Abbitte oder Der gefühlte Moment

5. Februar 2012

Ich bitte tisch um Verzeihung; sein Beitrag (Kommentar Nr 53 zu meinem letzten Eintrag) hat mich beschämt. Ja, es ist wahr: Vor genau zwei Jahren, inzwischen habe ich es selbst nachrecherchiert, habe ich Lena Meyer-Landrut keine Chance gegeben. Nicht in Köln, schon gar nicht in Oslo. (Und ich hätte Stefan Raab ernst nehmen sollen, damals wie heute. Ihn, der die Ruhe selbst ist.) Ja, und es ist auch wahr in diesem Zusammenhang, dass vor zwei Jahren plötzlich alle – auch ich - dachten, “Unser Star für Oslo” sei auf Langeweile abonniert, die zu ertragen eine gehörige Portion Toleranz nötig sei. tischs Recherchen sind zutreffend.

Und jetzt zu meiner Entschuldigung. Ja, ich hätte es wissen können, das, was damals so empfunden und kommentiert wurde. Und, ja, auch dieses Jahr habe ich mich von meinen Gefühlen hinreißen lassen, und zwar meinen Gefühlen des Moments. Nicht von der Vernunft, die doch eigentlich es besser wissen könnten, jedenfalls in manchen Fällen. Donnerstag war die Atmosphäre in unserem Kreise ungefähr so: Mann, was redet die Süggeler da, das ist doch auch immer das gleiche. Und Thomas D – auch er wie von Anfang an schwerst begeistert von Roman und Yana. Und so denkt Stefan Raab ja auch: Außer Yana und Roman ist für ihn alles ehrenwert, aber alles im Rahmen des Konfektionellen. Er wusste bei Lena die Extravaganz, die Extra-dry-Qualität einzuschätzen – und er wird es vielleicht sogar in Sachen Roman oder Yana richtig erahnen.

Diese Bitte um Verzeihung lässt sich gleich erweitern. Auch in Oslo – allerdings, wenn ich richtig erinnere, habe ich in dieser Hinsicht keinen vorblökenden Ton vom Stapel gelassen – redeten vor allem viele deutsche Fans von Lena, als komme sie nicht für einen Sieg in Betracht. Während britische oder spanische Journalisten und Fans längst von Lena als der wahrscheinlichen Siegerin sprachen, als sie von “Satellite” redeten, das bestimmt der europäische Soundtrack des Sommers werde, da mäkelte auch meine Freundin Carla-Sophie, stets im Kreis von Freunden, die ihrem Geschlecht garantiert nie an die Wäsche gehen würden, davon, dass Lena die falschen Haare trüge, dass das Bühnenbild nicht passe und sie sowieso überhaupt nichts hermache.

In offenkundiger Wahrheit der später historischen Tatsachen von Oslo war das krass fehleingeschätzt: Der Lena-Look hatte sich in etlichen Ländern Europas die Monate danach bei vielen jungen Frauen durchgesetzt.

Gut möglich, dass Roman Lob das auch eines nicht so fernen Tages erleben wird: die Krönung beim ESC! Als ich nach Verfassen meines Blogs nach Hause kam, sagte mein Mann Rainer zu mir, er wisse gar nicht, was ich habe. Von wegen, Roman hätte, anders als Lena, keine Geschichte anzubieten. Doch, fand er, tut er doch. Bröckchenweise kämen Teile dieser Roman-Pop-Erzählung zum Vorschein. Er trage jetzt keine Käppi mehr; seine Brusttätowierung komme jetzt durch den größeren Ausschnitt seines T-Shirts zur Geltung, auch werde er in den Shows mehr und mehr von Mädchen und jungen Frauen gelobt – er verändert sich ständig. Ich sehe es ein, er ist quasi ein begonnenes Buch zu einer eventuell großen Pop-Erzählung. Titel: Ein Industriemechaniker auf dem Weg in den Kaukasus und warum alles gut wird!

Oder so ähnlich.

Eigentlich will ich sagen: Gefühle des Moments sind mir manchmal lieber – und seien sie noch so falsch – als dauernd im Recht zu sein mit profunden Analysen. Und wenn mich nicht alles täuscht, fliegt in der nächsten Runde entweder Céline raus oder Shelly. Hat es sich nicht langsam ausgeshellyt?

Gleich nach der Börse

18. März 2010

Das hat mir gefallen: dass die ARD am Dienstag das frisch aufgenommene Video von Lena Meyer-Landruts “Satellite” ausstrahlte. Gleich nach der Börsenshow, unmittelbar vor der “Tagesschau”. Irgendwie erinnerte mich das an die Siebzigerjahre: Als die einzige Chance, das deutsche ESC-Lied zu hören, darin bestand, im Monat vor dem ESC die Lottozahlen anzuschauen. Während die Trommel rotierte und rödelte lief im Hintergrund das ESC-Lied in einer weichgespülten Instrumentalversion. Man musste sehr genau hinhören, um noch “Feuer“ zu erkennen oder “Telegram“. Das war sonnabends vor der “Tagesschau”. Und sonst ließen die internationalen EBU-Regeln es nicht zu, das Lied im Original zu hören. Es war, als wollte die ARD den ESC verstecken! Das ist auch der gewichtigste Unterschied zu Lena Meyer-Landrut. Sie soll gepriesen werden – und wir sahen einen Clip, in dem sie “Satellite” in Raabs Kölner Studio singt, in eher unterkühltem Licht, aber strahlend im Gesichtsausdruck.

 

Ich denke: Es war eine gute Promotion, Lena Meyer-Landrut für gewichtiger als die Börsenshow zu halten. Aus letzterer erfahren nur Spezialisten etwas. Die Platzierung des Clips hatte wirklich etwas vom Bewusstsein einer “nationaler Anstrengung” (Zitat Stefan Raab) an sich. So sollte es doch auch sein, oder? Alles in allem: eine grundstürzende Woche für die Schülerin Lena. Sie ist Teil des nationalen Gesprächs, sie gilt europäisch als Hot Spot – und sie verkauft jede Menge Singles. Das Motto USFO geht ziemlich in Erfüllung!

Ziel erreicht!

15. März 2010

1. Gemessen am Anspruch der Show ist alles in Erfüllung gegangen. Lena Meyer-Landrut ist ein Star, und zwar für Oslo. Die Reaktionen der Medien auf das Finale von USFO fielen durchweg freundlich, ja, teilweise begeistert aus. Stefan Niggemeier lobte gerade die Siegerin in seiner Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeit so cool wie überschwänglich. Im Gegensatz zu Castings wie DSDS gehe es in Sachen ESC-Casting nicht um die Erfüllung von Lebensträumen. Sondern nur um den magischen Moment, den es zu erwischen gelte, um in Deutschland zu gewinnen. Und einen weiteren Moment der Verführung, der soll dann am 29. Mai gelingen. Niggemeier: “Dafür ist dann aber das Fernsehen nicht mehr zuständig. Dort muss sie nur ein paar Europäern für einen Moment ein ähnliches Glücksgefühl verschaffen, sie entdeckt zu haben, wie es ihr in Deutschland gelang. Das ist schon alles.” Kurzum: Sie ist jetzt ein Star.

2. Ein Blick in die internationalen Foren, eine Prüfung der Klicks auf den Internetmärkten, wo “Satellite” erworben werden kann, besagt: Lena Meyer-Landrut reist mit den besten Aussichten nach Norwegen. Man spricht über sie wie über eine seltene Pflanze, die so kostbar ist, dass sie leidenschaftliche Pflege verdient. In einem Forum wird die Hannoveranerin sogar auf Platz 2 gewettet. Und ein Freund smste mir, dieses Lied sei so schräg, dass es ebensogut abschneide wie voriges Jahr Estland. Und das war Rang 6.

3. Die “Bild-Zeitung” streute nach dem Freitag das Gerücht, es habe irgendwie Schummel vorgelegen. Denn mancher Anruf für Jennifer Braun sei nicht durchgekommen, die für Lena allerdings zuverlässig immer. Nun, dahinter steckt Gehässigkeit dieses Mediums. Neben mir saß am Freitag ein Bekannter, dessen Anrufe für Lena auch nicht durchkamen. Was ist die Sache? Die Televotingrechner sind darauf geeicht, höchstens 1500 Anrufe pro Sekunde verarbeiten zu können. Gelegentlich rufen aber mehr Menschen an – die hören dann ein Besetztzeichen oder haben das Gefühl, in ein tonloses Nichts hineinzutelefonieren. Mancher wird also das Gefühl gehabt haben, das Verfahren sei nicht demokratisch gewesen.

4. Das sind jedoch Verschwörungsfantasien. Und die “Bild-Zeitung” greift sie nur zu gerne auf. Denn: Anders als bei DSDS, in dessen Showleitung diese Zeitung den allerbesten Draht hat, war in Sachen USFO Schmutzberichterstattung ausdrücklich unerwünscht. Davon abgesehen: Stefan Raab lehnt kategorisch die  Zusammenarbeit mit diesem Blatt ab – was mit von der “Bild-Zeitung” erfundenen Geschichten zu tun hat. 2000 in Stockholm beispielsweise, oder 2004 im Zusammenhang mit Max Mutzke. Niggemeier hat hierzu auf seinem Bildblog alles Nötige geschrieben. 

5. Auch der Hinweis aus der Zeit vor dem USFO-Finale, als die “Bild-Zeitung” die Geschichte lancierte, ein USFO-Kandidat habe – so legte man nahe – sich wegen seines Ausscheidens aus USFO umgebracht (“Raab-Kandidat (33) tot in Thailand”), war nichts als der Versuch, das Showformat von Raab und der ARD madig zu machen. Diese Zeitung fuhr eben immer besser als Ralph Siegel noch den ESC-Ton in Deutschland angab. Raabs Programm lässt sich im Übrigen so bündeln: Man kann in Deutschland auch ohne dieses Blatt im Showbereich Erfolg haben. Der Beweis ist längst erbracht – das ärgert die Boulevardmacher in Berlin heftig.

6. Die ARD ist mit der Quote vom Freitagabend zufrieden. 4,5 Millionen Zuschauer im Schnitt, 14,6 Prozent des gesamten Publikums schauten zu – das ist als Show, die eben keine weichgespülte TV-Erzählung (aus der Südsee, aus Afrika, aus der Karibik) bot, sondern eine Musikfarbe, die in der ARD sonst niemals in der Zeit nach der “Tagesschau” zum Zuge kommt, eine Menge.

7. Stefan Raab antwortete auf die Quotenfrage: “Glauben Sie nicht, dass wir nicht wüssten, wie wir zehn Prozent mehr Quote haben könnten. Aber ich möchte nur eine Show machen, die ich gut finde. Die mache ich dann gut, hinter der kann ich stehen.” Das war ein deutlicher Seitenhieb gegen eine Fernsehästhetik, die, siehe oben, auf Schlüpfrigkeiten setzt und darauf, die Kandidaten fertig zu machen, sie mit einem seelischen Schaden vorsätzlich zu versehen.

8. Außerdem las ich, dass erst nach Oslo entschieden werde, ob man im kommenden Jahr die Allianz zwischen ARD und Stefan Raab fortsetzen werden. Die Fortsetzung von USFO sei davon abhängig, wie Lena Meyer-Landrut in Norwegen abschneiden. Ich bat Thomas Schreiber, in der ARD der federführende Kopf der Kooperation, um eine Einschätzung. Er sagte, eine Fortsetzung des Showprojekts werde nicht davon abhängig gemacht, wie die Hannoveranerin abschneide.

9. Lena Meyer-Landruts “Satellite” ist Schulhofgespräch, hörte ich von meinem Nachbarskind. Die einen finden sie doof, sie hätten Jennifer den Vorzug gegeben. Die allermeisten aber sagten: Lena! Mehr kann man nicht haben, um als Star zu gelten.

Ein Chamäleon und ihre Herausforderin

9. März 2010

1. Bedauernswerte Kerstin Freking. Sie bekannte, gern Hippie zu sein, ja, gern in Woodstock dabei gewesen zu sein. Aber es nützte ihr nichts. Ihr Alanis-Morissette-Titel hörte sich irgendwie schön, aber doch fahl an.

2. Gute Jury. Barbara Schöneberger und Jan Delay hatten ernsthafte Dinge zu sagen. Delay lobte Lena, die anderen beiden auch – und fanden kein garstig Wort gegen irgendeine Person der Halbfinales. Delay gestand Jennifer Braun lediglich, dass ihm ihre Christina-Aguilera-Version von “Hurt” nicht so sehr gefallen habe wie das Original. Und die hochschwangere Schöneberger pries die Kandidatin eben dafür – dass dieses Lied über den Schmerz plötzlich gut klinge.

3. Lena Meyer-Landrut – ich oute mich hier als Fan nicht der ersten Stunde, aber der jüngsten - war in Hochform. Ihr “Lovecats” war gigantisch gut, aber überirdisch beinah ihre Fassung von “Mr. Curiosity” von Jason Mraz. Raab sagte zurecht, sie könne ja auch singen. Und wie! Das berührte heftig – und berührt zu werden sei doch, so Jan Delay, das Wichtigste überhaupt im Entertainmentgewerbe. Und erst recht beim ESC, nicht wahr?!

4. Die Hannoveranerin bekam von Stefan Raab gesagt, sie sei ein Chamäleon; sie könne offenbar einfach alles. Richtig, das!

5. Die Überraschung des Abends war weniger, dass Jennifer Braun es ins Finale schaffte, sondern dass Christian Durstewitz es nicht vermochte.

6. “Dörstewitz” (Raab) schien über seinen Zenit hinaus; er war in den Vorrunden großartig in Form, im Halbfinale schien er müde, ausgelaugt und nervös. Sein Songmaterial, um es mit der Schöneberger zu sagen, schien so gar nicht geeignet, dass man sich ihn in Oslo vorstellen kann. Das war eine Spur zuviel Junger-Mann-bricht-mit-Konventionen-und-grölt-in-die-Welt-Style. Obwohl, Kompliment, er seine Mähne vor dem Auftritt gebügelt hatte. Es nützte nix!

7. Kompliment an Raab. Stand aus seinem Sessel auf und tröstete Kerstin Freking – wie ein guter Vater, der seinen Sprössling versichert, nichts falsch gemacht zu haben. Ebenso kümmerte er sich um Christian Durstewitz.

8. Siegerin des Abends war, neben der haushohen Favoritin Lena, eindeutig Jennifer Braun. Sie lächelte nie, sie grimassierte allenfalls ihre Anspannung aus dem Gesicht, sie kämpfte um ihre Form und sie fand sie kongenial.

9. Raab und seine Mitjuroren sagten es trefflich in der anschließenden Show “TV total”: Man hatte nicht mit ihr gerechnet – aber sie, die von der ersten Runde immer zu den heimlichen Ausscheidkandidatinnen zählte, bewies einmal mehr, dass sie am stärksten performt, wenn sie mit dem Rücken zur Wand steht.

10. Das Finale ist noch längst nicht entschieden, auch wenn Lena, so Schöneberger, einem das Gefühl gibt, etwas Kultiviertem zuzuhören. Eine Musikerin, eine Performerin, die eher an Björk erinnert denn an Britney Spears. Jennifer Braun, das ist glockensicher, wird Lena im Finale alles schwer machen. Sie weiß sich zu wehren.

11. Ich freue mich wahnsinnig auf diesen Showdown!

Fünf kamen durch

2. März 2010

Das Niveau? Keine Frage: extrem hoch. Die Jury? Ein Extralob. Raab ohnehin kundig und versiert, Joy Denalane prima, Rea Garvey mit bezauberndem englischen Akzent sehr gerecht.

Jetzt zu den AspirantInnen. Einer von ihnen musste ja nach Hause.

Nein, Christian Durstewitz wird von jetzt an in einer Hinsicht in stärkerer Demut leben müssen: Er kam durch, er blieb nicht übrig, obwohl er wirklich grauslich sang. Auf die Gefahr hin, sich mit den elysischen Sprüchen Raabs anzulegen: “Christschn Dörstewitz” hatte genau jene Art von Lärm in petto, die einem gewöhnlich bei lettischen Beiträgen auf die Nerven geht. Er könnte jetzt lernen, dass leisere Töne gelegentlich gut tun. Uns vor allem!

Lena Meyer-Landrut ist mir richtig sympathisch geworden. Okay, sie ist keine Vicky Leandros, sie wird niemals die wuchtige Präsenz einer Joy Fleming reanimieren können. Aber erstens leben wir nicht in den Siebzigern, sondern fast ein halbes Jahrhundert später, und zweitens erinnert die Hannoveranerin, ihrer geographisch schwerwiegenden Herkunft zum Trotz, eher an Björk, Jewel oder meinetwegen auch Heather Nova. Sie hat eben jenes Charisma, das Lampenfieber kennt, aber keine Gefallsucht. Sie ist vor der Kamera nicht neckisch, sondern irgendwie sie selbst. Gut, dass sie weiterkam.

Sharyhan glänzte durch den Spruch, “selbst eine Araberin” zu sein, und Allah sei Dank hat das televotende Publikum ihr das nicht zum Nachteil ausgelegt. Mir gefiel ihre selbstkomponierte Ballade, ich mochte gerade diese “ayurvedische” (Stefan Raab) Klanglandschaft, aber sie muss an ihren Haaren arbeiten: Der Pony-Stil wirkt nur einmal sehr hübsch.

Kerstin Freking betörte das Publikum – nicht mich besonders! – offenbar mit heiser-hohen Tönen, sie scheint immer besser zu werden. Aus der Timoschenko-Balladeurin ist eine ernsthafte Popchanteuse geworden – aber sie könnte beim nächsten Mal fällig werden.

Jennifer Braun, die letzte, die es in die nächste Runde schaffte, schrammte ebenfalls wohl nur knapp am Scheitern vorbei. Ihr Chaka-Khan-Titel “Ain’t Nobody” wirkte mit ihr fast ein wenig zu gewichtig. Schwein gehabt!

Um es mit Joy Denalane zu sagen, jedenfalls zu dem, was sie an Leon auszusetzen hatte: Dass “Tears In Heaven” ein intimes Stück Musik ist und, gerade weil sein Autor den Tod seines kleinen Kindes in Noten verarbeitete, ist nicht zum Volle-Kanne-Gröhlen, als müsste jetzt eine “Arschbombe” platziert werden. Dass er nun nicht mehr im Rennen ist, könnte auch damit zu tun haben, dass er vieles kann, Langsames in erster Linie, aber dieser Trauergesang war eine Nummer zu fett von ihm. Das war eben kein Kuschelrock, obwohl es sich an ihm so ausnahm!

Das Quintett ist nun versammelt – das Publikum, falls ich mir dieses Urteil erlauben darf, hat wohl und weise gewählt. Es wird immer spannender!

Ein nettes Sextett als Rest

23. Februar 2010

1. Es sind nach diesem Abend die richtigen Kandidaten nach Hause geschickt worden: Cyril Krueger wirkte mit seinem Lied überfordert. Katrin Walter bekam als Erste der Show viel Lob, aber eine “Arschbombe” kriegte sie nicht hin – sie lag auf der Bravheitsskala sehr weit vorne.

2. Bestimmte Kandidaten waren schon deshalb im grünen Bereich, weil sie sich offenbar zu steigern vermögen. Sharyhan Osman und Kerstin Freking performten besser als bislang – viel Selbstvertrauen trug sie zu ziemlich guten Beiträgen.

3. Den Lenny-Kravitz-Song von Leon Taylor möchte ich mir nicht in Oslo vorstellen – Gröhllieder kriegen nie Punkte.

4. Jennifer Braun gefiel ziemlich gut – ihr Avril-Lavigne-Lied trug sie anständig vor – wenn auch mit einigen stimmlichen Schwächen.

5. Über Lena Meyer-Landrut und Christian Durstewitz muss man nix sagen: Stefan Raab schüttete sie – inzwischen üblicherweise – mit Lob zu. Die heißesten Kandidaten für das Finale am 12. März!

6. Cassandra Steen war jene Jurorin, der ein Wort irgendwie immer einfiel: “Hammer”. Waren sie aber nicht. Man wünscht sich Juroren, die – wie Raab – mit Raffinesse zu urteilen wissen.

7. Sasha gab den entspannten Buben der Runde. Unauffällig, aber prima.

8. Darf man sich eigentlich beschweren über zu viele Fachworte? “Range”, “Unique”, “Attitude” und “Rollercoaster” – ich finde, um sich einem Publikum unterhalb der Abiturliga zu vermitteln, würde ich doch um deutschsprachige Bezeichnungen bitten.

9. Ich denke, es war ein guter Abend. Eigentlich so wie immer. Die Verlierer werden ihr Ausscheiden irgendwie bedauern, aber sie können es überleben. Andere waren besser.

Tendenzen werden klar!

17. Februar 2010

1. Ein Freund schwor mir vor einer Woche, Meri Voskanian, die Frau, die schon sowohl an der armenischen Vorentscheidung einmal teilnahm wie an einer Staffel von DSDS, werde mit “an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit” das Rennen ums Ticket nach Oslo gewinnen. So kann man sich irren: Solche Sicherheiten gibt es nicht, nicht beim ESC, nicht bei dessen Vorentscheidung – und offenbar auch nicht bei USFO. Sie schied mit einer Alicia-Keys-Nummer aus. Wie auch die kehlkopfentzündete Straßensängerin Maria-Lisa Straßburg. Irgendwie hatte ich den Eindruck, Cyril Krueger sei der sichere Kandidat für einen Abschied, aber er hat wohl so niedliche Äuglein, dass das Televotingpublikum sich erbarmen wollte.

 
2. Kerstin Freking mit der Dixie-Chicks-Nummer? Ich wünschte, sie hätte mit diesem Lied nicht so geklungen wie Joan Baez auf schlechtem Speed. Aber sie kam durch. Schätzungsweise könnte für sie in der nächsten Runde Schluss sein.
 
3. Leon Taylor, mit dem Moderatorin Sabine Heinrich sehr gern Kontakt hat, soweit man das aus der Ferne beurteilen kann, wirkte leicht müde und dennoch zappelig mit einem Lied von Silbermond. Mir schien, als neigte sich sein Repertoire dem Ende entgegen.
 
4. Katrin Walter wird von Stefan Raab zurecht gerügt. Sie müsste, zumal nach einer Duffy-Nummer, mal beim Refrain auf die Tube drücken. Sie hat den Dirgenten der Show jetzt hoffentlich richtig verstanden. Auch sie eine Aspirantin, die rausfliegen könnte, weil sie nichts wagt. Liegt es daran, dass ihre Stimme nicht variabel genug ist? Alles ein wenig konventionell, bei diesem Talent. Man hört ihr zu und glaubt am Ende ihres Vortrags, es seien gefühlte drei Stunden vergangen.
 
5. Jennifer Braun und Sharyhan Osman sind auch fein durchgekommen – Letztere mit einer wirklich hübschen Liedgeschichte, obendrein von ihr selbst komponiert und getextet.
 
6. Aber diese Tendenz zeichnet sich ab, Stefan Raab war bei beiden wieder ganz aus dem Häuschen: Lena Meyer-Landrut mit “Diamond Dave” und Christian Durstewitz mit “Change”: schwierige, eher unbekannte, kaum chartkompatible Lieder. Und Raab applaudierte beinah verliebt nach deren Vorträgen. Mein Gefühl: Beide schaffen es bis ins Finale, beide sind so individuell, so unterscheidbar und ersichtlich geil auf diese Fahrkarte in die norwegische Hauptstadt, dass sie es schaffen müssten. Hunger in Verbindung mit Selbstvertrauen ist eben immer gut hörbar.
 
7. Durstewitz war Objekt des Spotts von Moderator Matthias Opdenhövel. Was der denn mache mit seiner aufgerissenen Hose, aus deren Loch heftige Beinbehaarung lugte, wenn er in die ARD ins Viertelfinale komme – dort trage man doch Bundfaltenhose. Wir schmunzelten matt mit!
 
8. Raab war in bester Form – er schwor zu Beginn, die Urteile etwas schärfer zu fassen. Tat er auch, wenigstens ein bisschen.
 
9. König Boris von Fettes Brot war erfrischend norddeutsch in seiner Jurorentätigkeit.  “Nächstes Mal Arschbombe”, forderte er, und das bitte auch weiterhin von der Jury. Erfrischend zu hören, dass auch in seinem Jugendzentrum Melissa Etheridge lief. Freunde, die ebenfalls in der norddeutschen Tiefebene aufwuchsen, versicherten mir diskret, diese Situation zu kennen, die er da beschrieb.

 10. Im Gegensatz zu Nena. Freunde riefen an, genervt fragend, ob die immer so sei, ja, ob sie wohl gerade auf ayurvedischen Drogen sei. Ich schwöre, da ich diese Sängerin zwei Mal traf: Sie ist immer so. Alles gut, alles prima, alles wunderbar, schön, wahr und gut. Wer solche Lehrerinnen hat, muss sich nicht wundern, nie etwas als Mitgift fürs Leben erhalten zu haben. Das war trillerig, beliebig und schwer zu ertragen. Ach, was für ein Unterschied zur erheiternden, provokanten Frau Connor.
 
11. Ich freue mich auf die nächste Aussiebung. Tipp: Katrin und Kerstin haben nur noch einen Auftritt vor sich.

Kein megahotter Tussialarm

9. Februar 2010

War das nicht etwas schwieriger zu entscheiden als in der vorigen Woche? Die fünf Kandidaten und Kandidatinnen, die nächste Woche dabei sein werden, waren alle gut: Christian Durstewitz, Leon Taylor, Jennifer Braun, Maria-Lisa Straßburg und Sharyhan Osman. Wobei ich letztere nicht auf dem Zettel hatte – ihre Whitney-Houston-Nummer war einfach nicht so gut, da konnte selbst ihr eher unakkurat geschnittener Pony auf der Stirn in mir nichts berühren.

Schade, dass Franziska mit der überblonden Perücke nicht weiterkam. Sicher scheint mir: Mit Hilfe der großartigen Band “Heavytones” kamen alle Aspiranten prima zurecht. Auffällig, dass die Frauen stärkere Präsenz zeigten, mit dreien zogen sie in die zweite Runde. Nächste Woche sind sieben Frauen und drei Männer tätig.

Die Jury war diese Woche noch eine Spur behütender als die mit Marius Müller-Westernhagen und Yvonne Catterfeld: Sarah Connor und Peter Maffay waren mehr sorgende Eltern denn kritische und mäkelnde Tanten und Onkels. Maffay war ganz der Pate, der für alle ein gutes Wort einzulegen wusste, die Delmenhorsterin fand alle irgendwie süß und nett, besonders die jungen Männer. Die, nebenbei, bis auf Leon und Christian, alle eher winselten und wisperten zur Gitarre, als dass sie röhrig aus sich rausgingen. Irgendwie kommen sie mir vor, als seien sie neuen Mädchen – während die originalgeschlechtlichen Mädchen auf der Bühne heftig und mikrofonkräftig zu Werke gingen.
 
Den geilsten Spruch des Abends brachte Sarah Connor, die nach Jana Walls im Peggy-Bundy-Stil zelebrierten Auftritt von “megahottem Tussialarm” sprach – Haare als Gebirge, Augenaufschläge wie aus dem Verführlehrbuch. Nützte aber nix, ihr Gesang blieb dünn.
 
Stefan Raab war auf der Höhe, er wagte als einziger öfter, musikalisch zu werten – Christian Durstewitz hat ihn so “geflasht”, wie es bei ihm vorige Woche Lena vermochte.
 
Einige mokierten sich neulich, die Show sei zu lang. Mehr als zweieinhalb Stunden kamen mir kurzweilig vor – die Urteile wollen doch auch zeitlich ungehetzt getroffen werden.
 
Es deutet sich grotesk anmutende Spannung an. Unter meinen Favoriten für die nächste Woche, nach der Atmosphäre des Abends, sind eindeutig Maria-Lisa, Christian und Leon. Lena glaubte vielleicht, auf der Woge der Sympathie irgendwie schon in Oslo zu sein. Nicht unwahrscheinlich, dass ihre Träume seifenblasig sind.