovision Song Contest gemacht, was es dort zu tun gibt. Ich erinnere mich an eine Busfahrt zu einer der Proben von Max Mutzke in Istanbul im Jahre 2004. Wir kamen ins Gespräch, was nicht so schwer war. Bloß blöd durfte man ihm nicht kommen, hieß es, denn das hätte bedeutet, von ihm, womöglich mit der Ukulele, verspottet zu werden. Und wer will das schon? Jedenfalls sprachen wir also über den ESC. Irre, aber wahr: Er kannte monströs viele Titel und Sieger wie Brotherhood of Man, Izhar Cohen und natürlich Nicole.  Sondern er überraschte auch mit profundem Wissen über mazedonisch Abseitiges und dass Finnland ja wirklich bedauernswürdig sei: nie gewonnen, immer abgemüht. Okay, er konnte damals  nicht damit rechnen, dass am Horizont längst Lordi … Das ist wiederum eine andere Geschichte.

Neben vielem war er vor allem Fan. Einer, hätte es ihn nicht ins Fernsehen getrieben, der sich auch um CDs geprügelt hätte, um Rederecht auf Pressekonferenzen und sei es mit Musikinstrumenten wie 2000, als er bei der Vorentscheidung in Bremen alle dümmlichen und dümmstlichen Reporterfragen vergrölte – mit Antworten zur Ukulele-Begleitung. Ja, das waren Höhepunkte. Vor allem solche, die den Mief des Grand Prix Eurovision vor allem in jene Nasen zurücktrieb, die ihn verbreiteten. All die ehrpusseligen Schlagerspießer, die auf einen wie ihn nicht gewartet hatten.

Kurzum: Raab war Fan. Dann Produzent von Guildo Horn. In Birmingham gar Dirigent (wenn auch nur zum dirigistischen Schein, kam ja alles aus der Konserve – aber er wollte in die Fußstapfen all der Ossi Runnes und Noel Kelehans treten, so sagte er mir). Dann kam er als Performer – Komponist und Texter war er ja ohnehin.

In Sachen Max Mutzke ging es um mehr: Um sich als Mentor zu platzieren, auf dass aus Deutschland wirklich gute Musik komme. Mit Lena hatte er sein Meisterstück entdeckt, und dass es eines war, mag daran erkennbar sein, dass sie ihn selbst vernehmlich bewunderte, er wiederum sie nicht knetete und zur Marionette machte. Von ihr – der Castingentdeckung und späteren ESC-Gewinnerin – bekam er 2010 den deutschen Fernsehpreis in der Kategorie “Besondere Leistung Unterhaltung” überreicht. Dieses Jahr schließlich seine Krönungsmesse, wenn man so will. Lenas Titelverteidigung war seine Idee, auch, dass er moderieren möchte.

In der Rolle des Jurypräsidenten schien er manchmal allzu parteiisch – aber gemessen an Lahmheiten von Kollegen, die man sich lieber nicht vorstellen will, war das immer noch okay. Der Rest mag Geschichte sein: Intro-Performer, Sänger, Moderator. Und alles in allem: auch noch Fan.

Er wird, dem Vernehmen nach, sich nicht ganz und gar zurückziehen. Seine Kollegen und Kolleginnen aus dem Popgeschäft, ob nun Lindenberg, Kloß, Müller-Westernhagen oder Nena, wird er zur Mitarbeit anregen. Würde seine Hintergrundkompetenz nicht in die Waagschale geworfen, hätte die Aufbauarbeit der vergangenen zwei Jahren, so gesehen, keinen Sinn. Das wäre ein unsoziales Tun – eines, das einem Kind geziemt: Ich bau was auf, um es hinterher mit Lust zu zerstören. Erwachsene tun sowas nicht!

Stefan Raab, zu dessen nicht geringsten Verdiensten es zählt, seit Stockholm im Jahre 2000 nie mit der “Bild-Zeitung” kooperiert zu haben, wollte höchstwahrscheinlich nicht den Siegel geben. Der hätte nach “Ein bisschen Frieden” Frieden geben sollen – was er leider nicht tat. Er wurde manisch, eifernd, unwürdig. Nein, der Kölner Raab wird in die Rolle des Elder Statesman des ESC hineinwachsen wollen, nicht in die des Alternden in der Rolle des Ewigjugendlichen.

Der Rest, jenseits von ihm, möchte Zukunft sein. Etwa in Form von “Ein Lied für Baku“.

War doch klar, oder?

18. Februar 2011

Um 21:55 Uhr war die erste Entscheidung gefallen – und sie hat bei mir Wohlgefallen ausgelöst: Stefan Raab wird den ESC in Düsseldorf moderieren, denn die beiden Songs des Finalabends, die der TV Total-Maestro und Lena Meyer-Landrut selbst in die Waagschale geworfen hatten, waren auf der Strecke geblieben - sowohl “Mama Told Me” als auch “What Happened To Me”. Wäre ein Raab-gefertigter Act gen Düsseldorf gezogen, hätte er nicht den Düsseldorfer Abend dirigierend dürfen.

Nun ja! Das war schon okay, zumal “Push Forward” und “Taken By A Stranger” jene Songs waren, die Lena, so mein Gefühl, mit der stärksten Präsenz interpretiert hatte.

Der Sieg des “Peter und der Wolf”-Entwurfs der Jetztzeit, wie Raab frotzelte, geht in Ordnung. Aber die 79 Prozent in der Endrunde gegen “Push Forward” (21 Prozent, klar) waren auch der offenen Fürsprache durch die Jury, ja, der krassen Beeinflussung des Publikums geschuldet. Ich finde, das hätte neutraler geäußert werden können. Im Grunde war irgendwie immer klar: “Taken By A Stranger” sollte es werden. Das ist, nun ja, zumindest ein Angriff auf die Idee des Wettkampfs gewesen – so war mein Moment der Freude irgendwie heftig getrübt.

Das waren die wichtigsten Informationen. Und der Rest? Die Schöneberger und das zweite Ich aus Ich + Ich machten im Angesicht Raabs ihren Job leidlich okay. Nicht zu viel Aufmüpfigkeit, die Schöneberger machte freilich aus ihrer Sehnsucht nach einer Ballade kein Geheimnis. Es hätte schlimmer kommen können. Falsch aber ist, das möchte man doch allen Juroren für die Zukunft sagen, dass ruhige Lieder chancenlos sind in einem “Gemetzel” der vielen Acts bei einem ESC, wie Raab betonte. Wir lernen: Klischees sind nur schwer aus der Welt zu schaffen.

Ich würde sagen, es war ein Versuch, eine Chanteuse allein eine Vorentscheidung bestreiten zu lassen. Nach dem Motto: Sie kann sich nur selbst schlagen und zugleich gewinnen. Ich würde sagen: Es war, wie Raab selbst vor Tagen raunte, “vielleicht eine beschissene Idee”. Nee, so grob würde ich es nicht formulieren. Aber: Dieses Format bitte erst in größter Zukunft wiederholen.

Ihre Zukunft in Düsseldorf? Sie wird vorne landen, dafür wird schon die Choreografie sorgen. Aber gewinnen? Eventuell war das nie ihre Absicht und die ihres Teams im Background.

Komponist und Moderator?

3. Februar 2011

Ja, das hatte schon ein gewisses Geschmäckle: Dass Stefan Raab, neben Stefanie Kloß und dem Grafen in der Expertenjury zu “Unser Song für Deutschland” mitsprechen durfte, als es um seine Lieder ging, dem vierten und dem sechsten des Reigens vom Montag.

Es kann doch niemand behaupten, dass da einer über sich selbst gerecht richten kann – und dass das die Silbermond-Dame und der Achtelbackenbartträger nicht tun würden, war auch klar - viel zu sehr zeigt man sich im Fernsehen freundlich und niemals taktlos.

Ein Lied von Raab blieb ja auf der Strecke – und wenn, beispielsweise, das Publikum sich am 18. Februar für “What Happened To Me” entschiede, wäre der NDR mit einem echt mächtigen Problem konfrontiert: Dann dürfte Stefan Raab, der Maestro unter allen Maestros der zeitgenössischen Unterhaltungsmusik, in Düsseldorf nicht moderieren.

Seit 2008, seit dem ESC-Jahr von Belgrad, ist dies nämlich verboten. Zeljko Joksimovic war der Moderator und zugleich Komponist des serbischen Beitrags “Oro”, den Jelena Tomasevic interpretierte. Joksimovic konnte diese Doppelfunktion ausüben, weil es keine Regel für den ESC gab, die ihm das untersagt hätte. Aber nach 2008, quasi als Lex Joksimovic, war das verboten worden.

Und ich fand diese Regelerweiterung richtig und wichtig. Irgendwie, zumal als gastgebendes Land, möchte man doch nicht den Anschein von irgendeiner Verletzung der Neutralität erwecken.

Kurzum: Sollte Raab, was ihm prinzipiell zu gönnen wäre, mit einer Kompositionsidee aus eigener Feder “Unser Lied für Deutschland” gewinnen, müssten wir auf ihn in Düsseldorf als Moderator verzichten – und würden ihn, falls das möglich ist, als Held einer Nummer zum Auftakt des Finales stark begrüßen. Aber den Job als Moderator eines ganzen ESC-Europa, das ginge nicht.

Der NDR, so lese ich, will sich erst mit dem Problem befassen, wenn es sich tatsächlich stellt. Heißt: Frühestens nach dem Finale am 18. Februar. Das ist richtig so, bloß keine Pferde schon vor dem Einlauf ins Ziel scheu machen.

Aber sicher ist: Ich wünschte auch, Raab hätte nicht komponiert und getextet. Und hätte sich auf eine Rolle beschränkt. Lieber wäre mir auch gewesen, er hätte den zwölf Liedern ohne eigenes Werk als Experte gelauscht. Hat er aber nicht. Nun steckt eventuell manches in der Klemme.

Aus meiner Perspektive würde ich sagen: Regeln sind Regeln – und existieren sie auch erst seit 2008.

Oder?

P.S.: Stefan Raab hat sich nun auch erklärt, offiziell. Er sagte: “Egal wie es kommen wird, ob ich als Moderator oder Komponist dabei bin, ich freue mich auf die Aufgabe, die dann auf mich wartet. Man muss im Leben flexibel sein.”

Auf das Wörtchen “oder” kommt es in diesem Zusammenhang an: Er weiß, dass nur das eine oder das andere geht. Aber, so steht meine Vermutung, da das Lied Nummer fünf “Taken By A Stranger” hochfavorisiert ist, Raab daran aber nicht mitgewirkt hat, bleibt er uns dann als Moderator erhalten!

Lena schmückt “Wetten, dass…?”

29. März 2010

Sie schwächelt, diese Show: “Wetten dass …?” ist längst nicht mehr “Gottschalk und Gäste”. Am Samstag kam sie wieder auf Touren: Lena Meyer-Landrut war eingeladen – und erstaunlicherweise nicht allein als Showact, sondern gleich als Teil des Sofas. Stefan Raab war ebenfalls geladen. Und prompt guckten gleich wieder Millionen mehr Menschen zu als bei der Ausgabe das Mal zuvor. Eine Pressestimme im Internet bündelte dieses Phänomen so: “Der Lena-Faktor ist mittlerweile so groß im deutschen Fernsehen, dass das junge Publikum inklusive Eltern und Großeltern dorthin wandert, wo das bürgerliche Gegenmodell zum RTL-’Migrantenstadl’ auftaucht.”

Dumm nur, dass Gottschalk so absolut öde durch die Show führte, dass ein Gast wie Raab ein ums andere Mal Gelegenheit zum subtilen Dissen bekam: Ein Metzgerspross wie Raab ist der Wettpate für eine Wette, bei der es um Wurstlaken geht. Raab kommentierte taktvoll: “Na, da muss man auch erst mal drauf kommen.” Und was machte der Moderator Gottschalk aus dem absoluten Hot Spot des Popbusiness? Moserte, dass man ja gar nichts privat über sie wisse und wissen solle und bemerkte, dass man “Satellite” nicht gleich als Mitschnipphit erkenne. Das klang so gönnerhaft, dass es einem die Sprache verschlug. “Bleib so, mein Kind”, sagte er ihr zum Abschied. Man ahnte, was die “Wetten dass …?”-Krankheit sein könnte: Dass da einer wie Gottschalk väterlich tut und doch nur großväterlich wie einst Karl Moik wirkt.

Kritik gab es von Jenny Zylka auf Spiegel-Online. Sie schreibt:”Bissig war ein anderer: Ausgerechnet Sir Andrew Lloyd Webber, der sein musikalisches Genie leider in Musicals investiert, fragte Raab und die Contest-Maus hinterfotzig, warum sie denn eigentlich nicht in Deutsch singe.”  Die Bezeichnung “Contest-Maus” ist wohl abfällig gemeint – geschenkt.  Diese Autorin schreibt ihre Urteile auch nur so auf, wie es ihre Vorurteile zulassen. Aber was soll an Lloyd-Webbers Frage “hinterfotzig” sein, also gemein und tückisch? Was überhaupt macht an der Haltung der Autorin Sinn, außer, dass sie schlechte Laune hatte, als die Show lief? Ich nenne das: wohlfeil. Offenbar bedient sie das Ressentiment jener, die den ESC immer schon für einen Beleidigung des guten Geschmacks hielten.

Fakt ist: Wer Lena einlädt, hat bessere, viel bessere Quoten. Offenbar ist die USFO-Siegerin im Moment Everybody’s Darling. Klug über dieses Phänomen zu schreiben, ist am Wochenende immerhin Richard Herzinger in der “Welt am Sonntag” unter dem Titel “Fräulein Wunder mit Knuddelfaktor” gelungen. Mit Gespür für die passenden Vergleichsmöglichkeiten sagt er: “Lena ist das idealisierte Gegenbild jener unheimlichen, moralisch verwildernden Jugend, die den verängstigten älteren Generationen in Horrorberichten über entfesselt prügelnde, wenn nicht gar um sich schießende oder zumindest zum Komasaufen entschlossene Youngster entgegentritt.”

Und mit Blick auf Oslo: “Indem Deutschland in mit einer Reinheit und Arglosigkeit ausstrahlenden Kindchenfigur antritt, setzt es im Prinzip auf dasselbe Erfolgrezept, das vor 28 Jahren der damals 16-jährigen Nicole und ihrem zur Klampfe geträllerten Lied ‘Ein bisschen Frieden’ den bisher einzigen deutschen Grand-Prix-Sieg bescherte. Gegenüber der in ein hochgeschlossenes Rüschenkleid gehüllten engelsblonden Bardin von 1982 ist Lena freilich eine radikal modernisierte Version des netten Mädchens von nebenan. Damals, kurz vor dem Anbruch der Ära Kohl, heischte Deutschland noch vorsichtig tastend nach internationaler Beglaubigung seiner neu errungenen unbedingten Friedfertigkeit, die man dem Ausland nun auch nicht zu auftrumpfend präsentieren wollte. So beschränkte sich die junge Naive mit der Gitarre damals auf die gemäßigte Forderung nach “ein bisschen” Frieden, um nicht den Eindruck zu erwecken, wir Deutsche wollten schon wieder alles auf einmal, und sei es nur das Gute.”

Ich würde sagen: Das ist ein kluger Versuch, in Lena Meyer-Landrut mehr als nur ein One-Hit-Wonder zu sehen.

Was erfahren wir am Donnerstag?

8. September 2009

Donnerstag ist der Tag, den sich Journalisten, die sich auf den ESC verstehen, im Kalender verhältnismäßig krassfett angestrichen haben: In Köln findet, mit Stefan Raab als Teilnehmender, die Pressekonferenz zur nächsten deutschen ESC-Saison statt.So früh hat noch nie eine ESC-Saison in Deutschland begonnen! Und das Beste: Die Pressekonferenz wird auf Phoenix übertagen und per livestream ist sie auch im Internet zu sehen.

Esther Ofarim

Esther Ofarim

Was wir bisher wissen, ist wenig. Nämlich: Es gibt fünf Vorrunden, ein Viertel- wie ein Halbfinale, schließlich The Big Show, das Finale nämlich. Viertelfinale und The Big Show überträgt die ARD, den Rest Pro7. Alles wird in Köln stattfinden, und zwar in den Studios des Senders, über den auch Max Mutzke in die ESC-Geschichte lanciert wurde.

Unbekannt ist: Wann genau beginnt das Casting? Wer darf sich bewerben? Mit eigenen Liedern? Oder nur solchen, die Raab vorgibt? Dürfen Menschen mit von der Partie sein, die einen gewissen Namen einst trugen oder noch tragen - etwa Tina York und Semino Rossi? Oder ist die Geschäftsgrundlage, dass alle Castingteilnehmende noch nie etwas mit dem musikwirtschaftlichen Gewerbe zu tun gehabt haben sollen?

Schließlich: Dass ein Künstler oder Künstlerin, dass eine Band gesucht wird, ist offenkundig. Aber gibt es auch einen Komponisten- und Texterwettbewerb? Oder ist für diese Funktionen Raab gesetzt? Sicher ist: Aus diesem Showformat wird die Chance geboren werden, eine Grand-Prix-Königin oder ein Grand-Prix-König zu gewinnen. Der Schmuck, in dieser Hinsicht, hängt hoch. Man braucht für diesen Posten, der eher einer Zuschreibung denn einem selbstverpassten Prädikat gleichkommt, so etwas wie Magie, eine Stimme, die nahe geht und eine Bühnenpräsenz, die nicht klotzt, sondern souverän scheint. International gesprochen: Man braucht so etwas wie Lenny Kuhr, Esther Ofarim, Anne-Marie David (Königin eines Abends), Elisabeth Andreassen, eine Ilanit (Königin im Folklorekleid), eine Vicky Leandros oder eine Maria Serifovic, auch zu dieser Riege zählt Johnny Logan, Cliff Richard oder Udo Jürgens (der ewige Königskönig). Was schlagen Sie vor: Kann man Raab vom Songmaterial her vertrauen?

Halleluja Raab?

17. August 2009

Das, in professioneller Hinsicht, Erstaunlichste an dem, was Thomas Schreiber, ARD Koordinator Unterhaltung, am nahen Ende der Sommerferien zur Allianz der ARD mit Stefan Raab und dem Privatsender Pro7 zu sagen hat, ist nicht in den Worten zu suchen. Sondern im Ton des Respekts vor diesem Showmann, der im Grunde jenseits von kommerziellen Erwägungen in den ESC so verliebt wie es
weiland nur Ralph Siegel war. Und es ist ja wahr, Raab hat das zwar immer bestritten, doch das bleibt eine Tatsache: Mit Raabs Engagement fährt Deutschland besser als ohne ihn. Dass Raab jetzt möglicherweise sogar mit dieser Show- und Senderunion für einen Zweck sogar ins Image segelt, der ARD insgesamt gut zu tun, verblüfft Kenner ebenso wenig. Für das traditionelle ARD-Publikum wird dies dennoch überraschend sein.

Schön auch, dass die ARD-Radios, die auf jugendlichere Profile setzen, mit im Boot sind – und dass dies Schreiber auch entsprechend genugtuend zu Protokoll gibt.
Und natürlich: auch das Internet wird mit einbezogen, wie Schreiber sagt. Nicht zuletzt wissen wir, die Blogger,  User, welche Bedeutung das Internet für die Eurovisionswelt hat.
Alles in allem sind die Aussagen des Unterhaltungskoordinators der ARD vielleicht sogar der öffentliche Beleg, dass der Tanker namens ARD wirklich noch in die TV-Moderne sich umzunavigieren weiß. Wer wie ich auf der Fernbedienung die ARD aus Gründen tiefer Kindheitsprägung auf dem ersten Knopf belegt hat, findet diese Entwicklung gut. Alles weitere wird man sehen: Schreiber aber, das ist womöglich seine Pointe, möchte die Zusammenarbeit mit Raab nicht allein aufs Eurovisionsäre beschränkt wissen. Auch dies könnte die anderen Sender beunruhigen: Das wird alles sehr sehr interessant werden.

Christensen macht sich Luft!

27. Mai 2009

Das war schon sehr cool, was Alex Christensen unmittelbar nach dem Moskauer Finale in die Kameras der ARD-Grand-Prix-Party sagte: Dass er dem Norweger den Sieg gönne – und selbst nicht sonderlich enttäuscht schien über den 20. Platz, auf dem er und Oscar Loya endeten. Und es scheint doch nur eine heiter drapierte Schockreaktion gewesen zu sein. In den Lübecker Nachrichten teilte er mit: “Mit dem schlechten Abschneiden habe ich nicht gerechnet.” Denn, allgemeiner gesprochen, es sei doch klar: “Uns Deutsche kann niemand leiden.” Es sei “ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn man als Künstler im Ausland Erfolg haben will, darf man nicht die deutsche Flagge rauskehren.”

 

In diesen Statement steckt mehr bitter gestimmte Enttäuschung als ein Kern von Realismus: Von europäischer Aversion gegen Deutschland als solchem kann irgendwie keine Rede sein. Guildo Horn, Michelle, Stefan Raab, Max Mutze, einst Mary Roos, Katja Ebstein, die Siegeltruppe mit Lena Valaitis, Nicole und Dschinghis Khan – sie alle landeten unter den Top 10 des ESC. Und sie hätten, betrachtet man die Acts, die jeweils vor ihnen lagen, nicht besser abgeschnitten, wären sie, mal so spekuliert, für Dänemark, die Schweiz oder Belgien an den Start gegangen. Was Christensen möglicherweise übersieht, ist, dass in Moskau allzu offen sexualisierte Acts keine Chance hatten. Gefragt waren Auftritte, die als echt und authentisch inszeniert waren und irgendwie mit dieser Aura auch für glaubwürdig gehalten wurden.

Die Kritik an “Miss Kiss Kiss Bang” ärgere ihn ebenfalls – und in diesem Zusammenhang die mangelnde Rückendeckung durch den NDR. Soweit ich das einsehen kann, ist das eine fehlerhafte Beurteilung. In Interviews mit Thomas Schreiber und Manfred Witt, in den Engagements, die in der Countdown-Show vor dem und der Grand-Prix-Party nach dem Finale lagen, mangelnden Support zu entdecken, ist nur erklärlich mit der persönlichen Kränkung, als extrem erfolgreicher Produzent von zeitgenössischer Unterhaltungsmusik nicht den wichtigsten Nerv des Publikums zwischen Ural und Atlantik getroffen zu haben.

Er darf sich trösten, dass sein Lied in den Downloadcharts, beispielsweise in Großbritannien, ziemlich gut rangiert. Und: In der Tageszeitung “Die Welt” hat mein Kollege Richard Herzinger über ihn und – vor allem – Dita von Teese eine nachgerade begeisternde Hymne auf den Mut zur erotischen Transzendenz der “Miss Kiss Kiss Bang” verfasst. Ein vielleicht nicht von allen geteiltes Urteil, aber immerhin mal eine Stimme, die vom üblichen Gezeter (recherchefrei, klischeegesättigt, extrakompatibel mit allen Stammtischen bildungsbürgerlicher Provenienz) abweicht.

In Sachen Nachwehen zu Moskau lässt sich noch zufrieden im Sinne guter Chronistenpflicht mtiteilen, dass vor allem Alexander Rybak ein unruhiges Leben aktuell hat. Beinahe überall steht sein Song in den Charts ganz weit oben, ebenso die Isländerin Yohanna, auch die Aserbaidschaner, die Ukrainerin und der Däne haben nix zu meckern: Sie werden europäisch wahrgenommen – was der Theorie entspricht, dass, wenn die westlichen Länder sich Mühe geben, sie sowohl im Hinblick auf die Punkteausschüttung als auch später in den realen Charts heftig mitmischen. Es ist ein wenig wie früher: Der ESC als Popmarkt, als trendscoutendes Unterfangen, als Bühne, die es lohnt, ausprobiert zu werden. Dass da einer wie Alex Christensen auf der Strecke blieb, ist schade.

Er hat angekündigt, unter wie auch immer anderen Bedingungen wieder mitmachen zu wollen. Das klingt gut. Dass einer wie er mal seinen Frust abladen wollte, war doch klar. Dass die öffentlich-rechtlichen Radiostationen seinen Titel fast boykottierten, ist doch auch echt misslich, wie auch Thomas Schreiber heftig im Interview auf unseren Seiten monierte. Warum nur sitzen bei den meisten Popwellen Redakteure, die auf den ESC nur mit Widerwillen reagieren. Mögen die ihren Job nicht, das Publikum mit moderner Popmusik zu versorgen?

55. ESC ohne Raab

25. Mai 2009

Dass die Vorentscheidung für den 55. ESC ohne die Allianz mit Stefan Raab (“Bundesvision Song Contest”, BSC) über die ARD-Bühne gehen soll, ist nun offiziell. In einem Interview mit dem Spiegel hat Raab gesagt, die ARD habe sich, so dürfen seine Worte gebündelt werden, in ihrer Entscheidungsfindung verzettelt. So ineffizient zu arbeiten, so ließ sich der dreimalige ESC-Teilnehmer (1998 als Produzent und Dirigent von Guildo Horn, 2000 auf der Bühne selbst, 2004 als Macher und Gitarrist von Max Mutzke) vernehmen, sei nicht die Art, mit der bei seinem Sender gewirkt werde.

 

Dass der NDR das bedauert, versteht sich von allein – er hatte immerhin die Initiative für diese Allianz ergriffen. Das Kalkül: Raab und seinem BSC sei für das nächste Jahr tatsächlich ein Act für Norwegen herauszusuchen möglich, wie es der ARD allein nicht gelingen kann. Denn die Musikwirtschaft schickt ihre wichtigsten zeitgenössischen Sänger und Sängerinnen wie Bands nicht zum ESC, sondern lieber zum BSC, des größeren Promotionsgehalts wegen.

Ich bedaure das. Ein Mann wie Peter Fox, Gewinner des BSC dieses Jahr, hätte beim ESC mit seinem “Haus am See” eine gute Chance. Oder auch andere, alle aus den Newcomerstuben der Branche, aus den Fohlenställen – aber mit Gewächsen, die hungrig sind und alle Chancen der Welt, mindestens in Europa haben und wollen.

Schade ist es auch deshalb, weil die ARD ja nicht umsonst behaupten will, dass sie die erste Reihe der TV-Landschaft verkörpere. Aber im Entertainmentbereich – den ESC sahen dieses Jahr europaweit die Rekordmenge von 122 Millionen Zuschauern – ist die ARD leider eher eine Senderkette, in der ich selbst als Mann des Jahrgangs 1957 das Babysegment abgebe. Ob, wie er nun herauströtete, Dieter Bohlen ein Ersatzhelfer sein kann, ist schwer zu entscheiden. Der Mann hat drei Mal an der Eurovision teilgenommen, er hat niemals gut abgeschnitten. Seine Acts wirken, siehe DSDS, kalt und kalkuliert – was allein schon der Unterschied zu Raab und den Seinen umreißt.

Möglicherweise kann es doch noch eine Kooperation geben. Es sind, bis zu konkreten Sendeplänen, noch einige Monate hin. Vielleicht lassen sich die IntendantInnen auch noch hinreißen und wünschen sich gemeinsam eine Kooperation mit Raab: Ein günstigeres Entree in die Herzen jugendlicher und junger Zuschauer aller Schichten kann es doch echt nicht geben!

Unkaputtbar

18. Mai 2009

Wie es um den VfL Bochum genau steht, weiß man ja nie so genau: Wahrscheinlich steigen sie diese Saison nicht ab weil sie, “unkaputtbar” sind, wie es im Ruhrpott heißt. Sicher ist allerdings, dass der Sonnabend mit dem ESC einmal mehr für die ARD das wichtigste Showformat jenseits der Volksmusik war. Die Quoten - nicht so klasse wie einst bei Michelle oder Texas Lightning. Aber dafür, dass es keinen Vorentscheid gab, konnten Alex Christensen und Oscar Loya ziemlich gut mobilisieren.

 
Die Medien am Tag oder zwei Tage danach klingen fast durchweg hämisch. Leider. Die Tagesschau zeigte abermals Alexander Rybak als Sieger von Moskau, aber die papiernen Medien waren einmal mehr en gros wie meist auch en detail kenntnisfrei berichterstattend. Immerhin, die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” hatte so opulent wie kein anderes Blatt berichtet, die “Frankfuter Rundschau” immerhin mokierte sich, ich finde zutreffend, über die Äußerung des deutschrussischen Schriftstellers Wladimir Kaminer, die dieser in der ARD-Grand-Prix-Party mitteilte. Dass es mit der Homophobie, angesprochen auf den zerschlagenen CSD am Vormittag vor dem abendlichen ESC-Finales, nicht weit her sei, das werde sich wohl bald ändern. Nun, das hört man von einem, der in dieser Hinsicht noch nie fürchten musste, von Miliz wie Polizei behelligt zu werden, doch ungern. Keine echte Ahnung von der Atmosphäre an Ort und Stelle, aber aus der ganz gemütlichen Sofaecke, einer deutschen, liberal gesinnten zumal, mal kurz das Weltgeschehen analytisch auf den Kopf stellen. Man wird seine Moskauer Geschichten wohl künftig mit leichten inneren Blessuren lesen müssen. Das Berliner Boulevardblatt “B.Z.” schrieb: “Außer Teese alles Käse”. Man wüsste gern, ob es für diese Herrenwitzstabreimerei redaktionsintern einen Schnaps gab oder gleich zwei. Als ob alle Welt auf die Burlesktänzerin stierte – wenigstens hätte man sich von dieser Zeitung einen Reim gewünscht, weshalb Dita von Teese doch nicht so zog. Weil sie sich fast auszog?

Der Gewinner der Woche, besser: die Gewinner, sind Alex Christensen und Oscar Loya. Sie wollten gewinnen, sie gaben alles, sie hatten keine Chance. Na und? Das hatte Leidenschaft, und sie wurde nicht anerkannt. Ein Ehrenplatz für beide in der Hall of Fame des deutschen ESC, bitte!

Ich finde, dies vor meinen Bemerkungen zur heute deutlicher gewordenen deutschen ESC-Zukunft, sollte doch allen Rezensenten zu denken geben: 7,3 Millionen Zuschauer waren dabei. Vermutlich waren es sogar viel mehr, denn es werden immer nur Einzel-TV-Geräte gezählt – also nicht jene, die zu Parties kamen, beispielsweise in Hamburg St. Pauli vor der Großbildleinwand des NDR.

Und jetzt, so sickerte es durch durch die Süddeutsche Zeitung, will die ARD in Sachen ESC mit Stefan Raab alliieren? Warum nicht. Sein Bundesvision Song Contest, den er ohnehin nur ins Leben rief, weil er, beleidigt nach Max Mutzkes achtem Platz in Istanbul, war ja ohnehin längst ersehnt worden als eigentlicher Vorentscheid. Nur ein Bedenken habe ich: Haben bei einem solchen Castingwettbewerb um den glühendsten Hunger nach internationalem Erfolg auch bislang unbekannte Performer eine Chance? Kriegen jene mal eine Chance, die wie Alexander Rybak oder die Isländerin Yohanna nicht schon durch die Bohlen- oder Klum-Schreddermaschine gegangen sind? Die Idee, die bald spruchreif sein soll, als solche klingt gut. Schon weil Raab einer der besten ESC-Kenner ist – und weil er schon hinter Guildo Horn und selbst auf der Bühne 2000 in Stockholm und 2004 in Istanbul als Musiker auf der Akustikgitarre bei Max Mutze.