Abbitte oder Der gefühlte Moment
5. Februar 2012Ich bitte tisch um Verzeihung; sein Beitrag (Kommentar Nr 53 zu meinem letzten Eintrag) hat mich beschämt. Ja, es ist wahr: Vor genau zwei Jahren, inzwischen habe ich es selbst nachrecherchiert, habe ich Lena Meyer-Landrut keine Chance gegeben. Nicht in Köln, schon gar nicht in Oslo. (Und ich hätte Stefan Raab ernst nehmen sollen, damals wie heute. Ihn, der die Ruhe selbst ist.) Ja, und es ist auch wahr in diesem Zusammenhang, dass vor zwei Jahren plötzlich alle – auch ich - dachten, “Unser Star für Oslo” sei auf Langeweile abonniert, die zu ertragen eine gehörige Portion Toleranz nötig sei. tischs Recherchen sind zutreffend.

Und jetzt zu meiner Entschuldigung. Ja, ich hätte es wissen können, das, was damals so empfunden und kommentiert wurde. Und, ja, auch dieses Jahr habe ich mich von meinen Gefühlen hinreißen lassen, und zwar meinen Gefühlen des Moments. Nicht von der Vernunft, die doch eigentlich es besser wissen könnten, jedenfalls in manchen Fällen. Donnerstag war die Atmosphäre in unserem Kreise ungefähr so: Mann, was redet die Süggeler da, das ist doch auch immer das gleiche. Und Thomas D – auch er wie von Anfang an schwerst begeistert von Roman und Yana. Und so denkt Stefan Raab ja auch: Außer Yana und Roman ist für ihn alles ehrenwert, aber alles im Rahmen des Konfektionellen. Er wusste bei Lena die Extravaganz, die Extra-dry-Qualität einzuschätzen – und er wird es vielleicht sogar in Sachen Roman oder Yana richtig erahnen.
Diese Bitte um Verzeihung lässt sich gleich erweitern. Auch in Oslo – allerdings, wenn ich richtig erinnere, habe ich in dieser Hinsicht keinen vorblökenden Ton vom Stapel gelassen – redeten vor allem viele deutsche Fans von Lena, als komme sie nicht für einen Sieg in Betracht. Während britische oder spanische Journalisten und Fans längst von Lena als der wahrscheinlichen Siegerin sprachen, als sie von “Satellite” redeten, das bestimmt der europäische Soundtrack des Sommers werde, da mäkelte auch meine Freundin Carla-Sophie, stets im Kreis von Freunden, die ihrem Geschlecht garantiert nie an die Wäsche gehen würden, davon, dass Lena die falschen Haare trüge, dass das Bühnenbild nicht passe und sie sowieso überhaupt nichts hermache.
In offenkundiger Wahrheit der später historischen Tatsachen von Oslo war das krass fehleingeschätzt: Der Lena-Look hatte sich in etlichen Ländern Europas die Monate danach bei vielen jungen Frauen durchgesetzt.
Gut möglich, dass Roman Lob das auch eines nicht so fernen Tages erleben wird: die Krönung beim ESC! Als ich nach Verfassen meines Blogs nach Hause kam, sagte mein Mann Rainer zu mir, er wisse gar nicht, was ich habe. Von wegen, Roman hätte, anders als Lena, keine Geschichte anzubieten. Doch, fand er, tut er doch. Bröckchenweise kämen Teile dieser Roman-Pop-Erzählung zum Vorschein. Er trage jetzt keine Käppi mehr; seine Brusttätowierung komme jetzt durch den größeren Ausschnitt seines T-Shirts zur Geltung, auch werde er in den Shows mehr und mehr von Mädchen und jungen Frauen gelobt – er verändert sich ständig. Ich sehe es ein, er ist quasi ein begonnenes Buch zu einer eventuell großen Pop-Erzählung. Titel: Ein Industriemechaniker auf dem Weg in den Kaukasus und warum alles gut wird!
Oder so ähnlich.
Eigentlich will ich sagen: Gefühle des Moments sind mir manchmal lieber – und seien sie noch so falsch – als dauernd im Recht zu sein mit profunden Analysen. Und wenn mich nicht alles täuscht, fliegt in der nächsten Runde entweder Céline raus oder Shelly. Hat es sich nicht langsam ausgeshellyt?






Jan Feddersen verfolgt den ESC seit seiner Kindheit. In Hamburg geboren und aufgewachsen, sah er dort seinen ersten Grand Prix. Er hat unzählige Entscheidungen vor dem Fernseher verfolgt, seit vielen Jahren reist er zum Finale des Eurovision Song Contest, um von dort zu berichten und zu bloggen.