War doch klar, oder?

18. Februar 2011

Um 21:55 Uhr war die erste Entscheidung gefallen – und sie hat bei mir Wohlgefallen ausgelöst: Stefan Raab wird den ESC in Düsseldorf moderieren, denn die beiden Songs des Finalabends, die der TV Total-Maestro und Lena Meyer-Landrut selbst in die Waagschale geworfen hatten, waren auf der Strecke geblieben - sowohl “Mama Told Me” als auch “What Happened To Me”. Wäre ein Raab-gefertigter Act gen Düsseldorf gezogen, hätte er nicht den Düsseldorfer Abend dirigierend dürfen.

Nun ja! Das war schon okay, zumal “Push Forward” und “Taken By A Stranger” jene Songs waren, die Lena, so mein Gefühl, mit der stärksten Präsenz interpretiert hatte.

Der Sieg des “Peter und der Wolf”-Entwurfs der Jetztzeit, wie Raab frotzelte, geht in Ordnung. Aber die 79 Prozent in der Endrunde gegen “Push Forward” (21 Prozent, klar) waren auch der offenen Fürsprache durch die Jury, ja, der krassen Beeinflussung des Publikums geschuldet. Ich finde, das hätte neutraler geäußert werden können. Im Grunde war irgendwie immer klar: “Taken By A Stranger” sollte es werden. Das ist, nun ja, zumindest ein Angriff auf die Idee des Wettkampfs gewesen – so war mein Moment der Freude irgendwie heftig getrübt.

Das waren die wichtigsten Informationen. Und der Rest? Die Schöneberger und das zweite Ich aus Ich + Ich machten im Angesicht Raabs ihren Job leidlich okay. Nicht zu viel Aufmüpfigkeit, die Schöneberger machte freilich aus ihrer Sehnsucht nach einer Ballade kein Geheimnis. Es hätte schlimmer kommen können. Falsch aber ist, das möchte man doch allen Juroren für die Zukunft sagen, dass ruhige Lieder chancenlos sind in einem “Gemetzel” der vielen Acts bei einem ESC, wie Raab betonte. Wir lernen: Klischees sind nur schwer aus der Welt zu schaffen.

Ich würde sagen, es war ein Versuch, eine Chanteuse allein eine Vorentscheidung bestreiten zu lassen. Nach dem Motto: Sie kann sich nur selbst schlagen und zugleich gewinnen. Ich würde sagen: Es war, wie Raab selbst vor Tagen raunte, “vielleicht eine beschissene Idee”. Nee, so grob würde ich es nicht formulieren. Aber: Dieses Format bitte erst in größter Zukunft wiederholen.

Ihre Zukunft in Düsseldorf? Sie wird vorne landen, dafür wird schon die Choreografie sorgen. Aber gewinnen? Eventuell war das nie ihre Absicht und die ihres Teams im Background.

A Ticket To Ride

18. Februar 2011

“She’s got a ticket ro ride”, trällerten, äh, stimmten die Beatles vor knapp einem halben Jahrhundert an – und Lena Meyer-Landrut wird ihr Ticket und dieses Gefühl zum zweiten Mal heute Abend knapp vor halb elf Uhr haben können: Sie weiß dann, aus welchem Stoff ihre Träume in Hinblick auf Düsseldorf gewirkt sein werden. Schwarzfahren gilt nicht, die Jury hat ohnehin nur kommentierende Funktion. Möglich, dass die einstig angehende Abiturientin nicht mit den beiden eigenen Songvorschlägen reisen darf, aber diese Situation kennt sie aus dem Vorjahr: “Satellite” war der Act des Publikums.

Lena Meyer-Landrut bei Unser Song für Deutschland. Foto: Willi Weber, Brainpool / ProSieben
 
Hier möchte ich mich aus dem Fenster lehnen und vorab die Prophezeiungen ein wenig befeuern.

Maybe” stammt von Daniel Schaub und Pär Lammers, sie haben noch ein weiteres Lied in der Konkurrenz. Sie können echt sagen: “Made in Germany”, was ja in gewisser Hinsicht auch ein Aspekt ist. Ich finde diesen Titel schön und fein und gut, allerdings auch ein wenig belanglos. Ich muss das so unhöflich sagen, denn es kommt ja auf ein Lied an – und alles okay finden, gilt nicht. Ich denke, es wird ein guter sechster Rang.

 ”Taken By A Stranger” stammt von Nicole Morier, Gus Seyffert und Monica Birkenes und ist im Netz, gemessen an den Klickquoten, der Favorit schlechthin. Zeitgenössischer Popelektrosmog meets Eighties – das hat etwas Beunruhigendes, ja, dieses Lied weicht heftig von den Cassettenrecordersounds des Vorjahres ab. Mein Platz? Der Zweite! Wird aber wohl gewinnen, denn Sie, das Publikum, wollen ja Lena beim Erwachsenwerden unterstützen!

 ”What Happened To Me” ist vom Traumduo Meyer-Landrut & Raab themselves. Ein eher gutgelauntes Stück Pop, das die Rätselhaftigkeit des Daseins an der Schwelle zwischen Mädchen und Mutter zwar nicht ausdrücklich, aber eventuell insgeheim thematisiert. Ein schönes Alter, das einer 19-Jährigen – gut verpackt in einem adäquaten Song. Ein prima vierter Platz!

 ”A Million And One” aus den Federn von Errol Rennalls und Stavros Ioannou, beide, wie deren Namen schon sagen, bekennende Hannoveraner. Es ist ein Lied, das aus meiner Perspektive nicht so recht weiß, was es sein möchte – erfrischend und optimistisch, andererseits könnte es auch als so stürmisch wie die herbstlichen Wässer des Flüsschens Leine empfunden werden. Fünfter Rang, das wäre okay.

 ”Push Forward” ist das zweite Stück von Daniel Schaub und Pär Lammers. Es sei romantisch, sagen die jungen Männer, allerdings nicht kitschig. Nun, ist es aber doch kitschig, und das ist das große Plus dieser Hammerballade. Es klingt dezent, schummert jedoch irgendwie in aller Unheimlichkeit über drei Minuten. Lena hat bei der Performance in der zweiten Runde bei diesem Lied die Scheu einer irritiert Überraschten ausgestrahlt – das wäre aus meiner Sicht das Rezept, um in Düsseldorf den größten Blumenkorb zu gewinnen. Der Burner des Abends – es landet wohl aber nur auf dem zweiten Platz.

 ”Mama Told Me“, abermals von Meyer-Landrut & Raab, diesmal funkig, soulig und im Ansatz, als wär’s von Earth, Wind & Fire. Tanzbar, wenn man noch ein paar Bässe hinzufüttert. Platz drei!
 
Das wird es sein: “Taken By A Stranger” – “Push Forward” tapfer auf dem zweiten Platz.

P.S.: Irland? Sollten wir nicht langsam die freundlichen Zwillinge aus Irland thematisieren? Ich grüble noch. Sie geben einem Rätsel auf. Ist das nicht super? Mal kein vorschnelles Urteil? Muss auch mal sein!

Konzept “Älter geworden”

11. Februar 2011

Der erste Eindruck spricht, so ein Bild sprechen kann, in aller Deutlichkeit. Sie schaut irgendwie auf etwas Schönes, Lena Meyer-Landrut, sie posiert nicht mehr, wie bei “My Cassette Player”, direkt in die fotografische Linse. Sie hat, so sollen wir verstehen, das erwachsene Grübbeln begonnen. So sieht das Cover ihrer neuen CD aus, ohne Großspurigkeit betitelt mit “Good News”.

Gute Neuigkeiten? In welcher Hinsicht denn nun?

Lenas neues Album ist identisch mit den Titeln der beiden Vorrunden für “Unser Song für Deutschland“. Das heißt, dieses Lied befindet sich auf dieser Produktion, noch aber wissen wir nicht, welches es sein wird, denn das Finale ist ja erst am 18. Februar. Sechs Titel sind bereits aus dem Rennen – aus der anderen Hälfte wird also die Single-Auskoppelung gewählt. Das ist insofern ein Novum, als sonst die Plattenfirmen vor der Veröffentlichung stets bestimmt haben, welchen Einzeltitel sie für die Charts anbieten.

Das muss so ausführlich erzählt werden, weil Lena Meyer-Landruts Karriere auf feinster Planung beruht. Seit Oslo ist sie kein Gegenstand spontaner Erwägungen und zufälliger Planungen mehr. Nichts findet ohne Idee statt, an deren Realisierung mindestens Teams in Rudelstärke beteiligt sind.

Lena ist nun der Kern eines popkulturellen Maschinenparks, und ein wenig hört sich ihr Album auch so an. Es ist auf Antimädchenhaftigkeit getrimmt, sie soll ihr Älterwerden dokumentieren, sie ist nun keine Castingkandidatin mehr, die sich frisch, fromm, fröhlich & frei in die weite Welt der Unterhaltungsmusik aufmacht. Nun ist sie keine Vorabiturientin mehr, die sich auf Uni oder Ausbildung freut, sondern eine junge, berufstätige Frau, die aus der Rolle des Aschenputtels in jene des Schneeweißchens hinüber geweht worden ist.

Zwölf Songs dokumentieren auch dies: Lena Meyer-Landrut soll auf den internationalen Markt gebracht werden, hörbar orientieren sich ihre Stücke an allen jungen Frauen, die ihre Sorgen nicht für sich behalten, sondern in Mikrofone mitteilen. Sie ist keine Carla Bruni, auch keine Katie Melua, sie spielt aber in deren Liga. Wispernde junge Frauen zwischen Liebeskummer, Einsamkeit, Trotz, Tapferkeit und Durchhaltewillen – mit einem Schuss Melancholie.

Ihre Plattenfirma Universal bestätigt, was wir als Publikum erkannt haben: Lena Meyer-Landrut nimmt mit uns als junge Frau Kontakt auf, nicht als Teenager mit übergreller Allürenhaftigkeit. Der Tonträger beginnt mit “Good News” und endet mit “At All“. “What Happened To Me” und “That Again” flanken die Anfänge und Enden – aber das, so vermute ich, stärkste Lied, “Push Forward“, befindet sich genau in der Mitte des Reigens. Jenes von Daniel Schaub und Pär Lammers erdachte Chanson hört sich in der Studioversion noch klarer und beklemmender an als in der Fassung, die Lena Meyer-Landrut mit den Heavytones in der Sendung gab.

Ich würde sagen, dass es ein ziemlich gutes Album geworden ist, das man in den Clubs und Cafés von Berlins Mitte aus dem Hintergrund hören wird, das insgeheim die Tonspur des Jahres abgeben wird – und das man ebenso in Tokio, Big Sur oder Port Elizabeth hören wird, dort jedenfalls, wo man den Sounds einer global verständigen Welt gegenüber aufgeschlossen ist. Sie ist mithin ein Vorbild, weltweit, für junge Frauen, die mit guter Hintergrundbildung versuchen, anständig und selbstvertraut über die Runden zu kommen.

“Good News” ist insofern der Soundtrack zur Zeit, perfekt für eine längere Zugfahrt. Lena Meyer-Landruts Lieder eignen sich für Tagträumerei, die nicht ins allzu Realistische abgleiten möchte. Das ist die gute Nachricht: Lena Meyer-Landrut ist auf dem Weg in alle Welt mit diesen Liedern. Sie sollte diese Zeit genießen. Es ist ihre.

Fast wie erhofft!

7. Februar 2011

Um gleich mit einer riskanten These ins Haus zu fallen: Sänge sie “Push Forward” in Düsseldorf, hätte Lena Meyer-Landrut eine echte Chance, die Magie von Oslo zu wiederholen. Ja, sie könnte mit diesem Lied des Duos Lammers/Schaub sogar gewinnen. Nicht, dass sie das müsste. Aber der dritte Titel hatte diese rätselhafte Aura, die es braucht, um ein europäisches Publikum zu verführen. Die These von Anke Engelke und Joy Denalane, beim Grand Prix Eurovision müsse man Lautstarkes aufbieten, um es gegen ukranische Kettensägenästhetik aufzunehmen, ist erwiesenermaßen falsch. Gerade in einem Fußballstadion wie der Eurovisionsarena in Düsseldorf wird es auf Unverwechselbarkeit ankommen – und dass “Push Forward” diese Kraft hat, war in Köln zu empfinden. Das Publikum war beifallspendabel und höchst bereit, diese Töne zu honorieren.

Foto: Willi Weber / Brainpool / ProSieben

Das sechste Lied, das von Lena und Raab selbst stammt, war der zweite Studiopublikumsliebling - frisch, munter und gröhltauglich, aber ich schätze, dieses Lied ist schnell nervig, und zwar nach gefühlt anderthalb Minuten. Dass das erste Lied, “A Million And One” ebenfalls ins Finale gewählt wurde, freute mich doch auch. Besser als das fahrstuhlmusikhafte “At All” oder “A Good Day“, gutes Albumfutter, aber nicht Düsseldorf geeignet.

Insgesamt hat mir die zweite Vorrunde besser gefallen als die erste - auch die Jurorinnen waren weniger zurückhaltend als der Graf und Stefanie Kloß. Frau Engelke und Frau Denalane hatten durchaus ihre schroffen Urteile zu sagen, und warum auch nicht? Das muss man nicht mögen, aber das gehört zum Geschäft. Wie sagte die Moderatorin des Düsseldorfer ESC? “Man kann nicht für jedes Lied zwölf Punkte geben. Das wird auch in Düsseldorf so sein.” Sehr mitleidlos, aber eben auch wahr..

Aber wie soll ich sagen? “Push Forward” war das Lied der Stunde, ja, der Antörner des frischen Monats und mein Favorit für “Unser Song für Deutschland”.

P.S.: Soll übrigens niemand damit kommen, dass Lena doch ein nur mageres vokales Vermögen habe. Als ob es um Opern ginge. Nein, Opernhaftes macht schon Frankreich, als Bolero-Erb-Kram. Das ist übel genug. Nein, Lena war einmal mehr als Erwachsene zu bestaunen, das ist mir jedenfalls nicht übel aufgestoßen.

Titelverteidigung – gescheitert!

6. Februar 2011

Tatsächlich schaffte es Lys Assia nicht, ihren ESC-Titel zu verteidigen: Sie wurde 1957 mit “L’enfant que j’étais” (Das Kind, das ich war) lediglich Achte. Immerhin gelang der Dauerbrennerin mit “Giorgio” 1958 ein zweiter Rang. Udo Jürgens’ Ambitionen 1967, im Jahr nach “Merci Chérie” waren keine. Es zählt nicht, dass er Karel Gott 1968 mit “Tausend Fenster” ein Lied auf die tschechischen Rippen schneiderte, das in der Royal Albert Hall an jurymäßiger Magersucht verendete: Platz 13 war alles, was der eben im Westen reüssierende Sänger schaffte.


 
Aber einen Versuch gab es doch, historisch betrachtet, so etwas wie eine Titelverteidigung anzustreben – Abba. Und das waren nicht Abba in Bühnenform, jedoch in Gestalt des in ihrem Studio unter Vertrag stehenden Duos Svenne & Lotta, die 1975 mit “Bang, en Boomerang” in die schwedische Vorentscheidung geschickt wurden. Ihr Lied erschien nicht zufällig auch auf der Abba-LP des Jahres 1975, von den berühmten zwei Paaren aber auf Englisch gebracht. Svenne & Lotta jedoch bekamen die Chance, damit das Ticket zur Titelverteidigung in Stockholm zu erringen.
 
Warum Abba nicht selbst? Sie scheuten eine Niederlage, also irgendeine Platzierung, die nicht die Nummer eins sein würde. Ihr Ziel – und das ihres Managers Stikkan Andersson – war, Abba als Gruppe global zu lancieren, via ESC. “Eine bessere Chance, international uns vorzustellen, gab es damals nicht”, so Björn Ulvaeus, der Sänger an der Gitarre später. 1973 scheiterten in der schwedischen Vorentscheidung mit “Ring Ring”, aber mit “Waterloo” ging alles wie geschmiert. Nur zu gern, so Ulvaeus, hätte man mit einer eigenen Produktion noch den Titel in der eigenen Hauptstadt verteidigt, aber Abba wollten unbeschadet bleiben – Svenne & Lotta sollten es machen.
 
Am Samstag, 15. Februar 1975, scheiterte das schwedisch-amerikanische Paar jedoch: “Bang,en Boomerang” gelang lediglich ein dritter Platz, der Sieger Lasse Berghagen wurde mit “Jennie, Jennie” am 22. März in der Stockholmer Messehalle Achter. Was nichts daran ändert, dass die englische Abba-Version zu den besten Stücken dieses magischen Quartetts zählt, nach wie vor.

Svenne & Lotta blieben in ihrer Heimat respektierte Livekünstler in sommerlich gestimmten Volksparkveranstaltungen.
 
Lena, mit anderen Worten, probiert etwas, was nicht ganz neu ist. Dass sie es probiert, ist nobel. Dass sie besser abschneiden wird als Lys Assia, muss, nachdem sie mit “Satellite” in ganz Europa einen Airplay-Hit hatte, angenommen werden. Und zwar allen Unkenrufen zum Trotz nach der ersten und vor der zweiten Vorrunde!
 
Das Schicksal der Corry Brokken wird ihr erspart bleiben. Die Niederländerin, in den Sechzigern Showmasterin auch im deutschen Fernsehen, gewann 1957 – und trat 1958 abermals an. Sie wurde Neunte und Letzte. Ihrer Karriere hat das einen nur mäßigen Knick eingetragen. Aber das waren andere Zeiten. Lenas Team ist jedenfalls mutiger als es am Ende das von Abba war.

Viel Vergnügen weiterhin!

Lena heftig kritisiert

2. Februar 2011

Die Medienresonanz war nun wirklich keine freundliche, nach der ersten “Unser Song für Deutschland”-Show. Viel wurde gemäkelt, nur “Mittelmaß” sei das alles gewesen, hieß es in den Presseagenturen, und auf Spiegel Online lautete das Verdikt sogar “Lena und der Lala-Brei”. “Die Säulenheilige”, so die Märkische Allgemeine, habe keinen guten Job gemacht, und die “Welt” erkannte in der Sendung gar Anzeichen einer “Überdosis” Lena Meyer-Landrut. Immerhin erkannte der Rezensent auf stern.de: “Lena ist erwachsen geworden.”

Foto: Brainpool/Willi Weber

Das scheint mir das beste Bild für den ersten Teil der Vorentscheidung zur Titelverteidigung zu sein: Lena Meyer-Landrut ist keine angehende Abiturientin mehr, so sehe ich das, sondern eine junge Frau, die nach ihrer Reifeprüfung (schulisch wie in Oslo auf Ausflug bei ihrem Berufspraktikum, wenn man so will), nun tatsächlich im Job steckt und, so nahm ich es wahr, nicht mehr diese naive Unschulds- und Überraschungsanmutung wie vor einem Jahr verkörpert.

Lena, so ließe sich sagen, läuft viel weniger Gefahr, mit einem weniger guten Lied gen Düsseldorf zu ziehen – als dass sie keinen rechten Hunger auf weiteren Erfolg hat.
Sie könnte all die Kritiker ignorieren. Was wollen die schon? Dass sie etwa strauchelt? In Wahrheit, scheint mir, sollten wir uns folgendes vorstellen: In der Provinz lebend, von der Zukunft träumend – und dann geht diese Zukunft auf unerwartete Weise bereits im ersten Anlauf so mächtig in Erfüllung wie für andere sie niemals sein würde. Es könnte sein, dass Lena Meyer-Landrut jetzt erst begreift, was sie vor einem Jahr geleistet hat.

Mich erinnert sie an die Hochspringerin Ulrike Meyfarth. Die gewann als Teenager 1972 den Hochsprung bei den Olympischen Spielen in München – unerwarteterweise und gegen alle Favoritinnen. Danach machte sie nix besser: sie riss alle Höhen vorzeitig, jedenfalls nicht geeignet, Goldmedaillen zu ernten. Sie hatte alles Talent, sie war besser als die meisten anderen, aber ihr misslang für viele Jahre alles. Dann, neun Jahre später, in den frühen Achtzigern, hatte sie die Bürde von München, die Last der früh Erfolgreichen, hinter sich gelassen. In Los Angeles 1984 gewann sie abermals Gold – und konnte sich wieder riesig freuen. Meyfarth sagte in einem Interview einmal, ihr habe die Goldmedaille von München wie ein Mühlstein um den Hals gehangen – das könnte jetzt auch in Sachen Lena gelten.

Sie spürt, dass sie schon die Spitze des Erfolgs hat verbuchen können; und sie ahnt, wie schwer der zu erringen ist, wenn man keine Elevin mehr ist, der alle zujubeln.
Die Kritik auf Spiegel Online war eine treffende. Sie war wirklich nicht in Höchstform, auch Stefan Raab wirkte als Experte nicht so locker, freudig erregt wie 2010.
Wobei man nicht vergessen sollte, dass “Unser Star für Oslo” auch eher schleppend in Gang kam. Viel wurde gemosert … alles sei zu lang, zu zäh … Die Nobilitierung dieses Castingformats, inklusive aller Medienpreise, kam erst später.

Ich finde, Lena Meyer-Landrut hat es schwerer denn je. Sie hat nicht mehr den güldenen Wurf zu landen, sie ist dabei, ihr Meisterinnenstück zu fertigen. Das ist schwer, das ist gut nachzufühlen. Dass wir ihrer überdrüssig werden, kann man sich vorstellen, aber wahrscheinlich ist das nicht. Nur in Deutschland nestelt man an seinen Siegern und Siegerinnen missgünstig herum.

Gut, dass die Debatte um sie jetzt auch negative Aspekte hat. Unser Blick wird genauer, realistischer. Das kann dem Leistungsvermögen der Lena Meyer-Landrut nur aufhelfen. Freuen wir uns an ihr weiter!

Ein Lied ist klar favorisiert

31. Januar 2011

Das war kein Wunder, dass “Taken By A Stranger” ins Finale gewählt wurde – es klang wie ein belgisches Vorentscheidungslied der frühen Achtziger, war interpretiert wie eine Annette Humpe im Halbdelirium und klang außerdem modisch elektrifiziert. Da wurde heftig applaudiert, und das fand ich auch einleuchtend.

Dass Lenas Kompositionsversuch mit Stefan Raab, das sechste im Reigen der ersten Vorrunde, am 18. Februar es abermals probieren darf, schien mir auch logisch: Wäre es nicht unhöflich gewesen, die Fingerübung ins iPhone der ESC-Siegerin schnöde zu ignorieren? “What Happened To Me” war fast eine programmatische Frage: Was passierte mit ihr in diesem Jahr – das sie selbst, so beteuerte Lena anfangs der Show, als sehr kurzweilig empfand.

Dass das Lied Nummer zwei, “Maybe“, komponiert von einem männlichen Duo aus, so schien mir, Berlins Friedrichshain, durchkam, fand ich eher schade: Das war irgendwie flott, aber auch öde. Besser hätte ich das unplugged “I Like You” gefunden – eine sehr zu “Satellite” konträre Angelegenheit, die nun leider keine Chance hat, sich auch international zu beweisen.

Das waren jetzt also die ersten drei Finallieder – die Show selbst begann in gewisser Hinsicht zäh, woran auch die JurorInnen Stefanie Kloß und der Graf nicht weiter schuld trugen. Aber ich hätte mir eher gewünscht, dass sie mit mehr Spirit, um nicht zu sagen: lebendiger ihre Kommentare gesprochen hätten.

Das Format, lediglich einer Interpretin das Sagen zu geben, wie Anno 1971 in Frankfurt am Main das Katja Ebstein gemacht hatte, wird umstritten bleiben. Ich fand, das hatte sich gelohnt. Lena trug sechs verschiedene Outfits, sogar sechs anders gefönte Frisuren – und sie selbst hatte sogar eine Spur weniger Ausstrahlung dieser Naivität des vergangenen Jahres. Ja, sie ist nun eine arrivierte.

Mit anderen Worte: Mit jedem anderen Interpreten würde “Taken By A Stranger” bizarr, abseitig und blödsinnig-undergroundhaft ins Ohr sich träufeln – aber Lena macht aus ziemlich jugendlichem Songmaterial okaye Performances. Kompliment.

Ich freue mich auf kommenden Montag – auf das Finale ohnehin. Gut für die ARD, dass es dort läuft: Dann hat man alle Juwelen in der ersten Reihe.

P.S. Das Stefans Raab Song “That Again” beim Publikum nicht ankam, war die feinste Pointe des Abends.

Das Projekt Lena

31. Januar 2011

Gemessen an heutigen Gepflogenheiten, so lässt sich von jedem leicht herausfinden, war der Grand Prix Eurovision früher eine mehr oder weniger spontane, gelegentlich chaotische Veranstaltung. Länder bestimmten Acts – und los ging’s. Ausnahmen waren die generalstabsmäßig präparierten Auftritte wie jene von Udo Jürgens, Vicky Leandros, Linda Martin oder Abba. Und meist wurden die Mühen belohnt – wenn die Performer so etwas wie Charisma mitbrachten. Es gab auch Pläne, die schief gingen; die meisten Siegel-Acts scheiterten, von Nicole, Dschinghis Khan, Katja Ebstein oder Lena Valaitis abgesehen.

 

In Sachen Lena Meyer-Landrut geht die Planung in eine neue Dimension. Vor einem Jahr noch ein No Name aus Hannover, ist sie jene Künstlerin, die nach 28 Jahren Deutschland wieder auf das ESC-Treppchen hob. Sie ist ein Star – und sie will ihren Titel verteidigen. Heute beginnt das Projekt Lena in die entscheidende Phase zu gehen, wenn sie die ersten der zwölf Lieder der nur ihr gewidmeten Vorrunde für Düsseldorf in Köln präsentiert.

Es ist faszinierend, dieser Mut zum Kalkül. Vorige Woche wurde angekündigt, bald werde die neue CD von Lena erscheinen – dabei sind es lediglich jene zwölf Lieder, die sie an zwei Abenden in Köln vorstellen wird. Kein Muckser ist über nur eines der Lieder bekannt – die Geheimhaltung, weiß jeder Marketingstrategie, ist ab einem bestimmten Zeitpunkt das Salz in der Suppe der Aufmerksamkeitsorganisation. Dass die CD am 8. Februar veröffentlicht wird, ist natürlich auch keine Überraschung, denn am Abend zuvor läuft die zweite Runde des Vorentscheids – mit allen zwölf Liedern im Gepäck dieser CD wird dann, am 18. Februar in der ARD, das Lied aller Lieder ausgewählt.

Auch die Tournee steht bereits fest, sie war bereits im Sommer des Vorjahres fixiert. Lena wird am 13. April in Berlin ihren Auftakt geben, am 29. April schließlich in Köln gastieren. Danach beginnt – mit entsprechenden Chart-Top-Positionen ausgerüstet – der Countdown für Düsseldorf. Lena wird, das darf man als garantiert annehmen, als aktuell regierende Hitparadenkönigin in Düsseldorf in die Proben und den Auftritt gehen – das heißt: Sie wird mit dem nicht gerade Selbstsicherheit untergrabenden Gefühl an den Start gehen, sowieso schon ganz oben zu stehen.

Ich möchte mal spekulieren: Wer will diese Lena eigentlich am 14. Mai schlagen? Welcher Performer kann sich ernsthaft Hoffnungen machen, diese mit allen Wassern des Marketing gewaschenen Projekts hinter sich zu lassen?

Dass Stefan Raab hinter dieser zeitlichen Strategie steckt, ist doch sonnenklar: Schon Max Mutzke war 2004 wenigstens national auf den Punkt auf Platz eins der Charts – er schlug damals in Berlin etliche Celebrities der deutschen Jugendkultur, als No Name von Raab und den Seinen prima aufgebaut.

Lena kann nur über sich selbst stolpern. Es ist aber unwahrscheihnlich, dass sie sich selbst enttäuschen möchte.

Asyl auf Malta

20. Januar 2011

Auch dieses Jahr wird uns Ralph Siegel wieder beehren. Ob diese Ehre der Zugehörigkeit zu einem ESC-Jahrgang auch einschließlich Düsseldorf gilt, bleibt offen: Denn zunächst müsste die Kandidatin des Münchner Komponisten, Domenique, die Vorentscheidung auf Malta gewinnen, terminiert für den 12. Februar.

Lena Valaitis und Ralph Siegel 1981

Aber der Münchner gesteht ein, dass dieses Asyl knapp vor der Küste Afrikas nur eine Notlösung ist: Denn eigentlich habe er sein Lied mit dem Titel: “I’ll Follow The Sunshine” (Text, klar: Dr. Bernd Meinunger) für Lena geschrieben, gab er nun am Rande des Deutschen Filmballs in München einem Reporter einer Nachrichtenagentur zu Protokoll. Aber, so schränkte er ein: “Das wurde wie alles, was ich mache, bei Raab abgelehnt.”

Wir wissen nicht, wie das Procedere innerhalb des Lena betreuenden Teams, ARD wie Brainpool, aussieht. Könnte sein, was er sagt. Könnte aber auch sein, dass das Auswahlteam für den Vorentscheid (31. Januar, 7. und 18. Februar) das nunmehrige Domenique-Lied nicht für würdig erachtete, von Lena Meyer-Landrut vorgestellt zu werden. Eine erste Hörprobe jedenfalls dieses Acts der Maltesin legt nahe: Es hört sich wie ein maltesischer Vorentscheidungstitel an, der sehr deutlich an die Art der Lena angelehnt wurde – und dennoch wie ein Song sich anfühlt, der auf Kopie setzt, nicht auf Neues, Erfrischendes, Ausrufezeichen Setzendes.

Daraus ließe sich mit einigem gutem Willen schlussfolgern, dass Siegel verstanden hat, dass man Lieder für Performer schreibt, nicht die Performer sich den Liedern anpassen müssen. Dass man also ein Erfolgsrezept variieren sollte, nicht auf den Kopf stellen. Mit schlechtem Willen könnte man auch sagen, dass “I’ll Follow The Sunshine” ein ächzend-langweilendes Stück Mühe verkörpert, irgendwie im Schaum des Fahrwassers von “Satellite” oben zu segeln.

Es ließe sich auch sagen: Schade, man hat das Stück nicht genommen. Und gut ist. Der Komponist hätte sich als Übergangener fühlen können, aber jedenfalls nicht noch zitieren lassen dürfen. Denn er sagte: “Sänger sind im Moment scheinbar nicht gefragt. Eher Performer und lustige Typen, und das ist ja ‘ne nette Type, da kann man nichts sagen.” Das ist eindeutig auf Lena gemünzt, der er vor Oslo attestiert hatte, nicht singen zu können und insofern chancenlos zu sein. Er schließt mit den Worten, Lena sei “ein Schatzi, wie man so schön sagt.” Das ist verächtlicher kaum zu formulieren, das ist so unfreundlich, ja, böswillig, dass man sich fragt: Erwartet diese doch eigentlich als Legende zu feiernde Figur der ESC-Geschichte ernsthaft, dass man ihn und seine Lieder wertschätzt?

Im Nachhinein verstehe ich, dass man dieses Lied für Domenique nicht für Lena reservieren wollte. Da stimmt einfach die Chemie nicht.

Das ist das Trio!

17. Dezember 2010

Jetzt ist es raus, nun ist fixiert, was ohnehin die meisten ahnten: Stefan Raab, Anke Engelke und Judith Rakers werden den ESC in Düsseldorf moderieren.

Die Wahl ist eine gute. Raab, wie es ätzende Stimmen in Fanforen raunen, mag kein virtuoser Englischsprecher sein, aber die netteste männliche Moderation seit 1956 war Toto Cutugno 1991 in Rom, der hörbar keine andere Sprache zu beherrschen wusste als sein Italienisch. Raab aber ist ohnehin schon eine Legende: Dirigent, Produzent, Backgroundgitarrist, Komponist und Performer sowie Fan des und beim ESC – wer perfektes Oxfordenglisch wünscht, sollte weghören – aber die Lingua franca eines ESC ist ohnehin eine körperliche. Und Raab ist diese wichtigste Sprache in Person: Er liebt diesen Event, er wird es lieben, in der Manege zu stehen und den Dompteur zu geben: Das allein zählt, finde ich.

 

Die Engelke, die man neulich erst auf Arte bei der Übertragung des Europäischen Filmpreises in Tallinn sah, kann Französisch perfekt, Englisch auch – und Deutsch nicht minder. Sie liebt den ESC der modernen Prägung und hat frühzeitig ihr Herz an Lena Meyer-Landrut verloren. Sie war die mir liebste Knallcharge auf Ricki’s Popsofa und Ladykracher sprachen ja auch für sich, besser: für sie. Das ist eine gute Wahl.

Und dann geht es ins Reich der Vermutungen. Die Rakers. Tagesschau. Talkgastgeberin seit Neuestem bei 3 nach 9 im Dritten. Warum sie? Why she?, um es mit Linda Martin zu fragen. Ich denke, da gibt es nur wenige Antworten. Sie ist so blond, wie es haar-, nicht gemütsmäßig nur blond sein kann. Das ist gegen das Brünette der Engelke und das Weizenblondliche des Raab schon mal ein engelsgleicher Unterschied. Außerdem ist sie eine astreine ARD-Repräsentantin. Nett, so hörte ich, ist sie auch. Und schlagfertig.

Alle drei haben, so ist zu vernehmen, keine Angst vor Kameras. Auch nicht solchen Kameras, die sie vor 120 Millionen Zuschauer aufbereiten. Furcht vor den 35.000 Leuten in der Düsseldorfer Arena wird ihnen ebenfalls fremd sein. Ich finde, das ist die schönste Auswahl, die es – in dieser Mixtur aus ARD und Pro7 – geben kann.

Oder?