Eine gute Regeländerung

30. Juni 2011

Skeptisch blieben wir ja alle, als diese kleine, nicht unwichtig scheinende Änderung des Regelwerks während des ESC 2010 eingeführt wurde: Seit Oslo nämlich konnte man vom ersten Lied an für sein jeweiliges Lieblingslied anrufen – also den seinigen Teil zum Ergebnis beitragen.

Das rief bei vielen Zuschauern Unmut hervor: Wie könne man für etwas abstimmen, was man noch nicht kennt?

Das Verfahren wurde auch in Düsseldorf zur Anwendung gebracht, aber nun kommt wieder alles zum Alten, Bewährten. So hat es die Reference Group, das Zentralkomitee des ESC nun auf ihrer Sitzung in Genf beschlossen. Und dieses gute, wahre Alte geht so: Abstimmen, also anrufen, darf man erst nach dem Gongschlag, und der ertönt nach dem letzten Lied.

Das gilt für das Finale wie für die Halbfinals. Der Zeitraum der Telefonabstimmung ist somit wieder erheblich kürzer, aber, so fanden Experten im Auftrag der Reference Group heraus, das werde am Resultat nichts ändern. Denn nach allen Auswertungen stand fest: Während der Lieder riefen nur wenige Menschen auf den freigegebenen Nummern an. Insofern könne man sich die Möglichkeit, während der Acts kurz nach 21 Uhr deutscher Zeit zu voten, gleich schenken: Das habe nur Verschwörungstheorien Auftrieb gegeben – und das wolle man nicht.

Näheres weiß man leider aus der Reference Group nicht.

Viel prekärer finde ich, dass man nicht erfährt, welche Länder wirklich in die Gesamtwertung Televoting-Ergebnisse eingebracht haben und bei welchen Ländern nur das Juryergebnis den Ausschlag gab. Die Regeln der EBU besagen nämlich, dass jedes Land beim Televoting ein bestimmtes Quorum erreichen muss (welches, teilt uns die ESC-Behörde nicht mit) , also eine bestimmte Anzahl an Telefonanrufen und SMS. Wenn das Quorum nicht erreicht wird, galt (und gilt auch in Baku) nur die Juryabstimmung.

Zur Erinnerung: Italien landete bei den Jurys haushoch auf dem ersten Platz; weil Aserbaidschan aber bei den Televotern vorne lag (vor Schweden) und bei den Jurys nicht allzu schlecht abschnitten, landete es im Durchschnitt eben an der Spitze.

Will sagen: Problematisch war und wäre nicht, dass man während der Acts bereits anrufen darf, sondern dass die Jurys faktisch ein Übergewicht bekommen haben. Ich vermute, dass ein Dutzend Länder es nicht schafften, genug Anrufer zur Wertung zu motivieren.

Damit möchte ich nicht sagen, dass das alles doof und übel ist. Aber ich hätte gern Transparenz – und öffentliche Nachprüfbarkeit.

Was nichts daran ändert, dass ich das Abstimmen nach den Liedern besser finde als eine einsetzende Telefonhysterie bereits nach wenigen Minuten des ESC selbst. Wohlan!

Konsequent beim modernisieren

27. Oktober 2009

Auf dieses Detail soll es der EBU zufolge ankommen: Wie das Generalsekretariat des ESC mitteilt, wird im kommenden Jahr in Oslo, sowohl bei den Halbfinals wie beim Finale selbst, das Televoting verändert. Die Telefon- und SMS-Leitungen werden nicht erst nach der Show geöffnet, sondern bereits ab dem ersten Takt des ersten Liedes. Der Abstimmungszeitraum verlängert sich somit, bei 25 Acts in der Endrunde, um knapp 100 Minuten – zusammen mit dem sogenannten Schnelldurchlauf werden es dann zwei Stunden sein, die in den Ländern die, nun ja, Abstimmungslokale auf haben.

Man habe alle Argumente verhandelt, heißt es aus dem Gremium, welches dieses Novum nun platziert sehen will, aber es hat sich nicht erwiesen, dass die Lieder, die mit niedrigen Startnummern ins Rennen gehen, besser abschneiden. Aus dem Junior Eurovision Song Contest wisse man, dass die Leute für jene anrufen, die sie gut finden … und da seien die späteren Starter nicht im Nachteil.

Wahr ist frelich ebenso, dass die Sender an den Telefon- und SMS-Gebühren verdienen. Statt einer Viertelstunde deren acht sind eine opulente Verlängerung der Refinanzierungsmöglichkeiten dese ESC in jedem Land. Denn darum geht es: Dass mehr Menschen sich am Televoting beteiligen und dass also mehr Geld verdient wird. Der Aspekt, dass beim Schnelldurchlauf alles, wie das Wort schon sagt, so schnell ginge, mag auch noch bedacht werden. Aber das scheint mir nebensächlich. Vermutlich werden wir uns, die wir anrufen könnten, LIed für Lied fragen, ob eine SMS oder ein Anruf schon lohnt. Für die ARD, apropos, bringt die Öffnung der Televotingschleusen gar nichts. Laut Staatsvertrag ist es den öffentlich-rechtlichen Sendern verboten, am Wählervoting Geld zu verdienen. Dass mir diese Regel absurd scheint, muss ich nicht betonen: Möglich, dass die Votings, die via Pro7 zur Vorentscheidung für “Ein Star für Oslo” erbracht werden können, teurer sind als die, die man bei den ARD-Shows (Viertelfinale und Endrunde) haben wird. Grotesk, das!

Jurys überall!

13. Oktober 2009

Die Entscheidung muss als konsequent genommen werden: War der Moskauer ESC der erste, bei dem Juries und Publikum je zur Hälfte ein Ländervotum generieren, dies aber nur für das Finale galt, entschied das Generalsekretariat des ESC nun, diesen Modus auch für die beiden Semifinals anzuwenden. Also: Galt beim Moskauer Festival noch, dass die Jurys in den Ländern nur begrenztes Recht auf Mitsprache hatten, also nur einen der je zehn Finalisten mitbestimmen, so sind sie daran nun zur Hälfte beteiligt.

Man sollte nicht unerwähnt lassen, dass die Jury überhaupt nur ins Spiel kamen, weil das klassische ESC-Europa, der Norden, der Westen und das Gros der mediterranen Länder, sich durch Osteuropa übervorteilt fühlten. Moskau ergab, dass mit Hilfe der Experten dieser Ungleichbehandlungsfaktor – die Osteuropäer gucken nicht auf die Lieder, sondern wollen nur ihre Nachbarn bedienen – gelindert werden konnte.

Insofern ist es nur folgerichtig, dass die Juryregelung auch für die Vorrunden gilt. Ich finde diese Neuerung, man darf es sich schon denken, ungerecht, weil Pop einzig aus Popularität sich begründet – und Jurys geben Expertenmeinungen wieder, also solche, die eher schwer mit Wünschen nach Eingängigkeit und einem irgendwie gearteten Hitfaktor in Einklang zu bringen sind. Andererseits wird diese neue Regel dazu beitragen, dass die gekränkten Gefühle der sich zurückgesetzt fühlenden Länder wie Schweden, Irland und Zypern gepflegt werden.

Und das ist fein und womöglich nötig – und erhöht den gewissen Unwahrscheinlichkeitsfaktor, der in jeder Juryentscheidung liegt. Immerhin: Israel kam in Moskau nur mit Jurywertungen im Finale nicht auf den letzten Platz. Und das war, für meinen Geschmack, ein astreines Lied.

Transparenz, endlich!

31. Juli 2009

Man soll ja nicht meckern: Dass es zweieinhalb Monate gedauert hat, ehe die EBU eine Tabelle veröffentlicht, aus der die Jury- wie Publikumswertung getrennt gelistet werden. Das ist nun seit heute passiert. Und die Zahlen überraschen. Nicht, dass Alexander Rybak sowohl gewonnen hätte mit dem Publikum allein als auch mit den Juries. Auffällig ist, dass beim Televoting Aserbaidschan auf den zweiten, die Türkei auf den dritten, Island (erst) auf dem vierten Platz – und Griechenland auf dem fünften Rang gelandet wären. Island hat also heftig profitiert vom neuen Wertungssystem. Boshaft formuliert könnte man sagen: Die Juries glichen aus, das in ganz Europa BürgerInnen beheimatet sind, die selbst oder deren Vorfahren aus der Türkei, aus Griechenland oder dem einst sowjetischen Reich stammten. Sie alle schienen unabhängig vom Lied angerufen und gesmst zu haben.

Noa und Mia Awad auf der Bühne in Moskau

Noa und Mia Awad auf der Bühne in Moskau

Die Juries wiederum, die nur mäßigen Geschmack an jenen Turkfolktanzliedern fanden (Griechenland 11., Türkei 7., Aserbaidschan 8.), hievten die Britin Jade Ewen auf den dritten Platz und Patricia Kaas auf den vierten Platz. Das allein lässt das Urteil zu, dass das neue System sich zu bewähren begonnen hat. Die Juries haben nämlich die Russin auf den 17. Platz gepackt, was mit dem achten Televotingrang trotzdem nur für Rang 11 langte. Die starke Migrationslastigkeit des Televotings belegt auch der Umstand, dass Albanien bei der Jury (persönlich gesprochen: zurecht) nur auf dem 23. Rang sich wiederfand, per Televoting auf dem elften: In allen wohlhabenden Ländern unseres Kontinents leben Exilalbaner – und sie stimmen für ihre ehemaligen Landsleute ab, offenbar unabhängig davon, ob es Mist ist oder nicht.
Hübsch, dass die Deutschen im Televoting zwar auf dem 23. Rang landeten, durch die Juries,die Christensen und Loya auf den 14. Platz landen ließen, aber insgesamt einen 20. Rang einheimsten. Erschreckend aber, und jetzt komme ich zur höchsten Jury-Publikums-Differenz, ist, die Wertung für Noa & Mira Awad aus Israel. Wäre es nach den Juries gegangen, wären sie auf dem neunten Platz gelandet. Das Publikum aber sahr sie auf dem allerletzten Rang. Ist das zuviel gedeutet oder handelt es sich dabei um einen Aspekt grassierender Israelaversion? Fast eine ebensolche Schere ergibt der Blick auf Dänemark: Bei den Juries krass vorne (6.), beim Publikum außerhalb Skandinaviens ein Flop (19.).

Profitierten die Schweden durch Charlotte Perelli voriges Jahr von der Jury, um überhaupt ins Finale zu kommen, schaffte Malena Ernman es, die Juries haben Schuld, nur auf den 21. Platz. Die Juries missachteten sie als 22. beinah ganz, das Publikum hätte die sägende Kreische gern auf dem 15. Platz gesehen.

Fazit: Es ist schön, dass beide Wertungssysteme vermengt werden. Die Juries lindern die Inkorrektheiten durch nationalistische oder nachbarschaftliche Wertungsvorteile, das Publikum schleift dafür die Neigung der Juries zu allzu Kunstsinnigem und Unverkäuflichem ab. Ist das nicht irgendwie auch gerecht? Und im nächsten Jahr hätten wir gerne diese Auffächerung aller Wertungen nach Experten und Volk etwas früher, um nicht zu sagen: viel früher. Europa ist doch eine transparente Angelegenheit, nicht wahr?

Jury und Publikum stimmten ähnlich ab

25. Juni 2009

Endlich hat man mal aus deutscher Sicht eine klare Ansage: Nach den allermeisten ESC-Ländern hat nun auch die ARD bekannt gebeben, wie deutsche Jury beim Finale am 16. Mai abgestimmt hat. Und, welche Überraschung, die Türkei erhielt nur einen Punkt, Island derer zwölf und Portugal gleich zwei.

Das ist nur mager different zum deutschen Puntkeergebnis überhaupt: Davon abgesehen, dass das Televoting Alexander Rybak doch auf Platz eins setzte, also Thomas Anders für den Norweger zwölf Punkte nach Moskau schicken konnte. Die Isländerin hingegen muss beim Publikum eher überhört worden sein, sonst wäre sie wenigstens mit zehn Punkten bedacht worden. Dass Malta gleich zehn Zähler aus der Jury erhielt, muss mit Guildo Horns Verführungskünsten zu tun haben: Ich erinnere mich noch gut, dass er Chiara, als er selbst in Birmingham auf die Bühne ging, schon damals toll fand. Alte Kumpelinnen vergisst man offenbar nicht! Schön, dass Israel der Jury drei Punkte wert war.

Ingesamt muss man aber sagen, dass die ExpertInnen kaum spektakulär unterschiedliche Wahrnehmungen hatten. Mit zwei Ausnahmen: Griechenland, von der Jury krass ignoriert, erntete beim Televoting viel Zuspruch, die Türkei schaffte es sogar auf die zweithöchste Punktezahl. Und das ist ein Zeichen, dass die ARD während des ESC bei unseren migrantische BürgerInnen der liebste Sender war. Ist das nicht auch ein Integrationszeichen, ein sehr schönes?

Das Generalsekretariat klärt auf?

20. Mai 2009

Die Reference Group des ESC und ihr Generalsekretär Svante Stockselius – das ist der Mann, der unmittelbar vor den Votings in der Übertragung eingeblendet wurde – haben ausgeschlafen und auf unsere Fragen geantwortet.

 

1. Welche Folgen wird es – wenn überhaupt – für Spanien haben, dass es gegen die Regeln das zweite Halbfinale nicht übertrug und nur ein Juryvotum durchgab? Auf der nächsten Sitzung, so übermittelte Stockselius in einer Mail, der Reference Group. Der Termin stehe nicht fest, aber er werde bis Juni stattfinden.

2. Kann er erklären, weshalb Norwegen als letztes Land seine Wertung durchgab – gegen die ausgeloste Reihenfolge, derzufolge Norwegen gleich nach der Schweiz dran gewesen wäre, als 17. Land vor Bulgarien? Stockselius nüchtern: Da gab es technische Probleme. Welche, wollte er nicht mitteilen. Ein Geschmäckle haben diese echten oder vermeintlichen technischen Probleme aber dennoch. Es könnte ja sein, dass das Telefonnetz überlastet war – aber das würde man eher als Problem in Moldawien vermuten, doch nicht im High-Tech-Norwegen, wo die Verbreitungsrate von Handys mit allem Schnickschnack 100 Prozent beträgt. Ein Geschmäckle deshalb, weil die karge Antwort von Stockselius die Vermutung nährt, dass Norwegen als Gewinnerland quasi das letzte Wort haben sollte. Denn: Das Resultat wusste Stockselius bereits eine Minute nach dem Schließen der Televotingleitungen. Die Show der Wertung, das Herzstück dieses Events, ist eine pure Inszenierung. Nicht die Punktzahlen, aber anders als früher wissen die Schiedsgewaltigen am Veranstaltungsort viel früher als das Publikum über die Punkte Bescheid. Und: Obendrein hatten die Jurys ihre Stimmen bereits am Freitagabend nach der zweiten Generalprobe abgeben müssen. Wir werden es im nächsten Jahr sehen: Wer in der ausgelosten Wertungsreihenfolge ausgelassen wird, könnte der Sieger des Abends sein.

P.S. zu diesem Punkt. Für Chronisten soll gesagt sein, dass Norwegens Votum am Ende keine Rolle mehr spielte. Mit der estnischen Wertung, der 31. von 42, war für die anderen Länder das ohnehin nur noch theoretische Spiel um ein offenes Rennen mit Norwegen vorbei. Da Aserbaidschan schon aus dem nördlichsten baltischen Land nur sieben Punkte erhielt, war der Vorsprung für Alexander Rybak uneinholbar geworden. So sehr hatte selbst Nicole 1982 nicht gewonnen, auch nicht die Iren Paul Harrington & Charlie McGettigan 1994.

3. Werden denn bald die Jurywertungen veröffentlicht, so die nächste Frage an den Generalsekretär. Stockselius, Europäer aus Schweden durch und durch, bestätigte die Möglichkeit. Jedes Land könne selbst entscheiden, ob es das wolle. Wäre das für Fans in den 42 Ländern eine gute Möglichkeit, die eigenen Sender auf ihre Fähigkeit zur Transparenz hin zu befragen? Die Wertung aller Jurys jedenfalls sind nun bekannt. Norwegen lag da ebenso vorne, Island auf dem zweiten Rang, aber die Britin wurde Dritte, Patricia Kaas Vierte, Estland wurde Fünfter, Dänemark Sechster und die Türkei Siebter. Sakis Rouvas war hauptsächlich beim Publikum gelitten, bei den Jurys landete er auf dem zehnten Rang. Und Deutschland? Wäre nicht 20. geworden, sondern mit 73 Punkten auf dem 14. Platz gelandet.

4. Ebenfalls wird sich die Reference Group, so bestätigte es Stockselius, mit einem Skandal beschäftigen. Der trug sich in Aserbaidschan zu – und dass wir von ihm wissen können, liegt an der tagesschau.de-Kollegin Silvia Stöber, die hat ihn uns erzählt. Dass nämlich der Blogger Onnik Krikorian via Twitter und Mail am Samstag während des Finales davon Kunde bekam, Aserbaidschan habe während des armenischen Beitrags Störsignale über den Sender geschickt. Auch seien die Telefonnummern, mit denen Aserbaidschaner für den armenischen Act hätten abstimmen können, gesperrt gewesen. Später, während der Abstimmung, habe das aserbaidschanische Fernsehen in Baku den halben Bildschirm verdunkelt, um das – gute – Resultat Armeniens nicht zur Kenntnis geben zu müssen.

 

Zum Hintergrund: Beide Länder, das eine wie das andere aus der Sowjetunion hervorgegangen und heute nur dem Namen nach Demokratien, streiten sich um die in Aserbaidschan gelegene Gegend Berg-Karabach. Sie hat sich für unabhängig erklärt, wird aber von niemanden anerkannt, nicht einmal von Armenien. Die Menschen in Karabach verstehen sich als Bergarmenier und sprechen Armenisch. Ein Krieg um das Gebiet Anfang der neunziger Jahre wurde lediglich von einem brüchigen Waffenstillstand abgelöst. Das Thema Karabach ist für die aserbaidschane Nomenklatur ein äußerst sensibles Thema – dennoch hat Armeniens Punktemitteilerin während der Wertungszeremonie plötzlich einen Zettel hochgehoben – man kann es auf Videos deutlich sehen. Auf dem seltsamen Bild ist eine Skulptur zu sehen, die in Stepanakert, der Haupstadt Berg-Karabachs, steht. Die “Tatik & Papik” – Großmutter und Großvater – genannte Figur gilt als Symbol der Unabhängigkeit der Karabach-Armenier.
Aserbaidschan muss sich provoziert gefühlt haben – und das restliche Europa verstand die Geste zunächst nicht. Punkte? Aus Aserbaidsdchan gab es nix für Armenien, von den Armeniern für Aserbaidschan immerhin einen Punkt.

Wie dem auch sei: Ein Land unkenntlich zu machen, ist allen Staaten verboten. Die Türkei musste in den Siebzigern lernen, Griechenlands Songs nicht auszublenden, und der Libanon wollte vor einigen Jahren teilnehmen, aber nur unter der Bedingung, dass man nicht Israels Lied zeigen müsse. Die Eurovision lehnte ab. Ob Aserbaidschan nun eine Sanktion verpasst bekommt, ob Armenien für die unfeine Geste gen Aserbaidschan ebenfalls mehr als nur gerügt wird, wollte Stockselius nicht sagen. Im Juni werde beraten! Wir kommen darauf zurück.

5. Noch ein Nachtrag zur kulturellen Umkämpftheit des Siegers. Russische und weißrussische Medien reklamierten nach Rybaks Sieg den Norweger für sich. Norweger? Nein, weit gefehlt. Sie aberkannten ihm quasi die norwegische Kultur – erkannten in seinem breiten Mund slawische Züge, in seinem Lachen das Lachen des fröhlichen Russen und in dessen Lied ein typisch russisches Lied. Davon abgesehen, dass mich diese kulturellen Zuordnungen angeblich sichtbarer körperlicher Attribute wegen heftig stört: Auf diese Art von Repatriierung muss man erstmal kommen! Davon abgesehen, dass jede kulturelle Identität immer die Gefahr in sich trägt, anderen Kulturen gegenüber totalitär zu sein, ließe sich wenn schon, über Rybak und sein Lied nur dies sagen: Er spricht Norwegisch, er sieht wie ein Norweger aus – wer schon mal da war, weiß das natürlich -, und das Lied, sehr akkurat genommen, erinnert in seiner Tanzhaftigkeit an jüdische Weisen, die in den osteuropäischen Communities der jüdischen Minderheiten gern angestimmt wurden. Es ist Musik, die so gutgelaunt wirkt, weil sie die Niederungen des Alltags zu überwölben sucht. Darüber hinaus klingt “Fairytale” wie eine europäische Hymne, ähnlich wie “Waterloo”, “Diva”, “Congratulations”, “Hallelujah” oder “Fly On The Wings Of Love”. Nur dass Rybaks Liedharmonien an eine verdammt gute norwegische Folkloreschule erinnern. So vermischt sich Europa. Gut so. Am Ende sind Kulturen nur so viel wert, wie sie zu einem Sieg reichen. Norwegen weiss das zu schätzen. Rybak steht, nebenbei, in den Downloadcharts Europas fast überall weit vorne – bei iTunes zum Beispiel. Er scheint ein europäischer Popstar zu werden.

6. Ihre, Eure Reaktion ergewogen, die von Freunden aufgenommen, wird der deutsche Act von Christensen & Loya auch so gesehen: Mag sein, dass sie professionell waren, aber in Moskau wirkten sie so artifiziell und unauthentisch wie kaum ein anderes Lied. Es wärmte nicht, so heißt es, es kam dem neuen Zeitgeist nach Echtheit und Ernsthaftigkeit nicht entgegen, im Gegenteil. Die Ästhetik von Las Vegas ist out, in ist in diesem Sinne eine, die auf unironische Unmittelbarkeit setzt. Man muss diese Beobachtungen ernsthaft erwägen – sie zeigen, was im nächsten Jahr nicht der Fall sein sollte.

7. Offen ist plötzlich wieder das Datum des ESC 2010. Der ursprünglich anvisierte 22. Mai als Finale ist fraglich, weil das Fußball-Champions-League-Endspiel am gleichen Tag stattfinden soll. Die UEFA – die Eurovision des Fußballs quasi - lässt sein wichtigsten Vereinsfinale erstmals an einem Samstag austragen. Es könnte also der 15. Mai werden oder der 29. Mai – am gleichen Tag, an dem 1999 in Jerusalem das Finale zelebriert wurde.

Jurys nicht im Geheimen!

14. April 2009

Mal so historisch betrachtet: Es ist ein tüchtiger Fortschritt, dass die Macher des ESC nahezu jede ihrer Entscheidungen begründen. Es ist für das Demokratische wichtig, dass jene, die die Folgen als sie betreffend empfinden, wenigstens die Gründe nachvollziehen können. So war das 1997 – wer damals dabei war, erinnert sich immer noch mit Staunen und Genugtuung – als der NDR sich entschloss, zur Vorentscheidung in Lübeck, die in Clubs organisierten Fans privilegiert zu behandeln, beispielsweise mit Infoständen und der Möglichkeit, früh Eintrittskarten zu kaufen. Und so hält es der ESC mit den Fanclubs international überhaupt: Wer will, kann international dabei sein – die Tickets verschwinden nicht einfach in den mehr oder weniger undurchsichtigen Kanälen der Veranstaltungsländer.

Die Deutsche Jury 2009. Foto: dpa-Report, Jazz Archiv/Markus Lubitz, NDR/Christian Wyrwa, NDR/Philipp Vongehr 

Auch im Hinblick auf die Jurys darf von einem demokratischen Fortschritt gesprochen werden: Dass die Wertungen des Finales am 16. Mai in Moskau sich jeweils hälftig aus Publikums- und Jurywertungen zusammensetzen, ist seit längerem bekannt. Und heftig diskutiert worden, auch hier im deutschen ESC-Forum. Die einen fanden das gut, die anderen weniger. Jetzt gab die Reference Group des ESC die Regeln für die Juries bekannt: Es sind Land für Land jeweils fünf Experten, die über die Staatsangehörigkeit des Landes verfügen müssen, für das sie im Einsatz sind. Außerdem müssen sie in irgendeiner Form mit der Musikwirtschaft verbunden sein, dürfen aber in keiner geschäftlichen Beziehung mit dem Act des Landes oder eines anderen Landes stehen. Gut so, das senkt die Mauschelmöglichkeit doch heftig. Die Jurys werden die Songs nach der zweiten Generalprobe des Finales bewerten, also am frühen Abend des Samstags, hierzulande kurz vor der “Sportschau”.
 
Nach der Telefonabstimmung durch das Publkum beim Finale werden beide Ergebnisse gemischt – zu einem Gesamtergebnis. Haben zwei Songs die gleiche Punktzahl, hat das Televotingergebnis Vorrang. Ein Beispiel: Wenn Norwegen durch das Publikum zwölf Punkte bekäme, durch die Jury aber nur zehn – und die Ukraine durch die Jury zwölf und mit Hilfe des Publikums zehn. Beide hätten gleich viele Punkte. Im Endergebnis erhält Norwegen aber die Zwölf-Punkte-Krone, weil es das Nichtexpertenvotum auf seiner Seite hat. Klug das!
 
Besser aber noch ist, dass die Jurywertungen nicht im Geheimen bleiben und am Ende nur anonym in die Gesamtwertung eines Landes einfließen, sondern – wenn ich Svante Stockselius, den Sprecher der Reference Group, richtig verstanden habe – veröffentlicht werden. Und zwar nach der Show auf http://www.eurovision.tv. Und das ist, glaube ich, ein Resultat des Unmuts vieler Fans europaweit. Denn ursprünglich hatte man nicht die Absicht, die Juryvoten zu publizieren.

Gelebte Pluralität

24. Juni 2008

Die Skandinavier wissen offenbar seit Jahren, wie es geht: Das schwedische Melodifestival ist seit jeher ein Popfestival – die Einschränkung auf einen Musikstil, gar in Richtung Schlager, ist dort nicht bekannt . Gewählt wird, was gefällt. So können durch die schwedischen Vorrunden, die Trostrunde wie das Finale alle Stile die Zuschauer gewinnen – und am Ende landen irgendwie ziemlich viele Songs in den Charts. Jazz, Pop, Dance, Ballade … alles war in den vergangenen Jahrzehnten vertreten. Einen Schönheitsfehler hat das schwedische Unterfangen nur: Die Ästhetik, der sich dieses Land am ehesten bedient, ist eine, die durch Abba am krassesten auf den Punkt gebracht wurde. Happy-Go-Lucky, unbeschwertes Drauflosmusizieren, hin und wieder garniert durch eine melancholische Note.

Seit 1975, streng genommen, senkt sich aus Schweden kommend eine Art Abba-Mehltau über den ESC: Irgendwie wirkte selbst dieses Jahr Charlotte Perrelli wie eine hysterische Fassung von “Waterloo” plus “Take Me To Your Heaven”. Nie klang Schweden wirklich zeitgenössisch in den vergangenen Jahren – immer nur abbaesk. Die Perrelli müsste den Schweden ohnedies der Beweis sein, dass das Publikum nicht irrt: Denn die ESC-Siegerin von 1999 kam in Belgrad nur durch Juryzusatzvoting ins Finale, wo sie elend unter sehr ferner sangen landete. Aber in Schweden hatte sie ja auch nicht das Televoting gewonnen. Das war Sanna Nielsen mit einer bestürzend schönen Ballade, die auf ihre Art auch ein Bruch mit der Abba-Ästhetik war.

Will sagen: Das schwedische System kann vor allem deshalb für Deutschland kein Vorbild sein, weil in der ARD nach wie vor ein Publikum dominiert, welches eher auf die Ästhetik von Dschinghis Khan abfährt, also auch Lou und Corinna May gewinnen ließ. In Deutschland mag man den Stilmix nicht so sehr – dominant ist eine Haltung, die doof findet, was der Nachbar gutheißt. Schwedens System ist für Deutschland eine Utopie: Dass wirklich alle Stile miteinander rivalisieren. Dass nicht wieder ein Schlager gewinnt. Carola und die Perelli sind auf ihre Weise die Lous und Corinna Mays Schwedens: international chancenlos, selbst wenn man Carolas vordere Platzierung als Argument anführt. Wirklich in Siegesnähe war sie nicht.

Über die anderen Länder nur so viel: Finnland weiß sich endlich seiner jüngeren Zuschauer sicher, seit Lordi zufällig die Vorauswahl gewann und international durchstartete. Norwegen hat nur noch Glück, wie dieses Jahr mit “Hold On, Be Strong”. Aber dort hatte man in den letzten Jahren neben Balladen und Glamourrock auch viele Schrecklichkeiten. Aber immerhin: Die Quote stimmt. In allen skandinavischen Ländern ist die ESC-Vorauswahl ein TV-Juwel, an dessen Bedeutung nur noch Sportereignisse wie die Eishockey-WM oder die Fußball-Europameisterschaft dieser Tage heranreicht.

Für Deutschland heißt das: Von Skandinavien lernen, heißt, ein Herz für viele Stile zu haben und sie in die Sendung zu bringen. Das Publikum wird es mögen, behelligt man es nicht nur mit Schlager oder erstaunlich langweiligem Air-Play-Pop.

Mit Jury wäre Roger Cicero voriges Jahr Sechster geworden!

19. Mai 2008

Eben ist das Kommentatorenbriefing beendet worden – und Svante Stockselius, Generalsekretär des Eurovision Song Contest, wusste viel mitzuteilen. Unter anderem hat er die verschiedenen Wertungssysteme ausgebreitet, die voriges Jahr für Aufsehen gesorgt haben. So von wegen osteuropäischer Dominanz. Stockselius veröffentlichte nun die Zahlen. Aus denen geht hervor, regelmäßige NDR Eurovisionsseiten-Leser wissen es allenthalben, dass Marija Serifovic bei jeder Art von Voting gewonnen hätte. Beim Televoting ohnehin, aber auch, sofern nur Jurys abgestimmt hätten. Irland wäre auch bei jeder Methode Letzter des Finales geworden.

Wichtig aber: Hätte es eine 50-Prozent-Jury-Wertung in Kombination mit 50-Prozent-Publikums-Wertung gegeben, hätte der Deutsche Roger Cicero nicht den 19., sondern den 6. Platz belegt. Der Jazzer hat also unter den Fachexperten jede Menge Beifall gefunden. Aber ist das eine gute Nachricht?

Ich glaube: Nein! Niemand weiß genau, wer in den Jurys sitzt. Experten? Und wer bestimmt sie? Von wessen Gnaden hängen sie ab? Alles unsicher. Wir erinnern uns ungut an den jüngsten Skandal um die spanischen Korruptionsversuche in Sachen Eurovision 1968, an deren Ende Massiel gewann und nicht Cliff Richard.

Unbedingt plädiere ich dafür, dass das Televotingsystem beibehalten wird. Dass die Experten auch nur eine Stimme unter Millionen anderen haben. Musik ist subjektiv, und Experten sollen nicht mehr zu sagen haben als das Publikum, das ja immerhin einen Song zu Popularität trägt oder ins Vergessen stürzt. Ciceros sechster Platz wäre ein kleiner Erfolg ohne Wert gewesen. Lieber ein 19. Rang – aber den mit bestem Gewissen errungen als ein 6. Platz, dem immer der Geschmack der Hintergrundmauschelei anhaften würde.