Vorbereitungen im Endspurt

3. Dezember 2009

Das sind gute Nachrichten: Sabine Heinrich, die absolut wunderbare Moderatorin von 1Live beim WDR, und Matthias Opdenhövel, preisgekrönter Schlag-den-Raab-Moderator von ProSieben, moderieren die acht Shows von “Unser Star für Oslo” (USFO). Größer könnte der Unterschied zu den irgendwie inzwischen antiken Carolin-Reiber-Zeiten in den Spätsiebzigern und Frühachtzigern nicht sein. Gut, das!

Die zweite Nachricht, die Frische und Aufgewecktheit verspricht, ist, dass Stefan Raab als Jurypräsident sich von Künstlern wie Sarah Connor, Marius Müller-Westernhagen und Jan Delay beraten lässt. Dass das Publikum letztlich über Star wie Lied entscheidet, berührt das nicht: Das Jury-Urteil versteht sich als beratend. Die beiden Erstgenannten sind ohnehin schon kredibel, dass Jan Delay auch im Boot ist, bedeutet, dass diese deutsche Vorentscheidung für Oslo nicht im Dickicht klassischen Humtatas hängen bleibt. Und die dritte Nachricht, die freudig stimmt, ist: Mehr als 4.500 Musiker haben sich am Casting beteiligt, 20 von ihnen gehen in die ersten beiden Runden am 2. und 9. Februar.

Und über das Datum, das ist die letzte News, gibt es jetzt auch Klarheit. Am 12. März findet das Finale in Köln statt. Irgendwie kann ich es nicht verhehlen: Das wird prima. Denn gewinnen kann nur eine Person, die wir öffentlich noch nicht kennen – und die Glamour haben muss. Wer übrigens glaubt, dass Casting nichts Reelles hervorbringen kann: Gestern bekam ich die neue Single von Max Mutzke auf den Schreibtisch, Titel: “New Day”. Er ist der Beweis gegen den Glauben, dass USFO nur einen kurzfristigen Effekt erzielen kann.

Was erfahren wir am Donnerstag?

8. September 2009

Donnerstag ist der Tag, den sich Journalisten, die sich auf den ESC verstehen, im Kalender verhältnismäßig krassfett angestrichen haben: In Köln findet, mit Stefan Raab als Teilnehmender, die Pressekonferenz zur nächsten deutschen ESC-Saison statt.So früh hat noch nie eine ESC-Saison in Deutschland begonnen! Und das Beste: Die Pressekonferenz wird auf Phoenix übertagen und per livestream ist sie auch im Internet zu sehen.

Esther Ofarim

Esther Ofarim

Was wir bisher wissen, ist wenig. Nämlich: Es gibt fünf Vorrunden, ein Viertel- wie ein Halbfinale, schließlich The Big Show, das Finale nämlich. Viertelfinale und The Big Show überträgt die ARD, den Rest Pro7. Alles wird in Köln stattfinden, und zwar in den Studios des Senders, über den auch Max Mutzke in die ESC-Geschichte lanciert wurde.

Unbekannt ist: Wann genau beginnt das Casting? Wer darf sich bewerben? Mit eigenen Liedern? Oder nur solchen, die Raab vorgibt? Dürfen Menschen mit von der Partie sein, die einen gewissen Namen einst trugen oder noch tragen - etwa Tina York und Semino Rossi? Oder ist die Geschäftsgrundlage, dass alle Castingteilnehmende noch nie etwas mit dem musikwirtschaftlichen Gewerbe zu tun gehabt haben sollen?

Schließlich: Dass ein Künstler oder Künstlerin, dass eine Band gesucht wird, ist offenkundig. Aber gibt es auch einen Komponisten- und Texterwettbewerb? Oder ist für diese Funktionen Raab gesetzt? Sicher ist: Aus diesem Showformat wird die Chance geboren werden, eine Grand-Prix-Königin oder ein Grand-Prix-König zu gewinnen. Der Schmuck, in dieser Hinsicht, hängt hoch. Man braucht für diesen Posten, der eher einer Zuschreibung denn einem selbstverpassten Prädikat gleichkommt, so etwas wie Magie, eine Stimme, die nahe geht und eine Bühnenpräsenz, die nicht klotzt, sondern souverän scheint. International gesprochen: Man braucht so etwas wie Lenny Kuhr, Esther Ofarim, Anne-Marie David (Königin eines Abends), Elisabeth Andreassen, eine Ilanit (Königin im Folklorekleid), eine Vicky Leandros oder eine Maria Serifovic, auch zu dieser Riege zählt Johnny Logan, Cliff Richard oder Udo Jürgens (der ewige Königskönig). Was schlagen Sie vor: Kann man Raab vom Songmaterial her vertrauen?

Finnland macht den Auftakt für 2010

19. Juni 2009

Man glaubt es nicht, ich muss mich wiederholen: Früher erfuhr man manchmal von den ESC-Kandidaten erst aus der HörZu oder aus dem Gong, also höchstens acht Tage vorher. Und jetzt muss man sagen: Nach dem ESC ist vor dem ESC – und wie! Finnland hat nun die Bedingungen für die Teilnahme an seiner Vorentscheidung bekannt gegeben, und schon das ist
ein öffentlich wahrnehmbarer Quantensprung im Hinblick auf ein Festival, das zum Ganzjahresereignis zu werden, ja: droht?

Eherne Freunde der Idee des Festivals, mein Quasipatenkind Björn aus Hamburg beispielsweise, nimmt sich an gewissen zwei Tagen im Herbst nichts vor, weil dann nämlich der Asia Song Contest steigt, außerdem kommt ja noch der Junior Eurovision Song Contest. Davon abgesehen, dass letzterer mir vorkommt wie früher das Paarlaufen beim Eiskunstlauf – Zwerginnenwerfen von erwachsenen Männern, jedenfalls alles sehr kindlich bis infantil -, ist es doch der ESC, das Original, das interessiert.
Und zu dieser Nachricht aus Helsinki zählt auch, dass die EBU, also die Zentrale der Eurovision in Genf, sich neulich in Oslo umgesehen hat. Das norwegische Fernsehen, so erfuhr man dort, hat längst alle Positionen für das Drei-Festivals-Event bestimmt. Jetzt geht es noch um die passende Halle: das Spektrum inmitten der Osloer Innenstadt – oder ein überdachtes Fußballstadion am Rande der norwegischen Hauptstadt. Ich plädiere für die metropole Kerngeschichte. 1996 war auch schon schön im Spektrum, da passen viele Menschen rein. Mit anderen Worten: Finnland hat seine Vorentscheidung beinahe schon in trockenen Tüchern, die Norweger scheinen auch alles im Griff zu haben, Alexander Rybak soll inzwischen an Dauer-Jet-Lag und Erschöpfungszuständen leiden, aber er weiß, dass er gerade die Zeit seines Lebens lebt. Will sagen: Wäre es nicht schön, wenn wir mal die Resultate unserer deutschen Jury erführen?

55. ESC ohne Raab

25. Mai 2009

Dass die Vorentscheidung für den 55. ESC ohne die Allianz mit Stefan Raab (“Bundesvision Song Contest”, BSC) über die ARD-Bühne gehen soll, ist nun offiziell. In einem Interview mit dem Spiegel hat Raab gesagt, die ARD habe sich, so dürfen seine Worte gebündelt werden, in ihrer Entscheidungsfindung verzettelt. So ineffizient zu arbeiten, so ließ sich der dreimalige ESC-Teilnehmer (1998 als Produzent und Dirigent von Guildo Horn, 2000 auf der Bühne selbst, 2004 als Macher und Gitarrist von Max Mutzke) vernehmen, sei nicht die Art, mit der bei seinem Sender gewirkt werde.

 

Dass der NDR das bedauert, versteht sich von allein – er hatte immerhin die Initiative für diese Allianz ergriffen. Das Kalkül: Raab und seinem BSC sei für das nächste Jahr tatsächlich ein Act für Norwegen herauszusuchen möglich, wie es der ARD allein nicht gelingen kann. Denn die Musikwirtschaft schickt ihre wichtigsten zeitgenössischen Sänger und Sängerinnen wie Bands nicht zum ESC, sondern lieber zum BSC, des größeren Promotionsgehalts wegen.

Ich bedaure das. Ein Mann wie Peter Fox, Gewinner des BSC dieses Jahr, hätte beim ESC mit seinem “Haus am See” eine gute Chance. Oder auch andere, alle aus den Newcomerstuben der Branche, aus den Fohlenställen – aber mit Gewächsen, die hungrig sind und alle Chancen der Welt, mindestens in Europa haben und wollen.

Schade ist es auch deshalb, weil die ARD ja nicht umsonst behaupten will, dass sie die erste Reihe der TV-Landschaft verkörpere. Aber im Entertainmentbereich – den ESC sahen dieses Jahr europaweit die Rekordmenge von 122 Millionen Zuschauern – ist die ARD leider eher eine Senderkette, in der ich selbst als Mann des Jahrgangs 1957 das Babysegment abgebe. Ob, wie er nun herauströtete, Dieter Bohlen ein Ersatzhelfer sein kann, ist schwer zu entscheiden. Der Mann hat drei Mal an der Eurovision teilgenommen, er hat niemals gut abgeschnitten. Seine Acts wirken, siehe DSDS, kalt und kalkuliert – was allein schon der Unterschied zu Raab und den Seinen umreißt.

Möglicherweise kann es doch noch eine Kooperation geben. Es sind, bis zu konkreten Sendeplänen, noch einige Monate hin. Vielleicht lassen sich die IntendantInnen auch noch hinreißen und wünschen sich gemeinsam eine Kooperation mit Raab: Ein günstigeres Entree in die Herzen jugendlicher und junger Zuschauer aller Schichten kann es doch echt nicht geben!

Unkaputtbar

18. Mai 2009

Wie es um den VfL Bochum genau steht, weiß man ja nie so genau: Wahrscheinlich steigen sie diese Saison nicht ab weil sie, “unkaputtbar” sind, wie es im Ruhrpott heißt. Sicher ist allerdings, dass der Sonnabend mit dem ESC einmal mehr für die ARD das wichtigste Showformat jenseits der Volksmusik war. Die Quoten - nicht so klasse wie einst bei Michelle oder Texas Lightning. Aber dafür, dass es keinen Vorentscheid gab, konnten Alex Christensen und Oscar Loya ziemlich gut mobilisieren.

 
Die Medien am Tag oder zwei Tage danach klingen fast durchweg hämisch. Leider. Die Tagesschau zeigte abermals Alexander Rybak als Sieger von Moskau, aber die papiernen Medien waren einmal mehr en gros wie meist auch en detail kenntnisfrei berichterstattend. Immerhin, die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” hatte so opulent wie kein anderes Blatt berichtet, die “Frankfuter Rundschau” immerhin mokierte sich, ich finde zutreffend, über die Äußerung des deutschrussischen Schriftstellers Wladimir Kaminer, die dieser in der ARD-Grand-Prix-Party mitteilte. Dass es mit der Homophobie, angesprochen auf den zerschlagenen CSD am Vormittag vor dem abendlichen ESC-Finales, nicht weit her sei, das werde sich wohl bald ändern. Nun, das hört man von einem, der in dieser Hinsicht noch nie fürchten musste, von Miliz wie Polizei behelligt zu werden, doch ungern. Keine echte Ahnung von der Atmosphäre an Ort und Stelle, aber aus der ganz gemütlichen Sofaecke, einer deutschen, liberal gesinnten zumal, mal kurz das Weltgeschehen analytisch auf den Kopf stellen. Man wird seine Moskauer Geschichten wohl künftig mit leichten inneren Blessuren lesen müssen. Das Berliner Boulevardblatt “B.Z.” schrieb: “Außer Teese alles Käse”. Man wüsste gern, ob es für diese Herrenwitzstabreimerei redaktionsintern einen Schnaps gab oder gleich zwei. Als ob alle Welt auf die Burlesktänzerin stierte – wenigstens hätte man sich von dieser Zeitung einen Reim gewünscht, weshalb Dita von Teese doch nicht so zog. Weil sie sich fast auszog?

Der Gewinner der Woche, besser: die Gewinner, sind Alex Christensen und Oscar Loya. Sie wollten gewinnen, sie gaben alles, sie hatten keine Chance. Na und? Das hatte Leidenschaft, und sie wurde nicht anerkannt. Ein Ehrenplatz für beide in der Hall of Fame des deutschen ESC, bitte!

Ich finde, dies vor meinen Bemerkungen zur heute deutlicher gewordenen deutschen ESC-Zukunft, sollte doch allen Rezensenten zu denken geben: 7,3 Millionen Zuschauer waren dabei. Vermutlich waren es sogar viel mehr, denn es werden immer nur Einzel-TV-Geräte gezählt – also nicht jene, die zu Parties kamen, beispielsweise in Hamburg St. Pauli vor der Großbildleinwand des NDR.

Und jetzt, so sickerte es durch durch die Süddeutsche Zeitung, will die ARD in Sachen ESC mit Stefan Raab alliieren? Warum nicht. Sein Bundesvision Song Contest, den er ohnehin nur ins Leben rief, weil er, beleidigt nach Max Mutzkes achtem Platz in Istanbul, war ja ohnehin längst ersehnt worden als eigentlicher Vorentscheid. Nur ein Bedenken habe ich: Haben bei einem solchen Castingwettbewerb um den glühendsten Hunger nach internationalem Erfolg auch bislang unbekannte Performer eine Chance? Kriegen jene mal eine Chance, die wie Alexander Rybak oder die Isländerin Yohanna nicht schon durch die Bohlen- oder Klum-Schreddermaschine gegangen sind? Die Idee, die bald spruchreif sein soll, als solche klingt gut. Schon weil Raab einer der besten ESC-Kenner ist – und weil er schon hinter Guildo Horn und selbst auf der Bühne 2000 in Stockholm und 2004 in Istanbul als Musiker auf der Akustikgitarre bei Max Mutze.

Zwitschernder Rumor

7. Mai 2009

Mit einiger Wucht kann ich dann doch mehrere Jahrzehnte überblicken. Früher war es so: Wer prominent war, konnte beim ESC gewinnen – wer aus dem Vereinigten Königreich anreiste, hatte quasi eine Garantie auf eine gute Platzierung. Doch es gab immer Ausnahmen. Wyn Hoop siegte in der deutschen Vorentscheidung gegen die haushohe Favoritin Heidi Brühl und Cliff Richard, international erfolgreich, guckte übel überrascht aus seinem Auftrittskleid, als ihm Massiel den Sieg zu eigenen Gunsten vermasselte.

Cliff Richard 1968. Foto: Picture Alliance

Ich will sagen: Internationale Promotion ist nötig, war nötig, wird nötig sein – aber sie ist komplizierter geworden. Zählten einst Zeitungsannoncen, Fernsehauftritte und eine gewisse Präsenz in den Klatschspalten, muss es nun alles opulenter sein. Man erkennt dies daran, dass Alex Christensen und Oscar Loya selbst jede Menge Stress nicht scheuen, um am Freitag vor ihrer ersten Probe in Moskau noch in der Show von Oprah Winfrey aufzutreten – wenn auch nur zugeschaltet vom Platz vor der Hamburger Musikhalle. Wenn in Amerika über sie gesprochen wird, so das Kalkül, geht das eilig um die ganze Welt. Ein ESC-Act, der vor dem Auftritt niemals Gegenstand vielfältiger Publikumserörterungen und Interesses bei Youtube, im Internet generell oder beim Twittern war, kann eher davon ausgehen, beim ESC überhört zu werden. Größerer Rumor ist keine Garantie, aber besser ist besser und schaden kann die multimediale Beachtung auch nicht.

Jetzt kommt das Twittern – ein Service, den auch der NDR parat hält, also kurze Blogs für den supereiligen Appetit. Twittern verhält sich zur Zeitungsinformation wie ein leichter Snack beim Vorbeigehen zum opulenten Siebengängemahl am Abend. In dieser Hinsicht haben ASOS längst eine Art Ritterschlag verpasst bekommen. Perez Hilton, ein schwulesbischtransinspirierter Nachrichtendienst mit hohem Trashfaktor aus den USA, betrieben vom 31jährigen Mario Armando Lavandeira Jr. aus Florida, funkte jüngst in seine vielhunderttausendfache Zwitschergemeinde in aller Welt wörtlich: “Finally! A Eurovision song that isn’t totally awful! The entry for Germany” (siehe auch: tinyurl.com/b9ml4f).

Man weiß natürlich nicht, ob Hilton, wie Lavandeira Jr. mit Künstlernamen eben heißt, Loya oder Christensen einfach nur knusprig findet, aber der Kommentar bedeutet: ASOS werden ernst genommen, sie haben das, was in Amerika eine Reaktion hervorruft, die das Gegenteil eines Gähnens meint. Twitter also trötete es raus – man sollte sich an diese Art von Zuspruch und Propaganda gewöhnen: Neue Zeiten müssen nicht weh tun!

Jurys nicht im Geheimen!

14. April 2009

Mal so historisch betrachtet: Es ist ein tüchtiger Fortschritt, dass die Macher des ESC nahezu jede ihrer Entscheidungen begründen. Es ist für das Demokratische wichtig, dass jene, die die Folgen als sie betreffend empfinden, wenigstens die Gründe nachvollziehen können. So war das 1997 – wer damals dabei war, erinnert sich immer noch mit Staunen und Genugtuung – als der NDR sich entschloss, zur Vorentscheidung in Lübeck, die in Clubs organisierten Fans privilegiert zu behandeln, beispielsweise mit Infoständen und der Möglichkeit, früh Eintrittskarten zu kaufen. Und so hält es der ESC mit den Fanclubs international überhaupt: Wer will, kann international dabei sein – die Tickets verschwinden nicht einfach in den mehr oder weniger undurchsichtigen Kanälen der Veranstaltungsländer.

Die Deutsche Jury 2009. Foto: dpa-Report, Jazz Archiv/Markus Lubitz, NDR/Christian Wyrwa, NDR/Philipp Vongehr 

Auch im Hinblick auf die Jurys darf von einem demokratischen Fortschritt gesprochen werden: Dass die Wertungen des Finales am 16. Mai in Moskau sich jeweils hälftig aus Publikums- und Jurywertungen zusammensetzen, ist seit längerem bekannt. Und heftig diskutiert worden, auch hier im deutschen ESC-Forum. Die einen fanden das gut, die anderen weniger. Jetzt gab die Reference Group des ESC die Regeln für die Juries bekannt: Es sind Land für Land jeweils fünf Experten, die über die Staatsangehörigkeit des Landes verfügen müssen, für das sie im Einsatz sind. Außerdem müssen sie in irgendeiner Form mit der Musikwirtschaft verbunden sein, dürfen aber in keiner geschäftlichen Beziehung mit dem Act des Landes oder eines anderen Landes stehen. Gut so, das senkt die Mauschelmöglichkeit doch heftig. Die Jurys werden die Songs nach der zweiten Generalprobe des Finales bewerten, also am frühen Abend des Samstags, hierzulande kurz vor der “Sportschau”.
 
Nach der Telefonabstimmung durch das Publkum beim Finale werden beide Ergebnisse gemischt – zu einem Gesamtergebnis. Haben zwei Songs die gleiche Punktzahl, hat das Televotingergebnis Vorrang. Ein Beispiel: Wenn Norwegen durch das Publikum zwölf Punkte bekäme, durch die Jury aber nur zehn – und die Ukraine durch die Jury zwölf und mit Hilfe des Publikums zehn. Beide hätten gleich viele Punkte. Im Endergebnis erhält Norwegen aber die Zwölf-Punkte-Krone, weil es das Nichtexpertenvotum auf seiner Seite hat. Klug das!
 
Besser aber noch ist, dass die Jurywertungen nicht im Geheimen bleiben und am Ende nur anonym in die Gesamtwertung eines Landes einfließen, sondern – wenn ich Svante Stockselius, den Sprecher der Reference Group, richtig verstanden habe – veröffentlicht werden. Und zwar nach der Show auf http://www.eurovision.tv. Und das ist, glaube ich, ein Resultat des Unmuts vieler Fans europaweit. Denn ursprünglich hatte man nicht die Absicht, die Juryvoten zu publizieren.

Stellt sich Israel als zu nett dar?

23. März 2009

Ich finde das Lied, das dieses Jahr aus Israel kommt, ziemlich öde. Es birgt ja eine Friedenssehnsucht, aber Friedenslieder kommen fast immer aus Israel, öfter als aus anderen Ländern. Der Clou ist dieses Jahr: Interpretiert wird es von zwei Sängerinnen, was wiederum auch nix besonderes ist, aber die eine ist eine arabische, die andere eine
jüdische Israelin. Dass es um sie nun Ärger gibt in Israel selbst, überrascht. Früher hat sie die Linke, die friedensbewegte, nie so recht für den ESC interessiert – wie überall schwört sie auch dort hochnäsig auf ihren besseren Geschmack. Aber die beiden Israelinnen sollen nicht
nach Moskau fahren, weil ihr jüdisch-arabisches Sangesbündnis von Israel ein Bild spiegele, das so nicht der Realität entspreche.

Ich finde: Wenn die linke Szene Israels ein anderes Lied nach Moskau hätte schicken wollen, hätten ihre Anhänger sich an der Vorentscheidung beteiligen sollen. Aber, nun ja, das war schwer, denn das Paar war ja alternativlos. Andererseits hätte es aus ihrer Szene ein aus ihrer Sicht besseres Lied präsentieren können. Wäre das so schwer gewesen? Offenbar. Jetzt ist das Gemecker da – sowohl die Jüdin Noa als auch die Araberin Mira werden heftig angefeindet. Die Frage, die ich mir stelle, lautet vor allem: Warum fragt man Mira Awad nicht selbst, ob ihr Auftritt zusammen mit der jüdischen Israelin nicht einem Verrat an der palästinensischen Sache vorkomme? In der Süddeutschen Zeitung stand jüngst zu lesen, was sie davon hält – nichts. Sie freut sich, wie sich auch Noa auf den Ausflug freut.

Mein Resümee: Wenn Linke im Sinne ihrer politischen Phantasien den Mantel lüften, riecht es spießig und politisch überkorrekt. Das Lied Israels soll in Moskau bestehen – verlieren oder gewinnen: Aber es ist ein Zeugnis Israels, und so sehen es die Interpretinnen. Und nur darauf kommt es an.

Retter für Deutschland?

9. Februar 2009

Noch gestern abend riefen mich Bekannte und Freunde an: Ob ich nicht bitte mal verraten dürfe, was da am Montag, also heute, in Hamburg geschehe – und bitte, ja, ganz diskret, unter uns, wer es denn sei? Ich wusste es nicht, und mir war das recht so. Jetzt ist klar: Alex Christensen geht mit einem Sänger namens Oscar Loya in Moskau für Deutschland an den Start.

 Die Wut vieler Fans über die stornierte Vorentscheidung mag noch nicht verraucht sein, aber das ist doch mal eine Hausnummer: Ein Musiker, der für namhafte Bands gearbeitet hat, ja, sie in gewisser Weise erst erfand, ein Mann also, der mit internationaler Erfahrung versehen ist und weiß, wie jenseits von Schlager- und Eurodancewünschen das Unterhaltungsgeschäft außerhalb der deutschen Staatsgrenzen funktioniert. Und das ist, ehe man seinen Titel mit der feinen Überschrift “Miss Kiss Kiss Bang” kennt, der im übrigen ein wenig an einen James-Bond-Song erinnert, eine gute Nachricht. Ebenso gut scheint, so machten es mir gestern Freunde glaubhaft, dass Ralph Siegel nicht ausgewählt wurde – was wiederum andere empört. Die aber dürfen sich trösten: Das Münchner Eurovisionsurgestein wird für Montenegro arbeiten und in Moskau uns beehren.

Wie der Titel von Alex Christensen klingt, wie er sich in einer Show ausnimmt, ob er charmant wirkt, wird sich weisen – am 21. Februar beim “Echo” in der ARD. Ich finde, bis dahin darf man Vorschusslorbeeren vor dem Sänger und seinem Swingentwurf ausblättern – und in guter Hoffnung sein: Gespielt wird nämlich auf dem Platz, und Moskau ist noch lange hin. Ab morgen, so hörte ich, wird zum Song ein Video auf Kuba gedreht. Das nenne ich Mut zur Weltmusikalität. Kein schlechtes Omen für den deutschen Beitrag, will er in der russischen Hauptstadt Erfolg haben.